Lübeck, Konzert: „Mendelssohn, Glière, Pettersson“, Kungliga Filharmoniska Orkestern Stockholm unter Ryan Bancroft

Endlich Pettersson! Liebhaber der viel zu selten aufgeführten Werke des schwermütigen Komponisten hatten schon monatelang auf das SHMF-Konzert am 23. August 2026 in der Lübecker Musik- und Kongreßhalle hingefiebert. Für einige war dieses Konzert der Höhepunkt des diesjährigen Festivals. Zuvor gab es allerdings unproblematischen Mendelssohn und harfenglitzernden Glière.

Wenn sich jemand in Sachen Midsommar auskennt, dann sicher die Schweden. Das Kungliga Filharmoniska Orkestern Stockholm (auch bekannt als „Royal Stockholm Philharmonic Orchestra“) läßtin der Ouvertüre von Felix Mendelssohns Ein Sommernachtstraum op. 21 die Elfen und andere Fabelwesen durch den nächtlichen Wald mit seinen im Dunkel murmelnden Bächlein schweben. Ryan Bancroft dirigiert das oft gespielte Stück mit sichtlicher Freude und durchaus eigenem Kolorit, indem er sich viel Zeit für Details nimmt. So erscheint der „I-A!“-Ruf des verzauberten Zettel mit Eselskopf ausgesprochen gedehnt und dem Tierlaut viel ähnlicher. Die melancholischen Passagen hat man selten so langsam, gleichsam unter der Zeitlupe erlebt. Das wirkt nicht übertrieben in die Länge gezogen, sondern wie ein hingebungsvolles Innehalten.

Bancroft greift geradezu in das Orchester hinein, so als wolle er zwischen den Bäumen all die Figuren herauslocken, die in Shakespeares Schauspiel ihr munteres Spiel treiben. Leichte, verträumte Hochromantik vom Feinsten!

© Andreas Ströbl

Das Harfenkonzert Es-Dur op. 74 von Reinhold Glière ist sicher das bekannteste Stück des russischen Komponisten mit deutsch-polnischen Eltern. Entstanden ist das heitere, unkomplizierte Stück 1938, in einer Zeit also, in der Schostakowitsch bereits die Panik in den Gliedern saß, wenn der Name „Stalin“ fiel. Eigentlich hieß der Komponist Glier; er änderte um 1900 seinen Namen ins Französische, war aber völlig russisch assimiliert. Mit der Revolution 1917 ging ein jahrhundertelanges, kulturell und wirtschaftlich fruchtbares Miteinander von Russen und Deutschstämmigen, deren Vorfahren Zar Peter der Große ins Land geholt hatte, oft gewaltsam und mit Flucht oder Vertreibung zu Ende. Glière machte keine Schwierigkeiten, sondern sang Loblieder auf die Sowjetunion, unter Verwendung folkloristischer Motive. Einer seiner Schüler war übrigens Sergej Prokofjew, der bekanntlich ebenfalls massiv unter Stalins Terror zu leiden hatte.

Nichtsdestotrotz ist das Harfenkonzert ein Werk in der Tat perlender Lebensfreude, auch wenn die Perlen-Metapher in bezug auf das Harfenspiel schon etwas bemüht sein mag. Xavier de Maistre allerdings zaubert tatsächlich Töne mit irisierendem Schimmer, die wie klingende Seifenblasen durch den Saal schweben. Sein deutlich akzentuierter Anschlag erzeugt einen kristallinen Klang, der aber nie hart erscheint. Er liebkost sein Instrument geradezu; die Arpeggien wirft er zwar lässig heraus, aber dennoch ist jeder Ton wahrnehmbar. Mit dem Dirigenten hält er ebenso Blickkontakt wie mit dem Publikum; zuweilen fängt sein Auge das eines Zuhörers für eine Sekunde.

Der Frohsinn des ersten Satzes, Allegro moderato, wird durch eine etwas wehmütige Gangart im folgenden Tema con variazioni abgelöst, das aber grundsätzlich die gleiche Unbeschwertheit durchzieht. Diese Musik ist wie eine erfrischende Quelle; wenn man einmal bei Vollmond im Gebirge Wasser über Felsen rinnen hat sehen, dann weiß man um den silbernen Glanz, der von de Maistres Spiel ausgeht. Das beschließende Allegro giocoso ist ein echter Publikumsliebling und besticht durch seine eingängige Melodik mit Wiedererkennungswert. Blechbläser und Harfe erzeugen eine klangliche Spannung, aus der erneut schillernde Arpeggien wie flinke Fische huschen. Den begeisterten Applaus mit vielen Bravo-Rufen beantwortet der Harfenist mit einer Zugabe aus Manuel de Fallas La vida breve.

