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 ALTE OPER FRANKFURT

(c) alteoper.de

 

 

Wer singt am schönsten?

Besuchtes Konzert in der Alten Oper am 20. Juni 2022

Frankfurter Opern- und Museumsorchester

Giedre Slekyte Leitung

Kian Soltani Violoncello

Antonin Dvořák Konzert für Violoncello und Orchester h-Moll op. 104

Alexander Skrjabin Sinfonie Nr. 2 c-Moll op. 29

Beim letzten Museumskonzert der Saison 2021/22 stand zu Beginn eines der bekanntesten und beliebtesten Cellokonzerte der gesamten Konzertliteratur auf dem Programm. Antonin Dvorak schrieb dieses Meisterwerk in den Jahren 1894/1895. Erst im folgenden Jahr 1896 fand die Uraufführung in London statt.

Bereits im einleitenden Allegro-Teil konnte das Frankfurter Opern- und Museumsorchester mit zupackendem Klang überzeugen. Unter Leitung der litauischen Gastdirigentin Giedre Slekyte wurde der ganze Zauber der Komposition hinreißend ausgebreitet und mit viel Herzblut gestaltet.

Solist war der Österreicher, iranischer Abstammung, Kian Soltani. Als Absolvent der Kronberg Academy kann Soltani bereits auf zahlreiche internationale Gastspiele zurückblicken.

Dvoraks Cellokonzert gehört zu den musikalischen Wunderwerken der Musikliteratur. Und so war es nicht wirklich überraschend, mit welchem Ernst Soltani sich empfindungsstark in die musikalische Schatzkammer Dvoraks hineingrub und dabei üppig mit großzügigem Zeitempfinden phrasierte. Überzeugend und berückend zugleich die harmonische Zwiesprache zwischen ihm und dem begleitenden, zuweilen auftrumpfenden Orchester. Soltani war mit nimmermüder Spielfreude und Begeisterung der zentrale Aktivposten, der staunend und tief versunken alle Schönheiten dieses Meisterwerkes bewegend gestaltete.

Wunderbar ertönte dann das mit großer Innigkeit vorgetragene Adagio. Sologesang auf dem Cello in den wärmsten Klangregistern, im Wechselspiel mit herrlichen Farben der Solo-Klarinette!

Soltani betonte die Natürlichkeit in seinem Spiel, bei behutsamer Entwicklung des Vibratos. Faszinierend, welche Abstufungen ihm hier gelangen. Und gerade dieser so beeindruckende langsame Satz geriet zum Gipfeltreffen der Instrumentalsolisten des großartigen Orchesters. Denn nicht nur Klarinette, auch das butterweich intonierende Horn oder am Satzende die äußerst schlank tönende Tuba wirkten wie ein Sängerfest des Orchesters getreu dem Motto: „Wer singt am schönsten?“ Angeführt und fortwährend motiviert durch Kian Soltani und die vorbildlich aufmerksame Dirigentin Giedre Slekyte.

In dem abschließenden Allegro moderato kulminierte dann Kantabilität in Virtuosität. In mitreißender Spiellaune befeuerte Slekyte das außerordentlich gut aufgelegte Orchester und Solist Soltani zeigte noch einmal seine große solistische Klasse. Gänsehaut pur gab es zu erleben, als Slekyte am Ende mit vorbildlichem Timing ein gewaltiges Crescendo aufbaute, um dann furios in die Schlussakkorde zu galoppieren. Wunderbar.

Das Publikum zeigte sich euphorisch begeistert!

Und so gab es für den Solisten sehr viel Applaus, der mit einer Dvorak Zugabe beantwortet wurde, bei welcher der sympathische Künstler gemeinsam mit der Celli- und Kontrabassgruppe musizierte. Soltani informierte das Publikum zuvor, dass es sich dabei um das Lieblingslied von Dvoraks Schwägerin Josefina, in die er unsterblich verliebt war, handelte: “Lasst mich allein! Verscheucht den Frieden in meiner Brust!“ Eben ein Teil dieses Liedes diente dem wunderbaren Adagio des Cellokonzertes als musikalische Keimzelle. Noch einmal stand die Zeit still. Es war eine beglückende Idee, diese Zugabe gemeinsam mit den Orchestermitgliedern zu gestalten.

Im Jahr 1901 schrieb Alexander Skrjabin an seiner 2. Sinfonie in fünf Sätzen. Der Komponist arbeitete einige Leitmotive in die Komposition ein, was dem Werk eine klare Struktur gibt. Die Komposition ist sehr spätromantisch im Klanggepräge. Assoziationen an Wagner, Strauss, aber auch César Franck werden geweckt.

Skrjabin entfaltet ein gewaltiges Klangpanorama elegischer und dann auch wieder prächtig aufrauschender Themen. Immer wieder nimmt er das groß besetzte Orchester kammermusikalisch zurück. Intensive Soli der Violine und vor allem der Holzbläser zaubern magische Effekte. So lassen die nachgeahmten Vogelstimmen im dritten Satz an Kompositionen von Messiaen denken.

Im gewaltigen Maestoso mit eingängiger Leitmelodie endet dieses Werk in klanglicher Prachtentfaltung.

Dirigentin Giedre Slekyte gestaltete plastisch und überlegen diese vielschichtige Sinfonie. Mit deutlicher Zeichengebung führte sie das wunderbar mitgehende Orchester zu vielen dynamischen Höhepunkten, die sie dann mit fein ausmusizierten Ruhepunkten bestechend kontrastierte. Sehr aufmerksam gestaltete sie die intensiven Wellenbewegungen dieser besonderen Sinfonie. Auch in den großen eruptiven Momenten blieb sie jederzeit souverän und gewährleistete eine vorzügliche dynamische Balance.

Das Frankfurter Opern- und Museumsorchester war auch im zweiten Teil dieses schönen Konzertes in Geberlaune. Auf beeindruckendem Niveau begeisterte es in allen Gruppen mit feinster Klangqualität und herrlichen Soli. Dies ist beileibe keine Selbstverständlichkeit, denn dieser so wandlungsfähige und reaktionsschnelle Klangkörper ist im laufenden Opernrepertoire und Spielbetrieb intensiv gefordert. Respekt und Hochachtung, dass davon nichts im Konzert zu bemerken war. Im Gegenteil! Bei diesem letzten Museumskonzert der Saison 2021/22 erbrachte das Frankfurter Opern- und Museumsorchester einmal mehr den schlagenden Beweis, dass es zu den herausragenden Orchestern der deutschen Theaterlandschaft zählt!

Ein beeindruckendes Programm in hervorragender Umsetzung.

Dirk Schauß / 21. Juni 2022

 

Reisegrüße aus dem Süden

Besuchtes Konzert am 10. Juni 2022 in der Alten Oper Frankfurt

hr-Sinfonieorchester Alain Altinoglu Leitung

Renaud Capuçon Violine

 

Emmanuel Chabrier  España

Maurice Ravel   Sonate für Violine und Klavier

(Orchestrierung: Maresz)                                          

Jacques Ibert                          Escales

Maurice Ravel                        Boléro

 

Südländisches Flair bestimmte das jüngste Konzert des hr-Sinfonieorchesters in der Alten Oper. Zu Beginn wurde dem Publikum der Alten Oper Frankfurt ein Preis vergeben. Gregor Burgenmeister, Herausgeber der Zeitschrift „Concerti“, zeichnete das Publikum des hr-Sinfonieorchesters (für das Jahr 2021) als bestes Konzertpublikum Deutschlands aus. Dazu erhielt es aus den Reihen des hr-Sinfonieorchesters viele Dankesbekundungen, vorgetragen in den unterschiedlichen Landessprachen (danach in deutscher Übersetzung) der einzelnen Orchestermitglieder. Eine schöne Geste. Dazu war das Bühnenportal mit herrlichem Rosendekor prächtig geschmückt. Es lag eine besondere Stimmung im Raum und das Publikum an diesem Abend wurde nicht enttäuscht.

Im Jahr 1883 verbrachte Emmanuel Chabrier viele Wochen in Spanien. Musikalisches Zeugnis dieser Reise wurde seine bekannteste Komposition España. Ein herrlich virtuoses Orchesterwerk, das bei Publikum und auch bei Chabriers Kollegen, wie de Falla oder Mahler große Anerkennung fand. Wunderbar instrumentiert, rhythmisch pointiert und dazu eine Fülle musikalischer Überraschungen. Wer kennt sie nicht, die markant und spanisch tönenden Posaunen in diesem Werk? Emile Waldteufel hat auf diese unwiderstehlichen Melodien einen schönen Walzer komponiert.

Das hr-Sinfonieorchester zeigte sich an diesem Abend in bester Disposition und üppiger Spiellaune. Und auch Chef-Dirigent Alain Altinoglu zeigte sich überraschend stark inspiriert. Mit Verve und erkennbarer Begeisterung motivierte er sein Orchester zu einem mitreißenden Orchester-Feuerwerk. Ein vielversprechender Beginn.

Groß ist die Faszination an der Musik von Maurice Ravel, die den Komponisten Yard Maresz begleitet. Er instrumentierte dessen Violinsonate im Jahr 2013 in kammermusikalischer Weise und ließ dabei die Stimme der Violine nahezu unangetastet.

Solist des Abends war der französische Virtuose Renaud Capucon. Mit höchster Konzentration und warmem Ton auf seinem Instrument zelebrierte er jeden Moment dieser Komposition, die manchmal neutönend und auch jazzig mit etwas Bluesfeeling daherkommt. Hoch sensibel in den kantablen Momenten gestaltend, dann auch schroff und zupackend artikulierend, dabei stets edel klingend mit empfundenen Phrasierungsbögen. Altinoglu war auch hier ein befeuernder Partner, der seinem Solisten jede Unterstützung zukommen ließ.

Zu den besonders anspruchsvollen Werken für Solo-Violine zählt die Rhapsodie „Tzigane“, die 1924 von Maurice Ravel geschrieben wurde. Obwohl der Werktitel „Zigeuner“ dem Werk eine koloristische Empfehlung ausspricht, so ist das Werk nicht wirklich durch Folklorismen gekennzeichnet. Das Werk wirkt hintergründig und ertönt eher dunkel in der Grundfärbung. Ein wenig befremdlich ist der rein solistische Beginn der Violine. Erst nach einigen Minuten tritt das Orchester begleitend hinzu.

Und hier entfaltete Renaud Capucon seine ganze virtuose Meisterschaft. Rasend schnelle Doppelgriffe, große Intervallsprünge und häufig in einem zugespitzten Tempo. Capucon, der große Souverän an seinem herrlichen Instrument, war nicht aus der Ruhe zu bringen. Mit staunenswerter, stoischer Konzentration zauberte er eine Farbskala auf seinem Instrument, so dass das Publikum völlig aus dem Häuschen geriet.

Und Capucon bedankte sich mit einer großzügigen Zugabe. Ein wirkliches Geschenk an die begeisternden Zuhörer. Er spielte zusammen mit Solo-Harfenistin Anne-Sophie Bertrand die Meditation aus der Oper „Thais“ von Jules Massenet. Ein Sternstunden Moment, das Publikum war völlig gebannt, so innig, so ergreifend und zugleich sonor schwelgte Renaud Capucon in den herrlichen Kantilenen. Großer Jubel!

Selten sind sie im Konzertsaal anzutreffen, die Orchesterwerke des Franzosen Jacques Ibert. Sein Oeuvre ist weitreichend und umfasst u.a. Oper, Ballett, Kammermusik. Ibert sah sich der klaren Melodieführung verpflichtet und war behutsam mit harmonischen Neuerungen. Freudvoll nutzte er Orchesterfarben für ländliches Kolorit, was ihm zeitweilig den Spitznamen „moderner Chabrier“ eintrug.

Sein 1924 entstandenes Orchesterwerk „Escales“ wirkt wie ein musikalischer Reiseführer. Der erste Satz „Palerme“ beschreibt eine Seereise von Rom nach Palermo. Im zweiten Satz geht es dann nach Tunis, eine kleine exotische Klangkaravane. Überschäumend endet die Komposition mit musikalischen Grüßen aus der iberischen Stadt Valencia.

Alain Altinoglu war mit dem bestens vorbereitetem hr-Sinfonieorchester ganz in seinem Element. Mit klanglicher Raffinesse und rhythmischem Drive zeigte einmal mehr das großartige Orchester seine überlegene Spielkultur. Die volltönende Streichergruppe war ein Meer des Klanges, auf welchem die übrigen Instrumentalisten sich wunderbar bewegen konnten. Bestleistungen in den Bläsergruppen und auch in dem großen Schlagzeugapparat, der durchsichtig und zupackend agierte.

Last but not least stand am Ende mit dem unverwüstlichen „Bolero“ das bekannteste Werk von Maurice Ravel auf dem Programm. Das 1928 entstandene Stück ist bis heute sein meist gespieltes Konzertstück geblieben. Ravel zog in der Selbstbetrachtung eine bittere Bilanz: “Ich habe nur ein Meisterwerk geschrieben, den Bolero und dieser enthält keine Musik!“ Der gefühlt endlos verlaufende ostinate Grundrhythmus der Trommel bietet jedem Orchester reichlich Gelegenheit, alle Orchestergruppen in den Mittelpunkt der Zuhörer zu stellen. Eine große Herausforderung in der Konzentration gilt es für den Trommler zu bewältigen. An die 170 Mal muss er die wiederkehrende Rhythmusfigur spielen.

Spannender und passender zum Programm wäre sicherlich Ravels „Rhapsodie Espagnole“ gewesen. Musste es also der Bolero sein? Hierauf ein definitives JA!

Denn das hr-Sinfonieorchester nutzte nachdrücklich die Gunst, sich bestens zu präsentieren. Mit nicht nachlassender Konzentration zeigte es einmal mehr seine Klangschönheit. Dirigent Alain Altinoglu gab seinem Orchester hier besonders freies Spiel, so dass manche Phrasierung eine ganz eigene Farbe bekam. Überlegen sein Timing für die dynamische Entwicklung des Werkes. Jedes instrumentale Solo kam als klang gewordene Persönlichkeit daher. Filigran die Flöte von Sebastian Wittiber. Herrlich im Ton die Klarinette von Tomaž Močilnik. Überaus volltönend Saxofon und Posaune. Wunderbar die leicht schmierigen Glissandi, die immer geschmackvoll von Altinoglu gewährt wurden. Rhythmisches Zentrum war Konrad Graf an der kleinen Trommel! Sehr zurückhaltend, aber äußerst präzise in der Artikulation realisierte der Schlagzeuger seine Aufgabe bestens.

Alain Altinoglu gestaltete diesen Evergreen als fortwährendes Crescendo im perfekten Timing. Und natürlich war es eine überwältigende Klangerfahrung, als das hr-Sinfonieorchester in den letzten Minuten völlig losgelöst sich klanglich komplett entäußerte.

Die immense Steigerung erzeugte beim Publikum einen großen kollektiven Aufschrei der Begeisterung!

Merci beaucoup et à bientot!

Dirk Schauß

11. Juni 2022

 

Lichtvolle Augenblicke

Besuchtes Konzert in der Alten Oper am 30. Mai 2022

Frankfurter Opern- und Museumsorchester

Sebastian Weigle Leitung

Augustin Hadelich Violine

Jean Sibelius Konzert für Violine und Orchester d-Moll op. 47

Anton Bruckner Sinfonie Nr. 1 c-Moll (Linzer Fassung)

 

Wie schön, einmal wieder das Violinkonzert des großen Finnen Jean Sibelius im aktuellen Frankfurter Museumskonzert zu erleben. Das in den Jahren 1903 – 1905 entstandene Werk umfasst drei Sätze. Im Vergleich zu zahlreichen anderen Konzerten seiner Gattung, kommt dem begleitenden Orchester eine deutlich größere Bedeutung zu, dies jedoch vorrangig nur im ersten Satz. Oftmals agiert es hier deutlich im Vordergrund, was dem Konzert einen symphonischen Charakter gibt. Die orchestrale Dynamik ist dabei sehr fordernd und verlangt einen sensitiven Dirigenten. Und doch hat Sibelius, der selbst ein sehr guter Geiger war, perfekt für die Violine geschrieben und seine kompositorische Handschrift meisterhaft zu Geltung gebracht.

Die heutige Popularität ist dem großen Geigen Virtuosen Jascha Heifetz zu danken, der sich immens für dieses Werk einsetzte.

Jeder Interpret wird maximal gefordert durch die schweren Anforderungen. Unzählige Doppelgriffe, schwierigste Intervallfolgen und ausgeprägte Kantabilität müssen bewältigt werden.

Solist des Abends war der Deutsch-Amerikaner Augustin Hadelich. Er konzertiert als Solist und Kammermusiker. Seine internationale Karriere ist beeindruckend und führte ihn zu zahlreichen internationalen Orchestern. Ebenso umfassend ist sein Repertoire vom Standard-Repertoire bis hin zu zeitgenössischer Musik. Beeindruckend auch seine zahlreichen CD-Einspielungen.

