München: „Siegfried“, Richard Wagner

Vorhang auf zum Scherzo. Mit einem rundum gelungenen Siegfried ging Tobias Kratzers im Bühnenbild und den Kostümen von Rainer Sellmaier spielende neue Ring-Produktion, an der in München seit zwei Jahren geschmiedet wird, erfolgreich in die dritte Runde.  Damit ist Kratzer, dem als Mitarbeiter der Regie Matthias Piro zur Seite stand, wieder einmal ein großer Wurf gelungen. Gekonnt greift er Motive aus seinen Münchner Inszenierungen von Rheingold und Walküre auf und kombiniert mit großem Geschick ernste und heitere Momente. Seine Herangehensweise an Wagners Werk ist grandios durchdacht und zeichnet sich durch eine flüssige und stringente Personenregie aus. Hier wirkte alles wie aus einem Gruß. Leerläufe stellten sich an keiner Stelle ein. Langweilig wurde es wirklich nie.

Bereits vor dem eigentlichen Beginn erlebte man eine Überraschung: Beim Betreten des Zuschauerraumes erschließt sich dem Blick statt des Vorhangs ein von Andi Fischer gemaltes Einlassbild, das Siegfried und den Drachen zeigt und auf den ersten Blick auch von einem Kind stammen könnte. Das hat der Maler aber bewusst so gemacht und betritt damit das Fahrwasser des Regisseurs. Kratzers Intention besteht darin, mit diesem äußerst naiven Bild die kindliche Perspektive des Geschehens aufzuzeigen. Mit großem Einfühlungsvermögen dringt er in die kindliche Psyche des kindischen Helden, wie Brünnhilde Siegfried am Ende nennt, ein. Dessen Perspektive weist er im Folgenden eine zentrale Relevanz zu. Als äußeres Mittel dazu bedient er sich eines genialen Kniffs: Er besetzt den Siegfried im ersten Aufzug mit einem etwa elfjährigen Knaben, der den schauspielerischen Teil der Rolle übernimmt, während der schwarz gekleidete Sänger des Siegfried von der Seite aus mit dem Klavierauszug in der Hand den gesanglichen Teil beisteuert. Das war ungemein glaubhaft und hat seine Wirkung dann auch nicht verfehlt. Deutlich wurde, dass Kratzer mit diesem genialen Regeeinfall ein Coming-of-Age beabsichtigt. Es geht mithin um Siegfrieds Selbstfindung und seine erwachende Sexualität bereits im zarten Knabenalter. Insgesamt wird dem jungen Helden seitens der Regie eine sehr eindringliche Zeichnung zuteil.

© Monika Rittershaus

Ein wesentlicher Punkt von Kratzers ansprechender Konzeption ist, dass Siegfried gleich Parsifal in zunehmendem Maße lernt, empathisch zu sein. Zusammen mit Mime lebt er in einer kleinbürgerlichen Zweizimmerwohnung mit einer Ikea-Küche, einem Wohn- und einem Kinderzimmer, das für Mime verboten ist, von diesem schließlich aber dennoch betreten wird. Hier stapeln sich allerlei Spielsachen. An die Stelle des Bären tritt ein Hamster, den Siegfried kurzerhand in die Mikrowelle wirft. Aus einem Kinderbuch lernt er Bären und Drachen kennen. Mit Pappschwertern wird in dieser Wohnung bereits gefochten. Auf dem Speiseplan steht Wagner-Pizza. Bemerkenswert ist, dass Mime hier wirklich etwas für seinen Ziehsohn zu fühlen scheint. Nicht nur einmal wird ein gewisses Liebes- und Annäherungsbedürfnis des Nibelungen für den Enkel Wotans offenkundig. Derart weist Kratzer Siegfrieds Ziehvater durchaus auch sympathische Züge zu und wertet die Figur damit stark auf. Fast spürt man Mitleid mit Mime, wenn der Wanderer ihn zu der Wissenswette, die der kleine Siegfried verschläft, an die Heizung fesselt. Zum Schmieden des Schwertes Notung, das unter einem Bettdecken-Zelt stattfindet, benutzt der kleine Siegfried die unterschiedlichsten Küchengegenstände, die er munter durcheinander wirft. Jetzt mischt sich auf einmal auch der erwachsene Sänger des Siegfried in das Geschehen ein. Er betritt die Bühne und assistiert dem Knaben.

