Essen: „Der Nussknacker – Eine Weihnachtsgeschichte“, Peter Tschaikowsky

Kein Choreograph dürfte die Ballettszene in Nordrhein-Westfalen so geprägt haben wie Youri Vamos. Von 1985 bis 1987 leitete er die Dortmunder Compagnie, wechselte dann nach Bonn. Nach einem Abstecher ins schweizerische Basel war er von 1996 bis 2009 Ballettchef an der Deutschen Oper am Rhein in Düsseldorf und Duisburg. Seine Nussknacker-Choreografie hatte 1988 in Bonn Premiere und war danach auch in Dortmund, Düsseldorf und Duisburg ein Kassenschlager. Die Essener Ballettchefs Marek Tuma und Armen Hakobyan machen jetzt ein Wiedersehen möglich und bringen den Vamos-„Nussknacker“ auf die Bühne des Aalto-Theaters. Noch vor der Premiere waren alle 13 Vorstellungen ausverkauft.

© Bettina Stöß

Der Clou dieses Konzeptes ist, dass Youri Vamos zur Tschaikowskys Musik die Weihnachtsgeschichte von Charles Dickens mit der Geschichte um Clara und ihren Nussknacker verknüpft.  Clara ist jetzt die Tochter von Bob Cratchit, der von seinem fiesen Chef Ebenezer Scrooge gefeuert wird. Der erhoffte Nussknacker als Weihnachtsgeschenk scheint für Clara somit unerreichbar. Anders als bei Dickens erlebt Scrooge hier nicht mehrere Träume, die ihm sein verpfuschtes Leben vorführen. Stattdessen wird er von Bob Cratchit in Gestalt des teuflischen Todesgeistes gepeinigt und wird dann durch das Erscheinen des Weihnachtsgeistes zu einem guten Menschen.

Als Bühnenbildner wird in Essen Martin Černý, als Kostümbildner Roman Šolc angegeben, aber die malerische Ausstattung sieht noch genauso aus wie in der Zeit, als diese Produktion an der der Deutschen Oper am Rhein gespielt wurde und die Ausstattung von Michael Scott entworfen wurde.  Bühne und Kostüme sind heute wie damals eine illusionistisch-realistische Augenweide: Da wird eine Londoner Straße mit Geschäften, das Schlafzimmer von Scrooge und ein fantastischer Weihnachtswald geboten. Welcher Ausstatter gönnt dem Publikum heutzutage so viel optische Schönheit?

© Bettina Stöß

Den Scrooge tanzt Kieren Bofinger nicht so sehr als fieses Ekelpaket, sondern mehr als schlechtgelaunten Kauz, der dann doch sein gutes Herz entdeckt. Ein besonderer Höhepunkt ist die Szene in der er in Pantoffeln und Nachthemd mit den bestens aufgelegten Kindern des Gymnasiums Essen Werden durch die Schneelandschaft tanzt.

Als Clara glänzt Yuki Kishimoto mit anmutigem Spitzentanz und flotten Pirouetten. Dabei gibt sie ihrer Rolle immer eine kindliche Naivität. Die tänzerischen Höhepunkte sind dann ihre Pas de deux mit Artem Sorochan als Nussknacker. Das Können der beiden wird vom Publikum mit Jubelstürmen gefeiert. Mit viel Anmut und Grazie tanzt Mariya Tyurina den Weihnachtsgeist. Hiroki Amemiya gibt erst einen springfreudigen Bob Cratchit, bevor er in die Rolle des diabolischen Todesgeist schlüpft. 

Bei aller Schönheit von Chorografie und Ausstattung hat diese Produktion die gleichen Probleme wie jeder Nussknacker-Aufführung. Wenn die Puppen in den riesigen Geschenkpaketen lebendig werden und über die Bühne wirbeln, wird zwar viel getanzt, aber die Geschichte wird nicht weitererzählt, obwohl es sich doch hier um ein Handlungsballett handelt.

Am Pult der Essener Philharmoniker dirigiert Generalmusikdirektor Andera Sanguineti. Meist ist der Klang leicht und federnd, in den großen sinfonischen Momenten der Musik lässt Sanguineti sein Orchester aber auch prunkvoll aufspielen.

© Bettina Stöß

Dem Publikum, das einen Ballett-Klassiker im traditionellen Gewand sehen möchte, ist ein Besuch der Aufführung, die zwei Stunden und 15 Minuten dauert, nur zu empfehlen. Bedauerlicherweise waren alle 13 Aufführungen aber schon vor der Premiere ausverkauft. Man muss also auf eine Wiederaufnahme in der nächsten Saison hoffen.

Ballett-Intendanten, die ein volles Haus wollen, kann man die Übernahme anderer Choreografien von Youri Vamos nur wärmstens empfehlen: In bester Erinnerung sind noch seine Interpretationen von   Ein Sommernachtstraum, Dornröschen – die letzte Zarentochter und Coppelia am Montmatre.

Rudolf Hermes, 8. November 2026


Der Nussknacker – Eine Weihnachtsgeschichte
Peter Tschaikowsky

Aalto-Theater Essen

Premiere: 7. November 2026

Choreografie: Youri Vamos
Musikalische Leitung: Andrea Sanguineti
Essener Philharmoniker