Augustin Hadelich war d e r große Glücksgriff des Abends, ein Garant des musikalischen Lichts, voller Hingabe und Demut! Was für ein Künstler!

Der erste Satz begann mit großer Ruhe und einem kaum hörbaren Flimmern in den Streichern. Weigle zauberte einen fast lautlosen Beginn. Hadelich fand darin sofort einen sehr besonderen schwebenden und doch zugleich äußerst intensiven Ton auf seiner Geige und zog damit den Zuhörer intensiv in seinen Bann. Mit größter Musikalität beeindruckte seine dynamische Bandbreite, die vom extremen Pianissimo bis ins kraftvolle Forte nahtlos gesteigert wurde. Hadelich wurde ganz eins mit jeder Note und fühlte sich tief in den Notentext hinein. Sichtbar verschmolz er mit jeder Note dieses herrlichen Werkes.

Höhepunkt war das sehr innig vorgetragene Adagio. In wunderbar breiten Kantilenen wurde das Hauptthema ausgestaltet, so dass es tief berührte. Die Violine sang betörend ihr Lied der Sehnsucht und der Seelentiefe des Solisten.

Der Kontrast dann im Schlusssatz war groß. Hadelich zeigte nun mit größter Spielfertigkeit sein virtuoses Können und betonte deutlich rhythmisch tänzerischen Grundcharakter. Alles wirkte derart leicht und spielerisch umgesetzt! Große, kaum stillbare Begeisterung für diesen Virtuosen!

Sebastian Weigle war ein vorbildlicher Begleiter mit seinem makellos musizierenden Orchester. Weigle setzte in seiner Gestaltung weniger auf deutliche Kontraste, sondern vor allem auf die große Melodielinie und klare Transparenz. Sehr pointiert arbeitete er den tänzerischen Rhythmus im dritten Satz heraus, sekundiert von der mit Holzschlägeln gespielten Pauke. Natürlich konnte er auch zupackend musizieren und das Orchester mächtig aufwallen lassen. Diese Augenblicke hob sich Weigle stets für die Momente auf, wenn das Orchester allein spielte. Kaum trat der Solist hinzu, zog das Orchester zurück. Weigle achtete mit größter Sorgfalt auf eine perfekte dynamische Balance zwischen Solisten und Orchester. Dirigent, Orchester und Solist harmonierten prächtig miteinander. Selten gerät das Miteinander derart beglückend.

Viel Jubel für den wunderbaren Musiker Augustin Hadelich, der seine große spielerische Klasse mit einer Zugabe von J.S.Bach bewies. Er spielte das Präludium aus der dritten Partita.

Sie ist ein seltener Gast im Konzertsaal: Anton Bruckners Sinfonie No. 1, 1866 in Linz entstanden und 1868 uraufgeführt. Bruckner schrieb zwei Fassungen.

Am häufigsten wird die sog. „Linzer Fassung“ aufgeführt. 1891 entstand die sog. „Wiener Fassung“, die verschiedenen Retuschen beinhaltet und in Teilen anders instrumentiert ist. Mit gut 50 Minuten zählt diese Sinfonie zu den kürzeren Werken des Linzer Meisters. Interessant ist auch der Verzicht auf die Tuba, was den Blechbläsern einen schlankeren Klang verleiht.

Nervöse Unruhe am Beginn, leise beginnen die Bässe mit einer marschähnlichen Melodie. Holzbläser und Hörner präsentieren ein zweites Thema. Immer wieder dazu neue starke Einwürfe der Blechbläser, kulminierend in einer prächtigen Coda. Packend und jugendlich ungestüm.

Das Adagio beginnt thematisch in den tiefen Streichern und Hörnern. Es sind die Streicher in langen Unisono-Bögen, die diesen kantabel gestalteten Satz tragen. Noch ist hier nichts von Bruckners späterer Meisterschaft zu ahnen, große Klangkathedralen zu schreiben. Sehr sanfte Dur-Akkorde beenden im Pianissimo diesen getragenen Satz.

Ein wild brausendes Scherzo schließt sich mit atemloser Hast an. Sicherlich der originellste Satz dieser Sinfonie und schon ganz ein echter Bruckner mit seinen wiederkehrenden Akkordschichtungen! Im Trio dann beruhigen dezente Hornrufe den Vorwärtsdrang. Auch hier beendet eine stürmische Coda dieses Furioso.

Der letzte Satz ist umfassend und bietet viel orchestrale Abwechslung. Fanfaren und immer wieder ein Vorausdrängen der Musik geben der Musik viel dynamische Wirkung. Wiederkehrende Ostinati und fugatoartige Passagen prägen dieses klangmächtige Finale. Am Ende steht eine prächtige C-Dur Coda.

Anton Bruckner und Sebastian Weigle passen sehr gut zusammen. Mit viel Energie und Engagement stürzte sich Weigle mit seinem ausdrucksstarken Orchester in dieses Werk. Stets drängte die Musik nach vorne und kam doch zumindest im zweiten Satz zur Ruhe. Weigle verfügt über einen untrüglichen Sinn, musikalische Bögen zu entwickeln und darin sinngebende Steigerungen aufzubauen. Klanglich stehen für ihn Durchhörbarkeit und Ausgewogenheit im Vordergrund. Alles hat seinen Preis und so tritt ein wenig die vorstellbare, artikulatorische Schärfe in den Hintergrund. Mögliche klangliche Ecken und Kanten, etwa in den beiden letzten Sätzen wurden abgemildert, was ein wenig im Widerspruch zu Weigles bezwingendem und überzeugenden Vorwärtsdrang stand. Nur ein Beispiel: würde die Pauke in beiden Sätzen mit härteren Schlägeln gespielt worden sein, dann wäre der rhythmische Impuls, der von diesem Instrument ausgeht, markanter gewesen.

In großer Spiellaune und hoher Konzentration verwöhnte das sehr engagiert musizierende Frankfurter Opern- und Museumsorchester das Frankfurter Publikum. Mit starker Leuchtkraft gefiel die große Streichergruppe, die die vielen durchaus heiklen Unisono-Momente souverän abbildete. Staunenswert sicher und klangschön intonierten die Blechbläser: schlank und weiträumig die Hörner, aufstrahlend sonor, Trompeten und Posaunen. Viel beschäftigt waren die Holzbläser, die mit sehr individuellen Farbschattierungen feinste Stimmungsmomente erzeugten. Hoch engagiert und mit großer Ausdauer begeisterte einmal mehr Tobias Kästle an der Pauke.

Anhaltende freudige Zustimmung für Sebastian Weigle und das Frankfurter Opern- und Museumsorchester. Eine schöne Geste war es zudem, sich bei dem langjährigen Bratschisten des Orchesters, Ludwig Hampe, zu bedanken, der nach 37 Jahren im Orchester sich in den wohl verdienten Ruhestand verabschiedet.

Dirk Schauß, 9.6.22

 

 

Rhythmisches Feuerwerk

Besuchtes Konzert in der Alten Oper Frankfurt am 24. Mai 2022

 

Orchestre de Paris

Igor Levit Klavier

Manfred Honeck Leitung

Maurice Ravel La Valse. Poème chorégraphique

George Gershwin Concerto in F für Klavier und Orchester

Béla Bartók Konzert für Orchester Sz 116

 

Ein packendes Konzert mit mancher Überraschung konnten die zahlreichen Zuhörer beim jüngsten Orchesterkonzert erleben, dass die ProArte Konzertdirektion in der Alten Oper veranstaltete.

Im Zeichen des Rhythmus stand das diesjährige Gastspiel des Orchestre de Paris unter der Leitung von Gast-Dirigent Manfred Honeck.

Im Jahr 1920 verwirklichte Maurice Ravel seine Apotheose auf den Wiener Walzer in seiner Komposition „La valse“. Ursprünglich lautete der Titel für sein Werk „Wien“.

Zudem hat Ravel dafür ein Programm vorgesehen:

„Flüchtig lassen sich durch schwebende Nebelschleier hindurch walzertanzende Paare erkennen. Nach und nach lösen sich die Schleier auf: man erblickt einen riesigen Saal mit zahllosen im Kreise wirbelnden Menschen. Die Szene erhellt sich zunehmend; plötzlich erstrahlen die Kronleuchter in hellem Glanz. Eine kaiserliche Residenz um 1855. Nach und nach treten an die Stelle der Walzerseligkeit verzerrte Rhythmen und dissonante Harmonien. Das Stück endet in einem Ausbruch von Gewalt und Chaos.“

Ein spannender Beginn also für das Orchestre de Paris, seine besondere Kompetenz, gerade in der französischen Orchestermusik, beeindruckend zu demonstrieren. Doch was war das? Dieser düstere, grummelnde Beginn! Diese Sache geht nicht gut aus! Selten ist das Apokalyptische derart greifbar zu erleben.

Manfred Honeck achtete in seiner Interpretation daher vor allem auf die finstere Doppelbödigkeit, so dass das im Chaos endende Finale als Bedrohung jederzeit gegenwärtig war. Wie aus dem Nichts ließ er die Streicher in sanften Wellenbewegungen phrasieren, um dann in z.T. harten, schroffen Sforzati-Einwürfen die Schönheit aufzubrechen. Süffig und doch sämig wickelten die Streicher die Zuhörer um den Finger. Offensiv und zupackend agierten die Schlagzeuger punktgenau. Herrlich, wie im vollen Walzertaumel die Tuba knarzte. Nein, das war bewusst kein Schönklang, sondern tönender Subtext, ein Tanz auf dem Vulkan.  Die orgiastische Steigerung am Schluss mit den wilden Schlagzeugern geriet diabolisch umwerfend. Ein begeisternder Aufschrei des Publikums war die Antwort auf diese sehr surreal anmutende Musik, die so packend interpretiert wurde. Es war schon verblüffend, die gestalterische Kreativität und mitreißende Spielfreude des Elite Klangkörpers aus Paris zu erleben. Immer auf Risiko zielend und fortwährend eine spannende Geschichte erzählen, das ist eine der Kernkompetenzen des meisterlichen Dirigenten Manfred Honeck.

Viel zu selten steht das großartige Klavierkonzert von George Gershwin auf dem Programm der Konzerthäuser. Es gehört mit Abstand zu seinen besten Werken, welches er zudem selbst orchestrierte. Dies ist umso bemerkenswerter, da Gershwin auf diesem Gebiet Autodidakt war. Das 1925 uraufgeführte Werk vereint die klassische dreisätzige Form mit vielerlei Jazzelementen. Eine perfekte Synthese also aus Klassik und Jazz.

Das Werk beginnt mit einem Paukensolo, sekundiert von großer und kleiner Trommel sowie Becken. Reizvolle Jazzmelodien bestimmen diesen ersten Satz, der aber auch von großen Kantilenen getragen wird. Dabei werden Reminiszenzen an Sergej Rachmaninows Klavierschaffen wach.

Das herrliche Adagio gibt nach kurzem unentschlossenem Beginn der Solotrompete reichlich Gelegenheit für ein intensives traumverhangenes Solo, bluesig umrahmt vom Orchester. Dem Klavierpart kommen als Kontrast wieder die Jazzfärbungen zu.

Furios stürmt das beschließende Allegro Agitato in den dritten Satz. Anklänge an den Ragtime sind deutlich zu vernehmen. Orchester und Klavier übertreffen sich immer wieder mit neuen spannenden Einfällen. Jubelnd endet dieses Konzert mit einem hinreißenden F-Dur-Sextakkord.

Solist des Abends war der viel beschäftigte Pianist Igor Levit. Und hier falle ich mit der Tür ins Haus: eine große Enttäuschung!

Auf der Habenseite stand seine technische Souveränität und dynamische Sensibilität, die in der Kadenz zu manch schönem Ruhemoment führte. Gestalterisch wusste Levit hingegen so gar nichts zu erzählen. Akademisch, brav absolvierte er zurückhaltend seinen Solopart, ohne auch nur einen Augenblick der endlosen Gestaltungsmöglichkeiten aufzugreifen. Dies war umso bedauerlicher, da das Orchestre de Paris schmerzhaft aufzeigte, wie es geht und was beim Solisten fehlte.

Selten tritt der Orchesterpart dieses Konzertes derart prominent in den Vordergrund, wie an diesem Abend. Mit großer symphonischer Geste entfesselte Manfred Honeck eine hinreißende Bandbreite an Farben und rhythmischen Akzenten. Jazzige Elemente und Groove gaben der Musik alles, was ihr gebührte. Schon die sehr offensiv eingesetzte Pauke am Beginn gab den Rahmen vor: Spannung pur!

Und das Orchester warf sich mit vielen witzigen Ideen die kreativen Impulse zu. Levit vermochte diese nicht erkennbar aufzunehmen, wirkte vereinzelt in seinem Spiel, nicht wirklich eingebunden. Dann wieder agierte er derart zurückhaltend, dass man sich an manchen Big Band Sound mit obligatem Klavier erinnert fühlte. Schade.

Höhepunkt dieser Darbietung war der zweite Satz mit superben Soli bei den Bläsern. Mit leicht angedeutetem Vibrato zelebrierte der Solotrompeter seine sehnsuchtsvolle Weise. Zuvor ertönte aus dem Nichts in lupenreiner Intonation ein magisches Crescendo im Solo-Horn, welches hinreißend an der Grenze der Spielbarkeit perfekt wiedergegeben wurde.

Furios trieb Honeck dann sein Orchester in das beschließende Rondo und entfesselte hier noch einmal alle Energien. Igor Levit absolvierte hier seinen fordernden Part mit lockerer Hand, kam aber auch hier über gediegene technische Routine nicht hinaus. Dieser Eindruck verfestigte sich dann auch in seiner Zugabe, Gershwins Welthit „The man I love“, welche von Levit überraschend charmebefreit gespielt wurde.

Im Jahr 1943 schrieb Bela Bartók mit dem „Konzert für Orchester“ eines seiner beliebtesten Orchesterwerke. Die letztmalig aufkeimende Schaffenskraft des seinerzeit schwerkranken Meisters bündelt noch einmal alle kreativen Potentiale zu seinem orchestralen Schwanengesang.

Das Werk ist in fünf Sätze unterteilt und bewusst keine Sinfonie. Bartók sah in seiner Komposition den Rahmen gesetzt, verschiedenen Soloinstrumenten Gelegenheit für virtuose Ausgestaltung zu gewähren.

Sein Werk feiert den Rhythmus in verschiedenen Formgebungen. Dabei treten zuhauf vielerlei grelle Klangeffekte in den Vordergrund. Ruhepunkte, die zuweilen an den Beginn seiner einzigen Oper „Herzog Blaubarts Burg“ denken lassen, sind dabei eher selten.

Erst im Intermezzo treten Kantilene in den Holzbläsern und Streichern in den Vordergrund. Dann ein harter Kontrast, denn nun lärmen schrille Zitate, wie z.B. aus Schostakowitschs 7. Sinfonie, in das Intermezzo hinein. Das berühmte Léhar Motiv „Da geh ich zu Maxim“ aus dessen „Lustiger Witwe“ wird heftigst karikiert, um dann wieder mit feinsten Gesängen der Flöte und Oboe konterkariert zu werden. Mit einem furiosen Presto Feuerwerk und Folkloreelementen endet das Werk unaufhaltsam brausend und stürmisch.

Manfred Honeck und das Orchestre de Paris bündelten für das schwere und komplexe Werk alle verfügbaren Kräfte. Vom kaum hörbaren Pianissimo bis zum lärmenden Fortissimo wurde die gesamte Dynamik perfekt ausgereizt. In teilweise rasant zugespitzten Tempi konnten sich die Zuhörer abermals über die fantastische Klangqualität des Orchesters freuen. Diese basiert auf der außerordentlich hohen Virtuosität der Musiker. Mit großer Spielfreude und auch hier wieder dem so wichtigen Mut zum Risiko, begab sich das Orchester mit größter Hingabe in den instrumentalen Wettbewerb. Ein akustischer Superlativ jagte den nächsten: höher, schneller, lauter, leiser. Orchestrale Atemlosigkeit in spielerischer Vollendung, hier war sie zu erleben! Wunderbar und unwiderstehlich in seiner Wirkung!

Berechtigte große Begeisterung im Auditorium. Und Manfred Honeck hatte noch ein weiteres musikalisches Ass parat! Mit prächtigem Schmäh präsentierte er als Zugabe noch eine gekürzte Walzerfolge aus dem „Rosenkavalier“ von Richard Strauss.

Nun kochte die Begeisterung in intensiven Huldigungen über. MERCI!

