Schon der Austragungsort ist gut gewählt: die einstige Kommandozentrale der Bayreuther Festspiele.
Festspiele! Gestern – Heute – Morgen: das Thema könnte nicht offener und zugleich besser auf das Bayreuther Jahresthema 150 Jahre Festspiele fokussiert sein. Statt es abzufeiern, widmet man sich, als Teil eines multimedialen (wie das heute so heißt) Veranstaltungsreigens im Wagner-Museum, im wissenschaftlichen Symposion den Fragestellungen zwischen Geschichte, Politik, Ästhetik und nicht zuletzt Kunst, um sich mit dem Festspiel-Thema in Sicht auf Bayreuth, aber auch auf übergreifende Aspekte zu beschäftigen: mit 17 Vorträgen und einer abschließenden Podiumsdiskussion. Formate und Strukturen im Wandel, unter dieser Überschrift werden die Festspiele als Labor, aber auch in ihren traditionellen Kontinuitäten analysiert, was sich freilich nicht ausschließt; Die Ausstellung und das Labor, unter diesem Titel wird Giles Master am dritten und letzten Tag einen vernuschelten Vortrag über bedeutende Festspiele der 20er und frühen 30er Jahre halten, in denen Neue Musik gespielt wurde: auffälligerweise auch in Salzburg, wobei der seinerzeit als konservativ geltende Richard Strauss allerdings nicht fehlen durfte. Die Pop-Kultur kam übrigens auch zu ihrem Recht: Siyu Gan (Hong Kong) referierte, 17 Minuten kurz, doch angenehm konzis, in ihrem Video-Beitrag über drei verschiedene Arten der Publikumslenkung in chinesischen Popfestivals, und Skip van der Zwaan (Nimwegen) sprach über die Anforderungen heutiger Festivals, neurodivergente Besucher mit Räumen der Stille neuroinklusiv zu beachten. In Bayreuth, denkt sich der Symposionsbesucher, kann man in den Pausen immerhin den Festspielpark besuchen: abseits des Lärms.

Der historische Blick wurde durch Beiträge geweitet, die einerseits in die USA (Madeleine Onwuzulike, Hamburg, sprach über die verunglückte „Wagner Season“ der New Yorker Weltausstellung von 1939, die groß geplant und wesentlich kleiner gemacht wurde), andererseits nach Bayreuth gingen. Martin Gruber, Bayreuth, kümmerte sich um die Presseberichte der Festspiele von 1936, die die Berichterstatter von 1876 denunzierte, indem die Autoren von 1936, gegen alle historischen Tatsachen, in den 60 Jahre alten Rezensionen und Artikeln ausschließlich „Judas“ zerstörerisches Wirken am Werk sahen, womit der Referent eine wichtige und stimmige Ergänzung zu Anno Mungens Neuerscheinung Von Bayreuth nach Auschwitz (unsere Besprechung) nachreichte. Arne Stollberg (Berlin) machte sich Gedanken über die Ausstrahlungskräfte und die gleichzeitige Konzentration der Bayreuther Festspiele: zwischen dem von Wagners postulierten „deutschen Geist“ und dem Anspruch einer Qualitätssicherung; anregend bleibt die vom Festspielgründer mehrmals ventilierte, aber nie verbindlich fixierte Idee einer Ausweitung des kanonischen Repertoires: auch mit Kompositionsaufträgen an Gegenwartskomponisten – eine Strategie, die Chris Marshall (Birmingham) in seinem Beitrag über diverse britische Festivals und Konzertformate der 1920eer bis 2000er (von Brittens Aldeburgh Festival zu den BBC Proms) am englischen Beispiel exemplarisch herausstellte. Nach Spanien gelang man mit Cristina Urchueguia: Indem sie die Bedeutung der Marke namens „Wagner“ für die spanische Tourismusindustrie von anno 1900ff. prägnant herausarbeitete, gelang ihr auch die Aufdeckung eines Mythos: die Parallelisierung des Montserrat mit der Gralsburg, die, nach damaliger abstruser Propaganda, Wagner klar gewesen sei und sich in den Bayreuther (und den spanischen) Parsifal-Bühnenbildern gespiegelt habe – was jedoch nicht zur Gründung eines lokalen Wagner-Festspiels geführt hat.
