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 ALTE OPER FRANKFURT

(c) alteoper.de

 

Tschechische Philharmonie

Sol Gabetta Violoncello

Jakub Hrůša Leitung

Konzert am 03. März 2020

 

Antonin Dvořák Cellokonzert h-Moll op. 104

 

Josef Suk Scherzo fantastique op. 25

 

Leós Janácek Taras Bulba. Rhapsodie für Orchester

 

Böhmische Klänge in vollendeter Darbietung

Im aktuellen Konzert der Pro Arte Konzertdirektion gastierte die traditionsreiche Tschechische Philharmonie in der Alten Oper Frankfurt. Drei Kompositionen aus Böhmen bildeten das Programm.

Am Beginn erlebten die Zuhörer eine bewegende Aufführung des Cellokonzertes von Antonin Dvorak mit der wunderbaren Sol Gabetta am Cello. Diese Ausnahmekünsterlin ist wahrlich eine Poetin, eine Vokalistin auf ihrem Instrument.

Antonin Dvorak schrieb sein Meisterwerk in den Jahren 1894/1895. Ein Jahr später fand die Uraufführung in London statt.

Bereits im einleitenden Allegro-Teil bewies die Tschechische Philharmonie eindrucksvoll mit unvergleichlich weichem Klang in den Streichern, wie sehr sie in dieser Musik beheimatet ist. Dirigent Jakub Hrůša zelebrierte den ganzen Zauber der Komposition. Jeder Takt, jeder Akzent hatte bei ihm eine große Bedeutung. Unter seiner Leitung war das Orchester hier einmal kein Begleiter sondern ein absolut gleichberechtigter Partner, der wunderbar mit seiner Solistin harmonierte.

Sol Gabetta kennt dieses Werkes hörbar genau. Ihr ganzes Wesen erlebte jede Note mit spürbarer Anteilnahme. Mit großer Sensibilität erklangen ihre kantablen Phrasierungen. Rhythmische Prägnanz und transparente Aufschlüsselung jeder akkordischen Verästelung prägten ihren Cellogesang.

Wunderbar ertönte dann das mit ausgeprägter Natürlichkeit vorgetragene Adagio. Feinste Poesie auf dem Cello in den wärmsten Klangfarben, im Wechselspiel mit den subtilen Farbgebungen der Solo-Klarinette! Dazu in edel schimmerndem Goldglanz die superbe Gruppe der Hörner.

In dem abschließenden Allegro moderato öffnete sich dann der Raum für mitreißende Virtuosität. Mit rhythmischer Raffinesse und höchster Kunstfertigkeit gestalteten Gabetta und Hrůša einen gewaltigen Höhepunkt. Und Sol Gabetta, zauberte noch einmal mit ihrem Instrument betörende Stimmungen und setzte dann am Schluss ein großes Crescendo an, welches Hrůša übernahm und steigerte. Furios stürmte er sodann in die Schlussakkorde und so entlud sich spontane Begeisterung. Großartig. Das Publikum jubelte!

Sol Gabetta bedankte sich mit einer eigenwilligen Zugabe moderner Handschrift von Peteris Vasks – Dolcissimo, zu der sie auch sensibel intonierte Vokalisen beisteuerte. Berührend.

Die Musik von Dvořáks Schwiegersohn Josef Suk gilt vielen Musikkennern als Geheimtipp. Und doch ist seine Musik in den deutschen Konzertsälen ein immer noch seltener Gast.

Die wohl glücklichsten Jahre im Leben Suks waren jene, in denen das hier musizierte Fantastische Scherzo (1903) entstand. Er hatte 1898 Dvořáks Tochter Otilie („Otylka“) geheiratet, seine große Liebe. Doch als das Fantastische Scherzo am 18. April 1905 am Prager Konservatorium uraufgeführt wurde, war Dvořák bereits tot. Und Otilie hatte nur eine kurze Lebenszeit, so dass sich Suks Leben und seine Musik sich unaufhaltsam änderte. Innerhalb von einem Jahr verlor er den geliebten, verehrten Schwiegervater und seine Frau Otilie.

Die Bezeichnung „Scherzo“ wird dem Werk nicht unbedingt gerecht, denn es hat auch Elemente, die stellenweise an einen makabren Tanz denken lassen.

In prägnanten Walzer-Rhythmen verbreitet das Werk zunächst einen optimistischen Charakter und bietet Holzbläsern und Streichern vielfache Gelegenheit, zu brillieren. Spannende Schlagzeugeffekte geben der Tondichtung vielerlei Ausdrucksakzente. Später treten schneidige Blechbläser dazu, ehe eine stürmische Coda diese ungewöhnliche und doch so eingängige Komposition beendet.

Jakub Hrůša lies sein fabelhaftes Orchester beherzt aufmusizieren und betonte vor allem die melodischen Elemente. So breitete er die kantablen Streichermelodien wunderbar aus. Herrlich der singende warme Tonfall der Celli, die das große Cantabile immer wieder hinreißend phrasierten. Das Orchester begeisterte und überzeugte wie zuvor auch beim Cellokonzert mit breiter Farbgebung in allen Gruppen. Hier gab es keinerlei Trübungen in der Intonation oder Schärfen in der Artikulation. Das Orchesterspiel hatte Akuratesse und höchste souveräne Klasse. Es war jederzeit zu spüren, wie sehr Hrůša Suks Musik schätzt. Auch hier wurde mit einer besonderen Lebendigkeit eindringlich musiziert. Ein hinreißendes Werk, welches viel öfters auf dem Konzertprogramm stehen sollte!

Im Leben der meisten Dirigenten gibt es zentrale Werke, die sie sehr oft interpretieren. In der jungen Weltkarriere von Hrůša taucht in seinen Programmen immer wieder einmal die Rhapsodie für Orchester „Taras Bulba“ von Leós Janácek auf. Dieses Werk hat Hrusa bereits zahllose Male dirigiert und hat einen prägenden Eindruck bereits in seiner Kindheit hinterlassen.

Janáceks Werk entstand in den Jahren 1915 - 1918 und geht auf eine Romanvorlage von Nikolai Gogol zurück, der hier dem Kosaken Taras Bulba ein musikalisches Denkmal setzte. Der Komponist wählte hierzu drei Teile.

Der erste Teil – „Andrijs Tod” – schildert, wie sich Taras Bulbas Sohn Andrij in eine Polin verliebt, seine Kameraden verrät und von seinem Vater erschossen wird.

Der zweite Teil – „Ostaps Tod” – berichtet, wie Taras Bulbas erstgeborener Sohn vor den Augen des hilflos zusehenden Vaters von den Polen gefoltert und getötet wird.

Im dritten Teil „Prophezeiung und Tod des Taras Bulba” bekennt der von den Polen gefangen genommene und gefolterte Taras Bulba auf dem Scheiterhaufen seinen Glauben an das ewige Russland.

Die Musik von Janácek ist sehr bildhaft und zugleich reicher Ausdruck tiefster seelischer Empfindung. Jakub Hrůša fühlte und lebte die Musik intensiv in größter Hingabe mit der fabelhaft mitgehenden Tschechischen Philharmonie. Delikate Soli von Englischhorn, Oboe und Violine gaben dem ersten Teil berührende Wirkungsmomente.

Die z.T. grellen Farben im Blech im zweiten Teil zeigten immer wieder dem Zuhörer, dass hier kriegerische Handlungen abgebildet werden. Auf den Punkt genau setzten die Schlagzeuger wuchtige Akzente.

Der große Moment dieser so vielschichtigen Komposition kommt dann am Ende, als in den Choralfarben der sehr guten Blechbläser, die Orgel und Glocken der Komposition eine hymnische und völlig überwältigende Wirkung verleihen.

Hrůša und die Tschechische Philharmonie harmonierten prächtig miteinander und setzten alle Energien für dieses Meisterwerk frei. Unfassbar mit welch beschwörender Eindringlichkeit und größter dynamischer Steigerung hier vollendet musiziert wurde. Und so war es vor allem diese intensive Interpretation, die diesem Konzert eine so außergewöhnlichsuggestive Wirkung von großer Erzählkraft gab.

Die Tschechische Philharmonie zeigte eine Leistung, die Weltklasse demonstrierte. Besser kann diese Musik nicht dargeboten werden!

Dazu präsentierte Jakub Hrůša einmal mehr sein überragendes Können als herausragender Dirigent seiner Generation. Ihm gehört die musikalische Zukunft. Mit Sicherheit wird er einer der zentralen Dirigenten der intenationalen Musikwelt in den nächsten Jahrzehnten sein!

Das Publikum zeigte sich begeistert.

 

Bilder (c) Awiszus / Pro Arte

Dirk Schauß, 04. März 2020

 

 

Berliner Philharmoniker & Kirill Petrenko

Konzert in der Alten Oper Frankfurt am 20. Februar 2020

 

Igor Strawinsky Sinfonie in drei Sätzen

Bernd Alois Zimmermann Alagoana. Caprichos Brasileiros, Ballettsuite

Sergej Rachmaninow Sinfonische Tänze op. 45

DER ANTI-KARAJAN

Mit Spannung wurde das erste gemeinsame Konzert der Berliner Philharmoniker mit deren neuen Chefdirigenten Kirill Petrenko in Frankfurt erwartet. Bereits das Programm machte deutlich, eine neue Ära hat begonnen, die so ganz anders werden dürfte, als bei seinen Vorgängern.

Es passt zu dem sehr eigenen Charakter Petrenkos, eben kein konventionelles Programm vorzustellen. Kein Beethoven, Brahms oder Bruckner, noch nicht einmal Mahler.

Nein, Petrenko hatte sich für sein Gastspiel in Frankfurt drei Werke ausgesucht, die allesamt den Rhythmus in den Vordergrund stellten und nicht die Melodie. Sprödigkeit anstelle von symphonischem Hochglanz! Der Dirigent steht bei ihm grundsätzlich nicht im Vordergrund. Jedweder Personenkult, so wie es Herbert von Karajan auf die Spitze trieb, ist ihm zuwider. Petrenko ist, das wurde an diesem Abend überdeutlich, der Anti-Karajan!

Im Jahr 1946 wurde die Sinfonie in drei Sätzen von Igor Strawinsky in New York uraufgeführt. Der Komponist erhielt im Jahr zuvor die amerikanische Staatsbürgerschaft.

Bei seiner Sinfonie handelt es sich um Fragmente anderer kompositorischer Ideen, wie z.B. aus einer unvollendeten Filmmusik oder einem nicht fertig gestellten Klavierkonzert.

Mit einem deutlichen Signalthema wird das Werk eröffnet, dass im ersten Satz zuweilen an eine Toccata denken lässt. Auffallend exponiert tritt hier das Solo-Klavier in Erscheinung, so dass Gedanken an das geplante Klavierkonzert deutlich präsent sind.

Eine ganz andere Welt betritt der Zuhörer sodann im zweiten Satz. Nun wirken die Klänge beruhigt, die Orchesterbesetzung ist reduziert. Mit der Harfe kommt nun ein weiteres Instrument sehr solistisch in den Vordergrund.

Im dritten Satz führt Strawinsky Klavier, Harfe mit dem vollen Orchesterklang zusammen. Komplizierteste, ostinate Rhythmen, die fortwährend gesteigert werden, lassen an Strawinskys „Le sacre du printemps“ denken. Eine zugespitzte Stretta beendet die Komposition. Ein seltsames Werk, das unfertig wirkt und sicherlich nicht zu den stärksten Eingebungen Strawinskys gehört.

Selbst ein Spitzenorchester, wie die Berliner Philharmoniker, muss eine solche Sinfonie mit größter Konzentration realisieren. Da ist kein Platz für Routine. Dafür wäre Kirill Petrenko auch der falsche Mann. Mit unerschütterlicher Energie befeuerte er sein Orchester und führte es mit klarster Gestik durch die so fordernde Partitur. Kein Detail blieb ihm verborgen. Stets betont im Rhythmus achtete Petrenko auf maximale Durchsichtigkeit. Bereits hier setzten die fabelhaften Philharmoniker alle Energien frei und musizierten auf der Stuhlkante. Die Virtuosität und spielerische Klasse des Klangkörpers war an diesem Abend ein einzigartiges Erlebnis!

Knapp zehn Jahre nach der Uraufführung von Strawinskys Sinfonie, im Jahr 1955, veröffentlichte der Komponist Bernd Alois Zimmermann sein Ballett Alagoana

Zugrunde wurde ein Indianermythos gelegt, nach welchem der Mensch Unsterblichkeit zuerkannt bekommt. In der Begegnung von Mann und Frau tritt der Tod, woraus entsprechende Spannungsfelder resultieren.

Zimmermanns Musiksprache ist sehr expressiv und vielfarbig. Seine Klangsprache betont deutlich das rhythmische Element. Interessant sind auch hier seine Anklänge an Strawinskys „Sacre“. Wie so oft bei Zimmermann gibt es vielfältige Schlagzeugeffekte

Die Berliner Philharmoniker nutzten auch hier die Gelegenheit bestens, ihre spielerische Kompetenz staunenswert virtuos dem Zuhörer nahe zu bringen. Petrenko tanzte auf dem Pult fast seine ganze Energie aus. Daraus entstand eine Wechselwirkung, ein Spannungsfeld, welches mit Macht nach dem Publikum griff. Dieses reagierte mit anerkennender Begeisterung und war doch auch ob der komplexen Rhythmen, erkennbar erschlagen.

Die erste Konzerthälfte war anstrengend für Orchester und Publikum. Bei aller spielerischen Klasse wirkte dieser Programmteil eher unzugänglich und wenig einladend.

Nach der Pause erklangen dann die Symphonischen Tänze von Sergej Rachmaninov, entstanden im Jahr 1940. Das finale Werk des russischen Komponisten. Rachmaninov hielt es für seine beste Komposition. Ursprünglich war dieses Werk als Programmmusik unter dem Titel „Fantastische Tänze“ angedacht. Und die drei Sätze waren betitelt mit „Mittag, Sonnenuntergang und Mitternacht“.

Kirill Petrenko spürte auch hier mit größter Akribie den Strukturen nach und betonte vor allem die Nebenstimmen.

Und doch ertönte das berühmte Hauptthema des einleitenden c-moll Allegros markant und beeindruckend wuchtig. Sehr gut gestaltete Petrenko mit leiser Ironie den Walzer des Andante con moto im zweiten Satz. Hier gab er der melodischen Linie einen breiten Verlauf.

Explosiv und furios zugleich die vielen Steigerungen im beschließenden Allegro vivace. Nach einer furiosen Steigerung am Ende ein lang gezogener Ton, gleich einer Klanginsel, auf dem Tam-Tam!

Mit größter Perfektion überzeugten die Berliner Philharmoniker. So wurden die vielen Soli, z.B. Violine und Klarinette hinreißend dargeboten. Einfühlsam mit sicherer Intonation auch die Verwendung des Saxophons. Ein besonderes Klangerlebnis bot die Streichergruppe mit ihrem so satten, homogenen Klang, der dynamisch gesteigert wurder. Dazu kamen die grandiosen Blechbläser und die ebenso hier stark geforderten, superben Schlagzeuger.

Und doch, die Berliner Philharmoniker, diese große Gruppe an Individualisten, strahlten in ihren Gesichtern keine Spielfreude aus. Von den immer wieder zitierten Glücksgefühlen der Musiker für ihren neuen Chefdirigenten war visuell nichts zu bemerken. Kaum ein Musiker schaute nach Petrenko. Eine wirkliche Interaktion zwischen Dirigent und Orchester war nicht festzustellen.

Was bleibt, ist ein sehr ambivalenter Konzerteindruck mit einem Weltklasse Orchester, das an diesem Abend spielerisch überwältigte. Dazu ein Dirigent, der sich noch den Erwartungen des Konzertbetriebes verweigert. Mit Programmen dieser Art, wird sich ein breites Publikum nicht begnügen, da es nicht zur Identifikation mit den Ausführenden taugt. Ob das auf Dauer gut gehen wird, ist eine der zentralen Fragen für dieses herrliche Orchester und dessen Zukunft.

Das Publikum feierte mit Erleichterung vor allem diesen Konzertbeitrag mit größter Begeisterung. Aber auch hier: Petrenko verweigert eine Dankesgeste in Form einer Zugabe. Spätestens hier wäre eine Steilvorlage gewesen, die Philharmoniker ein Stück ihres Kernrepertoires spielen zu lassen.

 

Dirk Schauß 21. Februar 2020

Bilder (c) Alte Oper

 

 

 

Frankfurter Opern- und Museumsorchester

Sebastian Weigle 

17. Februar 2020

 

Frédéric Chopin Konzert für Klavier und Orchester Nr. 1 e-Moll op. 11

Piotr Iljitsch Tschaikowsky Sinfonie Nr. 3 D-Dur op. 29 „Polnische“

 

Martin Stadtfeld Klavier

 

Zwei große Kompositionen, die mit dem Land Polen in Verbindung stehen, formulierten das aktuelle Programm des Frankfurter Museumskonzertes in der Alten Oper Frankfurt.

Gerade einmal 20 Jahre alt war der Komponist Frédéric Chopin, als sein Klavierkonzert No. 1, 1830 seine Uraufführung erfuhr. Chopins Klavierkonzerte suchen nicht den Dialog zwischen Klavier und Orchester. Der Solist steht mit seinem Instrument ganz klar im Mittelpunkt des Interesses. Das Orchester agiert somit eher im Hintergrund und muss sich primär mit einem Wechselspiel mit dem Solisten begnügen.

Der erste Satz dient daher als Vehikel, pianistisches Virtuosentum auszustellen.

Im größten Kontrast dazu steht der zweite Satz, der eine kantable Romanze mit allerlei Ornamentik in das Zentrum stellt.

Voller Spielfreude dann der Finalsatz, der mit zahlreichen Elementen aus der Volksmusik großen musikalischen Überschwang aufbietet.

Als Solist war der in Frankfurt ausgebildete Pianist Martin Stadtfeld zu erleben. Der vielfach ausgezeichnete Künstler konzentrierte sich bisher vor allem auf Musik von J.S. Bach und W.A. Mozart. Nun also in Frankfurt erstmals das bekannte Klavierkonzert von F. Chopin.

Frappierend war seine technische Fingerfertigkeit, mit welcher Stadtfeld sehr klar die musikalische Struktur herausarbeitete. Dynamisch fein abgestimmt folgte er dem Melodieverlauf und phrasierte dabei äußerst großzügig.

Bei ihm gab es keinerlei Auftrumpfen. Fortwährend forschte er in die Musik hinein, um ihr größte Natürlichkeit und Klarheit angedeihen zu lassen, was trefflich gelang.

Höhepunkt seines kunstvollen Spiels war freilich die sensibel vorgetragene Romanze, die er mit feinstem Anschlag sorgsam ausphrasierte. Fabelhaft seine wache Flexibilität, die er mit seinen bravourösen technischen Möglichkeiten nutzte, um den dritten Satz zu einem musikalischen Bekenntnis der schieren Lebensfreude zu artikulieren.

Über allem stand sein außergewöhnlich weicher Anschlag. Die Akkorde und Notenläufe perlten wie Tontropfen in den Saal, behutsam und intensiv leuchtend. Wahrlich ein Tastenzauberer voller Poesie!

Dirigent Sebastian Weigle, an diesem Konzertabend besonders animiert, wie lange nicht, trug seinen Solisten auf Händen und sorgte für einen optimalen Rahmen.

Bereits der kraftvolle Beginn machte mit seinem auftrumpfenden Elan deutlich, dass das Orchester hier gleichberechtigt musiziert.

Das Frankfurter Opern- und Museumsorchester agierte als perfekter Partner, der es sich nehmen ließ, die Interaktion mit dem Solisten zu suchen. Vorzüglich die Klangqualität in allen Gruppen und die Prägnanz in den Einsätzen. Das Zusammenspiel zwischen Dirigent und Solisten war vollkommen in seiner Einigkeit. Die sorgsame Dynamik und der unbedingte Wunsch, ein Maximum an Farben zu realisieren, war omnipräsent.

Das Publikum dankte mit Begeisterung. Als Zugabe hatte sich Martin Stadtfeld das berühmte „Lascio, ch’io piango“ von G. F. Händel ausgesucht. Noch einmal eine Klangoase großer Glückseligkeit, makellos dargeboten. Bravo!

Sebastian Weigle hat eine besondere Affinität zur russischen Musik und besonders zu P. Tschaikowsky. Nach und nach führt er dessen symphonisches Werk auf. An diesem Abend erlebten die Zuhörer die vergleichsweise wenig gespielte dritte Symphonie von Tschaikowsky mit dem Beinamen „Polnische“. Letzterer bezieht sich auf den Finalsatz und die darin anklingende Polonaise. Tschaikowsky schrieb dieses Werk 1875. In jener Zeit also, als seine Welterfolge „Schwanensee“ und „Klavierkonzert No. 1“ entstanden.

Die dritte Sinfonie geriet herausragend anders. Als einzige seiner Sinfonien in einer Dur-Tonart geschrieben umfasst sie erstmals fünf Sätze. Immer wieder musste sich der Komponist dem Vorwurf stellen, dass seine Sinfonien eher Suiten gleich zu setzen seien. Wenn überhaupt, so kann dies für seine dritte Sinfonie gelten. Und doch, auch dieses Werk trägt die unverwechselbare Handschrift des Komponisten, wenn auch ihm hier nicht die genialische Größe seiner drei finalen Sinfonien gelang.

Der erste Satz beginnt noch düster mit einem surrealen Trauermarsch, ehe sich das lebhafte Hauptthema ins Licht stellt. Im zweiten Satz klingen Tanzrhythmen an, Walzer und Ländler werden deutlich zitiert.

Im dritten Satz kehrt eine pastorale Ruhe ein, während im vierten Satz Marschthemen dominieren. Und schlussendlich im fünften Satz dann endlich eine Polonaise mit Fugato-Einschüben, die diesen Satz in einem hymnischen Ende ausklingen lässt.

Das Frankfurter Opern- und Museumsorchester zeigte einmal mehr seine große Flexibilität und Stilsicherheit. Ob im Tuttiklang, der immer kultiviert, ausgewogen erschien oder in den Solobeiträgen: Sebastian Weigle hatte seinen Tschaikowsky gut einstudiert.

Großartig intonierten die Holzbläser, vor allem das Solo-Fagott. Mit schlanker Tongebung realisierte der Solo-Hornist seine schwierigen Soli im dritten Satz.

Mit Verve und Begeisterung setzte Weigle im Orchester viele Energien frei, die ansteckend wirkten. Klar waren die Melodie- und Nebenstimmen herausgearbeitet. Dabei wahrte er eine vorzügliche Balance. So wirkte der kompakte Orchesterklang transparent, jedoch niemals unterkühlt. Immer klang seine Freude an der Ausphrasierung der musikalischen Themen durch.

Weigle motivierte sein Orchester, gut aufeinander zu hören. Auf dieser Grundlage entstand ein lebendiger Dialog zwischen den einzelnen Gruppen. Fabelhaft herausgearbeitet im Tempo und der dynamischen Steigerung das klangmächtige Finale. Das Publikum war sehr angetan.

 

Dirk Schauß, 18. Februar 2020

 

 

Staatliches Sinfonieorchester Russland Evgeny Svetlanov - featuring: Nemanja Radulović 

16. Februar 2020

 

Anatol Ljadow Der verzauberte See op. 62

Piotr Iljitsch Tschaikowsky Konzert für Violine und Orchester D-Dur op. 35

Anatol Ljadow Kikimora op. 63

Igor Strawinsky "L'Oiseau de feu" (Der Feuervogel), Ballett-Suite für Orchester (1945)

 

Ein kontrastreiches Programm russischer Musik präsentierte das aktuelle Konzert der Pro Arte Konzertdirektion in der Frankfurter Alten Oper. 

Im Mittelpunkt stand hierbei vor allem Musik der Märchen- und Sagenwelt. Besonders erfreulich war die Begegnung mit der Musik von Anatol Ljadow, Schüler von Nikolai Rimsky-Korsakoff, der sich einerseits dem musikalischen Impressionismus verschrieben hatte. Andererseits liebte er es, Naturschilderungen und Märchengestalten musikalisch zu portraitieren. Am Beginn stand seine Tondichtung „der verzauberte See“, ein Sinnbild der reinen, unberührten Natur, fern von der Begegnung der Menschen.

Das 1909 entstandene Werk zählt zu den bekanntesten Tondichtungen Ljadovs. Selten gelingt es einem Komponisten, in wenigen Sekunden ein klares Bild seiner imaginativen Vorstellung zu vermitteln. Ljadov verstand dies meisterhaft und so kann sich der Zuhörer an der bestechenden illustrativen Klarheit seiner Tonsprache leicht orientieren.

Mit schwebenden Streicherklängen, die durch die auf- und absteigenden Tonlagen geführt werden, entsteht ein fortwährendes Bild leicht wogender Wellenbewegung in glitzernd funkelnden Farben. Zauberhaft. Und doch zeigen die fortwährenden pulsierenden Schläge auf die große Trommel, dass dieses Naturbild doch nicht so heil erscheint.....

Mit dieser Preziose gelang es dem Staatlichen Sinfonieorchester Russland, seine besondere Spielqualität an allen Pulten zu demonstrieren. Das berühmte Orchester wurde maßgeblich von dem herausragenden Dirigenten und Komponisten Evgeny Svetlanov geprägt. Von keinem russischen Orchester gibt es derart viele Aufnahmen. In den letzten Jahren ist Vladimir Jurowsky der Chef dieses Klangkörpers.

Beim Konzert in der Alten Oper zeigte Gast-Dirigent Andrey Boreyko einen äußerst sensiblen Zugang zur Klangmalerei Ljadows. Er lies die Musik atmen und kümmerte sich genau um kleinste Details in der Farbgebung. Dazu ließ er die Streicher in feinsten Pianofärbungen bestechend sauber musizieren. Selten gelingt diese so besondere Komposition derart schlüssig. Ein hinreißender Beginn für einen besonders ereignisreichen Abend!

Mit dem Violinkonzert von Pjotr I. Tschaikowsky, entstanden 1878, erlebte das Publikum das bekannteste Werk seiner Gattung in der russischen Musik. Erkennbar ist der wieder gewonnene Optimismus des Komponisten, der sich in jener Zeit in einer tiefen Phase der Depression steckte und im Rahmen eines erfolgreichen Kuraufenthaltes wieder zu neuer Schaffenskraft fand.

Die Anforderungen für den Solisten sind außergewöhnlich und so ist es eines der schwersten Violinkonzerte. Leise Melancholie und warme Kantabilität stehen dynamischen Orchesterausbrüchen gegenüber, gesteigert in einem mitreißend virtuos komponierten Schlusssatz. Und doch ist es vor allem die poesievolle Canzonetta, die dieses Werk so unwiderstehlich macht. Hier treffen Sehnsucht und Melancholie in diesem einzigartigen zweiten Satz aufeinander.

Im Mittelpunkt des Interesses stand der Solist des Abends: der Geiger Nemanja Radulović. Der vielfach ausgezeichnete Musiker hat bereits international stark auf sich aufmerksam gemacht. Radulović ist ein ganz besonderer Interpret, der sich zu keinem Zeitpunkt als Solist inszenierte. Selten gibt es eine derart offensive Interaktion zwischen Solist und Orchester zu erleben. Radulović suchte permanent den Kontakt zu Orchester und Dirigent. Fortwährend musizierte er in das Orchester hinein. Heraus kam dabei eine Sternstunde in der Interpretation dieses herrlichen Konzertes!

Nemanja Radulović hatte keinerlei technische Schwierigkeiten und spielte dieses so schwere Werk mit atemberaubender Lässigkeit. Wie leicht gelangen ihm die vielen Doppelgriffe und die hoch virtuos dargebotenen Läufe. Aber das Virtuosentum stand bei ihm nicht zentral im Vordergrund. Ungewöhnliche Rubati bekundeten immer wieder sein besonderes Interesse daran, die Musik auszubremsen, inne zu halten und musikalisch über den Verlauf zu reflektieren. Somit war es kein Wunder, dass er die Kadenz des ersten Satzes in Teilen sehr langsam musizierte, so als wolle er die Musik befragen. Dadurch gelangen ihm außergewöhnliche Momente, die besondere Spannung erzeugten und sehr berührten.

Seine Phrasierung war stets kantabel und erkennbar in die musikalische Struktur hinein hörend. Mit unendlicher Ruhe und weitem Atem verzauberte er mit einem innig dargebotenen zweiten Satz.

Überwältigend schnell sein rasantes Tempo im beschließenden Allegro vivacissimo. Es war ein Glück, einem solchen Ausnahmekünstler zu begegnen, der mit seiner überbordenden Energie Orchester und Publikum überreich beschenkte.

Dirigent Andrey Boreyko war an seiner Seite ein perfekte Partner. Mit klarer Geste gab er dem Solisten alle Freiräume. Dazu sorgte er aber auch dafür, dass die Qualitäten des Orchesters jederzeit hörbar wurden. Schneidige Trompeten im Hauptthema im ersten Satz gefielen sehr, ebenso die warm abgetönten Holzbläser, wie z.B. die weich abgetönte Klarinette im zweiten Satz. Große Klangpracht entfalteten die kultivierten Streicher. Ein sensibler Dialog, ein echtes Miteinander wurde zwischen Solisten und mit dem flexibel agierenden Orchester sehr gut realisiert.

Das Publikum zeigte völlig zurecht rasende Begeisterung und konnte sich kaum beruhigen! Radulović dankte seinerseits mit einer sehr gefassten, persönlichen "Sarabande" aus Johann Sebastian Bachs Solosuite Nr. 2 d-Moll, BWV 1008.

Nach der Pause gab es abermals eine Komposition von Anatol Ljadow zu bestaunen. Seine 1905 entstandene Tondichtung „Kikimora“ beschreibt einen Poltergeist, der Menschen durch Geräusche und Lärm in den Wahnsinn treibt.

Die ungemein illustrative Musik mit einleitenden dräuenden Bässen wurde von Andrey Boreyko und dem Staatlichen Sinfonieorchester Russland sehr gut getroffen. Der Spannungsaufbau geriet mustergültig. Kecke, spitz tönende Holzbläser und ein flottes Allegro öffneten dann dem Erscheinen „Kikimora“ eindrucksvoll die Türe. Furios zugespitzt in Tempo und Dynamik begeisterten die Künstler mit großer Klangpracht.

Anatols Ljadows Faulheit stand im oft im Wege. Besonders prominentes Beispiel war der an ihn formulierte Auftrag, die Musik zu einem neuen Ballett „Der Feuervogel“ zu komponieren. Da Ljadow zu lange zögerte, entschied sich der berühmte Direktor des Russischen Balletts, Sergej Diaghilev, für Igor Stravinsky.

Und Igor Stravinsky schrieb mit dieser Musik sicherlich sein populärstes Werk, das 1910 in Paris uraufgeführt wurde. Der Komponist schrieb sodann noch drei Orchestersuiten. Die letzte große Orchestersuite stammt aus dem Jahr 1945. Andrey Boreyko entschied sich für diese finale Suite.

Und nun konnte das Staatliche Sinfonieorchester Russland seine ganze Meisterschaft und vor allem die hörbar intensive Erfahrung mit dieser Musik bestens ausspielen. In dieser Komposition gibt es zahlreiche Soli, z.B. in der Flöte, die den Feuervogel versinnbildlicht oder im Solo-Horn, das dass Werk mit einer herrlich friedvollen Melodie in eine grandiose Apotheose führt.

Sowohl die solistischen Leistungen im Orchester, als auch die einzelnen Orchestergruppen, boten superbe Leistungen. Mit unaufhörlicher Energie und auch großer Sensibilität bediente das Orchester alle Farben dieser Komposition. Auch hier überzeugte Dirigent Andrey Boreyko mit klarer Zeichengebung und viel Energie am Pult mit einer schlüssigen Interpretation. Klar arbeitete er die Lyrismen der Partitur heraus. Überwältigend die Wucht und der Klangreichtum im Höllentanz. Danach dann noch ein Höhepunkt mit einem tief bewegenden Wiegenlied, dass mit dem sehr weich intonierenden Solo-Horn in die grandiose Schlusshymne mündete. Was dieses Orchester hier noch einmal an überragender Klangkultur und perfektem Zusammenspiel bot, das zeigte, warum es vermutlich der beste Klangkörper seines Landes sein dürfte.