Dirk Schauß

25. Mai 2022

 

 

Mit Ludwig am Tisch

Besuchtes Konzert in der Alten Oper am 19. Mai 2022

hr-Sinfonieorchester

Paavo Järvi Leitung

Jüri Reinvere Und müde vom Glück, fingen sie an zu tanzen

Jean Sibelius 7. Sinfonie C-Dur op. 105

Ludwig van Beethoven 8. Sinfonie F-Dur op. 93

 

Vier Jahre musste das Frankfurter Publikum auf ein Wiedersehen mit Paavo Järvi warten. Nun war es so weit! Und der ehemalige Chefdirigent, der heute Ehrendirigent des hr-Sinfonieorchesters ist, hatte ein kontrastreiches Programm vorbereitet.

Der Beginn des Konzertes verzögerte sich, da zunächst die Trompeter des Orchesters nicht anwesend waren und dann nach einer Viertelstunde doch noch den Weg aufs Podium fanden.

Endlich konnte Paavo Järvi auftreten. Doch am Pult angekommen, schaute er intensiv auf die dort liegende Partitur. Er schüttelte den Kopf, das falsche Stück! Järvi trat wieder ab und kehrte dann nach wenigen Minuten mit der richtigen Partitur wieder zurück. Nun konnte es losgehen.

 

Am Beginn stand die dreiteilige Komposition „Und müde vom Glück, fingen wir an zu tanzen“ des Esten Jüri Reinvere. Es war die deutsche Erstaufführung des Werkes, das Paavo Järvi 2018 mit dem Estischen Festivalorchester uraufgeführt hatte.

Reinveres Schaffen ist sehr stark von philosophischen Fragen geprägt. Zivilisationsmüdigkeit, der Niedergang der kulturellen Werte, Undankbarkeit und Verantwortungslosigkeit einer zunehmend degenerierten Gesellschaft waren die Gefühlsaspekte beim Entstehen dieser dreiteiligen Komposition. Die drei Sätze tragen programmatische Titel: „Schatten im Spiegel“, „Bewegung des Wartens“ und „Entbehrung und Verlangen“.

Reinveres Musik bietet ein üppiges Kaleidoskop intensiver Farben. Der große Orchesterapparat wird von ihm gekonnt eingesetzt. Natürlich zeigt die Musik Härten und Dissonanzen auf. Spannend sind dabei die zahlreichen Ruhepunkte, zu den Reinvere findet. Hier dürfen Streicher und Bläser dann durchaus auch zu kantablen Momenten finden. Faszinierend ist der äußerst raffinierte Einsatz des vielfältig eingesetzten Schlagzeugs. Atmosphärische Landschaften entstehen, die dann durch stampfende Rhythmen konterkariert werden. 

Sehr gekonnt geriet ihm die Instrumentierung seiner komplexen und doch fassbaren Komposition. Das hr-Sinfonieorchester spielte bereits hier groß auf und zeigte mit höchstem Engagement seine spieltechnische Klasse. Mit überragender Souveränität führte Paavo Järvi sein Orchester durch dieses spannende Werk. Das Publikum zeigte deutlich seine Zustimmung, über die sich der anwesende Komponist freuen durfte.

Danach stand die 7. und letzte Sinfonie von Jean Sibelius auf dem Programm. Sein symphonischer Schwanengesang, uraufgeführt 1924, nimmt eine Sonderstellung ein. Zum einen enthält das Werk nur einen Satz und ist weniger als eine halbe Stunde lang. Ursprünglich war diese Sinfonie viersätzig angedacht, was Sibelius jedoch verwarf.

Vieles an diesem Werk ist anders. Sibelius entwickelte große choralartige Melodiefolgen in prachtvollen Akkorden, die durchaus in der Nachfolge Bruckners stehen. Besonders deutlich wird das in den exponiert geforderten Posaunen.

Im Gegensatz dazu die herrlichen pastoralen Klänge der Holzbläser und edlen Kantilenen in den Streichern. Dieses Werk hat etwas Endgültiges an sich. Sibelius spürte, damals 58-jährig, dass seine schöpferische Kraft ermüdete.

1926 folgte noch sein letztes Orchesterwerk Tapiola. Bis zu seinem 91. Lebensjahr hüllte sich fortan der große Meister in kompositorisches Schweigen.

Paavo Järvi hat von jeher eine intensive Beziehung zur Musik von Jean Sibelius. Für ihn zählt die 7. Sinfonie zu seinen absoluten Lieblingswerken. Und so war es nicht verwunderlich, dass Järvi sich in seiner Interpretation für einen sehr emotionalen Zugang entschied.

Die Musik tönte als endloser, umarmender Gesang. In fein abgestufter Dynamik ließ Järvi die Themen formulieren und sorgte somit für äußerst intensive Hörmomente. Dieses Werk ist derart klangreich in seiner Gestalt, so dass sich die gut 22 Minuten beinahe doppelt so lange anfühlen, weil die Musik eine äußerst intensive Klangsprache gebraucht.

Das hr-Sinfonieorchester saß auf der Stuhlkannte und beschenkte die Zuhörer mit einer Darbietung von größter Überzeugung. Die Streichergruppe spielte mit intensivem Ton, unterstützt von den frei phrasierenden Holzbläsern. Die Blechbläser, hier vor allem die hinreißenden Posaunen, verwöhnten mit herrlicher klanglicher Noblesse.

Järvi tauchte immer wieder aufs Neue mit dem Orchester in die intensiven Klangwogen ein. Den größten Moment hat sich Sibelius für den Schluss der Sinfonie aufgehoben. Eine letzte Woge im strahlenden, auflösenden, befreienden C-Dur. Ausatmen, es ist vollbracht, Amen!

Eine wunderbare Aufführung des hr-Sinfonieorchesters und Paavo Järvi!

In den Jahren 1811 und 1812 schrieb Ludwig van Beethoven seine achte Sinfonie. Ein Werk voller Lebensfreude und Licht. Zudem gesellen sich Witz und Originalität mit vielen leisen Momenten, Joseph Haydn lässt grüßen.

Mit großem Elan und merklicher Spielfreude stürzte sich das hr-Sinfonieorchester in diese Sinfonie. Järvi wählte durchgängig zügige Tempi. Die Akzente waren hinreichend trocken und ruppig. Auch wenn es sich bei dieser Sinfonie um absolute Musik handelt, so ließ Järvi keinen Zweifel daran, eine heitere Geschichte aus dem Leben des Meister Komponisten zu rekapitulieren. Ja, zeitweilig konnte man denken, Ludwig van Beethoven säße einem am Tisch gegenüber. Järvi schärfte intensiv den Spielwitz, so dehnte er beispielsweise die exponierten Pausen im vierten Satz, was die Spannung immens steigerte. Und auch hier bei Beethoven war das großartig aufspielende hr-Sinfonieorchester ganz in seinem spielerischen Element und realisierte eine spritzige, lebensfreudige Aufführung. Es war vor allem eine Ensembleleistung des Orchesters, mit spielerischer Perfektion, die am Ende viel berechtigte Begeisterung beim Publikum hervorrief.

Dirk Schauß

20. Mai 2022

 

Freudenfest für Mahler

Besuchtes Konzert in der Alten Oper Frankfurt am 17. Mai 2022

 

Orchester der Mailänder Scala

Riccardo Chailly Leitung

Ray Chen Violine

Felix Mendelssohn Bartholdy Violinkonzert e-Moll op. 64

Gustav Mahler Sinfonie Nr. 1 D-Dur

 

Ein besonderes Gastspiel präsentierte die Pro Arte Konzertdirektion in der Alten Oper mit dem Orchester der Mailänder Scala unter Leitung seines Chefdirigenten Riccardo Chailly. Mendelssohn und Mahler gehören seither zum Kernrepertoire des italienischen Maestros. Und so war die Vorfreude auf dieses Konzert besonders groß.

Im Jahr 1845 wurde das Violinkonzert von Felix Mendelssohn Bartholdy uraufgeführt und gilt seither als eines der meistgespielten Konzerte seiner Gattung. Der nahtlose Übergang der ersten beiden Sätze oder die vorgezogene Kadenz waren besondere Neuerungen dieser Komposition.

Der in Taiwan geborene und in Australien aufgewachsene Solist des Abends, Ray Chen, trat bereits mit vier Jahren auf und ist Preisträger unzähliger Wettbewerbe. Chen ist ein außergewöhnlicher Geiger, betont kommunikationsfreudig und dazu mit einer stupenden Technik gesegnet.

Seit jeher spielt Chen auf Stradivari Violinen, so auch gegenwärtig auf einem Instrument aus dem Jahr 1735. Sehr vollmundig im körperreichen Ton gab Chen seinem Solopart eine ausgeprägte Prominenz. Mit emotionaler Tiefe und einem feinen Gespür für die kantablen Momente zelebrierte er feinste Phrasierungen. Immer wieder spürte er den Klängen nach, um dann neue Spannungsbögen zu formulieren. Mit langem Atem und tiefer Anteilnahme gelangen ihm bewegende Momente, vor allem im gefühlvollen zweiten Satz, der eine große Innigkeit erfuhr. Voller Schalk, Virtuosität und Spielwitz stürmte Chen durch das Finale. Dabei erzählte sein expressives Mienenspiel intensiv den Gefühlsverlauf seiner Interpretation, sekundiert durch seinen vollen Körpereinsatz. Fortwährend suchte Chen den Kontakt zum Orchester und letztlich war es vor allem der nonverbale Dialog zwischen Chen und dem Dirigenten des Abends, Riccardo Chailly. Das Orchester der Mailänder Scala, mit einer herausragenden Klangkultur agierend, spielte äußerst selbstbewusst und war hier ein sehr starker Partner, der immer wieder symphonisch auftrumpfend erklang. Das Zusammenspiel klappte vorzüglich und so gab es am Ende des Konzertes große Begeisterung. Ray Chen bedankte sich mit zwei hinreißenden Zugaben von Paganini und Bach, die er sehr gut verständlich ansagte.

1899 erhielt die 1. Sinfonie Gustav Mahlers ihre finale Gestalt. Mahler kämpfte lange mit dieser Komposition. Zunächst war sie als symphonische Dichtung vorgesehen. Ein Programm wurde formuliert und wieder verworfen, ebenso die ursprüngliche fünfsätzige Form mit dem sog. „Blumine“-Satz.

In dieser Sinfonie verarbeitete Mahler eine Reihe seiner Wunderhorn Lieder. Seine große Vorliebe für Naturstimmungen findet sich in dem hinreißenden ersten Satz wieder, faszinierender wurde das Erwachen der Natur nie in Töne gesetzt. Ein „a“ in sechs Oktaven in den Streichern erzeugen ein mystisches Flimmern. Dann ertönt das zentrale Intervall der Sinfonie: die absteigende Quarte.

Vogelstimmen, ferne Fanfaren, volkstümliche Weisen, ironische Brechungen, Trauermarsch und Apotheose sind typische Stilelemente seiner Sinfonien, so auch hier. Und wie überwältigend ist der Sonnenaufgang im strahlenden D-Dur am Ende des ersten Satzes! Die Musik stürmt wild nach vorne. Immer vorwärts!

Welch ein Kontrast im folgenden bäuerlichen Ländler, bis ein Trio mit Streicher Glissandi eine Oase für den Zuhörer errichtet, in der Zeit und Raum sich aufzuheben scheinen.

Unheimlich dunkel dann der Moll-Kanon des „Bruder Jacobs“ im dritten Satz mit jüdisch folkloristischen Elementen in den Bläsern, kontrastiert von einer vorbeiziehenden böhmischen Blaskapelle.

Mit einem gewaltigen Aufschrei im Orchester wird die Grabesstimmung auseinandergerissen. Wild aufbäumend wird gegen das Schicksal aufbegehrt. Aus einer anderen Welt kehren die Streicher dann überaus tröstend zurück. Dann wieder unbarmherzige Grausamkeit des Lebenskampfes und doch plötzlich Hoffnung in der Musik. Aus der Dunkelheit ins Licht, in die Apotheose. Berauschender Freudentaumel in Musik!

Es war eine große Stunde, ein akustisches Fest für Gustav Mahler, welches das hingebungsvoll musizierende Orchester der Mailänder Scala darbot. Die überragende Klangkultur zeigte sich bereits am Beginn, im feinsten Pianissimo. Chailly beschwor hier mustergültig das Erwachen der Natur. Jede Vogelstimme erhielt einen eigenen Akzent. Sehr luftig, weit ausschwingend ließ Chailly die Natur erwachen. Größte Spannung dann mit dem Einsatz der großen Trommel, die herrlich wuchtig mit leisen Schlägen, die Stimmung eintrübte, bevor sie durch die gewaltige Kulmination mit prasselnden Beckenschlägen vertrieben wurde. Euphorisch strahlende Hörner erzeugten einen Überschwang der Gefühle mit äußerster Intensität. Was für ein Beginn!

Saftig derb agierte der große Streicherapparat im Ländler des zweiten Satzes. Mit bestechendem Schwung zog dieser herrliche Satz am Ohr des Zuhörers vorbei. Chailly machte sich am Satzende eine Ergänzung des Mahler Dirigenten Willem Mengelberg zu eigen, in welchem dieser der Pauke noch einige Takte zugestand.

Wunderbar vielschichtig in der Farbgebung geriet der Kanon des dritten Satzes, ebenso das getragene Trio. Die akustische Welt, in Trauerflor gehüllt, stand plötzlich still.

Chaillys überragende Fähigkeit, über allem einen einzigen großen Bogen zu spannen, zeigte sich dann besonders eindrucksvoll im vierten Satz. Mit größter Vehemenz öffnete er die Pforten der Hölle und Verzweiflung, ließ das Orchester stürmen und brausen, um es dann wieder beruhigend einzufangen. Alle verbliebenen dynamischen Reserven mobilisierte Chailly für eine Schluss-Apotheose des Lichtes, die die Zuhörer förmlich aus den Sitzen hob.

Das Orchester der Mailänder Scala verwöhnte die Zuhörer mit einer splendiden Klangintensität in allen Gruppen. Die Streicher begeisterten mit kammermusikalischer Akkuratesse, ebenso im vollmundigen Forte Spiel. Die Holzbläser waren vielschichtig in ihrer Charakterisierung, während die Blechbläser mit großer dynamischer Bandbreite begeisterten. Vor allem die Hörner konnten im vierten Satz noch gewaltig zulegen, so dass deren Choral am Satzende einer der vielen Höhepunkte war. Ausgezeichnet die präzise und mutig agierende Gruppe der Schlagzeuger.

Zudem war es eine besonders gute und kluge Idee, das riesige Orchester auf mehrere Ebenen zu staffeln. Auf diese Weise war der Tutti Klang stets durchsichtig und detailreich.

Riccardo Chailly dirigierte mit größtem Engagement und tiefem Wissen um die Besonderheiten der Musik von Gustav Mahler. Er ist einer der wenigen großen Mahler Dirigenten der heutigen Zeit.

Das Publikum war absolut hingerissen und feierte alle Beteiligten mit ausdauerndem Jubel.

 

Dirk Schauß

18. Mai 2022

 

 

HÖCHSTES GLÜCK

Besuchtes Konzert in der Alten Oper Frankfurt am 12. Mai 2022

 

Robert Schumann – Klavierkonzert a-moll op. 54

Richard Strauss – Ein Heldenleben op. 40

 

Symphonieorchester des Bayerischen Rundfunks

Solistin: Beatrice Rana

Leitung: Yannick Nézet-Séguin

 

Es gibt Konzertabende, die bereits vor dem Beginn ihre Einzigartigkeit als Atmosphäre verbreiten. Lange mussten die Frankfurter Zuhörer warten, um einmal wieder Bayerns Eliteorchester, das Symphonieorchester des Bayerischen Rundfunks, zu erleben. Nun war es endlich so weit. Intendant Markus Fein ließ es sich nicht nehmen, das Orchester auf dem Podium der Alten Oper vorab persönlich zu begrüßen und alle Konzertgäste angesichts des freudigen Ereignisses nach dem Konzert zu einem Freigetränk einzuladen. Eine schöne Geste! Zudem wurde der Konzertabend auf eine Großbildleinwand auf den Vorplatz der Alten Oper gratis übertragen.

 

Robert Schumanns Klavierkonzert gilt als eines der Schlüsselwerke der romantischen Klavierkonzert-Musik. Es war ein quälender Schaffensprozess für den Komponisten, der unendlich viel Zeit aufwendete. Nach gut fünf Jahren Entstehungszeit wurde es im Jahr 1845 uraufgeführt. Der große Reichtum der melodischen Entwicklung im Klavier- und Orchestersatz begeistert und fasziniert bis heute das Publikum. Hierzu bedarf es aber dann auch einer künstlerischen Umsetzung, die den bei Schumann häufig anzutreffenden musikalischen Subtext miterzählt.