© Andreas Ströbl

„Elektrizität im Raum“ hatte SHMF-Intendant Christian Kuhnt in seiner kurzen Ansprache vor Beginn des Konzerts für die Stimmung bei Allan Petterssons siebter Symphonie versprochen. In der Tat läßt diese Musik in ihrer abgrundtiefen Traurigkeit und schmerzhaften Unmittelbarkeit niemanden kalt. Als „ausschweifende Riesenrhapsodie“ wurde die Symphonie, mit der Pettersson internationale Anerkennung erhielt, 1969, ein Jahr nach der Uraufführung, in der Ostberliner „Neuen Zeit“ bezeichnet. Damals warf man ihm mitunter Verrat an der Avantgarde vor, weil die Tonsprache des Schweden stark an die Spätromantik, wohl auch an die emotionale Schwere und Komplexität der Werke von Sibelius und Schostakowitsch gemahnt. „Glücklicherweise!“, möchte man ausrufen, denn gerade die tonale Eingängigkeit schafft den Zugang zu Schaffen und Psyche eines Tonsetzers aus ärmlichsten Verhältnissen voller sozialer und familiärer Härte. „Das Werk, an dem ich arbeite, ist mein eigenes Leben, das gesegnete, das verfluchte: Um den Gesang wiederzufinden, den die Seele einst gesungen hat,“ so der Komponist in einem Brief an einen Freund.

Drohendes Schlagwerk, schreiende Violinen und zitternde Celli schaffen bereits zu Beginn des einsätzigen Werks eine beunruhigende Stimmung voller Verunsicherung und Angst. Stets wiederkehrende Themen erwirken das Bild eines Ankämpfens gegen immer erneut aufbrandende Wellen, die dem verzweifelten Schwimmer das rettende Ufer ein ums andere Mal entziehen. Ein Strudel, gleich der homerischen Charybdis, scheint in seinem unbarmherzigen Sog den Geplagten in die Schwärze der eigenen Seele hinabzuziehen. „Ich bin gar kein Komponist, ich bin eine rufende Stimme […], die im Zeitgetöse unterzugehen droht“, bekennt Pettersson. Bancroft hat dieses Rufen verstanden und treibt es mit größter Energie aus dem Orchester heraus.

Dazwischen erheben sich immer wieder Inseln der Hoffnung, voller lichtvoller Schönheit und Sehnsucht, aber wie in einem Vexierbild kehren sich die aufragenden Klippen um und scheinen ins Innere der Erde zu weisen, zurück in die Dunkelheit. Hohen Tönen der Holzbläser steht die Tiefe von Tuba und Kontrabässen entgegen, dazwischen herrscht das leere Nichts. In schonungsloser Ehrlichkeit steht eine geschundene Seele der Aussichtslosigkeit gegenüber, jemals frei von Schmerz und Furcht zu sein.

Daß diese Musik sich so ergreifend schön ausbreitet, macht ein Sich-Entziehen oder bequemes Zurücklehnen unmöglich. Es ist die Vollendung einer lebensformenden Tragik, fernab aller romantischen Verklärung. Tote Seelen schwimmen in einem Ozean aus Tränen, nur manchmal scheint das Licht der Erinnerung an sonnige Zeiten durch die schwarze Flut. Und so entrollt sich in einem einzigen Satz ein ganzes Leben, durchsetzt von der Angst vor dem Wahnsinn und dem Verlust aller Kontrolle, das endlich zwischen letztem Aufschreien und Resignation ganz leise verglimmt.

© Andreas Ströbl

Totenstille herrscht erst im Saal, dann wird der Beifall immer lauter. Sehr oft muß Bancroft auf das Podium – die elektrische Spannung hat sich gelöst. Was für ein Erlebnis und welch eine Begegnung mit einem Komponisten, dessen Werke man viel zu selten hört! Vielleicht ist dieses Konzert ein neuer Anstoß zur Wiederentdeckung.

Andreas Ströbl, 24. August 2026


Felix Mendelssohn: Ouvertüre Ein Sommernachtstraum op. 21
Reinhold Glière: Harfenkonzert Es-Dur op. 74
Allan Pettersson: Symphonie Nr. 7

Lübeck, Musik- und Kongreßhalle

Konzert im Rahmen des Schleswig-Holstein Musik Festivals am 23. August 2026

Harfe: Xavier de Maistre
Musikalische Leitung: Ryan Bancroft
Kungliga Filharmoniska Orkestern Stockholm