Zürich: „Aleko, Der geizige Ritter, Francesca da Rimini“, Sergej Rachmaninow

Eigentlich befinden wir uns ja nur im letzten der drei Einakter Sergej Rachmaninows in der Hölle, genauer im ersten und im zweiten Kreis von Dantes INFERNO, in welches Dante persönlich zusammen mit seinem Begleiter, dem römischen Dichter und Philosophen Vergil, hinabsteigt und dort auf Francesca da Rimini trifft, die zusammen mit ihrem Geliebten Paolo und ihrem Ehemann Lanciotto in diesen zweiten Kreis wegen sündiger Wollust verdammt wurde. Doch der Regisseur Dmitri Tcherniakov hatte nach einer Klammer für alle drei unterschiedlichen Einakter gesucht und fand die Lösung in der Verlegung der Handlungen in eine Seniorenresidenz, in welcher sich der „Bösewicht“ aller drei Opern (Aleko, der Baron, Lanciotto Malatesta) an seine Sünden und Laster zu erinnern versucht und mit Hilfe der dazu quasi gezwungenen Insassen der Seniorenresidenz (großes Kompliment an den Statistenverein am Opernhaus Zürich) die Ereignisse seiner Jugend mit teilweise zur Schau gestellter, leicht diabolischer Freude nachspielen lässt. Die Erinnerungen sind brüchig, die Alten wollen meist nicht so recht mitspielen, kriegen ihre Texte in die Hand gedrückt vom Baron (nehmen wir ab jetzt den Namen aus der zweiten Oper, da Tcherniakov ihn als die zentrale Figur sieht). Diese Laiendarsteller im Altenheimtheater bleiben meist sitzen, da sie eh nicht mehr so gut zu Fuß sind. So entsteht eine deprimierende „Hölle“ für alle: Für die Bewohner des Heims, für den alten, senilen Baron – und für uns als Zuschauer.

Denn diesen Menschen beim gezwungenen Agieren mit ihrer Gebrechlichkeit zusehen zu müssen, ist geradezu peinlich berührend. Zwar lachte das Publikum an gewissen Stellen (auch die Darsteller verfielen zeitweise in ein unmotiviertes, seniles Lachen), doch das hatte nichts mehr mit den drei Opern zu tun, die ja alle drei sehr tragisch sind. Tcherniakov hat sich den Aufruf Bertolt Brechts ans Publikum wohl zu sehr zu Herzen genommen: „Glotzt nicht so romantisch!“ So bekommen wir also in der ersten, noch ganz an den Verismo eines Mascagni angelehnten Oper ALEKO des kaum 20jährigen Rachmaninow nichts mit vom Aussteiger aus der Großstadt, der sein Glück bei der Roma Zemfira sucht, die seiner jedoch bald überdrüssig wird, ihn provoziert, seine Eifersucht anstachelt und ihn damit zum Mörder werden lässt.

© Monika Rittershaus

Auch von den Tänzen und Genreszenen bekommen wir nichts mit, denn der Chor ist im seitlichen 2. Rang platziert. Die Alten lassen sich höchstens mal zu einer gequälten Polonaise hinreißen. Die Pause an diesem Abend wird mitten im zweiten Stück DER GEIZIGE RITTER gesetzt. In der Pause wurde ich gefragt, ob jetzt noch zwei Opern kämen, einige mit den selten gespielten Opern Rachmaninows nicht so vertraute Menschen merkten nicht, dass wir uns schon mitten im GEIZIGEN RITTER befanden. Nach der Pause dann folgt die für Tcherniakov zentrale Szene: Der 25-minütige Monolog des Barons, der laut Libretto seine Schätze in den Truhen seines Gewölbes betrachtete. Hier war es ein Umzugskarton mit seinen Kleidern, in welche der Stützstrumpfträger mühselig schlüpfte. Später öffnete er dann einen Schrank und wurde von den herabstürzenden Papierfluten beinahe erschlagen. Am Ende sollte der alte Geizhals nach Libretto während der Auseinandersetzung mit seinem nichtsnutzigen Sohn einen Herzanfall erleiden. Doch der war von kurzer Dauer, er erhob sich schelmisch und wanderte während des ausgedehnten Vorspiels zu FRANCESCA DA RIMINI durch die sich auf drei Scheiben komplex drehenden Wände und Türen des Altenheims oder der Irrenanstalt in eine höllische Unentrinnbarkeit.

