Die Spielzeiteröffnung im Bonner Opernhaus mit Mozarts Oper Die Zauberflöte stand ganz im Zeichen der Magie. Schon vor Beginn der Abendveranstaltung wurde im Foyer der Oper Papagenos Panflöte, die zwischenzeitlich abhanden gekommen und ihrer Magie beraubt war, zur großen Freude nicht nur der zahlreichen Kinder mit allen möglichen Zaubertricks wieder mit magischer Kraft „aufgetankt“. Magisch im Sinne von unwirklich, unglaublich, unerhört ging es dann weiter. Generalintendant Dr. Bernhard Helmich trat vor das Publikum im ausverkauften Haus und ließ die Bombe, in diesem Fall leider keine Seifenblase wie bei der vorangegangenen Zaubervorstellung, platzen. Er informierte über einen Prüfauftrag aus der Haushaltsklausur des Verwaltungsvorstands der Bundesstadt Bonn am 2. Oktober 2026. Danach solle die Schließung des Schauspiels in Bonn geprüft werden. Helmichs Stellungnahme ließ an Deutlichkeit nichts zu wünschen übrig: Dies passiere „in einer Zeit, in der andernorts in unserem Land Extremisten auf dem Vormarsch sind, auch weil es nicht gelungen ist, durch Kunst, Kultur und Bildung Maß und Mitte in unserer Gesellschaft zu verankern.“ Unter dem tosenden Beifall der Premierenbesucher stellte er fest: „Mit mir als Intendant wird es eine Schließung des Schauspiels nicht geben.“

Nun aber im guten Sinne magisch, farbenfroh und poetisch ging es auch in der Produktion der Opéra Royal du Chateaux de Versailles und der Opéra de Wallonie-Liège aus dem Dezember 2015 zu, die nun auch in Bonn zur großen Freude der Zuschauer zu erleben ist. Die Regie von Julien Lubek und Cécile Roussat setzt ganz auf den märchenhaften Charakter von Mozarts weltberühmtem Singspiel. Auf der Bühne tummeln sich Akrobaten, Tänzer, Zwerge oder zum Leben erwachende Gegenstände und bieten in ihren prächtigen Kostümen (Regieteam und Sylvie Skinazi) dem staunenden Publikum ein zirkusreifes Spektakel, das mit Mozarts Musik, vor allem aber dem tieferen, würdevollen und aufklärerischen Gehalt der Handlung mit ihren Bezügen zu dem freimaurerischen Gedankengut nur wenig bis gar nichts zu tun hat. Immerhin spiegelt sich das für Mozarts Oper so essentielle Prinzip der Kontrastierung in den phantasievollen Kostümen etwa von Sarastro und der Königin der Nacht wieder. Die Welt der Königin der Nacht ist dunkel und düster, Sarastros Tagwelt ist hell. So jedenfalls erlebt es der kleine Tamino im Traum. Nachdem ihm sein Großvater eine gute Nachtgeschichte vorgelesen hat, träumt er von seinen Abenteuern zur Rettung seiner ihm von der Königin der Nacht zugeworfenen Puppe Pamina, die dann auch im ersten Aufzug als eine Art Barbiepuppe wie die Olympia in Offenbachs Hoffmanns Erzählungen agiert. Sarastros Reich, der Weisheitstempel, erscheint in dieser Traumwelt als riesiges Bücherregal. Aus großen Folianten klettern im zweiten Aufzug auch immer wieder die Knaben hervor, die Tamino und Papageno auf dem Weg zu ihren Prüfungen begleiten. Es gibt an diesem Abend eine Fülle derart überraschender und wunderschön anzusehender Regieeinfälle, die vor allem dem jungen Publikum die Oper nie langweilig werden lassen.
Auch musikalisch gelingt der Bonner Oper ein rundum geglückter Einstieg in die neue Spielzeit. Daniel Johannes Mayr legt mit dem Beethoven Orchester Bonn eine in jeder Hinsicht spritzige und spannungsreiche Interpretation der herrlichen Musik Mozarts vor. Das wird schon in der Ouvertüre deutlich, zeigt sich dann aber vor allem auch in der Orchesterbegleitung der Arien und Duette, die durch zügige Tempi und Akzentuierungen eine ganz neue Frische und einen neuen Anstrich erhalten. Die sibirisch-amerikanische Sopranistin Maria Vasilevskaya, seit dieser Spielzeit Ensemblemitglied der Oper Bonn, spielt und singt die Puppe Pamina ganz wunderbar. Diese Leistung wird auch dadurch nicht geschmälert, dass es ihrer Stimme vielleicht ab und zu für diese Rolle etwas an Süße und auch melancholischer Schattierung fehlt.
Mirko Roschkowski, der in Bonn schon als Lohengrin oder Stolzing gefeiert worden ist, zeigte sich nachwievor auch im Mozartfach zu Hause. Obwohl er einen Schlafanzug als Outfit präsentiert, stellt er einen männlichen Helden dar, der sich seiner Sache, nämlich der Rettung Paminas, absolut sicher ist. Mit kräftiger, besonders in der Höhe leuchtender Tenorstimme bleibt Roschkowski der Partie nichts schuldig.

Nicole Wecker, die seit der Spielzeit 2024/25 dem Ensemble der Oper Bonn angehört, brillierte als Königin der Nacht vor allem mit gestochenen Koloraturen in ihren beiden Arien, die Stimme zeigt aber gerade auch in der Mittellage Fülle und Wärme. Johannes Mertes präsentierte sich als ungemein spielfreudiger Papageno mit rundem, wohlklingendem Bariton und erfüllte damit genau die Erwartungen, die man bei der Verkörperung dieser Rolle hegt. Die beiden Basspartien des Sarastro und des Sprechers waren bei Tobias Schabel und Mark Morouse in den besten Händen, und auch Valerie Haunz als Papagena und Ralf Rachbauer als Monostatos füllten ihre Partien rollendeckend aus. Die drei Damen (Kathryn Henry, Susanne Blattert, Alicia Grünwald) und die drei Knaben (Ida Rausche, Milena Belloce, Rea Simon) machten ihre Sache vortrefflich und auch der Chor des Theater Bonn überzeugte in der Einstudierung durch André Kellinghaus auf der ganzen Linie.
Das Publikum feierte alle an der Aufführung Beteiligten mit enthusiastischem, nicht enden wollendem Beifall. Wer einen kurzweiligen, bunten Opernabend ohne jede Irritation durch eine vorgeblich tiefgründige Regiearbeit erleben möchte, dem sei die Zauberflöte in Bonn wärmstens empfohlen.
Norbert Pabelick, 4. Oktober 2026
Wolfgang Amadeus Mozart
Die Zauberflöte
Theater Bonn
Premiere: 3. Oktober 2026
Inszenierung: Julien Lubek, Cécile Roussat
Musikalische Leitung: Daniel Johannes Mayr
Beethoven Orchester Bonn
Weitere Aufführungen: 9./17./22. Oktober