Gelsenkirchen: „Die Zauberflöte“, Wolfgang Amadeus Mozart

„Mal wieder eine neue Zauberflöte“, mag einem vielleicht bei der Sichtung der Spielpläne durch den Kopf gegangen sein. Doch Die Zauberflöte am Musiktheater im Revier war von Beginn an als Gemeinschaftsproduktion der Musiktheatersparte und des MiR.LAB konzipiert. Letzteres ist ein Forschungslabor, in dem unter anderem neue Formate entwickelt werden sollen, die herkömmliche Bühnenkunst mit neuen digitalen Technologien verknüpfen. Zudem war frühzeitig bekannt, dass die Oper wie ein Open-World-Computerspiel präsentiert werden sollte – ein vielversprechender Regieansatz für diese Geschichte. Entsprechend gut besucht war auch die Premiere, denn sicher ist: Die Zauberflöte gilt auch heute noch als eine der beliebtesten Opern im Repertoire.

© Pedro Malinowski

Möglicherweise hatten die Besucher hierbei allerdings einen Hinweis überlesen: Wenn in der Ankündigung nach der Musik von Wolfgang Amadeus Mozart und dem Libretto von Emanuel Schikaneder noch ein Hinweis auf eine neue Dialogfassung der Regisseurin sowie neu hinzukomponierte Musik folgt, verheißt dies oftmals nichts Gutes. Ganz so schlimm wurde es dann zwar nicht, aber bereits die rund 30-minütige Einführung zur Oper durch die Chefdramaturgin des MiR sorgte für viele Fragezeichen. Offenbar hatte man in der gut einjährigen Entwicklungszeit dieser Produktion so viele Ideen, die man alle unterbringen wollte, so dass man sich am Ende vielleicht doch etwas übernommen hat. Doch der Reihe nach: Die Verlegung der Rahmenhandlung in ein Open-World-Spiel funktioniert sehr gut. Neben den spielbaren Figuren tummeln sich hier unzählige NPCs, also vorprogrammierte und vom Computer gesteuerte Non-Player-Characters, die bei der richtigen Fragestellung des Spielers beispielsweise Hinweise geben, Missionen einleiten oder anderweitig mit dem Spieler interagieren. Einige NPCs sind auch bloße Dekoration und führen ständig wiederkehrende Bewegungen aus. Dies wird gleich zu Beginn der Oper sehr humorvoll aufgegriffen. Diese Art von Spiel, in dem man Aufträge erfüllen und Prüfungen bestehen muss, um weitere Spielbereiche freizuschalten, bietet sich für eine phantasievolle Zauberflöte entsprechend an. Gleichzeitig bringen Regisseurin Nora Krahl und Ausstatter Martin Miotk einen zweiten Deutungsstrang in die Oper ein. Ein Machtsystem wird von einem anderen abgelöst, wobei sich beide auf vermeintlich universelle Werte berufen und dennoch die Menschenrechte missachten. Die Königin der Nacht ist nicht nur eine sorgende Mutter, sondern auch Auftraggeberin eines Mordes. Das neue System unter Sarastro übernimmt nach der Machtergreifung die Deutungshoheit, ändert „die Regeln im Spiel“ und wirkt nur auf den ersten Blick weltoffener und moderner.

© Pedro Malinowski

Dies sind zweifellos zwei sehr gute Ansätze für Die Zauberflöte, die genügend Spielraum für eine gelungene Inszenierung bieten. In Gelsenkirchen wollte man allerdings noch viel mehr in die Oper packen. Ägyptenbegeisterung des 18. Jahrhunderts und Freimaurerei dürfen nicht fehlen. Ebenso wenig darf die herabwürdigende Rolle der Frau in dieser Oper unterschlagen werden. Motive des Originallibrettos, wie beispielsweise eine von der Musik beherrschte Welt oder die Fähigkeit des Gestaltwandels, werden ebenfalls aufgegriffen. Schlussendlich müssen dann auch noch Außerirdische mit eingebaut werden. Einzeln betrachtet ist jede dieser Ideen durchaus interessant umgesetzt. Große Grabanlagen und historische Säulen bilden die Welt, durch die Tamino und Papageno wandern. Eine Gruppe Tauben, die gleichzeitig als Spione der Königin der Nacht agieren, verrichten jedes Mal ihr Geschäft auf Papagenos Kopf, wenn er in seiner Arie die Frau lediglich als seine Belohnung oder reine Erfüllungsgehilfin seiner Wünsche sieht. Die Deutsche Grammophon hatte als prägendes Plattenlabel im Klassikbereich lange Zeit großen Einfluss auf die Veröffentlichung von Platten, die oft von Herbert von Karajan, Otto Klemperer oder Karl Böhm dirigiert wurden. Sarastro kann sich in einen Dobermann verwandeln. Die drei Knaben erscheinen als Wesen aus einem anderen Universum. Und dann ist da noch Pamina, in der die Regisseurin keinen selbstbestimmten Menschen, sondern ein Objekt männlicher Ansprüche sieht. Unter diesem Gesichtspunkt wird Pamina in der Oper im wahrsten Sinne des Wortes zum Bild in Form von Caspar David Friedrichs bekanntem Gemälde Frau am Fenster. Insgesamt ist dies alles dann etwas zu viel des Guten, sodass die Grundidee der Inszenierung leider völlig in den Hintergrund gerät. Darüber hinaus gibt es immer wieder Dinge, die sich nicht wirklich erschließen: Warum befindet sich in Papagenos Glockenspiel plötzlich Taubenfutter? Warum nascht Papageno davon und warum verwandelt er sich dadurch in eine Taube? Ein gutes Open-World-Computerspiel darf ja durchaus überraschende und auch völlig unlogische Handlungsstränge beinhalten, sollte aber wie eine gute Operninszenierung immer in sich schlüssig sein. Dies vermisst man an diesem Abend leider hin und wieder.

