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HR-Sinfonieorchester & Pablo Heras-Casado

featuring: Sol Gabetta

13. Juni 2019


Dmitri Schostakowitsch

Festliche Ouvertüre A-Dur op. 96
Cellokonzert Nr. 2

Claude Debussy

Suite aus »Trois Nocturnes« und »Images«:
Nuages – Fêtes – Gigues – Rondes de printemps

Maurice Ravel

La valse


Einmal mehr gab es beim aktuellen Konzert des HR-Sinfonieorchesters ein Aufeinandertreffen von Expressionismus und Impressionismus.

Am Beginn standen zwei Kompositionen von Dmitri Schostakowitsch. Zunächst gab es seine 1954 entstandene Festliche Ouvertüre, die er im Angedenken an die Oktoberrevolution von 1917 komponierte. Ein rasantes Orchesterfeuerwerk mit Motiven versehen aus Michail Glinkas Oper „Ruslan und Ludmila“. Es ist ein helles Werk der Lebensfreude, dass im überschäumenden Galopp nach vorne stürmt. Und das HR-Sinfonieorchester unter Leitung seines Gast-Dirigenten Pablo Heras-Casado nutzte die Gelegenheit seine hohe Spielkunst beeindruckend zu demonstrieren. Gut wurden die einzelnen Themen herausgestellt und kontrastiert. Auch kam der ironische Ausdruck nicht zu kurz. Vor allem die Holzbläser hatten hörbare Freude an so manch kecker Farbe. Dazu kamen bombastische Effekte im sonoren Blech und im Schlagzeug. Heras-Casado trieb das Orchester zu großer Rasanz an und blieb dabei rhythmisch äußerst exakt bei perfekter Dynamik. Ein toller Auftakt!

Wie anders vom Charakter wirkte dann sein zweites Cellokonzert. 1966 entstanden und abermals dem berühmten Cellisten Mstislav Rostropovitsch gewidmet, zeigt dieses Werk ein Spektrum der Zerrissenheit und Klage. Bestimmend ist hier die Düsternis und die Bedrohlichkeit. Die Musik wirkt oft zergrübelt und suchend. Selten kommen lichtvolle Momente in die Harmonien. Mit Sol Gabetta am Cello durften sich die Zuhörer über eine besonders herausragende Instrumentalistin freuen. Der erste Satz (Largo) ist voller Kontraste und wird klar von der Führung des Cellos bestimmt. Immer wieder ist das Xylophon zu hören, bis dann alles einem großen Höhepunkt entgegentritt, um dann den Satz sanft ausklingen zu lassen. Dieses Werk steht Sol Gabetta besonders nahe, das war ihr jederzeit anzumerken. So groß war ihre Hingabe, ihr Einfühlen. Dabei suchte sie immer einen körperreichen Ton auf ihrem Instrument. Den vielen Schwierigkeiten begegnete die Virtuosin völlig souverän. Im zweiten Satz, einem Allegretto, imponierten die äußerst diffizilen Tonsprünge, die Gabetta souverän realisierte. Interessant der kompositorische Einfall, die Solo-Kadenz des Cellos von zwei Tamburinen begleiten zu lassen. Intensiv nutzte der Komponist auch hier wieder die dunklen Farben der Fagotte. Der beschließende dritte Satz ist eine Mixtur aus Marsch- und Tanzrhythmen, koloriert durch verschiedene Schlagzeugeinwürfe. Viel Gelegenheit für Gabetta auch hier nochmals die ganze spielerische Bandbreite beeindruckend zu demonstrieren, bevor dieses Werk völlig abrupt endet. Pablo Heras-Casado war ein einfühlsamer gestaltender Partner, der immer den musikalischen Dialog suchte. Das HR-Sinfonieorchester zog dabei wunderbar mit. Am Ende Begeisterung bei den Zuhörern.

Nach der Pause konnte sich das Publikum über eine gekonnte Darbietung verschiedener französischer Kompositionen freuen. Am Anfang standen die ersten beiden Sätze „Nuages“ und „Fêtes“ aus den Trois Nocturnes von Claude Debussy. Die im Jahr 1900 uraufgeführte Komposition gilt als eines der wichtigsten Werke des musikalischen Impressionismus. Geheimnisvoll, voller Ruhe und doch etwas diffus die „Nuages“. Sehr farbenreich und furios mit seiner charakteristischen Trompetenmelodie sind die „Fêtes“. Es folgten mit „Gigues“ und dem „Rondes de printemps“ zwei Kompositionen aus den Images für Orchester, die Debussy zwischen 1905 und 1912 geschrieben hatte. Es handelt sich dabei um musikalische Landschaftsmalereien. So wird in den Gigues eine englische Herbstlandschaft portraitiert. Der französische Frühling wurde hingegen im „Rondo de printemps“ musikalisch verewigt. Viele Farben wechseln sich ab, Melancholie mit einem weichen Oboensolo in den Gigues, rhythmische Akkuratesse im „Rondo de printemps“ mit liedhaften Einwürfen. Dieses so besondere Wechselspiel realisierte das sensibel musizierende Orchester auf bestechende Weise. Pablo Heras-Casado motivierte das hingebungsvoll agierende Orchester vor allem zu sehr transparentem, filigranem Spiel. Die Instrumentalsoli gerieten beglückend, namentlich in den Holzbläsern, gemeinsam im schönen Wechselspiel mit den sensiblen Streicherklängen.

Im Jahr 1920 verwirklichte Maurice Ravel seine Apotheose auf den Wiener Walzer in seiner Komposition „La valse“. Ursprünglich lautete der Titel für sein Werk „Wien“. Zudem hat Ravel dafür ein Programm vorgesehen: „Flüchtig lassen sich durch schwebende Nebelschleier hindurch walzertanzende Paare erkennen. Nach und nach lösen sich die Schleier auf: man erblickt einen riesigen Saal mit zahllosen im Kreise wirbelnden Menschen. Die Szene erhellt sich zunehmend; plötzlich erstrahlen die Kronleuchter in hellem Glanz. Eine kaiserliche Residenz um 1855. Nach und nach treten an die Stelle der Walzerseligkeit verzerrte Rhythmen und dissonante Harmonien. Das Stück endet in einem Ausbruch von Gewalt und Chaos.“

Abermals eine willkommene Gelegenheit für das HR-Sinfonieorchester, seine besondere Kompetenz, gerade auch in der französischen Orchestermusik, beeindruckend zu demonstrieren. Pablo Heras-Casado achtete in seiner Interpretation vor allem auf die Doppelbödigkeit, das im Chaos endende Finale war als Bedrohung jederzeit zu erahnen. Wie aus dem Nichts ließ er die Streicher in Wellenbewegungen phrasieren, um dann in z.T. harten Sforzati-Einwürfen die Schönheit aufzubrechen. Dabei verwirklichte er auch hier wieder eine perfekte dynamische Balance. Die Steigerung am Schluss mit den wilden Schlagzeugern geriet geradezu infernalisch. Ein begeisternder Aufschrei des Publikums war die Antwort auf diese sehr surreal anmutende Musik, die so packend interpretiert wurde.