 

Und das Publikum der Alten Oper hatte das große Glück, die italienische Ausnahmepianistin Beatrice Rana zu erleben. Sie schenkte dem Publikum musikalische Momente von tiefster Empfindung. Rana hat dieses Konzert bereits oft gespielt. In jedem Augenblick ihres ausdrucksvollen Spiels war diese Erfahrung zu erleben. Mit größter Musikalität und höchst sensiblem Anschlag phrasierte sie die groß angelegten Melodiebögen. Immer wieder lauschte sie ihrem eigenen Tastenspiel als würde sie Zwiesprache mit ihren Händen halten. Die Themen waren sehr gut strukturiert und natürlich stand ihr in der Kadenz ihre perfekte Virtuosität zur Verfügung. Diese wurde aber letztlich nur als Mittel eingesetzt, um ein Resümee der vorausgegangenen musikalischen Gedanken zu formulieren.

 

Im „Intermezzo“ stand die Zeit still. Frieden, poetischer Zauber und Weiträumigkeit in den sanften Akkordfarben.

 

Lebensfreude pur mit großem Enthusiasmus vorgetragen im beschließenden Allegro vivace des dritten Satzes. Wunderbar waren Hauptstimme und Nebenthemen nachzuvollziehen. Jeder Ton, jeder Akkord blitzte und strahlte, stets mit großer Empfindung entwickelt. Und wie gekonnt war die Ausgestaltung der Dynamik in ihrem Spiel, das war Weltklasse!

 

Herausragend war die ausgeprägte Harmonie zwischen Rana und dem Symphonieorchester des Bayerischen Rundfunks. Zu keinem Zeitpunkt entstand der Eindruck, dass hier zwei musikalische Parteien miteinander im Dialog stehen. Stattdessen gab es die komplette Verschmelzung zu erleben. Orchester und Solistin waren eins. Dies zeigte sich in der perfekten Synchronität des Zusammenspiels.

 

Yannick Nézet-Séguin achtete äußerst wachsam darauf, dass seine Solistin sich maximal getragen fühlt und gab ihr alle Freiheiten für ihre pianistische Zauberei.

Und bereits hier musizierte das Symphonieorchester des Bayerischen Rundfunks mit größtem Engagement und einer unüberbietbaren Klangkultur. Überwältigend in ihrer klanglichen Gestalt sorgten die hingebungsvollen Holzbläser für erste Wonneschauer. Und es machte große Freude zu sehen, wie wichtig es dem Orchester war, sehr genau auf seine Solistin zu hören.

 

Was für ein herrlicher Beginn in diesen so besonderen Konzertabend! Das Publikum reagierte mit großer Begeisterung, worauf sich Beatrice Rana mit einer Zugabe „Der Schwan“ (Karneval der Tiere von Saint-Saens) bedankte.

 

Am 03. März 1899 führte das Frankfurter Opern- und Museumsorchester unter Leitung von Richard Strauss erstmals dessen Tondichtung „Ein Heldenleben“ auf. Ursprünglich hinterlegte Strauss für die sechs Abschnitte konkrete programmatische Satzbezeichnungen, die er aber dann wieder entfernte. Leitmotive tragen erheblich zur Orientierung dieser sehr komplexen Partitur bei.

 

Der einleitende Satz „Der Held“ beginnt mit martialischer Lebenslust und intensivem Vorwärtsdrang. Ein optimistischer, kraftvoller Held betritt die Bühne.

 

Disharmonisch, lautmalerisch krächzend und quäkend traten dann „Des Helden Widersacher“ in Erscheinung. Ein „Loblied“ auf die Kritiker, namentlich auf den gefürchteten Eduard Hanslick, der auch bereits bei Richard Wagner einen bleibenden Eindruck hinterließ.

 

Der dritte Satz „Des Helden Gefährtin“ schlägt einen anderen Weg ein. Hier hat die Solovioline ausgiebig Zeit, ihren Zauber zu entfalten. Und so erleben wir neben Wohlklang auch allerlei ironische Brechungen, die Musik klingt plötzlich kratzbürstig, ja zickig. Offenkundig ein treffendes musikalisches Portrait der Komponisten Gattin Pauline.

 

In „Des Helden Walstatt“ befinden wir uns auf dem Kriegsschauplatz. Schlagzeug und gewaltige Blechbläsersalven haben ihren großen Auftritt. Musikalische Heerscharen bekämpfen sich lärmend und dröhnend, bis am Ende dieses Satzes der Held sich majestätisch emporschwingt.

 

Erstaunlich dann der fünfte Satz „Des Helden Friedenswerke“, in welchem Richard Strauss eine Vielzahl seiner Werke zitiert, so z.B. „Also sprach Zarathustra“ und vor allem „Don Juan“ mit dem bekannten Hornthema.

 

Im beschließenden Satz „Des Helden Weltflucht und Vollendung“ werden die wichtigsten Motive aus der Komposition nochmals zusammengeführt. Kurz ist das Schlachtengetümmel wieder zu vernehmen, bis am Ende in sensiblen Holzbläserfärbungen dann die Solovioline mit dem vollen Orchesterklang in ein großes beschließendes Crescendo aufsteigt.

 

Begann der Konzertabend bereits mit einer Sternstunde, so konnte das großartige Symphonieorchester des Bayerischen Rundfunks nahtlos daran anknüpfen.

Es beschenkte seine Zuhörer mit einer perfekten Wiedergabe dieser komplexen Partitur, bei der einfach alles stimmte.

 

Der große Streicherapparat erzeugte ein breites symphonisches Fundament mit überragender Klangkultur in intensivsten Farbgebungen.

Die ausgiebig geforderten Holz- und Blechbläser agierten mit höchster Konzentration und Kondition. Sensibel in den kantablen Momenten, dann wieder auftrumpfend edel, ohne jegliche Lärmerei.

Fein ausdifferenziert auch die hervorragende Gruppe der Schlagzeuger.

 

Und dieses superbe Orchester kann sich glücklich schätzen, Konzertmeister Anton Barakhovsky in seinen Reihen zu wissen. Sein ausgedehntes Violinsolo war der absolute Höhepunkt in dieser Interpretation des „Heldenlebens“.

Es ist zu simpel, die Perfektion von Barakhovskys Spiel zu feiern. Was seinen Vortrag so einzigartig machte, war seine völlige Hingabe an den musikalischen Moment, sein voller, intensiv leuchtender Ton seines Instrumentes. Immer wieder spielte er seine Phrasierungen direkt in das Auditorium hinein und demonstrierte dazu eine technische Überlegenheit, die kaum in ihrer Bedeutung adäquat gewürdigt werden kann. Ein Meistervirtuose mit tiefer Seele. Wunderbar!

 

Yannick Nézet-Séguin warf sich mit großer Vehemenz und vollem Körpereinsatz in die Komposition und befeuerte sein Orchester fortwährend mit großer Motivation. Diese nahmen sein Engagement mit größter Spielfreude auf und agierten völlig entfesselt, bar jeglicher Routine.

Es war immer zu spüren, hier ereignet sich ein ganz großer Konzertmoment, wie er sehr selten ist!

Yannick Nézet-Séguin entwickelte ein äußert sicheres Gespür für die Raumakustik. Jederzeit wusste er, wie weit er gehen kann. Gleichzeitig suchte er ebenso Ruhepunkte in der Musik auf und gab somit dem Orchester hinreichende Gelegenheiten, die Soli sehr frei auszuphrasieren.

 

Das Publikum lauschte und folgte mit hoher Konzentration dieser hinreißenden Darbietung. Und dann, ein weiterer magischer Moment. Nach dem gewaltigen Schluss Crescendo war es still, lange still. Was für ein Geschenk! Viele Menschen dürften gespürt haben, dass sie einen ganz besonderen Konzertmoment erleben durften.

 

Das Publikum geriet dann außer sich vor Begeisterung und feierte Orchester und Dirigent mit jubelnden Ovationen!

Eine Sternstunde. Höchstes Glück!

 

Dirk Schauß, 13. Mai 2022

© Alte Oper Frankfurt, Tibor Pluto.

 

Schatten und Licht

Alte Oper Frankfurt, 09. Mai 2022

 

Ludwig van Beethoven – Klavierkonzert No. 3 c-moll, op. 37

Dmitri Schostakowitsch – Sinfonie 10 c-moll op.93

 

Solist: Javier Perianes, Klavier

Frankfurter Oper- und Museumsorchester

Dirigentin: Anu Tali

Düsternis in Klängen in sehr unterschiedlicher Ausfertigung.

Das aktuelle Museumskonzert musste kurzfristig umdisponiert werden, da der ursprüngliche Dirigent Constantinos Carydis nicht zur Verfügung stand. Auch der Pianist Francesco Piemontesi musste absagen. Für ihn sprang der Spanier Javier Perianes ein. Geleitet wurde der Konzertabend von der estnischen Dirigentin Anu Tali.

Anstelle des zweiten Klavierkonzertes von Ludwig van Beethoven, gab es nun dessen drittes Klavierkonzert, Schostakowitschs zehnte Symphonie konnte dankenswerter Weise auf dem Programm verbleiben.

Beethovens Klavierkonzert aus dem Jahr 1803 nimmt eine Sonderstellung ein, da es das einzige Klavierkonzert in einer Moll Tonart ist. War sein zweites Klavierkonzert noch ganz der Wiener Klassik verhaftet und teilweise wie ein Dialog mit Mozart angelegt, so ist der Nachfolger wesentlich symphonischer angelegt. Reich im Ausdruck und Harmonie ist der zweite Largo Satz mit einem weiten Spektrum an Gefühlen. Keck und stolz dann das beschließende Rondo in seinem tänzerischen Rhythmus.

Der erste Teil des Konzerts in der gut besuchten Alten Oper geriet sehr zwiespältig. Und dies war vor allem dem Dirigat geschuldet. Seltsam uninspiriert, auf reine Begleitfunktion reduziert, sah sich das kultiviert tönende Frankfurter Opern- und Museumsorchester von Anu Tali interpretatorisch überhaupt nicht gefordert.

Schon die schwammige Einleitung verhieß nichts Gutes. Ohne Kontur, sehr defensiv in der Begleiter Rolle konnte das Dirigat zu keinem Zeitpunkt bei Beethoven überzeugen. Tali blieb für die gesamte Komposition bei diesem seltsamen Kurs. Auch das beschließende Rondo kam schwerfällig daher, ohne Witz und Charme. Sehr schade!

Am Klavier agierte sehr routiniert Javier Perianes nach ruppigem Start als musikalischer Sachwalter. Auch er benötigte eine recht lange Anlaufzeit, bis er mit dem Werk emotional verbunden wirkte. Erst in der überzeugend dargebotenen Kadenz des ersten Satzes wirkte Perianes angekommen. Ein Dialog zwischen Orchester und Soloinstrument war bedauerlicherweise nicht wirklich spürbar. Jeder spielte für sich.

Perianes Stärke an diesem Abend waren seine weichen, großen Legatobögen und vor allem die Dynamik jenseits der Fortestellen. Hier entstand eine schöne, natürliche Kantabilität. Daher war es vor allem der zweite Adagio Satz, den Perianes mit Ernst und Ruhe absolvierte, der überzeugte. Das beschließende Rondo war gänzlich ohne Charme und wirkt insgesamt hölzern in der Umsetzung. Perianes bedankte sich für den freundlichen Applaus mit der spanisch anmutenden Zugabe „Encore desconociba“.

Im Jahr 1953 fand die Uraufführung von Dmitrij Schostakowitschs zehnter Symphonie statt. Dieses Werk ist von zentraler Bedeutung. Hier wagt der Komponist sich aus der Deckung heraus und rechnet musikalisch mit dem Grauen der Stalin Zeit ab. Der weit ausschweifende erste Satz entwickelt ein Bild der Klage und des Wahnsinns.

Im zweiten Satz fährt ein brutales Scherzo durch die Ohren der Zuhörer. Ein Portrait Stalins soll damit gemeint sein. Und wahrlich, eine furchtbare, infernalische Fratze wird hier in Töne gemeißelt, die gleich einer Panzerkolonne im großen Crescendo alles platt walzt.

Eine Atempause gewährt der zurück genommene dritte Satz, der kontrastreich die Musik ins Kammermusikalische zurücknimmt.

Im vierten Satz folgt ein Wechselbad der Gefühle. Die einleitende Oboe zeichnet eine trügerische Idylle. Dann stürmt die Musik wieder furios davon, Marschelemente treiben die Musik unerbittlich in ihr furioses, hämmerndes Ende.

Schostakowitschs Sinfonie wirkt in ihrer Düsternis zunächst wenig zugänglich. Doch es ist faszinierend festzustellen, wie groß der Reichtum seiner Einfälle ist.

Zitate aus eigenen Werken (5. Sinfonie, Lady Macbeth von Mzensk) und von seinen Kollegen Britten, Mahler und Mussorgsky. Dazu eine große rhythmische Bandbreite, die Walzerelemente aufgreift und mit Passagen, die an Märsche denken lassen, konterkariert.

Wie war nun der Zugang von Anu Tali an diese knapp einstündige Sinfonie?

Um es vorwegzunehmen: ihr gelang eine überaus überzeugende Interpretation.

Und das war nach dem unguten Start mit Beethoven doch eine echte Überraschung! Das groß besetzte Frankfurter Opern- und Museumsorchester trumpfte mächtig auf und zeigte seine große Klasse in allen Spielgruppen.

Tali wirkte in ihrer sehr kontrollierten Körpersprache klar und souverän. Sie entfaltete eine immense Bandbreite an Farben und Gefühlen in der Musik. Dabei scheute sie keinerlei Extreme, ohne dabei ins Lärmen zu verfallen.

Die Herausforderung bei diesem Werk ist seine vielschichtige Unterteilung in immer wieder neue Themengruppen. Leicht kann es geschehen, dass die Sinfonie dann durchhängt. Nicht so bei Anu Tali, die erkennbar einen sehr klaren Interpretationsweg verfolgte, der auch das Publikum überzeugte. Die Begeisterung war groß für die Dirigentin und das Orchester.

Einmal mehr faszinierte an diesem Abend die stilistische Bandbreite, die hohe Flexibilität des Frankfurter Klangkörpers und die weit aufgefächerte Dynamik. Holz- und Blechbläser agierten mit Ausdauer und klanglicher Homogenität. Der groß besetzte Streicherapparat intonierte weich, sensibel und dann wieder auch sehr ruppig und brüsk, vor allem in den Bässen. Das exzellente Schlagzeug Ensemble hatte hörbare Freude an seinen exponierten Einsätzen.

Alles in allem ein würdiges und überzeugendes Plädoyer für die musikalische Größe von Dmitrij Schostakowitsch.

 

Dirk Schauß, 10. Mai 2022

 

PHILHARMONIA ORCHESTRA

GIOACCHINO ROSSINI (1792 – 1868)

OUVERTÜRE ZUR OPER „SEMIRAMIDE” (1823)

 

SERGEJ PROKOFJEW (1891 – 1953)

KLAVIERKONZERT NR. 2 G-MOLL OP. 16 (1913)

PIOTR ILJITSCH TSCHAIKOWSKY (1840 – 1893)

SINFONIE NR. 4 F-MOLL OP. 36 (1877 – 78)

 

SANTTU-MATIAS ROUVALI Leitung

SEONG-JIN CHO Klavier

 

Besuchtes Konzert in der Alten Oper Frankfurt am 08. Mai 2022

 

Welche Freude! Nach einer langen Auszeit ist es endlich so weit: die internationalen Orchester der Welt gastieren wieder in der Alten Oper Frankfurt. Mit großer Spannung wurde daher das diesjährige Gastspiel des Philharmonia Orchestra London erwartet. Am Pult stand dessen neuer finnischer Chefdirigent Santtu-Matias Rouvali.

Die Erwartungen waren sehr hoch, denn an gleicher Stelle gastierte vor über drei Jahren das Philharmonia Orchestra mit seinem damaligen Leiter Esa-Pekka Salonen und bescherte den Zuhörern eines der bewegendsten Konzerte der letzten Jahre.

 

 

Zu Beginn Lob und Dank an die Programmgestalter, die in dieser kriegswirren Zeit sich nicht von der Dummheit anstecken ließen, russische Musik vom Programm zu verbannen! Das Programm hatte nämlich einen russischen Schwerpunkt. Von daher überraschte ein wenig der Beginn mit einer Rossini Ouvertüre.

Unter Rossinis knapp 40 Opern nimmt „Semiramide“ eine Sonderstellung ein.

Herrlich instrumentiert, vor allem in den Holzbläsern und mit prägnanten Rhythmen versehen, kulminieren die einfallsreichen Melodien in spektakulären Crescendi.

Bereits hier gab es die erste Überraschung zu bestaunen. Heute ist es üblich, im Konzert Werke dieser Epoche mit reduziertem Orchester zu spielen. Ganz anders war es in Frankfurt, denn das Philharmonia Orchestra saß in voller Stärke auf dem Podium.

