Vor einigen Jahren, die Bayreuther Stadtkirche wurde noch generalsaniert, fand in und vor den Gerüsten eines der schönsten Konzerte statt, die man in den letzten Jahrzehnten in Bayreuth erleben konnte: die Arabische Passion. Man hörte also Bachs Johannespassion, doch nicht in der normalen Fassung, sondern ausgeführt von Musikern, die aus ihren Heimatländern ihre besonderen Instrumente mitgebracht, auch Bachs Partitur improvisatorisch umgeschrieben hatten.

Ein wenig fühlt man sich an die Synthese aus Bach und dem Nahen Osten erinnert, wenn man zu einer CD greift, auf der man Händels Floridante in Form von einigen Höhepunkten kompiliert hat. Es handelt sich um eine Bearbeitung, in der nicht mehr als sechs Musiker und eine Sängerin die gesamte Oper machen – und zu den herkömmlichen Instrumenten Blockflöte, Barockgitarre, Erz- bzw. Basslaute, Theorbe und Viola da Gamba treten Tonbak, Daf und Kuzeh, also persische Trommeln hinzu. Sie machen sich mehrmals vernehmbar, indem sie Händels und Paolo Antonio Rollis Geschichte von 1721 auf ihren imaginären Ursprung zurückführen. Spielend in einem sagenhaften Opern-Persien erzählt sie von Elmira und dem Feldherren Floridante, deren Liebesverwirrungen nach drei Akten natürlich zu einem lieto fine finden. Dabei hat der Komponist sich erfolgreich darum bemüht, den langsamen Arien einen besonderen Ton zu verleihen: Sie sind, wie Charles Burney, der bekannte Reisende in Musik, in Zusammenhang mit Händels Konkurrenten Bononcini vermerkte, „as much superior to those of his contemporaries, as the others in spirit and science“.
Auf der neuen CD, die einen Querschnitt aus der Oper präsentiert, singt Elisabeth von Stritzky nunausnahmslos alle Partien – sie singt sie ausnehmend wohltuend (wobei einige Arien rein instrumental erklingen), gleichsam als Labsal für alle Hörer, die, soweit sie zu einer der beiden Gesamtaufnahmen des Floridante greifen, die Rezitative mithören müssen, es sei denn, dass sie zum übernächsten Track springen. Möchte man die gesamte Aufnahme hören, muss man ins Web gehen, wo eine complete edition der ungewöhnlichen Neueinspielung frei zur Verfügung steht: ohne Rezitative, aber mit verbindenden und interpretierenden Texten von Florian Wintels. Wer sich die Oper insgesamt und live anschauen und hören will, hat demnächst dazu in Bayreuth die Gelegenheit, wo der seltene Floridante auf dem Festival Bayreuth Baroque seine lokale Erstaufführung erleben wird. Wer indes „nur“ ein Florilegium schöner Arien genießen will, die den Migrationstest locker überstehen, weil Händels Genie sich auch mit dem exotischen Instrumentarium und orientalischen Rhythmen (ich weiß, das Wort ist verpönt, aber Orient bleibt Orient) erweist, kann die CD allen Barockliebhabern empfehlen, die den originalen Händel und zugleich den hinreißenden Sound eines absolut gelungenen crossover zu schätzen wissen. Im Übrigen sind instrumentale Neufassungen Händelscher Opern-Ausschnitte keine Neuheit. Wolfgang Katschner und seine lauttencompagney sind da, auch in Bayreuth, schon gehörgangschmeichelnd vorangegangen.
Frank Piontek, 10. Mai 2026
G.F. Händel: Floridante oder die heimliche Heldin
Cembaless
Label: Naxos