 

Dirk Schauß, 18.6.2019

Leider keine Bilder vom Konzert

 

Chamber Orchestra of Europe

Sir Antonio Pappano

Alte Oper Frankfurt – 02. Juni 2019

Richard Wagner Siegfried-Idyll WWV 103

Karol Szymanowski Violinkonzert Nr. 1 op. 35

Antonin Dvořák Slawische Tänze op. 72

Janine Jansen Violine


Bei seinem Gastspiel in der Alten Oper legte das Chamber Orchestra of Europe bei seiner Programmauswahl einen Schwerpunkt auf die Musik Ost-Europas. Ein große Bandbreite der Empfindung war zu erleben.

Den Beginn machte ein berühmter musikalischer Geburtstagsgruss. Es war am 24. Dezember 1870 als Richard Wagner seiner Frau Cosima zu ihrem 33. Geburtstag die Komposition „Siegfried-Idyll“ widmete und im kleinsten Kreise uraufführte, um genau zu sein: auf der Treppe im Landhaus des Komponisten in Tribchen, in der Nähe zu Luzern. Cosima verweigerte längere Zeit die Freigabe dieser Komposition für die Öffentlichkeit, weil ihr dieses musikalische Geschenk zu persönlich erschien. Auch deshalb, weil es zur Erinnerung an derer beiden Sohn Siegfried gedacht war. Die Musikwelt nahm später diese entzückende musikalische Oase tief in ihr Herz auf, so dass es zu den bekanntesten Orchesterwerken Richard Wagners gehört. In dieser einzigen symphonischen Dichtung, die Wagner schrieb, verarbeitete er Motive aus seinem gleichnamigen Musikdrama.

Sir Antonio Pappano kann auf eine breite Erfahrung mit der Musik Richard Wagners zurückblicken. Erst kürzlich leitete er den kompletten „Ring“-Zyklus am Royal Opera House Covent Garden. Und seine große Kompetenz, sein Auskosten lyrischer Kantabilität, konnte er sogleich mit dem einfühlsamen Chamber Orchestra of Europe unter Beweis stellen. Dabei orientierte er sich an der Fassung der Uraufführung und führte es in Frankfurt mit gerade einmal 13 Musikern auf. Punktgenau wurde die schwebende Grundstimmung getroffen, weich und sonnig-heiter gerieten die Aufschwünge in den aufblühenden Streichern. Dazu sauber intonierte Farbtupfer der Bläser. Ein wunderbarer kammermusikalischer Beginn.

Als Solistin war sodann die niederländische Geigerin Janine Jansen zu erleben. Gemeinsam mit Pappano musizierte sie das Violinkonzert No. 1 des polnischen Komponisten Karol Szymanowski. Das 1916 entstandene Werk besticht durch eine sehr eigene Klangwelt. Das Farbspektrum dieser eingängigen Komposition, die auch manche Orientalismen enthält, ist groß und ungemein faszinierend zugleich. Janine Jansen ist eine Künstlerin, die sich nicht allein im Standard-Repertoire der bekannten Violinkonzerte beheimatet sieht. Immer wieder erweiterte sie ihre Repertoire auch um weniger bekannte Werke und widmete sich ebenso ausgiebig zeitgenössischer Musik. Ihre Affinität zur Musik Szymanowskis war unüberhörbar. Und dieses Violinkonzert ist in seiner Vielfalt und Form so ganz anders. Es gleicht in seiner Einsätzigkeit eher einer Ballade oder Tondichtung. Die technische Bandbreite ist dabei sehr groß. Für Janine Jansen war dies alles keine erkennbare Herausforderung. Sie wirkte so symbiotisch mit dieser schillernden, zuweilen auch ekstatisch anmutenden Musik verbunden. Immer warm im Tonfall, kantabel in den Phrasierungen und hoch aufmerksam, folgte sie mit größter Expressivität dem musikalischen Verlauf. Ihr wunderbares Spiel kam allerdings auch durch den besonders warmen Ton ihrer Stradivari Geige zur Geltung. Das Zusammenspiel mit dem heftig geforderten Chamber Orchestra of Europe geriet ausgezeichnet. Sir Antonio Pappano gab unermüdlich seine ganze Energie in das Orchester und Janine Jansen tat es ihm gleich. So geriet derer beiden Zusammenspiel sehr homogen und mitreißend, was das Publikum deutlich würdigte. Janine Jansen freute sich über den Zuspruch und bedankte sich mit Sir Antonio Pappano am Flügel mit einer innigen Zugabe, der Nocturne von Lill Boulanger. Große Begeisterung beim Publikum.

Nach der Pause dann gab es Gelegenheit, die Slawischen Tänze op. 72, von Antonin Dvorak zu hören. Entstanden sind diese in den Jahren 1886/1887. Voraus gegangen war ein spektakulärer Erfolg mit der ersten Sammlung der Slawischen Tänze op. 42, die im Konzertbereich größere Bekanntheit erlangten und vor allem tschechische Tänze enthielt. In seiner zweiten Sammlung, die in der Alten Oper zu hören war, sind es u.a. Tänze aus der Slowakei (Odzemek), Polen (Polonaise) und dem Balkan (Kolo).

Vorherrschend in den Kompositionen ist dennoch das böhmische und mährische Klangkolorit. Faszinierend ist einmal mehr das musikalische Genie Dvoraks, das in seinem Reichtum der Melodie grenzenlos scheint. Das Feuerwerk der Rhythmen und die Lebensfreude, aber auch die subtile Melancholie wurden von Pappano glänzend erfasst. Dieser einzigartige Vollblutmusiker befeuerte seinen Klangkörper fortwährend. Alle seine Impulse wurden von dem hingebungsvoll musizierenden Orchester perfekt umgesetzt. Dieser Klangkörper zeigte in allen Gruppen höchstes spielerisches Niveau. Neben den warmen Bläserfarben und dem glanzvollen Streicherklang, begeisterte auch das knackige, sehr differenziert akzentuierte Schlagzeug, das hier ein wichtiger Farbgeber in den Tänzen ist. Kein Wunder also, dass das Publikum vor Begeisterung, bereits z.T. auch nach den einzelnen Tänzen, schier aus dem Häuschen geriet. Und Pappano und das Chamber Orchestra of Europa revanchierten sich mit der Wiederholung des furiosen siebten Tanz, einem Kolo aus dem Balkan.

Viel Jubel in der sehr gut besuchten Alten Oper Frankfurt.

 

Dirk Schauss 4.6.2019

 

 

Gustav Mahler/Yoel Gamzou

am 20. Mai 2019

Sinfonie No. 10 Fis-Dur (vervollständigt von Yoel Gamzou)

Es war im Jahr 1910 als Gustav Mahler nach Beendigung seiner neunten Symphonie mit der Komposition seiner 10. Symphonie begann. Seine angeschlagene Gesundheit und die vielfache Überlastung führten immer wieder zu Unterbrechungen, so dass er den Fortgang an dieser fünfsätzigen Komposition aussetzte. Am weitesten gedieh der erste Satz, den Komponist Ernst Krenek im Jahr 1924 der Öffentlichkeit vorstellte. Bis zum heutigen Tag ist dieses Adagio oft im Konzertsaal zu hören. Eine komplette Partitur Reinschrift vermochte Mahler nicht mehr zu erstellen. So gab es vielfache Versuche von Komponisten und Musikwissenschaftlern aus der reichen Hinterlassenschaft dieses Werkes eine aufführungsreife Form zu erstellen. Hier war es vor allem der Musikwissenschaftler Deryck Cooke, der bis zu seinem Tod an der Überarbeitung seiner Konzertfassung dieser Symphonie arbeitete. Sir Simon Rattle hat diese Fassung mit den Berliner Philharmonikern vielfach aufgeführt.

