Köln: „Der Rosenkavalier“, Richard Strauss (Dritte Besprechung)

Am Ende fiel nicht nur der Vorhang, sondern auch ein dicker Stein vom Herzen Hein Mulders, als die Eröffnungspremiere der Kölner Oper nach fünf langen Stunden ohne weitere Pannen über die Bühne ging. „Wir mussten spielen“, bekannte der Intendant in einem kurzen Statement, auch wenn noch viele technische „Kinderkrankheiten“ zu korrigieren seien. In der Tat haben Probleme u.a. mit dem Bühnenboden und der Obermaschinerie die Proben immer wieder ins Straucheln gebracht.

Umso befreiter kann sich die Mannschaft der Kölner Oper über den offensichtlich störungsfreien Verlauf der Premiere mit einer Neuinszenierung von Richard Strauss‘ Opern-Hit „Der Rosenkavalier“ freuen. Das Premierenpublikum reagierte auf den Neustart mit großem, wenn auch nicht enthusiastischem Beifall und einigen Buh-Rufen für das szenische Team. In der Tat gab die Aufführung nur wenig Anlass, von den Sitzen zu springen.

Im Vorfeld gab es schon Einwände gegen die Wahl des Stücks, das nicht den geringsten Bezug zu Köln und seiner Oper erkenn ließ, die auf eine stattliche Serie von Uraufführungen von Korngolds „Die tote Stadt“ bis Bernd Alois Zimmermanns „Die Soldaten“ zurückblicken kann. Allerdings wurden gerade diese beiden Werke in der Interimszeit im Deutzer Staatenhaus gezeigt. Und für Zimmermanns extrem komplexes Werk dort unter räumlich besseren Bedingungen als im sanierten Haus am Offenbachplatz.

Hier wurde es im „Rosenkavalier“ für das groß besetzte Gürzenich-Orchester recht eng, was sich in einem traditionell zugeschnittenen Guckkasten-Theater halt nie ganz vermeiden lässt. Wirkt die Kritik an der Stückwahl ein wenig kleinkariert, wirft die Besetzung der Hauptrollen berechtigte Fragen auf. Denn für die wurden mit einer Ausnahme ausschließlich Gäste engagiert. Von einer Ensembleleistung kann kaum gesprochen werden, wenn sich die Kölner Kräfte mit Nebenrollen und einer kleinen Chorpartie begnügen müssen.

Dass sich aufgrund der technischen Probleme nicht jeder szenische Effekt realisieren ließ, ist zu verschmerzen. Weniger der recht grobschlächtige Umgang mit der feinsinnigen Komödie. Generalmusikdirektor Andrés Orozco-Estrada ließ keine Ambitionen erkennen, den dichten Orchesterklang zu entzerren und ließ ihn nahezu ungefiltert aus dem Graben tönen. Womit er der Kritik des Textdichters Hugo von Hofmannsthal Nährstoff bot, der sich für seinen „Rosenkavalier“ einen an Mozart orientierten, luftigen Klang und als idealen Komponisten Franz Lehár vorstellte.

Druck aus dem Orchester überträgt sich automatisch auf die Gesangssolisten. Schade, dass die stimmlich für die Sophie bestens prädestinierte Sopranistin Giulia Montanari, das einzige Ensemblemitglied der Protagonisten-Crew, immer wieder übertönt wurde. Da haben es robustere Stimmen wie die von Magdalena Hinterdobler als Marschallin und auch Bianca Andrew als Octavian leichter. Ganz zu schweigen von Patrick Zielke als Baron Ochs, der sich darstellerisch nichts schenkt, mit seinem beleibten Körper das Ende des Dritten Akts sogar (fast) nackt absolvierte, stimmlich aber mehr deklamierte als sang.

Strauss und Hofmannsthal waren sich nicht sicher, ob sie ihr Stück nicht „Ochs von Lerchenau“ nennen sollten. Bei der französischen Regisseurin Marie-Eve Signeyrole rückt der übergriffige Baron tatsächlich in den Focus einer Me-To-Kampagne. Zu den wenigen Meriten ihrer problematischen Inszenierung zählt das geschärfte Rollen-Profil des „aufgeblasenen, schlechten Kerls“, dessen frauenfeindliche, sexistische Übergriffe in früheren Produktion oft zu Altherren-Witzen verharmlost wurden. Bei Signeyrole wird die Figur dem üblen Harry Weinstein immer ähnlicher und die Kampagnen der Gesellschaft, um den selbstherrlichen Galan zu enttarnen, wirken erstaunlich aktuell.

Damit hinterlässt der Dritte Akt einen wesentlich überzeugenderen Eindruck als der Rest des Abends.

Denn der zweite Handlungsstrang um die Marschallin, die ihre Probleme mit dem fortschreitenden Alter durch eine Affäre mit dem jungen Grafen Octavian verdrängen will, am Ende aber doch dem jungen Glück des Grafen mit Sophie ihren Segen gibt, verliert jede erotische Brisanz, wenn man selbst sexuelle Aktivitäten vor den Kameras eines Filmteams praktiziert. Der Marschallin als Film-Regisseurin und zugleich Hauptdarstellerin glaubt man letztlich nicht die, zugegeben, oft larmoyanten Klagen über ihren Altersprozess. Und auch die Beziehung Octavians und Sophies rückt in ein schiefes Licht, wenn die „Silberne Rose“, die Oktavian der Sophie als Brautgabe für den Baron Ochs überreichen soll, zum Filmpreis für Sophie als hoffnungsvolles Nachwuchstalent verzerrt wird. Die unausweichliche Vermischung von Film und Realität erschwert lediglich die Orientierung durch die filigran gestrickte Handlung. Und die Damen und Herren können sich noch so oft die Mieder und Hosen vom Leib reißen. Erotisch knistert da nichts. Da helfen auch übergroße Videoprojektionen der pikanten Aktivitäten nicht viel.

Erst recht nicht die meist dunkle und nur mit wenigen Requisiten und Bühnenelementen ausgestattete Kulisse von Fabien Teigné, die immerhin durch raffinierte Lichteffekte aufgewertet wird.

Pedro Obiera 3. Oktober 2026

  1. Besprechung
  2. Besprechung

Der Rosenkavalier
Richard Strauss
Oper Köln

Premiere am 27. September 2026

Inszenierung: Marie-Eve Signeyrole
Musikalische Leitung: Andrés-Orozco Estrada
Gürzenich-Orchester Köln