Es wunderte daher nicht, dass der Beginn ein wenig schwerfällig geriet. Rouvali musizierte diese Ouvertüre mit einer ungewöhnlichen Opulenz und dennoch blieb alles durchsichtig. Klanglich wertete dieser große Klang die Komposition deutlich auf, zumal Rouvali seine hörbare Freude an deutlichen Kontrasten hatte. Selten ist das Schlagzeug derart differenziert im Einsatz. Die Holzbläser brillierten mit ihren Soli und die Streicher agierten mit viel Brio und Lebensfreude.

Im Jahr 1913 erlebte das zweite Klavierkonzert von Sergej Prokofjew seine umstrittene Uraufführung. Das damals 22jährige Enfant terrible spielte es selbst und musste miterleben, wie der Großteil des Publikums völlig überfordert war, ein solch komplexes und kolossales Klavierkonzert zu erleben. Das Konzert überrascht durch seine ungewöhnliche Form von insgesamt vier Sätzen. Tradition und Moderne halten sich die Waage. Erzählerisch, teilweise spätromantisch in der Tonsprache am Beginn, dann wieder expressiv im aufgerissenen dissonanten Ausdruck. Dieses Konzert fordert Solist, Orchester und Zuhörer immens. Obwohl es vier Sätze gibt, gewährte der Komponist keinen Ruhepunkt. Permanent werden die Extreme gesucht.

 

 

Solist des Abends war der junge Südkoreaner Seong-Jin Cho. Frappierend in der technischen Perfektion und seiner Souveränität spielte er seinen hoch komplexen Part mit maximalem Einsatz.

In der Dynamik begann er zunächst verhalten, um dann in der ausufernden Kadenz des ersten Satzes einen brutalen Kampf der Elemente zu zelebrieren. Ein Krieg der Tasten, die linke Hand bekämpft die rechte Hand. Cho hämmerte die Sforzati mit großer Gewalt in den Steinway. Auf dem Höhepunkt spülte das Philharmonia Orchestra mit einer gigantischen Klangwoge die Kadenz hinweg. Rouvali suchte hier Dissonanzen zu steigern, was im sonoren Blech zu derben Klangballungen führte.

Die Mittelsätze erschienen wie atemlose Schnellzüge auf Tasten. Im letzten Satz dann noch einmal eine expressive Kadenz, die Cho souverän ausformulierte.

Begeisterung im Publikum, die mit einer kurzen kantablen Zugabe von Seon-Jin Cho belohnt wurde.

 

Hauptwerk des Abends: die vierte Symphonie von Pjotr I. Tschaikowsky, die in den Jahren 1876 bis 1878 entstand.

 

Es war eine schwere Zeit für den russischen Meister. Geplagt von seinen vielen Neurosen und seiner unterdrückten Homosexualität traten in dieser Periode zwei Frauen in sein Leben.

1877 heiratete er seine Schülerin Antonina Miliukova. Eine unglückliche Entscheidung, für Tschaikowsky, ein Schlag des Schicksals und so währte diese Farce nur wenige Wochen.

Eine glückliche Fügung in dieser Zeit war hingegen die Begegnung mit Nadeshda von Meck, die zu seiner größten Unterstützerin werden sollte. In unendlicher Fürsprache und wiederkehrender finanzieller Unterstützung wurde sie zu seinem Lichtpunkt in seiner düsteren Seele. Aus großer Dankbarkeit widmete er Frau von Meck seine vierte Symphonie.

Es ist ein Werk der größten Kontraste. Auf der einen Seite steht tiefste, dunkle Verzweiflung und auf der anderen Seite eine lärmende, gellende Lebensfreude, immer wieder durchschnitten durch das düstere Schicksalsmotiv. Der Komponist betrachtete es als Schatten des Lebens und so ist dieser Motivgedanke in seinen drei letzten Symphonien sehr präsent. Tschaikowsky formulierte ein Programm für diese Komposition, welches eher Gefühlszustände beschreibt. Und doch wurde es kein fester Bestandteil der Partitur.

Das Philharmonia Orchestra und Santtu-Matias Rouvali schufen mit einer herausragenden Interpretation den Höhepunkt des Abends. Ein schönes Geschenk für den Geburtstag des großen Komponisten am Tag zuvor.

Rouvali wirkte in seinem Dirigat klar und sachlich, keinerlei Mätzchen oder Eitelkeiten. Somit war der Kontrast denkbar groß zu seiner unaufgeregten Körpersprache und dem emotionalen Sturm, den er entfesselte.

Die Tempi waren gemessen, die Übergänge harmonisch empfunden und mit gezielten Rubati ließ Rouvali immer wieder die Musik innehalten. Emotional glühend und in den Höhepunkten mit gewaltigen Akzenten niederschmetternd, legte Rouvali deutlich die rhythmische Struktur der Komposition offen.

Im zweiten Satz gab er den hingebungsvollen Holzbläsern viel Raum für deren bewegende Zwiesprache.

Schattenhaft, jedoch gemäßigt schrill zog das irrlichternde Scherzo am Zuhörer vorbei.

Im letzten Satz vermied Rouvali jegliches Lärmen und gestaltete mit überlegener Dynamik ein furioses Ende.

Der Jubel für diese wunderbare Interpretation, die so ganz anders und eigen war, war groß und intensiv.

Natürlich gilt es die superbe Spielqualität des Philharmonia Orchestras zu loben, das in allen Instrumenten Gruppen mit fabelhaften Virtuosen besetzt ist. Die Streicher gefielen mit großem Phrasierungseifer und die Holzbläser agierten als sehr individuelle Farbtupfer. Die Blechbläser waren äußerst vielschichtig im dynamischen Ausdruck und der Intonationssicherheit. Hier muss vor allem der großartigen Gruppe der Hörner gehuldigt werden. Ein derart edler, weiter Klang bei perfekter Intonation ist äußerst selten. Pauke und übriges Schlagzeug zeigten eindrucksvoll, wie spannend gerade der letzte Satz wirken kann, wenn ein Dirigent diese Spielgruppe in den Fokus seiner Interpretation stellt. Wunderbar.

Rouvali ist erst seit kurzer Zeit Chef des Philharmonia Orchestras. Auch das zeigte sich an der ein oder anderen Stelle auf sympathische Weise. Im dritten Satz wirkte Rouvali für einen kurzen Moment unkonzentriert, so dass es einen kleinen Schmiss im Orchester gab. Beide Seiten konnten das sofort korrigieren. Auch gab es im letzten Satz Akkorde, die deutlich nicht zusammen waren. Hier werden sich Dirigent und Orchester noch besser synchronisieren. In jedem Fall ist Rouvali mehr als nur ein Hoffnungsträger. Er hat klare interpretatorische Vorstellungen, die keine Kopie sein wollen, sondern in der eigenen künstlerischen Überzeugung geankert sind.

Freuen wir uns also auf viele spannende Konzerterfahrung in dieser Koppelung! In den nächsten Monaten wird Rouvali mit dem Philharmonia Orchestra einige Symphonien von Gustav Mahler erstmals erarbeiten.

Ein schöner Konzertabend.

 

09. Mai 2022, Dirk Schauß

Bilder (c) alte Oper

 

 

 

Musikalische Wonnen

Richard Wagner Siegfried-Idyll

Felix Mendelssohn Bartholdy Konzert für Violine und Orchester e-Moll op. 64

Johannes Brahms Haydn-Variationen op. 56a

 

Daniel Lozakovich Violine

Frankfurter Opern- und Museumsorchester

Sebastian Weigle Leitung

 

Besuchtes Konzert in der Alten Oper am 26. Oktober 2020

 

Den Beginn des Konzertes formulierte ein berühmtester musikalischer Geburtstagsgruß. Es war am 24. Dezember 1870 als Richard Wagner seiner Frau Cosima zu ihrem 33. Geburtstag die Komposition „Siegfried-Idyll“ widmete und im kleinen Kreis uraufführte, um genau zu sein: auf der Treppe im Landhaus des Komponisten in Tribschen, in der Nähe zu Luzern. Cosima verweigerte längere Zeit die Freigabe dieser Komposition für die Öffentlichkeit, weil ihr dieses musikalische Geschenk zu persönlich erschien. Auch deshalb, weil es zur Erinnerung an derer beiden Sohn Siegfried gedacht war. Die Musikwelt nahm später diese entzückende musikalische Oase tief in ihr Herz auf, so dass es zu den bekanntesten Orchesterwerken Richard Wagners gehört. In dieser einzigen symphonischen Dichtung, die Wagner schrieb, verarbeitete er Motive aus seinem gleichnamigen Musikdrama „Siegfried“.

Frankfurts Generalmusikdirektor Sebastian Weigle ist hörbar intensiv mit der Musik Richard Wagners bestens vertraut. Mit größter Sensibilität und Akkuratesse traf er perfekt die lyrische Grundstimmung der Komposition. Samtig und hell gerieten die Aufschwünge in den aufblühenden Streichern. Dazu sauber intonierte Farbtupfer der Bläser. Mit Hingabe und bewegender Emotionalität erlebte Weigle dieses Meisterwerk, als würde es im Moment des Musizierens entstehen. Immer wieder staunte sein Gesicht und verriet die Glückseligkeit des Erlebten. Weigle zeigte in seinem Dirigat, wie hoch musikalisch und absolut instinktsicher er Übergänge gestalten kann. Immer wieder hörte er tief in die Strukturen der Komposition hinein und gewährte dazu seinem Orchester breiten Raum für deren solistische Entfaltung. Tatsächlich vermochte dieser so überragende Beginn in der Darbietung des bestens musizierenden und hoch motivierten Frankfurter Opern- und Museumsorchester die Zuhörer zu entführen, an einen Corona-fernen Ort voller musikalischer Freude. Diese Darbietung war eine einzige Kostbarkeit, ein Geschenk! Das andächtig lauschende Publikum begriff dies und feierte Weigle und sein wunderbares Orchester begeistert mit ersten Bravo-Rufen.

Als Solist präsentierte sich der junge Geiger und musikalische Senkrechtstarter Daniel Lozakovich. Kaum zwanzig Jahre jung, viele Preise und Einladungen bei bekannten Orchestern. Bereits bei der Deutschen Grammophon ist der Künstler unter Vertrag.

Lozakovich wählte für sein Debüt in Frankfurt das sehr beliebte Violinkonzert von Felix Mendelssohn-Bartholdy. Sensibel und virtuos gab der junge Geiger eine beeindruckende Probe seines Könnens. Bereits die einleitenden Takte verblüfften bei Lozakovich, der seinem Instrument einen äußerst intensiven, körperreichen Klang entlockte. Mit sehr weicher Bogenführung gelangen ihm bewegende Phrasierungsmomente. Natürlich kann Lozakovich sehr virtuos agieren, wie z. B. in der Kadenz des ersten Satzes. Am meisten beeindruckte hingegen die gestalterische Tiefe in den kantablen Momenten des Konzertes. Gerade hier verschmolz Lozakovich mit seinem Instrument und formulierte mit diesem einen intensiven, persönlichen Dialog.

Sebastian Weigle war hier kein Begleiter, sondern der zentrale Impulsgeber, der im Verein mit Lozakovich, deutlichste Akzente und viele Farbstimmungen realisierte. Orchester und Solist interagierten vortrefflich. Die gemeinsame Freude an dieser herrlichen Musik stand Orchester, Solist und Dirigent deutlich im Gesicht geschrieben. Viel Begeisterung für diese treffliche Darbietung.

 

In Wien im Jahr 1873 fand die Uraufführung der Haydn-Variationen für Orchester statt. Tatsächlich müsste die Komposition inzwischen umbenannt werden, denn die Ausgangsmusik stammte gar nicht von Joseph Haydn, sondern von einem Wallfahrtslied aus dem Burgenland! 

Das einleitende Choral-Thema wird in acht darauffolgenden Variationen vielfach variiert ausgestaltet. Die Bläser sind intensiv gefordert. Brahms zeigt viele Stimmungsfarben in dieser Komposition, Melancholie, Anmut, aber auch Rasanz oder Jagdanklänge. Ein virtuoses Orchesterstück, dass dem Frankfurter Opern- und Museumsorchester einmal mehr reichlich Gelegenheit bot, seine stilistische Bandbreite eindrucksreich zu demonstrieren. Fabelhaft musizierten die sehr geforderten Bläser und Streicher. Erinnerungen an die vierte Sinfonie des Meisters weckte die in den Orchester-Variationen verwendete Triangel. Brahms setzte dieses Instrument gerne für festliche Klangwirkungen ein. Auch das von ihm bevorzugt verwendete Kontrafagott findet in den Variationen Verwendung.

Bei der Musik von Johannes Brahms war GMD Sebastian Weigle ganz in seinem Element. Klar in der Durchhörbarkeit und den dynamischen Proportionen geriet seine Interpretation völlig überzeugend. Prächtig arbeitete er das Prozessionshafte des Hauptthemas heraus. Feurig dann die zweite Variation, die an Brahms ungarische Tänze denken lässt. Mitreißend ließ Weigle die Streicher und Holzbläser die vertrackten rhythmischen Verästelungen spielen. Die Jagdanklänge in der sechsten Variation wurden wuchtig ausmusiziert. Sensibel dann das herrliche Grazioso in der schwebenden siebten Variation. Gerade hier war Weigle mit dem Orchester ganz eng verbunden. Ein inniger Tanz. Erhaben und groß ließ Weigle dann die finale Passacaglia erklingen. Festlich erstrahlend dann das Choralthema, ergänzt mit Piccoloflöte und Triangel. Ein kraftspendender Abschluss eines gelungenen Konzertabends.

Viel Freude im Publikum.

 

Dirk Schauß, 27. Oktober 2020

 

 

Musikalisches Hochamt

Anton Bruckner

Sinfonie Nr. 4 Es-Dur (Fassung von 1878/80)

Bamberger Symphoniker & Jakub Hrůša

 

Besuchtes Konzert in der Alten Oper Frankfurt am 25. Oktober 2020

 

Coronabedingt musste das Orchestre Philharmonique de Radio France sein Gastspiel in der Alten Oper Frankfurt absagen. Die Alte Oper Frankfurt bot als Veranstalter mehr als nur eine Alternative. Denn mit den Bamberger Symphonikern und deren Chef-Dirigenten Jakub Hrůša agierten herausragende Künstler, die bereits im Januar mit einer unvergesslichen Wiedergabe von Gustav Mahlers vierter Sinfonie beglückten.

Und dazu gab es...., kaum zu glauben, in Zeiten von Corona, eine große Orchesterbesetzung auf dem Podium, bei leicht reduzierter Streicherbesetzung. Beste Voraussetzungen also für ein besonderes Konzerterlebnis!

Anton Bruckner bezeichnete seine vierte Sinfonie als „Romantische“. Seine Versuche, den Satzbezeichnungen einen sinngebenden Kontext der Programmmusik zu geben, wurden jedoch wieder von ihm zurückgezogen. Dennoch ist die Naturromantik in seiner Sinfonie gut zu erahnen. Bruckner war sehr beeindruckt von der Waldlandschaft in Österreich. Gerade in den beiden Mittelsätzen lässt sich seine Faszination gut nachvollziehen.

Quälend lang muss der Schaffensprozess für den unsicheren Komponisten gewesen sein. Allein vier Fassungen komponierte er, die zwischen 1874 und 1888 entstanden. Robert Haas destillierte daraus eine Version im Jahr 1936, die am häufigsten aufgeführt wird, so auch bei diesem Konzert.

Prägendes Instrument dieser Sinfonie ist das Horn, Sinnbild für Jagd-Klänge, Naturstimmungen und Romantik. Ob im einleitenden geheimnisvollen Hornruf oder im wilden Scherzo des dritten Satzes, die Hörner sind außerordentlich gefordert und müssen zudem in der beschließenden Coda des Finales alle Kräfte mobilisieren.

Anton Bruckner gehört zum Kernrepertoire der Bamberger Symphoniker. Mitgrößter Ruhe und Klangschönheit breitete das bayerische Eliteorchester einen unendlichen Klangkosmos aus. Bereits der einleitende Es-Dur-Akkord wurde von Jakub Hrůša l äußerst leise und damit spannend eröffnet. Im kaum vernehmbaren Misterioso der tremolierenden Streicher intonierte dann das Solo-Horn klar seinen Ruf aus, der mehrfach wiederholt wurde. Warm und prächtig ausbalanciert erklang der Choral in der Durchführung und majestätisch gesteigert dann die Coda am Ende des Satzes.

Der zweite Satz, hier einmal nicht ein „Adagio“, sondern ein „Andante quasi allegretto“, erinnert in seiner dunklen Tönung zuweilen an späte Sinfonien von Franz Schubert, dessen „Unvollendete“ lässt grüßen. Hier nahmen die wohltönenden Celli der Bamberger Symphoniker sehr für sich ein, sekundiert von den exakten Pizzicato-Figuren der übrigen Streicher, abermals gesteigert durch die majestätischen Choräle der Blechbläser.