Mahlers letzte Symphonie ist erkennbar autobiographisch gefärbt und verarbeitet u.a. die Zerrüttung seiner Beziehung zu der von ihm so geliebten Alma Werfel. Der berühmte dissonante Aufschrei des Orchesters im Neuntonklang des einleitenden Adagios soll die Untreue seiner Frau versinnbildlichen, die ein Verhältnis mit dem Architekten Walter Gropius hatte. Auch der Untertitel des vierten Satzes: „Der Teufel tanzt es mit mir“, einem höllischen Scherzo, lässt vielerlei Rückschlüsse auf Mahlers extremen Seelenzustand in jener Zeit zu….

Am Pult des Frankfurter Opernhaus- und Museumsorchesters präsentierte sich der junge israelische Dirigent Yoel Gamzou, gegenwärtig Musikdirektor am Opernhaus Bremen.

Gamzou beschäftigt sich seit seinem siebten Lebensjahr intensiv mit der Musik Gustav Mahlers. Vor allem dessen zehnte Symphonie hat es ihm angetan. Intensiv studierte er die Skizzen und Materialien zu diesem symphonischen Torso, bis in ihm die Idee reifte, selbst eine Vervollständigung zu realisieren. Diese Fassung des damals erst 23 Jahre jungen Dirigenten und Komponisten gelangte am 05. September 2010 in Berlin zur Erstaufführung. Exakt 100 Jahre nachdem Mahler die letzte Note an diesem Werk geschrieben hatte. Über zehn Jahre arbeitete Gamzou an seiner Fassung dieser Symphonie.

Eine besondere Gelegenheit also diese so außergewöhnliche Symphonie mit Yoel Gamzou erleben. Um es vorweg zu nehmen: es wurde ein außerordentlicher, unvergesslicher Konzertabend. Das Frankfurter Opernhaus- und Museumsorchester musizierte extrem motiviert und hellwach in seiner Reaktion. Die Verschmelzung zwischen Dirigent und Orchester verlief außergewöhnlich beglückend. Ein völlig harmonisches Geben und Nehmen ergab sich so ganz von selbst. Gamzou verstand es von Anfang an die Spannungsdichte außergewöhnlich hoch zu halten. Das Orchester war in allen Spielgruppen in bester Verfassung. In Summe entstand so eine Interpretation, die Mahlers Abschied vom Leben erdrückend spürbar machte und sich tief in die Seele der Zuhörer intensiv einbrannte.

Gamzou vermochte in seiner Fassung, ganz anders als die bekanntere Version seines Kollegen D. Coycke, erstaunlich viel von Mahlers Klangsprache zu realisieren. Als Interpret traf Gamzou traumwandlerisch sicher die emotionale Dichte dieser Musik. Immer wieder sorgte er für riesige Spannungsbögen, um dann wieder mit überdeutlichen Ruhephasen die Musik zum Stillstand zu führen. In den dissonanten Reibungen am Ende des einleitenden Adagios oder auch in den beiden Scherzo-Sätzen ließ er es nicht an der notwendigen grotesken Schärfe fehlen. Am eindrücklichsten wirkte der mit „Finale“ betitelte Schluss-Satz. Derart erschütternd und erdrückend ist kaum ein symphonischer Satz in Mahlers Gesamtwerk. Mit größter Vehemenz hämmern sich zwölf gewaltige, ohrenbetäubende Schläge der großen Trommel vernichtend in die Ohren der Zuhörer. Eine Naturgewalt, eine Apokalypse in Tönen! Und dann ertönte vielleicht der magischste Musik des gesamten Konzertabends: ein langes, ausgedehntes Solo der Flöte, das von einer Innigkeit war, das die Zeit still stand. Was für ein beglückender Moment, dazu großartig vorgetragen von der Solistin. Überhaupt sind die Extreme in diesem abschließenden Satz sehr groß. Gewaltige Eruptionen auf der einen Seite, noch einmal kommt der aufschreiende Neuntonklang aus dem ersten Satz, und dann wieder kammermusikalische Einsprengsel, an den solistisch agierenden Streichern (Violine, Bratsche und Cello). Ein leises Lebewohl in Tönen führt in die Ewigkeit.

Das Frankfurter Opernhaus- und Museumsorchester zeigte sich in beeindruckender Verfassung und blieb den extremen Anforderungen des Werkes nichts schuldig. Ob im Tutti oder den vielen Soloanforderungen: alles erklang, wie aus einem Guss. Herausragend die bis an die Grenze der Spielbarkeit geforderte Solo-Trompete, die mit endlosem Atem und schlankem Ton perfekt intonierte. Die große Wandlungsfähigkeit des Orchesters und das intensive Interagieren waren eine perfekte Basis für einen Konzertabend, der sehr lange in den Zuhörern nachgeklungen haben dürfte. So dauerte es eine Ewigkeit bis nach dem ersterbenden Schlussakkord zögerlich der Applaus einsetzte, der sich dann zurecht zu Ovationen für Orchester und Dirigenten steigerte.

Ein besonderer Konzertabend in der Alten Oper Frankfurt!


Dirk Schauß, 21.5.2019

Bilder (c) Alte Oper

 

 

HR-Sinfonieorchester unter Susanne Mälkki

Magnus Lindberg PARADA

Sergej Prokofiev Violinkonzert No. 2 g-moll op. 63

Jean Sibelius Symphonie No. 2 D-Dur op. 43

Solist: Gil Shaham, Violine

Besuchtes Konzert am 16. Mai 2019

 

Diese Woche in der Frankfurter Alten Oper steht im Zeichen zweier Dirigentinnen, die mit ihren außerordentlichen Fähigkeiten nachhaltig überzeugten. Nach dem Gastspiel des City of Birmingham Symphony Orchestras unter der Leitung von Mirga Gražinyte-Tyla, gastierte nun die finnische Dirigentin Susanna Mälkki beim HR-Sinfonieorchester.

Im aktuellen Konzertprogramm traf Finnland auf Russland. Das erste Werk des Abends stammte vom finnischen Komponisten Magnus Lindberg. Er widmete sein 2002 uraufgeführtes Werk „Parada“ seinem Kollegen und Dirigenten Esa-Pekka Salonen. In einer knappen Viertelstunde erlebt der Zuhörer neben schwebenden Streicherakkorden, schroffe Bläsereinwürfe mit allerlei Schlagzeugfärbungen. Viele rasche musikalische Farbwechsel, dann aber auch wieder Ruhepunkte, die manchmal einen Hauch von Sibelius erahnen lassen.

Ein forderndes Stück, eine intensive Klangreise….für Orchester, Dirigenten und die Zuhörer! Das HR-Sinfonieorchester kam mit den Anforderungen ausgezeichnet zurecht. Gast-Dirigentin Susanne Mälkki agierte hier mit äußerst sicherer Zeichengebung und wirkte vor allem als völlig souveräne Klang-Koordinatorin. Das Orchester musizierte mit äußerster Präzision und Hingabe. Bereits nach dem ersten Stück applaudierten die Orchester Mitglieder ihrer Gast-Dirigentin.

