Bayreuth: „Viaggio in Europa“, Peter Nekoranec und Kateřina Ochmanová

Es klang so alt und war doch so neu – der Satz des Hans Sachs fällt mir ein, als ich die ersten Takte höre. Michel Lamberts Vos mépris chaque jour ist so recht ein Stück nach dem Geschmack von Nostalgikern; auch macht es die hallende Akustik der Schlosskirche, dass das schlichte französische Barocklied, komponiert vom Schwiegervater Lullys, wie ein Lied aus uralten Zeiten ans Ohr der Hörer dringt – und doch ganz von heute ist. Denn alle Musik, die gespielt wird, ist nicht von gestern, sondern immer reinste Gegenwart. Die Erinnerung an das „Alte“ aber ist kaum 16 Stunden alt, denn die Zugabe, die die Sopranos einen Abend zuvor im nahen Markgräflichen Opernhaus zum Besten gaben, Pur ti miro, pur di godo aus der Incoronazione di Poppea, hat auffälligerweise haargenau denselben rhythmischen und melodischen Duktus wie Lamberts chanson. Ein Zufall – aber einer, der wie inszeniert wirkt.

© Clemens Manser Photography

Peter Nekoranec, der sein Debüt beim Festival bereits 2020, in Porporas Carlo il Calvo, erlebte, schafft es überhaupt, immer wieder und nicht allein durch seine launigen Zwischenreden in die Gegenwart zu switchen. Aller Affekt ist bei ihm unmittelbar: bei den quasi bittenden Stücken (Marc Antoine Charpentiers Ciel! Quel triste combat aus David et Jonathas und das folgende Bois épais aus Lullys Amadis) wie den bewegteren. So „anders“ im Rahmen des Festivals Bayreuth Baroque die Stimme wirkt, da Nekoranec Tenor und Haute-Contre, also etwas höher als ein Tenor und etwas tiefer als ein Sopranist oder Altist singt, so anders ist auch das Programm des Nachmittags. Auf drei Franzosen folgen vier Nummern von Vivaldi, dann wird eine Rameau-Arie eingefasst von Händel. Mit Lambert, Charpentier, Lully und Rameau hat man sich dem französischen Repertoire gewidmet, während Händel mit vier Nummern einschließlich einer Zugabe auch der unverzichtbare Gast und Vivaldi als der „Fremde“ unter den Franzosen erscheint. Der Dramaturg David Treffinger wies allerdings darauf hin, dass es im 18. Jahrhundert einen vielfältigen, eben durch die titelgebenden Europareisen der Komponisten, Musiker und Musikalien stattgehabten Austausch gab, der gegenseitige Einflussnahmen möglich machte; Charpentier ist weniger französisch als Lully, der für nationalistische Vereinnahmungen sicher besser geeignetere Komponist als Händel. Nekoranecs Kunst sorgt allerdings auch dafür, dass Vivaldis Vedrò con mio dieltto (aus dem Giustino) wie ein barockes Schubertlied klingt, während Gelido in ogni vena aus Farnace wie eine Variation des Frostsongs aus Purcells King Arthur in die Kirche klirrt. Apropos Klirren: der Klang des Cembalos ist ideal geeignet für solche Arien. Kateřina Ochmanová ist dem Sänger das, was man eine „verlässliche Begleiterin“ nennt.

Es ist wie am Vorabend: Besonders langen Applaus ernten die beiden Künstler vor Allem für die lyrischen Arien. Variatio delectat: Es gilt für das Programm wie für die Charaktere, die hier ein dramatisches Vibrato (La fatal sentenza aus Vivaldis Tito Manlio), dort einen ausgesprochen schönen Ton (die Giustino-Arie) erfordern. Zwei Zugaben zeigen noch einmal die Weite der Barockoper bzw. des Barockoratoriums bzw. des Barock-Songs. Nach Purcells balsamisch gebrachtem Music for a while folgt Händels Thou shalt break them aus dem Messiah. Auch ein französisches Stück wäre an dieser Stelle möglich gewesen; es gibt ja viele, nein: sehr viele auserlesene Barockkomponisten, die in Frankreich französische Musik gemacht haben.

Wäre das nicht ein schönes Schwerpunktthema für eine der folgenden Festivalausgaben? Warum nach den Italienern und den beiden Händels nicht einmal eine Lully-Oper im Markgräflichen Opernhaus spielen, also ein Werk auf eine angemessene Bühne bringen, das in deutschen Opernhäusern ansonsten so gut wie nie vorkommt? Einen möglichen Hauptrollensänger hätte das Festival ja schon in petto. Courage, Mesdames et Messieurs, il reste encore beaucoup à découvrir.

Frank Piontek, 14. September 2026


Michel Lambert: Vos mépris chaque jour

Marc-Antoine Charpentier: Ciel! Quel triste combat aus David et Jonathas

Jean-Baptiste Lully: Bois èpais aus Amadis

Antonio Vivaldi:

La fatal sentenza aus Tito Manlio

Gelido in ogni vena aus Farnace

Non sempra folgora aus La costanza trionfante degl‘amori e degl‘odi

Vedrò con mio diletto aus Il Giustino

Georg Friedrich Händel:

Waft her, angels, through the sky aus Jephta

Urne voi und Folle, dunque tu sola presumi aus Il trionfo del Tempo e del Disinganno

Thou shalt break them aus The Messiah.

Henry Purcell: Music for a while

Viaggio in Europa

Festival Bayreuth Baroque
Schlosskirche

12. September 2026

Peter Nekoranec und Kateřina Ochmanová (Cembalo)