Es war ein Fest, wie es die Stadt Köln seit Langem nicht mehr erlebt hat. Eine Veranstaltung von enormer gesellschaftlicher Tragweite. Das wurde spätestens beim Blick auf den roten Teppich am Offenbachplatz deutlich, auf dem sich eine lange Schlange von Gästen versammelt hatte, um Intendant Hein Mulders persönlich die Hand zu reichen. Nun war es tatsächlich so weit: An der Kölner Oper hob sich endlich wieder der Vorhang für das, wofür dieses Haus bestimmt ist. Nach 14 Jahren Bauzeit stand die Premiere von Richard Strauss’ Komödie für Musik Der Rosenkavalier auf dem Programm.
Noch bevor es losging, trat Intendant Mulders vor den Vorhang und dankte überschwänglich seiner gesamten Mannschaft, die in den vergangenen Tagen offenbar Unvorstellbares geleistet hatte. Und gewiss mag es im Publikum den einen oder anderen gegeben haben, der sich fragte, ob an diesem Abend tatsächlich alles funktionieren würde. Die Berichte über immer wieder auftretende technische Probleme waren schließlich allgegenwärtig. Es wäre dabei naiv, die Kölner Oper lediglich als sanierten Altbau zu betrachten. Gerade mit Blick auf die Bühnentechnik handelt es sich faktisch um einen Neubau. Dass ein solches Großprojekt mit Kinderkrankheiten zu kämpfen hat, sollte jedem Besucher bewusst sein. Dann aber sollte es nun beginnen und man meinte, das Publikum dürste förmlich nach dem ersten Ton. Es wurde zunächst durch ein kurzes stummes Vorspiel noch weiter auf die Folter gespannt. Als schließlich der erste, fanfarenartige Klang aus dem Orchestergraben ertönte, meinte man ein kollektives, erleichtertes Aufatmen im Saal zu spüren: Am Offenbachplatz wurde wieder Oper gespielt.
Vielleicht hätte es für diesen historischen Abend kaum ein passenderes Werk geben können als Strauss’ Rosenkavalier. „Die Zeit, die ist ein sonderbar‘ Ding“ gehört zu den bewegendsten Monologen der Musikgeschichte – und wirkt zugleich wie ein Sinnbild für die Veränderungen, die dieses Haus in den vergangenen Jahren durchlaufen hat. Die lange Zeit der Sanierung und die damit verbundenen Umbrüche spiegeln sich beinahe zwangsläufig in einer Oper, deren zentrale Figuren mit Vergänglichkeit, Abschied und Veränderung konfrontiert sind. Wer während der Interimsspielstätte im Staatenhaus mit dem Behelf unglücklich war, mochte sich vielleicht nach der Rückkehr an den Offenbachplatz eine prächtige Opernwelt erhofft haben, die ästhetisch an die große Kölner Tradition, vielleicht sogar an die Ära der Intendanz Hampe anknüpft. Diese Erwartungen werden allerdings bewusst enttäuscht. Regisseurin Marie-Eve Signeyrole und ihr Ausstattungsteam haben mit Strauss’ Werk etwas gänzlich anderes vor.

Dieser Rosenkavalier verzichtet auf jeden Zuckerguss, auf Kitsch ebenso wie auf überbordende Dekoration und naturalistische Opulenz. Stattdessen herrscht von Beginn an eine beinahe düstere Atmosphäre. Hell-Dunkel-Kontraste werden zum bestimmenden Element, die Inszenierung konzentriert sich stark auf die Figuren und holt Strauss’ Komödie in ein modernes Filmset. Die Feldmarschallin wird zur Filmikone, die einen Film über sich selbst dreht, gleichzeitig das Drehbuch schreibt und Hauptdarstellerin ist. Das ist ein interessanter Zugriff, denn stets durchdringen sich die Ebenen von Realität und Fiktion, und so wird die Zeitlosigkeit des Werkes immer wieder neu hervorgekitzelt. Das Haus Faninal wird zur Filmgala, bei der die silberne Rose verliehen wird – überreicht von Octavian an den neuen Shooting-Star Sophie. Aber auch in diesem Setting kommt es letztlich, wie es kommen muss und Marie-Theres muss schließlich das Feld für die Jüngere räumen.
Besonders spannend ist dabei der Umgang mit den Geschlechterrollen. Octavian erscheint nicht einfach als klassische Hosenrolle. Vielmehr wird daraus ein Spiel mit Identitäten und Geschlechtern – ein raffinierter Zugriff, der den weiblichen Figuren neue Facetten abgewinnt.
