Krefeld: „Otello“, Giuseppe Verdi

Mit seinem Spätwerk Otello schuf Giuseppe Verdi ein packendes Musikdrama, das sich auch heute noch großer Beliebtheit erfreut. Zum Inhalt muss an dieser Stelle wohl nichts weiter gesagt werden. Aus heutiger Sicht ist die Deutung des jeweiligen Inszenierungsteams meist eh viel spannender, wodurch diese Oper über all die Jahre hinweg aus den unterschiedlichsten Perspektiven beleuchtet wurde. Beliebt ist hierbei die Möglichkeit, die Geschichte aus der Sicht der Titelfigur zu erzählen. Diesen Ansatz hat auch Roman Hovenbitzer für seine Inszenierung gewählt. Er brachte zuvor bereits eine wunderbare Inszenierung von Wagners Der fliegende Holländer am Gemeinschaftstheater Krefeld-Mönchengladbach auf die Bühne. Während er seinerzeit sehr gefühlvoll in die Psyche von Senta schaute, wählt er bei Otello einen ähnlichen Ansatz. Er zeigt die Verdi-Oper aus der Sicht des in seinen Alpträumen gefangenen Otello, der vom Krieg gezeichnet ist und unter posttraumatischen Belastungsstörungen leidet. Entsprechend beginnt die Oper in diesem Fall mit dem Ende, in dem Otello neben der getöteten Desdemona erwacht – oder zumindest glaubt, zu erwachen. Von hier springen wir an den Anfang der Geschichte, wo mit dem fulminanten Sturmchor gleich zu Beginn das Highlight des gesamten Abends steht. Bei der Ankunft der „Kriegshelden” strömen der Opernchor und der Extrachor des Theaters Krefeld-Mönchengladbach durch die Eingänge rechts und links in den Saal, sodass die Zuschauerinnen und Zuschauer mitten in einem gewaltigen Klangraum sitzen. Die Niederrheinischen Sinfoniker spielen unter ihrem Generalmusikdirektor Mihkel Kütson hierbei fulminant auf. Es ist immer wieder aufs Neue erstaunlich, mit welcher musikalischen Qualität das Gemeinschaftstheater am Niederrhein nahezu jede Musiktheaterproduktion auf die Bühne bringt.

© Matthias Stutte

Auch optisch schöpft Roman Hovenbitzer zusammen mit Bühnenbildner Alfred Peter und Kostümbildnerin Susanne Hubrich zu Beginn aus dem Vollen. Der Schnürboden kommt hierbei ebenso zum Einsatz wie eine große Menge Nebel, Rauch und lodernde Flammen auf der Bühne. Eine bemerkenswerte Videoinstallation (Peter Issig) in Form eines Auges, das das gesamte Geschehen beobachtet, ist als zentrales Element ebenfalls von großer Bedeutung. Otellos Blick in sich selbst wird mehrfach auch optisch durch das Bühnenbild unterstützt. Dies wird bereits zu Beginn deutlich, wenn sich die schwarze Wand mit der vergleichsweise kleinen Aufschrift „No Exit“ nach hinten öffnet und Platz für Otellos Wahnvorstellungen schafft. Gelungen hierbei, wie man in verschiedenen abstrakteren oder surrealen Szenen auch an kleinen Details und dem Verhalten der Personen immer wieder gut erkennen kann, das hier eben nicht die Realität dargestellt wird, sondern sich im Kopf Wahnvorstellungen und klarere Momente abwechseln, wobei der Wahn zunehmen die Oberhand gewinnt. Stellenweise ist dies schon mehr Thriller als Oper, der dabei tief unter die Haut geht. Verstärkt wird diese Wirkung durch die Kostüme, die hauptsächlich aus Militäruniformen bestehen und teilweise noch deutliche Spuren der brutalen Kämpfe aufweisen. Im absoluten Kontrast hierzu steht die Darstellung der Desdemona, die von Otello wie eine Heilige verehrt wird.