Ausgesprochen gut ist Kratzer auch der zweite Aufzug gelungen, der von einem heruntergekommenen dreistöckigen Plattenbau in einer nicht gerade eleganten Großstadt geprägt wird. Ein Film zeigt zu Beginn die Entwicklung Fafners vom Priester zu einem reichen Bonzen. Der Ring dient ihm dabei als Zeitmaschine. Der Reichtum hat indes auch eine Kehrseite. Fafner, der zutiefst bereut, seinen Bruder, mit dem er auf einem Photo zu sehen ist, ermordet zu haben, ist einsam geworden. Aus dieser Situation heraus beschließt er, endlich einmal den in einem Safe aufbewahrten Tarnhelm zu nutzen. Die Provokation durch Siegfried entreißt ihn schließlich seinem Trübsinn. Er stellt sich dem Kampf mit dem Helden. Ein Lindwurm ist in Kratzers Interpretation nicht zu sehen, sondern innerhalb der Glasbausteine des Treppenhauses allenfalls zu erahnen. Der Drachenkampf, bei dem sogar die Polizei in einem Streifenwagen vorfährt, findet für den Zuschauer unsichtbar in Fafners Wohnung statt. Immer präsent ist dabei der das Geschehen neugierig beobachtende Alberich, der neuerdings als Chef einer gewalttätigen Schlägertruppe fungiert. Nach seiner Auseinandersetzung mit Wotan bleibt er auf der Bühne sitzen und gesellt sich einvernehmlich zu Siegfried, der ihm sein Schwert zeigt und mit dem er genüsslich Bier trinkt. Mit die Spannung steigernden Tschechow‘  schen Elementen kann der Regisseur umgehen. Das muss man sagen. Insbesondere das Waldweben hat man lange nicht mehr so interessant und kurzweilig umgesetzt gesehen wie hier. In dessen Verlauf schießt Alberich auf den von der Regie als echten, ständig mit den Flügel schlagenden Piepmatz vorgeführten Waldvogel. Der kommt indes mit dem Schrecken davon und wird von Siegfried liebevoll wieder aufgepäppelt. Hier offenbart sich die ganze Tierliebe Siegfrieds, die beredter Ausdruck seiner neu gewonnenen, oben bereits erwähnten Empathie ist. Zum Schluss  des zweiten Aufzuges betritt ein Penner die Bühne und warnt mit einem Schild um die Brust in englischer Sprache vor dem Ende der Welt, das nur durch Wotan abgewendet werden könne. Alberich und seine Mannen kommen nicht mehr rechtzeitig, um Siegfried an seinem Gang zum Walküren-Felsen zu hindern.

© Monika Rittershaus

Wotan hat sich ebenfalls eine in Kettenhemden gekleidete Hilfstruppe zugelegt, die zu Beginn des dritten Aufzuges in einem wohl auf der Hinterbühne der Bayerischen Staatsoper eingerichteten Fitnessstudio ihrer körperlichen Ertüchtigung nachgeht. Erda wird hereingeführt und von Wotan einem brutalen Verhör unterzogen. Nachdem Siegfried dem Gott den Speer zerschlagen hat, zeigt ein Film das im Zweiten Weltkrieg zerstörte Nationaltheater. Wagners im Foyer aufgestellter Gipskopf fällt Siegfried in die Hände. Später erwacht Brünnhilde fast genauso wie sie am Ende der Walküre von Wotan eingeschläfert wurde – auf einer Matratze im nachgebauten Königssaal des Nationaltheaters. Siegfried erweckt sie hier nicht, wie von Wagner vorgesehen, durch einen Kuss, sondern mittels einer herrlich anzusehenden Projektion des sternendurchfluteten Weltalls. Kratzers Idee, bei dem jähen, unvermittelten Angstausbruch Siegfrieds angesichts der schlafenden Frau noch einmal das Kind Siegfried auf der Bühne erscheinen zu lassen, war einfach nur genial. Zum Schmunzeln Anlass gab sein Einfall, das Pferd Grane als echtes Pferd, dem Siegfried sogar eine gelbe Rübe gibt, zu präsentieren. Brünnhilde setzt die sexuelle Entwicklung des Helden in Gang. Die verläuft aber nur schleppend. Besonnen lässt Siegfried der erwachten ehemaligen Walküre Zeit, sich an die neue Situation zu gewöhnen. Auf schnellen Sex mit ihr ist er nicht aus. Er lässt es gemächlich angehen. Vorsichtig tastet er sich an Brünnhilde heran und testet die Situation. Das scheint ihr nicht unrecht zu sein. Vorerst vertreiben sich die beiden die Zeit damit, kindische Bilder an die Spiegelwände zu malen. Narzissmus wird in dieser Szene ganz groß geschrieben. Zu guter Letzt betreten die Walküren die Bühne und bringen dem neuen hohen Paar Reisekleider. Eine der Wotans-Töchter, wahrscheinlich Waltraute, überreicht Brünnhilde einen Pass. Dann kann die Reise beginnen. Alberich und seine Begleiter erscheinen erneut zu spät und vermögen die Liebenden nicht mehr aufzuhalten. Insgesamt ist zu konstatieren, dass wir es hier mit einer der aufregendsten und besten Siegfried-Inszenierungen der letzten Jahre zu tun haben, zu der man Kratzer nur gratulieren kann!