Überhaupt interessiert sich die Regie weniger für die Oberfläche als für die Brüche und Abgründe ihrer Figuren. Das zeigt sich besonders deutlich beim Baron Ochs. Er ist hier nicht bloß der tölpelhafte, liebenswerte Schwerenöter, als der er allzu gern gezeichnet wird. Die Inszenierung zeigt ebenso unmissverständlich seine Übergriffigkeit und den Moment, in dem sein Begehren in Machtanspruch umschlägt. Gerade dadurch gewinnt die Figur an Kontur und verliert zugleich jene harmlose Komik, die ihr häufig anhaftet. Nicht umsonst kommt einem im Kontext des Filmsets der Name Harvey Weinstein ins Gedächtnis, der als Sinnbild für Übergriffigkeit in der Filmbranche steht.
Die Regie setzt dieses Konzept konsequent um. Gleichwohl unterscheiden sich die Akte in ihrer szenischen Ausgestaltung deutlich voneinander. Vor allem der erste Akt will nicht recht Fahrt aufnehmen. Das Publikum wird unmittelbar in ein Filmset geworfen, was als Eröffnungsidee durchaus funktioniert. Doch die Komik der zahlreichen Nebenfiguren, das Wilde und Turbulente der Szenerie bleiben zunächst verhältnismäßig ungeordnet. Gerade angesichts der präzisen Personenführung bei den Hauptfiguren ist das schade. Denn dort gelingt Marie-Eve Signeyrole eine scharf konturierte Figurenzeichnung, die dem Werk durchaus gerecht wird. Die Komik hingegen muss man über weite Strecken suchen. Manchmal schlägt sie durch, bekommt aber durch das Düstere des Abends auch gerne eine gewisse Bitternis. Ähnliches gilt für die Beislszene im dritten Akt. Auch sie bleibt weitgehend unkomisch. Die Ausstattung ist weiterhin düster und arbeitet mit Versatzstücken; der rechte szenische Zugriff auf diese Szene will sich nicht so recht einstellen. Stark, aber aufgrund der Nacktheit nicht jedermanns Sache, ist einzig der Umstand, dass der Ochs letztlich die Hosen im wahrsten Sinne des Wortes runterlässt und eine Entbagatellisierung seiner Übergriffigkeiten stattfindet. Umso stärker wirkt demgegenüber das Finale des dritten Aktes. Hier findet die Inszenierung zu einer großen emotionalen Kraft und entfaltet eine beinahe betörende Schönheit, die manche Schwächen des Abends vergessen lässt.

Überhaupt liegen die größten Stärken dieser Produktion in ihren emotionalen Momenten, die den Akteuren auf der Bühne schauspielerisch viel abverlangen, sind sie durch den steten Einsatz von Live-Kameras doch mit jeder mimischen Regung wie unter der Lupe vergrößert und detailliert wahrzunehmen.
Ausstatter Fabian Teigné hat der Regie ein Bühnenbild geschaffen, das sich aus verschiedenen Versatzstücken immer wieder neu zusammensetzen lässt. Häufig bleibt letztlich nur die leere Bühne, die durch das Licht definiert wird. Gerade im Rosenkavalier wirkt dieser Verzicht auf Opulenz beinahe erfrischend, gleichwohl fehlte es den Räumen mitunter an Atmosphäre. Oft wurde Strauss’ Werk mit Stuck, Plüsch und klischeehaftem Dekor überladen – dieser Abend geht einen dezidiert anderen Weg. Die Düsternis mag nicht jedem gefallen. So hat man den Rosenkavalier tatsächlich selten gesehen.
Bemerkenswerte Akzente setzen die Kostüme von Yashi. Ihre Eleganz und Stimmigkeit bilden einen wirkungsvollen Kontrapunkt zur monochromen, düsteren Bühnenwelt. Sie geben der Szenerie immer wieder Farbe, ohne den grundsätzlich reduzierten Zugriff der Inszenierung zu konterkarieren.
Die Arbeit von Marie-Eve Sigeyrole ist damit zweifellos diskussionswürdig. Das zeigte sich auch beim Schlussapplaus: In die deutlichen Bravo-Rufen mischten sich Buh-Rufe für das Regieteam. Festzuhalten bleibt jedoch, dass dieser Zugriff auf den Rosenkavalier ungewöhnlich und in seiner Konsequenz bemerkenswert ist. In sich ist die Arbeit stimmig, auch wenn sie gerade im ersten Akt einige Schwächen aufweist. Zu oft fehlt es an Leichtigkeit, die die Musik durchaus hergibt, zu oft wird die große, fast leere Bühne zum Hindernis, eine konkrete Situation zu erzählen. Der Humor bleibt vielfach auf der Strecke, die Emotionalität gewinnt dafür an Gewicht. Gerade die Zeichnung der Figuren und ihrer Fallhöhen gehört zu den interessantesten Aspekten des Abends.