© Matthias Stutte

Der Ansatz, die Geschichte in Otellos Kopf spielen zu lassen, ist sicherlich nicht neu. Da er hier aber konsequent durchdacht ist, ist dagegen auch nichts einzuwenden, im Gegenteil. Otello ist ein absoluter Außenseiter, und die Bilder, die er im Krieg gesehen hat, lassen ihn nicht mehr los. Hovenbitzer spricht in diesem Zusammenhang von einem „eigenen psychischen Gefängnis“, in dem sich Otello befindet. Dies wird in den rund drei Stunden Aufführungsdauer sehr stringent dargestellt. Hinsichtlich der optischen Gesamtumsetzung entsteht unweigerlich der Eindruck, dass dem Krefelder Publikum in dieser Spielzeit noch einmal ein großes und in dieser Form beeindruckendes Bühnenbild geboten werden sollte, bevor ab der kommenden Spielzeit für einige Jahre ins Theaterzelt ausgewichen werden muss. Dies zieht sich allerdings nicht durch den ganzen Abend: Stellenweise wird die Oper fast zu einem intimen Kammerspiel, was durchaus zur Handlung passt. Besonders deutlich wird dies im Duett zwischen Otello und Desdemona, in dem Otello seine Frau von sich weist und im Anschluss daran völlig verzweifelt. Auch im Zusammenspiel der beiden männlichen Hauptrollen kommt es immer wieder zu kammerspielartigen Szenen, die von den beiden Gastsolisten Mickael Spadaccini und Luka Brajnik trefflich umgesetzt werden. Zudem sieht Hovenbitzer die Figur des Jago nicht nur als Person, sondern vielmehr als Prinzip oder als treibende Kraft in unserer Welt, „der moralische und emotionale Kriterien abhandengekommen sind und die sich der destruktiven Ängste und Schwächen der Menschen bedient“. Diese Deutung funktioniert sehr gut. Zu erwähnen wäre allerdings, dass das überwiegend schwarze Bühnenbild mit zunehmender Dauer der Oper doch recht ermüdend wirken kann. Man sollte also unbedingt ausgeschlafen in diese Oper gehen.

© Matthias Stutte

Die exzellente musikalische Umsetzung sorgt allerdings auch dafür, dass man hier nicht einschläft. Neben den beiden Gästen in den männlichen Hauptrollen, die sowohl gesanglich als auch schauspielerisch vollkommen überzeugen, kann das Theater in den weiteren Rollen einmal mehr auf sein starkes Musikerensemble vertrauen. In der Rolle der Desdemona versprüht Sofia Poulopoulou mit ihrem klaren Sopran eine angenehme Wärme, wenn sie immer wieder versucht, irgendwie zu Otello durchzudringen. In der Rolle des Cassio ist mit Woongyi Lee der Tenor des Hauses zu sehen. Für ihn scheint diese Rolle fast zu klein, da sich diese Oper bekanntlich stark auf die drei Hauptfiguren konzentriert. Auch Eva Maria Günschmann als Emilia, Ramon Mundin als Roderigo, Matthias Wippich als Lodovico und Rafael Bruck als Montano bekommen somit nur wenig Raum, diesen nutzen sie jedoch eindrucksvoll. Insgesamt gelingt es dem Theater Krefeld zu Saisonbeginn, einen eindringlichen Opernabend auf die Bühne zu bringen, der das Publikum zu begeistern vermag, wie der lange Applaus nach der Premiere unmissverständlich klar macht. Dabei scheut Hovenbitzer nicht davor zurück, die Schrecken des Krieges auch bildlich darzustellen und mit Otello eine Figur auf die Bühne zu bringen, die durch die Unmenschlichkeiten des Krieges sich selbst komplett verloren hat.

Markus Lamers, 28. September 2026


Otello
Oper in vier Akten von Giuseppe Verdi mit einem Libretto von Arrigo Boita nach dem gleichnamigen Schauspiel von William Shakespeare

Theater Krefeld

Premiere: 27. September 2026

Inszenierung: Roman Hovenbitzer
Musikalische Leitung: Mihkel Kütson
Niederrheinische Sinfoniker

Interview mit dem Regisseur

Weitere Aufführungen am 4. Oktober 2026, 16. Oktober 2026, 4. November 2026, 7. November 2026, 20. Dezember 2026 und 8. Januar 2027 sowie in Mönchengladbach ab dem 15. Januar 2028.