Talestri – so nennen wir eine Amazonenkönigin, die von Maria Antonia Walpurgis – einer echten Wittelsbachprinzessin und sächsischen Kurfürstengattin, dann vormundschaftliche Regentin von Sachsen – in den frühen sechziger Jahren des 18. Jahrhunderts zur Titelgestalt einer in Schloss Nymphenburg uraufgeführten Oper gemacht worden ist. Da Talestri, Königin der Amazonen, 2022 im Nürnberger Staatstheater auf die Bühne kam und man ihr ein Staatstheater-Symposion widmete, kann man nun tiefer in die Geschichte der Oper, konkreter: in einige aufeinander bezogene Aspekte des Werks eindringen.

Apropos „eindringen“: Talestri, regina delle Amazoni hat es, da ähnelt die Oper Puccinis Turandot, in der Vorgeschichte mit einer Vergewaltigung zu tun. Eben dies war der Anlass für Ilaria Lanzinos Inszenierung, auch für das Thema der Tagung: Gender und Affekte in der Oper – denn „Gender“ bedeutet in diesem Fall, sich als Frau gegen männliche Dominanzansprüche zur Wehr zu setzen, die, in die Gegenwart fortgesetzt, dem Ding auch Namen gaben: Vergewaltigung, Femizid. Unvergesslich die Sammlung der roten Schuhe vor der Nürnberger Oper. Nun geht es um vokale und um politische Aspekte: Christine Fischer erläutert die Stimmprofile der Zeit, kümmert sich aber auch um mögliche (!) Interpretationen vor dem Zeithorizont von 1760; Oper steht ja nicht im luftleeren Raum, sondern, und besonders die höfische „Barockoper“, in einem genauen genealogischen und zeithistorischen Zusammenhang, auch wenn verschiedene Interpretationsmöglichkeiten einer kriegerischen Handlung drin sind. Richtig spannend aber wird es, wenn Christina Strunck in ihrem bilderreichen Beitrag die These aufstellt, dass Maria Anna von Bayern absolut nicht zufällig den Amazonenstoff wählte, bevor sie ihn komponierte und zugleich textete. Mit Hilfe der weiblichen Stammtafeln (ich sage nur: Maria Medici, Henriette Adelaide), zeitgenössischen Amazonen-auf-dem-Theater-Ikonographien, einer luziden Interpretation des faszinierenden Selbstporträts der Fürstin als Malerin und familiären Bezügen kann sie schlagend beweisen, dass die Komponistin und Autorin, die Sachsen regierte, sich selbst als Amazone sah. Silke Leopolds Beitrag ist wiederum ein Kabinettstück; mit gewohnt leichter Feder und immensem Wissen über die Musik und die Musikkulturen des 17. und 18. Jahrhunderts beantwortet sie die Frage, wie frau seinerzeit Komponistin werden konnte – lange, bevor die erste Frau das Metier zu ihrem Brotberuf machen konnte.
Der praktische Beitrag – falls nicht schon Leopolds und Struncks schöne Aufsätze einen Beitrag zur Theater- und Opernpraxis liefern – nimmt die Regie und die musikalische Sphäre in den Blick: als Gespräch Clemens Risis mit Lanzino und Wolfgang Katschner, der die Aufführung damals leitete. Die Inszenierungsprobleme – ohne dass ein Problem gleich ein Manko wäre – werden durchaus herausgearbeitet. Frage: Wie verhält sich eine brutale Szene zu einer „schönen“ Musik? Kann der Kontrast hilfreich sein, um die Szene klarzumachen? Oder bietet der Kontrast einen unaufhebbaren Widerspruch? Einerseits: Widerspruch ist, von Seiten des Lesers, vielleicht nur dort angebracht, wo das Verhältnis von Männern und Frauen pauschalisiert wird – denn „die“ Männer gibt es ebenso wenig wie „die“ Frauen. Natürlich ist die Gattung „Frauenmord“ ein barbarisches Problem, und natürlich, man bzw. frau Lanzino sagt es neben der Sängerin Eleonore Marguerre, gibt es auch Feministen unter den Männern, aber die Aussage, dass „im aktuellen Stand die Männer noch nicht so weit“ seien, „mit uns zu arbeiten“, klingt trotz der annotierten Ungerechtigkeiten zu einfach. Andererseits: Ist die Wut „der“ Frauen nicht allzu verständlich? Hat eine Opernfrau nicht recht, wenn sie nun ihren Gegner killen will? Muss man als Feminist oder zumindest als Teilzeitfeminist nicht Tara-Louise Wittwer zustimmen, wenn sie die female rage der Frauen proklamiert? Aber hat nicht auch Talestri Recht, wenn sie den „Feind“ liebt? Haben also nicht beide Frauen recht – die Liebenden und die Hassenden?
Das sind so Gedanken, die einem informierten Opernliebhaber plötzlich kommen, wenn er ein Bändchen zur Problemstellung einer „Barockoper“ zur Hand nimmt. Geschichte wird da plötzlich zur Gegenwart, Musiktheaterdeutung zu einem Ale angehenden Politikum. Wer es „nur“ historisch mag und nicht von eigenständigen Interpretationen einer spannenden Oper behelligt werden will (doch merke: Theater gibt’s nicht ohne Deutung), bekommt immerhin ein paar tiefe und in jedem Sinne farbige Einblicke in die Opern- und Musikkulturen des 18. Jahrhunderts serviert: nicht allein für die Freundinnen und Freunde der großartigen Wittelsbacher-Dynastie, aus der die bayerische Prinzessin herauswuchs, um zur kursächsischen Amazone zu werden.
Frank Piontek, 27. Oktober 2026
Talestri. Gender und Affekte in der Oper (Musiktheater im Dialog XII).
Hrg. vom Staatstheater Nürnberg, 2022.
83 Seiten, 25 Abbildungen.