Berlin: „Die schweigsame Frau“, Richard Strauss

Anspruchsvolle lustige Unterhaltung ist selten zu haben, erst recht dann, wenn Regisseure dem Libretto misstrauen. Der Trend, Texte, die unter Verdacht stehen, rassistisch, frauenfeindlich oder homophob zu sein, umzuschreiben, hat Fahrt aufgenommen. Mittlerweile gibt es dafür schon einen Markt an Agenturen.

Umso dankbarer ist man, dass Jan Philipp Gloger solchen Versuchungen in seiner Inszenierung an der Berliner Staatsoper nicht erlegen ist, es ihm bisweilen sogar gelingt, über den tragikomischen Witz der Hauptfigur das Publikum zum Lachen zu bringen, auch wenn er den zeitlosen Witz des auf eine altenglische Komödie des Shakespeare-Zeitgenossen Ben Jonson zurückgehenden Librettos von Stefan Zweig verspielt.

Die schweigsame Frau würde man allerdings auch schier ad absurdum führen, wenn man die zahlreichen abschätzigen Worte darin austauschte, schließlich charakterisieren sie den Protagonisten, den ehemaligen Kapitän Morosus als einen Misanthropen. Das Stück gilt ohnehin schon seit seiner Dresdner Uraufführung 1935 als eines der schwierigsten aus der Feder von Richard Strauss und erlebte nach nur drei Vorstellungen im vergangenen Jahren nun seine verdiente erfolgreiche Wiederaufnahme. Ohne den genialen Christian Thielemann, den besten Strauss-Dirigenten der Zeit, wäre diese Produktion wohl gar nicht möglich, handelt es sich doch um ein ungewöhnliches Stück Musiktheater, mit längeren Passagen gesprochener Dialoge durchsetzt fast schon ein Zwitter zwischen Oper und Schauspiel. Mit diesem extrem ausgeprägten Parlando-Stil gehen zugleich die großen Herausforderungen an Dirigenten und Sänger einher, deren Parts sich nicht nur teils in extrem hohen und tiefen Lagen bewegen, sondern einfordern, dass der Text ungekünstelt vorgetragen wird, und zwar präzise abgestimmt auf das musikalische Geschehen.

Mit jeder weiteren Aufführung gelingt freilich eine immer noch bessere Balance zwischen Bühne und Graben. Dass die Besetzung nahezu gleichgeblieben ist, war bei den Proben sicherlich sehr hilfreich. Allein die Haushälterin des Eigenbrötlers Morosus, die ihm mit ihrer Schwatzhaftigkeit auf die Nerven geht, wird nun – trefflich verkörpert von Evelyn Herlitzius – zu einer noch eigenwilligeren, schrilleren Figur als zur Premiere in dem Rollenporträt von Iris Vermillion.

© Bernd Uhlig (Premierenfoto)

Nicht hoch genug anerkannt werden kann die phänomenale Leistung von Peter Rose, dessen Bass im Alter von 65 Jahren nichts von seiner profunden Größe bis in tiefste Lagen hinein eingebüßt hat, und er sich als brillanter Komiker empfiehlt. Wer ihn zu den jüngsten Berliner Festtagen als Baron Ochs im „Rosenkavalier“ erlebte, wird unweigerlich die Verwandtschaft dieses Schwerenöters mit dem genervten Kapitän Morosus im Ruhestand bemerken, der sich mit einer vermeintlich sanften, schweigsamen Frau verkuppeln lässt, die sich als ein lärmendes Monster entpuppt, kaum dass er sich mit ihr verheiratet wähnt. Letztlich sind Ochs und Morosus tragikomische Figuren, denen die Jungen einen Streich spielen. Nur dass Morosus am Ende die ihm erteilte Lektion annimmt.