© Pedro Malinowski

Zudem wurde bislang die Mitwirkung des MiR.LAB noch gar nicht thematisiert. Bis zur Pause besteht diese, abgesehen von einer sehr schön bebilderten Ouvertüre, vor allem in Form von großen Videowänden, auf denen KI-generierte Bilder erscheinen. Diese bringen jedoch keinen Mehrwert und sind vielmehr ein gutes Indiz dafür, dass eine KI hier absolut nichts zu suchen hat. Selbstverständlich kann moderne Technik die Oper bereichern. Als Beispiele seien hier Barrie Korskys Inszenierung der Zauberflöte in Zusammenarbeit mit dem Theaterkollektiv 1927 oder Kobie van Rensbergs Inszenierung am Theater Krefeld-Mönchengladbach genannt, in der die Darsteller mit modernster Videotechnik in eine andere Welt projiziert wurden. In Gelsenkirchen bleibt aber trotz großen Ideen letztendlich lediglich ein sehenswerter LED-Vorhang in Erinnerung, der durch den Einsatz von LiDAR-Sensoren und Infrarotkameras mit den Bewegungen der Darsteller synchronisiert wird. Leider konzentriert man sich im zweiten Akt dann aber auch zu sehr auf diese Technik, sodass die drei Prüfungen vor sich hinplätschern und stellenweise nicht wirklich verständlich sind. Alles in allem hinterlässt die Inszenierung der Zauberflöte einen zwiespältigen Eindruck, der sich durch zwei Bilder gleich zu Beginn des Stücks gut verdeutlichen lässt: Die Schallplatte der Zauberflöte, die während der Ouvertüre als Ladenhüter mit einem Preisschild von einem Euro ausgezeichnet wird, sorgt für viel Erheiterung und lässt auf einen humorvollen Abend hoffen. Wenn kurz danach Tamino in der ersten Szene der Oper aber statt von einer echten Schlange von einer riesigen Schlange aus Hundekot erschlagen wird, ist das deutlich weniger lustig.

© Pedro Malinowski

Musikalisch kann Die Zauberflöte dagegen durchaus überzeugen. Ylva Sofia Stenberg ist eine hervorragende Königin der Nacht. Ebenso überzeugend ist Khanyiso Gwenxane als Tamino. Auch Philipp Kranjc als Sarastro und Heejin Kim als Pamina wissen zu gefallen. Sebastian Schiller hat in der Rolle des Papageno die undankbare Aufgabe, den größten Teil der textlichen Änderungen auf seiner Seite zu haben, was gelegentliches Overacting erfordert. Musikalisch tritt er aber nicht nur bei Der Vogelfänger bin ich ja gewohnt stark auf, auch wenn sein Tenor vielleicht nicht so ganz für diese Rolle geschaffen scheint. Einen bleibenden Eindruck hinterlassen zudem Rebecca Davis, Lina Edlin und Almuth Herbst. Sie verkörpern statt der gewohnten drei Damen drei Dirigenten in Form von Herbert von Karajan, Otto Klemperer und Karl Böhm – eine Regieidee, die sehr gut aufgeht. Auch die Neue Philharmonie Westfalen sorgt unter der musikalischen Leitung von Johannes Klump für wunderschöne Mozart-Musik aus dem Orchestergraben. Insgesamt hinterlässt die neue Gelsenkirchener Zauberflöte das Gefühl, dass hier deutlich mehr drin gewesen wäre, ohne wirklich schlecht zu sein. Wenn die Regie die Grundideen nur konsequenter verfolgt hätte, anstatt am Ende zu viel zu wollen, wäre dieser Theaterabend vielleicht in positiverer Erinnerung geblieben. So ist es einer dieser Theaterabende, die man wohl schnell wieder vergessen wird. Dem anwesenden Premierenpublikum hat die Vorstellung allerdings sehr gut gefallen, sodass am Ende neben den Darstellern auch das Inszenierungsteam erstaunlich großen Beifall bekam.

Markus Lamers, 10. Mai 2026


Die Zauberflöte
Oper von Wolfgang Amadeus Mozart mit einem Libretto von Emanuel Schikaneder
Dialogfassung von Nora Krahl mit zusätzlichen elektronischen Kompositionen von Arno Waschk

Musiktheater im Revier, Gelsenkirchen

Premiere: 9. Mai 2026

Inszenierung: Nora Krahl
Musikalische Leitung: Johannes Klumpp
Neue Philharmonie Westfalen

Weitere Aufführungen: 17. Mai, 21. Mai, 25. Mai, 29. Mai, 31. Mai, 6. Juni, 20. Juni, 3. Juli und 5. Juli 2026