Manchmal ist es ja so, dass die einfachsten Dinge die besten sind. Nachdem der Verfasser dieser Zeilen sich in letzter Zeit doch eher schwere Kost oder verkorkste Inszenierungen anschauen durfte, war der Besuch im Bonner Opernhaus mehr als erfreulich: Dort zeigt man Puccinis viel zu selten gespieltes Goldgräber-Drama La fanciulla del West in einer stringent erzählenden, geradlinigen, auf dramaturgischen Überbau und Meta-Ebenen verzichtenden, musikalisch erstklassigen Lesart. Das ist einfach mal ein schöner Opernabend, und das ist auch gut so.
Puccinis Oper haftet ja grundlegend der Makel an, dass eben die eine ganz große Arie, wie man sie aus den übrigen Werken kennt und erwartet, fehlt. Auch der eine große, dramatische Bogen zeigt sich nicht so klar wie in den weiteren Opern. Dennoch lohnt es sich dieses Werk auf den Spielplan zu setzen. Die Bonner Oper bringt ein dringendes Plädoyer dafür auf die Bühne und das, wo man am Tag vorher bereits eine Zauberflöte Premiere hatte, vor welcher der Bonner Intendant Bernhard Helmich dem Publikum die neusten Spar-Hiobsbotschaften aus dem Bonner Rathaus mitteilte, die eine komplette Schließung der Schauspielsparte vorsehen. Skandalös und kurzsichtig, wie die Politik so etwas vorantreiben kann.

Zurück zu Puccini:
Regisseurin Daniela Kerck erzählt die Geschichte klar und schnörkellos, zeichnet die Figuren plastisch und so, wie Libretto und Musik es vorsehen. Wir tauchen tief in die Welt der Goldgräber ein. Natürlich geht das nicht ganz, ohne ein paar Klischees zu streifen, aber letztlich ist alles stimmig und im besten Sinne dramatisch. Kerck zeichnet auch für die Bühne verantwortlich, die schlicht und einfach gehalten ist und allein durch wirklich bemerkenswerte Projektionen von Astrid Steiner eine beachtliche Tiefe und Atmosphäre erhält. Die Kostüme von Andrea Schmidt-Futterer bringen das entscheidende thematische Kolorit in die sonst so reduziert gehaltene Szenerie.
Neben der erfreulichen szenischen Seite punktet aber auch die Musik, die in allen Belangen eine exzellente Umsetzung erfährt. Dabei ist sicherlich eine große Herausforderung, dass sich immer wieder neue musikalische Atmosphären auftun, die wie Szenen in einem Film aneinandergereiht sind. Das stellt nicht nur die Regie, sondern vor allen Dingen die musikalische Seite vor die Herausforderung, alles so anzulegen, dass das Werk nicht in seine Einzelteile zerfällt, dass Anschlüsse gut gelingen, Übergänge logisch gestaltet werden und dennoch die ganz besonderen Facetten der Musik zum Leuchten gebracht werden. In Bonn gelingt das.

Dirk Kaftan zeigt, wie gut er sein Beethoven-Orchester und die teils sehr quirlige Szenerie zusammenhalten kann. Im Orchester klingt fein nuancierter Puccini, mal mit viel Pathos auftrumpfend, mal schwelgerisch-romantisch und dann wieder intim. Bei den Sängern stimmt ebenfalls alles. Allen voran Yannick-Muriel Noah beweist wieder einmal, was für ein Glücksfall sie für das Bonner Ensemble ist. Stimmlich mit ausgewogener Dramatik und in allen Lagen wohlklingend gibt sie eine resolute, und doch verwundbare Minnie. Ihr zur Seite mit strahlendem und absolut höhensicherem Tenor punktet George Oniani in der Partie des Dick Johnson. Als Gegenspieler überzeugt Davide Cecconi in der Partie des Jack Rance. Bemerkenswert ist auch die exzellente Ensembleleistung der zahlreichen kleinen Partien im ersten Akt. Besonders positiv fällt hier Gillen Munguia als Nick auf. Die Herren des Bonner Opern- und Extrachors zeigen sich spielfreudig, haben sichtlich Spaß bei der Sache und überzeugen mit homogenem Klang im Kraftvollen, wie im Piano.

Am Ende des Abends jubelt das Bonner Publikum, und das zu Recht. Es lohnt sich diesen „unbekannten“ Puccini zu entdecken, und diese Produktion ist ein starkes Plädoyer dafür. Bravi für die Sänger, für Dirigent und Orchester, für den Chor und für die Regie sprechen eine deutliche Sprache: ein sensationeller Opernabend.
Sebastian Jacobs, 5. Oktober 2026
Das Mädchen aus dem goldenen Westen
(La fanciulla del West)
Giacomo Puccini
Theater Bonn
Premiere: 4. Oktober 2026
Inszenierung: Daniela Kerck
Musikalische Leitung: Dirk Kaftan
Beethoven-Orchester Bonn