Die Premiere war seit Wochen restlos ausverkauft, und Intendant Heribert Germeshausen verkündete bei der Begrüßung des Publikums mit dem Dortmunder Oberbürgermeister Alexander Kalouti, der sich sichtlich stolz auf seine Oper zeigte, anlässlich der Spielzeiteröffnung 2026/27 mit der Premiere von „Rebecca“ am 19. September 2026, man habe zu den 27 bereits geplanten Vorstellungen wegen der großen Nachfrage noch drei weitere angesetzt. Es geht um das am 28. September 2006 im Raimund-Theater/Vereinigte Bühnen Wien uraufgeführte Musical „Rebecca“ nach dem 1938 erschienenen Roman von Daphne du Maurier und dem Kriminalfilm-Klassiker von Alfred Hitchcock von 1940 mit Laurence Olivier als zwielichtigem Maxim de Winter. „Rebecca“ wurde mittlerweile in 15 Ländern und 12 Sprachen gespielt und von rund 2,9 Millionen Menschen gesehen. Einige Besucherinnen waren im Gothic-Stil geschminkt und gekleidet, denn „Rebecca“ gilt bei Gothic-Fans als Kult-Musical. „Rebecca“ lockte überwiegend junge Frauen in die Oper Dortmund, die nach den einzelnen Musiknummern frenetisch applaudierten. Die tote Rebecca und das beeindruckende Bauwerk Manderley sind ein Beispiel dafür, dass Tote mehr Macht haben können als die Lebenden. Dem Duo Michael Kunze (Text) und Sylvester Levay (Musik) ist nach „Elisabeth“ und „Mozart!“ ein weiteres erfolgreiches Musical gelungen. Die Oper Dortmund ist das erste deutsche Stadttheater, das in einer Neuinszenierung dieses Musical in einer opulenten Produktion spielt.

Mit sicherem Instinkt für Spannung hat Textdichter Michael Kunze Handlung und Dramatik des Films von Alfred Hitchcock in ein faszinierendes Musical umgesetzt, das in einem eleganten Hotel an der Côte d´Azur, dem feudalen Landhaus Manderley an der Küste Cornwalls, einem Bootshaus und vor einem Gericht spielt. Komponist Sylvester Levay gelingt es, mit einer Art Leitmotiv-Technik die Präsenz der verstorbenen Rebecca erlebbar zu machen, deren Tod das Leben ihres Witwers Maxim de Winter überschattet. Sylvester Levays Musik verbindet Romantik, Melancholie und Bedrohung in groß angelegten musikalischen Klangflächen, in denen Dunkelheit und Romantik gleichzeitig existieren. Der interessante Aspekt, mit dem sich junge Frauen identifizieren, ist die Frage: „Wie kann ich „ich“ selbst werden, wenn eine Tote größer erscheint als ich?“ Die weibliche romantische Heldin „ich“, deren Name im ganzen Stück nie genannt wird, bildet mit ihrer Erzählung über Manderley die Rahmenhandlung. Sie macht eine große persönliche Emanzipationsgeschichte durch. Von dem in den reichen, attraktiven Maxim de Winter verliebten jungen, schüchternen Mädchen entwickelt sie sich zur gleichberechtigten ebenbürtigen Partnerin an der Seite ihres eines Mordes beschuldigten Mannes. Bereits im Foyer des Opernhauses gibt es eine Foto-Wand mit dem Sekretär Rebeccas, vor der man sich fotografieren lassen kann, und vor der ersten Nummer ist ein großes stilisiertes „R“ in Gold auf Rot auf den Vorhang projiziert. Dazu rauscht der Atlantik raunend.
Der erfahrene Musical-Regisseur Gil Mehmert und die Bühnenbildner Karl Fehringer und Judith Leikauf nutzen die Bühnentechnik, vor allem die Drehbühne, der Oper Dortmund in ihrer Neu-Inszenierung für schnelle Umbauten und exzellente Feuer-Effekte beim Brand von Manderley, so dass das Musical im Ablauf wirkt wie ein Spielfilm. Mit wenigen stilisierten Elementen werden Orte charakterisiert. Mit den historisch korrekten Kostümen aus dem Jahr 1926, vor allem aber den Kostümen zum großen Maskenball auf Manderley, nimmt Falk Bauer die Herausforderung an, die Protagonisten und das Ensemble typgerecht einzukleiden. In der durchdachten Choreographie von Yara Hassan macht das für ein Musical große 13-köpfige Ensemble eine gute Figur als Hotelgäste, Personal auf Manderley, Gäste des Kostümballs und Gerichtszuschauer, nicht nur als Sänger, sondern auch als Tänzer. Nicht vergessen werden darf die filmreife Lichtregie von Michael Grundner und das professionelle Sounddesign von Joerg Gruensfelder, bei dem die Einspielungen des Meeresrauschens, die Stimmen und das Orchester in einem ausgewogenen Verhältnis klangen.