Historisch faszinierend war auch die Perspektive des aus Saint-Ètienne angereisten Matthieuz Cailliez: Mit seiner Schnellübersicht über die französische Wagnerfestspiel-Rezeption und die Installation lokaler Musik- und Opernfestspiele, von Orange bis nach Avignon, wurde ein weiteres Gebiet geöffnet, das mit dem offensichtlich lockeren Schlagwort Bayreuth français umschrieben werden kann. Bereits historisch geworden und zugleich in einer bis heute wirkenden Kontinuität verblieben sind die ersten Bayreuther Nachkriegsfestspiele, also „Neu-Bayreuth“ (ein Begriff, zu dessen Konstruktion Stephan Mösch nun Wegweisendes veröffentlichte, unsere Besprechung), zu denen Nicole K. Strohmann (Graz) anhand des in Graz verwahrten Nachlasses der Sängerin Ira Malaniuk Wesentliches sagte: Bayreuth 1951 sei eine „auratische Re-Inszenierung“ gewesen, die eine quasi religiöse Aufnahme der Aufführungen geradezu einforderte – diesen Schluss lassen, trotz Wieland Wagners nüchternen Forderungen an eine „werktreue“ Aktualisierung, einige Rezeptionsdokumente durchaus zu, und auch heute noch glauben ja einige Musikfreunde und CD/DVD-Käufer, dass die „berühmte Akustik“ des Festspielhauses, damit auch dessen Aura, ins eigene Haus geholt werden könne.
Zuletzt traf man sich, um sich im Quartett über das Titelthema zu streiten. Mit Florian Amort, dem Intendanten der Händel-Festspiele Halle, Klaus Gasteiger, dem Co-Intendanten des Mosel Musikfestivals, und Brigitta Muntendorf, der Intendantin der Kunstfestspiele Herrenhausen sowie mit Sven Friedrich, dem Hausherren des gegenwärtigen Wahnfried, also des Richard Wagner Museums, hatte man Diskutanten geladen, die durchaus verschiedene Ansichten darüber hatten, wie die bzw. eine Zukunft eines oder der Festspiele gestaltet oder nicht gestaltet werden könne. Wovon geht man aus? Amont will, sagte er, „Geschichten erzählen“, in Hannover wurde, frei nach Leibniz, eine SpektakelAkademie gegründet, eine das Publikum einbeziehende Veranstaltungsreihe „mit Vorführungen von Maschinen, Instrumenten und Automaten, begleitet von Vorträgen, Gauklern und Kunst“. O-Ton Homepage: „Ganz bewusst verzichtet das Programm auf die Trennung von Kunst und Kunstvermittlung, sondern begreift die Inszenierung des vermittelnden Moments und die Form der Teilhabe als künstlerischen Akt.“ In eine ähnliche Richtung geht man an der Mosel, wo im Format namens Freundliche Übernahme das Publikum selbst in einer Programmkommission über Inhalte bestimmen kann – womit man, sich „aus der Komfortzone herausbewegend“, die Anregungen jüngster Kulturmarketinghandbücher umzusetzen gedenkt. Ähnlich publikumsoffen und populär zeigt man sich an der Saale, wo Michael Sommer einen seiner berühmten und beliebten Playmobilfilme in einer Performance einer gekürzten Rodelinda-Produktion zum Vergnügen eines nichtelitären Publikums buchstäblich unters Volk brachte.
Und wie sieht es in dieser „partizipativen“, wie das Codewort heute lautet, Hinsicht bei den Bayreuther Festspielen aus? Sven Friedrich macht zunächst darauf aufmerksam, dass die Festspiele, anders als alle diskutierten Festivals eben eine Veranstaltungsreihe mit einem streng definierten Kanon sind, was Programmexperimente – der diesjährige Rienzi markiert eine Ausnahme – ausschließt, auch wenn, man denkt an Stollbergs Bemerkungen, Wagner vielleicht (!) nicht grundsätzlich gegen eine Programmerweiterung gewesen wäre. Die offiziellen Uraufführungen der Festspiele in den letzten Jahren, etwa die Oper Der Hochzeiter, spielen hier offensichtlich keine Rolle. Ob und wie „man“ heute agieren kann oder gar müsste, um die sog. Zukunft überhaupt zu gestalten: Das war am Ende das Streitthema, das sich unversehens ins Gesellschaftlich-Politische auswuchs, als der Elefant namens AFD den Wahnfried-Saal betrat. Über eines aber war man sich schließlich einig: Kunst ist immer Krise, wie die Moderatorin Johanna Danhauser bemerkte.
Dass und wie die wie auch immer entwickelten und / oder realisierten Festspiel-Ideen in Zeit und Raum, in Bayreuth und jenseits von Bayreuth, sich ausnahmen und -nehmen: Dies in kurzen, aber pointierten Beiträgen analysiert zu sehen war ungemein spannend: auch für die wenigen Bayreuther, die sich die Mühe machten, die barrierefreien Vorträge zu besuchen. Sven Friedrich hatte, das machte auch der Nichtbesuch der Bayreuther „Wagnerfreunde“ wieder klar, da durchaus Recht: Bayreuth ist keine Wagner-Stadt – was das Symposion auf seine Weise eindrücklich gezeigt hat.
Frank Piontek, 12. Juli 2026
„Festspiele! Gestern – Heute – Morgen“
Internationale Tagung in Kooperation mit der Universität Bayreuth und der TU Dortmund
Haus Wahnfried / Richard-Wagner-Museum, 9.-11. Juli 2026