DER OPERNFREUND - 51.Jahrgang
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Zum Zweiten

Il barbiere di Siviglia

Premiere: 7.10.2018        Besuchte Zweitvorstellung: 10.10.2018

Einfallsreich, aber auch drastisch

Die zweite Auftaktproduktion der neuen Intendanz von Heribert Germeshausen, Rossinis „Barbier“, hatte kurz nach der opulent herausgeschleuderten „Aida“ Premiere. Wegen des zeitgleichen Bonner „Xerxes“ mußte ein Besuch auf die erste Folgevorstellung verschoben werden, bei welcher das Auditorium nur mäßig gefüllt war. Die Besucherstatistik sollte auf lange Sicht ehrlich dokumentiert werden, denn die Dortmunder sind offenbar nicht ganz leicht zu haben. Auf die Amtszeit von Christine Mielitz vor etlichen Jahren hat man beispielsweise mit demonstrativem Desinteresse reagiert.

Rossinis „Barbier“ ist eine typische Opera buffa mit oft drastischen Bühneneffekten. Einen jungen Regisseur wie Martin G. Berger muß es also reizen, traditionelle Komik mal gegen den Strich zu bürsten. Die inszenatorische Absicht wird aus dem Schlußsatz des Erzählers wohl besonders deutlich. Bei seinem Abgang rät Hannes Brock (vielseitiger Tenor, jetzt a.D., aber bei Bedarf weiterhin im Einsatz) den Zuschauern nämlich, sich die Fortsetzung der Geschichte (Mozarts „Figaro“) vor Augen zu führen.

Hinter Buffa-Freundlichkeit können sich also durchaus Abgründe auftun, so empfindet es der Regisseur. Um dies zu verdeutlichen, greift er auf die Mittel des Puppenspiels zurück. Puppen sind gesichtsstarre Figuren, denen erst durch die Lenkung von realen Darstellern Leben eingehaucht wird. Wie glücklich dies gelingen kann, zeigen beim Kölner Schauspiel Arbeiten von Moritz Sostmann, zuletzt bei der Bühnenfassung von Christoph Helds „Bewohner“, einem Stück über demente alte Leute. Martin G. Bergers Inszenierung bietet nun freilich kein astreines Marionettentheater, wie es eine zu Beginn vor dem Dirigentenpult aufgebaute Minibühne suggerieren könnte. Er macht vielmehr die Darsteller selber zu Marionetten. An Strippen aufgehängt werden sie vom Schnürboden aus gelenkt.

Mit dieser Methode will der Regisseur offenkundig sagen, daß die Personen der Oper in einem stereotypen Leben gefangen sind. Aber sie wollen, bei unterschiedlichem Gelingen, aus diesem ausbrechen. Über Almaviva läßt sich der Regisseur im Programmheft wie folgt aus: „Ausgerechnet der privilegierte Graf nacht sich besonders intensiv Gedanken über die Auflösung der starren Regeln und versucht idealistisch, sie aufzubrechen. Er will in einer Welt leben, die jenseits der gesellschaftlichen Zuschreibungen funktioniert.“ Uff, ist da gar schon die Revolution ante portas? Nach einem „strippenlosen“ Intermezzo mit dem überaus chaotischen ersten Finale als Höhepunkt landen jedoch alle wieder in ihren Seilen, somit in den alten gesellschaftlichen Normen.

Diese Konzeption ist mutig erdacht, quirlig umgesetzt, überfordert die Dramaturgie von Rossinis Oper jedoch. Man erlebt reichlich Spaßmomente, welche freilich vielfach überdrastisch und auch etwas selbstverliebt daherkommen. Einigen jungen Leuten im Publikum war bei alledem Verzückung anzumerken - nun gut. Die vom Regisseur geschriebenen Erzähltexte (kein Rezitativ mehr; gestrichen ist auch die Figur des Fiorillo) besitzen indes eine luzidere Ironie, welche teilweise auch in die Surtitles einfließt. Keine Frage: Martin G. Berger besitzt Fantasie für mindestens zwei, geht mit ihr aber halt auch etwas verschwenderisch um. Die Ausstatter (Bühne: Sarah-Katharina Karl, Kostüme: Alexander Djurkov Hotter) arbeiten ihm lustvoll zu.

Daß Rossinis „Barbier“ ein kraftvoller Abend wird, läßt sich bereits an der Ouvertüre ablesen. Bei den von Motonori Kobayashi dirigierten Dortmunder Philharmonikern fehlt es da noch an Delikatesse des Klangs, an energievoller und präziser Rhythmik. Das ändert sich dann aber zum Besseren. Zu viel des Feingetönten würde sich aber wohl auch an der Inszenierung reiben.

Von den Sängern (verbliebene Ensemblemitglieder und Gäste) beeindruckt besonders Petr Sokolov in der Titelpartie. Der junge russische Bariton fiel u.a. bei „Neue Stimmen“ auf. Auf Youtube findet sich ein bemerkenswerter Mitschnitt des „Perlenfischer“-Duetts – Partner: der gleichfalls herausragende Chinese Mingjie Lei. Als Privatmensch dürfte Sokolov nicht ganz dem drahtzieherischen Figaro entsprechen, den er in Dortmund so überzeugend gibt. Umso toller, wie er sich die Rolle darstellerisch aneignet, als sei er ein geborener Komödiant. Sein viriler Bariton ist eminent höhensicher, was sich auch bei Rossini günstig auswirkt. Der südafrikanische Tenor Sunnyboy Dladla (Name stimmt so) hat den Almaviva schon relativ häufig verkörpert. Im Spiel wirkt er drahtig, im Gesang beweglich, wenn letzte Finessen auch (noch) fehlen. Etwas schwer tut man sich mit der aus Baku stammenden Mezzosopranistin Aytaj Shikhalizada. Sie verfügt sicher über das hohe C und vermag auch mit vokalem Zierrat zu brillieren, doch wirkt manches noch einigermaßen erkämpft. Die Gewitterszene „gestaltet“ sie übrigens ganz alleine, hoch in der Luft hängend und mit allen Körperteilen zuckend.

Der junge Bulgare Denis Velev (Basilio, Tage zuvor Ramfis in „Aida“) darf als besonders glücklicher Ensemblezuwachs betrachtet werden: machtvoller Baß, vitale Bühnenpräsenz. Auch Fachkollege Morgan Moody, als Bartolo mit einem massiv quellenden Bauch ausstaffiert, ist ein richtiger Bühnenkerl mit standfester Stimme. Er gehört zu den wenigen Sängern (wie auch Vera Fischer/Berta), welche vom einstigen Dortmunder Sängerstamm verblieben sind.

Bilder siehe weiter unten Erstbesprechung!

Christoph Zimmermann (11.10.2018)

 

 

 

 

Zum Dritten

AIDA

Premiere am 5. Oktober 2017

 

Den alten Spruch „nicht kleckern sondern klotzen“ wählte Heribert Germeshausen wohl als Motto für den Beginn seiner Intendanz am Opernhaus Dortmund. Am Freitag war im Opernhaus Premiere von Giuseppe Verdi`s „Aida“, am folgenden Samstag nachmittags in der Stadt ein „Musicircus“ nach John Cage, am Samstag abends dann im Opernhaus Konzert „Barock bis Broadway“ mit anschliessendem Feuerwerk. Terminlich nicht vereinbart aber passend zum Musik-Wochenende fand im Konzerthaus am Sonntag morgens die erste „Mozart-Matinée“ der Mozart-Gesellschaft Dortmund mit den „Heidelberger Sinfonikern“ statt. Abends beschloß dann die Premiere „Barbiere di Sivigla“ im Opernhaus den musikalischen Reigen.

Gleich bei Beginn der Aufführung von G. Verdi’s Aida auf den Text von A. Ghislanzoni erwies uns Regisseur Jacopo Spirei eine lang vermißte Wohltat, beim Vorspiel blieb der Vorhang geschlossen. So konnten die Besucher sich ungestört daran erfreuen, wie die Dortmunder Philharmoniker unter der Leitung von Gabriel Feltz vom pp quasi aus dem Nichts die geteilten und sordinierten Geigen erklingen liessen, gefolgt vom kleinen Fugato der Celli, um dann zur grossen Steigerung und zum wieder abklingen fortzufahren.