Im Hintergrund loderten effektvoll die Flammen des Purgatoriums (bei ALEKO waren die Videoprojektionen noch Schneefall gewesen, beim RITTER kahle Äste). Lange Zeit blieb der Baron (als Lanciotto) nun allein auf der Bühne. Sowohl die Vokalisen der Seufzer der Verdammten als auch der Dialog zwischen Dante und Vergil erklangen aus dem Saal, respektive elektronisch verstärkt aus dem Off. Auch die Stimmen Francescas und Paolos wurden zuerst von hinter der Szene hörbar. Erst als Lanciotto nach seiner Frau rief, traten Francesca und Paolo auf. Der Insasse des Altenheims, der den Paolo darstellen musste, hatte wohl keine Lust ermordet zu werden und verschwand einfach. Aber die Gefahr war eh nicht groß, da Lanciotto das Rasiermesser gegen sich selbst einsetzte. Aber auch er war nicht sofort tot – sondern musste zuerst noch das Feuer des Purgatoriums mit wilden Armbewegungen wie ein durchgeknalltes Log anfachen, bevor er zusammenbrach und fortan wohl im entferntesten Kreis der Hölle (oder eben im Seniorenheim) schmoren wird, denn dieser Baron-Aleko-Lanciotto hatte wohl in seinem Leben so ziemlich allen christlichen Hauptlastern oder Todsünden gefrönt.

© Monika Rittershaus

Nun, wer Tcherniakov bestellt, weiß was er kriegt: Der Regisseur, der auch stets seine eigenen Bühnenbilder entwirft, ist bekannt für messerscharfe Psychoanalysen und Brechungen, meist in geschlossenen, unentrinnbaren, klaustrophobischen Innenräumen. Beispiele in Zürich: DIE TOTE STADT mit der optisch so ungünstigen Zimmerflucht im Hintergrund, JENUFA mit dem genialen dreigeschossigen Konzept, DIE SACHE MAKROPULOS mit dem überraschenden coup de théâtre am Ende, PELLÉAS ET MÉLISANDE als Psychoanalyse-Sitzung in der Villa des wohlhabenden Psychiaters. Umstritten war auch sein RING DES NIBELUNGEN in Berlin, der in universitären Labors angesiedelt war. Den mochte ich – im Gegensatz zum gestrigen Abend, der zwar theatralisch meisterhaft war, von den hässlich aber treffend gestalteten Kostümen (Elena Zaytseva), über die phänomenale Arbeit der Maskenbildner, zur atmosphärisch eindringlichen Lichtgestaltung von Gleb Filshtinsky und den Videos von Tieni Burkhalter.

Und selbstredend war die Personenführung Tcherniakovs innerhalb seines Konzepts von herausragender Kraft – nur leider überhaupt nicht passend zum Inhalt der Stücke. Einmal mehr ein verkopftes Konzept, das über drei Werke des Musiktheaters gestülpt wurde, die eine andere Herangehensweise verdient hätten. (Z.B. so wie vor 11. Jahren in Nancy, wo der Regisseur Silviu Purcărete für ALEKO und FRANCESCA DA RIMINI eine passend düstere szenische Atmosphäre zu schaffen gewusst hatte, welche die melancholische Emotionalität der Musiksprache Rachmaninows gekonnt untermauerte – die ganze Aufführung ist auf YouTube anzusehen.)

Die erwähnte Emotionalität der Musiksprache Rachmaninows konnte man gestern Abend jedoch in vollen Zügen genießen, denn was Gianandrea Noseda mit seinem exzellent aufspielenden Orchester der Oper Zürich an spannungsgeladener Energie und aufwühlender Intensität aus dem Graben aufsteigen liess, war schlicht umwerfend. Da stimmte die Präzision der Unruhe evozierenden aufsteigenden Sextolen zu Beginn des GEIZIGEN RITTERS, die sich mit den chromatisch absteigenden Viertelnoten um Vorherrschaft des Motivs rangen, da erklangen Blechfanfaren von bestechender Klarheit, da wurde in der Begleitung der berühmten Kavatine des Aleko eine Gänsehaut erregende Intensität der Emphase erreicht, die zu rühren verstand. Umso stärker bedauerte man die fehlende oder fehlgeleitete Emotionalität auf der Bühne. 

