
Die Stimme fährt sogleich angenehm ins Ohr: ein heller, aber zu Diskretion fähiger, aussingender wie vollkommen tremolierender Sopran. Die Stimme gehört einer Slowakin; eingeladen hat sie die Deutsch-Tschechische Gesellschaft Bayreuth, die damit ihren konzertanten Beitrag zum Jubiläum Festival 150, also zur 150jährigen Wiederkehr des Jahrestags der ersten Bayreuther Festspiele, geliefert hat.
Die Stimme gehört Tamara Morozová. Sie steht am jüngst restaurierten Steinway im Saal von Haus Wahnfried, an dem mit Demian Ewig ein Liedpianist sitzt, der sein Handwerk versteht und bei den Festspielen bereits als Korrepetitor, seit 2024 bei Tristan und Isolde, tätig war. Zählte man nun alle aus Böhmen, der Tschechoslowakei und der Tschechischen Republik stammenden Hauptrollensängerinnen und -sänger der Bayreuther Festspiele zusammen, so würden die Finger beider Hände ausreichen: Eva Randova, Ludmila Dvořáková, Otakar Kraus und andere. Es ist somit ein schöner Zufall, dass just die ersten Lieder, die Morozová und Ewig bringen, von einer der bekanntesten böhmischen Sängerinnen komponiert wurden, die um 1900 eine sagenhafte Karriere startete und ihre Auftritte bei den Festspielen mit der Senta in der ersten Bayreuther Inszenierung des Fliegenden Holländers höchst erfolgreich absolvierte. Ema Destinnová, auch bekannt als Emmy Destinn, war ein Sopranstar ihrer Zeit, von deren Ruhm nicht allein viele Plattenaufnahmen, auch bedeutende Erinnerungsstätten in Prag zeugen, wo Wagner einst dirigierte und einige seiner Werk bzw. Werkausschnitte, von der Jugendsymphonie zu den Meistersingern von Nürnberg, ihre erste Aufführung erlebt haben. Garten des Herzens dürfte vielleicht den schärfsten Destinn-Fans ein Begriff sein; die drei hochraren Lieder des Zyklus live zu erleben ist schon deshalb ein Vergnügen, weil Tamara Morozová sogleich klarmacht, auf welchem Niveau sie agiert. Drei Lieder aus Dvořáks Zigeunermelodien zeigen, wie sie ein opernhaftes Pathos mit einem perfekten Legato erfüllt, das zugleich sinnvoll und sinnlich ist oder anders: Die Linie macht und ist der Ausdruck. Dass sie die Kunst der messa voce beherrscht, versteht sich angesichts der vokalen Kompetenz fast von selbst. Singt sie Zdeněk Fibichs Fünf Lieder op. 5, merkt man der Sängerin ihre Opernerfahrung an, während sie sich relativ gut auf die Akustik, d.h.: die Kleinheit des Raums einstellt. Man denkt an die Senta und zugleich die ganz anders gelagerte Ariadne, mit denen sie 2025 an der Prager Staatsoper debütierte (dem ehemaligen Deutschen Theater, an dem Ende des 19. Jahrhunderts mit Angelo Neumann ein Wagner propagierender Direktor saß, der noch zu Wagners Lebzeiten am Leipziger Stadttheater und auf einer gewaltigen Tournee den Ring des Nibelungen in die nationale und internationale Welt brachte). Die Krasava aus Smetanas Libuše und Janáčeks Jenůfa sind bei Morozová in der richtigen Kehle: Zwei Verzweiflungsnummern, die zweierlei offenbaren: totale Verinnerlichung und zugleich eine intellektuelle Gestaltung. Sie nutzt zudem den Raum; einmal schaut die „Ziehtochter“, deren Kind von der Küsterin umgebracht wird, traurig aus dem Fenster, in Wahnfrieds Garten, dann ruft, das ist von bitterer Ironie, die jüngste Besucherin ein zartes „Mama“ in den Raum…
Nach der Pause aber folgt, analog zum Titel der Veranstaltung, der Wagner-Block. Man ist denn doch überrascht, wieder neue Töne zu vernehmen, die, etwa in Stehe still!, bis zum Pianissimo gedrosselt werden. Ansonsten ist dies eine selten zu hörende Dynamik, wenn Opernsängerinnen den Wahnfried Saal betreten. Die Wesendonck-Lieder erfahren eine intime wie monumentale und stets artikulatorisch klare Interpretation. Man könnte sie in den edel timbrierten Schmerzen als „heroisch“ und zugleich als delikat bezeichnen; der lange Atem ist nicht allein in den Träumen hörbar. Parallel zu Smetanas und Janáčeks in Solonummern gefassten Frauenporträts steht schließlich Sieglinde im Saal, um mit genauen Steigerungen effektvoll, doch mit Ursache, um ein Wort von Wagner zu paraphrasieren, die Geschichte der Sieglinde, die wir uns mit Tamara Morozová als starke Persönlichkeit vorstellen müssen, zu erzählen. Hier unterstützt die antikische Gewandung des in der Pause gewechselten Kleids in Brechtschem Sinn die „Haltung“ der und zur Figur. Das Encore und Gustostück ist dann, wenig überraschend, aber betörend schön, weil klanglich und ausdrucksmäßig mit dem Gehalt von Text und Musik deliziös übereinstimmend, Rusalkas Lied an den Mond. Da darf dann nochmal der „getreue Korrepetitor“ Demian Ewig, wie Adorno ihn genannt hätte, zeigen, wie der Steinway zu klingen hat, wenn er zusammen mit einer Sängerin, die weiß, was sie da singt, Kunstwerke für den Augenblick herstellt.
Dass, von den Mitgliedern der DTG abgesehen, wieder nur wenige Bayreuther anwesend waren, zeigte indes nicht zum ersten Mal, dass Bayreuth auch im aktuellen Jubeljahr alles andere als eine sog. Wagner-Stadt ist. Selbst schuld, denkt sich der Besucher, der zusammen mit den anwesenden Musikfreunden eine ausgezeichnete Sängerin mit einem teils seltenen, doch wunderbaren und echt tschechischen, also idiomatisch authentischen Repertoire hörte und die „bekannten“ Stücke so wahrnahm, als seien sie eigens für diesen Abend geschrieben worden. Mit einem Wort: Unmittelbarer ging es nicht. Und zumindest als eine der Walküren hat sie sich schon mal empfohlen.
Frank Piontek, 17. Juni 2026
Wagner und böhmische Inspirationen
Wahnfried, 12. Juni 2026
Ema Destinnová: Garten des Herzens. Lieder 1-3
Antonín Dvořák: Zigeunermelodien. Lieder 1, 4 und 5
Zdeněk Fibich: Fünf Lieder op. 5
Leoš Janáček: Jenufas Szene und Gebet
Richard Wagner: Wesendonck-Lieder
Richard Wagner: Erzählung der Sieglinde aus Die Walküre
Antonín Dvořák: Lied an den Mond aus Rusalka
Tamara Morozová und Demian Ewig