Die Handlung begann dann in einem Konferenzzimmer, (Bühne Nikolaus Webern), wechselte für den zweiten Akt für die Damen zu einer Art Cocktail-Lounge, in der sie ziemlich überflüssig mit Sklaven schon einmal ihr gesungenes „vieni, amor mio“ (komm Geliebert) ausprobierten Zum Triumph dehnte sich diese „Lounge“ zu einem grossen pyramidenähnlichen Raum aus Dieser war mit Spiegeln versehen, in der sich die dekadente Hofgesellschaft in Kostümen zwischen früher und heute, etwa Soldaten mit MG`s, aber auch Kleider des 19, Jahrhunderts, (Kostüme Sarah Rolke) selbst bewundern konnte. Passend dazu wurde der König (Il Re) übertrieben als dekadenter Dandy in goldenem Glitzeranzug dargestellt, ganz im Gegensatz zu seinem ernsten und von Denis Velev mit würdevollem Bass gesungenen Ansprachen. Äthioper waren an orangefarbenen Kostümen zu erkennen.

Im Nil-Akt wurden Wellenbewegungen an die Rückwand projeziert (Licht Florian Franzen), das hätte genügt. Zusätzlich floß ein „Nilchen“ über die Bühne, in dem die Darsteller planschen mußten. Dies erregte bei manchen Zuschauern Heiterkeit – ganz gegensätzlich und gefährlich für die Darstellung der grossen Dramatik der Handlung. Im „unterirdischen Gewölbe“ des vierten Aktes stand das Liebespaar auf einem durch herabgelassenen Plexiglasscheiben immer enger werdenden Viereck, in dem sie dann auf ihr Ende warteten – dies ein durchaus eindrucksvolles Bild.

In diesem Rahmen agierten die Sänger anscheinend weitgehend ohne Führung durch die Regie, wodurch sie sich auf den Gesang konzentrieren konnten

Von ihnen begeisterten am meisten die Darsteller der weniger sympathischen Partien. Das galt für Hyona Kim als Amneris. Trotz recht unvorteilhafter Kostümierung gestaltete sie gesanglich makellos im ersten und zweiten Akt Eifersucht und Heuchelei. Ganz eindringlich sang sie im vierten Akt kantables Legato bis hin zu perfekt getroffenen Spitzentönen über die verschmähte Liebe zu Radamès und Verzweiflung in der Gerichtsszene gegen die Priester (diese teils entfernt ägyptisch teils entfernt christlich gekleidet)

In der Rolle des    Amonasro bedrängte Mandla Mndebele nicht nur mit mächtiger Stimme seine Tochter Aida,, ihre Liebe zu Radamès politisch auszunutzen, sondern konnte ihr auch ganz zurückgenommen (cantabile dolcissimo) Liebe zu Vater und Vaterland nahebringen

Wohl für die eigentlich vorgesehene Sängerin der Titelpartie eingesprungen überzeugte Elena O’Connor als Aida. Gelungen stellte sie stimmlich den Zwiespalt zwischen Liebe zum Geliebten und zum Vaterland in der grossen A“Ritorna vincitor“dar, insbesondere in den kantablen p-Stellen Das galt auch für das „o patria mia“ über ihre Liebe zum Vaterland im Nil-Akt, allerdings ohne die Stelle mit dem hohen C. Aber auch mit den tiefen Tönen ihrer vom Tonumfang grossen Partie hatte sie Schweirigkieten. Dafür klangen ihre pp „mai piu“ (niemals) Seufzer eindringlich.

Als ihr geliebter Radamès hatte Hector Sandoval für die Rolle das passende stimmliche Format, beim „Celeste Aida“ im ersten Akt klang die Stimme bei den p – Höhen etwas kehlig und ohne passendes Timbre – er mußte sich wohl erst freisingen, wie das Duett im dritten und vor allem das eindringliche Schlußduett mit Aida im vierten Akt bis zum verklingenden pp zeigte- wohl ein Höhepunkt des Abends.

Shavleg Armasi sang wie ein katholischer Geistlicher gekleidet mit mächtiger Stimme den Oberpriester Ramfis, bei den ganz tiefen Tönen der tiefen Partie schien er sich etwas schwer zu tun. Fritz Steinbacher als Bote und die koloraturensichere Natasche Valentin als Oberpriesterin ergänzten passend das Ensemble.

In der Triumphszene glänzte der Opernchor, teils auch tanzend, rhythmisch prägnant, als Priester im ersten Akt sang er exakt auch ohne Orchesterbegleitung (Einstudierung Fabio Mancini)

Nach dem gelungenen Vorspiel ließ Gabriel Feltz auch weiterhin Raum für musikalische Ruhepunkte, Bei den Massenszenen ließ er es dann richtig krachen, auch sonst klang das Orchester manchmal etwas laut für die Sänger. Beim Triumphmarsch steigerte er zum Ende das Tempo derart, daß daraus fast ein Geschwindmarsch wurde. Allerdings kam es wohl auch dadurch zu Unstimmigkeiten zwischen Bühne und Orchester, für jedermann am meisten hörbar beim Einsatz der „Aida-Trompeten“ aus dem Foyer.

Wie immer zeigte sich die Qualität des Orchesters bei Soli einzelner Instrumente, als Beispiele seien etwa genannt die stimmungsvollen Flöten Oboen und Klarinetten im dritten Akt.

Das Publikum im ausverkauften Haus applaudierte herzlich, langanhaltend mit Bravos, auch ,wie , inzwischen wohl üblich, stehend Natürlich galt dies vor allem den Hauptpersonen. Beifall gab es vielleicht auch auch aus Freude darüber, daß nicht wie früher am Ende blutige Köpfe den Beifall entgegennahmen. . Die nicht sehr starken Buhrufe beim Auftritt des Leitungsteams kamen vielleicht von Besuchern, die diese blutigen Köpfe vermißten.

 

Sigi Brockmann 8. Oktober 2018

Copyright: Björn Hickmann/ Theater Dortmund

 

 

 

DER BARBIER VON SEVILLA

Premiere am 7.10.2018

Frohsinn mit Marionetten und Sängern

Sicher waren auch bei mir, wie bei vielen anderen Opernfreunden, im Vorfeld die kritischen Fragen aufgekommen, wie man zum einen auf die Idee kommen kann Rossinis „Barbier“ als eine Art von Augsburger Puppenkiste aufzuführen, Sänger und Sängerinnen Marionetten gleich an Strippen über die Bühne zu führen und auch dann noch eine gewisse Form der erklärenden Moderation durch einen Erzähler einzubauen. Aber schon nach den ersten Minuten waren alle diese Fragen vergessen und das Staunen, die Freude und der Spaß waren sodann die Begleiter durch den ganzen Abend. Und am Ende dann das traurig-schöne Gefühl, mal wieder absolut großartig unterhalten worden zu sein und das Bedauern, dass die Oper schon vorbei ist. Und mal ganz ehrlich: wie schön ist es doch, so viel Lob verteilen zu dürfen!

Wenn alles so leicht, so spielerisch rüber kommt, ist dies auch immer verbunden mit viel Vorarbeit, vielen Proben und dem Überwinden von Schwierigkeiten, die gerade dann vermehrt auftreten, wenn den Sängern neben dem Gesang auch körperlich einiges abverlangt wird. Dem Dortmunder Barbiere-Ensemble gelang dies auf ganzer Linie. Mit absoluter Spielfreude, großem körperlichen Einsatz, viel Action und Tempo – und dabei niemals überzogen – lieferten sie ihre Lesart von Rossinis viel gespieltem Opernklassiker ab und die war einfach großartig!