Auf, auf zur Jagd! Dies kommt einem leicht in den Sinn, wenn das mitreißende Scherzo erklingt. Hier hatten die Blechbläser der Bamberger Symphoniker ihre besonders beeindruckenden Momente. Hörner, Trompeten, Posaunen und Tuba ergötzen sich in unendlichen Triolen und faszinierenden Trugschlüssen. Die Bläser des Orchesters zeigten ihre große Klasse: schlank, kompakt, auftrumpfend im Klang, aber niemals lärmend. Wunderbar!

Für kurze Entspannung sorgt dann der Ländler im Trio, welcher vor allem von dem feinen Spiel der Holzbläser bestimmt war. Selten sind die Holzbläser so klar und deutlich als Vogelstimmen zu vernehmen, wie es die Bamberger Symphoniker an diesem Abend vermochten.

Im vierten Satz sorgte der äußerst engagierte Dirigent Jakub Hrůša wieder für besondere Spannung. Permanente Streicherbewegungen in der langen Einleitung gipfelten in einem machtvollen Unisono des Orchesters. Und doch wurde in diesem Höhepunkt von Jakub Hrůša dynamisch noch nicht alles ausgegeben. Es war die gewaltige Schluss-Coda, in welchem das Hornsignal des Anfangs wieder ertönte, die mit großem Atem eine mächtige alles beschließende symphonische Kulmination dem Zuhörer darbot. Damit war alles gesagt. Was für ein Abschluss!

Die Bamberger Symphoniker agierten mit größter spielerischer Kompetenz und hoher Homogenität. Das gemeinsame Musizieren wurde bewegend eindrucksvoll demonstriert. Das Orchester hörte deutlich aufeinander und bescherte einen unwiderstehlich warmen, reichen Klang. Die dynamische Bandbreite aller Spielgruppen war ungemein groß. Die Farbunterschiede in den Forte-Ballungen waren bestens ausbalanciert, einmal warm, golden und zuweilen auch schneidend scharf.

Es ist ein Glück für dieses Orchester, mit Jakub Hrůša einen musikalischen Leiter an der Spitze zu wissen, mit dem sich eine so glückliche Symbiose ergibt. Von dieser Harmonie ausgehend, sind außerordentliche musikalische Erlebnisse erfahrbar. So geschehen an diesem Abend. Bruckner, die Bamberger Symphoniker und Jakub Hrůša, eine perfekte Kombination! Ein musikalisches Hochamt, über das Meister Bruckner sehr erfreut gewesen wäre!

Das Publikum zeigte sich ergriffen, dankbar und feierte alle Beteiligten.

 

Dirk Schauß, 26. Oktober 2020

Bilder (c) Tibor Florestan Pluto

 

 

Tschechische Philharmonie

Sol Gabetta Violoncello

Jakub Hrůša Leitung

Konzert am 03. März 2020

 

Antonin Dvořák Cellokonzert h-Moll op. 104

 

Josef Suk Scherzo fantastique op. 25

 

Leós Janácek Taras Bulba. Rhapsodie für Orchester

Böhmische Klänge in vollendeter Darbietung

Im aktuellen Konzert der Pro Arte Konzertdirektion gastierte die traditionsreiche Tschechische Philharmonie in der Alten Oper Frankfurt. Drei Kompositionen aus Böhmen bildeten das Programm.

Am Beginn erlebten die Zuhörer eine bewegende Aufführung des Cellokonzertes von Antonin Dvorak mit der wunderbaren Sol Gabetta am Cello. Diese Ausnahmekünsterlin ist wahrlich eine Poetin, eine Vokalistin auf ihrem Instrument.

Antonin Dvorak schrieb sein Meisterwerk in den Jahren 1894/1895. Ein Jahr später fand die Uraufführung in London statt.

Bereits im einleitenden Allegro-Teil bewies die Tschechische Philharmonie eindrucksvoll mit unvergleichlich weichem Klang in den Streichern, wie sehr sie in dieser Musik beheimatet ist. Dirigent Jakub Hrůša zelebrierte den ganzen Zauber der Komposition. Jeder Takt, jeder Akzent hatte bei ihm eine große Bedeutung. Unter seiner Leitung war das Orchester hier einmal kein Begleiter sondern ein absolut gleichberechtigter Partner, der wunderbar mit seiner Solistin harmonierte.

Sol Gabetta kennt dieses Werkes hörbar genau. Ihr ganzes Wesen erlebte jede Note mit spürbarer Anteilnahme. Mit großer Sensibilität erklangen ihre kantablen Phrasierungen. Rhythmische Prägnanz und transparente Aufschlüsselung jeder akkordischen Verästelung prägten ihren Cellogesang.

Wunderbar ertönte dann das mit ausgeprägter Natürlichkeit vorgetragene Adagio. Feinste Poesie auf dem Cello in den wärmsten Klangfarben, im Wechselspiel mit den subtilen Farbgebungen der Solo-Klarinette! Dazu in edel schimmerndem Goldglanz die superbe Gruppe der Hörner.

In dem abschließenden Allegro moderato öffnete sich dann der Raum für mitreißende Virtuosität. Mit rhythmischer Raffinesse und höchster Kunstfertigkeit gestalteten Gabetta und Hrůša einen gewaltigen Höhepunkt. Und Sol Gabetta, zauberte noch einmal mit ihrem Instrument betörende Stimmungen und setzte dann am Schluss ein großes Crescendo an, welches Hrůša übernahm und steigerte. Furios stürmte er sodann in die Schlussakkorde und so entlud sich spontane Begeisterung. Großartig. Das Publikum jubelte!

Sol Gabetta bedankte sich mit einer eigenwilligen Zugabe moderner Handschrift von Peteris Vasks – Dolcissimo, zu der sie auch sensibel intonierte Vokalisen beisteuerte. Berührend.

Die Musik von Dvořáks Schwiegersohn Josef Suk gilt vielen Musikkennern als Geheimtipp. Und doch ist seine Musik in den deutschen Konzertsälen ein immer noch seltener Gast.

Die wohl glücklichsten Jahre im Leben Suks waren jene, in denen das hier musizierte Fantastische Scherzo (1903) entstand. Er hatte 1898 Dvořáks Tochter Otilie („Otylka“) geheiratet, seine große Liebe. Doch als das Fantastische Scherzo am 18. April 1905 am Prager Konservatorium uraufgeführt wurde, war Dvořák bereits tot. Und Otilie hatte nur eine kurze Lebenszeit, so dass sich Suks Leben und seine Musik sich unaufhaltsam änderte. Innerhalb von einem Jahr verlor er den geliebten, verehrten Schwiegervater und seine Frau Otilie.

Die Bezeichnung „Scherzo“ wird dem Werk nicht unbedingt gerecht, denn es hat auch Elemente, die stellenweise an einen makabren Tanz denken lassen.

In prägnanten Walzer-Rhythmen verbreitet das Werk zunächst einen optimistischen Charakter und bietet Holzbläsern und Streichern vielfache Gelegenheit, zu brillieren. Spannende Schlagzeugeffekte geben der Tondichtung vielerlei Ausdrucksakzente. Später treten schneidige Blechbläser dazu, ehe eine stürmische Coda diese ungewöhnliche und doch so eingängige Komposition beendet.

Jakub Hrůša lies sein fabelhaftes Orchester beherzt aufmusizieren und betonte vor allem die melodischen Elemente. So breitete er die kantablen Streichermelodien wunderbar aus. Herrlich der singende warme Tonfall der Celli, die das große Cantabile immer wieder hinreißend phrasierten. Das Orchester begeisterte und überzeugte wie zuvor auch beim Cellokonzert mit breiter Farbgebung in allen Gruppen. Hier gab es keinerlei Trübungen in der Intonation oder Schärfen in der Artikulation. Das Orchesterspiel hatte Akuratesse und höchste souveräne Klasse. Es war jederzeit zu spüren, wie sehr Hrůša Suks Musik schätzt. Auch hier wurde mit einer besonderen Lebendigkeit eindringlich musiziert. Ein hinreißendes Werk, welches viel öfters auf dem Konzertprogramm stehen sollte!

Im Leben der meisten Dirigenten gibt es zentrale Werke, die sie sehr oft interpretieren. In der jungen Weltkarriere von Hrůša taucht in seinen Programmen immer wieder einmal die Rhapsodie für Orchester „Taras Bulba“ von Leós Janácek auf. Dieses Werk hat Hrusa bereits zahllose Male dirigiert und hat einen prägenden Eindruck bereits in seiner Kindheit hinterlassen.

Janáceks Werk entstand in den Jahren 1915 - 1918 und geht auf eine Romanvorlage von Nikolai Gogol zurück, der hier dem Kosaken Taras Bulba ein musikalisches Denkmal setzte. Der Komponist wählte hierzu drei Teile.

Der erste Teil – „Andrijs Tod” – schildert, wie sich Taras Bulbas Sohn Andrij in eine Polin verliebt, seine Kameraden verrät und von seinem Vater erschossen wird.

Der zweite Teil – „Ostaps Tod” – berichtet, wie Taras Bulbas erstgeborener Sohn vor den Augen des hilflos zusehenden Vaters von den Polen gefoltert und getötet wird.

Im dritten Teil „Prophezeiung und Tod des Taras Bulba” bekennt der von den Polen gefangen genommene und gefolterte Taras Bulba auf dem Scheiterhaufen seinen Glauben an das ewige Russland.

Die Musik von Janácek ist sehr bildhaft und zugleich reicher Ausdruck tiefster seelischer Empfindung. Jakub Hrůša fühlte und lebte die Musik intensiv in größter Hingabe mit der fabelhaft mitgehenden Tschechischen Philharmonie. Delikate Soli von Englischhorn, Oboe und Violine gaben dem ersten Teil berührende Wirkungsmomente.

Die z.T. grellen Farben im Blech im zweiten Teil zeigten immer wieder dem Zuhörer, dass hier kriegerische Handlungen abgebildet werden. Auf den Punkt genau setzten die Schlagzeuger wuchtige Akzente.

Der große Moment dieser so vielschichtigen Komposition kommt dann am Ende, als in den Choralfarben der sehr guten Blechbläser, die Orgel und Glocken der Komposition eine hymnische und völlig überwältigende Wirkung verleihen.

Hrůša und die Tschechische Philharmonie harmonierten prächtig miteinander und setzten alle Energien für dieses Meisterwerk frei. Unfassbar mit welch beschwörender Eindringlichkeit und größter dynamischer Steigerung hier vollendet musiziert wurde. Und so war es vor allem diese intensive Interpretation, die diesem Konzert eine so außergewöhnlichsuggestive Wirkung von großer Erzählkraft gab.

Die Tschechische Philharmonie zeigte eine Leistung, die Weltklasse demonstrierte. Besser kann diese Musik nicht dargeboten werden!

Dazu präsentierte Jakub Hrůša einmal mehr sein überragendes Können als herausragender Dirigent seiner Generation. Ihm gehört die musikalische Zukunft. Mit Sicherheit wird er einer der zentralen Dirigenten der intenationalen Musikwelt in den nächsten Jahrzehnten sein!

Das Publikum zeigte sich begeistert.

 

Bilder (c) Awiszus / Pro Arte

Dirk Schauß, 04. März 2020

 

 

Berliner Philharmoniker & Kirill Petrenko

Konzert in der Alten Oper Frankfurt am 20. Februar 2020

 

Igor Strawinsky Sinfonie in drei Sätzen

Bernd Alois Zimmermann Alagoana. Caprichos Brasileiros, Ballettsuite

Sergej Rachmaninow Sinfonische Tänze op. 45

DER ANTI-KARAJAN

Mit Spannung wurde das erste gemeinsame Konzert der Berliner Philharmoniker mit deren neuen Chefdirigenten Kirill Petrenko in Frankfurt erwartet. Bereits das Programm machte deutlich, eine neue Ära hat begonnen, die so ganz anders werden dürfte, als bei seinen Vorgängern.

Es passt zu dem sehr eigenen Charakter Petrenkos, eben kein konventionelles Programm vorzustellen. Kein Beethoven, Brahms oder Bruckner, noch nicht einmal Mahler.

Nein, Petrenko hatte sich für sein Gastspiel in Frankfurt drei Werke ausgesucht, die allesamt den Rhythmus in den Vordergrund stellten und nicht die Melodie. Sprödigkeit anstelle von symphonischem Hochglanz! Der Dirigent steht bei ihm grundsätzlich nicht im Vordergrund. Jedweder Personenkult, so wie es Herbert von Karajan auf die Spitze trieb, ist ihm zuwider. Petrenko ist, das wurde an diesem Abend überdeutlich, der Anti-Karajan!

Im Jahr 1946 wurde die Sinfonie in drei Sätzen von Igor Strawinsky in New York uraufgeführt. Der Komponist erhielt im Jahr zuvor die amerikanische Staatsbürgerschaft.

Bei seiner Sinfonie handelt es sich um Fragmente anderer kompositorischer Ideen, wie z.B. aus einer unvollendeten Filmmusik oder einem nicht fertig gestellten Klavierkonzert.

Mit einem deutlichen Signalthema wird das Werk eröffnet, dass im ersten Satz zuweilen an eine Toccata denken lässt. Auffallend exponiert tritt hier das Solo-Klavier in Erscheinung, so dass Gedanken an das geplante Klavierkonzert deutlich präsent sind.

Eine ganz andere Welt betritt der Zuhörer sodann im zweiten Satz. Nun wirken die Klänge beruhigt, die Orchesterbesetzung ist reduziert. Mit der Harfe kommt nun ein weiteres Instrument sehr solistisch in den Vordergrund.

Im dritten Satz führt Strawinsky Klavier, Harfe mit dem vollen Orchesterklang zusammen. Komplizierteste, ostinate Rhythmen, die fortwährend gesteigert werden, lassen an Strawinskys „Le sacre du printemps“ denken. Eine zugespitzte Stretta beendet die Komposition. Ein seltsames Werk, das unfertig wirkt und sicherlich nicht zu den stärksten Eingebungen Strawinskys gehört.

Selbst ein Spitzenorchester, wie die Berliner Philharmoniker, muss eine solche Sinfonie mit größter Konzentration realisieren. Da ist kein Platz für Routine. Dafür wäre Kirill Petrenko auch der falsche Mann. Mit unerschütterlicher Energie befeuerte er sein Orchester und führte es mit klarster Gestik durch die so fordernde Partitur. Kein Detail blieb ihm verborgen. Stets betont im Rhythmus achtete Petrenko auf maximale Durchsichtigkeit. Bereits hier setzten die fabelhaften Philharmoniker alle Energien frei und musizierten auf der Stuhlkante. Die Virtuosität und spielerische Klasse des Klangkörpers war an diesem Abend ein einzigartiges Erlebnis!

Knapp zehn Jahre nach der Uraufführung von Strawinskys Sinfonie, im Jahr 1955, veröffentlichte der Komponist Bernd Alois Zimmermann sein Ballett Alagoana

Zugrunde wurde ein Indianermythos gelegt, nach welchem der Mensch Unsterblichkeit zuerkannt bekommt. In der Begegnung von Mann und Frau tritt der Tod, woraus entsprechende Spannungsfelder resultieren.

Zimmermanns Musiksprache ist sehr expressiv und vielfarbig. Seine Klangsprache betont deutlich das rhythmische Element. Interessant sind auch hier seine Anklänge an Strawinskys „Sacre“. Wie so oft bei Zimmermann gibt es vielfältige Schlagzeugeffekte

Die Berliner Philharmoniker nutzten auch hier die Gelegenheit bestens, ihre spielerische Kompetenz staunenswert virtuos dem Zuhörer nahe zu bringen. Petrenko tanzte auf dem Pult fast seine ganze Energie aus. Daraus entstand eine Wechselwirkung, ein Spannungsfeld, welches mit Macht nach dem Publikum griff. Dieses reagierte mit anerkennender Begeisterung und war doch auch ob der komplexen Rhythmen, erkennbar erschlagen.

Die erste Konzerthälfte war anstrengend für Orchester und Publikum. Bei aller spielerischen Klasse wirkte dieser Programmteil eher unzugänglich und wenig einladend.

Nach der Pause erklangen dann die Symphonischen Tänze von Sergej Rachmaninov, entstanden im Jahr 1940. Das finale Werk des russischen Komponisten. Rachmaninov hielt es für seine beste Komposition. Ursprünglich war dieses Werk als Programmmusik unter dem Titel „Fantastische Tänze“ angedacht. Und die drei Sätze waren betitelt mit „Mittag, Sonnenuntergang und Mitternacht“.

Kirill Petrenko spürte auch hier mit größter Akribie den Strukturen nach und betonte vor allem die Nebenstimmen.

Und doch ertönte das berühmte Hauptthema des einleitenden c-moll Allegros markant und beeindruckend wuchtig. Sehr gut gestaltete Petrenko mit leiser Ironie den Walzer des Andante con moto im zweiten Satz. Hier gab er der melodischen Linie einen breiten Verlauf.

