Bremen: „37. Musikfest“, Teil 1

Wieder für jeden etwas dabei

Auch im letzten Jahr gab es im Rahmen der „Großen Nachtmusik“ ein Gastspiel kubanischer Musiker. Damals begeisterte das Alfredo Rodriguez Quintet im Forum am Domshof mit ihrer „Hot Cuban Jazz Night“. Diesmal sorgte die Roberto Fonseca Group im Innenhof des Landgerichts für einen energiegeladenen und temperamentvollen Auftritt. Ihr Programm „La Gran Diversión“ brachte u.a. Titel aus ihrer gleichnamigen CD, darunter „Mani Mambo“, bei dem das gesamte Publikum mit einbezogen wurde. Die Besetzung der Gruppe ist erstklassig. Neben dem Pianisten Roberto Fonseca, der früher einmal jüngstes Mitglied beim Buena Vista Social Club war, gehören Ariel Vigo und Jimmy Jenks am Saxophon, Abel Herrara an der Trompete und Felipe Cabrera am Kontrabass dazu. Neben dm Schlagzeuger Ruly Herrera konnte sich vor allem der Percussionist Andrés Coayo profilieren. Seine Leistung war einfach mitreißend und atemberaubend. Aber auch alle anderen Musiker wurden solistisch vorgestellt und überzeugten mit ihrem außergewöhnlichen Können. Die Titel des Abends gingen naht- und bruchlos ineinander über und stammen überwiegend aus den zwanziger Jahren Kubas, aber auch Songs wie „Hey, Jude“ fanden sich im Programm. Zu erwähnen ist auch die witzige, augenzwinkernde „Choreographie“ der Bläser. Und ganz am Schluss gab es noch einen Geburtstagskuchen und ein Ständchen für den Bassisten. Ein toller Auftakt!

Ein totales Kontrastprogramm gab es dann im „Kleinen Saal“ der Bremer „Glocke“. Katja Riemann präsentierte den „Karneval der Tiere“ von Camille Saint-Saëns.

Die Suite ist eigentlich für Kammerorchester geschrieben, das hier aber in der Bearbeitung von Jarkko Riihimäki von zwei renommierten Musikerinnen ersetzt wurde, von der Geigerin Franziska Hölscher und der Pianistin Marianna Shirinyan. Aber die Rechnung ging auf. Der feinsinnigen Musik ging nichts verloren. Mit dem teils virtuosen, teils verträumten Spiel der beiden kam die Musik von Saint-Saëns und deren Anspielungen an Offenbach, Berlioz oder Mendelssohn voll zur Geltung. Katja Riemen selbst bediente zaghaft das Xylophon und intonierte mit der Blockflöte die Kuckucks-Rufe,.

Für den Erzähltext gibt es viele Fassungen, u.a. von Loriot und Peter Ustinov. Riemann wählte die Version von Roger Willemsen, die sich durch eine frech-witzige Sprache, skurrilen Humor und auch etwas anzügliche Fomulierungen auszeichnet-Sie trat damit u.a. schon bei der JazzBaltica 2019 auf. Mit ihrem lausbübischen Charme charakterisierte sie gekonnt die tierischen (im Grunde aber menschlichen) Schwächen und Eitelkeiten. Dabei interagierte sie mit den Musikerinnen ebenso wie mit dem Publikum. Ein gelungenes und unterhaltendes Intermezzo.

© Cordula Treml

Mit dem Wechsel in den „Großen Saal“ gab es einen Wechsel zum großen Orchester. Das traditionsreiche, 1929 gegründete hr-Sinfonieorchester Frankfurt zeigte sich bei seinem Gershwin-Programm von seiner besten Seite. Die „Rhapsody in Blue“ ist eines der bekanntesten Stücke von George Gershwin und verbindet Jazz mit klassischer Konzertform. Es ist so effektvoll komponiert, dass es fast immer eine magische Wirkung ausstrahlt. Das galt auch für die Wiedergabe mit dem Pianisten Fazil Say, der seit Jahren zum Stammgast des Bremer Musikfestes zählt. Seine Interpretation war kraftvoll und virtuos. Die Abstimmung mit dem Orchester und die verschiedenen Tempowechsel gelangen perfekt. Mit Alain Altinoglu hatte Say aber auch einen Partner am Pult, der das Stück bestes kennt und es auch selbst gern als Pianist und Dirigent in Personalunion aufführt. Insgesamt ist eine spannende, sehr anregende Wiedergabe gelungen. Say bedankte sich für den riesigen Beifall mit Improvisationen über „Summertime“ aus „Porgy and Bess“.