Mit Gil Shaham hatte das HR-Sinfonieorchester einen fabelhaften Violin-Virtuosen verpflichtet, der dem 1935 entstandenen 2. Violinkonzert von Sergej Prokofiev viel eigenes Profil gab. Das Konzert wirkt geradezu neo-klassizistisch. Shaham suchte immer wieder einen natürlichen Tonfall und arbeitete zudem die kantablen Elemente im zweiten Satz mit großer Ruhe heraus. Bereits die beginnende Solo-Intonation sorgte für große Aufmerksamkeit. Das liedhafte Hauptthema kam mit Shaham prägnant zur Geltung. Immer wieder faszinierten seine virtuosen Möglichkeiten, die dann vor allem im beschließenden Allegro Satz mit zu bestaunen waren. Hier ergaben die klappernden Kastagnetten ein besonderes Kolorit. Zuvor war aber im erhabenen Andante des zweiten Satzes der emotionale Höhepunkt realisiert. Hier verschmolzen Solist und Orchester zu einer beeindruckenden Einheit..

Shaham profitierte von seiner langen Erfahrung mit diesem Werk. Seine positive Abgeklärtheit war ein wichtiger Garant, um ihn spielsicher in die anspruchsvollen rhythmischen Strukturen des Werkes zu führen. Es war eine besondere Freude, ihn bei seiner überschäumenden Spielfreude zu beobachten. So ansteckend, so positiv war sein inneres Erleben der Musik. Susanne Mälkki begleitete mit dem aufmerksamen HR-Sinfonieorchester gekonnt den Solisten. Sie setzte vor allem rhythmische Akzente, so z.B. in den Einwürfen der Trompeten im zweiten Satz, die an einen Marsch denken ließen. Das Publikum zeigte sich hörbar erfreut. Gil Shaham bedankte sich mit einer Zugabe: Eine Gavotte, die er zusammen mit dem Konzertmeister des HR-Sinfonieorchesters darbot.

Nach der Pause musizierte das HR-Sinfonieorchester die zweite Symphonie von Jean Sibelius. Eine der von Susanne Mälkki am häufigsten dirigierten Symphonien, so z.B. auch bei den Berliner Philharmonikern. Mälkki sieht sehr viel Licht und Hoffnung in dieser so beliebten Symphonie. Ihr ist es sehr wichtig, das Fröhliche und Offenherzige zu betonen. Zu oft und zu schnell wird Sibelius mit Dunkelheit und depressiver Grundstimmung stigmatisiert.

Die Symphonie wurde in ihrer finalen Version 1903 uraufgeführt. Sie umfasst traditionell vier Sätze. Eher ungewöhnlich der nahtlose Übergang vom dritten in den vierten Satz. Beeindruckend ist die emotionale Bandbreite dieser Musik, die sehr bildhaft wirkt und oft an Naturschilderungen denken lässt. Und natürlich verfehlt der Schlusssatz mit seinen strahlenden Trompeten seine Wirkung nicht, vor allem auch deshalb nicht, weil die pathetische Coda am Schluss der Symphonie den Zuhörer unweigerlich in höchste Höhen des Lichts aufsteigen lässt.

Reichlich Gelegenheit also für das HR-Sinfonieorchester seine Könnerschaft eindrucksvoll zu demonstrieren. Es erklang äußerst animiert und sattelfest. Mit Meisterschaft und Hingabe setzte es alle Vorgaben seiner Gast-Dirigentin um. Intensive Holzbläsereinwürfe spielten mit den maximal geforderten Streichern. Den Streichern und ihrer Klangentwicklung widmete Mälkki besondere Aufmerksamkeit. Dies verwundert nicht, denn die Dirigentin war zuvor Cellistin beim Sinfonieorchester in Göteborg.

Dazu müssen die Blechbläser häufig schwierige Intervalle realisieren, um dann am Schluss in einer gewaltigen Steigerung alles hineinzulegen, was die Lungen hergeben. Und die Blechbläser nutzten ihre spieltechnischen Möglichkeiten, um die Anforderungen zu überwältigenden Klangeffekten zu gestalten. Großartig! Mälkki wirkte stark mit der Musik ihres Landsmanns verbunden. Auch hier war das Streben um rhythmische Prägnanz und Durchhörbarkeit zu erleben. Und doch gab sie den Ruhepunkten genügend Raum, damit sich neue Spannungsmomente aufbauen konnten. Mystisch anmutende Schwebeklänge ließen die Zeit still stehen. Wunderbar phrasierte sie die Steigerungen des Finales aus und so blieb der besonders lichtvolle Moment der Überwältigung in der beschließenden Coda auch nicht aus. Eine berstende, ja leuchtende Intensität, die sich wie ein gewaltiges positives, dynamisches Ausrufezeichen in das Ohr der Zuhörer einbrannte. Diese konnten zunächst nicht applaudieren: Stille, dann aufbrandende Begeisterung! Ein großer Abend!

Die Alte Oper war sehr gut besucht. Das Publikum reagierte mit Enthusiasmus.

 

Dirk Schauß 17.5.2019

 

 

 

City Of Birmingham Symphony Orchestra

& Mirga Gražinyte-Tyla

featuring: Kit Armstrong

Konzert am 14. Mai 2019

 

Maurice Ravel – Le Tombeau de Couperin

Robert Schumann – Klavierkonzert a-moll op. 54

Johannes Brahms – Sinfonie No. 2 D-Dur

 

Ganz im Zeichen der Frauen sollte das aktuelle Gastspiel des City Of Birmingham Symohony Orchestra (CSBO) unter der Leitung seiner litauischen Chefdirigentin Mirga Gražinyte-Tyla stehen. Die quirlige Dirigentin hatte als Solistin die chinesische Pianistin Yuja Yang vorgesehen. Aus Krankheitsgründen musste sie absagen. Für sie sprang Kit Armstrong ein. Eine sehr gute Wahl, wie der Abend zeigen sollte.

Zu Beginn spielte das CSBO eine Klavierkomposition von Maurice Ravel in der Orchesterfassung aus dem Jahr 1920. In seiner Komposition „Le Tombeau de Couperin“ (Das Grabmal des Couperins) verarbeitete Ravel höfische Tanzweisen des Barock-Komponisten François Couperin. Die einzelnen Sätze der Orchestersuite widmete Ravel Menschen, die ihm nahe standen, wie z.B. einem Kriegskameraden oder dem Musikwissenschaftler Joseph de Marliave.

Viel Gelegenheit für das CSBO also gleich zu Beginn ein duftiges Farbspektrum auszumusizieren. Das Wechselspiel der wogenden Streicher mit den kantabel intonierenden Holzbläsern geriet trefflich. Wunderbar das Oboensolo im innig vorgetragenem Menuett. Sehr keck und frech musizierte das CBSO in dem mitreißenden Rigaudon, ein französischer Volkstanz. Mit viel Temperament und Esprit wurde dieser vorgetragen. Mirga Gražinyte-Tyla war eine sehr wache Interpretin dieser besonderen Musik, die es ausgezeichnet verstand, ihr Orchester zu motivieren.

