Ein Geständnis gleich zu Beginn: Ich bin kein Stockhausen-Jünger. Das müßte man aber sein, um den sieben Opern-Machwerken seines Zyklus Licht etwas abgewinnen zu können. Alle Nicht-Jünger schauen und hören sich das an, weil sie neugierig sind, was es etwa in Mittwoch mit diesem „Helikopter-Streichquartett“ denn so auf sich hat, und weil Stockhausen eben zu den ganz großen Namen der musikalischen Avantgarde des vergangenen Jahrhunderts gehört. Man möchte sich ja aufgeschlossen zeigen und nicht als Banause gelten. Wie man dem nachfolgenden Text entnehmen kann, ist das bei mir gründlich schiefgegangen.
Haupterkenntnis aus reichlich vier Stunden Aufführung: Die Maßlosigkeit der Mittel steht in einem grotesken Kontrast zur Schlichtheit der Privatmythologie des Komponisten. Der Text ist purer Esoterik-Kitsch allereinfachster Denkart und kommt oft nicht über Kindergestammel hinaus. In der ersten Szene tagt ein „Weltparlament“ zum Thema „Liebe“. Die differenzierteste Textzeile darin lautet: „Liebe ist Vergebung. – Nicht immer. – Ach so.“ Mehr Tiefgang gibt es im gesamten Verlauf nicht mehr. Nach Auftritten von „Orchester-Finalisten“, die unter allerlei Verrenkungen allerlei Töne produzieren und der Videoeinspielung des besagten Helikopter-Quartetts versammelt sich erneut ein Parlament, nun zuständig für den gesamten Kosmos, und wählt das „Luzi-Kamel“ zum neuen „Operator“. Dieses leibhaftig auftretende Kamel stammt vom (Achtung: Kalauer!) „An-Dromedar“ und scheißt bunte Kugeln. Man wartet darauf, daß jemand aus den Kulissen springt und „Hurz!“ ruft. Man kann sowas als Ausdruck „kindlicher Freude“ und „rheinischen Humors“ betrachten oder einfach als das bezeichnen, was es ist: ganz großer Quatsch.

Der lächerlich einfältige Text macht auch – immerhin handelt es sich um ein Gesamtkunstwerk – die Musik weitgehend ungenießbar. Denn immerhin entspinnt sich in der ersten Szene ein kunstvoller und vielschichtiger A-capella-Chor, den Jeremy Bines als Präsident des „Welt-Parlaments“ versiert und mit sichtbarem Vergnügen anleitet und dabei gelegentlich mit einem Hammer auf ein Pult und Röhrenglocken schlagen darf. Die „Orchester-Finalisten“ der nächsten Szene entstammen dem Stockhausen-erfahrenen Ensemble „Le Balcon“ und können immerhin durch ihre Virtuosität überzeugen. An dem zentralen „Helikopter-Streichquartett“ beeindruckt visuell bloß der Beginn, zu dem sich die vier Helikopter mit je einem Musiker in die Lüfte erheben. Dann folgen im Wesentlichen Ton-Repetitionen und Rotorengeräusche, zu denen die Musiker immer wieder Zahlen hineinrufen. Das sei – so entnimmt man dem Begleitheft – biographisch begründet, denn Stockhausens Vater sei Lehrer gewesen und habe den jungen Karlheinz mit Mathematik gequält. Nun, ein geduldiger Therapeut wäre billiger gewesen.
Für das Quartett gilt wie für das gesamte Stück: alles ein bißchen lang dafür, daß es keinen Inhalt hat. Gerade das Ende zieht sich. Nachdem alle Protagonisten die Bühne verlassen haben und man glaubt, es nun endlich hinter sich zu haben, klingen noch eine gefühlte Ewigkeit tiefe elektronische Töne vor sich hin, zu denen gelegentlich ein hohes „Pling“ ertönt wie auf der Kommandobrücke von „Raumschiff Enterprise“.

Die Regie von Susanne Kennedy versucht, das alles ernst zu nehmen und als pseudo-religiöses Ritual vor einem archaischen Steinmonument zu zeigen. Es gibt Prozessionen und Zen-Meditations-Gesten. Hinter dem Monument laufen auf Monitoren mal abstrakte, mal vage auf Textmotive bezugnehmende computergenerierte Form- und Farbmuster vor sich hin. Man hätte das Ganze auch gleich konzertant geben können.
Das Programmheft berichtet von berührten Zuhörern, Projekten mit Schulkindern zu Stockhausens Gesamtkunstwerk, welche die Beteiligten verändert hätten. Nachvollziehen kann man es nicht so recht. Wenn dem aber so sein sollte, kann man dazu nur Richard Wagner zitieren: Wirkung ohne Ursache.
Aber auch dafür gibt es ein Publikum. Teile davon haben in der besuchten Aufführung nach jeder Szene vor Begeisterung in schriller Kopfstimmlage gekreischt und gejohlt. Also hat eine solche Perfomance wohl ihre Berechtigung. Ich aber verspreche, mein offensichtliches Banausentum in diesem Leben nicht mehr an den übrigen sechs Licht-Opern unter Beweis zu stellen.
Michael Demel, 26. September 2026
Mittwoch aus Licht
Oper von Karlheinz Stockhausen
Deutsche Oper Berlin
Aufführung am 20. September 2026
Premiere am 19. September 2026
Inszenierung: Susanne Kennedy
Musikalische Leitung: Maxime Pascal