„An American in Paris“ von Gershwin kann man als Tondichtung bezeichnen. Charakteristisch wird darin u.a. das Hupen der Pariser Taxis verarbeitet. Altinoglu und das hr-Sinfonieorchester blätterten das Tongemälde sehr plastisch auf, entwickelten die einzelnen Episoden und Motive mit opulentem Klang und viel Sinn für Details. Zu Beginn gab es den „Ungarischen Marsch“ von Hector Berlioz. Der passte nun so gar nicht um restlichen Programm, da wäre eine Gershwin-Ouvertüre passender gewesen. Zudem wurde er, trotz großer Steigerung im Finale, etwas uninspiriert gespielt. (15.8.26)

© Nicolai Wolff

Mit Monteverdis „L‘Orfeo“  traten Christina Pluhar und Rolando Villazon beim Musikfest 2016 auf und hoben 2021 hier ihr gemeinsames Projekt „Orfeo son io“ aus der Taufe. Sie haben es seitdem konzeptionell erweitert und stellten es beim aktuellen Musikfest erneut vor.

Der Orpheus-Mythos ist mannigfach vertont worden und hinlänglich bekannt. Neben “L’Orfeo”  von Claudio Monteverdi sind u.a. Kompositionen von Giulio Caccini, Luigi Rossi, Antonio Sartorio und Christoph Willibald Gluck zu hören. Das dramaturgische Konzept des Abends ist hervorragend gelungen. Alle Stücke gingen nahtlos und organisch ineinander über, sodass nicht die „Gefahr“ von stimmungstötendem Zwischenbeifall bestand. Das gesamte Programm wurde so ohne Pause in knapp 80 Minuten durchgespielt Zudem war es mit seinen Wechseln zwischen ruhigen und getragenen Stücken und denen mit dramatischem Ausdruck sehr ausgewogen. Rolando Villazon verfügt noch immer über eine sehr attraktive Stimme, die vor allem in der Mittellage gut anspricht. Bei extremeren Höhen musste man Abstriche machen, aber die sind in diesen eher deklamatorisch ausgerichteten Werken auch kaum gefragt. Wie gewohnt gestaltete er mit viel Emotion und Herzblut. Ergreifend gelang seine Klage „Tu sei morta“ (Monteverdi) über den Verlust von Euridice, mit dramatischem Impetus stürzte er sich in die Szene „Qual honor“ (Monteverdi) . Die berühmteste Arie stammte von Gluck aus „Orpheus und Eurydike“. „Che faro senza Euridice“ war von Pluhar in barockem Stil arrangiert worden und wurde von Villazon mit Wehmut im Ton serviert. Beim Tango von Carlos Gardel brach das überbordende Temperament von Villazon ungehemmt durch. Das war „too much“. Dagegen war es eine hübsche Idee, als Zugabe „Ich wollte wie Orpheus singen“ von Reinhard Mey ins Programm zu nehmen, das Villazon zu einer Liebeserklärug an Christina Pluhar umfunktionierte.

Als Euridice war Céline Scheen zu erleben, die auch schon 2016 beim „L’Orfeo“ mitwirkte. Sie verfügt über einen schlanken, lichtvollen Sopran. Wenn sie gemessenen Schrittes in ihrem weißen Anzug auftrat, wirkte sie wie ein Wesen aus überirdischen Welten.

