Wuppertal (Konzert): „Busoni, Beethoven, Dvořák“, Mao Fujita und das Deutsche Symphonieorchester Berlin unter Kent Nagano

Wer sich auf Beethovens 1. Klaviersonate gefreut hatte, wurde enttäuscht. Zuletzt hatte der 28-jährige Mao Fujita doch die Bearbeitung der Bach‘schen Violin-Partita von Ferruccio Busoni (1866-1924) für die Eröffnung des Konzerts in Wuppertal gewählt. In seinem 1906 verfassten „Entwurf einer neuen Ästhetik der Tonkunst“ hatte er von einem „kaleidoskopischen Durcheinander“ zwölftöniger Strukturen, von Drittel- und Sechsteltönen geträumt, was er Gott sei Dank auf dem Klavier als Soloinstrument nicht umsetzen konnte. Seine musikalischen Einfälle suchte er häufig anderswo und schrieb zahlreiche Bearbeitungen. So entstanden monströse, hoch komplexe, technisch außerordentlich anspruchsvolle Werke, die dem Mann am Klavier Ungeheures aber auch dem Publikum manches abverlangen.

Die Bearbeitung der d-Moll-Chaconne aus Bachs 2. Violin-Partita ist wohl die bekannteste seiner Bach-Bearbeitungen. Er hatte sie 1893 in Boston erstmalig aufgeführt. Mit Bach und Violine hat das Stück nur wenig zu tun. Die spätromantische hohe assoziative Virtuosität und komplexe Harmonie hat vom musikalischen Konstruktivismus Bachs kaum etwas übriggelassen. Kräftige Eingangsakkorde werden von los sausenden Oktaven im Bass abgelöst. Bei abrupten dynamischen Wechseln nehmen Geschwindigkeit und Dichte zu. Phasenweise gibt ein Orgelpunkt unter dem cantus firmus in tieferen Mittelstimmen der Komposition Struktur. Die Kraft des Pianisten, seine Konzentration, sein Durchhaltevermögen waren jedenfalls frappierend. Welche Realität verbirgt sich hinter solch musikalischer Fülle? Angst vor der Leere? Das Publikum war von der pianistischen Großtat beeindruckt und wartete betroffen nach dem letzten Dur-Akkord lange mit seinem frenetischen Applaus.

Das Deutsche Symphonieorchester unter Leitung von Kent Nagano begleitete anschließend den Pianisten bei Ludwig van Beethovens (1770-1827) populärem Klavierkonzert Nr. 3, welches zwischen 1800 und 1803 entstand. Mit der Komposition hat sich Beethoven schwergetan, litt unter Darmbeschwerden und der bereits beginnenden Taubheit – sein Heiligenstädter Testament stammt von 1802. Bei der Uraufführung, die er selbst als Solist gespielt hat, hatte er den Klavierpart noch nicht fertig geschrieben, hat ihn nach notdürftigen Notizen aus dem eigenen Kopf heraus gespielt. Nach minutenlanger Einleitung, in der bereits die höchst sensible Kultur des Orchesters beeindruckte, verschaffte sich das Klavier mit drei aufsteigenden Tonleitern übereinander Gehör und präsentierte das 1. Thema. Unter Akkordfolgen mit wechselnder Dynamik, einem lyrischen 2. Thema zu leisen Paukenquarten entwickelt sich mit wogenden Triolen im Bass ein klassischer Sonatenhauptsatz. Den 2. Satz, ein Largo, eröffnet das Klavier mit einem lyrischen Liedthema. Das Wechselgespräch zwischen Fagott, Querflöte und Klavier zeigte nahezu kammermusikalisches Niveau und ist in dieser Einfühlsamkeit orchestral nur selten so zu hören.

Im 3. Satz, einem lebensfrohen Rondo, mischt ungewöhnlicherweise immer wieder auch die Pauke mit. Oboe und Fagott spielten beseelt und herrlich ihre Soli. Nach Fugatopassagen beschloss ein furioses Finale dieses herrliche Konzert: das reine Hörvergnügen. Erneut großer Applaus mit Bravi, Geschenk für den bravourösen Solisten, zusätzlich Fan-Blumen aus dem Publikum über die Rampe: Da ließ sich der Bescheidene nicht lumpen und gab als Zugabe von Claude Debussy Reflets dans l’eau aus Images Buch 1.: traumhafte Musik, traumhaft gespielt. Dabei mochte Debussy im Übrigen Busoni gar nicht, hatte seiner Zeit von „sumpfiger Musik“ mit schlimmen Fehlern gesprochen. Aber er hatte ja auch Mao Fujita noch nicht gehört.