Das Publikum zeigte auch hier starke Begeisterung. Als Zugabe gab es dann noch eine schneidige Version des Trepaks aus dem Ballett „Der Nussknacker“ von P. Tschaikowsky.

Wahrlich eine Sternstunde in der Alten Oper Frankfurt!

 

Dirk Schauß, 17. Februar 2020

Bilder (c) Radulovic Awiszus

 

 

 

 

 

Münchner Philharmoniker & Valery Gergiev

Featuring: Diana Damrau

5. Februar 2020


Richard Strauss Vier letzte Lieder

Gustav Mahler Sinfonie Nr. 5 cis-moll

 

Richard Strauss lebte in der Schweiz als er im Jahr 1948 seine finalen Lieder schrieb, die später unter dem Titel „Vier letzte Lieder“ Weltgeltung erfahren sollten. In den aussagestarken Texten aus der Feder von Joseph von Eichendorff (Nr. 4) und Hermann Hesse (Nr. 1 - 3) entfaltet Richard Strauss seine große Könnerschaft im Umgang mit der von ihm so geliebten Sopranstimme, eingebettet in den vielfältigsten Orchesterfarben. Eine Ode an den Abschied und Tod. Wie besonders ist die große Wirkung des Trostes, die diesen Liedern so eigen ist. Die Musik eröffnet die Transzendenz. Die Ahnung des Todes und auch die Hoffnung auf Erlösung sind in diesen Klängen vereint.

Mit der Solistin Diana Damrau und den Münchner Philharmonikern unter der Leitung von Valery Gergiev erklang nun also diese Komposition in der Frankfurter Alten Oper.

Diana Damrau hat diesen Zyklus in jüngster Zeit oft gesungen, zuletzt mit unlängst verstorbenen und schmerzlich vermissten Mariss Jansons. Es war eine ungewöhnliche Klangerfahrung, denn Diana Damraus lyrischer Sopran wirkte in seiner Natürlichkeit und der Tongebung zurückhaltend. Die große Tongeste einer Jessye Norman oder auch Francoise Pollet steht ihr naturgemäß nicht zur Verfügung. Dies war aber kein Hindernis dafür, dass die viel zu kurze erste Konzerthälfte besonders anrührend geriet. 

In seelenvollem Klang spürte Diana Damrau jeder Nuance dieser herrlichen Lieder nach. Dabei wirkte ihr Gesang niemals plakativ, sondern immer natürlich und dadurch intim, persönlich. Wunderbar war ihre gefühlte und sehr differenzierte Textdurchdringung. Damrau erlebte jeden Takt so, als würde er gerade im Moment entstehen. Vorbildlich war ihre vokale Kolorierung und die Klarheit ihrer Intonation. Jeder Ton war ein edler und zugleich müheloser Ausdruck eines tief empfindenden Menschen, der sich singend artikulieren muss. Die Stimme floss mühelos durch alle Lagen, so dass sich der besondere Zauber dieser herrlichen Komposition ideal entfalten konnte.

Die Münchner Philharmoniker verschmolzen in gold schimmerndem Klang mit dieser wunderbaren Sängerin geradezu, besonders im Lied „Beim Schlafengehen“. Im Verein mit dem kantablen Solo des Konzertmeisters Lorenz Nasturica-Herschovici führte Diana Damrau ihre Zuhörer in ein weites Universum der klanglichen Harmonie. Bestechend die warme Farbgebung, die Nasturica-Herschovici auf seiner Stradivari beschwor! Was für ein beseelender Moment!

Und dann, das ist eine der markanten Stärken der charmanten Sängerin, ein völliges Umschalten beim letzten Lied „Im Abendroth“. Herbstlich und reich an Zwischentönen sinnierte die Künstlerin über die Endlichkeit des menschlichen Daseins. Wunderbar spiegelte sich in ihrem Gesicht und in ihrem Gesang die Zwiesprache der besungenen Lerchen, die diesem Lied dann doch etwas die Schwere nahmen.

Der erste Teil des Abends zeigte dennoch überdeutlich, dass es der Abend von Valery Gergiev sein würde! Lange war der große Dirigent nicht mehr derart fokussiert und versammelt zu erleben. Mit hoher Konzentration und spürbarer Ehrfurcht holte er jede Nuance aus dieser Komposition heraus. Gergiev stellte bewusst die Sängerin in den klanglichen Mittelpunkt und erzählte mit seinem fabelhaften Orchester die Handlungsverläufe. Und so war es nur natürlich, dass er den Schluss langsam, ersterbend verebben ließ. Ein von so vielen besonderen Momenten an diesem Konzertabend.

Berechtigte Begeisterung für ein singuläres Musikerlebnis! Leider keine Zugaben.

Nach der Pause erfolgte die 5. Sinfonie von Gustav Mahler. Ein großer Kontrast! Richard Strauss war bei der Uraufführung im Oktober 1904 in Köln unter den Zuhörern. Mahler beklagte sich zu Lebzeiten, dass seine Musik so unverstanden blieb, gerade bei diesem Werk. In keiner anderen Sinfonie gab es so viele Überarbeitungen durch den Komponisten, vor allem in der Instrumentation.

1971 schrieb der berühmte Filmregisseur Luchino Visconti mit seiner Thomas Mann Verfilmung „Tod in Venedig“ Filmgeschichte. Hierzu verwendete er vor allem den vierten Satz, das Adagietto, aus Mahlers 5. Sinfonie als Filmmusik. Dadurch wurde Mahlers Musik einem Millionen Publikum bekannt. Und so zählt die 5. Sinfonie zu den meistgespielten Sinfonien von Gustav Mahler.

Valery Gergiev hat in seinem so arbeitsintensivem Leben dem Werk Gustav Mahlers einen besonderen Platz gegeben. Ob in St. Petersburg oder in seiner Amtszeit als Chef des London Symphony Orchestras, immer wieder führte er das symphonische Werk Mahlers auf. Und so war es keine Überraschung den charismatischen Dirigenten derart klar mit der Partitur im Verbund zu erleben.

Gergiev wirkte an diesem Abend wie ausgewechselt! Wirkte er bei früheren Gastspielen zuweilen übermüdet oder fahrig in seinen Dirigierbewegungen, so war er an diesem Abend hoch präsent und tief konzentriert. Auch dirigierte er, ganz gegen seine Gewohnheit, mit einem normalen Taktstock und dazu mit sehr klarer Zeichengebung.

Er betonte in seiner Interpretation die Groteske und das z.T. Fratzenhafte in der Musik. Harmonische Reibungen wurden geschärft und Akzente überdeutlich pointiert. Diese Aspekte prägten vor allem die ersten beiden Sätze, die mit wildester Emphase der Verzweiflung und berstender Expressivität erklangen.

Im Zentrum der Aufführung stand der dritte Satz, das Scherzo und zugleich umfangreichste Musikstück der Komposition. Mahler agierte hier seine Freude an Tänzen mit Ländler und Walzer aus. Die musikalische Atmosphäre wirkt fast ungetrübt. Doch am Ende führt Mahler diesen Satz in einem großen Fortissimo an die Grenzen der Tonalität, bevor die fulminante Schlussapotheose diesen Satz hinreißend beendet.

Das folgende Adagietto musizierte Gergiev dynamisch zurück genommen und nicht schleppend. Fein arbeitete er die chromatischen Linien heraus und sorgte für einen tief berührenden Ruhepunkt. Dabei gab er der Harfe besonders viel Raum für deren klangliche Entfaltung.

In dem beschließenden Rondo Finale ließ Gergiev derart tumultartig aufspielen, dass die Münchner Philharmoniker all ihre reichen Kräfte mobilisieren mussten. Immer wieder hob es dabei den Konzertmeister von seinem Sitz, der auf diese Art so nachdrücklich seine Orchesterkollegen befeuerte.

Am Ende dann abermals eine üppig musizierte Apotheose, die bereits zuvor im zweiten Satz erklang, bevor eine zugespitzte Stretta diese Komposition fulminant beschloss.

Der obligatorische Aufschrei des Publikums nach dem dem letzten Tutti-Schlag ließ dann auch nicht lange auf sich warten!

Die Münchner Philharmoniker wirkten mit der Musik Gustav Mahlers bestens vertraut und boten an diesem Abend klangliche Weltklasse. Sehr kultivierte Streicherklänge, dazu die grotesken Farben der Holzbläser und edel tönende Hörner und Blechbläser. Großartig in der Differenzierung die Schlagzeuger der Philharmoniker. Überragende Beiträge in der Solotrompete, mit größter Souveränität und unendlicher Ausdauer vorgetragen von Guido Segers

und vor allem durch das Horn-Solo von Matias Piñeira im dritten Satz. Mit bestechender Intonationssicherheit und voluminösem Goldton vermochte der Solist hier einen besonderen Höhepunkt zu markieren.

Alles in allem eine extrem farbenreiche, hoch expressive und auch bewegende Interpretation durch Valery Gergiev und seine Münchner Philharmoniker.

Große, ausdauernde Begeisterung im Publikum für ein unvergessliches Konzerterlebnis.

 

Dirk Schauß, 6. Februar 2020

 

 

Orchestra dell'Accademia Nazionale di Santa Cecilia

Sir Antonio Pappano / Janine Jansen Violine

Ludwig van Beethoven Ouvertüre zum Festspiel „König Stephan“ Es-Dur op. 117

Felix Mendelssohn Bartholdy Violinkonzert e-Moll op. 64

Robert Schumann Sinfonie Nr. 1 B-Dur op. 38 „Frühlingssinfonie“

 

Besuchtes Konzert: Alte Oper Frankfurt, 25. Januar 2020

Musikalisches Feuerwerk

Zum wiederholten Male gastierten die Geigerin Janine Jansen und Sir Antonio Pappano in der Alten Oper Frankfurt. Eine besonders glückliche Kombination und ein musikalisches Feuerwerk, wie sich erweisen sollte.

Pappano brachte diesmal sein römisches Elite-Orchester Orchestra dell’Accademia Nazionale di Santa Cecilia mit, dessen Chef er seit nun mehr 15 Jahren ist.

Zum Auftakt feierte Pappano den diesjährigen Jubilaren Ludwig van Beethoven. 1825 schrieb er die Bühnenmusik zum Festspiel „König Stephan“ zu Eröffnung des damaligen Nationaltheaters in Budapest.

Mit Fanfaren in den Trompeten und viel Brio in den Streichern, wirkt die hier musizierte Ouvertüre deutlich nach „Sturm und Drang". Sogleich konnte das Orchester unter der anfeuernden Leitung seines Dirigenten sehr beeindrucken. Ein satter und doch transparenter Klang in den Streichern, dazu immer wieder markante Holbläsereinwürfe. Sir Antonio Pappano realisierte eine ausgewogende Balance und kontrollierte Dynamik. Ein mitreißender Auftakt für ein besonderes Konzert.

Wie oft mag Janine Jansen das viel geliebte Violinkonzert von Felix Mendelssohn bereits gespielt haben? Jedenfalls war bei ihrem neuerlichen Auftritt keinerlei Routine spürbar.Vielmehr bestach einmal mehr der herrliche Edelklang der von ihr gespielten Stradivari. Genau und sensibel durchmaß Jansen die Melodiebögen. Unablässig musizierte sie in das Orchester hinein und Pappano legte ihr einen formidablen roten musikalischen Teppich vor. Auf dieser Grundlage entstand eine musikalische Symbiose zwischen Solistin und Orchester, wie sie in dieser Form selten anzutreffen ist. Perfekt, das sensible Abphrasieren und das sehr bewusste Timing im Aufbau neuer Melodiebögen. Ein inniger Ruhepol entstand vor allem im ruhig dahin fließenden Mittelsatz. In weiten sensibel ausgeformten Takteinheiten wurde die Ineinanderverschmelzung der Musiker beglückend ausgeformt.

Leichtfüssig, spritzig und dabei ungemein virtuos dann der berühmte tänzerische dritte Satz. Hier perlten die Töne in klarster Phrasierung vollendet. Pappano und Jansen wirkten sehr gut aufeinander eingespielt. Hell wach und immer wieder mit neuen Impulsen aufwartend, überzeugte das Orchester auch hier mit klanglischer Kompetenz und schlanker Tongebung. Ein großer Aufschrei der Begeisterung im Auditorium. Furioser Applaus des Publikums wurde mit einer sensibel vorgetragenen Zugabe von Janine Jansen belohnt.

Im zweiten Teil präsentierte Sir Antonio Pappano mit der ersten Sinfonie von Robert Schumann einen musikalischen Frühlingsgruss. Gerade einmal vier Tage im Januar 1841 benötigte der Komponist, um dieses Meistermerk niederzuschreiben.

Bereits die einleitende Trompetenfanfare wollte Schumann als Weckruf des Frühlings verstanden wissen. Wenige Augenblicke der Ruhe, ehe sodann in einem bewegten Allegro molto vivace die Streicher im regen Dialog mit den Bläsern davon stürmten. Silbrige Farbtupfer steuerte die Triangel bei. Die Musik pulsierte und atmete, immer nach vorne eilend. Welch ein Überschwang des Gefühls!

Eine kurze Atempause lieferte dann das gebremste Larghetto, in welchem die Streicher einen ruhenden Pol grundierten. Bläser und Streicher stimmten darin einen großen Melodiebogen an, der nie zu enden schien.

Rhythmische Brillanz bestimmte das folgende Scherzo, molto vivace. Ruppige, ja schroffe Akzente zeigten, dass hier mitnichten alles heil ist. Und doch stürmte der musikalische Verlauf durch alle Höhen und Tiefen. Ambivalenz kongenial in Töne formuliert.

Der finale Satz Allegro animato e grazioso offenbarte ein überaus farbenfrohes, optimistisches Finale, obgleich dann und wann die tiefen Streicher dieses in Frage stellten. Spannend immer wieder auch einzelne Abschnitte in den Holzbläsern, die an Mendelssohn denken ließen. Und am Ende eine dynamische Dur-getränkte Steigerung, die in ihrem Elan besonders mitreißend geriet.

Das Orchestra dell'Accademia Nazionale di Santa Cecilia überzeugte mit außergewöhnlich hoher Spielkultur und mitreißender Impulsivität. Alle Instrumentalgruppen zeigten herausragende Leistungen im Solo als auch im klanglichen Kollektiv. Fein das strahlende Zusammenspiel der sauber intonierenden Gruppe der Hörner, kompakt, ohne zu lärmen, das edle Blech. Virtuos und voll tönend die Streicher, kantabel und innig dazu die Holzbläser.

Sir Antonio Pappano war jederzeit die Freude und Unbedingtheit anzumerken, die Musik zu erzählen und maximal emotional zu gestalten. Seine Tempi wirkten niemals fociert, sondern immer aus dem emotionalen Moment heraus empfunden. Dabei wahrte er eine vorzügliche Balance. Auch nach Jahren der gemeinsamen Zusammenarbeit zeigte sich überdeutlich, wie gut das Orchester und Pappano sich verstehen.

Das Publikum in der Alten Oper feierte Pappano und sein Orchester ausgiebig. Und Pappano dankte persönlich mit zwei mitreißenden Zugaben. Zunächst erklang die innig vorgetragene Komposition «Italiana» aus den «Danze Antiche ed Arie» von Ottorino Respighi. Und zum Abschluss servierte das Orchester eine ungemein spritzig dargebotene Ouvertüre zu Mozarts «Le nozze di Figaro». Hier demonstrierte Pappano abschließend eindrücklich, warum er einer der besten Operndirigenten von Weltgeltung ist.

Ein großartartiger, unvergesslicher Konzertabend!

 

Dirk Schauß, 26. Januar 2020

 

 

Orchestre National de France

Lionel Bringuier Leitung (anstelle von Emmanuel Krivine)

Julia Fischer Violine

 

 

Claude Debussy Prélude à l’après-midi d’un faune

 

 

Sergej Prokofjew Violinkonzert Nr. 1 D-Dur op. 19

 

Modest Mussorgsky/Maurice Ravel Bilder einer Ausstellung

 

Alte Oper Frankfurt 20. Januar 2020

Konzertroutine mit solistischem Glanzlicht

1894 erschien von Claude Debussy seine Komposition „Prélude à l‘après-midi d‘un faune“, eines der zentralen Hauptwerke im musikalischen Impressionismus. Die sensitive Klangsprache ist von geradezu bezaubernder Wirkung. Faszinierend, in diese so besondere Klangwelt einzutauchen, die am Ende mit den kleinen Zimbeln, dann noch besondere Farbtupfer ergänzt.

Der für Emmanuel Krivine eingesprungene Lionel Briquier nahm sich viel zu wenig Zeit, um genau und farbintensiv der Musik nachzuspüren. Die Musik wirkte bei ihm lediglich reproduziert und nicht gestaltet. Bereits die Solo-Flöte musizierte einfallslos, so dass keine intime, sinnliche Interpretation gelang. Seltsam schwach im Klang auch die beiden Harfen. Lediglich der ungemein üppige Streicherklang des Orchestre National de France zeigte, welch gute Basis für eine besondere Interpretation vorhanden war. Aber so blieb es ein irritierender Beginn.

Es war 1923, als das erste Violinkonzert von Sergej Prokofjew in Paris zur Uraufführung gelangte. Solistin des Konzertabends war die vielseitige Geigerin Julia Fischer.

Wunderbar traf sie den träumerischen Tonfall des einleitenden Andantinos. In kluger Balance trat sie dann in den Dialog mit den Holzbläsern. Beeindruckend mit welcher Verve sie die virtuosen Anforderungen dieses Satzes bediente.

Ihre ganze Brillanz entfaltete dann Fischer im anschließenden zweiten Satz, der sie spieltechnisch stark forderte. Dieser Satz in Rondoform ist voller Kontraste und wirkt dabei deutlich illustrativ in all seinen grotesken Ausdrucksmomenten, was Fischer vortrefflich zu bedienen wusste.

Im Moderato des finalen Satzes zeigte Julia Fischer wieder ihre Stärke, klanglich intensiv zu musizieren, was sich vor allem in der Zwiesprache mit dem Fagott zeigte. Mal solistisch agierend, dann wieder eingebettet im Orchesterklang blieb Julia Fischer dem Werk nichts schuldig.

Im Zusammenspiel mit dem Orchester gab es jedoch im ersten Satz immer wieder Uneinigkeit im Tempo, so dass das Zusammenspiel nicht selten asynchron wirkte. Dirigent Brinquier konzentrierte sich in seinem Dirigat mit großer Zeichengebung lediglich darauf, das Orchester möglichst pannenfrei durch das Konzert zu bringen. Auch hier fehlten ihm erkennbare interpretatorische Ideen. Das Publikum applaudierte intensiv. Julia Fischer dankte mit einer Sarabande von J.S. Bach.

Am Ende dann einmal mehr die „Bilder einer Ausstellung“ in der Instrumentierung von Maurice Ravel, komponiert von Modest Mussorgskij. Ein Pflichtstück aller französischen Orchester.

Das Orchestre National de France zeigte eine klangvolle, gediegende Darbietung. Dirigent Lionel Brinquier zielte auch hier auf einen routinierten Ablauf, ohne Überraschungen. Schade, dass sich Brinquier viel zu wenig Zeit nahm, die Musik atmen zu lassen. So fehlte dem „Alten Schloss“ die notwendige Ruhe, was anhand des guten Solisten am Saxophon bedauerlich war.

Im „Bydlo“ verblüffte der Solo-Tubist mit einem extrem substanzvollen Solo.

Fabelhaft auch die schmerzlich klagende Solo-Trompete bei „Samuel Goldenberg und Schmuyle“. Natürlich verfehlten die Schluss-Teile nicht ihre Wirkung beim Publikum. Aber gerade dem „Großen Tor von Kiew“ fehlte ein kluger dynamischer Aufbau. Zu früh wurde die maximale Dynamik freigesetzt, so dass dieser krönende Abschluss eher unelegant lärmend wirkte.

Das Orchestre National de France konnte spieltechnisch sehr gut die Anforderungen der Partitur bedienen. Die klangliche Fülle in den Streichern und dem äußert satt tönendem Blech war beeindruckend. Innerhalb des Orchesters gab es aber auch Schwachpunkte, wie die wenig markanten Harfen oder das diffus klingende Schlagzeug. Hier tönte die Pauke dumpf, ohne rhythmische Prägnanz, Xylophon und Schlagbecken erklangen zu beiläufig, die Substanz fehlte. Insgesamt wirkte das Orchester interpretorisch nicht gefordert.

Dennoch konnten sich die Ausführenden über viel Zuspruch freuen.

Als Zugabe erklang die Bacarole aus Offenbachs „Hoffmanns Erzählungen“.

 

Dirk Schauß, 21. Jan. 2020

Bilder (c) Alte Oper / Klostermann

 

 

Bamberger Symphoniker

Jakub Hrůša Leitung

Hélène Grimaud Klavier

Kateřina Kněžíková Sopran

 

Maurice Ravel Klavierkonzert G-Dur

Gustav Mahler Sinfonie Nr. 4 G-Dur

 

Alte Oper Frankfurt, 19. Janaur 2020

 

Poesie und Kontrastreichtum bestimmten das aktuelle Gastspiel der Bamberger Symphoniker in der Alten Oper Frankfurt.

Zu Beginn erlebten die Zuhörer das 1932 uraufgeführte Klavierkonzert G-Dur von Maurice Ravel. Ein Klassiker der französischen Klavierliteratur, der unverkennbar Jazz-Elemente in den Harmonien erkennen lässt.

Das beginnende Allegramente beginnt mit einem Peitschenschlag, gefolgt von einem Wirbel auf der kleinen Trommel und dann folgt bereits der Einsatz des Klaviers. Als Solistin war die wunderbare Hélène Grimaud zu erleben, die Ravels Klavierkonzert zu einem ihrer Lieblingswerke erklärt hat. In jedem Takt war die innige Verbindung spürbar. Die Skalen perlten virtuos und auch das Jazzige, das zuweilen auch an Gershwin denken lässt, arbeitete Grimaud wunderbar heraus. Dynamisch ausgewogen und überlegen in der Phrasierung gelangen ihr besondere Momente. Klar setzte sie die häufigen Wechsel in Dur und Moll voneinander ab. In der Reprise und der beschließenden Kadenz grub sich Grimaud tief in die Musik hinein.

Der Kontrast im folgenden Adagio assai könnte kaum größer sein. Sehr ruhig und innig agierte sie die kantabel geführte Klavierstimme aus. Klangliche Assoziationen an Mozart oder auch Chopin geben diesem Satz eine besondere Wirkung. Diese wird gesteigert, wenn eine so außergewöhnliche Künstlerin, wie Grimaud, ihre musikalische Hingabe in reinste Poesie zu transferieren versteht. Herrlich dabei die Zwiesprache mit den Holzbläsern (Oboe, Flöte, Klarinette und Englischhorn). Wunderbar!

Und wieder ein großer Farbwechsel im finalen Presto, hier zeigte Grimaud ihre ganze Souveränität in der Bewältigung der schwierigsten Tonfolgen. Große Energien konnte sie hier entfalten, um dann einen kraftvollen finalen Schlusspunkt zu setzen.

An ihrer Seite agierten als wirklicher Partner die sehr aufmerksam aufspielenden Bamberger Symphoniker unter Leitung ihres Chefdirigenten Jakub Hrůša. Er wirkte erkennbar gut mit Grimaud im Dialog verbunden und holte aus der Partitur leuchtende Farben heraus, ebenso auch manche Dissonanz. Fabelhaft auch die vielen Jazzelemente, vor allem im ersten Satz.

Die Bamberger Symphoniker und ihr Dirigent wirkten hörbar gut aufeinander eingespielt, so dass die erste Konzerthälfte beglückend schlüssig geriet. Als Zugabe wiederholten Grimaud und Hrusa nochmals den dritten Satz aus dem Klavierkonzert.

Große Begeisterung und Blumen aus dem Publikum an Grimaud.

Im zweiten Teil widmeten sich die Musiker dann der vierten Sinfonie von Gustav Mahler. Mahler schrieb dieses Werk in den Jahren 1899 und 1900. Im letzten Satz verarbeitete er eines seiner Kunstlieder „Das himmlische Leben“ aus seiner Sammlung „Des Knaben Wunderhorn“.

Es war eine eindrucksvolle Hörerfahrung, die langjährige Expertise der Bamberger Symphoniker mit der Musik Gustav Mahlers zu erleben. Traumwandlerisch sicher trafen die Musiker das tänzerische Tempo des ersten Satzes, um sehr illustrativ eine noch scheinbar heile Welt zu imaginieren. Hrusa zeigte ein tiefes Verständnis der Musik und offenbarte bereits hier so manchen Abgrund hinter den zuweilen naiv tönenden Melodiefolgen.

Im zweiten Satz brillierte dann der Konzertmeister des Orchesters, nun mit einer um einen Ton höher gestimmten Violine, in einer musikalischen Groteske.

Seine Vorliebe für Tanzrhythmen, insbesondere Ländler und Walzer, hat Mahler mitreißend in Töne gesetzt. Hrusa schärfte hier die Akzente deutlich, so dass vor allem Holzbläser und die knappen Pizzicati der Streicher spitz tönend erklangen.

Der dritte Satz war in seinem weihevollen Adagio der sehr deutliche Höhepunkt des Konzertes. Überlegen im dynamischen Aufbau setzte Hrusa auf eine betont natürliche Tongebung und sparte sich allen Farbglanz und dynamische Opulenz für den plötzlich hereinbrechenden Tonartenwechsel auf. In hellem E-Dur strahlten die Trompeten in den Klanghimmel, kräftig untermalt von wuchtigen Paukenakzenten, ehe dieser zauberhafte Satz in Stille verebbte. Hrusa zeigte hier seine gestalterische Meisterschaft in dem Ausphrasieren der Akkorde und der Harmoniewechsel. Dabei reizte er vor allem die Piano- und Pianissimo-Passagen in den Streichern atemberaubend aus. So wirkten die letzten Augenblicke dieses Satzes wie ein sonniges Erglühen. Ein großartiger Moment, den Hrusa und die Bamberger Symphoniker hinreißend gestalteten.

Im vierten Satz gelangte nun noch das Sopran-Solo hinzu. Solistin des Abends war Kateřina Kněžíková, die mit glockenhellem und zugleich kultiviertem Sopran ihrem Liedbeitrag eine reine, keusche Färbung gab. Lediglich die Textbehandlung trat bei ihr zu ihr in den Hintergrund. Zu wenig war zu verstehen und auch der Text-Sinn wirkte nicht hinreichend erlebt.

Es war eine sehr bewegende Darbietung dieser herrlichen Sinfonie. Selten agieren Interpret und Ausführende derart Hand in Hand. Die Bamberger Symphoniker sind derzeit in bester Form und bestachen durch herausragende Leistungen in den Soli- und Tutti-Beiträgen. Was vor allem an diesem Orchester beeindruckte, war dessen erzählerische Qualität. Hrusa gewährte große Freiräume, so dass es viel musikalischen Subtext auf dem Präsentier-Teller gab. Zweifellos eine Sternstunde in der Interpretation dieser Mahler Sinfonie!

Viel Applaus für einen wunderbaren Konzertabend.

 

Dirk Schauß, 20. Januar 2020

Fotos (c) Tibor Pluto

 

Wiener Symphoniker - RUDOLF BUCHBINDER

Besuchtes Konzert am 14. Januar 2020 

Ludwig van Beethoven

Klavierkonzerte 1 und 5

Im Zeichen des Beethoven Jahres 2020 gab es nun in der PRO ARTE Konzertreihe der Alten Oper Frankfurt die Gelegenheit, an zwei aufeinander folgenden Tagen alle fünf Klavierkonzerte von Ludwig van Beethoven zu hören.

Solist und Dirigent war der gefeierte Pianist Rudolf Buchbinder. Beethovens Klavierkonzerte zählen zu den Kernwerken der Klavierliteratur. Die ersten beiden Konzerte sind noch sehr erkennbar der Wiener Klassik zuzuordnen. Die Klavierkonzerte drei bis fünf verfolgen einen kühneren Weg in der Formanlage.

In dem künstlerischen Schaffen von Rudolf Buchbinder spielt das Klavierwerk von Ludwig van Beethoven eine ganz zentrale Rolle. Groß und ungestillt ist sein Interesse an Autographen und Erstausgaben des Komponisten. Immer wieder führte er in seiner über sechzigjährigen Karriere die Sonaten und Klavierkonzerte auf. Letztere vermehrt auch in seiner Doppelrolle als Dirigent. Sein musikalisches Schaffen ist durch zahlreiche CD-Einspielungen eindrucksreich dokumentiert.

Bei seinem Gastspiel in der Alten Oper Frankfurt wurde Buchbinder von den Wiener Symphonikern begleitet. Solist und Orchester wirkten gut aufeinander eingestimmt.

Am zweiten Konzertabend erklangen die Klavierkonzerte eins und fünf. Und die große, profunde Werkkenntnis Buchbinders war jederzeit präsent. So erklang das erste Klavierkonzert noch eher leichtfüssig und betont lyrisch. Im fünften Klavierkonzert nutzte Buchbinder die große Geste trefflich, die Beethoven sowohl für das Klavier als auch für das begleitende Orchester vorsah.

Rudolf Buchbinder blieb sich sein künstlerisches Leben treu. Beethoven in der Interpretation Buchbinders bedeutet vor allem eine minutiöse Reproduktion des Notentextes. So agierte er viel mehr als Anwalt Beethovens denn als Interpret.

Und doch, es war auch wieder eine staunenswerte Erfahrung zu erleben, wie wach, wie frisch die Darbietungen von Buchbinder erklangen. Technisch zeigte er sich der gewaltigen Aufgabe immer souverän gewachsen. Völlig mühelos bediente er alle Anforderungen und konzentrierte sich hörbar auf die melodische Linie in den Konzerten. Aber genauso konnte er die tänzerischen, rhythmisch anspruchsvollen Sätze, so z.B. die Finalsätze in den Klavierkonzerten eins und fünf ausspielen.

In den Kadenzen nahm er sich hinreichend Zeit, genau in die Tonfolgen hineinzuhören, so als würde er im Geiste Beethoven befragen. Daher passte dann auch mancher schroffe Akzent gut zur Handschrift des Komponisten.

Über allem steht bei Buchbinder sein hoch sensibler Anschlag an den Tasten. Wie leicht, wie filigran, gerade in den langsamen Sätzen entstanden die Töne, pure, innige Kontemplation. Einswerden mit dem Genie, der musikalischen Größe Beethovens und ein deutliches inneres, hochwaches Erleben, welches dann und wann doch das Mienenspiel Buchbinders bestimmte, zeigten immer wieder die tiefe Verbundenheit auf. Und besonders in den langsamen Sätzen der Klavierkonzerte gelangen Buchbinder besonders anrührende Momente.

Buchbinder und die wunderbar mitgehenden Wiener Symphoniker haben bereits 2003 eine Gesamtaufnahme aller Klavierkonzerte realisiert. Es war ein großes Vertrauen jederzeit spürbar. Und Buchbinder agierte hier nicht wirklich als ein gestaltender, formgebender Dirigent. Vielmehr war es ein Einladen zum gemeinsamen Musizieren. Dazu passten auch seine Gesten, die weniger an jene eines gestandenen Dirigenten erinnerten, sondern eher mit der Hand in die Luft gemalte Gestaltungsempfehlungen versinnbildlichten.

