Die Projekte der „Ruhrtriennale“ leben maßgeblich von schroffen Gegensätzen minimalistischer Reduktion und überbordender Reizüberflutung. So auch in drei Produktionen im Duisburger Landschaftspark und dem Essener PACT Zollverein.
Unter dem schlichten Titel Vorhang!“ nahm das Pariser Ensemble „Les Apaches!“ das Publikum in der voll besetzten Gebläsehalle des Landschaftsparks Nord mit auf eine Reise vom Lärm zur Stille. Im letzten Jahr verbreiteten die französischen Gäste im Rahmen der Ruhrtriennale mit ihrer „Rave-L Party“, einer innovativen Mischung aus Klassik, Techno und Elektronischer Musik, pulsierende Partylaune.
Während sich im Umgang mit der Musik Maurice Ravels der Abend damals zunehmend erhitzte, beschritten die 15 Instrumentalisten unter Leitung von Julien Masmondet diesmal den umgekehrten Weg. Startend mit Erik Saties skurril-überdrehtem Ballett „Parade“, das 1917 einen ähnlich mächtigen Skandal auslöste wie zehn Jahre später Ravels Ballett-Version des „Bolero“, mündet das Programm entschleunigend und dynamisch zurückfahrend in John Cages stumme Hymne auf die Stille, 4‘33‘‘, in der kein einziger Ton erklingt.

Die turbulente Zirkus-Atmosphäre der „Parade“ Saties, klanglich angereichert mit Sirene, Schreibmaschine, Quietscheentchen und allerlei Alltagsgegenständen, wird auf der bunt dekorierten und mit einem stattlichen Reservoir an Schlag- und Effektinstrumenten angefüllten Bühne der Gebläsehalle in der Regie von Gordon und der Choreografin Sarah Silverblatt-Buser trefflich eingefangen. Der titelgebende „Vorhang!“, anspielend auf Picassos Bühnenbilder zur „Parade“, gerät da in den Hintergrund. Dafür zieren große Projektionen mit den Titeln der gespielten Werke die gesamte Rückfront der Gebläsehalle.
Sarah Silverblatt-Buser ergänzt Saties 20-minütige Klangparade mit tänzerischen Improvisationen. Nicht immer einleuchtend, dafür aber als Ausdruck kreativer Spontanität überzeugend. Mit einigen Stücken von Satie und Cage geht es noch eine Weile munter und chaotisch weiter, bevor ruhigere und leisere Werke den Ton angeben. Das bunte Instrumentarium der „Parade“ wird mit weißen Tüchern verhüllt und die versonnenen „Gymnopédies“, „Gnossiennes“ und die als Endlosschleife komponierten „Vexations“ Erik Saties sowie Cages „In a Landscape“ bringen den Abend zum Stillstand, gipfelnd in Cages Schweige-Hymne 4‘33‘‘. Dazu verlassen die Instrumentalisten ihre Plätze verlassen und hüllen die gesamte Bühne weiß ein .
An der musikalischen Qualität des Ensembles, auch an Othman Louatis, Philippe Hattats und Anthony Girards Arrangements der ursprünglichen Klavierstücke gibt es nichts auszusetzen. Auch nicht an dem Unterhaltungswert des insgesamt 80-minütigen Abends. Allerdings gelingt der Übergang von chaotisch-clowneskem Übermut zur Stille nicht nahtlos, da sich mit der zunehmenden Entschleunigung des Spieltempos eine pathetische Schwere einschleicht, die weder Satie noch Cage gerecht wird. Cages 4‘33‘‘ mutiert dadurch am Ende des Programms zu einem stummen Grabgesang. Die Wirkung der Stille kann sich allerdings nur dann voll entfalten, wenn man das Stück als extremen Kontrast zwischen zwei gewaltige, möglichst lautstarke Werke positioniert.
Insgesamt ein Abend, der ein wenig unentschlossen zwischen ironischer Leichtigkeit und tiefgründiger Schwere changiert. Das Publikum reagierte vollauf begeistert.
Aus dem Vollen schöpfte die serbische, mittlerweile fast 80 Jahre alte Konzept-Ikone Marina Abramović mit ihrer multimedialen, alle Gattungsgrenzen sprengenden Performance „Balkan Erotic Epic“, für die sie die riesige Kraftzentrale des Duisburger Landschaftsparks mit 13 Spielflächen bestückte, die vier Stunden lang simultan bespielt wurden. Die jeweils 1200 eingelassenen Zuschauer, die sich ohne Bestuhlung per pedes auf den Weg machen mussten, traten sich trotz der gewaltigen Ausdehnung der Halle schnell auf die Füße. Und so wurde die Suche nach Sichtlücken zur Dauerbeschäftigung, was mit der Zeit ebenso ermüdete wie die erbarmungslose Reizüberflutung durch die 13 Spielszenen. Film, Musik, statische Bilder, Tanz, Pantomime: nichts, was sich theatralisch verwenden lässt, wurde ausgelassen. Was das Verständnis der teilweise provokant drastischen Szenen nicht erleichterte.