In gleicher Weise hervorragend gelungen war die musikalische Seite der Aufführung. Am Pult des bestens disponierten Bayerischen Staatsorchesters wartete GMD Vladimir Jurowski mit einer ungemein vielschichtigen, spannungsgeladenen und farbenprächtigen Interpretation von Wagners zweitem Ring-Abend auf. Die musikalischen Strukturen wurden von ihm einfühlsam herausgearbeitet, Details fein beleuchtet und gekonnt in den großen Zusammenhang gestellt sowie dramatische und lyrische Stellen famos gegenüber gestellt. Die ironische Komponente wurde von Jurowski dabei ebenfalls nicht ausgeblendet, was sein Dirigat ausgesprochen abwechslungsreich und interessant erscheinen ließ. Schade war nur, dass der Solohornist bei Siegfrieds Hornruf im zweiten Aufzug gleich zweimal patzte.

© Monika Rittershaus

Auf insgesamt hohem Niveau bewegten sich die sängerischen Leistungen. In der Titelpartie des Siegfried setzte Benjamin Bruns mit hellem, geschmeidigem Tenor und enormem Durchhaltevermögen auf eine von großen Legatobögen und innigem Ausdruck geprägte vokale Auslotung seines Parts. Noch schöner wäre es indes gewesen, wenn er mehr im Körper gesungen hätte. In dieser Beziehung war ihm der den Mime phantastisch singende Matthias Klink überlegen. Mit vollem, rundem Stimmklang, dabei recht sonor und ausdrucksstark sang Nicholas Brownlee einen ausgezeichneten Wanderer. Ganz phänomenal schnitt Simone Schneider ab, die mit bestens italienisch fokussiertem, saft- und kraftvollem sowie mühelos bis zum hohen ‚c‘ heraufreichendem hochdramatischem Sopran der Brünnhilde mehr als gerecht wurde. Auf ihre Brünnhilde nächste Spielzeit an der Staatsoper Stuttgart kann man sich schon freuen. Einen nachhaltigen Eindruck hinterließ als sehr bedrohlich wirkender Fafner der kraftvoll und profund intonierende Timo Riihonen. Eine prachtvolle pastose Altstimme brachte Wiebke Lehmkuhl für die Erda mit. In der Rolle des Alberich versteifte sich der an sich trefflich  singende Georg Nigl manchmal allzu sehr aufs Charakterisieren, wobei der Schöngesang leider etwas auf der Strecke blieb. Den Waldvogel gab solide Jakob Distler, ein Solist des Tölzer Knabenchors. Ein Extralob ist dem kleinen Quentin Becker auszusprechen, der ausgesprochen munter und intensiv das Kind Siegfried verkörperte.

Fazit: Eine im Großen und Ganzen sehr empfehlenswerte Produktion, die die Fahrt nach München voll gelohnt hat.

Ludwig Steinbach, 3. November 2026


Siegfried
Richard Wagner

Bayerische Staatsoper München

Premiere: 29. Oktober 2026
Besuchte Aufführung: 1. November 2026

Inszenierung: Tobias Kratzer
Musikalische Leitung: Vladimir Jurowski
Bayerisches Staatsorchester