Die teils elegischen, teils von tänzerischem Rhythmus bestimmten rein orchestralen Stücke waren von großer Wirkung. Christina Pluher und ihr hervorragendes, zehnköpfiges Ensemble L’Arpeggiata zeigten hier ihre geballte Kompetenz. Oft wurde dabei der Klang von Doron Sherwin am Zink (cornetto) mit warmem Ton dominiert. (18.8.2026)

© Nicolai Wolff

Beim Musikfest 2019 hatte Nicole Chevalier als Verdis Violetta einen tiefen Eindruck hinterlassen. Nun war sie für eine Verdi-Gala angekündigt, die sie aber abgesagt hat. Statt ihrer sprang die Sopranistin Hulkar Sabirova für sie ein. Und das Programm konnte, bis auf den Wegfall von zwei Arien, glücklicherweise übernommen werden. Die in Usbekistan geborene dramatische Koloratursopranistin begann ihre Karriere an der Deutschen Oper Berlin, wo sie nach wie vor regelmäßig auftritt. Gastspiele führten sie u. a. nach Hamburg, Dresden, Amsterdam, Lyon, Wien, Pesaro und in die Arena di Verona. Ihre in der Höhe aufblühende Stimme verfügt über ein cremiges Timbre, über Kraft und eine überaus geläufige Koloraturtechnik. Eindrucksvoll gelang ihr das am Beginn stehende Crescendo bei der Arie „Pace, pace“ aus „La forza del destino”, die sie insgesamt mit innigem Ausdruck gestaltete. Bei der Arie „Mercé dilette amichi“ aus „I vespri siciliani“ zeigte sie Temperament und eine sichere Technik bei den Verzierungen. Die große Szene der Elisabetta aus „Don Carlo“ bescherte schönsten Verdi-Gesang. Mit rundem Klang und perfekter Gesangslinie wurde die Arie „Tu che le vanità“ zu einem der Höhepunkte des Abends. Mit schöner Phrasierung und sicheren Koloraturen gelang auch „Tacea la notte placida“ aus „Il trovatore“ bestens. Von fulminanter Wirkung war allerdings „Ben io t’invenni“ aus „Nabucco“. Mit emotionalen Hitzegraden, mit dramatisch herausgeschleuderten Spitzentönen und mit schier überbordender Ausdruckskraft bewältigte sie die halsbrecherischen Anforderungen der Abigaille-Partie wie im Rausch. In der kommenden Spielzeit wird Sabirova die komplette Partie singen. Mit „Addio, del passato“ aus „La traviata“ bedankte sie sich beim jubelnden Publikum.

Die Bremer Philharmoniker sind immer in Ereignis. Das zeigten sie auch bei den Ouvertüren zu „La forza del destino” und „I vespri siciliani sowie der Ballettmusik aus Don Carlo“. Marko Letonja setzte bei den Ouvertüren eigene, oft dramatische Akzente und gab ihnen sinfonisches Gewicht. Der Klang der Philharmoniker war opulent, ihr Spiel hervorragend. Das galt auch für die selten zu hörende Ballettmusik mit ihren Elementen zwischen tänzerischer Verspieltheit und majestätischer Größe. Das orchestrale Highlight war nicht von Verdi, sondern von Ottorino Respighi. Seine Tondichtung „Fontane die Roma“ („Römische Brunnen“) beginnt mit einer pastoralen Morgenstimmung, steigert sich zu prachtvollem Klangzauber und endet in nächtlicher, pastellfarbener Idylle. Letonja traf die jeweilige Stimmung der vier Sätze sehr anschaulich und realisierte dieses Tongemälde in seiner ganzen Farbigkeit. (26.8.2026)