Martin G. Berger hatte bereits vor einigen Jahren unter der Intendanz von Christine Mielitz am Opernhaus Dortmund als Regieassistent Erfahrungen machen können. Haus und Bühne, und auch sicher Teile der Technik, waren dem jetzigen Regisseur Berger somit noch bekannt. Die Idee den Barbier von Sevilla als Marionettentheater aufzuführen ist natürlich auch nur dann realisierbar, wenn ein Theater über die notwendigen Einrichtungen und auch über eine in alle Richtungen große Bühne verfügt. Das Dortmunder Opernhaus bietet dies alles und so konnte Martin G. Berger sein Regiekonzept auch technisch umsetzen. Für Berger sind Komödien erst dann gut, wenn sie wie geölte Maschinen laufen, wie er im Programmheft erklärt. Und zudem sei die Handlung dieser Oper bestes Commedia dell’Arte und somit geradezu prädestiniert für eine Umsetzung als Puppentheater. Berger lässt alle Protagonisten an sie fest haltende Fäden auftreten, wodurch sie nahezu schwerelos auf der Bühne hin und her schwingen und agieren können. Wenn sie laufen, dann erinnern sie an wirklich gutes Augsburger Puppentheater, eben an diese Art von stelzigem Gang, die uns allen sofort vor Augen ist. Ein wenig wie die berühmte Blechbüchsenarmee. Durch diese Form der Umsetzung wird der Blick auf die handelnden Personen eine völlig andere. Wo sie in herkömmlichen Inszenierungen selbstbestimmt und autonom in ihren Handlungen erscheinen, werden sie bei Berger zu Puppen eines Spiels, das nach guten alten Regeln gespielt wird, bis am Ende die Prinzessin ihren Prinz ergattert. Oder wie in diesem Fall das (gar nicht so arme) Mündel Rosina ihren Grafen Almaviva.

Die Vielzahl der Gags, der überraschenden Bewegungen und Situationen von Bergers Regie würden zu viel Platz einnehmen um sie alle hier zu erwähnen. Zu Beginn sieht der Zuschauer auf ein überdimensionales Puppentheater mit diesen bekannt roten Vorhängen, die nach beiden Seiten geöffnet werden können. Die deutschen Untertitel sind daher diesmal auf den Seitenwänden des Opernhauses eingeblendet und spielen sogar am Ende ein wenig im Takt der Musik mit. Mit dem Ende der bekannten Ouvertüre öffnen sich die Vorhänge des Puppentheaters und das Spiel kann beginnen. Doch nicht ganz: denn vor jedem wichtigen und entscheidenden Handlungsverlauf, sofern man der Handlung Wichtigkeit unterstellen mag, tritt der Erzähler auf und erklärt dem staunenden Publikum, was es sogleich erleben wird. Glänzend gespielt von Dortmunds Kammersänger Hannes Brock, der mit äußerst angenehmer Sprechstimme und sehr humorig diese speziell für diese Inszenierung neu erschaffene Rolle kreiert.

Und so leben und lieben sie nun alle an Strippen und am Ende des ersten Teils werden sie mit einer übergroßen Schere von ihnen befreit und das Spiel geht danach in die zweite Runde. Ohne Strippen, aber weiterhin temporeich und witzig dann der weitere Verlauf der Oper. Die Ränke, das Spinnen von Intrigen und Verleumdungen, die Trickserei des Grafen um endlich seiner Rosina näherzukommen und am Ende dann das ersehnte Happy-End und die langen Gesichter von Dr. Bartolo und Don Basilio. Aber so ganz fadenlos geht es dann doch nicht. Einer behält die Strippen bis zum Ende in der Hand. Figaro, der Barbier von Sevilla. Seine Finger hat er überall drin und die Fäden hält er sowieso in seinen Händen. Aber nicht so ganz…..aber schauen Sie einfach selbst!

Für das Bühnenbild hat sich Sarah-Katharina Karl an die bunte und facettenreiche Welt des Puppentheaters orientiert. Sie spielte mit der Größe der Dortmunder Bühne und auch mit deren technischen Möglichkeiten. Sie liess das Bühnenbild mal verkleinern, dann wieder vergrößern und öffnete den Blick auf die Bühne auch mal ganz, je nach Spielfluss und Gegebenheit, aber immer auch auf eine überraschende Weise. Viele kleinere und auch größere Einfälle, wie die erstaunlich gut funktionierende Kettenreaktion im „Verleumdungs-Labor“ des Don Basilio, gestaltete sie zu echten Hinguckern. Die phantasievolle Kostümierung von Alexander Djurkov Hotter rundete den Gesamteindruck hervorragend ab und liess Puppenträume wahr werden. Hier muss auch unbedingt noch Rachel Pattison erwähnt werden, die für den anspruchsvollen Puppenbau verantwortlich zeichnete. Und ebenso die beiden auf der Bühne stumm agierenden Puppenspielerinnen Julia Giesbert und Veronika Thieme und der entzückende Schoßhund von Don Basilio. Teamarbeit vom feinsten! Kompliment an alle!

Zum Musikalischen:

Die Dortmunder Philharmoniker hatten ihn, diesen Champagner-Klang, dieses typisch „Rossinische“, was den Opernfreund erfreut. Auch bei ihnen wurde die Spielfreude und der eigene Spaß an der Aufführung geradezu hörbar und selbstverständlich erhielten sie den höchst verdienten Applaus vom Publikum für diese musikalische Leistung. Montonori Kobayashi, Dortmunds stellvertretender Generalmuskdirektor, leitete den Abend auf seine eigene, sehr besondere, sehr feine und höchst musikalische Weise. Kobayashi, seit Jahren einer der größten und bekanntesten Sympathieträger der Oper Dortmund, war an diesem Abend einmal mehr der Garant für bestes Opernvergnügen und erhielt zu recht Ovationen vom Premierenpublikum.

Die Sängerinnen und Sänger, an Strippen hängend, teils frei schwebend und stets auf stimmliche und körperliche Balance gleichzeitig bedacht, leisteten ganz Besonderes. Für sie alle hier noch einmal ein kollektives BRAVO! Aber im einzelnen:

Berta, die Gouvernante der Rosina, wurde vom Dortmunder Opernchormitglied Vera Fischer als Hausschnecke mit Hang zu Schnupftabak vorzüglich gespielt und gesungen.

Der Bass Denis Velev, der bereits am vergangenen Freitag schon sehr mit seiner Leistung als König in AIDA aufhorchen liess, setzte als Don Basilio noch einen drauf! Ein wahrhaft komödiantisches Talent mit einer großen Stimme und somit ein ganz besonderer Sängerdarsteller, den Intendant Germeshausen für Dortmund verpflichten konnte. Die Verleumdungsarie („La calunnia è un venticello“) machte er zu einem echten Ohrwurm.

Dr. Bartolo, der Vormund seines Mündels Rosina, jenes ebenso schönen wie reichen Mädchens, dass er doch so gern selbst geehelicht hätte, ist stets eine Paraderolle für einen spielfreudigen Bass-Bariton. Und den hat die Oper Dortmund seit Jahren mit Morgan Moody. Es machte einfach Spaß ihm bei seinen vielen komischen Situationen und Aktionen zuzusehen und zuzuhören. Eine Partie, die scheinbar maßgeschneidert ist für den sympathischen Sänger aus Santa Monica.

Dem intriganten, aber doch immer dabei liebenswerten, Figaro gab Petr Sokolov großes Profil. Dies dürfte seine derzeitige Paraderolle sein, mit der er nicht nur in Dortmund die Zuschauer begeistern würde. Kraftvoll, nahezu mühelos wirkend, ist er der Mittelpunkt dieser Oper und stimmlich von erster Güte. Seine Auftrittsarie, das berühmte „Figaro…Figaro…Figaro!“ („Largo al factotum„) war seine höchst gelungene Ouvertüre in die dann folgende Partie, die er glänzend gestaltete. Das Publikum bejubelte die Leistung des russischen Baritons einhellig.