Sängerisch im Mittelpunkt stand die unfassbare Leistung von Vladislav Sulimsky, welcher mit übermenschlicher Leistung alle drei „Bösewichte“ (Aleko, Baron, Lanciotto) verkörperte, während drei Stunden reiner Spielzeit praktisch ununterbrochen auf der Bühne präsent war und mit seinem herrlich kraftvollen, differenziert geführten Bariton in Bann schlug. In ALEKO begeisterte Elena Stikhina als Zemfira mit wunderbar jugendlich aufblühendem Sopran (welch ein Gegensatz zu ihrem Äusseren als alte, gebrechliche Frau, das passte einfach nicht), Dieselbe Diskrepanz zwischen Optik und Akustik natürlich auch bei ihrem jugendlichen Liebhaber: Bekhzod Davronov mit strahlendem, dem Ohr schmeichelndem Tenor, aber als alter Mann mit hellblauen Stützstrümpfen agierend. Einzig beim alten Mann in seinem schlabbernden Jogginganzug von Adidas, verkörpert mit prachtvollem Bass von Ain Anger, stimmte das Äußere mit der Rolle überein, wie auch bei Dominika Stefańska in ihrem kurzen Einwurf als alte Frau. Beim GEIZIGEN RITTER störten die äußerlichen Erscheinungen der Personen weniger: Der Baron ist ja auch in der Oper ein alter Mann, das kann auch auf den Geldverleiher (charaktervoll gesungen von Alexey Dolgov) und den Herzog (mit herrlich natürlicher Autorität gesungen von Pavel Yankovsky) zutreffen. Der Diener Iwan (mit markantem Bass: Stanislav Vorobyov) wurde als einer der Pfleger im Altenheim kostümiert und in der großen Partie des Sohns Albert wurde Dmytro Popov immerhin etwas jugendlich frisiert. Er glänzte mit überragend präsentem Tenor! Elena Stikhina lieh ihre wunderschöne Sopranstimme dann auch der Francesca da Rimini in der letzten der drei Opern, ihr Liebhaber Paolo war wie in ALEKO der wunderschön jugendlich intonierende und grauslich alt aussehende Bekhzod Davronov. Dante (Alexey Dolgov) und Vergil (Ain Anger) erklangen wie bereits erwähnt nur verstärkt aus dem Off. Der fantastische Chor der Oper Zürich bereicherte mit seinen chromatischen Seufzer-Phrasen und Vokalisen die Atmosphäre im ersten Kreis und den Abstieg in den zweiten Kreis der Hölle mit wunderbar gespenstischer Intonation (Einstudierung: Klaas-Jan de Groot).

Dem Premierenpublikum hatte die musikalische Seite der Aufführung sehr gut gefallen – der Regisseur und sein Team wurden etwas weniger lautstark, aber immerhin sehr freundlich gefeiert.

Für mich war die Diskrepanz zwischen musikalischer und szenischer Atmosphäre zu groß. Vielleicht hätte ich mir die Aufführung aus Nancy (und die Aufführung von DER GEIZIGE RITTER aus Glyndebourne) nicht als Vorbereitung auf den gestrigen Abend anschauen sollen.

Kaspar Sannemann 3. November 2026


Rachmaninow– Die drei Opern
Zürich, Opernhaus
1. November 2026

    ALEKO | Oper in einem Akt | Musik: Sergej Rachmaninow
    SKUPOI RYTSAR (Der geizige Ritter)| Musik: Sergej Rachmaninow
    FRANCESCA DA RIMINI | Musik: Sergej Rachmaninow

    Inszenierung von Dmitri Tcherniakov
    Dirigat: Gianandrea Noseda

    Orchester der Oper Zürich