Nach der Pause wurde dann einer der Hits klassischer Orchestermusik geboten Antonín Dvořáks (1843-1904) Neunte, „Aus der neuen Welt“. Hier zeigte das Orchester was in ihm steckt und unter seinem Ehrendirigenten Kent Nagano auch hörbar wird. Das Orchester, 1946 im amerikanischen Sektor Berlins als RIAS-Symphonieorchester, gegründet, mehrfach unbenannt, prägt mit seinen berühmten Dirigenten (u.a. Ferenc Fricsay, Lorin Maazel , Ricardo Chailly, Ingo Metzmacher) das Berliner Konzertleben und setzt auch heute Impulse mit seinen Konzertprogrammen und Initiativen: Zusammenarbeit mit der Freien Szene, mit Laienmusikern im Symphonic Mob, „Kein Konzert ohne Komponistin“, „Orchester für die Demokratie“ u.a.. 2025 /26 vergab es Auftragskompositionen und stellte Musik schwarzer Komponisten Zentrum seines Interesses. Tourneen führte das Orchester in die ganze Welt. Es spielt bei den Salzburger Festspielen und bei den Londoner Proms. Mit Beginn der kommenden Spielzeit wird Kazuki Yamada Chefdirigent des Orchesters, das seine Konzerte regelmäßig in der Berliner Philharmonie gibt.

Bei Dvořáks Neunter erlebten wir sinfonischen Glanz der Sonderklasse. Das fing mit der Mikrodynamik der Hörner schon bei sehr kurzen Motiven an. Das ganze Orchester spielte temperamentvoll wie aufmerksam unter dem eher sparsamen, jedoch eindeutigen, gestalterisch inspirierenden Dirigat des großen Ehrendirigenten. Kent Nagano, in Kalifornien geboren, beeinflusst seit Jahrzehnten an führenden Stellen das Musikleben. Wunderbar beseelt klang der Chor der Holzbläser, und ihre Soli. Die Streicher spielten mit vollem Körpereinsatz und folgten jeder kleinsten dirigentischen Geste auch bei subtiler Tremolodynamik und das weiche, mächtige, auch im pp stets saubere Blech, musste vom Dirigenten um seinen Glanz nie angebettelt werden. Beim vollen Pizzi der Kontrabässe werden weich ins Gras fallende, große Pflaumen assoziiert. Aus dem vollen Orchester heraus blühte die Oboe d’amore und wenn das Streichquartett der ersten Pulte im PP erstarb, Solovioline und Solocello melodisch zusammen schwelgen, dann stockt der Atem im Publikum. Das Ganze war zu erleben in der phänomenalen, direkten Akustik des großen Saals, und nach dem am Ende kurzen Furioso endete die Sinfonie im Piano. Erneut brach frenetischer Applaus los mit Pfiffen, Bravi und stehenden Ovationen. Das Orchester verabschiedete sich bald mit dem schwungvollen Ungarischen Tanz Nr. 5 von Johannes Brahms. Das Publikum hatte den Autonummern im Parkhaus zufolge ja auch noch den Heimweg bewältigen, bis nach Kleve, Viersen und Siegen.

Johannes Vesper, 10. Juli 2026


Johann Sebastian Bach: Chaconne, aus der Partita für Violine Nr. 2 in d-Moll, BWV 1004 (Arr. Ferruccio Busoni)
Ludwig van Beethoven: Klavierkonzert Nr. 3 in c-Moll op. 37
Antonin Dvořák: Sinfonie Nr. 9 e-Moll op. 95 (Aus der Neuen Welt)

Historische Stadthalle Wuppertal, Großer Saal

8. Juli 2026

Mao Fujita, Klavier
Musikalische Leitung: Kent Nagano
Deutsches Symphonie-Orchester Berlin