Das Musical ist die aus den USA kommende Form des Musiktheaters, das ausdrücklich mit elektronischer Verstärkung der Musiknummern arbeitet und in dem die Texte in der Landessprache ohne operntypische Verzierungen gesungen und gesprochen werden. Man braucht keine Übertitel, und durch die Headsets der Darstellenden ist die Sprache gut verständlich. Die Handlung fasziniert auch unbedarfte Zuschauer, die weder den Roman noch den Film von Hitchcock kennen, denn die Rollen sind alle durchweg hervorragend besetzt. Die zwielichtige Mrs. Danvers, Hüterin der Legende der toten Rebecca, verkörpert Bettina Mönch mit großer Bühnenpräsenz. Mit dem Song „Rebecca“ hat sie einen der großen Hits des Musicals, der immer wieder in anderer Form auftaucht. Der Darsteller von Maxim de Winter, Mark Seibert, trat in die Fußstapfen Laurence Oliviers aus dem Hitchcock-Film von 1940 und erwies sich als kongenialer Sänger-Darsteller, dessen dunkle Seite im Verlauf des Stücks beeindruckend zutage trat. Er hatte die Rolle 2022 bis 2024 bereits in Wien gestaltet. Hätte Intendant Germeshausen ihn nicht als indisponiert angekündigt, niemand hätte etwas bemerkt.
Wichtigste Person ist Antonia Kalinowski in der Rolle „ich“ der jungen Frau, die sich zur wie eine Löwin für ihren Mann kämpfenden gleichberechtigten Gattin entwickelt. Sie eröffnet und schließt mit Prolog und Epilog: „Ich hab´ geträumt von Manderley“ und besiegt im Duett „Ich bin Mrs. de Winter“ den Schatten ihrer Vorgängerin Rebecca, indem sie sich gegen die dominante Haushälterin Mrs. Danvers, die die Legende „Rebecca“ pflegt, durchsetzt. Das 13-köpfige Tanz- und Gesangsensemble fungierte nicht nur als Hotel- und Ballgäste und als Personal, sondern auch als kommentierendes Publikum bei der Gerichtsverhandlung mit anspruchsvollen Chören und Choreinwürfen. Hervorragend besetzt waren ebenso die kleineren Rollen wie Amani Robinson als exzentrische Amerikanerin Mrs. van Hopper, David Jacobs als fieser Erpresser und Ex-Lover Rebeccas Jack Favell, Alexandra Farkic als Beatrice, besonders anrührend Max Lochmüller als geistig behinderter Ben und Martin Planz als Oberst Julian. Sehr aufwändig waren die Dortmunder Philharmoniker unter der Leitung von Carlos Vásquez besetzt, und das hat mit der Instrumentierung von Sylvester Levay zu tun, der in großer spätromantischer Orchesterbesetzung, vergrößert um typische Musical-Instrumente wie Klavier, Keyboard und erweitertes Schlagzeug, mit den Streichern einen satten Klangteppich erzeugt, mit den Holzbläsern filigrane Elemente hinzufügt und mit den Blechbläsern dramatische Effekte betont. Er kann mit dieser aufwändigen Instrumentation den Eindruck erzeugen, Manderley sei riesig, und kurz darauf durch Ausdünnen der Instrumentierung das Gefühl: „ich bin allein“ andeuten.
Der Oper Dortmund ist mit dieser groß angelegten Produktion ein fulminanter Start in die Spielzeit 2026/27 gelungen. Das überwiegend junge Publikum applaudierte enthusiastisch. Vermutlich hat man mit dieser Produktion auch neue Zuschauer für die Oper angelockt. Die stehenden Ovationen steigerten sich noch einmal, als Michael Kunze und Sylvester Levay trotz ihres hohen Alters nach dem Regieteam die Bühne betraten.
Ursula Hartlapp-Lindemeyer 24. September 2026
Rebecca
Sylvester Levay
Textdichter Michael Kunze
Theater Dortmund
Premiere am 19. September 2026
Regisseur Gil Mehmert
Carlos Vásquez
Dortmunder Philharmoniker