Danach erklang Robert Schumann viel gespieltes a-moll Klavierkonzert. Das im Jahr 1845 uraufgeführte Werk geht auf einen fünfjährigen Schaffensprozess zurück und gilt zurecht als eines der Klavier Gipfelwerke in der Epoche der Romantik. Als Solist war der international sehr erfolgreiche Pianist Kit Armstrong zu erleben. Armstrong kann auf eine sehr beachtliche Karriere blicken. International war er bei vielen Orchestern bereits zu Gast und hat sich zudem auch in der Kammermusik einen Namen gemacht. Der große Alfred Brendel ist sein Förderer und Mentor. Bereits der energische Eingangsakkord des Orchesters gab den Interpretationsweg vor: Natürlichkeit! Armstrong hatte jede Note erkennbar tief verinnerlicht und begeisterte mit feinsinniger dynamischer Gestaltung. Immer wieder ließen kleine Rubati aufhorchen. Vor allem in der großen Kadenz des ersten Satzes und abschließenden Coda zeigte Armstrong dann sein großes technisches Können. In dem lyrischen Hauptthema des ersten Satzes und dem nachfolgenden Animato spielte Armstrong behutsam, ja geradezu anrührend.

Nach dem monumentalem ersten Satz wirkt der zweite Satz „Intermezzo“, wie eine musikalische Oase zum durchatmen. Das Klavier tritt hier eher in den Hintergrund. So war es dann vor allem das Dialogische zwischen Orchester und Solisten, was die Wirkung des Satzes besonders machte.

Herrlich dann das beschließende Allegro vivace des dritten Satzes, welches in seiner Lebensbejahung klar betont wurde. Armstrong agierte in diesem Satz variationsreich in seiner Dynamik, staunenswert virtuos und farbenreich. Immer war die musikalische Struktur erkennbar nachzuvollziehen. Das Zusammenspiel der beiden Künstler war eine Freude. Mirga Gražinyte-Tyla animierte ihr Orchester zu druckvollem Spiel, schuf zugleich aber auch stets notwendige Ruhepunkte, um neue Spannungsmomente entstehen zu lassen. Armstrong und Gražinyte-Tyla agierten dabei gut als harmonisches Team, so dass eine schlüssige, überzeugende Interpretation das Publikum begeisterte. Und Kit Armstrong ließ sich nicht lange bitten und bedankte sich mit einer Zugabe bei den entzückten Zuhörer. Er wählte dazu ein Wiegenlied von François Couperin, welches mit seinen vielen Verzierungen und endlosen Abfolgen von Trillern ein besonderer Abschluss der ersten Konzerthälfte war. Viel Begeisterung!

Nach der Pause dann stand mit der D-Dur Symphonie No. 2 von Johannes Brahms eines seiner beliebtesten Werke auf dem Programm. Die 1877 uraufgeführte Symphonie war von Anfang an ein großer Erfolg beim Publikum. Ihr Überschwang und das Lichtvolle waren von jeher stets Quell der Begeisterung. Die große Natürlichkeit und das Pastorale sind von besonderer Wirkung.

Das CSBO wurde auch hier wieder von seiner Chefin Mirga Gražinyte-Tyla unter mächtigem Dampf gehalten. Unermüdlich trieb sie das Orchester an und achtete dabei höchst wachsam darauf, der Symphonie eine vielschichtig dynamische Gestalt angedeihen zu lassen. Getragen begann die Einleitung des ersten Satzes, um dann durch sprunghafte Accelerandi überzeugend aufgebrochen zu werden. Dazu gab es manchen besonders markanten, ja scharfen Bläsereinwurf. Im einleitenden ersten Satz intonierten schlank und sehr sauber die Hörner, bis dann die Streicher in leichten Wellenbewegungen das Hauptthema intonierten. Die Celli und Kontrabässe des CBSO sorgten dazu für ein warmes, profundes Fundament. Wunderbar arbeitete sie die Kantilenen heraus, vor allem im elegischen zweiten Satz. Immer wieder eine Freude die hoch präzisen Holzbläser, die vor allem im dritten Satz begeisterten. Aber auch die Kollegen im Blech, vor allem Trompeten und Tuba musizierten mit viel Spiellaune und in der Schlusscoda mit spielerischer, überschäumender Verve, so dass das fanfarenartige Finale zu besonders großartiger Wirkung kam. Rhythmische Prägnanz gab es von der Pauke, die im ersten Satz für pochende Höhepunkte sorgte. Eine in ihren gestalterischen Verläufen sehr eigene, jederzeit unwiderstehliche, ja unvergessliche Interpretation. Auch bei dieser Symphonie reagierte das Publikum sehr begeistert. Mirga Gražinyte-Tyla bedankte sich in einer kurzen Ansprache herzlich beim Publikum und nutzte die Gelegenheit auf das anstehende Jubiläum des Orchesters aufmerksam zu machen: “Kommen Sie alle nach Birmingham!“

Viel Freude also bei den Besuchern im gut besuchten Konzertsaal.

 

Dirk Schauß 15.4.2019

Bilder (c) Alte Oper

 

 

Tastenzauber

Peter Tschaikowsky (1840-1893)
Konzert für Klavier und Orchester Nr. 1 b-Moll op. 23

Sergej Rachmaninow (1873-1943)
Sinfonie Nr. 1 d-Moll op. 13

 

08. März 2019

 

Es war spannend, mit dem Südkoreaner Yekwon Sunwoo, einen Vertreter der jungen Pianisten Generation zu erleben. Sunwoo machte sich u.a. international einen Namen, als er 2017 den bekannten Van-Cliburn-Wettbewerb gewann. Nun also einmal mehr das berühmte b-Moll Klavierkonzert von Tschaikowsky, welches erst kürzlich von Rudolf Buchbinder an gleicher Stelle sehr natürlich interpretiert wurde.

Sunwoo ging bei seinem Gastspiel einen ganz anderen Weg in seiner Interpretation. Da standen auf der einen Seite die sehr kraftvollen Akzente, vor allem in der linken Hand, die in den Ecksätzen markant wirkten. Auf der anderen Seite nahm er sich dann aber auch im zweiten Satz sehr weit zurück, hörte tief in die Musik hinein und suchte hier vor allem den Dialog zum Orchester. Wunderbare, sinngebende Rubati, lange nachklingende Pedal-Akkorde ergaben immer wieder eine geradezu magische Stimmung. Seine technische Perfektion war nie Selbstzweck, sondern gab ihm jederzeit die Freiheit, kraftvoll auszuspielen, ebenso mit weichem Ansatz seinen Kantilenen größte Sensibilität angedeihen zu lassen. Es war staunenswert, wie souverän und wagemutig er dieses fordernde Meisterwerk interpretierte und tief den Seelenklang erkundete. Im mitreißenden Schluss-Satz spielten sich das Frankfurter Opernhaus- und Museumsorchester unter Leitung von GMD Sebastian Weigle, die Bälle lustvoll zu. Hier trafen Energie und Virtuosität enthemmt aufeinander, was große Begeisterung auslöste. Vor allem die Hörner, Streicher und Holzbläser musizierten in mitreißender, lustvoller Musikalität. Weit ausschwingend ließ Weigle seine famosen Streicher singen und breitete so für Sunwoo einen roten musikalischen Teppich aus, den dieser, sehr bescheiden im Habitus, virtuos und hoch sensibel nutzte. Große Begeisterung im Auditorium veranlassten diesen besonderen Pianisten zu einer großzügigen Zugabe: eine Fantasie aus Themen des „Rosenkavaliers“ von Richard Strauss. Die Zeit stand still bei derart viel Tastenzauber! Wunderbar!