Die Wiener Symphoniker zeigten sich als hoch flexibler Klangkörper, immer aktiv im Dialog mit dem Solisten. Hervorragende Leistungen in den vielfach solistischen Einwürfen des Orchesters, vor allem in den Holzbläsern (BRAVO an die Klarinetten!). Der Klang des Orchesters tönte warm und transparent, dabei prägnant in der rhythmischen Akkuratesse.

Das zahlreiche Publikum geriet an diesem Abend am Ende in helle Verzückung und klatschte rhythmisch. Rudolf Buchbinder war erkennbar bewegt von dem Zuspruch und verzichtete auf eine Zugabe.

 

Dirk Schauß, 15. Januar 2020

Bilder (c) Pro Arte

 

 

 

London Philharmonic Orchestra

Vladimir Jurowski Leitung

Beatrice Rana Klavier

 

Sergej Prokofjew

Klavierkonzert Nr. 3 C-Dur op. 26

 

Dmitri Schostakowitsch

Sinfonie Nr. 11 g-Moll op. 103

 

15. Dezember 2019

 

Zwei musikalische Schwergewichte präsentierte das renommierte London Philharmonic Orchestra bei seinem Gastspiel in der Alten Oper Frankfurt.

Fast auf den Tag genau, am 16. Dezember 1921, spielte Sergej Prokofjew selbst die Uraufführung seines Klavierkonzertes in Chicago. Es gilt als sein beliebtestes Klavierkonzert, weil es melodisch reich ist und weitgehend auf Dissonanzen verzichtet.

Wunderbar innig intonierte die Klarinette das Eingangsthema, welches von den samtigen Streicherklängen aufgegriffen wurde, umso dann mit stürmischem Elan nach vorne zu drängen. Als Solistin zeigte Beatrice Rana eine reife, außergewöhnlich souveräne Leistung am Klavier. Hoch virtuos und reaktionsschnell musizierte sie mit dem fabelhaften Orchester. Große Vitalität kennzeichnete ihr Spiel. Aber auch in den lyrischen Motiven zeigte sie ihre Klasse. Die ständigen Akkordveränderungen realisierte sie in zugespitzten Tempi mit größter Umsicht.

Das Andantino forderte sie in allen Belangen, denn hier kommt es zu einer Aneinanderreihung unterschiedlicher Variationen. Zahlreiche Akkordzerlegungen, sehr schnelle Tonleiterabfolgen und auch einige kräftige Dissonanzen. Eine nicht enden wollende Palette der unterschiedlichsten Farben.

Furios und dann hoch virtuos gesteigert das Finale. Technisch ist dieses Klavierkonzert extrem anspruchsvoll und doch ließ es Rana dabei nicht beruhen, hier ihre Kunstfertigkeit auszuagieren. Immer wieder war ihr Spüren und Fühlen spürbar, der musikalischen Gestaltung ein Maximum an Farben und rhythmischer Prägnanz angedeihen zu lassen. Mit Vladimir Jurowski hatte sie einen sehr guten musikalischen Partner an ihrer Seite, der sein Orchester groß aufspielen ließ. Sehr selbstbewußt nahm sich das London Philharmonic seinen Raum, um mit staunenswerter Perfektion alle Erfordernisse mit Bravour zu realisieren. Drastische Effekte bis hin zur Groteske wurden deutlich herausgestellt. Dabei vernachlässigte Jurowski aber zu keinem Zeitpunkt die romantischen Melodieabschnitte.

Ein großartiger Beginn, der heftig vom Publikum akklamiert wurde und mit einer schönen Zugabe von Beatrice Rana belohnt wurde.

Kaum ein Komponist verstand sich so sehr als musikalischer Biograph seines Zeitalters wie der Russe Dmitri Schostakowitsch. Als am 09. November 1905 Zar Nikolaus eine unbewaffnete Menge Bittsteller niederschießen ließ, wurde daraus eine weit auf Russland übergreifende Bewegung des Widerstandes. Schostakowitsch setzte mit seiner 11. Symphonie dieser furchtbaren Tat ein musikalisches Denkmal. Und doch wollte er seine Symphonie zeitlos verstanden sehen. Als dieses Werk am 30. Oktober 1957 in Moskau uraufgeführt wurde, war ihm sogleich ein großer Erfolg beschieden. Geradezu filmisch genau mit programmatischen Vorgaben bildetete Schostakowitsch die Ereignisse ab.

Bereits im ersten Satz („Der Platz vor dem Palast“) ist die einleitende Grundstimmung düster und bedrückend. Deutlich dann der Kontrast im zweiten Satz („Der neunte Januar“). Zunächst wird ein altes russisches Lied zitiert, klagend und voller Demut. Plötzlich dann stürmische Fugatopassagen, die bedrohlich anschwellen. Die zaristischen Gewehrsalven sind geradezu brutal herausgemeiselt. Dann verebbt dieser extreme Satz in der Stille.

Der dritte Satz („Ewiges Gedenken“) ist, ähnlich wie in seiner siebten Symphonie, ein Lamento. In einem Trauergesang wird der Opfer musikalisch gedacht. Im beschließenden vierten Satz („Sturmläuten“) wähnt der Zuhörer sich im Kern der Revolution. Kriegsgesänge verarbeitet Schostakowitsch in diesem drastischen Finale, das mit lärmenden Glocken dann seinen apokalyptischen Höhepunkt findet.

Es war zu jedem Zeitpunkt spürbar, dass Vladimir Jurowski und das grandios aufspielende London Philharmonic Orchestra, an diesem Abend ein musikalische Bekenntnis formulierten. Jurowski reizte die Extreme aus, in der Dynamik, wie in den z.T. aberwitzig zugespitzten Tempi. Und so war es der Reichtum der Kontraste, der seine Interpretation besonders erscheinen ließ. Immer wieder bremste der Dirigent aber dann auch die Musik herunter, um das Kantable, den seelenvollen Klagegesang in den Mittelpunkt zu stellen. Es war prachtvoll, wie leicht und mühelos das London Philharmonic Orchestra dieses fordernde Werk realisierte. Ob in der Groteske oder im Seelenklang, immer war das Orchester hoch präsent und tadellos in seiner musikalischen Gestaltungkraft. Voller Wehmut und Schwere intonierten die Holzbläser, während die groß aufspielenden Streicher körperreich, ruppig sekundierten. Gewaltig trumpften die Blechbläser und das viel geforderte Schlagzeug auf. Eine extrem fordernde Stunde Musik für alle Beteiligten auf und vor der Bühne. 

Und doch, das Publikum, zunächst völlig erschlagen, zeigte sich lautstark begeistert von dieser so besonderen Interpretation und feierte die Ausführenden mit stehenden Ovationen. Der bescheiden agierende Vladimir Jurowski hielt sodann die Partitur gleich einer Ikone dem Publikum entgegen. Eine starke Geste. Ein großes Konzert!

 

Dirk Schauß, 17.12.2019

© Alte Oper Frankfurt, Wonge Bergmann.

 

 

Frankfurter Opern- und Museumsorchester & Sebastian Weigle - featuring Yury Revich

09. Dezember 2019

 

Antonin Dvořák

Konzert für Violine und Orchester a-Moll op. 53

 

Anton Bruckner

Sinfonie Nr. 6 A-Dur

Pflicht und Kür

Im Jahr 1883 erlebte das einzige Violinkonzert von Antonin Dvořák seine Uraufführung. In dem reichen Schaffen des böhmischen Meisters ist dieses Konzert nie derart populär geworden wie sein berühmteres Cellokonzert. Es war eine gute und kluge Entscheidung der Programmgestalter des aktuellen Museumskonzertes, dieses Werk dem Frankfurter Publikum vorzustellen.

Und doch, der erste Abschnitt dieses Konzertabends vermittelte zu deutlich den Eindruck eines Pflichtteils, der hier absolviert werden sollte. Es war schon befremdlich zu erleben, wie die eingängige Musik von Antonin Dvořák derart beiläufig am Zuhörer vorbei plätscherte.

Als virtuoser Solist präsentierte sich Yury Revich, in Wien und Moskau ausgebildet. Der junge österreichische Geiger russischer Herkunft ist bereits international vielfach in Erscheinung getreten, so z.B. in der Carnegie Hall und an der Mailänder Scala. Revich spielt derzeit auf einer kostbaren Stradivari aus dem Jahr 1709. Und es war vor allem der Klang des kostbaren Instrumentes, der so warm und einnehmend tönte.

Yuri Revich spielte das Konzert aus den Noten von seinem Tablet aus und vermittelte vorrangig den Eindruck seiner technischen Souveränität. Das kantable, slawisch eingefärbte Hauptthema des Orchesters wurde von ihm nicht als aktiver Dialog fortgeführt. Er stürmte beherzt davon, so dass es zwischen ihm und dem Orchester zu deutlichen Unausgeworgenheiten im Tempo kam. Souverän meisterte er die technischen Anforderungen und dabei ließ er es beruhen.

Ohne Unterbrechung dann der zweite Satz, der das Zentrum des Konzertes ist. Vergleichsweise lange im Umfang und von tiefer sanglicher Schönheit. Hier fand Revich zu mehr Ruhe und traf dabei auch den melancholischen Charakter. Und doch fehlte ein deutlicheres Innehalten, um das Kantilenenreiche der Musik in den Mittelpunkt zu stellen.

Festlich und mitreißend sollte dann das finale „Allegro giocoso“ sein, in welchem Volkstänze, Furiant und Dumka, zitiert werden. Sollte - doch auch hier dominierte das technische Können Revichs den Eindruck. Ein Miteinander mit dem Orchester wollte sich auch hier nicht einstellen. Kaum ein Augenkontakt zu Orchester und Dirigent.

Am Pult seines Orchesters agierte GMD Sebastian Weigle mit Umsicht, aber wenig interpretatorischer Inspiration. Von ihm gingen keine Impulse aus, zu sehr betonte er die Rolle des Begleiters. Immer wieder bremste er sein Orchester aus, dämpfte die Dynamik, was vor allem dem letzten Satz erheblich die Wirkung nahm. Das Überschäumende, ja, das Außer-sich-Sein, was gerade mit den tänzerischen Momenten intendiert ist, vermochte Weigle nicht zum klingen zu bringen. Das Frankfurter Opern- und Museumsorchester spielte sicher und einfühlsam.

Das Publikume applaudierte anhaltend. Am Ende spielte dann Yuri Revich noch eine virtuose Zugabe von Fritz Kreisler.

Nach der Konzertpause setzte dann Weigle mit der sechsten Symphonie von Anton Bruckner seinen Bruckner-Zyklus fort. Diese Symphonie braucht verältnismäßig lange, bis sie die ihrer Bedeutung gemäße Würdigung erfuhr. Obwohl 1881 abgeschlossen, dauerte es viele Jahrzehnte, bis die Originalpartitur, herausgegeben von Robert Haas, 1935 uraufgeführt wurde. Bruckner bezeichnete seine sechste Symphonie als „keck“ und tatsächlich wirkt sie in verschiedenen Abschnitten vergleichsweise hell in ihrer Grundfarbe.

Wie ausgewechselt agierten nun Dirigent und Orchester! Es folgte eine symphonische Kür von großer interpretatorischer Geschlossenheit.

Weigle nahm das vorgeschriebene „Maestoso“ des ersten Satzes ernst und setzte deutliche Akzente, bereits im Hauptrhythmus des ersten Satzes. Wunderbar durchsichtig zeigte er den Themenverlauf in den Orchesterstimmen. Ein fortwähredes Pulsieren, sehr gut in den Nebenstimmen ausgehört und dann machtvoll in einer strahlenden Schlusscoda gesteigert.

Das feierliche sich anschließende Adagio formulierte Weigle als endlos anmutenden Gesang der Streicher. Aufblühend im kantablen Verlauf und dunkel getönt in den Einwürfen der Celli und Kontrabässe. Dazu herausragende Solobeiträge der Holzbläser (Oboe, Klarinette, Flöte)Behutsam dann das Verklingen dieses eindrücklichen Satzes.

Wie so oft bei Bruckner, dann ein deutlich akzentuiertes, pochendes Scherzo. Hier hatten dann die gut aufgelegten Blechbläser ihr eindrucksreichen Momente. Strahlend und kernig spielten sie auf und ließen zuweilen an Fanfaren denken. Und tatsächlich, in dem sehr eigen komponierten Trio ließ sich an Bruckners Attribut „keck“ denken. Denn das Wechselspiel zwischen den Pizzicati der Streicher und den choralartigen Einwürfen der Hörner hatte diese besondere Wirkung.

Das Finale arbeitet sich nach dem eingetrübten a-moll in ein strahlendes F-Dur und führt dann zu einem festlich anmutenden Abschluss. Bruckners Vorliebe für die Musik Richard Wagners findet auch hier wieder einmal eine Erwähnung. So dürfen die Hörner sehr erkennbar den Beginn des Liebestods aus Wagners Musikdrama „Tristan und Isolde“ zitieren. Weigle bündelte hier nochmal alle Energien zusammen und formulierte auf dieser Grundlage ein sehr deutliches Ausrufezeichen seiner großen Affinität zu Bruckner.

Sebastian Weigle zeigt einmal mehr äußerst eindrucksvoll, dass ihm die Musik Anton Bruckners sehr nahe steht. Die Tempi wirkten ausgewogen und natürlich in der Empfindung. Immer wieder suchte er kantable Spannungsbögen. Im Kontrast dazu wirkten die z.T. schroffen Akzenten deutlich und belebend. Das Frankfurter Oper- und Museumsorchester musizierte auf sehr hohem Niveau. In allen Spielgruppen gab es Bestleistungen. Besondere Erwähnung muss Tobias Kästle an der Pauke finden. Sein hellwaches Spiel, dynamisch bestens abgestimmt, abgerundet durch kraftvolle perfekt platzierte Abschläge, vor allem an den Satz-Enden 1, 3 und 4, war ein besonderes Erlebnis. Dazu ist es immer wieder eine Freude festzustellen, wie gut und tief das Verständnis zwischen Orchester und seinem Dirigenten ist.

Viel Begeisterung für eine besondere Interpretation von Anton Bruckners Symphonie.

 

Dirk Schauß 10.12.2019

Leider keine Bilder

 

 

London Symphony Orchestra & Gianandrea Noseda

02. Dezember 2019

 

Pjotr I. Tschaikovsky – Klavierkonzert No. 1 b-moll op. 23

Pjotr I. Tschaikowski – Symphonie No. 5 e-moll op. 64

Solistin: Khatia Buniatishvili, Klavier

Symphonische Sternstunde

Tschaikowsky‘s beliebtes Klavierkonzert No. 1, 1875 in Boston uraufgeführt, gehört zu den meist gespielten Klavierkonzerten auf der Welt. Auch in diesem Jahr war dieses Konzert mehrfach in der Alten Oper zu hören. Nun also wieder auch beim Gastspiel des London Symphony Orchestras (LSO) innerhalb der Pro Arte Konzertreihe.

Solistin des Konzertabends in der Alten Oper Frankfurt war die georgische Pianistin Kathia Buniatishvili. Die vielfach ausgezeichnete Künstlerin, die bereits mit sechs Jahren ihr Konzertdebüt gab, zeigte bei ihrem Gastspiel eine sehr auf Virtuosität und Fingerfertigkeit ausgerichtete Interpretation.

Bereits im Kopfsatz demonstrierte sie ihre Fähigkeit, komplexe Strukturen in zugespitzte Tempi auszuformulieren. Sehr energisch mit wuchtigen Akzenten in der linken Hand erklangen die berühmten Anfangsakkorde. Mit großer Rasanz fegte sie durch die vielen Triolen, um dann aber auch durch plötzliche Wechsel im Tempo neuen Spannungsmomente zu bilden. Ihr ungebändigter Vorwärtsdrang hatte zuweilen etwas zu viel an musikalischer Artistik. Hier blieben die kontemplativen Momente zu deutlich im Hintergrund.

Das anschließende Andantino semplice spielte hingegen Buniatishvili mit feiner Phrasierung und spürbarer Verinnerlichung. Ganz in ihrem Element war sie dann wieder in der zupackenden Virtuosität im beschließenden dritten Satz. Technisch auf höchstem Niveau spielte sie die zahlreichen Akkordsprünge und Läufe souverän aus. Dazu suchte Buniatishvili immer wieder den Dialog mit dem Orchester.

An ihrer Seite agierte auf Augenhöhe Dirigent Gianandrea Noseda, langjähriger erster Gast-Dirigent, des LSO's. Herrlich gleich zu Beginn die aufstrahlenden Hörner und der satte Ton in der Streichergruppe. Noseda verstand es ausgezeichnet, das Orchester in den Mittelpunkt seiner Spielkunst zu führen. Ausgezeichnet die dynamische Abstufung und die kraftvollen Akzente. Fabelhaft das perfekte Zusammenspiel im kantablen zweiten Satz mit einem hinreißenden Solo der Flöte. Aufrauschend und mit rhythmischer Verve dann der tänzerische finale Satz.

Großer Jubel für beide Künstler am Ende des ersten Teils. Khatia Buniatishvili bedankte sich mit einem sehr sensibel vorgetragenen Impromptus No. 4 von Franz Schubert.

Und doch war es der zweite Teil des Programms, der dem Abend seiner Außerordenlichkeit beschied. Im Jahr 1888 entstand Tschaikowsky's fünfte Symphonie, die er als persönliches Bekenntnis seiner Seele verstand. In seinen drei letzten Symphonien verfasste der Komponist programmatische Angaben, die der dann wieder verbannte. Zu viel Persönliches wurde darin offenbahrt. Das verbindende Element in diesen Werken ist die Macht des Schicksals. In den Symphonien vier und fünf führt der Kampf mit dem Schicksal am Ende ins Licht, während in der beschließenden sechsten Symphonie der Tod das letzte Wort hat.

Gianandrea Noseda nahm sich für den klagenden Beginn mit den wunderbar intonierenden Klarinetten viel Zeit, das Schicksalsmotiv, das diese Symphonie so prägt, deutlichst in den Konzertsaal zu formulieren.

Mit untrüglichem Instinkt und tiefer Verbundenheit zur Musik traf Noseda traumwandlerisch sicher den rechten Puls, um diesem Meisterwerk alles zu geben. Großartig seine ausgewogene Dynamik, das Hineinhören in die Strukturen und das Ausmusizieren der weitläufigen Melodiebögen.

Eine Insel der Glückseeligkeit durften die zahlreichen Zuhörer mit dem hingebungsvoll ausmusiziertem Andante Cantabile erleben. Mit schlankem Ton phrasierte das Solo-Horn im Dialog mit den meisterhaften Kollegen an Klarinette und Oboe.

Leichtfüssig und doch mit Eintrübungen des Schicksalmotivs führte Noseda dann durch den Walzer, bevor er dann im beschließenden Andante Maestoso alle Schleusen öffnete und das hingebungsvolle LSO entfesselt aufspielen ließ.

Mit welchem Furor und größter Präzision dieser Elite-Klangkörper gerade diesen Satz interpretierte, gehört zu den Sternstunden der diesjährigen Konzertsaison! Die Spannung, die Noseda und das LSO fortwährend aufbauten, kuliminierte in einer überragend dargebotenen Coda, die einem lichtvollen Klangdom gleichkam. So spannend, so gehaltvoll, ja, so tief bewegend kann die Musik des russischen Meisterkomponisten klingen, wenn ein hingebungsvoll wissend agierender Dirigent seine Passion auf ein Orchester überträgt, welches mit ihm diesen gemeinsamen Weg beschritt! An diesem Abend zeigte das LSO eindrucksvoll, warum es zu den besten Orchestern der Welt gehört. Eine wunderbare Erfahrung!

Das Publikum war in seiner euphorischen Begeisterung, gipfelnd im rhythmischen Applaus, kaum zu bändigen. Und so beschenkte das LSO und Noseda die Zuhörer mit einer hinreißend dargebotenen Polonaise in bester dynamischer Ausgestaltung aus Tschaikowsky's Oper „Eugen Onegin“!

Ein symphonische Sternstunde!

 

Dirk Schauß, 2.12.2019

Bilder (c) Proarte

 

 

 

 

Les Siècles

François-Xavier Roth Leitung

Vilde Frang Violine

Besuchtes Konzert am 23. November 2019

 

Maurice Ravel

Une Barque sur l'océan aus: Miroirs (Fassung für großes Orchester)

Rapsodie Espagnole

 

Igor Strawinsky

Violinkonzert D-Dur

 

Modest Mussorgsky

Bilder einer Ausstellung (Fassung für Orchester von Ravel)

 

Im Jahr 2003 gründete Dirigent François-Xavier Roth das Orchester Les Siècles mit dem Ziel, die musikalische Bandbreite der verschiedenen Musikepochen auf z. T. Instrumenten des jeweiligen Jahrhunderts zu interpretieren und dazu die entsprechenden Vortragsanweisungen zu respektieren.

Am Beginn des Konzertes in der Alten Oper standen zunächst zwei Kompositionen von Maurice Ravel. Roth spielt derzeit das Gesamtwerk des Franzosen mit seinem Orchester auf CD ein und ist somit bestens mit dessen Oevre vertraut.

1905 komponierte Ravel seinen Klavierzyklus „Miroirs“ (Spiegelbilder), der ein Jahr später uraufgeführt wurde. Später entstanden dann Orchesterfassungen, so dass aus diesem Zyklus vor allem „Alborada del gracioso“ und „Une barque sur l‘ocean“ (eine Barke auf dem Ozean) immer wieder einmal im Konzertsaal zu erleben sind. Die letztere Komposition ist ein formidables impressionistisches Werk, welches den Zuhörer tief in eine maritime Klangwelt eintauchen lässt. Streicherarpeggien und Holzbläser eröffnen filgran und doch volltönend diese reizvolle Komposition. Dazu spannende Färbungen in den wuchtigen Akkorden der Blechbläser.

François-Xavier Roth zog gleich zu Beginn mit seinem wunderbaren Orchester alle dynamischen Register und umflutete die Zuhörer mit überwältigenden Klangwellen. Dabei wahrte der sehr gut auf einander reagierende Klangkörper eine außerordentliche Transparenz. Die häufig gefordeten Soli in den Holzbläsern wurden einfühlsam realisiert. Ungewöhnlich der schlanke Klang der Blechbläser, die auf historischen Posaunen spielten. Anstelle der Tuba war ein Ophikleide zu hören, der Vorläufer der heutigen Ventiltuba. Dieses Instrument ist äußerlich einem Fagott nicht unähnlich und wurde zu Beginn des 19. Jahrhunderts erfunden.

Sehr viel bekannter wurde Ravels späteres Klavierstück „Rapsodie Espagnole“; das 1908 in der Orchesterfassung erschien. Spanische Tanzrhythmen und programmatische Angaben werden in dieser Komposition bildhaft miteinander verwoben. Musikalischer Subtext und hohe Sensualität ergeben in dieser Komposition einen besonderen Reiz.

Roth begann sehr geheimnisvoll mit seinen geradezu sprechenden, aufblühenden Streichern die Nacht zu beschwören. Unfassbar, wie leise der ostinate Beginn der wiederkehrenden vier Töne aus dem Nichts entstand. Pure Klangmagie! Blitzsaubere Bläsereinwürfe und maximale Transparenz gaben seiner Interpretation eine extreme Klarheit. Im Kontrast dazu schärfte er die Tanzrhythmen, etwa im kompakt tönenden Fandango. Mit großer Sensibilität agierte das Schlagzeug und gab dieser vielschichtigen Komposition viel Farbigkeit. Ein herrliches Zusammenspiel zwischen Dirigent und seinem Orchester.

Solistin des Abends war die international sehr erfolgreiche Geigerin Vilde Frang, die bereits mit 12 Jahren von Mariss Jansons eingeladen wurde, mit ihm zu konzertieren. Es war Anne-Sophie Mutter, die Frang als Mentorin deutlich förderte.

Frang spielte an diesem Abend das äußerst diffizile Violinkonzert, welches Igor Stravinsky im Jahr 1931 komponierte. Ein viersätziges Werk, horrend schwer in den Ansprüchen. Die einleitende Toccatta lässt in ihrer Farbgebung, insbesondere in den Bläserakkorden an Stravinsky‘s „Petruschka"-Ballett denken. Frang begann mit viel Energie und deutlichen Akzenten. Die vielen Wechsel in den Lagen meisterte sie mit Bravour. In den beiden Mittelsätzen gab sie ihrem Spiel mehr Raum für Kantabilität, gerade und vor allem auch in der hohen Lage ihres Instrumentes. Einen wunderbaren Ruhepunkt setzte sie dann im deutlich weiter ausschwingenden dritten Satz. Mit den innig intonierenden Holzbläsern ergab sich hier ein anrührender Dialog. Grotesk und bizarr mit seinen Marschrhythmen dann der von ihr mit großer Verve vorgetragene vierte Satz. Das viel geforderte Orchester wurde von François-Xavier Roth sehr aufmerksam geleitet und überzeugte auch hier mit großer Finesse in den Soli und den Tuttistellen.

Viel Begeisterung für dieses ungewöhnliche Werk in ausgezeichnerte Realisierung. Ungemein berührend dann die persönliche Zugabe von Vilde Frang: Joseph Haydn schrieb 1796/97 ein Lied für den Kaiser Franz II., welches dann Verwendung im sog. „Kaiser-Quartett“ fand und viel später dann zur Melodie der deutschen Nationalhymne bearbeitet wurde. Mit inniger Empfindung sang Frang auf ihrer Geige. Das Publikum dankte ihr mit einer stehenden Ovation.

Am Ende dann nochmals Maurice Ravel als genialer Instrumentator der „Bilder einer Ausstellung“ von Modest Mussorgskij. 1874 komponierte Mussorgsky dieses Werk für Klavier. Angeregt wurde er durch eine Ausstellung seines 1873 gestorbenen Freundes, dem Maler Viktor Hartmann.

Natürlich nutzen die fabelhaften Musiker des Les Siècles Orchesters die Gunst des Augenblicks, in diesem herrlichen Werk nochmals ihr großartiges Können zu demonstrieren. Dirigent Roth betonte die Kontraste und Konturen. Wie grotesk hüpfte der „Gnomus“ oder wuchtig crescendierend wackelte dann der „Bydlo“ mit ruppigem Streicherklang und kräftigen Akzenten bildhaft am Zuhörer vorbei.

Sarkastisch und schmerzlich zugleich die Solo-Trompete in „Samuel Goldenberg und Schmuyle“. Großes Getöse mit herrlich virtuosen Bläsern beim „Jahrmarkt von Limoges“.Ein wahrer Hexentanz mit knalliger Pauke dann in der „Hütte der Baba Yaga“. Bombastisch dann das Finale: hier zeigte Roth eine überlegende dynamische Dramaturgie im Aufbau, um mit intensiven Glockenklang diesen schönen Konzertabend begeisternd abzuschließen.

Les siècles zeigte an allen Pulten eine außerordentlich hohe Spielqualität. Dieses Orchester bestach an dem Konzertabend durch einen betont intensiven Dialog. Immer wieder zeigten die Mitglieder ihre hohe Spielkunt als individuelle solistische Persönlichkeiten, um sich dann wieder gemeinsam in höchster Homogenität zu einen.

Zurecht große Begeisterung im Publikum. In einer kurzen Ansprache dankte Roth persönlich dem Publikum und meinte, dass sein Orcheser und er den ganzen Abend Ravel spielen könnte. Und so gab es eine überaus großzügige Zugabe: La Valse! Perfektes Zusammenspiel und viel interpretatorischer Subtext führten diesen letzten Tanz in einer hörbar apokalyptisches Ende. Was für ein hinreißender Schluß!

 

Viel Jubel!

 

Dirk Schauß,

25. November 2019

 

Bilder (c) Alte Oper Frankfurt / Wonge Bergmann

 

 

 

Orchestre Philharmonique de Strasbourg / Marko Letonja

Francesco Tristano Klavier

 

Georges Bizet: Suite Nr. 1 aus der Oper Carmen

George Gershwin: Rhapsody in Blue

Maurice Ravel: Suite Nr. 2 aus dem Ballett Daphnis et Chloé,

Pavane pour une infante défunte & Boléro

 

Ein attraktives Programm mit sehr bekannten Repertoire-Stücken vorwiegend französischer Komponisten präsentierte das Orchestre Philharmonique de Strasbourg bei seinem jüngsten Gastspiel in der Alten Oper Frankfurt. Chefdirigent Marko Letonja begann mit der 1. Carmen-Suite aus der berühmten Oper von Georges Bizet. Ein praller spanischer Farbenbogen, der sogleich die hohe Spielkunst des gastierenden Orchesters demonstrierte. Bereits hier zeigte sich die außerordentliche Qualität bei den Solisten des Orchesters, wie z.B. Flöte und Harfe. Die Dynamik war hervorragend ausbalanciert und die Transparenz des Orchesterspiels bestechend.

Ein großer Kontrast dann mit dem bekanntesten Werk von George Gershwin, seiner unwiderstehlichen „Rhapsody in Blue“. Das zwischen Jazz und Sinfonik angesiedelte Werk bleibt eines der großen Welterfolge Gershwins, der es selbst im Jahr 1924 uraufführte.

Als Solist gastierte der vielseitig begabte Francesco Tristano am Klavier. Als Komponist, Produzent und Pianist verfügt er über eine beeindruckende Schaffensbilanz, die ihn bereits schon in viele Konzertsäle führte.

Seine Interpretation von Gershwins Klassiker stellte das Jazzige schön in den Vordergrund. Ob Elemente des Blues oder des Ragtimes, Tristano konnte alle Finessen des Werkes überragend ausmusizieren. Flink in den Fingern, z.T. rasante Tempi, dann auch wieder ein maximales Innehalten und dazu ein freier agogischer Umgang. Herrlich lässig fühlte er sich in die faszinierenden Rhythmen ein. Hinzu kam seine verblüffende Virtuosität, die im Verein mit dem wach mitziehenden Orchester, das Werk in neuer Frische erleben ließ. Das Orchester verwöhnte einerseits mit großartigem Breitwandsound und konnte auch hier wieder mit superben Soli überzeugen. So erzeugte das berühmte Glissando der Klarinette am Beginn die notwendige Aufmerksamkeit. Letonja gab seinem Orchester viel Raum zur Entfaltung und ließ vor allem die Bläser swingen, das es eine reine Freude war. Der Orchesterklang wirkte sehr transparent, aber auch kompakt und knackig. Klar in den Marschrythmen und überaus hingebungsvoll in den kantablen Streicherpassagen.

Großer Jubel bei den Zuhörern, die mit einer besonderen Zugabe bedacht wurden. Francesco Tristano bedankte sich mit einer hinreißend dargebotenen sehr jazzigen Version von Gershwins Evergreen “s’Wonderful”, zur Überraschung aller, sekundiert von Mitgliedern des Orchesters am Saxophon und am Kontrabass. Das Publikum konnte sich wie einem Jazz-Club fühlen und tobte am Ende vor Begeisterung für dieses kostbare Juwel in außerordentlicher Darbietung.

Der zweite Teil war ganz Maurice Ravel gewidmet. Am Beginn stand seine 2. Suite aus seinem 1912 uraufgeführten Ballett „Daphnis et Chloé“. Hier zeigt sich der große französische Komponist auf der Höhe seiner Instrumentationskunst. Selten kann in der Spätromantik so viel Farbreichtum und Schillern in den einzelnen Orchesterstimmen bewundert werden. Der berühmte Sonnenaufgang hat in seiner überwältigenden Klangwirkung Musikgeschichte geschrieben. Das Orchestre Philharmonique de Strasbourg ist mit dieser Musik hörbar äußerst eng verwachsen. Beglückende Solibeiträge, etwa in den Holzbläsern und höchste Transparenz auch in den Tutti-Entladungen sorgten für große Erlebnismomente. Marco Letonja dirigierte äußerlich zurückhaltend mit großer Souveränität und drang mit seiner tief empfundenen Interpretation sehr weit zum Kern des Werkes vor.