Eine sichere Bank ist die musikalische Seite. Dabei sei angemerkt, dass es eine große Zahl an Rollendebuts gibt – so auch die drei Protagonistinnen.
Magdalena Hinterdobler gestaltet die Feldmarschallin mit betörender Tiefe und großer Bühnenpräsenz. Sie gibt der Figur eine charmante, zugleich nachdenkliche Melancholie und findet für ihre großen Momente genau jene Mischung aus Souveränität und Verletzlichkeit, die diese Partie verlangt. Bianca Andrew als Octavian überzeugt ebenfalls auf ganzer Linie. Ihr Gesang besitzt lyrische Schönheit, klare Linien und eine große Selbstverständlichkeit. Gerade in den ruhigeren Passagen kann sie ihre Stimme wunderbar entfalten. Giulia Montanari gibt eine Sophie von betörender Schönheit. Kristallklar, leicht und elegant meistert sie ihre Partie.
Patrick Zielke zeichnet den Baron Ochs konsequent gegen die Verharmlosung der Figur. Er lässt die Fassade des plump-charmanten Schwerenöters immer wieder ins Drastische kippen. Die Übergriffigkeit des Ochs wird nicht bagatellisiert, sondern ausdrücklich sichtbar gemacht. Im dritten Akt wird ihm schließlich auch buchstäblich die Fassade genommen: Bis auf einen knappen Tanga ausgezogen, steht er entblößt vor den anderen Figuren. Was zunächst komisch wirken mag, besitzt dabei eine klare szenische Funktion: Der Mann, der sich zuvor hinter gesellschaftlicher Stellung, Kleidung und Selbstsicherheit verschanzen konnte, ist nun vollständig entlarvt.
Die zahlreichen kleinen Partien sind solide bis sehr gut besetzt: Young Woo Kim geht mit einiger Kraft in die Rolle des italienischen Sängers, meistert die Arie aber souverän. Martin Koch als Valzacchi überzeugt mit klarer Stimme und Spielfreude, Dalia Schaechter vermag als Anina musikalisch nicht so recht zu begeistern. Christian Miedl als Faninal schmeißt sich stimmlich und szenisch mit viel Verve in seine Rolle, ebenso Claudia Rohrbach als Jungfer Marianne.
Im Orchestergraben dirigiert Andrés Orozco-Estrada als Generalmusikdirektor selbstverständlich die erste Opernpremiere im wiedereröffneten Haus. Mit viel Energie geht er ans Werk, manchmal mit zu viel Energie, so dass die Balance zwischen Bühne und Graben in den kraftvollen Passagen zu Ungunsten der Sänger immer wieder einer starke Belastungsprobe ausgesetzt wird. Dagegen gelingen die melancholischen, lyrischen Passagen mit kammermusikalischer Feinheit. Das Gürzenich-Orchester zeigt sich in Hochform, musiziert einen sensationellen Strauss, der gerade im Finale des dritten Aktes zu einer wahren Sternstunde wird. Es bleibt zu hoffen, dass die Balanceprobleme sich nur als Kinderkrankheit bis dahin unbekannter akustischer Verhältnisse erweisen.
Am Ende bleibt vor allem ein Rosenkavalier in Erinnerung, dessen größte Kraft nicht in seiner Komik, sondern in seinen emotionalen Momenten liegt. Die Inszenierung nimmt Strauss’ Figuren ernst, entzieht ihnen manches liebgewonnene Klischee und schaut dorthin, wo es unangenehm werden kann. Das hätte sich gerade mancher Zuschauer mit konservativen Sehgewohnheiten vielleicht anders gewünscht, und es bleibt auch festzuhalten, dass nicht alles bei diesem Konzept aufgeht. Doch wenn die Musik und die Figuren zusammenfinden, entwickelt dieser Abend eine enorme Intensität.
Sebastian Jacobs, 28. September 2026
Der Rosenkavalier
Richard Strauss
Oper Köln
Premiere am 27. September 2026
Inszenierung: Marie-Eve Signeyrole
Musikalische Leitung: Andrés-Orozco Estrada
Gürzenich-Orchester Köln