Im zweiten Teil erklang die 1895 entstandene erste Symphonie von Sergej Rachmaninow. Ein Schicksalsmoment im Leben des Komponisten. Die Uraufführung im Jahr 1897 war ein einziges Fiasko. Rachmaninow konnte nicht mehr komponieren. Erst eine längere Auszeit und intensive Hypnosebehandlungen reaktivierten die Schaffenskraft des sensiblen Komponisten.

Sein Werk bietet vielerlei Eigenheiten und ist in seinem episodenhaften Charakter erkennbar ein Jugendwerk. Fortwährend ist diese symphonische Musik auf der Suche, endlos die musikalischen Einfälle. Sogar Einflüsse von Zigeunermusik sind unverkennbar. Polyphonie und Kontrapunktik prägen die beiden Mittelsätze. Große, überwältigende Aufbrüche dazu in den Ecksätzen. Viel Gelegenheit also für orchestrale Virtuosität und manchen Bombast. Interessant auch im Larghetto die kühnen harmonischen Reibungen in den gestopften Blechbläsern.

Sebastian Weigle zeigte einmal mehr, dass er auch in der russischen Symphonik gut beheimatet ist. Obwohl die erste Symphonie niemals die Popularität der nachfolgenden zweiten Symphonie erreichte, holte Weigle alles aus der Partitur heraus. Da stimmte jeder Akzent und jedes Tempo. Mit großzügiger Phrasierung und einem untrüglichen Gespür für Steigerungen feuerte er sein gut eingestimmtes Orchester an. Die Streicher agierten süffig, die Holzbläser sangen betörende Kantilenen, während Blech und Schlagzeug die Höhepunkte überdeutlich heraus meißelten. Gerade die fünf Schlagzeuger hatten ihren großen, umfangreichen Einsatz im vierten Satz, der in seinen Fanfaren zuweilen an die Musik Tschaikowsky‘s erinnerte.

Die Symphonie fand großen, deutlichen Anklang beim Publikum. Weigle und das Frankfurter Opern- und Museumsorchester konnten sich über reichen Applaus freuen.

 

Dirk Schauß 9.4.2019

 

 

 

Münchner Philharmoniker & Valery Gergiev

featuring: Rudolf Buchbinder, Klavier

Alte Oper Frankfurt, 27. März 2019

 

Pjotr I. Tschaikovsky – Klavierkonzert No. 1 b-moll

Dmitri Schostakowitsch – Symphonie No. 5 d-moll

 

Tschaikowsky‘s beliebtes Klavierkonzert No. 1, welches 1875 in Boston uraufgeführt wurde, erlebte durch den Komponisten mehrere Überarbeitungen. Insgesamt gibt es drei Fassungen nebst einer Fassung für zwei Klaviere. Die dritte Fassung aus dem Jahr 1888 wird am häufigsten aufgeführt. Der Komponist war tief getroffen über das vernichtende Urteil von Nikolai Rubinstein, Freund und Mentor, dem das Klavierkonzert gewidmet war. Wie unterschiedlich Meinungen sein können, nun, das erlebte Tschaikowsky dann als er sein Werk, ohne einen Ton zu ändern, dem Dirigenten Hans von Bülow zur Begutachtung schickte, der restlos davon begeistert war.

Solist des Konzertabends in der Alten Oper Frankfurt war der große Rudolf Buchbinder, eine eher ungewöhnliche Wahl. Denn Buchbinder hat sich vor allem als herausragender Interpret der Werke von Beethoven, Brahms und Mozart in den Olymp der großen Pianisten gespielt. Spannend ihn nun also mit Tschaikowsky‘s Meisterwerk zu erleben.

Bereits im Kopfsatz zeigte der Pianist sein überragendes Können. Energisch mit beherzten Akzenten ertönten die berühmten Anfangsakkorde, die Musikgeschichte schrieben. Virtuos, filigran zugleich spielte Buchbinder die vielen Triolen, betonte die Themengruppen deutlich und agierte mit Überlegenheit in der abschließenden Kadenz. Das anschließende Andantino semplice spielte Buchbinder mit großer Verinnerlichung und betonte vor allem die Kantabilität des lyrischen Themas. Spektakulär dann seine zupackende Virtuosität im beschließenden dritten Satz. Hier zeigte Buchbinder seine ganze Klasse, wie er die vielen Akkordsprünge und Läufe souverän spielte. Am Ende zeigte Buchbinder eine Brillianz, die überwältigte. Dabei war sein spielerischer Ansatz immer weich und tief, innig in die Musik lauschend. Es war anrührend zu erleben, wie dieser große Meister an den Tasten jeden Takt genoss, den er zu spielen hatte. Ebenso bewegend, wie er permanent den Dialog zum Orchester suchte.

Bester Begleiter an seiner Seite war Dirigent Valery Gergiev, der mit große Ruhe und Umsicht, Buchbinder einen roten Teppich ausbreitete, auf welchem der Virtuose sich mit größter möglicher Freiheit bewegen konnte. Die gut aufgelegten Münchner Philharmoniker waren gleich berechtigter Partner. Strahlend, sicher ertönten die Hörner am Beginn, üppig, ozeanisch flutend die Streicher und warm im Tonfall die Bläser. Mit großer Innigkeit gefiel die Soloflöte im zweiten Satz, sekundiert von gewichtigen Pizzicati der Streicher.

Ein musikalisches Gipfeltreffen, ein herausragender Beginn eines besonderen Konzertabends.

Im zweiten Teil trumpften die Münchner Philharmoniker dann besonders groß auf. Valery Gergiev wählte aus seinem Kernrepertoire die populärste Symphonie von Dmitri Schostakowitsch, seine Fünfte, uraufgeführt im Jahr 1937. Mit dieser Symphonie gelang es dem Komponisten sich zu rehabilitieren, nachdem er kurz zuvor bei Stalin in Ungnade fiel und damit sein Leben in Gefahr war. Grund war Stalins Ärger über die Oper „Lady Macbeth von Mzensk“, die der Komponist wenige Jahr zuvor geschrieben hatte. Die eingängige Symphonie wurde von Stalin und seinen Parteigenossen begeistert aufgenommen und für deren propagandistische Zwecke missbraucht. Der Jubel am Ende der Symphonie ist alles andere als ein Triumph, sondern ein mit Schlägen provozierter willkürlicher Akt. Hier, wie auch an anderen Stellen gibt es zahlreiche Subtextstellen, die den Interpreten besonders fordern.

Sehr ruppig begann der erste Satz in den Streichern, die dann seidig im klagenden Hauptthema ertönten. Mit dem drastisch einsetzenden Klavier begann mit dem anschließenden Marschmotiv eine Tour de force, die vor allem dem vorzüglichen Blech und dem akzentuiert agierenden Schlagzeug viel Gelegenheit zur Entfaltung bot. Mit großer Ruhe endete der Satz mit herrlichen Soli von Horn, Flöte und Solovioline. Fabelhaft der schlank, perfekt intonierte Tonfall des Solo-Hornisten.

Im zweiten Satz agierte Gergiev als Interpret einer Groteske, die den zynischen Witz im Mittelpunkt sah. Da brummelte köstlich das Kontrafagott wie ein Parteibonze, während die Solovioline dazu spitz kommentierte. Gerade hier fiel einmal mehr der z.T. sehr harte Bogenstrich der Streichergruppe auf, die sehr wuchtig mit außergewöhnlich viel Gewicht phrasierten.