1899 schrieb Ravel eines seiner bekannten Frühwerke für Klavier, eine Pavane für eine tote Prinzessin. Was zunächst wie ein Trauerstück anmutet, war von Ravel ganz anders beabsichtigt. In seiner Vorstellung ging es darum, wie eine kleine Prinzessin am spanischen Hof einen solchen Tanz getanzt haben mag. Erst 1910 gelangte die Orchesterfassung zur Aufführung. Ungemein weich intonierten die Hörner diese zarte impressionistische Komposition. Herrlich auch hier die Transparenz in den Streicherklängen. Saubere Soli, etwa die hingebungsvolle Oboe, gaben der Ausführung eine besondere Note. Marko Letonja ließ die Musik in Ruhe verinnerlicht atmen. Die Zeit stand still. Welche Kostbarkeit in exquisiter musizierter Darbietung!

Last but not least stand am Ende mit dem unverwüstlichen „Bolero“ das bekannteste Werk von Maurice Ravel auf dem Programm. Das 1928 entstandene Stück ist bis heute eines der meist gespielten Konzertstücke geblieben. Ravel zog in der Selbstbetrachtung freilich eine bittere Bilanz:“Ich habe nur ein Meisterwerk geschrieben, den Bolero und dieser enthält keine Musik!“ Der gefühlt endlos verlaufende ostinate Grundrhythmus der Trommel bietet jedem Orchester reichlich Gelegenheit, alle Orchestergruppen in den Mittelpunkt der Zuhörer zu stellen. Eine große Herausforderung in der Konzentration gilt es für den Trommler zu bewältigen. An die 170 Mal muss er die wiederkehrende Rhythmusfigur spielen.

Sehr zurückhaltend, aber äußerst exakt realisierte der Schlagzeuger seine Aufgabe bestens. Das Orchestre Philharmonique de Strasbourg nutzte nachdrücklich die Gunst, sich bestens zu präsentieren. Mit nicht nachlassender Konzentration zeigte es einmal mehr seine Klangschönheit. Dirigent Marko Letonja gab seinem Orchester hier besonders freies Spiel, so dass manche Phrasierung eine ganz eigene Farbe bekam. Überlegen sein Timing für die dynamische Entwicklung des Werkes. Die große Steigerung erzeugte beim Publikum einen verzückten Aufschrei der Begeisterung und stehende Ovationen!

 

Bilder (c) Alte Oper / Awiszus

Dirk Schauß, 21.11.2019

 

 

Oper- und Museumsorchester / Alexander Prior

Sergio Tiempo, Klavier

18. November 2019

 

Modest Mussorgsky – Eine Nacht auf dem kahlen Berge

Sergej Rachmaninow – Variationen über ein Thema von Paganini op. 43

Gustav Holst – The Planets op. 32

 

Eine wechselvolle Geschichte hat Mussorgsky's „Johannisnacht auf dem kahlen Berge“ hinter sich. Entstanden im Jahr 1867 ist dies ein zentraler Beitrag russischer Programm-Musik. Für die Komposition hatte Mussorgsky zunächst genaue Szenen formuliert, was alles während eines Hexen-Sabbats passieren soll. Obwohl Mussorgsky eine eigene komplette Partitur hinterließ, so war es der Komponist Nikolai Rimsky-Korsakoff, der das Werk umarbeitete und neu instrumentierte. Mussorgsky hatte zu seinen Lebzeiten große Probleme mit der musikalischen Form und vor allem mit der Instrumentierung. Rimsky-Korsakoff, der große Zauberer der musikalischen Instrumentation, war in seinen Fassungen von „Boris Godunow“ und eben der „Nacht auf dem kahlen Berge“ maßgeblich für den Erfolg der Kompositionen Mussorgsky's verantwortlich.1886 wurde diese Version erstmals aufgeführt und war seither ein fester Bestandteil in vielen symphonischen Konzerten. Erst 1968 erschien die Original-Partitur in Druck. Es war Dirigent Claudio Abbado, der sich sehr für diese Fassung engagierte und sie auch aufnahm.

Im aktuellen Museumskonzert gab es nun also Gelegenheit, eben jene Originalfassung von Modest Mussorgsky zu hören. Die sog. Originalfassung wirkt reichlich verworren, ungeordnet in der Struktur, seltsam im Verlauf der Harmonien. Und so hinterließ diese Komposition auch bei den Zuhörern des Konzertabends mehr Irritation als Begeisterung. Am Pult des Frankfurter Opern- und Museumsorchesters gastierte der in St. Petersburg ausgebildete junge englisch-russische Komponist und Dirigent Alexander Prior. In seiner Interpretation ging es erkennbar um einen kompakten Orchesterklang. Gestalterische Impulse wußte er kaum zu setzen. Alles Schroffe und Derbe wirkte zahm und im Klang eher indifferent. Die oft zu plakativen und wild fuchtelnden Bewegungen des Dirigenten blieben ohne hörbares Ergebnis vom Orchester. Dieses hatte alle Hände damit zu tun, die anspruchsvolle Komposition zu realisieren. Dabei blieb es dann. Ein musikalischer Beginn des Abends mit angezogener Handbremse.

Am 07. September 1934 dirigierte Leopold Stokowski die Ur-Aufführung der Paganini-Variationen von Sergej Rachmaninov. 24 Variationen, die der berühmte Virtuose Niccolo Paganini in seinen 24 „Capricci für Solovioline“ selbst verfasst hatte.

Solist des Konzertabends in der Alten Oper Frankfurt war Sergio Tiempo, Schüler u.a. der großen Martha Argerich. 

Die überaus fordernden technischen Schwierigkeiten wurden von Tiempo geradezu spielerisch bedient. In zugespitzten Tempi gab er der Musik sehr viel eigene Kontur. Im Kontrast dazu nahm er sich in den kantablen Momenten zurück, um der Melodielinie die notwendige Entfaltung zu geben. Tiempo nutzte viele Möglichkeiten, um die extreme Farbigkeit der Komposition in den Mittelpunkt zu stellen. Kraftvoll in den Akzenten und zumeist ausgewogen in der Dynamik. Und natürlich konnte Tiempo seine jugendliche Kraft nutzen, um auch das Bizarre und Diabolische des Werkes

klanglich zur Wirkung zu bringen. Wie Klangsäulen meiselte er das Dies-Irae Thema heraus, um im Finale der Komposition, wie ein Zauberer über die Tasten völlig mühelos zu eilen. Die überragende technische Fertigkeit von Tiempo fand berechtigt großen Zuspruch beim Publikum.

Zu sehr im Hintergrund ließ Dirigent Alexander Prior das Frankfurter Opern- und Museumsorchester, so dass es primär als orchestrale Begleitung wirkte und weniger als impulsreicher Partner. Auch hier standen die plakativen Gesten des Dirigenten im akustischen Missverhältnis zum Orchester. Dieses überzeugte einmal mehr durch seine große Wandlungsfähigkeit und Flexibilität. Allerdings war es interpretatorisch kaum gefordert. Das Vielschichtige der Komposition und die große Kantabilität im Mittelteil blieb vom Dirigenten weitgehend ungenutzt.

Der überaus sympathisch, bescheiden wirkende Sergio Tiempo bedankte sich beim Publikum mit einer innig vorgetragenen Zugabe.

In der Zeit des ersten Weltkrieges schrieb der englische Komponist Gustav Holst seine groß angelegte Orchester-Suite „The Planets“. Die zwischen 1914-1916 entstandene Komposition war ursprünglich für zwei Klaviere vorgesehen. Der große englische Dirigent Sir Adrian Boult motivierte Holst, einige seiner Klavierkompositionen zu orchestrieren. Und so kam es dann 1918 zur von Boult dirigierten orchestralen Uraufführung.

Wohl kaum ein spätromantisches Werk hat die spätere Filmmusik derart stark beeinflusst, wie dieses Werk. Die großformatigen Klangspektren sorgten von jeher für starke Begeisterung. Sieben Planeten unseres Sonnensystems beschreibt Holst in seiner Komposition.

Von extremer Düsternis und stampfender Brutalität ist der Beginn mit dem Planeten Mars, dem Überbringer des Krieges. Maschinenartige Rhythmen, die in einer klangschwarzen Apokalypse enden. Extrem dann der Kontrast mit dem anschließenden Planeten Venus, dem Friedensbringer. Ein elegisches Hornsolo im Dialog mit feinsten Holzbläserfärbungen schaffen eine kontemplative Stimmung. Mit Merkur, dem geflügelten Boten, gibt es dann einen geschwinden Ritt durch alle Orchesterfarben in breitem dynamischen Panorama. Der Überbringer der Fröhlichkeit tritt dann in Form des Planeten Jupiters vor die Zuhörer. Sicherlich der beliebteste Planet, der mit seiner hymnischen Hauptmelodie im Mittelteil, stark an den von Holst verehrten Komponisten Sir Edward Elgar denken lässt. Dann wieder ein Farbwechsel, denn mit Uranus begegnet uns der Überbringer des Alters und damit eine weiträumige kosmische Klangwelt. Kaum größer könnte der Kontrast sein als Uranus, der Magier, ertönt. Gewaltige Fanfaren im Blech, bizarre Rhythmen und drastische Schlagzeugeffekte münden in einem wilden Tanz, der mitunter deutlich an den „Zauberlehrling“ von Paul Dukas denken lässt. Mit dem beschließenden Neptun wird das riesige Orchester klanglich durch einen sechsstimmigen Frauenchor ergänzt, der in wiederkehrenden Vokalisen die Endlosikeit des Alls trefflich imaginiert.

Dirigent Alexander Prior hatte also mit diesem Werk eine Steilvorlage, um seine interpretatorischen Ideen auszuagieren. Leider nutzte er diese Möglichkeit wenig überzeugend. Bereits der anfängliche Rhythmus des Mars wirkte eher vage, denn als stampfender Teil einer Kriegsmaschine. Die Ausbrüche im Fortissimo wirkten hier vordergründig laut als wirklich vernichtend. In den Tempi musizierte er meistens stramm nach vorne. Bedauerlicherweise neigte er in den großen melodischen Abschnitten des Jupithers zur Hast. Auch irritierten hier unorganisch wirkende Accelerandi. Zuvor wirkte die notwendige Feinarbeit für den quirligen Planeten „Merkur“ reichlich verwaschen.

Alexander Prior arbeitete mit größtem körpersprachlichen Einsatz. Da wurden die Arme rudernd geschwungen oder nach oben gerissen und mit dem Bein gestampft. Dieser äußerliche Aufwand mag der Jugend des 27jährigen Dirigenten geschuldet sein. Diese Äußerlichkeiten blieben letztlich jedoch vom Orchester unbeantwortet, denn selten hat das Frankfurter Opern- und Museumsorchester nach dem Dirigenten an diesem Abend geschaut. Prior blieb der Komposition eine schlüssige und eigene Interpretation schuldig.

Das Frankfurter Oper- und Museumsorchester hatte trotzdem Freude an dieser so effektvollen Komposition. An allen Pulten musizierte der Klangkörper auf gutem Niveau. Kleinere Ungenauigkeiten in den Bläsern oder in der Intonation belegten den außerordentlichen Schwierigkeitsgrad des Werkes. Das Schlagzeug wirkte zu oft defensiv und hätte auch hier in den Farbgebungen stärker gefordert werden können. Und doch, es blieb fortwährend der Eindruck bestehen, dass das Orchester interpretatorisch zu deutlich unter seinen Möglichkeiten spielte. Dyamisch gut abschattiert ergänzte der Damenchor der Oper Frankfurt in der Einstudierung von Tilmann Michael. Das Publikum dankte mit viel Applaus.

 

Dirk Schauß, 20.11.2019

 

Klavierabend PIOTR ANDERSZEWSKI

JOHANN SEBASTIAN BACH

Aus dem Wohltemperierten Klavier,

Teil II:

Präludium und Fuge Es-Dur BWV 876

Präludium und Fuge As-Dur BWV 886

Präludium und Fuge gis-Moll BWV 887

ROBERT SCHUMANN

Sieben Klavierstücke in Fughettenform op. 126

ROBERT SCHUMANN

Gesänge der Frühe op. 133

LUDWIG VAN BEETHOVEN

Sonate Nr. 31 As-Dur op. 110

 

Alte Oper, 13. November 2019

 

Ein äußerst anspruchsvolles Programm prägte den Klavierabend von Piotr Anderszewski bei seinem jüngsten Gastspiel in der Alten Oper Frankfurt.

Gut 20 Jahre dauerte es, bis Johann Sebastian Bach seine Komposition Das Wohltemperierte Klavier (BWV 846–893) abgeschlossen hatte. Diese gewaltige Sammlung an Präludien und Fugen stellt höchste Anforderungen an den Interpreten. Ursprünglich für Cembalo und Clavichord vorgesehen, wurde es schnell zu einem der großen Repertoire-Stücke für Tasten-Virtuosen.

Piotr Anderszewski entschied sich bei seiner Auswahl auf drei Kompositionen des zweiten Teils. Im Mittelpunkt seines zurückhaltenden Vortrages stand die komplexe Polyphonie der Werke. Er konzentrierte sich erkennbar auf Transparenz und Durchhörbarkeit. Technisch bediente er alle Anforderungen tadellos. Seine Tempi wirkten fließend und homogen in deren klanglichem Verlauf. Dabei stellte er sich insgesamt als Interpret sehr in den Hintergrund.

Ein deutlicher musikalischer Kontrast ergab sich dann durch die vorgetragenen Kompositionen von Schumann und Beethoven. Als überleitende Brücke fungierten die sieben Klavierstücke op. 126, die Robert Schumann in Fughettenform komponierte. Stilistisch sind diese Stücke gar nicht so weit von Bach entfernt. Auch hier betonte Anderszewski die musikalische Form und stellte sein Können ganz in den Dienst des musikalischen Vortrages.

Johannes Brahms inspirierte Robert Schumann zu seinem jenseitig anmutenden Zyklus „Gesänge der Frühe“, die Schumann an nur drei Tagen im Oktober 1853 komponierte. Er verstand diese Komposition als Ausdruck seiner Empfindung beim Anbruch eines Tages. Immer wieder lassen diese Werke an Choräle oder auch Lieder denken und doch tragen diese Stücke auch die Anzeichen des sich verdüsternden Geistes des Komponisten.

Anderszewski nahm sich Ruhe, das Choralhafte deutlich zu vermitteln und die Melodieführung feinfühlig zu gestalten. Im zweiten Stück wahrte er eine kluge Balance in der Akzentuierung der Triolen. Deutlich dann die herausgestellten Punktierungen im lebhaften dritten Stück, sekundiert von gewichtigen Oktavbewegungen. Ein dynamischer Ritt über die Tasten. Herrlich dann die fließenden, impressionistisch wirkenden Arpeggien im vierten Stück. Das beschließende fünfte Stück zeigte Anderszewski wieder als zurückhaltenden Gestalter, der Choral und kantable Phrasierung zu einem nach innen gewendeten Abschluss führte.

Den Schlusspunkt bildete die späte Sonate Nr. 31 As-Dur, die Ludwig van Beethoven 1822 komponierte. Wie in seiner Spätphase üblich, liegt auch hier der Schwerpunkt auf dem letzten Satz.

Nahezu nahtlos, d.h. an Schumann anknüpfend, begann Anderszewski seinen Vortrag.Der erste Satz beginnt ruhig und mündet in eine prägnante eingängige Melodie, die Beethoven immer wieder neu variiert. Anderszewski hörte sensibel in die musikalische Struktur hinein. Den vielen fordernden Schwierigkeiten begegnete er mit Bravour. Über allem stand sein klarer Blick für die dynamische Balance.

Von einer anderen Seite zeigte sich Anderszewski dann im zweiten Satz, in welchem er z.T. deutlichere Farben ausstellte. Kräftiger in den Akzenten erklang nun sein Spiel. Ebenso dann auch die wuchtigen Sforzati.

Als einer der schwersten Sätze gilt der letzte Satz mit seinen vielfältigen Vortragsbezeichnungen. Hier bündelte Anderszewski nochmals sein technisches Können. Beeindruckend seine Souveränität, die Klarheit in den zahlreichen Fugato-Abschnitten. Viel Gewicht im donnernden Schluss-Crescendo.

Und doch, Anderszewski stellte auch im zweiten Teil den wiedergebenden Musiker in den Mittelpunkt, der weniger interpretiert. Immer stand bei ihm im Kern seines Bemühens die Klarheit der Form und die eher werkdienende Reproduktion der Musik. Pianistische Eigenarten, interpretierende Kommentare oder auch mutige Klangfärbungen, zu welchen Schumann und Beethoven einladen, blieben ausgespart. Dazu passte auch sein kompletter Verzicht auf agogische Effekte. Gerade Schumann und Beethoven hätten hier so manches Rubato gut vertragen.

Das etwas unkonzentrierte Publikum zeigte seine Würdigung mit anhaltendem Applaus. Der bescheiden wirkende Künstler dankte mit zwei Zugaben, an deren Ende wieder Bach stand.

 

Dirk Schauß, 15.11.2019

 

 

HR-Sinfonieorchester - Leitung: Klaus Mäkelä

Solist: Martin Helmchen

Konzert am 31. Oktober 2019

 

Robert Schumann – Klavierkonzert a-moll op. 54

Dmitri Schostakowitsch - Symphonie No. 7 C-Dur op. 60 „Leningrader“

Himmel und Hölle

Ein Programm voller drastischer Kontraste präsentierte das HR-Sinfonieorchester in seinem aktuellen Konzert in der Frankfurter Alten Oper. Und natürlich sind derart emotionale Wechselbäder eine große Herausforderung. Als „musikalischer Himmel“ gilt vielen Robert Schumanns Klavierkonzert, sicherlich eines der Schlüsselwerke der romantischen Klavierkonzert-Musik.

Lange hatte Schumann an diesem Werk gearbeitet. Nach gut fünf Jahren Entstehungszeit wurde es im Jahr 1845 uraufgeführt. Der große Reichtum der melodischen Entwicklung im Klavier- und Orchestersatz begeistern bis heute das Publikum. Kaum zu fassen, dass dieses Konzert jedoch vom HR-Sinfonieorchester zuletzt 1983 gespielt wurde!

Als Solist gastierte Pianist Martin Helmchen. International war er bei vielen Orchestern bereits zu Gast und hat sich zudem auch in der Kammermusik einen Namen gemacht. So lehrt er u.a. als Professor für Kammermusik an der Kronberg Academy. Zu seinen Mentoren zählt u.a. Alfred Brendel.

Helmchen ist mit diesem Konzert seit langem intensiv verbunden. Dies war in jeder Note seines sensiblen Anschlages zu hören. Die Dynamik wirkte immer natürlich empfunden. Jede Willkürlichkeit blieb ausgespart. Es entstand schnell ein intensiver Sog musikalischer Dringlichkeit. Mit Empfindsamkeit phrasierte Helmchen in Klarheit die Themen aus. Sein Spiel wirkte dabei hoch sensibel. Auch in der virtuosen Kadenz entstand nicht ein vordergründiger Eindruck, sondern sie war vielmehr gedankliche Verarbeitung des tönenden Dialoges. Jeder Ton wurde von Helmchen als klangliche Einzigartigkeit erlebt. Poesie an den Tasten.

Wie groß ist dann der Kontrast dazu im zweiten Satz! Das sog. „Intermezzo“ kam im Zusammenspiel der Musiker als Moment der Kontemplation. Orchester und Klavier zeigten sich in einer innigen Zwiesprache.

Groß dann das Gefühl der Lebensfreude im aufrauschenden Allegro vivace des dritten Satzes. Da leuchteten von überall her die Farben in feinster musikalischer Ausgestaltung. Helmchen achtete hier sehr deutlich auf Transparenz und aufgefächerte Strukturen.

Selten ist dieses Konzert in einem derart symbiotischen Zusammenspiel zwischen Klavier und Orchester zu erleben. Ein unendlicher Melodienstrom, der unter einem einzigen Spannungsbogen verlief.

An seiner Seite musizierte das sehr motiviert wirkende HR-Sinfonieorchester unter Leitung des 23jährigen finnischen Senkrechtstarters Klaus Mäkelä.

Der junge Dirigent darf in seiner Generation zu den größten Hoffnungen am Dirigenten-Himmel gezählt werden. Kein Wunder also auch, dass das Oslo Philharmonic Orchestra ihn kürzlich zu deren Chef berief und bereits viele internationale Orchester diesen besonderen Künstler am Pult sehen möchten. Mit unbändiger Spiel- und Interpretationsfreude zauberte er aus dem HR-Sinfonieorchester eine sehr eigene Interpretation hervor. Die Frische und Klarheit in den Akzenten, dabei perfekt in der dynamischen Gestaltung, waren in ihrer Wirkung bestechend. Das Orchester hatte große Freude und ließ sich von der Begeisterung des Dirigenten hörbar inspirieren. Langer Beifall wurde mit einer Zugabe belohnt. Martin Helmchen beschenkte seine Zuhörer mit einer kleinen Preziose von Robert Schumann.

Eine musikalische Fahrt durch die Kriegs-Hölle erwartete dann die Zuhörer im zweiten Teil des Konzertabends. Mit Dmitri Schostakowitschs Symphonie No. 7 schrieb der russische Meister Musikgeschichte. Ein musikalisches Denkmal an das heutige St. Petersburg formuliert und seine vielen Kriegsopfer. Das Werk erlebte seine gefahrvolle Uraufführung unter lebensbedrohlichen Kriegsbedingungen im Jahr 1942.

Faszinierend sind die Farben und Themen im ersten Satz, die zunächst eine Idylle beschreiben. Noch wirkt die Welt heil. Alles dies ändert sich mit der Einführung des zentralen Themas, das sog. „Invasions-Thema“, das in elf Variationen den Einmarsch der deutschen Feindestruppen charakterisiert. In Form eines Bolero-Rhythmus wird ein bekanntes Motiv der Léhar Operette „Die lustige Witwe“ (Da geh ich zu Maxim…) zitiert. Langsam und immer gewalttätiger mit z.T. gigantischen Fortissimo-Klängen walzt diese musikalische Armee alles nieder. Am Ende erklingen ermattet Solo-Fagott und Trompete, bis dann in der Coda der Rhythmus des Invasions-Themas nochmals anklingt.

Der zweite Satz Moderato gleicht einem Scherzo und kommt letztlich doch als Groteske daher. Ein bizarr und schrill anmutender Walzer.

Tief unter die Haut geht dann das weite Adagio mit seinen choralartigen Anklängen. Breite Unisono-Kantilenen erklingen in den Streichern. Doch auch hier wieder kommt es zu musikalischen Brechungen. Ein grotesker Marsch im Trio kommt als Störelement in die Klage. Am Ende endet der Satz in einem diffusen Ausklang, der dann unmerklich in den vierten Satz überleitet. 

Im vierten Satz lässt Schostakowitsch die Trauer am Ende in einen gewaltigen Triumph-Gesang des gesamten Orchesters führen. Die Steigerungen, die Schostakowitsch hier mobilisiert, sind immer wieder ein atemberaubendes Erlebnis.

Dirigent Klaus Mäkelä bescherte dem Publikum einen unvergesslichen Abend! Unfassbar, mit welcher Reife und welchem Können er diesem anspruchsvollem Werk begegnete! Dabei folgte er einem ganz eigenen interpretatorischen Weg. Zupackend in der Eröffnung, breitete er vor dem Zuhörer eine ruhende Idylle aus. Wie aus dem Nichts ertönten die Trommeln und langsam, behutsam in der Steigerung begann das Invasionsthema. Mit einem untrüglichen Sinn für musikalisches Timing baute Mäkelä eine unerträgliche Spannung auf. Und dann krachten gewaltige Fortissimo-Salven des gesamten Orchesterklanges in den Konzertsaal. Mäkelä schaffte es, im lautesten Getöse alles transparent und wuchtig zugleich zu halten.

Dabei hörte Mäkelä sehr genau in die Musik hinein, arbeitete die Themenbezüge in den Nebenstimmen heraus und gab dann doch der melodischen Entwicklung dabei den Vorzug. Auch scheute er sich nicht, harmonische Reibungen zu betonen, um Dissonanzen zu schärfen.

Die Tempi wirkten gemessen, niemals übersteigert, sondern sehr eindeutig in der gesamten polyphonen Struktur. Mäkelä war in der Zeichengebung beispielhaft präzise und jederzeit Herr der Lage. Faszinierend, welche Farben er vor allem aus den Holzbläsern herausarbeitete. Äußert eindringlich das lange Solo des Fagotts im ersten Satz, dem ein herrlich aufblühender Streicherton, wie aus einer anderen Welt antwortete. Fast schon magisch, war dieses sehnende Aufblühen in der Streichergruppe. In der gesamten Symphonie gab es eine Fülle eindringlichster Klangwirkungen, die Mäkelä überwältigend zur Geltung brachte. Bereits jetzt ist zu erkennen, dass der so junge Klaus Mäkelä ein herausragender Dirigent ist, der in der Zukunft zu einer der wichtigsten Vertreter seiner Zunft heranreifen wird. Sicherlich war dieses Konzert in der Alten Oper einer der Höhepunkte des Konzertjahres 2019!

Das HR-Sinfonieorchester begeisterte mit einer makellosen Leistung. Mäkelä ließ die Streicher mal weich, dann wieder ruppig aufspielen. Im Kontrast dazu erklang die große Streichergruppe perfekt koordiniert und ausbalanciert in den großen Unisono-Teilen des dritten Satzes, die mit höchster Sensibilität realisiert wurden. Wunderbar innig das Solo des Konzertmeisters. Die großartigen Blechbläser intonierten unermüdlich und absolut perfekt in der Intonation. Sehr gut trafen die Holzbläser das ironisch groteske Farbspektrum oder berührten besonders intensiv (Fagott, Flöte, Klarinette) in den idyllischen Abschnitten der Mittelsätze. Jede Solostimme mutierte fast zu einem gesungenen Klagebeitrag der Kriegsopfer. Selten dürften diese solistischen Einwürfe derart tief die Seele der Zuhörer gestreift haben. Dazu überwältigend in der gesamten dynamischen Bandbreite die große Gruppe der Schlagzeuger.

Das Publikum geriet außer sich vor Begeisterung und feierte die Protagonisten mit jubelnden Ovationen! Was für ein Abend!

 

Dirk Schauß 2.11.2019

(c) alteoper.de

 

 

London Symphony Orchestra unter der Leitung von John Eliot Gardiner

Konzert am 28. Oktober 2019

 

Antonin Dvorak: Cellokonzert h-moll op. 104

Josef Suk: Asrael-Symphonie c-moll op. 27


Solist: Truls Mork

 

Gleich mehrere Male ist in dieser Saison das traditionsreiche London Symphony Orchestra (LSO) zu Gast in der Alten Oper Frankfurt. Am Pult zeigte sich mit Sir John Eliot Gardiner ein Pionier der sog. „Alten Musik“ - Bewegung, diesmal im Repertoire der Spätromantik.

Zu Beginn erlebten die Zuhörer eines der bekanntesten und beliebtesten Cellokonzerte der gesamten Konzertliteratur. Antonin Dvorak schrieb dieses Meisterwerk in den Jahren 1894/1895. Erst im folgenden Jahr 1896 fand die Uraufführung in London statt. Das Genie Dvoraks fasziniert immer wieder in seiner unendlichen Fülle melodischer Einfälle. Dies erstaunt umso mehr, weil der große tschechische Meisterkomponist viele familiäre Schicksalsschläge hinzunehmen hatte.

Der einleitende Allegro-Teil gab dem LSO Gelegenheit, seine herausragende Klangqualität, vor allem in den Streichen zu demonstrieren. Aber auch die zahlreichen Soli-Beiträge gerieten bestechend, etwa der warme Tonfall des Solo-Horns oder der strahlende Klang der Solo-Trompete. Und ein derart substanzreiches und doch ungemein leise dargebotenes Pianissimo der Tuba, wie z.B. im zweiten Satz, dürfte äußerst selten vorkommen.

Unter Leitung von Sir John Eliot Gardiner wurde der besondere Reiz der Komposition bewegend ausgebreitet. Gardiner übernahm dabei jedoch zu sehr die Rolle des reinen Begleiters. Er achtete auf eine vorzügliche dynamische Balance und vermied dabei zu sehr Gelegenheiten, besondere interpretatorische Akzente zu setzen. An einem aktiven Dialog mit seinem herausragenden Solisten zeigte er wenig Interesse. Ein großes, schmerzliches Versäumnis.

Denn Solist Truls Mols verschmolz mit jeder Note, in jedem Akkord zeigte er sein spielerisches Können. Sensibel intonierte Phrasierungen in klarer dynamischer Abwägung gaben seinem Spiel allergrößte Eindringlichkeit. Mit lebhaftem Vibrato agierte er mit seinem Cello in unendlichen Farben.

Wunderbar ertönte dann das mit weit gefasster Ruhe vorgetragene Adagio. Mols spielte hier auf seinem Cello in den wärmsten Klangfarben, im Wechselspiel mit herrlichen Schattierungen der Solo-Klarinette! Tönender Gesang in großer Innigkeit war hier zu erleben. Großartig auch sein Dialog mit dem fabelhaften Konzertmeister, der an diesem Abend immer wieder mit seinen Soli für sich einnahm.

In dem abschließenden Allegro moderato dominierte dann die große Virtuosität. In mitreißender Spiellaune zeigte Solist Truls Mols auch als Virtuose seine herausragende solistische Kompetenz. Das gewaltiges Schluss-Crescendo verfehlt selten seine Wirkung. Leider verschenkte Gardiner diesen besonderen Moment durch ein zu braves, dem Understatement verhaftestes Orchesterspiel. Sehr bedauerlich, weil das London Symphony Orchestra eine Spitzenleistung bot. Das Publikum reagierte berechtigt begeistert für den außergewöhnlichen Solisten!

Mork bedankte sich mit einer poetisch anmutenden Zugabe.

Nach der Pause gab es eine Rarität zu erleben. Die selten gespielte „Asrael-Symphonie“ von Josef Suk. Suk war der Schwiegersohn von Antonin Dvorak und verarbeitete in diesem gewaltigen Werk den Tod seines Schwiegervaters als auch den seiner Frau Ottilie.

Eine Symphonie, die den Tod, in Gestalt des Todesengels Asrael in den Mittelpunkt stellt. Suk begann im Jahr 1905 mit der Komposition, nachdem Dvorak wenige Monate zuvor gestorben war. Ursprünglich war Suks Werk als Rückblende auf Dvoraks Leben geplant. Als dann während des Komponierens Suks Frau Ottilie starb, verbannte er nahezu alles Optimistische aus dieser Komposition. So erlebt der Zuhörer ein Psychogram, ja fast schon eine musikalische Selbst-Therapierung. Denn Suk erwähnte, dass ihn seine Musik, jener Schaffensprozess gerettet habe.

Am 04. Oktober 1906 wurde das Werk uraufgeführt. Dem Andenken an Antonin Dvorak und Ottilie gewidmet. Vor allem die beiden letzten Sätze stehen im engen Kontext zu Ottilie.

Die groß angelegte Symphonie besteht aus fünf Sätzen und bedient sich einer ganz eigenen Tonsprache, die so gar nicht mit jener von Dvorak zu vergleichen ist. Schroff, düster und sehr unzugänglich wirken vor allem die ersten beiden Sätze. Selten ist eine spätromantische Musik derart zergrübelt und unentschieden. Viele harmonische Reibungen sind in polyphoner Ausgestaltung zu erleben. Und dann ereignet sich in dieser gut einstündigen Symphonie etwas, was ungewöhnlich und besonders anmutet. Bereits im „Vivace“ des dritten Satzes, aber vor allem in den beiden beschließenden Adagio-Sätzen gelangt etwas Licht in die unendliche Düsternis dieser Symphonie. Choralartige Färbungen ergeben ein Bild des Trostes und ertönen im besonderen Reiz. Und doch: dieser Musik fehlt eine melodische Linie, eine erinnerungswürdige Phrase. Permanent mäandert diese schwerfällige Musik umher, ohne einen melodischen Zielpunkt zu finden. Hierzu wird ein riesiges Orchester aufgeboten, was dann vielerlei dynamisches Spektakel veranstalten darf. Für das Orchester und die Zuhörer war dies Schwerstarbeit. Zunehmende Unruhe im Publikum und auch einige Abgänge während der Aufführung zeigten, dass diese Musik es schwer hat, ein Publikum zu erorbern.