Aytaj Shikhalizada (Rosina), Sunnyboy Dladla (Graf Almaviva) / Foto © Anke Sundermeier, Stage Picture

Rosina, das reiche Mündel, wird in der Dortmunder Inszenierung von einer Mezzosopranistin, wie es auch üblich ist, gesungen. Mit Aytaj Shikhalizada hat Dortmund einen Glücksgriff getan. Scheinbar leicht und ohne besondere Anstrengung sang sie ihre Partie, glänzte in der bekannten Bravourarie „Una voce poco fa„, und dies auch unter erschwerten körperlichen Bedingungen als ansteigende Schlange, und setzte vokale Glanzpunkte in den temporeichen und mitreißenden Ensembles der Oper. Frau Shikhalizada verfügt über eine warme und auch in tiefen Lagen kräftige und äußerst angenehme Stimme, die speziell bei Rossini zur besonderen Entfaltung kommt. Ein toller Einstieg der jungen Mezzosopranistin aus Baku. Bravorufe und Ovationen auch für sie!

Sunnyboy Dladla, der Tenor aus Südafrika und auch einer der Neuzugänge der Dortmunder Oper, sang und spielte den verwöhnten und (selbst-)verliebten Grafen Almaviva. Schon mit dem ersten Gesangston seiner Auftrittscavatine „Ecco ridente in cielo“ wurde klar, dass dort auf der Bühne ein ganz besonderes Talent steht. Seine Stimme scheint fast wie gemacht für diese Rossini-Partie und noch mehr: diese Stimme geht durchs Ohr direkt ins Herz. Er singt den Almaviva mit müheloser und klarer Höhe, gibt ihm sehr viel sängerisches, aber auch schauspielerisches Profil und machte seinen Auftritt zu einem Ereignis. Bravo Sunnyboy Dladla!

Last but not least waren die Herren des Dortmunder Opernchores (Einstudierung Fabio Mancini) ein fest integrierter und agierender Teil dieses Opernvergnügens!

Am Ende war der Jubel im gut besuchten Opernhaus groß. Alle an der Produktion beteiligten Künstler waren in die Ovationen eingeschlossen. Das ein Regieteam fast den größten Applaus nach einer Opernpremiere erhält, erlebt man auch nicht alle Tage. Aber hier und jetzt war es absolut berechtigt. Gratulation an die Oper Dortmund für einen BARBIERE von so hohem Unterhaltungswert!

Foto © Anke Sundermeier, Stage Picture

Detlef Obens 11.10.2018

 

 

 

Zweiter Premierenbericht

AIDA

5. Oktober 2018

Vom Premierenpublikum euphorisch gefeiert

AIDA, ein Auftragswerk anlässlich der Eröffnung des Suez-Kanals im Jahre 1869 hatte seine Uraufführung am Heilig Abend des Jahres 1871 in Kairo. Giuseppe Verdi vertonte darin die Geschichte um die äthiopische Königstochter Aida, die in ägyptische Kriegsgefangenschaft gerät und sich dort in einen der Krieger des Heeres verliebt. Radames, so sein Name, ist nahezu unerreichbar für die Sklavin Aida, denn Amneris, die Tochter des ägyptischen Königs hat ebenfalls mehr als ein Auge auf ihn geworfen. Hier setzen nun die Macht- und Intrigenspiele ein, die immer dann beginnen, wenn Liebe, Eifersucht und Verlustängste das Denken von Menschen zunehmend beherrschen. Und die sich dann verschlimmern, wenn scheinbare Abhängigkeitsverhältnisse bestehen, wie es im Falle von Aida und Amneris – dort die Pharaonentochter, da die Sklavin aus Äthiopien – der Fall ist.

Gleichzeitig ist Verdis wohl populärstes Werk ein psychologisches, ja geradezu intimes, Kammerspiel, gespickt mit einigen Massenszenen, die dem damaligen Zeitgeist der Entstehung der Oper entsprachen und es ist ein Werk, dass auch die ganz große Bühne füllen kann. Verdi verlangt schon fast einen gedanklichen Spagat um diese Liebesgeschichte, die sie im besten Sinne ist, überzeugend auf die Bühne zu stellen. Also zum einen die Erwartungen des Publikums an die großen und bekannten Szenen der Oper zu befriedigen und zum anderen auch die innigen, die höchst emotionalen Momente, die wahren Seelenspiegel dieses Werkes, überzeugend darzustellen.

Der italienische Regisseur Jacopo Spirei entschied sich dafür „seiner“ Aida auch einen Bezug in die reale, heutige, Welt und Zeit zu geben und ihr aber gleichzeitig auch einen ägyptischen Erwartungsanstrich zu verpassen. Besonders im so bekannten „Triumphmarsch“ lässt Spirei alle möglichen Bezüge, um die es ihm bei seiner Arbeit geht, auf der Bühne umsetzen. Erinnerungen an Fantasyfilme kommen in den Sinn des Betrachters, ein Radames der auch StarWars entsprungen sein könnte, Elbenhaft-anmutende Priester laufen auf und ein Popstar ähnlicher König, der wie seine Tochter Amneris, irgendwie völlig aus der Zeit der Pharaonen herausgefallen zu sein scheint.

Und in allem dann eine Aida, in orangefarbenen und schlichten Gewand, die doch allen noch so bunten Bühnenvögeln immer dann, wenn sie auftritt, jede Farbe, jede Action nimmt und die Aufmerksamkeit aller auf sich zieht.

Im ersten Teil der Inszenierung spielt Spirei mit all diesen Figuren, Zeitsprüngen und Bezügen um dann nach der Pause in wesentlich ruhigeres Fahrwasser zu geraten. Und das im wahrsten Sinne. Die großartige „Nilszene“ lässt er größtenteils im Wasser spielen. Mit 1600 Liter lässt Spirei die Bühne der Oper Dortmund zu einer Nachbildung des Nils werden und nutzt dieses Element dann im weiteren Verlauf der Handlung zunehmend. Die Spannung, die beim Aufeinandertreffen von Aida und ihrem Vater Amonasro, der mittlerweile auch Gefangener der Ägypter wurde, entsteht, ist mit Händen zu greifen. Hier gelingt Jacopo Spirei das, was ich als „Große Opernmomente“ bezeichnen möchte. Zu diesen zählen dann auch noch der gefühlsmäßige Ausbruch von Amneris bei der Verurteilung ihres geliebten Radames und das Finale der Oper mit seiner fast schon überirdisch schön zu nennenden Musik.

Hierzu lässt die Regie beeindruckende Bilder erschaffen. Die geradlinigen Bühnenbilder und Aufbauten von Nikolaus Webern ergänzen und unterstreichen die Intentionen der Inszenierung und nutzen dabei die Größe der Dortmunder Bühne optimal. Insbesondere im Finale der Oper ist das geschaffene Bühnenbild von größter Eindringlichkeit und damit ein besonderer Einfall zur Lösung der Darstellung der Grabesszene. Sarah Rolke kann als Kostümbildnerin förmlich aus dem Vollen schöpfen; bietet ihr doch diese Regie geradezu ein Füllhorn an Möglichkeiten ihrer künstlerischen Arbeit nachzukommen.

Musikalisch ist AIDA immer eine Herausforderung für ein Opernhaus. Höchst anspruchsvolle Partien hat Verdi erschaffen und auch das Orchester reich bedacht, welches lokalen Kolorit, Gefühle und Dramatik dieser Partitur so reich widerspiegeln soll. Das die Dortmunder Philharmoniker diesem Anspruch wieder einmal voll gerecht wurden, mag hier als erstes erwähnt werden. Zusammen mit dem glänzend einstudierten Chor der Oper Dortmund (Leitung Fabio Mancini) bildeten sie einmal mehr zwei sehr tragende Säulen einer Operninszenierung. Dortmunds GMD Gabriel Feltz leitete höchst souverän, und hier besonders auf die dramatischen Höhepunkte der Oper eingehend, die Philharmoniker und das gesamte sängerische Ensemble auf der Bühne. Er dirigierte im wahrsten Sinne italienische Oper!

Sängerisch wurden die Premierenbesucher ebenfalls verwöhnt!

Fritz Steinbacher, auch noch aus dem bisherigen Ensemble dem Dortmunder Opernfreunden bekannt, sang den Boten. Die Oberpriesterin sang und spielte Natascha Valentin. Beide gewohnt überzeugend.