© Nicolai Wolff

Barockmusik war schon immer ein besonderer Schwerpunkt beim Bremer Musikfest. Der Abend mit Julia Lezhneva und dem Ensemble Il Giardino Armonico unter der Leitung von Giovanni Antonini stand sogar unter dem Motto „Barockes Feuerwerk“. Und das war nicht übertrieben. Was die Sängerin und das Instrumentalensemble leisteten, war einfach atemberaubend und begeisterte das Publikum restlos und durchgängig. Es gab Bravo-Rufe nach jedem Programmpunkt. Dieses Programm beschränkte sich auf zwei Komponisten: Antonio Vivaldi und Joseph Haydn. Nun zählen die Werke von Josph Haydn nicht gerade zur Barockmusik, aber immerhin ist das Thema seiner Kantate „Arianna a Naxos“, die am Ende der zweiten Konzerthälfte stand, von mehreren Barockkomponisten vertont worden – etwa von Nicola Porpora, Alessandro Scarlatti, Benedetto Marcello oder Johann Georg Conradi. Und es dürfte eine Referenz an das von Antonini initiierte Projekt Haydn 2032 zum 300. Geburtstag von Haydn gewesen sein. Jedenfalls sang Julia Lezhneva diese Kantate, deren emotionaler Gehalt zwischen Sehnsucht, Hoffnung, Schmerz und Wut taumelt, mit beseelten Tönen und schöner Gesangslinie. Das rezitativisch gehaltene Werk mit ihren zwei eingebetteten Arien nutzte sie eindringlich, um die Gefühlspalette – auch mimisch – anschaulich zu verdeutlichen.

Im Zentrum aber stand Vivaldi. Gleich mit der ersten Arie „Agitata da due venti“ aus „La Griselda“ bewies Lezhneva ihre Sonderklasse. Sie brannte geradezu ein Feuerwerk an Trillern und Verzierungen ab und erinnerte an Cecilia Bartoli in ihren besten Zeiten. Damit war ein höchster Maßstab gesetzt, den sie durchgängig hielt. Die dreiteilige Arie „Sposa son disprezzata“ aus „Bajazet“ ist ein tiefe Verzweiflung ausdrückendes Lamento und zeigte Lezhneva teilweise von einer anderen Seite. In ruhigem Fluss strömte ihre Simme in purer Schönheit. Vom feinsten Piano bis zum kraftvollen Forte und durch alle Lagen führte sie ihre Stimme kraftvoll und ohne jeder Verfärbung. Bei „Vedrò con mio diletto“ aus „Il Giustino“ verarbeitet Vivaldi Themen aus Volksliedern. Den liedhaften Ton der Arie traf Lezhneva mit berührender Schlichtheit. Bei „Siam navi all’onde algenti“ aus „L’Olimpiade“ war wieder Lezhnevas brillante Koloraturtechnik zu bewundern. Jeder  Ton kam gestochen scharf und glockenklar. Zu bewundern war auch ihre vorbildliche Diktion, bei der nichts verwaschen klang. Virtuos und mit emotionalem Hochdruck servierte sie ihre Zugabe: „Armatae face et anguibu““ aus „Juditha Triumphans“ ist ein effektvolles, von reiner Wut geprägtes Stück, bei dem Lezhneva ihre Töne wie Blitze herausschleuderte. Es war ein Abend mit einer singulären Sängerin, deren Auftritt man lange im Gedächtnis haben wird.

Aber auch die rein instrumentalen Vivaldi-Stücke machten tiefen Eindruck. Vivaldi ist eben viel mehr als nur „Die vier Jahreszeiten“ Das mit Streichern, Cembalo und Harfe besetzte Ensemble Il Giardino Armonico unter Giovanni Antonini spielte zu Beginn  das dreisätzige Concerto e-Moll, das sehr bewegt und differenziert erklang. Es enthält ein ruhiges Andante und gipfelt in einem schwungvollen, tänzerischen Allegro. Das Concerto b-Moll stammt aus der Sammlung „L’estro armonico“ und passt schon vom Namen zum Ensemble. Es ist vom Typ her  ein Concerto grosso, bei der eine kleine Gruppe von Solisten (Concertino) in Kontrast zu einem größeren Orchester (Ripieno oder Tutti) tritt. Trotz der kleinen Besetzung stattete Antonini es mit bemerkenswerter Klangfülle aus und ließ mit großem Spannungsbogen musizieren. Das Concerto Es-Dur mit dem Namen „La tempesta di mare“ ist eine glutvolle, lebenspralle Schilderung  von Sturm und Meer, die mit ihren Tempowechseln von Antonini höchst eindrucksvoll realisiert wurde. (27.8.2026)

© Nicolai Wolff