Es war deutlich, wie sehr es Sir John Eliot Gardiner eine Herzensangelegenheit war, diese Musik zu würdigen. Das London Symphony Orchestra war dabei immens gefordert. Die Streichergruppe leistete unermüdliche Schwerstarbeit und gefiel durch ihren kultivierten warmen Ton. Außergewöhnlich komplexe Abschnitte für Holz- und Blechbläser wurden großartig realisiert. Und in den verschiedenen Soli-Beiträgen zeigte das LSO die hohe Qualität seiner Orchester-Mitglieder.

Kein einfaches Werk, weder für Orchester, noch für das Publikum. Dieses benötigte einige Zeit der Besinnung, um das Erlebte zu verarbeiten.

Danach kurze, anerkennende Begeisterung.

 

Dirk Schauß, 29.10.2019

© Alte Oper Frankfurt, Wonge Bergmann

 

OPERNFREUND CD TIPP

 

Pittsburgh Symphony Orchestra & Manfred Honeck

Alte Oper Frankfurt, 25. Oktober 2019

 

James MacMillan – Larghetto for Orchestra

Sergej Rachmaninow – Variationen über ein Thema von Paganini op. 43

Dmitri Schostakowitsch – Symphonie No. 5 d-moll op. 47

 

Solist: Igor Levit, Klavier

 

Selten ist es zu erleben, dass ein Orchester der Spitzenklasse sowohl vor dem Konzert als auch in der Konzertpause derart intensiv übt. Dieser eigene Anspruch an Qualität und Hingabe sollte das Konzert des Pittsburgh Symphony Orchestras nachhaltig prägen. Fast ganz im Zeichen der russischen Musik stand das Gastspiel des renommierten Orchesters unter der Leitung seines Chefdirigenten Manfred Honeck. Inzwischen ist es bereits die 25. Europa-Tournee des Klangkörpers. Große Dirigenten wie William Steinberg, Lorin Maazel, André Previn und Mariss Jansons prägten das Orchester nachhaltig. Und auch der amtierende Chefdirigent Manfred Honeck hat sich zu einem großen Dirigenten entwickelt, der immer zwischen den Noten liest und mit seiner Empathie der Musik besondere Ausdruckstiefe verleiht.

Zu Beginn präsentierten die Künstler, das im Jahr 2017 von ihnen uraufgeführte „Larghetto for Orchestra“ des schottischen Komponisten James MacMillan. Seine tiefe Beschäftigung mit sakraler Musik und diverser Chorliteratur zeigt sich auch in dieser Komposition. Eine chorale Klangreise, die vor allem Streicher und Bläser intensiv beschäftigen. MacMillan schuf frappierende Klangeffekte. So musizierten die Blechbläser in unterschiedlichen Distanzen im Konzertsaal, was zu eindrücklichen Klangschichtungen führte. Sehr berührend begann diese Komposition mit einer kantablen Melodie der Celli-Gruppe. Große Momente dann auch in den Bläser-Chorälen. Diese tonale Musik entfaltete eine deutliche spirituelle Kraft. Manfred Honeck schuf hier gleich zu Beginn eine besondere Atmosphäre für einen Konzertabend der Spitzenklasse. Aufmerksam ließ er das Orchester aufeinander reagieren und sorgte dazu für eine soghafte Entwicklung dieser berührenden Musik.

Am 07. September 1934 dirigierte Leopold Stokowski die Ur-Aufführung der Paganini-Variationen von Sergej Rachmaninov. 24 Variationen, die der berühmte Virtuose Niccolo Paganini in seinen 24 „Capricci für Solovioline“ selbst verfasst hatte. Das bekannte Hauptmotiv wurde auch von Komponisten wie Liszt oder Brahms verwendet. Noch dominanter das nahezu allgegenwärtige finstere Dies-Irae Thema, fester Bestandteil der lateinischen Totenmesse und in allen wichtigen Orchesterwerken Rachmaninows enthalten. Die Musikwissenschaft ist sich uneinig, ob dieser Komposition nicht doch ein Programm zugrunde gelegt wurde. In diesem soll der große Paganini seine Seele an den Teufel verkauft haben, um noch virtuoser zu spielen und die Liebe einer Frau zu erringen. Daher wundert es nicht, dass dieses Werk auch als Ballettstück großen Anklang fand.

Solist des Konzertabends in der Alten Oper Frankfurt war Igor Levit. Gemeinsam mit dem Pittsburgh Symphony Orchestra unter Leitung seines charismatischen Chefdirigenten Manfred Honeck, gab es ein virtuoses Feuerwerk der Spitzenklasse zu bestaunen. Mit großer Klarheit, feiner und doch weit gefasster dynamischen Bandbreite durchmaß Levit die horrenden Anforderungen seines Parts. Dabei blieb er keiner Variation etwas schuldig. Kraftvolle Akkorde standen im größten Kontrast zu kantablen Phrasierungen, vor allem in den sehr gefühlsbetonten Abschnitten der Variationen. Erstaunlich, wie bezwingend Levit immer der Natürlichkeit, dem schlichten Anschlag seiner Tasten den Vortritt ließ. So kamen vor allem die melodieintensiven Abschnitte zur besonderen Geltung. Der sehr aufmerksam begleitende Honeck achtete permanent darauf, dass Orchester und Solist sich einen fruchtreichen Dialog lieferten. Dabei verwöhnte das groß aufspielende Orchester mit satter, nie lärmender Klangkultur. Herausragende Instrumentalsoli, wie etwa durch die Solo-Violine, waren begeisternd zu vernehmen, wie insgesamt eine Klangsprache, die außerordentlich bezwingend in ihrem Ausdruckswillen geriet. Levit und Honeck wirkten dabei sehr harmonisch im gemeinsamen Umgang.

Gewaltig und völlig zurecht war die Begeisterung im Publikum über diese große Flut musikalischer Ausdruckstiefe. Igor Levit bedankte sich mit einer originellen Zugabe. Von Bill Evany gab es eine sehr intime Version des bekannten Songs „Oh Danny Boy“. Das Publikum zeigte sich hingerissen.

Im zweiten Teil demonstrierten das Pittsburgh Symphony Orchestra und Manfred Honeck ihre außerordentliche Kunstfertigkeit. Honeck hat von jeher eine besondere Affinität zur russischen Musik. So entschied er sich für die populärste Symphonie von Dmitri Schostakowitsch, seine Fünfte, uraufgeführt im Jahr 1937. Mit dieser Symphonie gelang es dem Komponisten sich zu rehabilitieren, nachdem er kurz zuvor bei Stalin in Ungnade fiel und damit sein Leben in große Gefahr brachte. „Chaos statt Musik“ titelte Stalin seinen Ärger über die Oper „Lady Macbeth von Mzensk“, die der Komponist wenige Jahre zuvor geschrieben hatte. Schostakowitsch musste sich rehabilitieren. Die eingängige Symphonie wurde von Stalin und seinen Parteigenossen begeistert aufgenommen und für deren propagandistische Zwecke missbraucht. Lange wurde das Werk unter dem Titel „Das Werden der Persönlichkeit“ aufgeführt. Der Jubel am Ende der Symphonie ist dabei jedoch alles andere als ein Triumph. Geradezu brutal wird hier ein plakativer Jubel mit Schlägen provoziert. Viel Sarkasmus, aber ebenso auch tiefer seelischer Schmerz prägen diese Symphonie.

Sehr ruppig begann der erste Satz in den Streichern, die dann seidig im klagenden Hauptthema ertönten. Honeck wählte hier ein ruhiges Zeitmaß, so dass die Streicher wunderbar phrasieren konnten. Mit dem drastisch einsetzenden Klavier begann mit dem anschließenden Marschmotiv eine Tour de force, die vor allem dem vorzüglichen Blech und dem akzentuiert agierenden Schlagzeug viel Gelegenheit zur lautstarken Entfaltung bot. Honeck scheute dabei durch zugespitzte Accelerandi keinerlei Risiko. Faszinierend, wie groß das dynamische Potential bei den Blechbläsern geriet, so dass sich der Höhepunkt tief in die Magengrube der Zuhörer hineingedrängt haben dürfte. Untrüglich Honecks klangliche Raffinesse, die diesen Satz mit großer Ruhe ausklingen ließ. Zu erleben waren herrliche Soli von Horn, Flöte und Solovioline. Fabelhaft der schlank, perfekt intonierte Tonfall des Solo-Hornisten im elegischen Dialog mit Flöte und Violine. Herausragend der schmerzvoll-süße Tonfall an der Solo-Violine des famosen Konzertmeisters.

Im zweiten Satz agierte Honeck als Interpret einer bizarren Groteske. Stampfend und derb begannen die Streicher. Da brummelte knarzend das Kontrafagott wie ein Parteibonze, während die Solovioline dazu spitz, wie ein kleines Mädchen ein Kinderlied intoniert, kommentierte. Gerade hier fiel einmal mehr der z.T. sehr harte Bogenstrich der Streichergruppe auf, die sehr wuchtig mit außergewöhnlich viel Gewicht phrasierten. Dazu die bewusst lärmenden Hörner und schneidigen Akzente im Schlagzeug.

Tief in die Seele verankerte sich das intensiv ausmusizierte Adagio, in welchem die Streicher in schier endlos wachsender Intensität tief berührten. Honeck nahm sich sehr viel Zeit und war dann ganz bei sich, diesen so innigen Satz gewaltig dynamisch zu steigern. Honeck sieht diesen Satz als eine Art Requiem an Schostakowitschs Zeitgenossen, deren Leben in Sibirien endete, denen eine Chance auf Rehabilitierung versagt blieb. Wie aus einer anderen Welt ließ er sodann diesen Seelengesang ausklingen. Unfassbar dabei, wie weit das Orchester sich im Pianissimo zurücknehmen konnte.

Brachial, dann der fast nahtlose Übergang in den lärmenden Beginn des finalen Satzes. Welch ein Kontrast mit furios donnernder Pauke und spektakulär jagenden Bläsern! Auch hier schärfte Honeck das Klangbild und befeuerte seine Musiker zu zugespitzten Tempi. Und tatsächlich, auch einem Spitzenorchester geht dann auch einmal im Horn oder der Trompete ein Ton daneben. Aber das machte das intensive Musizieren, der schiere Ausdruckswille absolut vergessen. Und endlich, endlich nahm sich ein Dirigent für den Schluss die notwendige Ruhe, diesen in einem betont langsamen Tempo zu halten. Die Wirkung war enorm, insbesondere auch weil Honeck die Dissonanzen herausmeiselte. Und doch dominierte bei ihm der Triumph. Das gebeutelte Ich der Komponistenseele ragte wie ein Fels aus der klanglichen Brandung heraus.

Manfred Honeck wirkte an diesem Abend gebend und fordernd, hellwach und dabei immer intensiv fühlend. Berührend, wie groß und spürbar seine Identifikation mit der zu interpretierenden Musik war. So geriet gerade diese Symphonie in der meisterhaften Darbietung zum unvergesslich tönenden Seelengebilde!

Das Pittsburgh Symphony Orchestra kombinierte technische Perfektion mit warmer Klangkultur. Großartige Soli-Beiträge auch hier und ein intensives Erleben der Musik verliehen dem Klang des Orchesters seine Besonderheit. Honeck zeigte wie tief seine Beziehung zur russischen Musik ist. So innig, so voller Seele, der Intention des Komponisten nachspürend und doch dabei der demütige Diener großer Musik zu sein, das ist heute sehr selten geworden. Eine absolute Sternstunde!

Die intensive Begeisterung wurde mit zwei kontrastreichen Zugaben belohnt. Zunächst gab es von Eric Satie die „Gymnopedie No. 1“ in der Instrumentierung von Claude Debussy. Fein getupfte instrumentale Farbtupfer, die das Orchester von einer ganz anderen Seite zeigte. Und dann eine äußerst spektakuläre, zugespitzt dramatische Version von „Tybalts Tod“ aus „Romeo und Julia“ von Sergej Prokofjew. In wahnwitzigen Tempi sausten die Streicher durch ihre Tonskalen, gejagt von den drastischen Bläsereinwürfen und gesteigert zum finalen Höhepunkt in schmerzvollen Dissonanzen.

Große Begeisterung in der ausverkauften Alten Oper.

 

© PRO ARTE / Sabine Siemon

Dirk Schauß, 26. Oktober 2019

 

 

 

Konzert mit dem Frankfurter Opern- und Museumsorchester & Sebastian Weigle

Alte Oper, 14. Oktober 2019

 

Arnold Schönberg

Verklärte Nacht op. 4

 

Gustav Mahler

Das Lied von der Erde

 

Katharina Magiera, Alt

Nikolai Schukoff, Tenor

 

Glorioser Schönberg und Mahlers „Lied von der Erde“ als Orchesterereignis

Ein spannendes Programm präsentierte das Frankfurter Opern- und Museumsorchester seinen Konzertbesuchern. Arnold Schönberg spätromantische Musik in Kontrast zu Gustav Mahlers Musik des Lebens und Endens.

In seiner tonalen Frühphase komponierte Arnold Schönberg das 1899 uraufgeführte Streichsextett „Verklärte Nacht“, welches er 1917 für Streichorchester revidierte. Spannend, dass auch Schönberg einen musikalischen Beitrag zur Programmmusik komponierte. Das gleichnamige Gedicht von Richard Dehmel bildet den inhaltlichen Kern. Im Mittelpunkt des Gedichtes steht ein Liebespaar. Im Mondenschein gesteht die Frau ihrem Liebhaber, dass sie das Kind eines anderen Mannes erwartet. Dieser Fremdgang zerstört nicht das Liebesbündnis. Der Liebhaber beschließt das Kind als eigenes anzunehmen.

Schönberg zaubert frappierende Farben mit der Gruppe der Streichinstrumente. Manche melodische Idee lässt dabei an Richard Wagner denken. Gerade zu diesem Komponisten hat Sebastian Weigle eine besondere Nähe. Und so erklang dieses Werk von Schönberg geradezu süffig, spätromantisch. Der Beginn kam mystisch, wie aus dem Nichts. Und dann spannte Weigle einen endlos anmutenden, nie abreißenden Spannungsbogen. Die Musik wirkte dabei geradezu theatralisch und vom Orchester erkennbar erlebt. Die Streicher erfreuten durch vollen, üppigen Klang. Auch in den diversen Soli konnte das Orchester für sich einnehmen. Wunderbar das Zusammenspiel und die aktive Interaktion. So wurde der Dialog der Liebenden sehr deutlich erlebbar. Die Intensität des Orchesterklanges hatte zeitweilig etwas Narkotisierendes. Herrlich, wie Weigle die lichtvollen Arpeggien am Ende des Stückes leuchten ließ. Ein Beginn voller emotionaler Intensität, formidabel umgesetzt und deutlich vom Publikum gewürdigt. Der vorweg genommene Höhepunkt des Konzertabends.

Gustav Mahler schrieb in den Jahren 1907/1908 seinen sinfonischen Liederzyklus „Das Lied von der Erde“. Inhaltlicher Auslöser war seine Beschäftigung mit altchinesischer Lyrik, die Hans Bethge in seiner Sammlung „Die chinesische Flöte“ zusammengefasst hatte. Stilistisch ist dieses neunte Orchesterwerk Mahlers eine Art Zwitter, d.h. sowohl Sinfonie als auch Liederzyklus. Mahler schrieb dieses Werk in seiner letzten Schaffensperiode. Auch hier ist das Endliche thematisiert. Der Komponist befand sich in jener Zeit in einer großen Krise. Gesundheitlich schwer angeschlagen durch seine Herzerkrankung und innerlich stark leidend. Seine geliebte Tochter Maria-Anna, gerade einmal vier Jahre jung, fiel der Diphtherie zum Opfer. Und auch beruflich ging es ihm schlecht. Eine antisemitische Hetzkampagne führte zu seinem Rücktritt als Direktor der Wiener Hofoper. Unter diesen schwersten Umständen ist das kompositorische Resultat geradezu wundersam zu nennen. Mahler selbst erachtete sein „Lied von der Erde“ als eines seiner besten Werke. In kaum einem seiner anderen symphonischen Werke gibt es derart viele Instrumentalsoli. Oftmals kommt es zum Dialog zwischen Sing- und Instrumentalstimme. Und doch bleibt es das Orchester, welches hier die ganze Pracht an Farben dem Zuhörer entgegenbringt.

Mahler fordert von seinen beiden Gesangssolisten größte Anstrengungen, vor allem von dem Tenor. Es war eine herbe Enttäuschung, wieder einmal mit einer Absage von Peter Seiffert konfrontiert zu werden, der ursprünglich dieses Konzert hätte singen sollen. Sehr bedauerlich, dass dieser großartige Sänger in den letzten Jahren derart viele Veranstaltungen absagte. Sein Ersatz, Nikolai Schukoff, ist ein ganz anderer Sänger-Charakter. Basierend auf einer baritonalen Mittellage konnte er seiner Tenorstimme nicht die notwendige Durchschlagskraft abringen, die notwendig ist, um vor allem im „Trinklied vom Jammer der Erde“ souverän, machtvoll durchzudringen. Hier musste Schukoff zuweilen forcieren, um sich Gehör zu verschaffen. So manche Höhe, auch etwa beim „Trunkenen im Frühling“ war doch hörbar erkämpft oder geriet zu knapp.

Erfreulich hingegen sein deutliches Bemühen, den Textgehalt zu erfassen und dessen Bedeutung zu gestalten. Von daher überzeugte Schukoff vor allem durch sein gestalterisches Potential, das er aber zu sehr in szenische Gesten übertrug und zu wenig in eine durchdachte Textreflexion. Wenn im ersten Lied mehrere Male „Dunkel ist das Leben“ immer identisch im Forte, ohne variierte Nuancierung gesungen wird, dann bleibt der Ausdruck oberflächlich und nichtssagend. Schärfer und deutlicher hätte seine Artikulation sein können. Die Konsonanten gerieten recht verwaschen. Auch dynamisch bewegte er sich zumeist monochrom im Bereich des Forte.

Katharina Magiera agierte in ihren Liedbeiträgen vorwiegend musikalisch. Brav gesungen und dynamisch kontrolliert gelang es ihr, die Momente des Innehaltens zu transportieren. Der Textverlauf wirkte bei ihr hingegen zu oft eindimensional und vordergründig. So erklangen „Der Einsame im Herbst“ und „Von der Schönheit“ arg beiläufig. Auch die Textverständlichkeit war zu wenig ausgeprägt. Zu oft wirkte ihr Vortrag nicht von innen erlebt, sondern lediglich als tonale Reproduktion des Notentextes. Aussagen, wie z.B. „Mein Herz ist müde“ oder „Ich weine viel“ wirkten nahezu unbeteiligt. Darunter litt leider dann auch das umfangreiche Schlusslied „Abschied“, dem so die Ewigkeitsnähe völlig abging. Insgesamt wirkte Magieras Gesang reichlich diesseitig. Ihrer Stimme fehlte die positive Dominanz, den Zuhörer in eine tiefe Welt der Erkenntnis zu führen. So huschten die Notenwerte zu beiläufig gestaltet und nett klingend vorbei. Das war zu wenig, um der Bedeutung dieses Werkes gerecht zu werden.

Klarer und stimmiger als dieses inhomogene Solisten-Duo zeigte sich das gut vorbereitete Frankfurter Opern- und Museumsorchester. Aber Sebastian Weigle scheute hier eher die drastischen Farbgebungen oder dynamischen Extreme. Bereits die einleitende Quarte in den Hörnern erklang sehr zurückgenommen und wirkte zu deutlich gebremst. Er achtete auf die Sänger und half so gut er konnte, diese zur Entfaltung zu bringen. Dies ist löblich, jedoch blieb das Aufschäumende der Musik dabei in Teilen auf der Strecke. Natürlich zeigte er aber auch hier, wie gut er deutlich innehalten und tief in die Musik hineinhören konnte. Großartig, dass er sich für den „Abschied“ viel Zeit nahm, die Musik ausatmen ließ. Über seiner Interpretation schwebte jedoch zu sehr der Wille der Sicherheit, alles geordnet und wohl proportioniert zu realisieren.

Einmal mehr gilt es die Leistung des Frankfurter Opern- und Museumsorchester zu würdigen. Auf hohem Niveau zeigte es seine stilistische Kompetenz und wiederholt seine große Nähe zur Musik Gustav Mahlers. Alle Stimmgruppen reagierten gut aufeinander und musizierten mit äußerstem Engagement. Das Orchester musste einfach gestalten, kommentieren und die notwendigen Subtexte transportieren, was die Gesangssolisten zu sehr schuldig blieben und beim Orchester bestens gelang. Darüber hinaus gab es eine Fülle geglückter Instrumentalsoli, wie z.B. von Flöte, vor allem Oboe und Englischhorn, Bass-Klarinette und Solo-Violine. Eine tadellose Gesamtleistung dieses besonderen Klangkörpers.

Das Publikum brauchte einige Zeit aus diesem so besonderen, einzigartigen musikalischen Kosmos dieses Werkes zurückzufinden. Mäßige Begeisterung.

 

Dirk Schauß, 15. Oktober 2019

 

Lorenzo Viotti &

Frankfurt Opern- und Museumsorchester

 

Richard Strauss | Ein Heldenleben op. 40

Ludwig van Beethoven | Symphonie No. 3 Es-Dur op. 55 „Eroica“

 

Besuchtes Konzert am 16. September 2019, Alte Oper Frankfurt

Musikalische Denkmäler

Im ersten Museumskonzert des Frankfurter Opern- und Museumsorchesters standen zwei Gipfelwerke der symphonischen Musik im wirkungsvollen Kontrast. Ludwig van Beethovens berühmte „Eroica“ Symphonie traf auf das musikalische Selbstportrait „Ein Heldenleben“ von Richard Strauss. Ein gewaltiger Kraftakt für das Orchester, stilistisch und konditionell äußerst anspruchsvoll.

Bedauerlicherweise wurde die ursprüngliche Programmabfolge geändert, so dass das Konzert mit dem „Heldenleben“ begann. Hintergrund für diese Entscheidung war der programmatische Aspekt, der in diesem Monat in der Alten Oper in zahlreichen Veranstaltungen Beethovens „Eroica“ in den Mittelpunkt stellt.

Eine falsche Entscheidung, die dem Konzert deutliches Wirkungspotential nahm. Gerade dieses musikalische Epos von Richard Strauss, welches ein ganzes Leben durchschreitet, ist ein formidabler Schlusspunkt für ein gelingendes Konzertprogramm. Eine befremdliche Erfahrung also, ein Symphoniekonzert mit einem vorgezogenen Schlusspunkt zu eröffnen.

Am 03. März 1899 führte das Frankfurter Opern- und Museumsorchester unter Leitung von Richard Strauss erstmals dessen Tondichtung „Ein Heldenleben“ auf. Mit gut fünfzig Minuten Spielzeit zählt diese symphonische Dichtung zu den längsten Musikstücken seiner Gattung. Ursprünglich hinterlegte Strauss für die sechs Abschnitte konkrete programmatische Satzbezeichnungen, die er aber dann wieder entfernte. Leitmotive tragen erheblich zur Orientierung dieser sehr komplexen Partitur bei.

Der einleitende Satz „Der Held“ lässt an Beethovens „Eroica“ denken, zumal Strauss auch hier, wie Beethoven, Es-Dur als Tonart verwendete. Die Lebenslust und der Vorwärtsdrang wurde von Viotti mustergültig erfasst und vom Orchester mit Verve vorgetragen. Ein optimistischer, kraftvoller Held trat da dem Zuhörer entgegen.

Disharmonisch, atonal, lautmalerisch krächzend und quäkend traten dann „Des Helden Widersacher“ in Erscheinung. Ein „Loblied“ also auf die Kritiker, namentlich auf den gefürchteten Eduard Hanslick, der auch bereits bei Richard Wagner einen bleibenden Eindruck hinterließ. Lorenzo Viotti schärfte diese Kontraste, so dass hier in diesem kurzen Satz sehr viel musikalische Illustration zu vernehmen war.

Fast schon ein kleines Violinkonzert ist der dritte Satz „Des Helden Gefährtin“, der dem Konzertmeister reichlich Gelegenheit bot, seine überragende sensible Virtuosität im Verbund mit dem Orchester eindrucksvoll zu demonstrieren. Liebe und pures Glück atmen diese seligen Minuten, die Viotti mit dem kantabel musizierenden Orchester bewegend auszukosten verstand.

In „Des Helden Walstatt“ hat ein Großaufgebot an Schlagzeug und vielfältigen Blechbläsern seinen hörbar lautstarken Auftritt. Musikalische Heerscharen bekämpfen sich lärmend und dröhnend, bis am Ende dieses Satzes der Held sich majestätisch emporschwingt. Erstaunlich dann der fünfte Satz „Des Helden Friedenswerke“, in welchem Richard Strauss eine Vielzahl seiner Werke zitiert, so z.B. „Also sprach Zarathustra“ und vor allem „Don Juan“.

Im beschließenden Satz „Des Helden Weltflucht und Vollendung“ werden die wichtigsten Motive aus der Komposition nochmals zusammengeführt. Kurz ist das Schlachtengetümmel wieder zu vernehmen, bis am Ende in sensiblen Holzbläserfärbungen dann die Solovioline mit dem vollen Orchesterklang in ein großes beschließendes Crescendo aufsteigt.

Dirigent Lorenzo Viotti und das sehr motiviert aufspielende Frankfurter Opern- und Museumsorchester verstanden sich an diesem Abend prächtig. Sehr aufmerksam und reaktionsschnell agierte das Orchester. Herausragend wurden die vielen solistischen Einlagen bestens bewältigt. Neben der fabelhaften Solo-Violine war auch das Solo-Englischhorn im finalen Satz tief berührend dargeboten. Die große Streichergruppe spielte glanzvoll und zugleich wuchtig auf. Ein besonderes Lob geht an die an diesem Abend viel geforderten Blechbläser, die hoch konzentriert und sehr gut aus balanciert agierten. Und auch die Schlagzeuger des Orchesters zeigten ihre spielerische Kompetenz durch ihre rhythmische Präzision und die perfekte dynamische Abstufung.

Lorenzo Viotti zeigte auch als symphonischer Dirigent seine besondere Klasse, die er z.B. bei seinem „Werther“ Dirigat in Frankfurt so eindrücklich bewies. Seine Interpretationen, ob Strauss oder Beethoven, gerieten in ihrer Klarheit und Stringenz überzeugend. Bereits jetzt ist zu erkennen, dass Viotti eigenen Interpretationsansätzen folgt und diese klar einem Orchester vermitteln kann. Im „Heldenleben“ agierte er als Dirigent dabei zurückhaltend und überließ dabei immer dem Orchester den Vortritt. Der hervorragende Klangkörper nutzte diese Freiheit bestens und musizierte tief empfunden aus. Hierzu trugen auch die getragenen Tempi bei, die Viotti wählte. Das Zusammenspiel des Orchesters in dieser schwierigen Partitur geriet mustergültig.

Beethoven komponierte im Jahr 1803 seine Symphonie und widmete diese zunächst Napoleon Bonaparte. Jedoch verwarf er diese Widmung und widmete so dann das Werk „zur Erinnerung an einen großen Mann“. Die Musikwissenschaft vermutet, dass es sich hierbei um Prinz Louis Ferdinand handelte, der am 10. Oktober 1806 verstarb.

Es war spannend zu erleben, wie Lorenzo Viotti, sich diesem symphonischen Giganten näherte. In seiner Interpretation stand das Revolutionäre, das Schroffe und zugleich rhythmisch Prägnante im Vordergrund. Anders als bei Strauss, so wirkte der Dirigent hier wesentlich fordernder und animierender auf sein Orchester ein.

Bereits im einleitenden ersten Satz nahm er die Tempobezeichnung „Allegro con brio“ sehr wörtlich und stürmte mit dem herrlich mitgehenden Orchester nach vorne. Die vielen Dissonanzen in den markanten Orchestertutti-Akkorden wurden deutlich herausgestellt. Dabei fächerte er die Dynamik weit auf, so dass es zu z.T. zu frappierenden Spannungseffekten kam. Im folgenden Trauermarsch betonte er die fahle, bleierne Grundstimmung. Gleichzeitig nahm er sich hinreichend Zeit, Steigerungen aus einer großen Ruhe zu entwickeln und dabei Transparenz zu wahren.

Wie leichtfüssig wirkte dann der dritte Satz, das Scherzo, das geradezu tänzerisch anmutete und den glorios aufspielenden Hörnern reichlich Gelegenheit bot, zu brillieren. Furios dann das hereinstürmende Finale, in welchem Streicher, Holzbläser, Hörner und Pauken um die Wette spielten. Die beschließende Coda mit den wiederum jubilierenden Hörner war in ihrem Überschwang unwiderstehlich.

Lorenzo Viotti hatte das Frankfurter Opern- und Museumsorchester bestens vorbereitet. An allen Pulten wurden Bestleistungen in der musikalischen Ausführung realisiert, so dass das Publikum völlig zurecht in Verzückung geriet. Diese Beethoven Interpretation wirkte klar in den Akzenten, sehr gut durch gehört, dabei immer wieder das Kantable suchend, ohne dabei dissonante harmonische Schärfen beiseite zu lassen.

Das Publikum würdigte dieses besondere Konzert mit deutlicher Anerkennung.

 

Dirk Schauß 17.9.2019

Keine Bilder

 

 

 

Andrés Orozco-Estrada & HR-Sinfonieorchester

Iveta Apkalna | Orgel

Adina Aaron | Sopran

Musa Ngqungwana | Bass-Bariton

Cape Town Opera Chorus

SPOTLIGHT-MINI:

Joseph Haydn | Sinfonie Nr. 84

Samuel Barber | Toccata Festiva – für Orgel und Orchester

George Gershwin | Ein Amerikaner in Paris

George Gershwin | Porgy and Bess – A Concert of Songs

 

Konzert am 12. September 2019

 

Das HR-Sinfonieorchester startete in die neue Saison gleich mit einem besonders umfangreichen Programm. Am Beginn stand als Experiment SPOTLIGHT-MINI mit einer der sog. Pariser Sinfonien von Joseph Haydn. Chefdirigent Andrés Orozco-Estrada präsentierte mit charmanten und z.T. selbstironischen Erklärungen dieses Werk, das Haydn 1786 komponiert hatte. Das HR-Sinfonieorchester zeigte sich hier besonders von seiner kammermusikalischen Seite und glänzte durch hohe Transparenz im Zusammenspiel. Orozco-Estrada setzte deutliche Akzente und forderte vor allem die Bläser in ihrer Virtuosität. Diese neue Form der Konzerteinführung kam beim Publikum sehr gut an und sollte unbedingt fortgesetzt werden, zumal Orozco-Estrada ein fabelhafter Kommunikator ist, der sehr schnell sein Publikum zu erobern wußte.

Das Hauptkonzert stand ganz im Zeichen amerikanischer Musik. Zu Beginn erklang von Samuel Barber die Toccata Festiva für Orgel und Orchester. Das Werk wurde 1960 in Philadelphia unter Leitung von Eugene Ormandy uraufgeführt. Das rund viertelstündige Werk, in drei Teile untergliedert, erscheint eher als eine Fantasie für Orgel und Orchester. An der Orgel musizierte Ivetka Abkalna mit großem persönlichen Engagement. Groß ist die dynamische Bandbreite, die große Klangwellen vor dem Zuhörer entstehen lässt und dann wieder in lyrischer Expressivität kontrastiert. Besonders eindrücklich gerieten die leisen, kontemplativen Elemente der Musik. Hier konnten die solistisch geforderten Holzbläser für sich einnehmen.