Dem König von Ägypten, jenem ausgeflippten Typen vom Nil, gab der Dortmunder Neuzugang Denis Velev starkes persönliches und gesangliches Profil. Dies gilt ebenso auch für Shavleg Armasi, der einen kraftvollen und raumfüllenden Ramfis sang und ebenfalls großen Applaus erhielt.

Der Partie des Radames verlieh der mexikanische Tenor Hector Sandoval viel Gefühl und Ausdruck, wirkte aber stimmlich an diesem Abend nicht ganz so kraftvoll wie seine gesanglichen Mitstreiter auf der Bühne. Nichtsdestotrotz gelangen ihm schön und zart gesungene Passagen, insbesondere in der schwierigen Eingangsarie „Celeste Aida„.

Besonderer Jubel und Bravochöre für die folgenden Sängerinnen und Sänger: Ich beginne mit Amonasro, gesungen von Mandla Mndebele . Er war ab dem ersten Moment an überzeugend. Er verlieh dieser Partie eine enorme körperliche Ausstrahlung und sang diese anspruchsvolle Baritonpartie auf höchstem Niveau. Das Duett im Nil mit Aida ist einer der Höhepunkte dieser Dortmunder Inszenierung. Bravo Mandla Mndebele für diesen Einstand in Dortmund und für einen der besten Amonasro, den ich in den letzten Jahren erleben durfte!

Und ähnliches gilt auch für die Sängerin der Amneris, die südkoreanische Mezzosopranistin Hyona Kim. Sie war mir schon bei ihrem ersten Dortmunder Auftritt im Rahmen der Dortmunder Sommerkonzerte 2018 sehr positiv aufgefallen und meine Erwartung an sie war dementsprechend. Und sie enttäuschte nicht. Ganz im Gegenteil: sie sang eine Amneris die das Publikum begeisterte. Allein ihr phantastisch emotional herausgeschleudertes „Empia Razza! Anatema su voi!“ im vorletzten Bild war schon die Anreise nach Dortmund wert und riss mich förmlich vom Stuhl.

Tja, und dann war da noch die Aida von Elena O’Connor eine Sopranistin von Anmut und stimmlicher Schönheit. Ein ganz besonderes Timbre in der Stimme, welches für die Gestaltung einer solchen Partie von so großer Bedeutung ist. Ein Glücksfall für jedes Opernhaus welches diese Oper auf dem Spielplan hat. Sie, die fast immer auf der Bühne zu sehen ist, die schwierigste Arien und Duette zu singen hat, die Gefühle und inneren Zwiespalt wie keine andere Handlungsperson darstellen muss – mit Elena O’Connor hat die Oper Dortmund eine großartige Besetzung für diese überaus anspruchsvolle Opernpartie gefunden. Bereits nach ihrer ersten großen Szene „Ritorna vincitor“ war der Eindruck überwältigend. Und das steigerte sich im Verlauf der Oper minütlich. Verdienter Jubel für die amerikanische Sopranistin, an der auch sicher Verdi selbst seine Freude gehabt hätte.

Heribert Germeshausen ist seit diesem Wochenende nun offiziell neuer Chef der Oper Dortmund. Wo andere ihren beruflichen Einstand mit Canapés und Sekt geben, tat er es mit Stimmen. Und seine Auswahl war exzellent. Da will man mehr, da geht man wieder hin. Die Oper Dortmund ist eben die Oper Dortmund! Und Verdi geht sowieso immer!

Detlef Obens 7.10.2018

 

AIDA

Premiere: 5.10.2018

In einem Bächlein helle …

Das Intendantenkarussel drehte sich wieder einmal. Peter Theiler hat Nürnberg in Richtung Dresden verlassen, sein Nachfolger ist Jens Daniel Herzog, an seinem bisherigen Haus, der Oper Dortmund, wurde damit der Platz frei für Heribert Germeshausen, bislang in Heidelberg tätig. Man kennt seinen liebenswürdigen Ehrgeiz, mit welchem er nun auch das Dortmunder Publikum zu gewinnen trachtet. Eine geballte Ladung von Veranstaltungen kennzeichnet seinen Start, wovon an dieser Stelle natürlich nur die Opernproduktionen berücksichtigt werden können. „Aida“ machte den Anfang, der Rossini-„Barbier“ wird folgen.

Freude zunächst darüber, daß Dirigent Gabriel Feltz dem Hause erhalten bleibt (sein Vertrag läuft bis 2023). Wenn man ihn am Pult der Dortmunder Philharmoniker erlebt, kann man kaum ruhig sitzen bleiben. Mit hochgereckten Händen, gerne alle Finger gespreizt, macht er seine dramatischen Intentionen deutlich. Bei „Aida“ mag Einiges zu forsch, zu tempokrass erscheinen, aber die Musik lodert hinreißend. Feine Ausdrucksvaleurs kommen deswegen nicht zu kurz. So ist das Vorspiel ein Chiffontuch in Tönen, und das Finale verebbt nahezu in Jenseitigkeit. Wermutstropfen in der Premiere: die rhythmische Übereinstimmung mit den lontano-Trompeten beim Triumphmarsch war desolat.

Zur Inszenierung, wenn man sie überhaupt als solche bezeichnen will. Das verantwortliche Team lehrt mit seiner Unbedarftheit nachgerade das Fürchten. Die Kostüme greifen den Ausstattungsetat heftig an (primär beim Chor - nota bene hervorragend dank Fabio Mancini). Aber wie Sarah Rolke die figürlich nicht ganz unproblematische Sängerin der Amneris in kurze Cocktailkleider steckt, ist schon ein Affront. Bühnenbildner Nikolaus Webern bietet coole Räume ohne jedwedes Flair. Die nach vorne schräg zulaufenden Wände (ab Nil-Akt) sind an Einfallslosigkeit kaum zu überbieten. Daß er das Liebespaar am Ende mit etlichen herabfahrenden Quadratwänden immer mehr „begräbt“, ist zwar erklärte Idee, aber visueller Mummenschanz.

Viele Weisungen dürften freilich von Regisseur Jacopo Spirei stammen. Sein Credo: „Aida“ ist „eine Oper, die viele Geheimnisse in sich birgt. Mit unserer Inszenierung wollen wir ein paar dieser Geheimnisse aufdecken und das Wesen des Werkes offenlegen.“ Aber das Geheimnis dieser Inszenierung ist größer als das Geheimnis des Todes.

Auch sonst plaudert Spirei Absichten aus, die nett gemeint sind. Auf der Bühne sieht man jedoch weitgehend Biederes wie das „Grab“, eine lediglich etwa fünf Quadratmeter große Fläche, auf welcher sich Aida kaum verstecken kann. Sie liegt unter einem schwarzen Tuch also gleich da, was Radames allerdings erst bemerkt, als sich seine Geliebte aus dem Stoffballen herauswindet. Und dann tritt Amneris für ihren Schlußgesang ganz simpel und frontal aus der Seitenbühne heraus. Man traut seinen Augen nicht.

Eine besonders hübsche Idee. Nach der Pause gibt es Wasser auf der Vorderbühne, „um den Nil und seine Herausforderungen für die dort lebenden Menschen darzustellen“. Magie eines großen Stromes? In diesem kleinen Bächlein helle mag Schuberts Forelle Platz finden, aber für Spireis verwegene Regieidee reicht es nicht. Doch müssen sämtliche Akteure wenigstens einmal in dem Rinnsal herumplantschen, ob es Sinn macht oder nicht.

Auch sonst erweist sich die Inszenierung als komplett defizitär. Auf der übervollen Bühne bei der Triumph-Szene bewegt sich fast nichts. Außer dem auf jung getrimmten König (stimmlich gut: Denis Velev), der wie ein tumber Entertainer tänzelnd mit seinem Volk schäkert. Daß bei seinem kaum als sinnstiftend zu denkenden Regierungsstil die Priester unter Ramfis (durchaus hoheitsvoll: Shavleg Armasi) das Sagen haben, kann nicht verwundern.