Ungleich schwieriger erwies sich wohl von Anfang an die Besetzung der Titelpartie. Ein glockenheller, silbriger Koloratursopran vom Format einer Ingeborg Hallstein, die die schweigsame Frau in den 1960er Jahren maßstäblich sang, ließ sich wohl nicht auftreiben. Aber abgesehen vom ersten Akt, in dem Brenda Rae in der Höhe ein unschönes Vibrato hören lässt, singt sie die Aminta mit solider Mittellage respektabel und steigert sich im Laufe des Abends. Ihren besten Moment hat sie in der großen Szene, in der sie sich dem alten Trottel als vermeintlich schüchternes, bescheidenes Hascherl empfiehlt.

Aus dem hauseigenen Ensemble ließ sich immerhin mit dem Südafrikaner Siyabonga Maqungo die anspruchsvolle Partie von Morosus‘ Neffen Henry trefflich besetzen, der eine staunenswerte Strahlkraft aufbietet. Die Tenorpartien bei Strauss haben es bekanntlich in sich, verlangt er den Interpreten doch vielfach lange Töne und weite Bögen in extrem hoher Lage ab.

Die Bemühungen von Jan Philipp Gloger, die Handlung mit dem angespannten Berliner Wohnungsmarkt und dem Thema Alterseinsamkeit in Verbindung zu bringen, glückt über einige Schlagworte auf einem Zwischenvorhang und Videoprojektionen nur bedingt. Aber vielmehr als ein Denkanstoß zu diesen Themen wollte der Regisseur wohl auch gar nicht geben, der die ursprünglich in England angesiedelte Handlung in eine große Berliner Altbauwohnung verlegt (Bühne: Ben Baur).

Dass Samuel Hasselhorn in diesem Ambiente nicht als Barbier, sondern als Physiotherapeut den Eigenbrötler Morosus foppt, tut dem Stück keinen Abbruch. Virtuos gehen dem Bariton seine Parlandi in flotten Tempi von der Zunge, spielfreudig gibt er den intriganten Strippenzieher.

© Bernd Uhlig (Premierenfoto)

Zum Ereignis aber wird die Produktion dank der phänomenalen Leistung des Orchesters, das sich seit seiner Arbeit mit Christian Thielemann auf ein leiseres und subtileres Musizieren versteht denn je zuvor, insbesondere in dem lyrisch-zärtlichen Duett „Du süßester Engel!“ und im ätherischen Schlussgesang des Morosus „Wie schön ist doch die Musik, aber wie schön erst, wenn sie vorbei ist“. Thielemann kann wirklich zaubern, titelte unlängst eine große Wochenzeitung, und das lässt sich hier erneut erleben, wie er den vielfach verkannten Strauss in seiner kammermusikalischen Intimität und Vielfarbigkeit herausstellt, mit einer andernorts selten zu vernehmenden Zartheit und Schönheit. Und sich damit als der beste Anwalt eines Werks erweist, das nicht mit einprägsamen Melodien gespickt ist wie der „Rosenkavalier“, dafür aber mit ungewöhnlich instrumentierten Stellen aufhorchen lässt, in denen etwa auch reizvoll Glocken solistisch zum Einsatz kommen oder Hörner ohne das übrige Orchester feinste Kammermusik präsentieren.

Massentauglich ist eine solche Musik freilich nicht. In den oberen Rängen blieben einige Plätze leer, was allerdings auch die hohen Kartenpreise infolge der skandalösen Sparpolitik des Berliner Senats erklären mögen, die sich viele bei gleichzeitig ansteigenden Mieten und Spritpreisen nicht mehr leisten können. Für das Repertoire der Berliner Staatsoper bedeutet die Produktion ungeachtet dessen eine große Bereicherung. Den größten Jubel gab es freilich für das Orchester und seinen Dirigenten.

Kirsten Liese, 11. Mai 2026


Die Schweigsame Frau
Komische Oper in drei Aufzügen (1935)
Musik von Richard Strauss
Text von Stefan Zweig nach Ben Jonson

Staatsoper unter den Linden, Berlin

Aufführung am 9. Mai 2026
Premiere: 19. Juli 2025

Inszenierung: Jan Philip Gloger
Musikalische Leitung: Christian Thielemann

Staatskapelle Berlin