Ivetka Abkalna, die famos agierende Solistin zeigte ein beeindruckendes Können. Herausragend die äußerst schwierige Kadenz, die ausschließlich von den Füßen von ihr perfekt gespielt wurde. Sowohl sie und das engagiert agierende HR-Sinfonieorchester fesselten die Zuhörer. Das groß aufspielende Orchester wurde in diesem Werk sehr gefordert. Ob intensive Passagen in den Blechbläsern oder vielfältige Effekte im Schlagzeug. So gab es dann berechtigte Begeisterung für dieses eher selten anzutreffende Werk in dieser überzeugenden Darbietung.

Als George Gershwin einige Monate in Paris weilte, war er von dieser Stadt derart beeindruckt, das er seine Eindrücke in seiner berühmten Komposition „An American in Paris“ verewigte. Die 1928 uraufgeführte Komposition zählt zu den meist gespielten Werken Gershwins. Faszinierend ist das überwältigende Klangpanorama, welches Taxi-Hupen ebenso zitiert, wie Swing und Blues. Und einmal mehr war die stilistische Bandbreite des HR-Sinfonieorchesters sehr beeindruckend. Die kecken Holzbläser und die sonoren Blechbläser sorgten für authentische Stimmung, kontrastiert durch die fein ausgewogenen Klänge der Streicher und den vielfältigen Schlagzeugeffekten. Hervorragend die vielen solistischen Leistungen der Orchestermitglieder. Konzertmeister Alejandro Rutkauskas musizierte seine Soli auf seiner Violine mit sensiblem Ton. Herrlich in der klaren Intonation und dem schlanken Ton dann das berühmte Blues Solo der Trompete, hinreißend dargeboten von Solo-Trompeter Jürgen Ellensohn, sekundiert von der ungemein weich tönenden Solo-Tuba, ausgeführt von David Glidden. Zuvor sorgte Oliver Siefert an der Solo-Posaune mit seinem leicht jazzigen Einsatz in seinem Solo für das rechte Kolorit. Andrés Oroczco-Estrada hatte sicht- und hörbar viel Freude an diesem Orchesterfeuerwerk. In seiner Interpretation stand die symphonische Geste im Mittelpunkt. Sehr gut fächerte er die Partitur auf und nahm sich vor allem in den kantablen Stellen viel Zeit für intensives Ausmuszieren.

Im Mittelpunkt des Abends stand ein großer Querschnitt aus „Porgy and Bess“, der einzigen Oper, die George Gershwin in seinem kurzen Leben schrieb. Die 1935 uraufgeführte Oper, an dessen Textbuch auch Gerswins Bruder Ira mitwirkte, war ein Welterfolg.

Die Lebensgeschichte des Krüppels Porgy in der Catfish Row in Charleston, der um seine Bess kämpft und dem kein Aufwand zu klein war, bewegte von jeher das Publikum. Weltberühmt sind viele Melodien aus Gershwins Oper, so z.B. das Wiegenlied „Summertime“. Gershwins ehemaliger Mitarbeiter, Robert Russel Bennett, Dirigent und Arrangeur, schuf aus der Partitur eine orchestrale Zusammenstellung und dann 1956 sein Arrangement „Porgy and Bess – A Concert of Songs“ für Sopran, Bariton, Chor und Orchester. Es vereint die beliebtesten Melodien der Oper, wobei die beiden Solisten auch die Partien der Nebendarsteller zu übernehmen haben.

In den verschiedenen Sopran-Partien zeigte Adina Aaron eine tiefe Verbundenheit mit der Musik. Ihr sicherer Sopran meisterte überwiegend sicher alle Anforderungen, lediglich in der hohen Lage detonierte sie hin und wieder. Ob im äußerst innigen „Summertime“ oder im packend dramatischen „My man is gone“, Adina Aaron vermochte mit dem Klang ihrer Stimme zu berühren und war auch im Liebesduett ihrem Bühnenpartner eine einfühlsame Gestalterin. Als Porgy war Musa Ngqungwana eine gute Wahl. Sein kerniger Bass-Bariton hatte die nötige Autorität, um seinen Porgy in den Mittelpunkt zu stellen. Gleichzeitig vermochte auch er deutlich zu differenzieren und seiner Stimme neue Farben abzugewinnen. In den beiden Soli des Sportin Life zeigte er seine komödiantische Wandlungsfähigkeit.

Großartig sang der gastierende Cape Town Opera Chorus die diversen Choreinwürfe, die Marvin Kernelle hervorragend einstudierte. Begeisternd der homogene Klang und die spürbare Anteilnahme aller Beteiligten. Völlig losgelöst agierten die Sängerinnen und Sänger ihre tiefe Verbundenheit mit dieser Musik aus, tanzten und bewegten sich im Rhythmus der Musik. Es war eine große Freude, diesem fabelhaften Ensemble zu folgen. Herausragend auch die außerordentlich hohe Qualität der Sänger, die ihre Soli nutzen, ihre solistische Kompetenz äußerst eindrucksvoll zu demonstrieren.

Und schließlich auch als begleitendes Opernorchester zeigte das wandlungsfähige HR-Sinfonieorchester seine ganze Klasse. Immer mit den Sängern mit atmend trieb Andrès Oroczo-Estrada sein Orchester voran. Die dynamische Skala war groß, neben sensibel, zuweilen impressionistisch anmutenden Akkorden, waren es hier die vor allem die großen eruptiven Momente, ob in der Trauerszene (My man's gone) oder im Finale (Oh lawd, I'm on my way), die in ihrer schieren Klangpracht überwältigten. Ein Extra-Lob an Schlagzeuger Burkhard Roggenbruck, der an diesem Abend durch sein häufigen Soli am Xylophon äußerst gefordert war und im z.T. aberwitzigen Tempi, bestens in Erscheinung trat.Entsprechend groß war die Freude beim zahlreich erschienenen Publikum, das alle Beteiligten herzlich und ausgiebig feierte. Fazit: Ein fabelhafter Auftakt also zur neuen Saison.

 

Dirk Schauß 13.9.2019

 

 

HR-Sinfonieorchester & Pablo Heras-Casado

featuring: Sol Gabetta

13. Juni 2019


Dmitri Schostakowitsch

Festliche Ouvertüre A-Dur op. 96
Cellokonzert Nr. 2

Claude Debussy

Suite aus »Trois Nocturnes« und »Images«:
Nuages – Fêtes – Gigues – Rondes de printemps

Maurice Ravel

La valse


Einmal mehr gab es beim aktuellen Konzert des HR-Sinfonieorchesters ein Aufeinandertreffen von Expressionismus und Impressionismus.

Am Beginn standen zwei Kompositionen von Dmitri Schostakowitsch. Zunächst gab es seine 1954 entstandene Festliche Ouvertüre, die er im Angedenken an die Oktoberrevolution von 1917 komponierte. Ein rasantes Orchesterfeuerwerk mit Motiven versehen aus Michail Glinkas Oper „Ruslan und Ludmila“. Es ist ein helles Werk der Lebensfreude, dass im überschäumenden Galopp nach vorne stürmt. Und das HR-Sinfonieorchester unter Leitung seines Gast-Dirigenten Pablo Heras-Casado nutzte die Gelegenheit seine hohe Spielkunst beeindruckend zu demonstrieren. Gut wurden die einzelnen Themen herausgestellt und kontrastiert. Auch kam der ironische Ausdruck nicht zu kurz. Vor allem die Holzbläser hatten hörbare Freude an so manch kecker Farbe. Dazu kamen bombastische Effekte im sonoren Blech und im Schlagzeug. Heras-Casado trieb das Orchester zu großer Rasanz an und blieb dabei rhythmisch äußerst exakt bei perfekter Dynamik. Ein toller Auftakt!

Wie anders vom Charakter wirkte dann sein zweites Cellokonzert. 1966 entstanden und abermals dem berühmten Cellisten Mstislav Rostropovitsch gewidmet, zeigt dieses Werk ein Spektrum der Zerrissenheit und Klage. Bestimmend ist hier die Düsternis und die Bedrohlichkeit. Die Musik wirkt oft zergrübelt und suchend. Selten kommen lichtvolle Momente in die Harmonien. Mit Sol Gabetta am Cello durften sich die Zuhörer über eine besonders herausragende Instrumentalistin freuen. Der erste Satz (Largo) ist voller Kontraste und wird klar von der Führung des Cellos bestimmt. Immer wieder ist das Xylophon zu hören, bis dann alles einem großen Höhepunkt entgegentritt, um dann den Satz sanft ausklingen zu lassen. Dieses Werk steht Sol Gabetta besonders nahe, das war ihr jederzeit anzumerken. So groß war ihre Hingabe, ihr Einfühlen. Dabei suchte sie immer einen körperreichen Ton auf ihrem Instrument. Den vielen Schwierigkeiten begegnete die Virtuosin völlig souverän. Im zweiten Satz, einem Allegretto, imponierten die äußerst diffizilen Tonsprünge, die Gabetta souverän realisierte. Interessant der kompositorische Einfall, die Solo-Kadenz des Cellos von zwei Tamburinen begleiten zu lassen. Intensiv nutzte der Komponist auch hier wieder die dunklen Farben der Fagotte. Der beschließende dritte Satz ist eine Mixtur aus Marsch- und Tanzrhythmen, koloriert durch verschiedene Schlagzeugeinwürfe. Viel Gelegenheit für Gabetta auch hier nochmals die ganze spielerische Bandbreite beeindruckend zu demonstrieren, bevor dieses Werk völlig abrupt endet. Pablo Heras-Casado war ein einfühlsamer gestaltender Partner, der immer den musikalischen Dialog suchte. Das HR-Sinfonieorchester zog dabei wunderbar mit. Am Ende Begeisterung bei den Zuhörern.

Nach der Pause konnte sich das Publikum über eine gekonnte Darbietung verschiedener französischer Kompositionen freuen. Am Anfang standen die ersten beiden Sätze „Nuages“ und „Fêtes“ aus den Trois Nocturnes von Claude Debussy. Die im Jahr 1900 uraufgeführte Komposition gilt als eines der wichtigsten Werke des musikalischen Impressionismus. Geheimnisvoll, voller Ruhe und doch etwas diffus die „Nuages“. Sehr farbenreich und furios mit seiner charakteristischen Trompetenmelodie sind die „Fêtes“. Es folgten mit „Gigues“ und dem „Rondes de printemps“ zwei Kompositionen aus den Images für Orchester, die Debussy zwischen 1905 und 1912 geschrieben hatte. Es handelt sich dabei um musikalische Landschaftsmalereien. So wird in den Gigues eine englische Herbstlandschaft portraitiert. Der französische Frühling wurde hingegen im „Rondo de printemps“ musikalisch verewigt. Viele Farben wechseln sich ab, Melancholie mit einem weichen Oboensolo in den Gigues, rhythmische Akkuratesse im „Rondo de printemps“ mit liedhaften Einwürfen. Dieses so besondere Wechselspiel realisierte das sensibel musizierende Orchester auf bestechende Weise. Pablo Heras-Casado motivierte das hingebungsvoll agierende Orchester vor allem zu sehr transparentem, filigranem Spiel. Die Instrumentalsoli gerieten beglückend, namentlich in den Holzbläsern, gemeinsam im schönen Wechselspiel mit den sensiblen Streicherklängen.

Im Jahr 1920 verwirklichte Maurice Ravel seine Apotheose auf den Wiener Walzer in seiner Komposition „La valse“. Ursprünglich lautete der Titel für sein Werk „Wien“. Zudem hat Ravel dafür ein Programm vorgesehen: „Flüchtig lassen sich durch schwebende Nebelschleier hindurch walzertanzende Paare erkennen. Nach und nach lösen sich die Schleier auf: man erblickt einen riesigen Saal mit zahllosen im Kreise wirbelnden Menschen. Die Szene erhellt sich zunehmend; plötzlich erstrahlen die Kronleuchter in hellem Glanz. Eine kaiserliche Residenz um 1855. Nach und nach treten an die Stelle der Walzerseligkeit verzerrte Rhythmen und dissonante Harmonien. Das Stück endet in einem Ausbruch von Gewalt und Chaos.“

Abermals eine willkommene Gelegenheit für das HR-Sinfonieorchester, seine besondere Kompetenz, gerade auch in der französischen Orchestermusik, beeindruckend zu demonstrieren. Pablo Heras-Casado achtete in seiner Interpretation vor allem auf die Doppelbödigkeit, das im Chaos endende Finale war als Bedrohung jederzeit zu erahnen. Wie aus dem Nichts ließ er die Streicher in Wellenbewegungen phrasieren, um dann in z.T. harten Sforzati-Einwürfen die Schönheit aufzubrechen. Dabei verwirklichte er auch hier wieder eine perfekte dynamische Balance. Die Steigerung am Schluss mit den wilden Schlagzeugern geriet geradezu infernalisch. Ein begeisternder Aufschrei des Publikums war die Antwort auf diese sehr surreal anmutende Musik, die so packend interpretiert wurde.

 

Dirk Schauß, 18.6.2019

Leider keine Bilder vom Konzert

 

Chamber Orchestra of Europe

Sir Antonio Pappano

Alte Oper Frankfurt – 02. Juni 2019

Richard Wagner Siegfried-Idyll WWV 103

Karol Szymanowski Violinkonzert Nr. 1 op. 35

Antonin Dvořák Slawische Tänze op. 72

Janine Jansen Violine


Bei seinem Gastspiel in der Alten Oper legte das Chamber Orchestra of Europe bei seiner Programmauswahl einen Schwerpunkt auf die Musik Ost-Europas. Ein große Bandbreite der Empfindung war zu erleben.

Den Beginn machte ein berühmter musikalischer Geburtstagsgruss. Es war am 24. Dezember 1870 als Richard Wagner seiner Frau Cosima zu ihrem 33. Geburtstag die Komposition „Siegfried-Idyll“ widmete und im kleinsten Kreise uraufführte, um genau zu sein: auf der Treppe im Landhaus des Komponisten in Tribchen, in der Nähe zu Luzern. Cosima verweigerte längere Zeit die Freigabe dieser Komposition für die Öffentlichkeit, weil ihr dieses musikalische Geschenk zu persönlich erschien. Auch deshalb, weil es zur Erinnerung an derer beiden Sohn Siegfried gedacht war. Die Musikwelt nahm später diese entzückende musikalische Oase tief in ihr Herz auf, so dass es zu den bekanntesten Orchesterwerken Richard Wagners gehört. In dieser einzigen symphonischen Dichtung, die Wagner schrieb, verarbeitete er Motive aus seinem gleichnamigen Musikdrama.

Sir Antonio Pappano kann auf eine breite Erfahrung mit der Musik Richard Wagners zurückblicken. Erst kürzlich leitete er den kompletten „Ring“-Zyklus am Royal Opera House Covent Garden. Und seine große Kompetenz, sein Auskosten lyrischer Kantabilität, konnte er sogleich mit dem einfühlsamen Chamber Orchestra of Europe unter Beweis stellen. Dabei orientierte er sich an der Fassung der Uraufführung und führte es in Frankfurt mit gerade einmal 13 Musikern auf. Punktgenau wurde die schwebende Grundstimmung getroffen, weich und sonnig-heiter gerieten die Aufschwünge in den aufblühenden Streichern. Dazu sauber intonierte Farbtupfer der Bläser. Ein wunderbarer kammermusikalischer Beginn.

Als Solistin war sodann die niederländische Geigerin Janine Jansen zu erleben. Gemeinsam mit Pappano musizierte sie das Violinkonzert No. 1 des polnischen Komponisten Karol Szymanowski. Das 1916 entstandene Werk besticht durch eine sehr eigene Klangwelt. Das Farbspektrum dieser eingängigen Komposition, die auch manche Orientalismen enthält, ist groß und ungemein faszinierend zugleich. Janine Jansen ist eine Künstlerin, die sich nicht allein im Standard-Repertoire der bekannten Violinkonzerte beheimatet sieht. Immer wieder erweiterte sie ihre Repertoire auch um weniger bekannte Werke und widmete sich ebenso ausgiebig zeitgenössischer Musik. Ihre Affinität zur Musik Szymanowskis war unüberhörbar. Und dieses Violinkonzert ist in seiner Vielfalt und Form so ganz anders. Es gleicht in seiner Einsätzigkeit eher einer Ballade oder Tondichtung. Die technische Bandbreite ist dabei sehr groß. Für Janine Jansen war dies alles keine erkennbare Herausforderung. Sie wirkte so symbiotisch mit dieser schillernden, zuweilen auch ekstatisch anmutenden Musik verbunden. Immer warm im Tonfall, kantabel in den Phrasierungen und hoch aufmerksam, folgte sie mit größter Expressivität dem musikalischen Verlauf. Ihr wunderbares Spiel kam allerdings auch durch den besonders warmen Ton ihrer Stradivari Geige zur Geltung. Das Zusammenspiel mit dem heftig geforderten Chamber Orchestra of Europe geriet ausgezeichnet. Sir Antonio Pappano gab unermüdlich seine ganze Energie in das Orchester und Janine Jansen tat es ihm gleich. So geriet derer beiden Zusammenspiel sehr homogen und mitreißend, was das Publikum deutlich würdigte. Janine Jansen freute sich über den Zuspruch und bedankte sich mit Sir Antonio Pappano am Flügel mit einer innigen Zugabe, der Nocturne von Lill Boulanger. Große Begeisterung beim Publikum.

Nach der Pause dann gab es Gelegenheit, die Slawischen Tänze op. 72, von Antonin Dvorak zu hören. Entstanden sind diese in den Jahren 1886/1887. Voraus gegangen war ein spektakulärer Erfolg mit der ersten Sammlung der Slawischen Tänze op. 42, die im Konzertbereich größere Bekanntheit erlangten und vor allem tschechische Tänze enthielt. In seiner zweiten Sammlung, die in der Alten Oper zu hören war, sind es u.a. Tänze aus der Slowakei (Odzemek), Polen (Polonaise) und dem Balkan (Kolo).

Vorherrschend in den Kompositionen ist dennoch das böhmische und mährische Klangkolorit. Faszinierend ist einmal mehr das musikalische Genie Dvoraks, das in seinem Reichtum der Melodie grenzenlos scheint. Das Feuerwerk der Rhythmen und die Lebensfreude, aber auch die subtile Melancholie wurden von Pappano glänzend erfasst. Dieser einzigartige Vollblutmusiker befeuerte seinen Klangkörper fortwährend. Alle seine Impulse wurden von dem hingebungsvoll musizierenden Orchester perfekt umgesetzt. Dieser Klangkörper zeigte in allen Gruppen höchstes spielerisches Niveau. Neben den warmen Bläserfarben und dem glanzvollen Streicherklang, begeisterte auch das knackige, sehr differenziert akzentuierte Schlagzeug, das hier ein wichtiger Farbgeber in den Tänzen ist. Kein Wunder also, dass das Publikum vor Begeisterung, bereits z.T. auch nach den einzelnen Tänzen, schier aus dem Häuschen geriet. Und Pappano und das Chamber Orchestra of Europa revanchierten sich mit der Wiederholung des furiosen siebten Tanz, einem Kolo aus dem Balkan.

Viel Jubel in der sehr gut besuchten Alten Oper Frankfurt.

 

Dirk Schauss 4.6.2019

 

 

Gustav Mahler/Yoel Gamzou

am 20. Mai 2019

Sinfonie No. 10 Fis-Dur (vervollständigt von Yoel Gamzou)

Es war im Jahr 1910 als Gustav Mahler nach Beendigung seiner neunten Symphonie mit der Komposition seiner 10. Symphonie begann. Seine angeschlagene Gesundheit und die vielfache Überlastung führten immer wieder zu Unterbrechungen, so dass er den Fortgang an dieser fünfsätzigen Komposition aussetzte. Am weitesten gedieh der erste Satz, den Komponist Ernst Krenek im Jahr 1924 der Öffentlichkeit vorstellte. Bis zum heutigen Tag ist dieses Adagio oft im Konzertsaal zu hören. Eine komplette Partitur Reinschrift vermochte Mahler nicht mehr zu erstellen. So gab es vielfache Versuche von Komponisten und Musikwissenschaftlern aus der reichen Hinterlassenschaft dieses Werkes eine aufführungsreife Form zu erstellen. Hier war es vor allem der Musikwissenschaftler Deryck Cooke, der bis zu seinem Tod an der Überarbeitung seiner Konzertfassung dieser Symphonie arbeitete. Sir Simon Rattle hat diese Fassung mit den Berliner Philharmonikern vielfach aufgeführt.

Mahlers letzte Symphonie ist erkennbar autobiographisch gefärbt und verarbeitet u.a. die Zerrüttung seiner Beziehung zu der von ihm so geliebten Alma Werfel. Der berühmte dissonante Aufschrei des Orchesters im Neuntonklang des einleitenden Adagios soll die Untreue seiner Frau versinnbildlichen, die ein Verhältnis mit dem Architekten Walter Gropius hatte. Auch der Untertitel des vierten Satzes: „Der Teufel tanzt es mit mir“, einem höllischen Scherzo, lässt vielerlei Rückschlüsse auf Mahlers extremen Seelenzustand in jener Zeit zu….

Am Pult des Frankfurter Opernhaus- und Museumsorchesters präsentierte sich der junge israelische Dirigent Yoel Gamzou, gegenwärtig Musikdirektor am Opernhaus Bremen.

Gamzou beschäftigt sich seit seinem siebten Lebensjahr intensiv mit der Musik Gustav Mahlers. Vor allem dessen zehnte Symphonie hat es ihm angetan. Intensiv studierte er die Skizzen und Materialien zu diesem symphonischen Torso, bis in ihm die Idee reifte, selbst eine Vervollständigung zu realisieren. Diese Fassung des damals erst 23 Jahre jungen Dirigenten und Komponisten gelangte am 05. September 2010 in Berlin zur Erstaufführung. Exakt 100 Jahre nachdem Mahler die letzte Note an diesem Werk geschrieben hatte. Über zehn Jahre arbeitete Gamzou an seiner Fassung dieser Symphonie.

Eine besondere Gelegenheit also diese so außergewöhnliche Symphonie mit Yoel Gamzou erleben. Um es vorweg zu nehmen: es wurde ein außerordentlicher, unvergesslicher Konzertabend. Das Frankfurter Opernhaus- und Museumsorchester musizierte extrem motiviert und hellwach in seiner Reaktion. Die Verschmelzung zwischen Dirigent und Orchester verlief außergewöhnlich beglückend. Ein völlig harmonisches Geben und Nehmen ergab sich so ganz von selbst. Gamzou verstand es von Anfang an die Spannungsdichte außergewöhnlich hoch zu halten. Das Orchester war in allen Spielgruppen in bester Verfassung. In Summe entstand so eine Interpretation, die Mahlers Abschied vom Leben erdrückend spürbar machte und sich tief in die Seele der Zuhörer intensiv einbrannte.

Gamzou vermochte in seiner Fassung, ganz anders als die bekanntere Version seines Kollegen D. Coycke, erstaunlich viel von Mahlers Klangsprache zu realisieren. Als Interpret traf Gamzou traumwandlerisch sicher die emotionale Dichte dieser Musik. Immer wieder sorgte er für riesige Spannungsbögen, um dann wieder mit überdeutlichen Ruhephasen die Musik zum Stillstand zu führen. In den dissonanten Reibungen am Ende des einleitenden Adagios oder auch in den beiden Scherzo-Sätzen ließ er es nicht an der notwendigen grotesken Schärfe fehlen. Am eindrücklichsten wirkte der mit „Finale“ betitelte Schluss-Satz. Derart erschütternd und erdrückend ist kaum ein symphonischer Satz in Mahlers Gesamtwerk. Mit größter Vehemenz hämmern sich zwölf gewaltige, ohrenbetäubende Schläge der großen Trommel vernichtend in die Ohren der Zuhörer. Eine Naturgewalt, eine Apokalypse in Tönen! Und dann ertönte vielleicht der magischste Musik des gesamten Konzertabends: ein langes, ausgedehntes Solo der Flöte, das von einer Innigkeit war, das die Zeit still stand. Was für ein beglückender Moment, dazu großartig vorgetragen von der Solistin. Überhaupt sind die Extreme in diesem abschließenden Satz sehr groß. Gewaltige Eruptionen auf der einen Seite, noch einmal kommt der aufschreiende Neuntonklang aus dem ersten Satz, und dann wieder kammermusikalische Einsprengsel, an den solistisch agierenden Streichern (Violine, Bratsche und Cello). Ein leises Lebewohl in Tönen führt in die Ewigkeit.

Das Frankfurter Opernhaus- und Museumsorchester zeigte sich in beeindruckender Verfassung und blieb den extremen Anforderungen des Werkes nichts schuldig. Ob im Tutti oder den vielen Soloanforderungen: alles erklang, wie aus einem Guss. Herausragend die bis an die Grenze der Spielbarkeit geforderte Solo-Trompete, die mit endlosem Atem und schlankem Ton perfekt intonierte. Die große Wandlungsfähigkeit des Orchesters und das intensive Interagieren waren eine perfekte Basis für einen Konzertabend, der sehr lange in den Zuhörern nachgeklungen haben dürfte. So dauerte es eine Ewigkeit bis nach dem ersterbenden Schlussakkord zögerlich der Applaus einsetzte, der sich dann zurecht zu Ovationen für Orchester und Dirigenten steigerte.

Ein besonderer Konzertabend in der Alten Oper Frankfurt!


Dirk Schauß, 21.5.2019

Bilder (c) Alte Oper

 

 

HR-Sinfonieorchester unter Susanne Mälkki

Magnus Lindberg PARADA

Sergej Prokofiev Violinkonzert No. 2 g-moll op. 63

Jean Sibelius Symphonie No. 2 D-Dur op. 43

Solist: Gil Shaham, Violine

Besuchtes Konzert am 16. Mai 2019

 

Diese Woche in der Frankfurter Alten Oper steht im Zeichen zweier Dirigentinnen, die mit ihren außerordentlichen Fähigkeiten nachhaltig überzeugten. Nach dem Gastspiel des City of Birmingham Symphony Orchestras unter der Leitung von Mirga Gražinyte-Tyla, gastierte nun die finnische Dirigentin Susanna Mälkki beim HR-Sinfonieorchester.

Im aktuellen Konzertprogramm traf Finnland auf Russland. Das erste Werk des Abends stammte vom finnischen Komponisten Magnus Lindberg. Er widmete sein 2002 uraufgeführtes Werk „Parada“ seinem Kollegen und Dirigenten Esa-Pekka Salonen. In einer knappen Viertelstunde erlebt der Zuhörer neben schwebenden Streicherakkorden, schroffe Bläsereinwürfe mit allerlei Schlagzeugfärbungen. Viele rasche musikalische Farbwechsel, dann aber auch wieder Ruhepunkte, die manchmal einen Hauch von Sibelius erahnen lassen.

Ein forderndes Stück, eine intensive Klangreise….für Orchester, Dirigenten und die Zuhörer! Das HR-Sinfonieorchester kam mit den Anforderungen ausgezeichnet zurecht. Gast-Dirigentin Susanne Mälkki agierte hier mit äußerst sicherer Zeichengebung und wirkte vor allem als völlig souveräne Klang-Koordinatorin. Das Orchester musizierte mit äußerster Präzision und Hingabe. Bereits nach dem ersten Stück applaudierten die Orchester Mitglieder ihrer Gast-Dirigentin.

Mit Gil Shaham hatte das HR-Sinfonieorchester einen fabelhaften Violin-Virtuosen verpflichtet, der dem 1935 entstandenen 2. Violinkonzert von Sergej Prokofiev viel eigenes Profil gab. Das Konzert wirkt geradezu neo-klassizistisch. Shaham suchte immer wieder einen natürlichen Tonfall und arbeitete zudem die kantablen Elemente im zweiten Satz mit großer Ruhe heraus. Bereits die beginnende Solo-Intonation sorgte für große Aufmerksamkeit. Das liedhafte Hauptthema kam mit Shaham prägnant zur Geltung. Immer wieder faszinierten seine virtuosen Möglichkeiten, die dann vor allem im beschließenden Allegro Satz mit zu bestaunen waren. Hier ergaben die klappernden Kastagnetten ein besonderes Kolorit. Zuvor war aber im erhabenen Andante des zweiten Satzes der emotionale Höhepunkt realisiert. Hier verschmolzen Solist und Orchester zu einer beeindruckenden Einheit..

Shaham profitierte von seiner langen Erfahrung mit diesem Werk. Seine positive Abgeklärtheit war ein wichtiger Garant, um ihn spielsicher in die anspruchsvollen rhythmischen Strukturen des Werkes zu führen. Es war eine besondere Freude, ihn bei seiner überschäumenden Spielfreude zu beobachten. So ansteckend, so positiv war sein inneres Erleben der Musik. Susanne Mälkki begleitete mit dem aufmerksamen HR-Sinfonieorchester gekonnt den Solisten. Sie setzte vor allem rhythmische Akzente, so z.B. in den Einwürfen der Trompeten im zweiten Satz, die an einen Marsch denken ließen. Das Publikum zeigte sich hörbar erfreut. Gil Shaham bedankte sich mit einer Zugabe: Eine Gavotte, die er zusammen mit dem Konzertmeister des HR-Sinfonieorchesters darbot.

Nach der Pause musizierte das HR-Sinfonieorchester die zweite Symphonie von Jean Sibelius. Eine der von Susanne Mälkki am häufigsten dirigierten Symphonien, so z.B. auch bei den Berliner Philharmonikern. Mälkki sieht sehr viel Licht und Hoffnung in dieser so beliebten Symphonie. Ihr ist es sehr wichtig, das Fröhliche und Offenherzige zu betonen. Zu oft und zu schnell wird Sibelius mit Dunkelheit und depressiver Grundstimmung stigmatisiert.

Die Symphonie wurde in ihrer finalen Version 1903 uraufgeführt. Sie umfasst traditionell vier Sätze. Eher ungewöhnlich der nahtlose Übergang vom dritten in den vierten Satz. Beeindruckend ist die emotionale Bandbreite dieser Musik, die sehr bildhaft wirkt und oft an Naturschilderungen denken lässt. Und natürlich verfehlt der Schlusssatz mit seinen strahlenden Trompeten seine Wirkung nicht, vor allem auch deshalb nicht, weil die pathetische Coda am Schluss der Symphonie den Zuhörer unweigerlich in höchste Höhen des Lichts aufsteigen lässt.

Reichlich Gelegenheit also für das HR-Sinfonieorchester seine Könnerschaft eindrucksvoll zu demonstrieren. Es erklang äußerst animiert und sattelfest. Mit Meisterschaft und Hingabe setzte es alle Vorgaben seiner Gast-Dirigentin um. Intensive Holzbläsereinwürfe spielten mit den maximal geforderten Streichern. Den Streichern und ihrer Klangentwicklung widmete Mälkki besondere Aufmerksamkeit. Dies verwundert nicht, denn die Dirigentin war zuvor Cellistin beim Sinfonieorchester in Göteborg.

Dazu müssen die Blechbläser häufig schwierige Intervalle realisieren, um dann am Schluss in einer gewaltigen Steigerung alles hineinzulegen, was die Lungen hergeben. Und die Blechbläser nutzten ihre spieltechnischen Möglichkeiten, um die Anforderungen zu überwältigenden Klangeffekten zu gestalten. Großartig! Mälkki wirkte stark mit der Musik ihres Landsmanns verbunden. Auch hier war das Streben um rhythmische Prägnanz und Durchhörbarkeit zu erleben. Und doch gab sie den Ruhepunkten genügend Raum, damit sich neue Spannungsmomente aufbauen konnten. Mystisch anmutende Schwebeklänge ließen die Zeit still stehen. Wunderbar phrasierte sie die Steigerungen des Finales aus und so blieb der besonders lichtvolle Moment der Überwältigung in der beschließenden Coda auch nicht aus. Eine berstende, ja leuchtende Intensität, die sich wie ein gewaltiges positives, dynamisches Ausrufezeichen in das Ohr der Zuhörer einbrannte. Diese konnten zunächst nicht applaudieren: Stille, dann aufbrandende Begeisterung! Ein großer Abend!