Im Ensemble (durchsetzt mit Gästen) etliche neue Namen. Vorrangig ist die Südkoreanerin Hyona Kim als Amneris zu nennen. Ihr erotisch getönter Mezzo gleicht einem Vesuv, jeder Ton ist perfekt zentriert. Durch ihren Gesang wird die ägyptische Königstochter auch ohne Regie zu einer überzeugenden Gestalt. Elena O’connor gibt eine nicht ganz ebenmäßig vokalisierende Aida, vermittelt aber das Leidenspotential der gedemütigten Sklavin beeindruckend. In der Premiere ließ sie in der Nil-Arie den Aufstieg zum hohen „C“ weg, beschränkte sich auf die beiden Spitzentöne. Vermutlich Nervosität. Als Radames bietet Hector Sandoval etliches heldisches Potential und überzeugt auch als Darsteller. Daß er ständig an seinen Gefängnisketten rüttelt, wurde ihm wohl aufoktroyiert. Den Schluß von „Celeste Aida“ gestaltet er im Piano, doch wirkt der Ton nicht genügend gestützt (man höre Jonas Kaufmann in der Gesamtaufnahme unter Antonio Pappano). Der erst 28 Jahre alte Südafrikaner Mandla Mndebele ist als Amonasro ein richtiges Mannsbild, kraftvoll in Statur und Stimme; vom Dortmunder Publikum wird er sogleich ins Herz geschlossen. Den Botenbericht gibt Fritz Steinbacher schönstimmig, bei leichten Schwierigkeiten in der Höhe.

Ausgiebiger Beifall der Zuschauer, besonders für Feltz, Hyona Kim und wie eben erwähnt Mndebele. Für die Inszenatoren meldeten sich auch einige Proteststimmen, die durchaus vehementer hätten ausfallen dürfen.

Das einzige HONORARFREI Foto (!) ist von Björn Zickmann / Stage Pictures

Christoph Zimmermann (6.10.2018)

 

 

 

Abschiedsgala Jens-Daniel Herzog

15.Juni 2018

Addio Dortmund

Seit Eröffnung des jetzigen Opernhauses im Jahre 1966 blieben die drei letzten Intendanten nicht sehr lange in Dortmund, vergleicht man ihre Zeit z. B. mit dem benachbarten Essen, wo Stefan Soltesz fünfzehn Jahre lang GMD und Intendant war oder mit dem Staatstheater Kassel, wo Thomas Bockelmann seit vierzehn Jahren Intendant ist. Dafür wurden die Abschiede immer aufwendiger begangen. Nach sechs Jahren Intendanz von John Dew gab es eine kurze Zeremonie nach der letzten Vorstellung des von ihm inszenierten „Tristan“. Christine Mielitz lud zum Ende ihrer „Ära“ von acht Jahren alle Besucher der letzten von ihr inszenierten Premiere - „Trittico“ von Puccini - zum Imbiß ein und gab gleichzeitig eine Dokumentation bestehend aus zwei CD und einem Begleitheft heraus.

Jetzt verläßt Jens-Daniel Herzog nach sieben Jahren Dortmund in Richtung Staatstheater Nürnberg, wo er Intendant für alle Sparten und Operndirektor wird. Zum Abschied legte er unter dem Titel „Addio Dortmund“ mit dem Motto „Kein Opernscheiss“ ein umfangreiches Buch über seine Intendanz mit Interviews und vielen großformatigen Fotos vor. Erstaunlicherweise fehlt darin ein Hinweis auf eine der eindringlichsten Aufführungen seiner Intendanz, nämlich „Beatrice Cenci“ von Berthold Goldschmidt – Premiere am 26, Mai 2012. Zusätzlich veranstaltete die Oper am vergangenen Freitag, ebenfalls unter dem Motto „Addio Dortmund“, eine Abschiedsgala zusammen mit den Sängerinnen und Sängern, die unter Herzogs Intendanz in Dortmund engagiert sind oder es zeitweise waren, den Dortmunder Phiharmonikern unter der Leitung von Motonori Kobayashi und dem Opernchor  noch einstudiert von Manuel Pujol, der ebenfalls die Oper Dortmund verläßt, um Chordirektor an der Oper Stuttgart zu werden.

Gezeigt wurde, wie Moderator Holger Noltze es nannte, insofern ein „musikalisches Bilderbuch“, als zu den Musiknummern an der Bühnenrückwand jeweils Produktionsfotos der entsprechenden Aufführung gezeigt wurden. So begann die Abschiedsgala zu den Klängen der „Nabucco“- Ouvertüre mit Filmausschnitten aus Inszenierungen des scheidenden Intendanten. Dabei waren zu sehen Ausschnitte aus den sehr gelungenen Aufführungen von Mozarts „Cosi fan tutte“ und „Anna Nicole“ von Turnage, die nach Nürnberg übernommen werden. Aber auch an die blutigen Verdi-Inszenierungen von „Don Carlo“ „Otello“ und „Nabucco“ wurde erinnert, wohl auch an den noch blutigeren „Tristan“ Dabei verstand es Herzog immer, mit den szenisch einsatzfreudigen Sängern seine Absichten konsequent dem Publikum zu vermitteln. Wie leider heute üblich wurden auch von ihm Ouvertüren und Vorspiele bereits mit Handlung auf der Bühne bebildert, ganz unpassend bei so bedeutenden Musikstücken wie der Ouvertüre zu „Don Giovanni“ oder dem Vorspiel zu „Tristan und Isolde“

Dies mag dem einen mehr dem anderen weniger gefallen haben, über eins sind sich alle einig, Jens-Daniel Herzog verstand es, stimmlich hervorragende Sängerinnen und Sänger zu entdecken und für die Oper Dortmund zu gewinnen. Von den am Abend nicht Anwesenden seinen genannt die Sopranistin Christiane Kohl, die Mezzo-Sopranistin Katharina Peetz, der Tenor Lucian Krasznec oder der Baß Christian Sist.

Letzterer war für die Abschiedsgala angekündigt, trat aber nicht auf. Es trat zuerst auf   Kontinuität vermittelnd, weil noch zu Zeiten von Christine Mielitz engagiert, Julia Amos und sang aus Donizetti's „Liebestrank“ mit perlenden Koloraturen und strahlenden Spitzentönen die Erfolgsarie „Prendi per me“ Die vor einigen Jahren in letzter Minute als Carmen eingesprungene Ileana Mateescu sang zusammen mit Christoph Strehl aus dieser Oper, wobei man letzteren viel mehr bewundert hatte, als er früher Nerone in Monteverdis „Krönung der Poppea“ sang, letztere aufgeführt im kleineren Raum „backstage“ mitten zwischen dem Publikum und mit sichtbarem Orchester – eine der Regie-Großtaten von Herzog. Ansonsten war Ileana Mateescu auf Hosenrollen spezialisiert, woran hier mit einem Ausschnitt aus dem „Rosenkavalier“ erinnert wurde, zusammen mit Anke Briegel als Sophie und Emily Newton als Marschallin. Aus dieser „Komödie für Musik“ zeigte Karl-Heinz Lehner als Baron Ochs im Finale des zweiten Aktes, daß er den ganz tiefen langen Schlußton treffen und gleichzeitig das Publikum durch gekonntes Spiel erheitern konnte. Das gelang auch Morgan Moody, als zur „Registerarie“ aus „Don Giovanni“ von dessen über 1.500 eroberten Damen einige auf die Bühne kamen.

Unter den vielen anderen Auftritten, die an grossen Verdi - Operngesang in Dortmund erinnerten, seien vor allem noch Bassist Wen Wei Zhang mit der grossen Arie König Philipps aus „Don Carlo“ und Sangmin Lee als Nabucco mit einer Szene aus der letzten Inszenierung Herzogs genannt

Mit einem Chor aus Mendelssohn-Bartholdy's „Elias“ erinnerte der Opernchor an seine besonders schwierigen Auftritte bei der szenischen Aufführung von Oratorien, wo die Sänger zu den anspruchsvollen mehrstimmigen Chorpartien noch hin- und herlaufen mußten.