Tief in die Seele grub sich das intensiv ausmusizierte Adagio, in welchem die Streicher in schier endlos wachsender Intensität tief berührten. Brutal, d.h. ohne Pause dann der nahtlose Übergang in den lärmenden Beginn des finalen Satzes.

Welch ein Kontrast mit furios donnernder Pauke und spektakulär jagenden Bläsern! Am Ende ein eher bewusst lärmender Jubel, der so gar nichts Schönes hatte, was völlig in der Absicht des Komponisten lag.

Valery Gergiev wirkte an diesem Abend sehr inspiriert, hellwach und dabei ungewöhnlich klar in seiner Zeichengebung. Ganz gegen seine Gewohnheit dirigierte er auswendig mit Taktstock. Das Orchester war in allen Gruppen in Top-Form und Valery Gergiev unterstrich nachdrücklich, warum er zu den besten Interpreten dieser Musik gehört. Eine großartige, absolut erinnerungswürdige Interpretation.

Große Begeisterung in der ausverkauften Alten Oper.

 

Dirk Schauss 28.3.2019

Bilder Alte Oper / Achim Reissner

 

 

Konzert des Hessischen Rundfunks

Gast-Dirigenten Pablo Gonzáles

am 21. März 2019 im HR-Sendesaal

 

•          Pablo González | Dirigent

•          Hector Berlioz | Römischer Karneval

•          Jean Sibelius | Violinkonzert

•          Carl Nielsen | 2. Sinfonie (»Die vier Temperamente«)

Musikalische Temperamente in unvergesslicher Darbietung

Auch in seinem neuen Konzert der Auftakt-Reihe zeigte der Hessische Rundfunk einmal mehr seine kluge Hand bei der Programmgestaltung. Dazu wurden zwei musikalische Gäste engagiert, die mit großer Verve musizierten.

Zu Beginn erklang mit „Römischer Karneval“ ein Auszug aus der Oper „Benvenuto Cellini“ von Hector Berlioz. Das 1838 in Paris uraufgeführte Werk war seinerzeit ein großer Flop. Zu groß waren die musikalischen Anforderungen, vor allem in der kaum zu bewältigenden exponierten Titelpartie. Die Handlung spielt in Rom um 1530 und portraitiert den berühmten Renaissance Bildhauer Cellini. Die Komposition „Römischer Karneval“ wird als Ballett-Einlage in der Oper gegeben und bietet in ihren furiosen Saltarello Klängen viel Gelegenheit für intensiven Farbklang im Orchester. Berlioz arbeitete 1844 diese Musik zur Ouvertüre um. Damit ist zumindest dieser musikalische Teil seiner Oper immer wieder im Konzertsaal zu erleben.

Das HR-Sinfonieorchester ließ sich erkennbar mitreißen von seinem temperamentvollen Gast-Dirigenten Pablo Gonzáles. Mit klarer Zeichengebung und rhythmischer Finesse interpretierte er gleich zu Beginn mit dem sehr präsenten Orchester ein überzeugendes Klangpanorama. Bereits am Beginn war überdeutlich zu spüren, dass es ein besonderer Abend sein würde, den die Zuhörer erleben. Das hellwache Orchester musizierte auf der Stuhlkante und nahm jeden energischen Impuls seines unermüdlichen Dirigenten auf. Fabelhaft dynamisch gestaffelt vermochte Gonzáles gleich mit dem ersten Stück eine herausragende Interpretation zu realisieren. Blitzsaubere Bläsersoli, wuchtige Streicherklänge und ein sehr aktives Schlagzeug sorgten für viel Freude.

Es folgte das Violinkonzert von Jean Sibelius, sicherlich das populärste Konzert seiner Gattung, welches das 20. Jahrhundert zu bieten hat. Die Anforderungen für den Interpreten sind gewaltig. Unzählige Doppelgriffe, schwierigste Intervallfolgen und ausgeprägte Kantabilität müssen bewältigt werden. Im Jahr 2015 wurde dem Geiger Emmanuel Tjeknavorian beim Internationalen Jean Sibelius Wettbewerb der Preis für die beste Interpretation dieses Werkes zuerkannt. Somit war die Neugierde groß, diesen jungen Künstler gerade mit diesem Werk zu erleben. Das in den Jahren 1903 – 1905 entstandene Werk umfasst drei Sätze.

Der erste Satz beginnt ruhig schwebend mit z.T. meditativen Einschüben. Tjeknavorian fand sofort einen elegisch schwebenden Ton auf seiner Geige und zog damit den Zuhörer sogleich in seinen Bann. Außergewöhnlich war seine dynamische Bandbreite, die vom fahlen Pianissimo bis ins machtvolle Forte nahtlos gesteigert werden konnte. Sein absolutes Einswerden mit dem Werk war jederzeit bewegend spürbar. So gelang es Tjeknavorian, jeden Takt mit musikalischer Bedeutung überzeugend aufzuladen. Im ruhigen Adagio musizierte er deutlich das romantische Hauptthema aus, als wollte die Zeit stillstehen. So entstand eine geradezu gesungen wirkender Tonfall auf seinem Instrument. Wie anders dann der beschließende Schlusssatz, den Sibelius selbst als „Danse macabre“ bezeichnete. Hier wird dem Solisten furiose Virtuosität abverlangt, die Tjeknavorian mit höchster Souveränität darbot. Großartig!

Das HR-Sinfonieorchester hat in den letzten Jahren oft Sibelius gespielt und ist deutlich hörbar vertraut mit dessen Musik. Gonzáles fühlte sich außergewöhnlich gut ein in die manchmal auch schroff herbe Musik des Komponisten. Auch hier begeisterte seine unermüdliche Energie, die das Orchester ungewöhnlich deutlich in den Mittelpunkt stellte. Somit also keine reine Begleitfunktion, sondern aktiver musikalischer Partner. Herrlich zeigte auch hier Gonzáles die rhythmische Finesse, die in z.T. ruppigen Streicherakzenten oder pointierten Paukensoli zu erleben war. Im wieder rauschte das Orchester begeisternd auf, verschmolz mit dem beseelt agierenden Solisten zu einer Einheit und zog die Zuhörer mit dieser außergewöhnlichen Interpretation in ihren Bann.

Kein Wunder also, dass das Publikum begeistert reagierte, was Tjeknavorian mit einer Zugabe belohnte. „Was soll man nach Sibelius noch spielen?“ fragte der junge Geiger das Publikum. Dann erzählte er kurz eine Geschichte, dass er vor zwei Jahren Onkel wurde. Seiner jungen Nichte spielt er seither immer wieder einmal etwas auf der Violine vor. Am liebsten höre sie aber das schlichte „Alle meine Entchen“ und DAS war dann die Zugabe. Einfach, kindlich, ohne Schnörkel gespielt….was für eine Idee! Viel Freude über diesen Einfall bei den Zuhörern.

Nach der Konzertpause stand die 2. Sinfonie des Dänen Carl Nielsen auf dem Programm. Die im Jahr 1902 uraufgeführte Komposition trägt den Untertitel „Die vier Temperamente“. Nielsen sah in einer Dorfschenke eine entsprechende Bilderfolge hängen, die ihn so stark beeindruckte, dass er daraus seine Inspiration für seine spätere Sinfonie bezog.

Den vier Sätzen sind die Temperamente Choleriker, Phlegmatiker, Melancholiker und Sanguiniker zugeordnet. Letztlich sind es hier eher Gemütszustände, die Nielsen in seiner Sinfonie verarbeitete.