Die Alte Oper war sehr gut besucht. Das Publikum reagierte mit Enthusiasmus.

 

Dirk Schauß 17.5.2019

 

 

 

City Of Birmingham Symphony Orchestra

& Mirga Gražinyte-Tyla

featuring: Kit Armstrong

Konzert am 14. Mai 2019

 

Maurice Ravel – Le Tombeau de Couperin

Robert Schumann – Klavierkonzert a-moll op. 54

Johannes Brahms – Sinfonie No. 2 D-Dur

 

Ganz im Zeichen der Frauen sollte das aktuelle Gastspiel des City Of Birmingham Symohony Orchestra (CSBO) unter der Leitung seiner litauischen Chefdirigentin Mirga Gražinyte-Tyla stehen. Die quirlige Dirigentin hatte als Solistin die chinesische Pianistin Yuja Yang vorgesehen. Aus Krankheitsgründen musste sie absagen. Für sie sprang Kit Armstrong ein. Eine sehr gute Wahl, wie der Abend zeigen sollte.

Zu Beginn spielte das CSBO eine Klavierkomposition von Maurice Ravel in der Orchesterfassung aus dem Jahr 1920. In seiner Komposition „Le Tombeau de Couperin“ (Das Grabmal des Couperins) verarbeitete Ravel höfische Tanzweisen des Barock-Komponisten François Couperin. Die einzelnen Sätze der Orchestersuite widmete Ravel Menschen, die ihm nahe standen, wie z.B. einem Kriegskameraden oder dem Musikwissenschaftler Joseph de Marliave.

Viel Gelegenheit für das CSBO also gleich zu Beginn ein duftiges Farbspektrum auszumusizieren. Das Wechselspiel der wogenden Streicher mit den kantabel intonierenden Holzbläsern geriet trefflich. Wunderbar das Oboensolo im innig vorgetragenem Menuett. Sehr keck und frech musizierte das CBSO in dem mitreißenden Rigaudon, ein französischer Volkstanz. Mit viel Temperament und Esprit wurde dieser vorgetragen. Mirga Gražinyte-Tyla war eine sehr wache Interpretin dieser besonderen Musik, die es ausgezeichnet verstand, ihr Orchester zu motivieren.

Danach erklang Robert Schumann viel gespieltes a-moll Klavierkonzert. Das im Jahr 1845 uraufgeführte Werk geht auf einen fünfjährigen Schaffensprozess zurück und gilt zurecht als eines der Klavier Gipfelwerke in der Epoche der Romantik. Als Solist war der international sehr erfolgreiche Pianist Kit Armstrong zu erleben. Armstrong kann auf eine sehr beachtliche Karriere blicken. International war er bei vielen Orchestern bereits zu Gast und hat sich zudem auch in der Kammermusik einen Namen gemacht. Der große Alfred Brendel ist sein Förderer und Mentor. Bereits der energische Eingangsakkord des Orchesters gab den Interpretationsweg vor: Natürlichkeit! Armstrong hatte jede Note erkennbar tief verinnerlicht und begeisterte mit feinsinniger dynamischer Gestaltung. Immer wieder ließen kleine Rubati aufhorchen. Vor allem in der großen Kadenz des ersten Satzes und abschließenden Coda zeigte Armstrong dann sein großes technisches Können. In dem lyrischen Hauptthema des ersten Satzes und dem nachfolgenden Animato spielte Armstrong behutsam, ja geradezu anrührend.

Nach dem monumentalem ersten Satz wirkt der zweite Satz „Intermezzo“, wie eine musikalische Oase zum durchatmen. Das Klavier tritt hier eher in den Hintergrund. So war es dann vor allem das Dialogische zwischen Orchester und Solisten, was die Wirkung des Satzes besonders machte.

Herrlich dann das beschließende Allegro vivace des dritten Satzes, welches in seiner Lebensbejahung klar betont wurde. Armstrong agierte in diesem Satz variationsreich in seiner Dynamik, staunenswert virtuos und farbenreich. Immer war die musikalische Struktur erkennbar nachzuvollziehen. Das Zusammenspiel der beiden Künstler war eine Freude. Mirga Gražinyte-Tyla animierte ihr Orchester zu druckvollem Spiel, schuf zugleich aber auch stets notwendige Ruhepunkte, um neue Spannungsmomente entstehen zu lassen. Armstrong und Gražinyte-Tyla agierten dabei gut als harmonisches Team, so dass eine schlüssige, überzeugende Interpretation das Publikum begeisterte. Und Kit Armstrong ließ sich nicht lange bitten und bedankte sich mit einer Zugabe bei den entzückten Zuhörer. Er wählte dazu ein Wiegenlied von François Couperin, welches mit seinen vielen Verzierungen und endlosen Abfolgen von Trillern ein besonderer Abschluss der ersten Konzerthälfte war. Viel Begeisterung!

Nach der Pause dann stand mit der D-Dur Symphonie No. 2 von Johannes Brahms eines seiner beliebtesten Werke auf dem Programm. Die 1877 uraufgeführte Symphonie war von Anfang an ein großer Erfolg beim Publikum. Ihr Überschwang und das Lichtvolle waren von jeher stets Quell der Begeisterung. Die große Natürlichkeit und das Pastorale sind von besonderer Wirkung.

Das CSBO wurde auch hier wieder von seiner Chefin Mirga Gražinyte-Tyla unter mächtigem Dampf gehalten. Unermüdlich trieb sie das Orchester an und achtete dabei höchst wachsam darauf, der Symphonie eine vielschichtig dynamische Gestalt angedeihen zu lassen. Getragen begann die Einleitung des ersten Satzes, um dann durch sprunghafte Accelerandi überzeugend aufgebrochen zu werden. Dazu gab es manchen besonders markanten, ja scharfen Bläsereinwurf. Im einleitenden ersten Satz intonierten schlank und sehr sauber die Hörner, bis dann die Streicher in leichten Wellenbewegungen das Hauptthema intonierten. Die Celli und Kontrabässe des CBSO sorgten dazu für ein warmes, profundes Fundament. Wunderbar arbeitete sie die Kantilenen heraus, vor allem im elegischen zweiten Satz. Immer wieder eine Freude die hoch präzisen Holzbläser, die vor allem im dritten Satz begeisterten. Aber auch die Kollegen im Blech, vor allem Trompeten und Tuba musizierten mit viel Spiellaune und in der Schlusscoda mit spielerischer, überschäumender Verve, so dass das fanfarenartige Finale zu besonders großartiger Wirkung kam. Rhythmische Prägnanz gab es von der Pauke, die im ersten Satz für pochende Höhepunkte sorgte. Eine in ihren gestalterischen Verläufen sehr eigene, jederzeit unwiderstehliche, ja unvergessliche Interpretation. Auch bei dieser Symphonie reagierte das Publikum sehr begeistert. Mirga Gražinyte-Tyla bedankte sich in einer kurzen Ansprache herzlich beim Publikum und nutzte die Gelegenheit auf das anstehende Jubiläum des Orchesters aufmerksam zu machen: “Kommen Sie alle nach Birmingham!“

Viel Freude also bei den Besuchern im gut besuchten Konzertsaal.

 

Dirk Schauß 15.4.2019

Bilder (c) Alte Oper

 

 

Tastenzauber

Peter Tschaikowsky (1840-1893)
Konzert für Klavier und Orchester Nr. 1 b-Moll op. 23

Sergej Rachmaninow (1873-1943)
Sinfonie Nr. 1 d-Moll op. 13

 

08. März 2019

 

Es war spannend, mit dem Südkoreaner Yekwon Sunwoo, einen Vertreter der jungen Pianisten Generation zu erleben. Sunwoo machte sich u.a. international einen Namen, als er 2017 den bekannten Van-Cliburn-Wettbewerb gewann. Nun also einmal mehr das berühmte b-Moll Klavierkonzert von Tschaikowsky, welches erst kürzlich von Rudolf Buchbinder an gleicher Stelle sehr natürlich interpretiert wurde.

Sunwoo ging bei seinem Gastspiel einen ganz anderen Weg in seiner Interpretation. Da standen auf der einen Seite die sehr kraftvollen Akzente, vor allem in der linken Hand, die in den Ecksätzen markant wirkten. Auf der anderen Seite nahm er sich dann aber auch im zweiten Satz sehr weit zurück, hörte tief in die Musik hinein und suchte hier vor allem den Dialog zum Orchester. Wunderbare, sinngebende Rubati, lange nachklingende Pedal-Akkorde ergaben immer wieder eine geradezu magische Stimmung. Seine technische Perfektion war nie Selbstzweck, sondern gab ihm jederzeit die Freiheit, kraftvoll auszuspielen, ebenso mit weichem Ansatz seinen Kantilenen größte Sensibilität angedeihen zu lassen. Es war staunenswert, wie souverän und wagemutig er dieses fordernde Meisterwerk interpretierte und tief den Seelenklang erkundete. Im mitreißenden Schluss-Satz spielten sich das Frankfurter Opernhaus- und Museumsorchester unter Leitung von GMD Sebastian Weigle, die Bälle lustvoll zu. Hier trafen Energie und Virtuosität enthemmt aufeinander, was große Begeisterung auslöste. Vor allem die Hörner, Streicher und Holzbläser musizierten in mitreißender, lustvoller Musikalität. Weit ausschwingend ließ Weigle seine famosen Streicher singen und breitete so für Sunwoo einen roten musikalischen Teppich aus, den dieser, sehr bescheiden im Habitus, virtuos und hoch sensibel nutzte. Große Begeisterung im Auditorium veranlassten diesen besonderen Pianisten zu einer großzügigen Zugabe: eine Fantasie aus Themen des „Rosenkavaliers“ von Richard Strauss. Die Zeit stand still bei derart viel Tastenzauber! Wunderbar!

Im zweiten Teil erklang die 1895 entstandene erste Symphonie von Sergej Rachmaninow. Ein Schicksalsmoment im Leben des Komponisten. Die Uraufführung im Jahr 1897 war ein einziges Fiasko. Rachmaninow konnte nicht mehr komponieren. Erst eine längere Auszeit und intensive Hypnosebehandlungen reaktivierten die Schaffenskraft des sensiblen Komponisten.

Sein Werk bietet vielerlei Eigenheiten und ist in seinem episodenhaften Charakter erkennbar ein Jugendwerk. Fortwährend ist diese symphonische Musik auf der Suche, endlos die musikalischen Einfälle. Sogar Einflüsse von Zigeunermusik sind unverkennbar. Polyphonie und Kontrapunktik prägen die beiden Mittelsätze. Große, überwältigende Aufbrüche dazu in den Ecksätzen. Viel Gelegenheit also für orchestrale Virtuosität und manchen Bombast. Interessant auch im Larghetto die kühnen harmonischen Reibungen in den gestopften Blechbläsern.

Sebastian Weigle zeigte einmal mehr, dass er auch in der russischen Symphonik gut beheimatet ist. Obwohl die erste Symphonie niemals die Popularität der nachfolgenden zweiten Symphonie erreichte, holte Weigle alles aus der Partitur heraus. Da stimmte jeder Akzent und jedes Tempo. Mit großzügiger Phrasierung und einem untrüglichen Gespür für Steigerungen feuerte er sein gut eingestimmtes Orchester an. Die Streicher agierten süffig, die Holzbläser sangen betörende Kantilenen, während Blech und Schlagzeug die Höhepunkte überdeutlich heraus meißelten. Gerade die fünf Schlagzeuger hatten ihren großen, umfangreichen Einsatz im vierten Satz, der in seinen Fanfaren zuweilen an die Musik Tschaikowsky‘s erinnerte.

Die Symphonie fand großen, deutlichen Anklang beim Publikum. Weigle und das Frankfurter Opern- und Museumsorchester konnten sich über reichen Applaus freuen.

 

Dirk Schauß 9.4.2019

 

 

 

Münchner Philharmoniker & Valery Gergiev

featuring: Rudolf Buchbinder, Klavier

Alte Oper Frankfurt, 27. März 2019

 

Pjotr I. Tschaikovsky – Klavierkonzert No. 1 b-moll

Dmitri Schostakowitsch – Symphonie No. 5 d-moll

 

Tschaikowsky‘s beliebtes Klavierkonzert No. 1, welches 1875 in Boston uraufgeführt wurde, erlebte durch den Komponisten mehrere Überarbeitungen. Insgesamt gibt es drei Fassungen nebst einer Fassung für zwei Klaviere. Die dritte Fassung aus dem Jahr 1888 wird am häufigsten aufgeführt. Der Komponist war tief getroffen über das vernichtende Urteil von Nikolai Rubinstein, Freund und Mentor, dem das Klavierkonzert gewidmet war. Wie unterschiedlich Meinungen sein können, nun, das erlebte Tschaikowsky dann als er sein Werk, ohne einen Ton zu ändern, dem Dirigenten Hans von Bülow zur Begutachtung schickte, der restlos davon begeistert war.

Solist des Konzertabends in der Alten Oper Frankfurt war der große Rudolf Buchbinder, eine eher ungewöhnliche Wahl. Denn Buchbinder hat sich vor allem als herausragender Interpret der Werke von Beethoven, Brahms und Mozart in den Olymp der großen Pianisten gespielt. Spannend ihn nun also mit Tschaikowsky‘s Meisterwerk zu erleben.

Bereits im Kopfsatz zeigte der Pianist sein überragendes Können. Energisch mit beherzten Akzenten ertönten die berühmten Anfangsakkorde, die Musikgeschichte schrieben. Virtuos, filigran zugleich spielte Buchbinder die vielen Triolen, betonte die Themengruppen deutlich und agierte mit Überlegenheit in der abschließenden Kadenz. Das anschließende Andantino semplice spielte Buchbinder mit großer Verinnerlichung und betonte vor allem die Kantabilität des lyrischen Themas. Spektakulär dann seine zupackende Virtuosität im beschließenden dritten Satz. Hier zeigte Buchbinder seine ganze Klasse, wie er die vielen Akkordsprünge und Läufe souverän spielte. Am Ende zeigte Buchbinder eine Brillianz, die überwältigte. Dabei war sein spielerischer Ansatz immer weich und tief, innig in die Musik lauschend. Es war anrührend zu erleben, wie dieser große Meister an den Tasten jeden Takt genoss, den er zu spielen hatte. Ebenso bewegend, wie er permanent den Dialog zum Orchester suchte.

Bester Begleiter an seiner Seite war Dirigent Valery Gergiev, der mit große Ruhe und Umsicht, Buchbinder einen roten Teppich ausbreitete, auf welchem der Virtuose sich mit größter möglicher Freiheit bewegen konnte. Die gut aufgelegten Münchner Philharmoniker waren gleich berechtigter Partner. Strahlend, sicher ertönten die Hörner am Beginn, üppig, ozeanisch flutend die Streicher und warm im Tonfall die Bläser. Mit großer Innigkeit gefiel die Soloflöte im zweiten Satz, sekundiert von gewichtigen Pizzicati der Streicher.

Ein musikalisches Gipfeltreffen, ein herausragender Beginn eines besonderen Konzertabends.

Im zweiten Teil trumpften die Münchner Philharmoniker dann besonders groß auf. Valery Gergiev wählte aus seinem Kernrepertoire die populärste Symphonie von Dmitri Schostakowitsch, seine Fünfte, uraufgeführt im Jahr 1937. Mit dieser Symphonie gelang es dem Komponisten sich zu rehabilitieren, nachdem er kurz zuvor bei Stalin in Ungnade fiel und damit sein Leben in Gefahr war. Grund war Stalins Ärger über die Oper „Lady Macbeth von Mzensk“, die der Komponist wenige Jahr zuvor geschrieben hatte. Die eingängige Symphonie wurde von Stalin und seinen Parteigenossen begeistert aufgenommen und für deren propagandistische Zwecke missbraucht. Der Jubel am Ende der Symphonie ist alles andere als ein Triumph, sondern ein mit Schlägen provozierter willkürlicher Akt. Hier, wie auch an anderen Stellen gibt es zahlreiche Subtextstellen, die den Interpreten besonders fordern.

Sehr ruppig begann der erste Satz in den Streichern, die dann seidig im klagenden Hauptthema ertönten. Mit dem drastisch einsetzenden Klavier begann mit dem anschließenden Marschmotiv eine Tour de force, die vor allem dem vorzüglichen Blech und dem akzentuiert agierenden Schlagzeug viel Gelegenheit zur Entfaltung bot. Mit großer Ruhe endete der Satz mit herrlichen Soli von Horn, Flöte und Solovioline. Fabelhaft der schlank, perfekt intonierte Tonfall des Solo-Hornisten.

Im zweiten Satz agierte Gergiev als Interpret einer Groteske, die den zynischen Witz im Mittelpunkt sah. Da brummelte köstlich das Kontrafagott wie ein Parteibonze, während die Solovioline dazu spitz kommentierte. Gerade hier fiel einmal mehr der z.T. sehr harte Bogenstrich der Streichergruppe auf, die sehr wuchtig mit außergewöhnlich viel Gewicht phrasierten.

Tief in die Seele grub sich das intensiv ausmusizierte Adagio, in welchem die Streicher in schier endlos wachsender Intensität tief berührten. Brutal, d.h. ohne Pause dann der nahtlose Übergang in den lärmenden Beginn des finalen Satzes.

Welch ein Kontrast mit furios donnernder Pauke und spektakulär jagenden Bläsern! Am Ende ein eher bewusst lärmender Jubel, der so gar nichts Schönes hatte, was völlig in der Absicht des Komponisten lag.

Valery Gergiev wirkte an diesem Abend sehr inspiriert, hellwach und dabei ungewöhnlich klar in seiner Zeichengebung. Ganz gegen seine Gewohnheit dirigierte er auswendig mit Taktstock. Das Orchester war in allen Gruppen in Top-Form und Valery Gergiev unterstrich nachdrücklich, warum er zu den besten Interpreten dieser Musik gehört. Eine großartige, absolut erinnerungswürdige Interpretation.

Große Begeisterung in der ausverkauften Alten Oper.

 

Dirk Schauss 28.3.2019

Bilder Alte Oper / Achim Reissner

 

 

Konzert des Hessischen Rundfunks

Gast-Dirigenten Pablo Gonzáles

am 21. März 2019 im HR-Sendesaal

 

•          Pablo González | Dirigent

•          Hector Berlioz | Römischer Karneval

•          Jean Sibelius | Violinkonzert

•          Carl Nielsen | 2. Sinfonie (»Die vier Temperamente«)

Musikalische Temperamente in unvergesslicher Darbietung

Auch in seinem neuen Konzert der Auftakt-Reihe zeigte der Hessische Rundfunk einmal mehr seine kluge Hand bei der Programmgestaltung. Dazu wurden zwei musikalische Gäste engagiert, die mit großer Verve musizierten.

Zu Beginn erklang mit „Römischer Karneval“ ein Auszug aus der Oper „Benvenuto Cellini“ von Hector Berlioz. Das 1838 in Paris uraufgeführte Werk war seinerzeit ein großer Flop. Zu groß waren die musikalischen Anforderungen, vor allem in der kaum zu bewältigenden exponierten Titelpartie. Die Handlung spielt in Rom um 1530 und portraitiert den berühmten Renaissance Bildhauer Cellini. Die Komposition „Römischer Karneval“ wird als Ballett-Einlage in der Oper gegeben und bietet in ihren furiosen Saltarello Klängen viel Gelegenheit für intensiven Farbklang im Orchester. Berlioz arbeitete 1844 diese Musik zur Ouvertüre um. Damit ist zumindest dieser musikalische Teil seiner Oper immer wieder im Konzertsaal zu erleben.

Das HR-Sinfonieorchester ließ sich erkennbar mitreißen von seinem temperamentvollen Gast-Dirigenten Pablo Gonzáles. Mit klarer Zeichengebung und rhythmischer Finesse interpretierte er gleich zu Beginn mit dem sehr präsenten Orchester ein überzeugendes Klangpanorama. Bereits am Beginn war überdeutlich zu spüren, dass es ein besonderer Abend sein würde, den die Zuhörer erleben. Das hellwache Orchester musizierte auf der Stuhlkante und nahm jeden energischen Impuls seines unermüdlichen Dirigenten auf. Fabelhaft dynamisch gestaffelt vermochte Gonzáles gleich mit dem ersten Stück eine herausragende Interpretation zu realisieren. Blitzsaubere Bläsersoli, wuchtige Streicherklänge und ein sehr aktives Schlagzeug sorgten für viel Freude.

Es folgte das Violinkonzert von Jean Sibelius, sicherlich das populärste Konzert seiner Gattung, welches das 20. Jahrhundert zu bieten hat. Die Anforderungen für den Interpreten sind gewaltig. Unzählige Doppelgriffe, schwierigste Intervallfolgen und ausgeprägte Kantabilität müssen bewältigt werden. Im Jahr 2015 wurde dem Geiger Emmanuel Tjeknavorian beim Internationalen Jean Sibelius Wettbewerb der Preis für die beste Interpretation dieses Werkes zuerkannt. Somit war die Neugierde groß, diesen jungen Künstler gerade mit diesem Werk zu erleben. Das in den Jahren 1903 – 1905 entstandene Werk umfasst drei Sätze.

Der erste Satz beginnt ruhig schwebend mit z.T. meditativen Einschüben. Tjeknavorian fand sofort einen elegisch schwebenden Ton auf seiner Geige und zog damit den Zuhörer sogleich in seinen Bann. Außergewöhnlich war seine dynamische Bandbreite, die vom fahlen Pianissimo bis ins machtvolle Forte nahtlos gesteigert werden konnte. Sein absolutes Einswerden mit dem Werk war jederzeit bewegend spürbar. So gelang es Tjeknavorian, jeden Takt mit musikalischer Bedeutung überzeugend aufzuladen. Im ruhigen Adagio musizierte er deutlich das romantische Hauptthema aus, als wollte die Zeit stillstehen. So entstand eine geradezu gesungen wirkender Tonfall auf seinem Instrument. Wie anders dann der beschließende Schlusssatz, den Sibelius selbst als „Danse macabre“ bezeichnete. Hier wird dem Solisten furiose Virtuosität abverlangt, die Tjeknavorian mit höchster Souveränität darbot. Großartig!

Das HR-Sinfonieorchester hat in den letzten Jahren oft Sibelius gespielt und ist deutlich hörbar vertraut mit dessen Musik. Gonzáles fühlte sich außergewöhnlich gut ein in die manchmal auch schroff herbe Musik des Komponisten. Auch hier begeisterte seine unermüdliche Energie, die das Orchester ungewöhnlich deutlich in den Mittelpunkt stellte. Somit also keine reine Begleitfunktion, sondern aktiver musikalischer Partner. Herrlich zeigte auch hier Gonzáles die rhythmische Finesse, die in z.T. ruppigen Streicherakzenten oder pointierten Paukensoli zu erleben war. Im wieder rauschte das Orchester begeisternd auf, verschmolz mit dem beseelt agierenden Solisten zu einer Einheit und zog die Zuhörer mit dieser außergewöhnlichen Interpretation in ihren Bann.

Kein Wunder also, dass das Publikum begeistert reagierte, was Tjeknavorian mit einer Zugabe belohnte. „Was soll man nach Sibelius noch spielen?“ fragte der junge Geiger das Publikum. Dann erzählte er kurz eine Geschichte, dass er vor zwei Jahren Onkel wurde. Seiner jungen Nichte spielt er seither immer wieder einmal etwas auf der Violine vor. Am liebsten höre sie aber das schlichte „Alle meine Entchen“ und DAS war dann die Zugabe. Einfach, kindlich, ohne Schnörkel gespielt….was für eine Idee! Viel Freude über diesen Einfall bei den Zuhörern.

Nach der Konzertpause stand die 2. Sinfonie des Dänen Carl Nielsen auf dem Programm. Die im Jahr 1902 uraufgeführte Komposition trägt den Untertitel „Die vier Temperamente“. Nielsen sah in einer Dorfschenke eine entsprechende Bilderfolge hängen, die ihn so stark beeindruckte, dass er daraus seine Inspiration für seine spätere Sinfonie bezog.

Den vier Sätzen sind die Temperamente Choleriker, Phlegmatiker, Melancholiker und Sanguiniker zugeordnet. Letztlich sind es hier eher Gemütszustände, die Nielsen in seiner Sinfonie verarbeitete.

So ist also der erste Satz sehr bewegt in seinem „Allegro choleriko“. Ganz anders dann der zweite Satz, der eine konkrete Episode beschreibt. Nielsen hatte hier einen hübschen jungen Mann vor seinem geistigen Auge, der seine Lehrer zu Verzweiflung bringt, weil er seine Aufgaben nicht lernt, sondern vielmehr Gefallen daran findet, in der Natur zu lustwandeln. Ein leichter Walzer bringt etwas Leichtigkeit in das musikalische Geschehen.

Der dritte Satz wirkt dann eher düster, schwer und lässt in seinen Färbungen an Bruckner und Mahler denken. Dann beschließt der vorwärtsdrängende vierte Satz mitreißend die Sinfonie. Auch hier formulierte Nielsen wieder ein konkreteres Portrait von einem Menschen, der im Habitus agiert, als gehöre ihm die Welt.

Viel Gelegenheit also für das HR-Sinfonieorchester ein weites Panorama unterschiedlicher Stimmungen zu interpretieren. Und die Musiker nutzten diese Gelegenheit sehr gut. So gab es viel Freude, der z.T. auch hier wieder deftig zupackenden Streichergruppen zu lauschen. Die Holzbläser waren wichtige Impulsgeber, immer wieder auch im lebendigen Dialog mit den souveränen Kollegen des Bleches, die vor allem im dritten Satz mit den über sich hinaus wachsenden Streichern, große Momente schufen. Die Pauke, an diesem Abend viel gefordert, war ein sehr deutlich, akzentuiert agierender Impulsgeber.

Pablo Gonzáles hatte erkennbar eine sehr klare Vorstellung von seiner Interpretation. Diese zielte darauf ab, die Kontraste dieser vielschichtigen Komposition zu betonen, was ihm perfekt gelang. Dabei hörte er immer wieder intensiv in die Musik hinein und gab auch den ruhigen Momenten den notwendigen Raum. In seinem auswendigen Dirigat gelang es ihm jederzeit, die unterschiedlich beschriebenen Temperamente klar von einander abzusetzen. Orchester und Dirigent verstanden sich erkennbar bestens. Bleibt zu wünschen, diesen besonderen Dirigenten bald wieder in Frankfurt erleben zu können!

Viel Begeisterung für einen Konzertabend mit Ausnahmecharakter!

 

Dirk Schauß 23.3.2019

 

 

ELEKTRA

Konzertante Aufführung in der Alten Oper Frankfurt, 15. März 2019

 

Nach einer umjubelten Salome - Aufführung im Jahr 2016 in der Alten Oper Frankfurt, folgte nun eine erneute konzertante Strauss Oper, diesmal seine „Elektra“. Gerade das Opernwerk von Richard Strauss eignet sich in seiner farbigen Dramatik und erzählerischen Dichte hervorragend für konzertante Aufführungen, insbesondere seine orchesterlastigen Werke, wie „Elektra“.

In aller Regel ist jeder Orchestergraben eines Opernhauses zu klein, um die volle Orchestergröße zu beherbergen, die Strauss vorschwebte. Umso reizvoller also, den vollen Orchesterklang des groß besetzten HR-Sinfonieorchesters unter Leitung seines scheidenden Chefdirigenten Andrés Orozco-Estrada zu hören. Das Orchesterpodium war etwas abgesenkt. Davor gab es eine Bühnenrampe, auf welcher die Sänger der Hauptrollen ihre Rollen szenisch darboten, unterstützt von wechselnden Farbstimmungen.

In der Titelpartie war Elena Pankratova zu erleben. Eine eindrucksvolle, mühelose, dramatische Sopranstimme, die nach langen Jahren des italienischen Repertoires, in den letzten Jahren vor allem in den hochdramatischen Partien des deutschen Faches reüssierte. So war und ist sie als Kundry in Bayreuth zu hören, die Ortrud kommt dieses Jahr an gleicher Stelle dazu. Färberin und Elektra sang sie u.a. in München und Wien. Dazu aber auch die Turandot ebenfalls an der Wiener Staatsoper. Welch ein wohltuendes Erlebnis, eine Sängerin auf der Höhe ihrer Möglichkeiten zu erleben, die dazu mit den horrenden Anforderungen der Hauptrolle mühelos fertig wurde. Ausdauernd und wohltönend, niemals schrill, bis zum Schluss sauber intonierend. Darüber hinaus war sie auch in der Lage, große lyrische Bögen im Duett mit Orest zu realisieren. In der Charakterisierung blieb sie stets dem Wohlklang ihrer Stimme verpflichtet, so dass das Gebrochene, Wahnhafte der Figur sehr in den Hintergrund trat. Szenisch zeigte sie viele Ansätze der Rollengestaltung, oft in großer Stummfilmgeste.

An ihrer Seite agierte als ihre Schwester Chrysothemis Allison Oakes, die für die erkrankte Simone Schneider eingesprungen war. In dieser Partie zeigte Oakes eine ungewöhnlich große Stimme, die lediglich in den Höhen leicht zur Schärfe tendierte. Dazu sang sie mit innerer Beteiligung und schuf einen erfahrbaren Rollencharakter.

Sehr gut und bis ins Detail jederzeit überzeugend Michaela Schuster als derer beiden Mutter Klytämnestra. Erfreulich diese so wichtige Partie von einer Sängerin zu hören, die im Vollbesitz ihrer stimmlichen Möglichkeiten ist und dazu jede Silbe des herrlichen Textes von Hugo von Hofmannsthal mit größter Bedeutung auflud. Hier brauchte es keine Regie, da genügte ein Blick ihres expressiven Gesichtes, um die Vielschichtigkeit ihrer Rolle zu imaginieren. Auch scheute sie sich nicht, gelegentlich die Gesangslinie zu verlassen, um dem Text noch mehr artikulatorische Wucht zu geben. Großartig!

Ein Luxus-Besetzung war der Orest in der Gestaltung von Bariton Michael Volle. Dieser großartige Sänger macht jede Rolle, die er singt zu einem besonderen Erlebnis! Als er die Bühne betrat, veränderte sich deutlich die Energie auf dem Podium. Welche Präsenz im szenischen Ausdruck und in der herrlichen Stimme! Diese tönte raumgreifend in den großen Saal, ebenso in den bassigen Tiefen sonor, wie sie leicht in die heldenbaritonale Höhenlage („Ich werde es tun“!) aufsteigen konnte. Dazu kommt eine exemplarische Textdurchdringung und -verständlichkeit, die leider viel zu selten zu erleben ist. Ein herausragender Sängerdarsteller, ein Erlebnis, für das die Zuhörer zurecht große Begeisterung äußerten. Mit dieser überragenden Leistung geriet das Wiedersehen von Elektra und Orest zum absoluten Höhepunkt des Abends. Wunderbar!

Als Aegisth zeigte Michael Schade einen schneidend hellen Tenor, der überzeugend den labilen Charakter seiner Partie aufzeigte und in seinen textlichen Pointierungen seiner Rolle nichts schuldig blieb. Die übrigen Nebenrollen sangen korrekt, blieben jedoch äußerst blass in der inhaltlichen Aussage.

In Hochform zeigte sich das mächtig auftrumpfende HR-Sinfonieorchester, das in allen Spielgruppen sehr überzeugte und maßgeblich den Abend prägte. Insgesamt zeigte Dirigent Orozco-Estrada eine Interpretation, die vorzüglich die dynamische Balance wahrte. Dabei schenkte er sich und seinem Orchester keine Ruhe, trieb es permanent nach vorne zu Höchstleistungen an. Auf der Strecke blieben leider dabei die lyrischen Kontraste. So ließ er die Ruhepunkte viel zu wenig ausphrasieren, so z.B. im Agamemnon-Monolog der Elektra oder im Geschwister-Duett von Elektra und Orest. Auch in den Akzenten des Schlagzeuges war hier eher eine defensive Lesart zu erleben.