Die Konzeptkünstlerin tauchte dafür tief in mythologische, religiöse und politische Klüfte und Welten ihrer serbischen Heimat ein. Als Klammer diente der Tod Titos, mit dem Jugoslawien zerfiel und in einen brutalen Bürgerkrieg verfiel. Die Trauerfeier am Sarg des Politikers, hinter dem sich auf der Leinwand schwarz gekleidete Klageweiber auf die Brust schlagen, eröffnet den Reigen. Danach werden in collagenhafter Buntscheckigkeit alte Riten live visualisiert, darunter Fruchtbarkeitsrituale mit nackten jungen Männern, die im wahrsten Sinne des Wortes „Die Erde ficken“ oder Frauen, die die „Die Götter erschrecken, um den Regen aufzuhalten“, indem sie dem Himmel ihre Vulven entgegenstrecken. Es gibt die Figur einer Kulturwissenschaftlerin, die zwischen Phallus-Statuen nicht gerade appetliche Rezepte für Zauber- und Fruchtbarkeitstränke aufsagt. Und man sieht bei der „Brustmassage/Orgie“ nackten Frauen dabei zu, wie sie ihre Brüste massieren und mit Skeletten auf Gräbern tanzen, um mit den Seelen ihrer verstorbenen Ehemänner in Kontakt zu kommen.
Ob man das noch erotisch findet oder nicht eher plakativ, mag jeder für sich entscheiden. Wobei man einer so verdienstvollen Künstlerin wie Marina Abramović nicht vorschnell grelle Sensationslust unterstellen sollte.

Schließlich gibt es auch dezenteres zu sehen wie zum Beispiel eine Tanzszene im „Kafana Komplex“, einer Café-Bar im Balkan-Stil, in der die „Tito-Witwen“ einen Tanz im Zeitlupentempo präsentieren. Oder eine Hochzeitsvorbereitung, bei der die Braut mit Milch übergossen wird.
An Fantasie, Aufwand und Abwechslung fehlt es der Produktion beileibe nicht. Ganze Heerscharen von Mitwirkenden fluteten den Raum. Allerdings führte die permanente Reizüberflutung doch zu einer allmählichen Abstumpfung der Wahrnehmungsfähigkeit. Es sei denn, man ist in der Lage, sich quasi tranceartig von den Eindrücken treiben zu lassen. Dem Fortkommen, ob abgeklärt ruhig oder neugierig eilend, stand in dem Gedränge allerdings stets jemand im Wege.
Natürlich brauchte niemand die vollen vier Stunden durchzuhalten. Die Türen der Kraftzentrale standen stets offen.
Mit ihren Tanz-Performances setzt die Ruhrtriennale traditionell starke Akzente. Oft als Kontrapunkt zu zeitgleich gezeigten Kreationen gänzlich anderer Machart. So auch mit dem Doppelabend „Landless & Opus“, mit dem das „Opera Ballet Vlanderen“ im ausverkauften Pact Zollverein einen Tag nach der reizüberfluteten Revue der „Balkan Erotic Epic“ in der riesigen Kraftzentrale des Duisburger Landschaftsparks die Zeit anzuhalten versuchte.
Hochkonzentriert und mit minimalistisch ausgedünnten Bewegungsformationen wurden zwei Choreografien von Christos Papadopoulos gezeigt, in denen die Körper ohne erkennbare Handlungsabläufe in einen imaginären Dialog mit dem Raum eintreten. In „Opus“ können sich die elf Tänzerinnen und Tänzer der in Antwerpen ansässigen Compagnie im Laufe des fast einstündigen Stücks nach einer langen, von einem einzigen Ton akustisch getragenen Eingangsphase noch an den strengen Stimmverläufen des nach und nach eingeblendeten Ersten „Contrapuncts“ aus Johann Sebastian Bachs „Kunst der Fuge“ orientieren, sich entsprechend in Gruppen aufteilen und wieder verschmelzen. Hier bietet Bach mit seinen kompositorischen Strukturen noch eine Orientierungshilfe, die nach der Pause dem Solo-Stück „Landless“ fehlte.

Auch hier erklingt ein einzelner Ton, der noch länger angehalten wird. Aber er entwickelt sich nicht zu einer formal gebändigten Komposition, sondern verharrt mit vielen aggressiven Akzenten in einem chaotischen Niemandsland, das erst am Ende zu einer in gleißendes Licht getauchten Ruhe findet.
Der in „Opus“ noch weiß getünchte Bühnenraum ist jetzt purem Schwarz gewichen. Und der mit bewundernswerter innerer Energie und Konzentration agierende Solist Georgios Kotsifakis sitzt mit dem Rücken zum Publikum minutenlang still vor sich hin und erwacht mit unendlicher Langsamkeit zu Leben. Mit einer „Unendlichkeit“, die nicht jeder Zuschauer bis zum Ende der 50-minütigen Performance aushalten konnte und den Raum lieber vorzeitig ließ.
Der Tänzer entdeckt in aller Ruhe und detailgenau zunächst sitzend seinen Körper, bevor er, unsicher wie ein Kleinkind bei seinen ersten Gehversuchen, den Raum zu erkunden beginnt. Ein leerer Raum, den aber die von Jeph Vanger gemixten aggressiven, auf Dauer leicht nervenden Klänge in ein imaginäres Schreckensszenario verwandeln. Bewundernswert, mit welcher inneren Kraft Georgios Kotsifakis die entschleunigten Bewegungsabläufe ausführt und auf jeden akustischen Reflex reagiert.
Ein Lob, das natürlich auch die elf Mitglieder des belgischen Tanz-Corps verdienen, die die filigranen Formationen in „Opus“ mit beachtlicher Präzision bewältigten.
Begeisterter Beifall für beide Produktionen.
Pedro Obiera, 8. September 2026
Vorhang!
Mit Werken von Erik Satie, John Cage u.a.
Premiere: 27. August 2026
Gebläsehalle Landschaftspark Duisburg Nord
Regie: Sarah Silverblatt-Buser
Musikalische Leitung: Julien Masmondet
Balkan Erotic Epic
Konzept und Regie: Marina Abramović
Deutsche Erstaufführung
Premiere: 3. September 2026
Kraftzentrale Landschaftspark Duisburg Nord
Landless & Opus
Choreografie: Christos Papadopoulos
PACT Zollverein Essen
Premiere: 4. September 2026