Explosiv und furios zugleich die vielen Steigerungen im beschließenden Allegro vivace. Nach einer furiosen Steigerung am Ende ein lang gezogener Ton, gleich einer Klanginsel, auf dem Tam-Tam!

Mit größter Perfektion überzeugten die Berliner Philharmoniker. So wurden die vielen Soli, z.B. Violine und Klarinette hinreißend dargeboten. Einfühlsam mit sicherer Intonation auch die Verwendung des Saxophons. Ein besonderes Klangerlebnis bot die Streichergruppe mit ihrem so satten, homogenen Klang, der dynamisch gesteigert wurder. Dazu kamen die grandiosen Blechbläser und die ebenso hier stark geforderten, superben Schlagzeuger.

Und doch, die Berliner Philharmoniker, diese große Gruppe an Individualisten, strahlten in ihren Gesichtern keine Spielfreude aus. Von den immer wieder zitierten Glücksgefühlen der Musiker für ihren neuen Chefdirigenten war visuell nichts zu bemerken. Kaum ein Musiker schaute nach Petrenko. Eine wirkliche Interaktion zwischen Dirigent und Orchester war nicht festzustellen.

Was bleibt, ist ein sehr ambivalenter Konzerteindruck mit einem Weltklasse Orchester, das an diesem Abend spielerisch überwältigte. Dazu ein Dirigent, der sich noch den Erwartungen des Konzertbetriebes verweigert. Mit Programmen dieser Art, wird sich ein breites Publikum nicht begnügen, da es nicht zur Identifikation mit den Ausführenden taugt. Ob das auf Dauer gut gehen wird, ist eine der zentralen Fragen für dieses herrliche Orchester und dessen Zukunft.

Das Publikum feierte mit Erleichterung vor allem diesen Konzertbeitrag mit größter Begeisterung. Aber auch hier: Petrenko verweigert eine Dankesgeste in Form einer Zugabe. Spätestens hier wäre eine Steilvorlage gewesen, die Philharmoniker ein Stück ihres Kernrepertoires spielen zu lassen.

 

Dirk Schauß 21. Februar 2020

Bilder (c) Alte Oper

 

 

 

Frankfurter Opern- und Museumsorchester

Sebastian Weigle 

17. Februar 2020

 

Frédéric Chopin Konzert für Klavier und Orchester Nr. 1 e-Moll op. 11

Piotr Iljitsch Tschaikowsky Sinfonie Nr. 3 D-Dur op. 29 „Polnische“

 

Martin Stadtfeld Klavier

 

Zwei große Kompositionen, die mit dem Land Polen in Verbindung stehen, formulierten das aktuelle Programm des Frankfurter Museumskonzertes in der Alten Oper Frankfurt.

Gerade einmal 20 Jahre alt war der Komponist Frédéric Chopin, als sein Klavierkonzert No. 1, 1830 seine Uraufführung erfuhr. Chopins Klavierkonzerte suchen nicht den Dialog zwischen Klavier und Orchester. Der Solist steht mit seinem Instrument ganz klar im Mittelpunkt des Interesses. Das Orchester agiert somit eher im Hintergrund und muss sich primär mit einem Wechselspiel mit dem Solisten begnügen.

Der erste Satz dient daher als Vehikel, pianistisches Virtuosentum auszustellen.

Im größten Kontrast dazu steht der zweite Satz, der eine kantable Romanze mit allerlei Ornamentik in das Zentrum stellt.

Voller Spielfreude dann der Finalsatz, der mit zahlreichen Elementen aus der Volksmusik großen musikalischen Überschwang aufbietet.

Als Solist war der in Frankfurt ausgebildete Pianist Martin Stadtfeld zu erleben. Der vielfach ausgezeichnete Künstler konzentrierte sich bisher vor allem auf Musik von J.S. Bach und W.A. Mozart. Nun also in Frankfurt erstmals das bekannte Klavierkonzert von F. Chopin.

Frappierend war seine technische Fingerfertigkeit, mit welcher Stadtfeld sehr klar die musikalische Struktur herausarbeitete. Dynamisch fein abgestimmt folgte er dem Melodieverlauf und phrasierte dabei äußerst großzügig.

Bei ihm gab es keinerlei Auftrumpfen. Fortwährend forschte er in die Musik hinein, um ihr größte Natürlichkeit und Klarheit angedeihen zu lassen, was trefflich gelang.

Höhepunkt seines kunstvollen Spiels war freilich die sensibel vorgetragene Romanze, die er mit feinstem Anschlag sorgsam ausphrasierte. Fabelhaft seine wache Flexibilität, die er mit seinen bravourösen technischen Möglichkeiten nutzte, um den dritten Satz zu einem musikalischen Bekenntnis der schieren Lebensfreude zu artikulieren.

Über allem stand sein außergewöhnlich weicher Anschlag. Die Akkorde und Notenläufe perlten wie Tontropfen in den Saal, behutsam und intensiv leuchtend. Wahrlich ein Tastenzauberer voller Poesie!

Dirigent Sebastian Weigle, an diesem Konzertabend besonders animiert, wie lange nicht, trug seinen Solisten auf Händen und sorgte für einen optimalen Rahmen.

Bereits der kraftvolle Beginn machte mit seinem auftrumpfenden Elan deutlich, dass das Orchester hier gleichberechtigt musiziert.

Das Frankfurter Opern- und Museumsorchester agierte als perfekter Partner, der es sich nehmen ließ, die Interaktion mit dem Solisten zu suchen. Vorzüglich die Klangqualität in allen Gruppen und die Prägnanz in den Einsätzen. Das Zusammenspiel zwischen Dirigent und Solisten war vollkommen in seiner Einigkeit. Die sorgsame Dynamik und der unbedingte Wunsch, ein Maximum an Farben zu realisieren, war omnipräsent.

Das Publikum dankte mit Begeisterung. Als Zugabe hatte sich Martin Stadtfeld das berühmte „Lascio, ch’io piango“ von G. F. Händel ausgesucht. Noch einmal eine Klangoase großer Glückseligkeit, makellos dargeboten. Bravo!

Sebastian Weigle hat eine besondere Affinität zur russischen Musik und besonders zu P. Tschaikowsky. Nach und nach führt er dessen symphonisches Werk auf. An diesem Abend erlebten die Zuhörer die vergleichsweise wenig gespielte dritte Symphonie von Tschaikowsky mit dem Beinamen „Polnische“. Letzterer bezieht sich auf den Finalsatz und die darin anklingende Polonaise. Tschaikowsky schrieb dieses Werk 1875. In jener Zeit also, als seine Welterfolge „Schwanensee“ und „Klavierkonzert No. 1“ entstanden.

Die dritte Sinfonie geriet herausragend anders. Als einzige seiner Sinfonien in einer Dur-Tonart geschrieben umfasst sie erstmals fünf Sätze. Immer wieder musste sich der Komponist dem Vorwurf stellen, dass seine Sinfonien eher Suiten gleich zu setzen seien. Wenn überhaupt, so kann dies für seine dritte Sinfonie gelten. Und doch, auch dieses Werk trägt die unverwechselbare Handschrift des Komponisten, wenn auch ihm hier nicht die genialische Größe seiner drei finalen Sinfonien gelang.

Der erste Satz beginnt noch düster mit einem surrealen Trauermarsch, ehe sich das lebhafte Hauptthema ins Licht stellt. Im zweiten Satz klingen Tanzrhythmen an, Walzer und Ländler werden deutlich zitiert.

Im dritten Satz kehrt eine pastorale Ruhe ein, während im vierten Satz Marschthemen dominieren. Und schlussendlich im fünften Satz dann endlich eine Polonaise mit Fugato-Einschüben, die diesen Satz in einem hymnischen Ende ausklingen lässt.

Das Frankfurter Opern- und Museumsorchester zeigte einmal mehr seine große Flexibilität und Stilsicherheit. Ob im Tuttiklang, der immer kultiviert, ausgewogen erschien oder in den Solobeiträgen: Sebastian Weigle hatte seinen Tschaikowsky gut einstudiert.

Großartig intonierten die Holzbläser, vor allem das Solo-Fagott. Mit schlanker Tongebung realisierte der Solo-Hornist seine schwierigen Soli im dritten Satz.

Mit Verve und Begeisterung setzte Weigle im Orchester viele Energien frei, die ansteckend wirkten. Klar waren die Melodie- und Nebenstimmen herausgearbeitet. Dabei wahrte er eine vorzügliche Balance. So wirkte der kompakte Orchesterklang transparent, jedoch niemals unterkühlt. Immer klang seine Freude an der Ausphrasierung der musikalischen Themen durch.

Weigle motivierte sein Orchester, gut aufeinander zu hören. Auf dieser Grundlage entstand ein lebendiger Dialog zwischen den einzelnen Gruppen. Fabelhaft herausgearbeitet im Tempo und der dynamischen Steigerung das klangmächtige Finale. Das Publikum war sehr angetan.

 

Dirk Schauß, 18. Februar 2020

 

 

Staatliches Sinfonieorchester Russland Evgeny Svetlanov - featuring: Nemanja Radulović 

16. Februar 2020

 

Anatol Ljadow Der verzauberte See op. 62

Piotr Iljitsch Tschaikowsky Konzert für Violine und Orchester D-Dur op. 35

Anatol Ljadow Kikimora op. 63

Igor Strawinsky "L'Oiseau de feu" (Der Feuervogel), Ballett-Suite für Orchester (1945)

 

Ein kontrastreiches Programm russischer Musik präsentierte das aktuelle Konzert der Pro Arte Konzertdirektion in der Frankfurter Alten Oper. 

Im Mittelpunkt stand hierbei vor allem Musik der Märchen- und Sagenwelt. Besonders erfreulich war die Begegnung mit der Musik von Anatol Ljadow, Schüler von Nikolai Rimsky-Korsakoff, der sich einerseits dem musikalischen Impressionismus verschrieben hatte. Andererseits liebte er es, Naturschilderungen und Märchengestalten musikalisch zu portraitieren. Am Beginn stand seine Tondichtung „der verzauberte See“, ein Sinnbild der reinen, unberührten Natur, fern von der Begegnung der Menschen.

Das 1909 entstandene Werk zählt zu den bekanntesten Tondichtungen Ljadovs. Selten gelingt es einem Komponisten, in wenigen Sekunden ein klares Bild seiner imaginativen Vorstellung zu vermitteln. Ljadov verstand dies meisterhaft und so kann sich der Zuhörer an der bestechenden illustrativen Klarheit seiner Tonsprache leicht orientieren.

Mit schwebenden Streicherklängen, die durch die auf- und absteigenden Tonlagen geführt werden, entsteht ein fortwährendes Bild leicht wogender Wellenbewegung in glitzernd funkelnden Farben. Zauberhaft. Und doch zeigen die fortwährenden pulsierenden Schläge auf die große Trommel, dass dieses Naturbild doch nicht so heil erscheint.....

Mit dieser Preziose gelang es dem Staatlichen Sinfonieorchester Russland, seine besondere Spielqualität an allen Pulten zu demonstrieren. Das berühmte Orchester wurde maßgeblich von dem herausragenden Dirigenten und Komponisten Evgeny Svetlanov geprägt. Von keinem russischen Orchester gibt es derart viele Aufnahmen. In den letzten Jahren ist Vladimir Jurowsky der Chef dieses Klangkörpers.

Beim Konzert in der Alten Oper zeigte Gast-Dirigent Andrey Boreyko einen äußerst sensiblen Zugang zur Klangmalerei Ljadows. Er lies die Musik atmen und kümmerte sich genau um kleinste Details in der Farbgebung. Dazu ließ er die Streicher in feinsten Pianofärbungen bestechend sauber musizieren. Selten gelingt diese so besondere Komposition derart schlüssig. Ein hinreißender Beginn für einen besonders ereignisreichen Abend!

Mit dem Violinkonzert von Pjotr I. Tschaikowsky, entstanden 1878, erlebte das Publikum das bekannteste Werk seiner Gattung in der russischen Musik. Erkennbar ist der wieder gewonnene Optimismus des Komponisten, der sich in jener Zeit in einer tiefen Phase der Depression steckte und im Rahmen eines erfolgreichen Kuraufenthaltes wieder zu neuer Schaffenskraft fand.

Die Anforderungen für den Solisten sind außergewöhnlich und so ist es eines der schwersten Violinkonzerte. Leise Melancholie und warme Kantabilität stehen dynamischen Orchesterausbrüchen gegenüber, gesteigert in einem mitreißend virtuos komponierten Schlusssatz. Und doch ist es vor allem die poesievolle Canzonetta, die dieses Werk so unwiderstehlich macht. Hier treffen Sehnsucht und Melancholie in diesem einzigartigen zweiten Satz aufeinander.

Im Mittelpunkt des Interesses stand der Solist des Abends: der Geiger Nemanja Radulović. Der vielfach ausgezeichnete Musiker hat bereits international stark auf sich aufmerksam gemacht. Radulović ist ein ganz besonderer Interpret, der sich zu keinem Zeitpunkt als Solist inszenierte. Selten gibt es eine derart offensive Interaktion zwischen Solist und Orchester zu erleben. Radulović suchte permanent den Kontakt zu Orchester und Dirigent. Fortwährend musizierte er in das Orchester hinein. Heraus kam dabei eine Sternstunde in der Interpretation dieses herrlichen Konzertes!

Nemanja Radulović hatte keinerlei technische Schwierigkeiten und spielte dieses so schwere Werk mit atemberaubender Lässigkeit. Wie leicht gelangen ihm die vielen Doppelgriffe und die hoch virtuos dargebotenen Läufe. Aber das Virtuosentum stand bei ihm nicht zentral im Vordergrund. Ungewöhnliche Rubati bekundeten immer wieder sein besonderes Interesse daran, die Musik auszubremsen, inne zu halten und musikalisch über den Verlauf zu reflektieren. Somit war es kein Wunder, dass er die Kadenz des ersten Satzes in Teilen sehr langsam musizierte, so als wolle er die Musik befragen. Dadurch gelangen ihm außergewöhnliche Momente, die besondere Spannung erzeugten und sehr berührten.

Seine Phrasierung war stets kantabel und erkennbar in die musikalische Struktur hinein hörend. Mit unendlicher Ruhe und weitem Atem verzauberte er mit einem innig dargebotenen zweiten Satz.

Überwältigend schnell sein rasantes Tempo im beschließenden Allegro vivacissimo. Es war ein Glück, einem solchen Ausnahmekünstler zu begegnen, der mit seiner überbordenden Energie Orchester und Publikum überreich beschenkte.

Dirigent Andrey Boreyko war an seiner Seite ein perfekte Partner. Mit klarer Geste gab er dem Solisten alle Freiräume. Dazu sorgte er aber auch dafür, dass die Qualitäten des Orchesters jederzeit hörbar wurden. Schneidige Trompeten im Hauptthema im ersten Satz gefielen sehr, ebenso die warm abgetönten Holzbläser, wie z.B. die weich abgetönte Klarinette im zweiten Satz. Große Klangpracht entfalteten die kultivierten Streicher. Ein sensibler Dialog, ein echtes Miteinander wurde zwischen Solisten und mit dem flexibel agierenden Orchester sehr gut realisiert.

Das Publikum zeigte völlig zurecht rasende Begeisterung und konnte sich kaum beruhigen! Radulović dankte seinerseits mit einer sehr gefassten, persönlichen "Sarabande" aus Johann Sebastian Bachs Solosuite Nr. 2 d-Moll, BWV 1008.

Nach der Pause gab es abermals eine Komposition von Anatol Ljadow zu bestaunen. Seine 1905 entstandene Tondichtung „Kikimora“ beschreibt einen Poltergeist, der Menschen durch Geräusche und Lärm in den Wahnsinn treibt.

Die ungemein illustrative Musik mit einleitenden dräuenden Bässen wurde von Andrey Boreyko und dem Staatlichen Sinfonieorchester Russland sehr gut getroffen. Der Spannungsaufbau geriet mustergültig. Kecke, spitz tönende Holzbläser und ein flottes Allegro öffneten dann dem Erscheinen „Kikimora“ eindrucksvoll die Türe. Furios zugespitzt in Tempo und Dynamik begeisterten die Künstler mit großer Klangpracht.

Anatols Ljadows Faulheit stand im oft im Wege. Besonders prominentes Beispiel war der an ihn formulierte Auftrag, die Musik zu einem neuen Ballett „Der Feuervogel“ zu komponieren. Da Ljadow zu lange zögerte, entschied sich der berühmte Direktor des Russischen Balletts, Sergej Diaghilev, für Igor Stravinsky.

Und Igor Stravinsky schrieb mit dieser Musik sicherlich sein populärstes Werk, das 1910 in Paris uraufgeführt wurde. Der Komponist schrieb sodann noch drei Orchestersuiten. Die letzte große Orchestersuite stammt aus dem Jahr 1945. Andrey Boreyko entschied sich für diese finale Suite.