Am Ende große Begeisterung im Publikum.

 

Dirk Schauß 16-3-2019

 

 

 

Frankfurter Opern- und Museumsorchester &

Eiji Oue

featuring: Sabine Meyer

John Adams (*1947)
The Chairman Dances Foxtrott for Orchestra

Aaron Copland (1900-1990)
Konzert für Klarinette und Orchester

George Gershwin (1889-1937)
Three Preludes für Klarinette und Orchester

Erich Wolfgang Korngold (1897-1957)
Musik zum Film The Sea Hawk (Der Herr der sieben Meere)

Leonard Bernstein (1918-1990)
Divertimento for Orchestra

 

Besuchtes Konzert am 04. März 2019, Alte Oper Frankfurt

Unkonventionelles aus Übersee

Ein buntes Programm mit reichlich Musik fast ausschließlich aus amerikanischer Herkunft bot das Museumskonzert am 04. März in der Alten Opern Frankfurt.

Am Beginn spielte das Frankfurter Opern- und Museumsorchester unter Leitung von Eiji Oue, der den erkrankten Sebastian Weigle ersetzte, eine Tanzauswahl (aus dem Jahr 1985) aus der Oper „Nixon in China“ von John Adams. Pointiert arbeitete Oue die Rhythmik und Farbigkeit dieser zumeist ostinaten und doch eingängigen Musik mit dem animiert mitgehenden Orchester heraus.

Als Solistin des Abends präsentierte sich die großartige Klarinettistin Sabine Meyer. Zu hören war das eher selten anzutreffende Klarinettenkonzert von Aaron Copland. Diese Komposition wurde 1947 von dem berühmten Jazz Musiker Benny Goodman in Auftrag gegeben. Copland arrangierte seine Komposition für Streicher, Harfe und Klavier. Das aus zwei Sätzen bestehende Werk zeigt im ersten Satz immer wieder Kantilenen, die schmerzlich anmuten. Im beschließenden zweiten Satz gibt es zahlreiche Jazz-Anklänge, die in einer ausgiebigen C-Dur Coda münden. 

Das Konzert war in seiner Erstfassung derart mit Schwierigkeiten gespickt, so dass Goodman mit der Uraufführung zögerte. Erst als Copland einige Erleichterungen realisierte, war der Weg geebnet für die Ur-Aufführung am 06. November 1950.

Sabine Meyer zeigte einmal mehr ihr großes Können, ihre souveräne technische Meisterschaft, ihr untrügliches Rhythmusgefühl und dazu ihre außerordentliche Musikalität. Dazu immer wieder ein tiefes Eintauchen in die Emotionalität der kantablen Phrasierungen. Oue begleitete einfühlsam und als wacher Impulsgeber.

Von Copland ging es dann zurück zu George Gershwin. Seine „Three Preludes“ waren ursprünglich reine Klavierkompositionen. Ähnlich wie bei Adams dominiert hier der Tanz, zunächst ein Charleston, dann ein Blues und zuletzt ein Foxtrott. Jazz-Elemente auch hier, farbige Modulationen und erweiterte Harmonik bestimmen den Höreindruck. Sabine Meyer und Eiji Oue hatten hörbar viel Freude an diesen herrlichen Kompositionen, die das Publikum widerspiegelte. Sabine Meyer dankte mit einer kurzen virtuosen Zugabe.

Von Gershwin war der Weg nach Hollywood nicht weit. Erich Wolfgang Korngold, war in den 1930 Jahren d e r Filmmusiker Hollywoods, nachdem er vor seiner Emigration in Europa mit seinen Opern (Die Tote Stadt und Violanta) für Furore sorgte.

Zu hören war die Filmmusik aus „The Sea Hawk“ (Der Herr der sieben Meere). Korngolds Musik ist in seiner melodischen Vielfalt und der extremen Farbigkeit seiner Musik sofort als Korngold zu erkennen. Diese eingängige Musik bietet einem Orchester große Möglichkeiten, alle Facetten zu zeigen. Und das Frankfurter Opern- und Museumsorchester ließ keine Nuance ungenutzt, musizierte hörbar begeistert in seiner Spielfreude und blieb den enormen Ansprüchen der Partitur nichts schuldig. So klang Hollywood in den 1930iger Jahren! Süße, üppige Streicherkantilenen, viel Schlagzeug und immer wieder große Bläserentladungen. Hier und da waren sogar Reminiszenzen aus Korngolds Opern Welterfolg „Die Tote Stadt“ zu bestaunen.

Beschlossen wurde das Konzert mit dem Divertimento von Leonard Bernstein, der auch ein großer Verehrer von Aaron Copland war. Dessen Einflüsse sind in Bernsteins Komposition erlebbar.

Die 1980 in Auftrag gegebene Komposition ist ein üppiges Geburtstags-Ständchen zur 100 Jahr-Feier des Boston Symphonieorchesters. Gleichzeitig eine Hommage auch an Boston selbst, in welcher Bernstein aufwuchs.

Die Komposition besteht aus acht eher kurzen Sätzen, die eine große Bandbreite musikalischer Stile umfasst. Symphonisches und Populär-Musikalisches wechseln sich ab. Das Orchester ist auch hier wieder stark in seiner Flexibilität gefordert.

Insgesamt war es beeindruckend zu erleben, wie gut und authentisch sich das Frankfurter Opern- und Museumsorchester an diesem Konzertabend in das fremde Repertoire einhörte. Eiji Oue, von Leonard Bernstein sehr gefördert, zeigte sich sehr zu Hause bei dessen Werk. Er dirigierte mit viel Verve und Groove, mitunter etwas zu selbstverliebt sein fabelhaftes Orchester.

Ein Konzertabend also mit deutlichem Seltenheitswert, der hörbar Anklang beim zahlreichen Publikum fand.

 

Dirk Schauss 5.3.2019

 

 

 

Konzert mit dem Philharmonia Orchestra London

Dirigent: Esa-Pekka Salonen

Alte Oper, 03. März 2019

 

Richard Wagner

Tristan und Isolde – Vorspiel und Isoldes Liebestod

 

Arnold Schönberg

Verklärte Nacht op. 4

 

Anton Bruckner

Symphonie No. 7 WAB 107

Philharmonia Wonnen!

Ein sehr gutes Programm präsentierte das Philharmonia Orchestra London unter Leitung seines scheidenden Chefdirigenten Esa-Pekka Salonen.

Am Beginn präsentierte es eine sehr leidenschaftliche Interpretation des Vorspiels zum 1. Aufzug mit instrumentalem Liebestod aus Richard Wagners „Tristan und Isolde“. Salonen hat dieses Werk oft dirigiert. Seine tiefe Verbundenheit mit diesem Werk war jederzeit spürbar. Wie aus dem Nichts erhob sich der berühmte Tristan-Akkord und sorgte sogleich für größte Spannung. Salonen kostete die dynamische Bandbreite extrem aus. Dabei arbeitete er die chromatischen Verläufe in den Streichern transparent heraus. Untrügliches Timing, perfekt gesetzte Pausen, breites Ausmusizieren und deutliche Accelerandi gaben seiner Interpretation eine zwingende Aussage, die den Zuhörer packte und überwältigte. Das Orchester musizierte aus einem Guss, staunenswert homogen und überaus wohltönend in allen Gruppen. Im Liebestod toste ein Meer aus aufwallenden Klangwogen über den Zuhörer, in einer kaum erträglichen Intensität. Wunderbar, wie sensibel und doch zupackend das gut präparierte Orchester das umsetzte! Zwanzig Minuten höchste Seligkeit in einer unvergesslichen Darbietung!

In seiner tonalen Frühphase komponierte Arnold Schönberg das 1899 uraufgeführte Streichsextett „Verklärte Nacht“, welches er 1917 für Streichorchester revidierte. Erkennbar von der Klangsprache Richard Wagners beeinflusst schuf Schönberg seinen Beitrag zur Programmmusik. Inspiriert wurde er von dem gleichnamigen Gedicht von Richard Dehmel. Im Mittelpunkt des Gedichtes steht ein Liebespaar. Im Mondenschein gesteht die Frau ihrem Liebhaber, dass sie das Kind eines anderen Mannes erwartet. Dieser Fremdgang zerstört nicht das Liebesbündnis. Der Liebhaber beschließt das Kind als eigenes anzunehmen.

In dieser vielschichtigen Komposition werden immer wieder Themenmotive verarbeitet und durch neue musikalische Impulse ersetzt. Faszinierend die unendlichen Farben, die Schönberg hier aus dem gesamten Streicherapparat hervorzaubert. Der dirigierende Komponist Esa-Pekka Salonen hat eine besondere Affinität zu der Musik Arnold Schönbergs. Auch hier war wieder seine Fähigkeit, musikalische Strukturen freizulegen, bestechend zu erleben. Die samtig und satt agierenden Streicher des traditionsreichen Orchesters fühlten sich tief in die Klangwelt Schönbergs ein. Berückende Soli in der Violine, dann wieder berstende Intensität in der gesamten Gruppe und immer wieder faszinierend gestaltete Trugschlüsse. Begeisternd, wie das Orchester aufeinander hörte und reagierte. So konnte es sich Salonen sogar leisten, eine finale Akkordverschiebung, nicht zu dirigieren, sondern es dem Orchester zu überantworten. Insgesamt war bereits diese erste Konzerthälfte ein außergewöhnlich starker Eindruck.

In der zweiten Hälfte dann Anton Bruckners beliebte siebte Symphonie, die 1884 in Leipzig uraufgeführt wurde. Immer wieder ein Streitpunkt der Musikgeschichte ist der einzelne Beckenschlag im Adagio des zweiten Satzes. Hier wird vermutet, dass dieser nachträglich hinzugefügt wurde. Überwiegend wird die Fassung mit Beckenschlag gespielt. Und auch das Philharmonia Orchestra ließ sich diesen besonderen Effekt nicht nehmen und krönte mit einem unvergesslich aufgebauten Höhepunkt gerade den zweiten Satz. Salonens Bruckner Interpretation ist in ihrem Vorwärtsdrang eher ungewöhnlich. Unverkennbar kommt seine Interpretation aus der Moderne. Unerbittlich arbeitete er die harmonischen Kontraste scharf heraus. Seine Tempi wirkten dabei niemals überhetzt, sondern waren stets im harmonischen Fluss. Immer wieder bremste Salonen deutlich, manchmal drastisch das Tempo herunter, um breit ausmusizieren zu lassen, um dann wieder stark das Tempo anziehen. Auch hier profitierten Orchester und Zuhörer von Salonens Fähigkeit, Klänge höchst transparent aufzufächern und zudem perfekt abzuphrasieren. Dabei geriet seine Interpretation zu keinem Zeitpunkt unterkühlt. Im Gegenteil: die sauber intonierenden Tuben im zweiten Satz interagierten aufs Beste mit den aufblühenden Streicherklängen. Aufhorchen ließen zu Beginn des zweiten Satzes die außerordentlich wuchtig klingenden Kontrabässe, die mit starkem Bogenstrich dem Beginn eine ruppige, unbequeme Farbe gab. Und es war dann auch der Schlussteil dieses Satzes, der Richard Wagner ein musikalisches Denkmal setzte, der besonders anrührend geriet. Ein deutlicher Kontrast dann die beiden Finalsätze, in welchen Salonen sein wunderbar mitgehendes Orchester zu betont rhythmischen Spiel animierte. Infernalisch, grotesk das ruppig gestaltete Scherzo mit sehr pointiert agierender Solo-Pauke. Großartig schließlich sein Aufbau des symphonischen Finales, in welchem die majestätisch klingenden Blechbläser begeisterten.

Das Philharmonia Orchestra zeigte an allen Pulten seine Welt-Klasse. Üppige, hoch kultivierte Streicher, tadellose Holzbläser und eine überragende Blech-Fraktion, die von choraler Weichheit bis zur meißelnden Härte alle dynamischen Finessen perfekt umsetzte.

Eine sehr subjektive Bruckner Interpretation des charismatischen Dirigenten. Kein Bruckner für Kulinariker, sondern eine Interpretation als maximales Ausrufezeichen für überragende Interpretationsfähigkeit. Aufregender, mitreißender und unvergesslicher kann dieses Werk kaum interpretiert werden als es hier mit dem begeisternden Philharmonia Orchestra und Esa-Pekka Salonen zu erleben war! Was für ein Erlebnis!

Am Ende viele strahlende Gesichter und große Begeisterung in der gut besuchten Alten Oper.

 

Dirk Schauss 5.3.2019

 

 

HR Sinfonieorchester & Carlos Miguel Prieto

featuring Martin Fröst Klarinette

Dmitrij Schostakowitsch Suite aus der Oper »Lady Macbeth von Mzensk«

Claude Debussy Rhapsodie Nr. 1 für Klarinette und Orchester

Anders Hillborg Klarinettenkonzert »Peacock Tales«

Piotr Iljitsch Tschaikowsky Sinfonie Nr. 4 f-Moll op. 36

 

Besuchtes Konzert in der Alten Oper Frankfurt 28. Februar 2019

Kontraste!

Welch Fülle an Kontrasten! So mag es vielleicht dem ein oder anderen Konzertbesucher ergangen sein, als er beim jüngsten Konzert des HR-Sinfonieorchesters zu Gast war. In einem ungewöhnlichen Konzertabend begann der Abend mit einer Orchestersuite aus der Originalfassung der Oper „Lady Macbeth von Mzensk“ von Dmitrij Schostakowitsch, die der Dirigent James Conlon 1989 zusammenstellte. Die 1934 uraufgeführte Oper war zunächst ein gewaltiger Erfolg. Bis zum dem Tage als Stalin 1936 einer Aufführung im Moskauer Bolschoi Theater beiwohnte. Wenige Tage nach dieser Aufführung verfasste er den in die Musikgeschichte eingegangen Verriss „Chaos statt Musik“. Beinahe hätte diese drastische Reaktion des Despoten das Schicksal des Komponisten besiegelt. Er musste Abbitte leisten und u.a. unter dem Titel „Katerina Ismailowa“ eine entschärfte Version komponieren. Die Ur-Fassung blieb für viele Jahrzehnte verboten. Es war das entschiedene Engagement von Mstislav Rostropovitsch, der sich in den 1970ziger Jahre für die Wiederaufführung der Ur-Fassung einsetzte. Seither zählt Schostakowitschs Oper zu den Meilensteinen der Opern des 20. Jahrhunderts.

Im Mittelpunkt der Handlung steht die sexuell frustrierte Kaufmannsgattin Katerina Ismailowa, die an der Seite ihres impotenten Gatten Sinowi und dessen brutalen Vaters Boris ein entbehrungsreiches Leben fristet. Ihr Leben ändert sich drastisch, als sie sich auf eine Liaison mit dem Arbeiter Sergej einlässt. Der verhasste Schwiegervater wird vergiftet, der Ehemann erschlagen und die Liebenden wandern in ein sibirisches Arbeitslager. Dort gibt sich Sergej einer Lagerhure hin. Katerina wird sie und sich selbst ermorden.

Viel Raum also für musikalische Drastik, die in der Musik Schostakowitschs zu umwerfender Wirkung kommt. Die dynamischen Extreme sind deutlichst ausgereizt: vom melodiösen Pianissimo bis zum ohrenbetäubenden Fortissimo! Dazu eine ungemein deskriptive Musik, die z.B. jede körperliche Aktivität des vollzogenen Ehebruchs en detail musikalisch beschreibt.

Gleich zu Anfang des Konzertes wurde das HR-Sinfonieorchester mit allen Kräften bis zum Anschlag gefordert. Unter Leitung des mexikanischen Gast-Dirigenten Carlos Miguel Prieto reizte das sehr gut einstudierte Orchester alle Farben dieser vielschichtigen Partitur überzeugend aus. Virtuose Blech- und Schlagzeugattacken auf der einen Seite und bewegende, sehrende Streicherklänge auf der anderen Seite. Dazu sarkastisch agierende Holzbläser. Prieto reizte die dynamische Palette niemals endlos aus, sondern war erkennbar um Struktur und Druchhörbarkeit bemüht. Das heftig geforderte HR-Sinfonieorchester zeigte eine große Leistung.

Vom musikalischen Expressionismus kann es kaum einen größeren Kontrast geben, als zum feingliedrigen Impressionismus von Claude Debussy zu wechseln! Dessen Rhapsodie Nr. 1 für Klarinette und Orchester brachte mit dem Solisten Martin Fröst einen versierten Interpreten, der sensibel die Klangwelt Debussys beschwor. Sanft und weich, wie aus dem Nichts kamen die Klangeinwürfe des Solisten. Überzeugend aber genauso die überragende Virtuosität, die Frösts Vortrag ebenso kennzeichnete. Das ursprünglich für Klavier und Klarinette komponierte Werk wurde von Debussy in einer Bearbeitung für Orchester 1911 veröffentlicht. Fröst und das HR-Sinfonieorchester agierten in einem sensiblen Dialog miteinander und sorgten so für einen sehr besonderen Farbwechsel in der ersten Konzerthälfte.

Danach erklang dann das Klarinettenkonzert „Peacock Tales“ des schwedischen Komponisten Anders Hillborg. Uraufgeführt 1998 widmete er dieses Konzert dem Solisten des Abends, der es sich nicht nehmen ließ, daraus eine besondere Performance zu machen. Fröst, der auch ausgebildeter Ballettänzer ist, stellte sich ganzheitlich, d.h. tanzend, pantomimisch, z.T. maskiert und musizierend in den Dienst des Konzertes, agierte die zwischen Diatonik und A-Tonalität umher tänzelnde Musik komplett aus. Unfassbar groß die dynamischen Effekte, die er mit seiner Klarinette erzielte. Das hellwache HR-Sinfonieorchester war sehr aufmerksam und überraschte am Ende als sauber intonierendes Gesangskollektiv! Dazu wurde das Orchesterpodium immer wieder in wechselnde Farbstimmungen beleuchtet. Ein ungewöhnliches Experiment im Rahmen eines klassischen Konzertes, das beim Publikum besonderen Anklang fand! Bejubelt dann die Zugabe, die Martin Fröst mit dem Orchester gemeinsam gab. Eine Improvisation mit vielen Klezmer-Musikanteilen. Große Begeisterung!

Ganz anders der finale Schlusspunkt mit einer der beliebtesten Sinfonien der russischen Konzertliteratur: Tschaikowsky‘s Sinfonie Nr. 4 in f-moll. Diese Sinfonie widmete er 1877 seiner amikalen Gönnerin Nadeshda von Meck. Sie gilt als eine seiner autobiographischsten Sinfonien und wurde 1878 in Moskau unter dem Dirigat von Nikolai Rubinstein uraufgeführt.

Gleich zu Beginn des ersten Satzes markierten die makellos intonierenden Hörner mit dem unbarmherzigen Schicksalsmotiv ein musikalisches Ausrufezeichen. Dirigent Prieto zielte in seiner Interpretation vor allem auf die musikalische Struktur, betonte den Gesamtklang immer zugunsten der Streicher. Markante Akzente oder starke dynamische Effekte blieben ausgespart. Es war eine zuweilen etwas nüchterne Lesart, die seine Interpretation kennzeichnete. Pathos und Bombast wurden vermieden, so dass es hier einen eher schlank musizierten Tschaikowsky zu erleben gab, der im Tempo immer im Vorwärtsdrang zu hören war.

Überzeugend das Zusammenspiel der gesamten Streichergruppe, ein Genuss. Sensibel empfunden die Dialoge der Holzbläser, vor allem Klarinette und Fagott. Ausgezeichnet und ungemein ausdauernd in der makellosen Intonation die viel geforderten Blechbläser. Im vierten Satz hatten dann auch die präzisen Schlagzeuger ihren besonderen Augenblick.

Prieto, völlig uneitel in seiner Körpersprache, oft auch, wie ein menschliches Metronom taktierend, überzeugte mit seiner auf Klarheit abzielenden Darbietung das groß aufspielende Orchester. Ein gediegene Interpretation, völlig unspektakulär, auf hohem spielerischem Niveau realisiert. Das Publikum in der gut besuchten Alten Oper reagierte freundlich angetan, wenn auch der große Enthusiasmus ausblieb.

 

Dirk Schauss 28.2.2019

 

 

Royal Philharmonic Orchestra & Lionel Bringuier

featuring: Sol Gabetta 

Alte Oper Frankfurt am 03. Februar 2019

 

Otto Nicolai Ouvertüre zu „Die lustigen Weiber von Windsor"

Sir Edward Elgar Cellokonzert e-Moll op. 85

Sergej Rachmaninow Sinfonie Nr. 2 e-Moll op. 27

 

Auf seinem letzten Abstecher seiner Deutschland Tournée gab das Royal Philharmonic Orchestra ein begeistert aufgenommenes Konzert in der Alten Oper Frankfurt. Das traditionsreiche Orchester, 1946 von dem berühmten Dirigenten Sir Thomas Beecham gegründet, zählt nach wie vor zu den besten Orchestern Englands.

Unter Leitung seines Gastdirigenten Lionel Bringuier begann es den Abend mit der Ouvertüre zu Otto Nicolais 1849 uraufgeführter komisch fantastischer Oper „Die lustigen Weiber von Windsor“. Die Vorlage dieser Oper stammt von William Shakespeare, eine sinnige Brücke also zum gastierenden englischen Klangkörper. Ein gut gewählter Beginn, der bereits in allen Orchestergruppen die hohe Spielkunst dieses traditionsreichen Klangkörpers bewies. Bereits hier zeigte sich das exquisite Zusammenspiel dieses Parade-Orchesters. Perfektion an allen Pulten!

Im Mittelpunkt des Interesses stand die Solistin des Abends: die argentinische Cellistin Sol Gabetta. Die vielfach ausgezeichnete Musikerin hat auf der ganzen Welt mit den berühmtesten Orchestern musiziert und dazu viele CDs eingespielt.

Mit dem Cellokonzert von Sir Edward Elgar, uraufgeführt 1919, erlebte das Publikum Elgars Schwanengesang, das Ende einer Epoche, der Finalpunkt seines musikalischen Schaffens. Die berühmte Cellistin hat Elgars Meisterwerk bereits unzählige Male interpretiert und ist hörbar zutiefst mit ihm verbunden. Berückend die Balance zwischen Melancholie und warmer Kantabilität, die Gabetta fand, vor allem im Adagio des dritten Satzes. Ein tiefer sensibler Dialog mit dem hellwach agierenden Orchester. Dabei fehlte es ihr zu keinem Zeitpunkt an Intensität oder glutvoller Phrasierung. Dirigent Lionel Bringuier war ihr dabei stets ein einfühlsamer Partner, der sich nicht in den Vordergrund stellte. Elgars sanfte Melancholie in der feinen Lesart Gabettas verzückte hörbar das begeisterte Publikum. Am Ende wurde es mit einer zeitgenössischen Zugabe beschenkt, in welcher Gabetta zu den warmen Klängen ihres Cellos elfenartige Vokalisen beisteuerte. Beglückend!

Nach der Pause stand Dirigent Lionel Bringuier im Blickpunkt des Interesses. Mit der 2. Symphonie von Sergej Rachmaninow gab es eine ausgedehnte Symphonie zu erleben, die ein unendliches Farbspektrum vor dem Zuhörer auffächert.

Ursprünglich entstand die Symphonie in den Jahren 1906/07, als Rachmaninow länger in Dresden weilte. 1908 dirigierte er selbst seine Uraufführung in St. Petersburg. Seine 2. Symphonie ist seine beliebteste Symphonie. Die schwärmerischen, endlos anmutenden Streicherpassagen sind ein besonderes Erlebnis und erstaunen stets aufs Neue, wie gekonnt Rachmaninow seine musikalischen Ideen realisierte. Dazu immer wieder berückende Soli, wie z.B. in der Solo-Klarinette des dritten Satzes. Und schlussendlich knackige Schlagzeugeffekte im vierten Satz gestalten dieses Werk sehr publikumswirksam.

Lionel Bringuier, Cellist, Pianist und Dirigent, blickt bereits auf eine eindrucksreiche musikalische Laufbahn zurück, die ihn bereits durch die ganze Welt an die Pulte vieler Orchester führte. Zuletzt war er Chef des Tonhalle Orchesters Zürich, was für beide Seiten jedoch vorzeitig unfroh endete.

In Frankfurt stimmte erkennbar die Chemie zwischen ihm und dem Royal Philharmonic Orchestra! Herrlich opulent agierte der groß besetzte Streicherapparat, dabei immer wieder sensibel aufeinander reagierend. Selbst in den viele Fugato-Passagen war Transparenz und Durchhörbarkeit überzeugend realisiert. Der immer warme körperreiche Klang der viel geforderten Streicher war ein außergewöhnliches Hörerlebnis, dazu perfekt dynamisch abgestuft, so z.B. im Verklingen eines endlosen Pianissimos am Ende des dritten Satzes.

Dazu begeisterte besonders der Solo-Klarinettist mit endlosem Atem und feinem Legatogefühl. Weich und sauber in der Intonation musizierte das viel geforderte Blech: Hörner, Trompeten, Posaunen und Tuba intonierten präzise und sauber. Und ein Erlebnis für sich, war das viel geforderte Schlagzeug, welches vor allem den vierten Satz nachhaltig prägte. Bringuier traf dabei gut den kantablen Ton der Komposition, agierte in großen Spannungsbögen und wahrte souverän die Übersicht. So ließ er immer wieder berauschend ausmusizieren und sorgte dabei immer für die notwendige Durchhörbarkeit. Das geforderte Orchester begeisterte mit einer Perfektion der Königsklasse, wobei es zu keinem Zeitpunkt kalt klang, sondern immer wieder samtig, warm agierte.

In einer sympathischen Ansprache bedankte sich Lionel Bringuier beim Publikum. Mit einem fulminant dargebotenen Slawischen Tanz Nr. 8 von Antonin Dvorak verabschiedeten sich die großartigen Musiker von ihren Zuhörern.

Am Ende sehr viel Begeisterung für ein besonderes Konzerterlebnis in der nahezu ausverkauften Alten Oper.

 

Dirk Schauss 5.2.2019

c_Pro Arte_Paul Sklorz

 

 

 

 

 

HR Sinfonieorchester & Michał Nesterowicz

featuring: Vadim Gluzman | Violine

Konzert am 24-01-2019 im Sendesaal des Hessischen Rundfunks

 

·      Felix Mendelssohn Bartholdy | Ruy Blas

·      Felix Mendelssohn Bartholdy | Violinkonzert

·      Jean Sibelius | Finlandia

·      Modest Mussorgskij/Maurice Ravel | Bilder einer Ausstellung

 

Ein schönert musikalischer Bilderbogen

Ein herrliches Konzertprogramm war der gelungene Auftakt der gleichnamigen Konzertreihe für das Jahr 2019. Somit verwöhnte der Hessische Rundfunk im großen Sendesaal seine Zuhörer mit großartigen Werken, in dessen erster Konzerthälfte zwei Kompositionen von Felix Mendelssohn Bartholdy standen.

Am Beginn stand seine 1839 uraufgeführte Ouvertüre Ruy Blas, basierend auf dem gleichnamigen Theaterstück von Victor Hugo. Bereits in den Bläserakkorden zeigte das HR-Sinfonieorchester seine große Klasse: warm im Ton und homogen im Gesamtklang. Dazu filigran, sauber artikulierende Streicher. Gast-Dirigent Michal Nesterowicz, Preisträger verschiedener Wettbewerbe und Künstlerischer Leiter des Orquesta Sinfónica de Tenerife, hörte sich gut in die Klangwelt Mendelssohns hinein. Davon profitierte dann auch erheblich das sehr beliebte Violinkonzert mit dem Solisten Vadim Gluzman.

 

Der von Isaac Stern geförderte israelische Geiger bestach durch einen herrlich warmen Geigenton auf seiner Stradivari. In seinem Spiel konzentrierte er sich vor allem auf Virtuosität und starken Vorwärtsdrang in der Wahl seiner Tempi. Dadurch blieben jedoch innige Momente, vor allem im Andante des zweiten Satzes deutlich auf der Strecke. Hier, wie auch im ersten Satz kam das kantable Ausphrasieren der Melodiebögen viel zu kurz. Das HR-Sinfonieorchester erwies sich als einfühlsamer Partner und setzte vor allem im dritten Satz klare Impulse. Hier präsentierte Gluzman seine virtuose Fertigkeit. Da perlten die Läufe in z.T. zugespitzten Tempi. Anerkennender Applaus dankte dem Solisten. Gluzman revanchierte sich mit einer Zugabe.

 

Der zweite Teil des Konzertabends stand dann ganz im Zeichen zwei der beliebtesten Orchesterwerke der Spätromantik. Zunächst erklang von Jean Sibelius dessen erfolgreichste Komposition Finlandia. Die 1900 uraufgeführte Komposition gilt den Finnen auch heute noch als „geheime Nationalhymne“. Die natürliche Feierlichkeit verfehlt selten seine Wirkung. So bot auch das mitreißende, musikantische Dirigat von Michal Nesterowicz viel Anlass zur Freude. Klar und zupackend war seine Interpretation, dabei immer wieder den Orchesterklang gut aufgefächert. Herrlich intonierten auch hier wieder die Blechbläser, perfekt im Zusammenspiel der wuchtigen Eröffnungsakkorde, sekundiert von sehr vollstimmigen Streichern, die im kantablen Mittelteil sehr für sich einnahmen. Die Holzbläser erfreuten durch lyrische Geschmeidigkeit und die Pauke durch rhythmische Prägnanz. Allein die Beckeneinsätze gerieten etwas zu passiv.

Am Ende dann die „Bilder einer Ausstellung“ in der Instrumentierung von Maurice Ravel, in Töne gesetzt von Modest Mussorgskij. 1874 komponierte Mussorgsky diese Programmmusik für Klavier. Angeregt wurde er durch eine Ausstellung seines 1873 gestorbenen Freundes, dem Maler Viktor Hartmann. Komponisten wie Dirigenten (z.B. Kurt Masur, Leif Segerstam) waren von der Qualität derart beeindruckt, dass sie die Komposition instrumentierten. Es waren schließlich die überragenden Instrumentationskünste von Maurice Ravel, die die „Bilder einer Ausstellung“ zum viel gespielten Welterfolg machten.

Kaum ein Orchesterstück bietet einem Orchester derart reiche Möglichkeit, das gesamte Instrumentarium solistisch und im Tutti zu bestaunen. Das HR-Sinfonieorchester war hier auf der Höhe seiner musikalischen Kunst und zog damit seine Zuhörer in den Bann. Dirigent Nesterowicz verstand sich hier als zentraler Impulsgeber, der hörbar auf Kontraste und Kontur setzte, wie z.B. im grotesken „Gnomus“ oder im „Bydlo“, der durch ruppigen Streicherklang und markige Akzente bildhaft vor dem Zuhörer vorbei wackelte.

Ebenso überzeugend wurden auch die Ruhepunkte gesetzt, wie z. B. im „Alten Schloss“. Hier erklang das sonor intonierende Solo-Saxophon weit in den Raum hinein, endlos verklingend in einem langen Diminuendo. Beeindruckend!

Sarkastisch und schmerzlich zugleich die Solo-Trompete in „Samuel Goldenberg und Schmuyle“. Ein wahrer Hexentanz mit knalliger Pauke dann in der „Hütte der Baba Yaga“. Bombastisch dann das Finale: hier mobilisierte Nesterowicz beim HR-Sinfonieorchester alle Kräfte, um mit einem hinreißend geöffneten „großem Tor von Kiew“ diesen schönen Konzertabend glorios abzuschließen.

Zurecht große Begeisterung im Publikum.

Dirk Schauss 25.1.2019

(c) Hessischer Rundfunk

 

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