Heiterer wurde es zum Schluß, als zunächst der Sänger mit der wohl mit der kürzesten Zeit im Dortmunder Ensemble, Fritz Steinbacher, mit unangestrengten Spitzentönen und sehr textverständlich „Komm Zigan“ aus „Gräfin Mariza“ sang. Es folgten die beiden Dortmunder Lieblingssänger Eleonore Marguerre  (vorher schon mit der „JuwelenarieGounod's „Faust“ brilliert) und Kammersänger Hannes Brock mit „Lippen schweigen“ aus der „Lustigen Witwe“ bevor das gesamte Ensemble sich zum „Brüderlein Schwesterlein“ aus der“Fledermaus“ auf der Bühne traf. Da der Sekt gut schmeckte, folgte als Zugabe noch das „Trinklied“ aus „La Traviata“

Natürlich gab es die üblichen Dankesreden, vorher von Oberbürgermeister Sierau, nachher von anderen Rednern. Gelungen war zum endgültigen Schluß der Gag, daß in einem dreirädrigen alten Kastenwagen der Marke „Ape“ des italienischen Autobauers Piaggio der neue Intendant Heribert Germeshausen auf die Bühne fuhr und Jens-Daniel Herzog in demselben Wagen von der Bühne weg in Richtung Nürnberg fuhr.

Das Publikum im ausverkauften Opernhaus applaudierte nach jedem Auftritt und besonders zum Schluß mit dankbarem Abschiedsapplaus für Jens-Daniel Herzog.

Sigi Brockmann 16. Juni

 

 

 

DIE SCHNEEKÖNIGIN

Premiere 8. April 2018

Familienoper von Marius Felix Lange

Die Oper Dortmund und ihre Familienopern. Stets eine besonders feine Verbindung von ansprechender und anspruchsvoller Musik, bester Unterhaltung, hinreißenden Bühnenbildern- und Kostümen und so überzeugender Regie, wie man sie sich eigentlich immer wünschen würde. So auch am gestrigen Premierenabend wieder. Marius Felix Langes „DIE SCHNEEKÖNIGIN“ zog das Publikum im gut besuchten Opernhaus 80 Minuten lang in seinen Bann, ohne Längen, ohne Langeweile. Denn die wäre bei dem hohen Anteil von sehr jungen Opernbesucher (manche hatten sicher das Grundschulalter noch nicht erreicht) ganz sicher sonst schnell hörbar geworden. Aber das Gegenteil war der Fall: Kinder und Erwachsene folgten der Geschichte von Gerda und Kay und spendeten am Ende der Oper begeisterten Applaus für alle Beteiligten. Ein großer Erfolg für die Solisten, den Chor und das Orchester der Oper Dortmund, dem musikalischen Leiter Ingo Martin Stadtmüller und ganz besonders für den Komponisten Lange, der den Beifall für sich und sein Werk selbst entgegen nahm.

Marius Felix Langes im April 2016 am Theater Duisburg uraufgeführtes Auftragswerk für junges Publikum (im Rahmen der Jungen Opern Rhein-Ruhr) hat Hans Christian Andersens Märchen „Die Schneekönigin“ als Handlung zugrunde liegen. Ein Märchen, welches dem Komponisten (Jahrgang 1968) als Kind selbst sehr am Herzen lag. In träumerischen Passagen erzählt der dänische Dichter darin die Geschichte um Gerda und ihren Kay, die sich auf abenteuerliche Weise verlieren und wiederfinden. Trolle kommen vor. Ein Deubeltroll mit einem großen allsehenden Spiegel, welcher zerbricht und von dem ein winzig kleines Stück den lieben Kay trifft und ihn zu einem nicht mehr so lieben und egoistischen Zeitgenossen verwandelt. Ein sprechendes Rentier spielt ebenso wie eine muntere Krähe mit, Blumenfrauen und ein Räubermädchen, ein lustiges Prinzenliebespaar und eine kalte und böse Schneekönigin machen alles zu einem bezaubernden Märchen. Und wie so oft in solchen Geschichten geht es am Ende darum, dass doch immer das Gute siegt, weil das Böse eben keine Zukunft hat. Einfach und doch immer wieder wahr.

Musikalisch ist diese „SCHNEEKÖNIGIN“ ein ausdrucksstarkes Wechselbad von Gefühlen, Überschwang und zarten melodienseligen Momenten. Viele unter die Haut gehende orchestrale Höhepunkte, aber auch die ruhigen, die zurückgenommen Momente, waren es, die diese Oper so einmalig machen. Das wirklich – im wahrsten Sinne des Wortes – schöne Finale der Oper bleibt noch lange im Gedächtnis.

Johannes Schmid hatte die Regie für diese Inszenierung inne. Was soll ich viel schreiben? Kann man es besser machen? Kann Oper noch packender, spannender und unterhaltsamer inszeniert werden, als wie Schmid es tat? Wohl kaum. Es hat einfach Spaß gemacht zuzusehen. Großes Kino eben!

Bühnenbild- und Kostüme sind ein nicht zu unterschätzender Aspekt einer jeden Inszenierung. Und wenn ein Opernhaus das Privileg hat mit Tatjana Ivschina eine der deutschlandweit besten Bühnen-und Kostümbildkünstlerinnen verpflichten zu können, ist das in jeder Hinsicht für alle ein Glücksfall. So auch für diese SCHNEEKÖNIGIN. Wieder einmal hat sie begeisternde Bilder erschaffen, die lange im Gedächtnis haften bleiben und die in ihrer Einfachheit und Klarheit doch so großartig und überzeugend sind. Ivschinas Spiel mit Farben (Grün und Aquamarin fallen mir immer wieder ungemein auf) und ausgefallene Kostümaccessoires sind immer aufs Neue ein visuelles Erlebnis und machen den Theaterbesuch zu einem Erlebnis ganz besonderer Güte.

In allem dürfen sich die Gesangsolisten und der Chor sichtlich wohlfühlen. Der Dortmunder Opernchor hatte wieder einmal viel zu tun und wurde seiner tragenden Rolle -wie stets- mehr als gerecht. Manuel Pujol hatte die Damen und Herren seines Chores bestens auf den Abend eingestimmt.

Den Prinz und die Prinzessin spielten und sangen herrlich exaltiert Emily Newton und Thomas Paul. Die Krähe von Fritz Steinbacher war optisch ein Hingucker und dazu beeindruckend gesungen. Dem Deubeltroll und dem Rentier verlieh Dong-Won Seo mit kräftiger und ausdrucksstarker Stimme besonderes Profil (die melodiösen Klagen des Rentiers waren wirklich beeindruckend gesungen). Julia Amos als Tölpeltroll und Blazej Grek als Trotteltroll kamen zu Beginn aus dem Orchestergraben geklettert und waren die ganze Oper über immer sehr präsent und voller Spielfreude.

Die Blumenfrau und das verschlagene Räubermädchen waren mit Almerija Delic natürlich bestens besetzt! Stimmlich wie auch darstellerisch ist die Dortmunder Mezzosopranistin mittlerweile eine Bank.

Seit Jahren erlebe ich sie in den verschiedensten Rollen. Zumeist in Hosenrollen. Aber als Großmutter und sehr beleibte Sauna-Finnin noch nicht. Und sie war einfach klasse in ihrer Doppelrolle am gestrigen Abend: Ileana Mateescu.

Marie-Pierre Roy ist eine kalte Schneekönigin mit großartigen Koloraturen und prächtig gesetzten Spitzentönen. In ihrem Kostüm und ihrer sparsamen Gestik erinnerte sie ein wenig an Frankensteins Braut aus dem legendären US-Horror-Film aus dem Jahre 1935. 

Marvin Zobel sang und spielte ungemein überzeugend und textverständlich den Jungen Kay, der von der Schneekönigin gefangen genommen und von seiner Freundin Gerda wieder befreit wurde. Ein persönlicher Erfolg für den jungen Künstler, der an der Essener Folkwangschule studiert hat.