Und nun konnte das Staatliche Sinfonieorchester Russland seine ganze Meisterschaft und vor allem die hörbar intensive Erfahrung mit dieser Musik bestens ausspielen. In dieser Komposition gibt es zahlreiche Soli, z.B. in der Flöte, die den Feuervogel versinnbildlicht oder im Solo-Horn, das dass Werk mit einer herrlich friedvollen Melodie in eine grandiose Apotheose führt.

Sowohl die solistischen Leistungen im Orchester, als auch die einzelnen Orchestergruppen, boten superbe Leistungen. Mit unaufhörlicher Energie und auch großer Sensibilität bediente das Orchester alle Farben dieser Komposition. Auch hier überzeugte Dirigent Andrey Boreyko mit klarer Zeichengebung und viel Energie am Pult mit einer schlüssigen Interpretation. Klar arbeitete er die Lyrismen der Partitur heraus. Überwältigend die Wucht und der Klangreichtum im Höllentanz. Danach dann noch ein Höhepunkt mit einem tief bewegenden Wiegenlied, dass mit dem sehr weich intonierenden Solo-Horn in die grandiose Schlusshymne mündete. Was dieses Orchester hier noch einmal an überragender Klangkultur und perfektem Zusammenspiel bot, das zeigte, warum es vermutlich der beste Klangkörper seines Landes sein dürfte.

Das Publikum zeigte auch hier starke Begeisterung. Als Zugabe gab es dann noch eine schneidige Version des Trepaks aus dem Ballett „Der Nussknacker“ von P. Tschaikowsky.

Wahrlich eine Sternstunde in der Alten Oper Frankfurt!

 

Dirk Schauß, 17. Februar 2020

Bilder (c) Radulovic Awiszus

 

 

 

 

 

Münchner Philharmoniker & Valery Gergiev

Featuring: Diana Damrau

5. Februar 2020


Richard Strauss Vier letzte Lieder

Gustav Mahler Sinfonie Nr. 5 cis-moll

 

Richard Strauss lebte in der Schweiz als er im Jahr 1948 seine finalen Lieder schrieb, die später unter dem Titel „Vier letzte Lieder“ Weltgeltung erfahren sollten. In den aussagestarken Texten aus der Feder von Joseph von Eichendorff (Nr. 4) und Hermann Hesse (Nr. 1 - 3) entfaltet Richard Strauss seine große Könnerschaft im Umgang mit der von ihm so geliebten Sopranstimme, eingebettet in den vielfältigsten Orchesterfarben. Eine Ode an den Abschied und Tod. Wie besonders ist die große Wirkung des Trostes, die diesen Liedern so eigen ist. Die Musik eröffnet die Transzendenz. Die Ahnung des Todes und auch die Hoffnung auf Erlösung sind in diesen Klängen vereint.

Mit der Solistin Diana Damrau und den Münchner Philharmonikern unter der Leitung von Valery Gergiev erklang nun also diese Komposition in der Frankfurter Alten Oper.

Diana Damrau hat diesen Zyklus in jüngster Zeit oft gesungen, zuletzt mit unlängst verstorbenen und schmerzlich vermissten Mariss Jansons. Es war eine ungewöhnliche Klangerfahrung, denn Diana Damraus lyrischer Sopran wirkte in seiner Natürlichkeit und der Tongebung zurückhaltend. Die große Tongeste einer Jessye Norman oder auch Francoise Pollet steht ihr naturgemäß nicht zur Verfügung. Dies war aber kein Hindernis dafür, dass die viel zu kurze erste Konzerthälfte besonders anrührend geriet. 

In seelenvollem Klang spürte Diana Damrau jeder Nuance dieser herrlichen Lieder nach. Dabei wirkte ihr Gesang niemals plakativ, sondern immer natürlich und dadurch intim, persönlich. Wunderbar war ihre gefühlte und sehr differenzierte Textdurchdringung. Damrau erlebte jeden Takt so, als würde er gerade im Moment entstehen. Vorbildlich war ihre vokale Kolorierung und die Klarheit ihrer Intonation. Jeder Ton war ein edler und zugleich müheloser Ausdruck eines tief empfindenden Menschen, der sich singend artikulieren muss. Die Stimme floss mühelos durch alle Lagen, so dass sich der besondere Zauber dieser herrlichen Komposition ideal entfalten konnte.

Die Münchner Philharmoniker verschmolzen in gold schimmerndem Klang mit dieser wunderbaren Sängerin geradezu, besonders im Lied „Beim Schlafengehen“. Im Verein mit dem kantablen Solo des Konzertmeisters Lorenz Nasturica-Herschovici führte Diana Damrau ihre Zuhörer in ein weites Universum der klanglichen Harmonie. Bestechend die warme Farbgebung, die Nasturica-Herschovici auf seiner Stradivari beschwor! Was für ein beseelender Moment!

Und dann, das ist eine der markanten Stärken der charmanten Sängerin, ein völliges Umschalten beim letzten Lied „Im Abendroth“. Herbstlich und reich an Zwischentönen sinnierte die Künstlerin über die Endlichkeit des menschlichen Daseins. Wunderbar spiegelte sich in ihrem Gesicht und in ihrem Gesang die Zwiesprache der besungenen Lerchen, die diesem Lied dann doch etwas die Schwere nahmen.

Der erste Teil des Abends zeigte dennoch überdeutlich, dass es der Abend von Valery Gergiev sein würde! Lange war der große Dirigent nicht mehr derart fokussiert und versammelt zu erleben. Mit hoher Konzentration und spürbarer Ehrfurcht holte er jede Nuance aus dieser Komposition heraus. Gergiev stellte bewusst die Sängerin in den klanglichen Mittelpunkt und erzählte mit seinem fabelhaften Orchester die Handlungsverläufe. Und so war es nur natürlich, dass er den Schluss langsam, ersterbend verebben ließ. Ein von so vielen besonderen Momenten an diesem Konzertabend.

Berechtigte Begeisterung für ein singuläres Musikerlebnis! Leider keine Zugaben.

Nach der Pause erfolgte die 5. Sinfonie von Gustav Mahler. Ein großer Kontrast! Richard Strauss war bei der Uraufführung im Oktober 1904 in Köln unter den Zuhörern. Mahler beklagte sich zu Lebzeiten, dass seine Musik so unverstanden blieb, gerade bei diesem Werk. In keiner anderen Sinfonie gab es so viele Überarbeitungen durch den Komponisten, vor allem in der Instrumentation.

1971 schrieb der berühmte Filmregisseur Luchino Visconti mit seiner Thomas Mann Verfilmung „Tod in Venedig“ Filmgeschichte. Hierzu verwendete er vor allem den vierten Satz, das Adagietto, aus Mahlers 5. Sinfonie als Filmmusik. Dadurch wurde Mahlers Musik einem Millionen Publikum bekannt. Und so zählt die 5. Sinfonie zu den meistgespielten Sinfonien von Gustav Mahler.

Valery Gergiev hat in seinem so arbeitsintensivem Leben dem Werk Gustav Mahlers einen besonderen Platz gegeben. Ob in St. Petersburg oder in seiner Amtszeit als Chef des London Symphony Orchestras, immer wieder führte er das symphonische Werk Mahlers auf. Und so war es keine Überraschung den charismatischen Dirigenten derart klar mit der Partitur im Verbund zu erleben.

Gergiev wirkte an diesem Abend wie ausgewechselt! Wirkte er bei früheren Gastspielen zuweilen übermüdet oder fahrig in seinen Dirigierbewegungen, so war er an diesem Abend hoch präsent und tief konzentriert. Auch dirigierte er, ganz gegen seine Gewohnheit, mit einem normalen Taktstock und dazu mit sehr klarer Zeichengebung.

Er betonte in seiner Interpretation die Groteske und das z.T. Fratzenhafte in der Musik. Harmonische Reibungen wurden geschärft und Akzente überdeutlich pointiert. Diese Aspekte prägten vor allem die ersten beiden Sätze, die mit wildester Emphase der Verzweiflung und berstender Expressivität erklangen.

Im Zentrum der Aufführung stand der dritte Satz, das Scherzo und zugleich umfangreichste Musikstück der Komposition. Mahler agierte hier seine Freude an Tänzen mit Ländler und Walzer aus. Die musikalische Atmosphäre wirkt fast ungetrübt. Doch am Ende führt Mahler diesen Satz in einem großen Fortissimo an die Grenzen der Tonalität, bevor die fulminante Schlussapotheose diesen Satz hinreißend beendet.

Das folgende Adagietto musizierte Gergiev dynamisch zurück genommen und nicht schleppend. Fein arbeitete er die chromatischen Linien heraus und sorgte für einen tief berührenden Ruhepunkt. Dabei gab er der Harfe besonders viel Raum für deren klangliche Entfaltung.

In dem beschließenden Rondo Finale ließ Gergiev derart tumultartig aufspielen, dass die Münchner Philharmoniker all ihre reichen Kräfte mobilisieren mussten. Immer wieder hob es dabei den Konzertmeister von seinem Sitz, der auf diese Art so nachdrücklich seine Orchesterkollegen befeuerte.

Am Ende dann abermals eine üppig musizierte Apotheose, die bereits zuvor im zweiten Satz erklang, bevor eine zugespitzte Stretta diese Komposition fulminant beschloss.

Der obligatorische Aufschrei des Publikums nach dem dem letzten Tutti-Schlag ließ dann auch nicht lange auf sich warten!

Die Münchner Philharmoniker wirkten mit der Musik Gustav Mahlers bestens vertraut und boten an diesem Abend klangliche Weltklasse. Sehr kultivierte Streicherklänge, dazu die grotesken Farben der Holzbläser und edel tönende Hörner und Blechbläser. Großartig in der Differenzierung die Schlagzeuger der Philharmoniker. Überragende Beiträge in der Solotrompete, mit größter Souveränität und unendlicher Ausdauer vorgetragen von Guido Segers

und vor allem durch das Horn-Solo von Matias Piñeira im dritten Satz. Mit bestechender Intonationssicherheit und voluminösem Goldton vermochte der Solist hier einen besonderen Höhepunkt zu markieren.

Alles in allem eine extrem farbenreiche, hoch expressive und auch bewegende Interpretation durch Valery Gergiev und seine Münchner Philharmoniker.

Große, ausdauernde Begeisterung im Publikum für ein unvergessliches Konzerterlebnis.

 

Dirk Schauß, 6. Februar 2020

 

 

Orchestra dell'Accademia Nazionale di Santa Cecilia

Sir Antonio Pappano / Janine Jansen Violine

Ludwig van Beethoven Ouvertüre zum Festspiel „König Stephan“ Es-Dur op. 117

Felix Mendelssohn Bartholdy Violinkonzert e-Moll op. 64

Robert Schumann Sinfonie Nr. 1 B-Dur op. 38 „Frühlingssinfonie“

 

Besuchtes Konzert: Alte Oper Frankfurt, 25. Januar 2020

Musikalisches Feuerwerk

Zum wiederholten Male gastierten die Geigerin Janine Jansen und Sir Antonio Pappano in der Alten Oper Frankfurt. Eine besonders glückliche Kombination und ein musikalisches Feuerwerk, wie sich erweisen sollte.

Pappano brachte diesmal sein römisches Elite-Orchester Orchestra dell’Accademia Nazionale di Santa Cecilia mit, dessen Chef er seit nun mehr 15 Jahren ist.

Zum Auftakt feierte Pappano den diesjährigen Jubilaren Ludwig van Beethoven. 1825 schrieb er die Bühnenmusik zum Festspiel „König Stephan“ zu Eröffnung des damaligen Nationaltheaters in Budapest.

Mit Fanfaren in den Trompeten und viel Brio in den Streichern, wirkt die hier musizierte Ouvertüre deutlich nach „Sturm und Drang". Sogleich konnte das Orchester unter der anfeuernden Leitung seines Dirigenten sehr beeindrucken. Ein satter und doch transparenter Klang in den Streichern, dazu immer wieder markante Holbläsereinwürfe. Sir Antonio Pappano realisierte eine ausgewogende Balance und kontrollierte Dynamik. Ein mitreißender Auftakt für ein besonderes Konzert.

Wie oft mag Janine Jansen das viel geliebte Violinkonzert von Felix Mendelssohn bereits gespielt haben? Jedenfalls war bei ihrem neuerlichen Auftritt keinerlei Routine spürbar.Vielmehr bestach einmal mehr der herrliche Edelklang der von ihr gespielten Stradivari. Genau und sensibel durchmaß Jansen die Melodiebögen. Unablässig musizierte sie in das Orchester hinein und Pappano legte ihr einen formidablen roten musikalischen Teppich vor. Auf dieser Grundlage entstand eine musikalische Symbiose zwischen Solistin und Orchester, wie sie in dieser Form selten anzutreffen ist. Perfekt, das sensible Abphrasieren und das sehr bewusste Timing im Aufbau neuer Melodiebögen. Ein inniger Ruhepol entstand vor allem im ruhig dahin fließenden Mittelsatz. In weiten sensibel ausgeformten Takteinheiten wurde die Ineinanderverschmelzung der Musiker beglückend ausgeformt.

Leichtfüssig, spritzig und dabei ungemein virtuos dann der berühmte tänzerische dritte Satz. Hier perlten die Töne in klarster Phrasierung vollendet. Pappano und Jansen wirkten sehr gut aufeinander eingespielt. Hell wach und immer wieder mit neuen Impulsen aufwartend, überzeugte das Orchester auch hier mit klanglischer Kompetenz und schlanker Tongebung. Ein großer Aufschrei der Begeisterung im Auditorium. Furioser Applaus des Publikums wurde mit einer sensibel vorgetragenen Zugabe von Janine Jansen belohnt.

Im zweiten Teil präsentierte Sir Antonio Pappano mit der ersten Sinfonie von Robert Schumann einen musikalischen Frühlingsgruss. Gerade einmal vier Tage im Januar 1841 benötigte der Komponist, um dieses Meistermerk niederzuschreiben.

Bereits die einleitende Trompetenfanfare wollte Schumann als Weckruf des Frühlings verstanden wissen. Wenige Augenblicke der Ruhe, ehe sodann in einem bewegten Allegro molto vivace die Streicher im regen Dialog mit den Bläsern davon stürmten. Silbrige Farbtupfer steuerte die Triangel bei. Die Musik pulsierte und atmete, immer nach vorne eilend. Welch ein Überschwang des Gefühls!

Eine kurze Atempause lieferte dann das gebremste Larghetto, in welchem die Streicher einen ruhenden Pol grundierten. Bläser und Streicher stimmten darin einen großen Melodiebogen an, der nie zu enden schien.

Rhythmische Brillanz bestimmte das folgende Scherzo, molto vivace. Ruppige, ja schroffe Akzente zeigten, dass hier mitnichten alles heil ist. Und doch stürmte der musikalische Verlauf durch alle Höhen und Tiefen. Ambivalenz kongenial in Töne formuliert.

Der finale Satz Allegro animato e grazioso offenbarte ein überaus farbenfrohes, optimistisches Finale, obgleich dann und wann die tiefen Streicher dieses in Frage stellten. Spannend immer wieder auch einzelne Abschnitte in den Holzbläsern, die an Mendelssohn denken ließen. Und am Ende eine dynamische Dur-getränkte Steigerung, die in ihrem Elan besonders mitreißend geriet.

Das Orchestra dell'Accademia Nazionale di Santa Cecilia überzeugte mit außergewöhnlich hoher Spielkultur und mitreißender Impulsivität. Alle Instrumentalgruppen zeigten herausragende Leistungen im Solo als auch im klanglichen Kollektiv. Fein das strahlende Zusammenspiel der sauber intonierenden Gruppe der Hörner, kompakt, ohne zu lärmen, das edle Blech. Virtuos und voll tönend die Streicher, kantabel und innig dazu die Holzbläser.

Sir Antonio Pappano war jederzeit die Freude und Unbedingtheit anzumerken, die Musik zu erzählen und maximal emotional zu gestalten. Seine Tempi wirkten niemals fociert, sondern immer aus dem emotionalen Moment heraus empfunden. Dabei wahrte er eine vorzügliche Balance. Auch nach Jahren der gemeinsamen Zusammenarbeit zeigte sich überdeutlich, wie gut das Orchester und Pappano sich verstehen.

Das Publikum in der Alten Oper feierte Pappano und sein Orchester ausgiebig. Und Pappano dankte persönlich mit zwei mitreißenden Zugaben. Zunächst erklang die innig vorgetragene Komposition «Italiana» aus den «Danze Antiche ed Arie» von Ottorino Respighi. Und zum Abschluss servierte das Orchester eine ungemein spritzig dargebotene Ouvertüre zu Mozarts «Le nozze di Figaro». Hier demonstrierte Pappano abschließend eindrücklich, warum er einer der besten Operndirigenten von Weltgeltung ist.

Ein großartartiger, unvergesslicher Konzertabend!

Dirk Schauß, 26. Januar 2020

 

 

 

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