In den vergangenen Spielzeiten hat sich an der Deutschen Oper am Rhein die Aufführung einer eher selten gespielten Oper in konzertanter Form gegen Ende der Spielzeit etabliert. Es gibt viele Opern, die aus den unterschiedlichsten Gründen nicht so leicht für eine szenische Aufführung umsetzbar sind, die aber musikalisch sehr interessant sind. Diese Opern sollen in diesem Format besondere Berücksichtigung und Wertschätzung finden. Dies gilt auch für die am 28. Februar 1862 in Paris uraufgeführte Oper La Reine de Saba von Charles Gounod. Die Königin von Saba ist eine biblische Gestalt, die unter anderem im 1. Buch der Könige im Alten Testament vorkommt, aber auch im Koran und in zahlreichen jüdischen Schriften erwähnt wird. Basierend auf der Erzählung Histoire de la Reine du Matin et de Soliman aus der Geschichtensammlung Voyage en Orient von Gérard de Nerval aus dem Jahr 1851 schufen Jules Barbier und Michel Carré ein Libretto für Gounods siebte Oper, was sich sehr nah an der Vorlage orientiert. Hierbei wird die Reise der Königin Balkis an den Hof von König Soliman in einer großen historischen Geschichte auf die Bühne gebracht. Die drei Künstler verband eine langjährige Zusammenarbeit: So arbeiteten sie zuvor unter anderem bei Le médecin malgré lui (dt.: Der Arzt wider Willen) oder der Vertonung von Goethes Faust I zusammen. Auch bei der Umsetzung von William Shakespeares Romeo und Julia für die Opernbühne arbeitete man 1867 wieder zusammen.

Im Gegensatz zu Faust (im Deutschen auch Margarethe) oder Roméo et Juliette blieb der Königin von Saba aber der große Erfolg verwehrt. Bereits die Premiere floppte und die Oper wurde nach wenigen Aufführungen wieder abgesetzt. Dabei wurde vielleicht auch ausgerechnet Gounods psychologisch fein ausgelegte Musiksprache mit besonderen Leitmotiven für die inneren Gefühle der Personen der Oper zum Verhängnis, denn das Publikum war dies nicht gewohnt und erwartete offenbar etwas anderes. Zudem ist die vordergründige Liebesgeschichte zwischen der Königin Balkis, König Salomon und dem Baumeister Adoniram in der Oper mit viel religiös-mystischer Symbolik und übersinnlichen Deutungen ausgestattet, was das Werk auch heute schwierig zu inszenieren macht. Hinzu kommt eine komplexe Handlung, die im Programmheft auf vier Seiten wiedergegeben wird, sodass dem Publikum trotz der konzertanten Form die Geschichte gut vermittelt wird.

In rund zweidreiviertel Stunden erlebt das Publikum an der Deutschen Oper am Rhein nun eine Aufführung, die mit besonderer musikalischer Wucht punkten kann. In großer Besetzung befinden sich die Duisburger Philharmoniker unter der Leitung von Hendrik Vestmann auf der Bühne, dahinter ist der Chor der Deutschen Oper am Rhein untergebracht. Mit großer Klangfülle und einer vielschichtigen Partitur überzeugt die Oper auf ganzer Linie. Große Streicherbögen, wunderbare Ballettmusik sowie starke Akzente von Bläsern und Harfe sorgen dafür, dass bei dieser Aufführung zweifelsfrei das Orchester und die Musik die Hauptdarsteller des Abends sind. Auch die neun Gesangssolisten des Abends sind hochkarätig besetzt. Bogdan Taloş, der seit der Spielzeit 2014/15 im Ensemble der Deutschen Oper am Rhein ist, gibt mit großer Bassfülle einen wunderbaren König Soliman, der um die Gunst von Königin Balkis wirbt. Diese wird durch die armenische Sopranistin Liana Aleksanyan, die ebenfalls seit vielen Jahren zum Ensemble gehört, hervorragend verkörpert. Für die schwierige Rolle des Baumeisters Adoniram konnte der französische Tenor Sébastien Guèze als Gast verpflichtet werden, der sich in den letzten Jahren auch international in größeren Rollen hervorgetan hat. Da die Oper, wie bereits mehrfach erwähnt, sehr selten zu hören ist, sind kurzfristige Erkrankungen nicht leicht aufzufangen. Umso beachtlicher ist es, wie Henry Ross sich in nur einem Tag in die Rolle des Baumeistergesellen Amrou eingearbeitet hat. Der ursprünglich eingeplante Tenor hatte sich nämlich am Tag vor der Duisburger Premiere krank gemeldet. Henry Ross ist aktuell noch Mitglied im Opernstudio und wird mit der kommenden Spielzeit 2026/27 fester Solist an der Rheinoper. Mit Jake Muffett und Valentin Ruckebier stehen zwei weitere Baumeistergesellen aus dem eigenen Ensemble auf der Bühne, die zusammen unter anderem das gemeinsame Terzett der drei Intriganten schön zu Gehör bringen. Die Besetzung des Abends wird abgerundet durch Annabel Kennedy, Julia Wirth und Jacob Harrison, die die jeweiligen Vertrauten der drei Hauptrollen übernehmen.

Am Ende belohnte das Duisburger Publikum die Solisten, den Chor und das Orchester mit jubelndem, lang anhaltendem Applaus. Zuvor schien es am Ende des zweiten Aktes so fasziniert, dass es den Applaus an dieser Stelle komplett „vergessen“ hatte. Zu hören ist die Oper noch jeweils einmal in Düsseldorf und Duisburg. Zudem hat der Westdeutsche Rundfunk die Premiere in Düsseldorf aufgezeichnet und wird diese voraussichtlich im Herbst 2026 im Radio auf WDR 3 ausstrahlen.
Markus Lamers, 4. Juni 2026
Die Königin von Saba
Oper von Charles Gounod in fünf Akten nach einem Libretto von Jules Barbier und Michel Carré
Konzertante Aufführung
Deutsche Oper am Rhein – Theater Duisburg
Premiere Düsseldorf: 15. Mai 2026
besuchte Premiere Duisburg: 31. Mai 2026
Musikalische Leitung: Hendrik Vestmann
Duisburger Philharmoniker
Weitere Aufführungen: 12. Juni 2026 in Düsseldorf und 9. Juli 2026 in Duisburg