Die Gerda, und die eigentliche Hauptrolle des Abends, sang und spielte die Sopranistin Marie Smolka. Auch sie mit viel Spielfreude und sichtlich Spaß an ihrer Rolle. Gesanglich machte sie die nicht zu unterschätzende Partie zu einer Glanzleistung. Für mich die herausragendste Leistung des Abends. Bravo!

Die Dortmunder Philharmoniker unter der musikalischen Abendgesamtleitung von Ingo Martin Stadtmüller packend, gefühlvoll, – ja, fast Kinomusikalisch aufspielend – gleichrangig am „ganz großen Kino“-Opernabend teilhabend.

Und nun sei die Dortmunder SCHNEEKÖNIGIN allen ans Herz gelegt, die schöne Musik lieben, guten Operngesang schätzen und in herrlichen Bildern schwelgen wollen. Und damit meine ich alle – jeden Alters.

Dank für die schönen Bilder an (c) Bjoern Hickmann

Detlef Obens 10.4.2018

 

 

Nabucco

Premiere: 10.3.2018

Mustergültige Aufführung

„Nabucco“ in Dortmund ist ein Ereignis, musikalisch wie szenisch, auch wenn die Bühnenfassung des Intendanten Jens-Daniel Herzog auf ziemlich massive Publikumsablehnung stieß. Verdis dritte Oper ließ den Komponisten nach dem Misserfolg des „Un giorno di regno“ von seiner Erklärung, nie mehr für die Bühne schreiben zu wollen, wieder abrücken. Mit dem Gefangenenchor „Va pensiero“ schenkte er der Welt dann sogar ein Stück Musik, welches mit seiner eindringlichen, emotional in die Tiefe des Herzens dringenden Melodik zu einer heimlichen Nationalhymne Italiens wurde. Der verstärkte Dortmunder Opernchor (Einstudierung: Manuel Pujol) singt ihn in höchstem Maße eindringlich und herzbetörend.

Motonori Kobayashi seinerseits setzt im Orchestergraben Verdis Oper gewissermaßen unter Strom, scheut sich nicht vor „Knalleffekten“, welche der noch nicht in jeder Hinsicht ausgereiften Partitur aber nun einmal innewohnen. Unter seiner anfeuernden Hand scheint das „Risorgimento“ aufs Neue Klanggestalt zu gewinnen. Großartig die Dortmunder Philharmoniker.

Verdis Musik würde ihren Weg jederzeit natürlich auch ohne solche Unterstützung machen. Szenisch will „Nabucco“ allerdings für das Heute erobert sein. Was an Orten wie der Arena von Verona häufig an inszenatorischer Äußerlichkeit stattfindet (gilt auch für „Aida“) kann für eine von Regieambitionen geprägte, teilweise sicher auch übergeprägte Theaterlandschaft wie Deutschland kaum Vorbild sein. Ein kluger Kopf hat in Bezug auf „Nabucco“ von „biblischem Boulevardtheater“ gesprochen. Solch abschätziger Bemerkung begegnet Jens-Daniel Herzog, diesen Trend erkennend, mit einer höchst ambitionierten Interpretation. Doch nirgends setzt sich der Regisseur selbstgefällig in Szene.

Dass zur Ouvertüre sogleich der Vorhang aufgeht und die Musik bebildert wird, mag erst einmal zu rezeptionellem Widerstand führen. Aber auf Mathis Neidhardts raumgegliederter Drehbühne wird sinnfällig gezeigt, was sich hinter den Kulissen der Politik so alles abspielt. Zunächst sieht man Abigaille rauchend und sinnierend, dann Nabuccos Arbeitszimmer (Kommandozentrale), weiter eine Fülle von Soldateska sowie das sich einstweilen noch bei einer Tanzfeier vergnügende israelische Volk (hier machen die Kostüme von Sibylle Gädeke besonderen Eindruck). Eine eingefrorene Begrüßungszeremonie zwischen ihrer Führungsspitze und den Repräsentanten der feindlichen Babylonier könnte an die aktuellen Vorgänge in Korea erinnern.

Prinzipiell versucht die Regie aber nicht, auf reale Vorgänge anzuspielen, selbst wenn Herzog mit dem Gefangenenchor an die Geiselnahme in der US-Botschaft in Teheran (1979 bis 1981) erinnert. Das vordergründige Liebeskarussell bei Abigaille, Fenena und Ismaele lässt ohnehin an erotische Episoden so mancher internationaler Politiker denken. Aber sehr viel mehr würde die ziemlich plakative Dramaturgie der Oper nicht aushalten. Bodenständig ist freilich die Schilderung von Machtkämpfen und Intrigen, wie sie sich bei Abigaille und Nabucco abspielen. Und wenn die Israeliten, unter ihnen die für ihren Glaubensübertritt mit Blendung bestrafte Fenena, von Gewehrsalven niedergemäht werden und der Oberpriester des Baal (kleine, aber wichtige Intrigantenrolle, gut ausgefüllt von Morgan Moody) über die Leichen stapft und einen noch Lebenden eigenhändig erschießt, weiß man kaum noch wohin mit seinen Gedanken.

Für das Heute nicht mehr gangbare „lieto fine“ der Oper hat Regisseur Herzog eine überzeugende, regelrecht beklemmende Lösung gefunden. Der wie Shakespeares Lear wahnsinnig gewordene Nabucco, welcher von seinen einstigen Untergebenen mit frivolem Übermut in einem Rollstuhl (als Thronersatz) über die Bühne geschaukelt wird, erlebt eine Vision: die Toten erheben sich, das Fest des Beginns hebt neu an. Abigaille schmiegt sich in den Schoß Nabuccos, seine Tochter wie einst, bevor sie von ihrer niederen Herkunft erfuhr. Der stiere Blick von Sangmin Lee ins Auditorium ist nachhaltig verstörend.

Der koreanische Bariton, vor Ort u.a. als Germont und Mandryka ereignishaft erlebt, ist nicht nur ein superber, belcantoversierter Sänger, sondern auch ein szenebeherrschender Darsteller, als Nabucco changierend zwischen Überheblichkeit und Zusammenbruch. Ihm ebenbürtig die Niederländerin Gabrielle Mouhlen als Abigaille. Sie bewältigt die fast unsingbare Partie mit bestechender Sicherheit, auch wenn die Power von Vokal“furien“ wie Maria Callas, Elena Suliotis, Maria Guleghina oder Ghena Dimitrova nicht ganz erreicht wird. Dennoch beeindruckt ihre vokale Attacke, die zarten Phrasen in heikler Höhe wiederum imaginieren ihre Traviata-Vergangenheit. Als ehrgeizige Karrieristin ist sie äußerst bühnenpräsent.

Stimmlich verwöhnt wird man von Almerija Delic (Fenena) und Thomas Paul (Ismaele); beide auch als Darsteller überaus glaubhaft. Bei Karl-Heinz Lehner (Zaccaria) imponiert nicht zuletzt, wie er die Äußerungen eines entflammten Fundamentalisten und eines religiösen Trostspenders zu einer Figurenganzheit formt. Sein machtvoller Bass deckt das Aufrührerische wie auch das sakral Getönte der Partie gleichermaßen überzeugend ab. Die Qualität des Ensembles erweist sich auch bei kleinen Partien wie Abdallo (Fritz Steinbacher) und Anna (Enny Kim).

Dass das musikalische Niveau des Premierenabends stark akklamiert wurde, ist absolut rechtens, die starke Verweigerung des Publikums gegenüber der Inszenierung von Jens-Daniel Herzog bleibt freilich bedauerlich und befremdlich. Dies gilt auch – vielleicht eine persönliche Empfindlichkeit – für den ständigen Zwischenbeifall.

Verdis Musik provoziert ihn, natürlich, und die Sänger genießen ihn wohl auch ein wenig. Indem er von der Musik dann aber meist wieder rasch überdeckt wird, darf man auch von Indigniertheit ausgehen. Immerhin: bei der Erschießungsszene wurde nicht applaudiert.

Christoph Zimmermann 11.3.2018

Dank für die aussagekräftigen Bilder an (c) Thomas Jauk / Stage Pictures

 

 

 

 

 

 

 

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