So ist also der erste Satz sehr bewegt in seinem „Allegro choleriko“. Ganz anders dann der zweite Satz, der eine konkrete Episode beschreibt. Nielsen hatte hier einen hübschen jungen Mann vor seinem geistigen Auge, der seine Lehrer zu Verzweiflung bringt, weil er seine Aufgaben nicht lernt, sondern vielmehr Gefallen daran findet, in der Natur zu lustwandeln. Ein leichter Walzer bringt etwas Leichtigkeit in das musikalische Geschehen.

Der dritte Satz wirkt dann eher düster, schwer und lässt in seinen Färbungen an Bruckner und Mahler denken. Dann beschließt der vorwärtsdrängende vierte Satz mitreißend die Sinfonie. Auch hier formulierte Nielsen wieder ein konkreteres Portrait von einem Menschen, der im Habitus agiert, als gehöre ihm die Welt.

Viel Gelegenheit also für das HR-Sinfonieorchester ein weites Panorama unterschiedlicher Stimmungen zu interpretieren. Und die Musiker nutzten diese Gelegenheit sehr gut. So gab es viel Freude, der z.T. auch hier wieder deftig zupackenden Streichergruppen zu lauschen. Die Holzbläser waren wichtige Impulsgeber, immer wieder auch im lebendigen Dialog mit den souveränen Kollegen des Bleches, die vor allem im dritten Satz mit den über sich hinaus wachsenden Streichern, große Momente schufen. Die Pauke, an diesem Abend viel gefordert, war ein sehr deutlich, akzentuiert agierender Impulsgeber.

Pablo Gonzáles hatte erkennbar eine sehr klare Vorstellung von seiner Interpretation. Diese zielte darauf ab, die Kontraste dieser vielschichtigen Komposition zu betonen, was ihm perfekt gelang. Dabei hörte er immer wieder intensiv in die Musik hinein und gab auch den ruhigen Momenten den notwendigen Raum. In seinem auswendigen Dirigat gelang es ihm jederzeit, die unterschiedlich beschriebenen Temperamente klar von einander abzusetzen. Orchester und Dirigent verstanden sich erkennbar bestens. Bleibt zu wünschen, diesen besonderen Dirigenten bald wieder in Frankfurt erleben zu können!

Viel Begeisterung für einen Konzertabend mit Ausnahmecharakter!

 

Dirk Schauß 23.3.2019

 

 

ELEKTRA

Konzertante Aufführung in der Alten Oper Frankfurt, 15. März 2019

 

Nach einer umjubelten Salome - Aufführung im Jahr 2016 in der Alten Oper Frankfurt, folgte nun eine erneute konzertante Strauss Oper, diesmal seine „Elektra“. Gerade das Opernwerk von Richard Strauss eignet sich in seiner farbigen Dramatik und erzählerischen Dichte hervorragend für konzertante Aufführungen, insbesondere seine orchesterlastigen Werke, wie „Elektra“.

In aller Regel ist jeder Orchestergraben eines Opernhauses zu klein, um die volle Orchestergröße zu beherbergen, die Strauss vorschwebte. Umso reizvoller also, den vollen Orchesterklang des groß besetzten HR-Sinfonieorchesters unter Leitung seines scheidenden Chefdirigenten Andrés Orozco-Estrada zu hören. Das Orchesterpodium war etwas abgesenkt. Davor gab es eine Bühnenrampe, auf welcher die Sänger der Hauptrollen ihre Rollen szenisch darboten, unterstützt von wechselnden Farbstimmungen.

In der Titelpartie war Elena Pankratova zu erleben. Eine eindrucksvolle, mühelose, dramatische Sopranstimme, die nach langen Jahren des italienischen Repertoires, in den letzten Jahren vor allem in den hochdramatischen Partien des deutschen Faches reüssierte. So war und ist sie als Kundry in Bayreuth zu hören, die Ortrud kommt dieses Jahr an gleicher Stelle dazu. Färberin und Elektra sang sie u.a. in München und Wien. Dazu aber auch die Turandot ebenfalls an der Wiener Staatsoper. Welch ein wohltuendes Erlebnis, eine Sängerin auf der Höhe ihrer Möglichkeiten zu erleben, die dazu mit den horrenden Anforderungen der Hauptrolle mühelos fertig wurde. Ausdauernd und wohltönend, niemals schrill, bis zum Schluss sauber intonierend. Darüber hinaus war sie auch in der Lage, große lyrische Bögen im Duett mit Orest zu realisieren. In der Charakterisierung blieb sie stets dem Wohlklang ihrer Stimme verpflichtet, so dass das Gebrochene, Wahnhafte der Figur sehr in den Hintergrund trat. Szenisch zeigte sie viele Ansätze der Rollengestaltung, oft in großer Stummfilmgeste.

An ihrer Seite agierte als ihre Schwester Chrysothemis Allison Oakes, die für die erkrankte Simone Schneider eingesprungen war. In dieser Partie zeigte Oakes eine ungewöhnlich große Stimme, die lediglich in den Höhen leicht zur Schärfe tendierte. Dazu sang sie mit innerer Beteiligung und schuf einen erfahrbaren Rollencharakter.

Sehr gut und bis ins Detail jederzeit überzeugend Michaela Schuster als derer beiden Mutter Klytämnestra. Erfreulich diese so wichtige Partie von einer Sängerin zu hören, die im Vollbesitz ihrer stimmlichen Möglichkeiten ist und dazu jede Silbe des herrlichen Textes von Hugo von Hofmannsthal mit größter Bedeutung auflud. Hier brauchte es keine Regie, da genügte ein Blick ihres expressiven Gesichtes, um die Vielschichtigkeit ihrer Rolle zu imaginieren. Auch scheute sie sich nicht, gelegentlich die Gesangslinie zu verlassen, um dem Text noch mehr artikulatorische Wucht zu geben. Großartig!

Ein Luxus-Besetzung war der Orest in der Gestaltung von Bariton Michael Volle. Dieser großartige Sänger macht jede Rolle, die er singt zu einem besonderen Erlebnis! Als er die Bühne betrat, veränderte sich deutlich die Energie auf dem Podium. Welche Präsenz im szenischen Ausdruck und in der herrlichen Stimme! Diese tönte raumgreifend in den großen Saal, ebenso in den bassigen Tiefen sonor, wie sie leicht in die heldenbaritonale Höhenlage („Ich werde es tun“!) aufsteigen konnte. Dazu kommt eine exemplarische Textdurchdringung und -verständlichkeit, die leider viel zu selten zu erleben ist. Ein herausragender Sängerdarsteller, ein Erlebnis, für das die Zuhörer zurecht große Begeisterung äußerten. Mit dieser überragenden Leistung geriet das Wiedersehen von Elektra und Orest zum absoluten Höhepunkt des Abends. Wunderbar!

Als Aegisth zeigte Michael Schade einen schneidend hellen Tenor, der überzeugend den labilen Charakter seiner Partie aufzeigte und in seinen textlichen Pointierungen seiner Rolle nichts schuldig blieb. Die übrigen Nebenrollen sangen korrekt, blieben jedoch äußerst blass in der inhaltlichen Aussage.

In Hochform zeigte sich das mächtig auftrumpfende HR-Sinfonieorchester, das in allen Spielgruppen sehr überzeugte und maßgeblich den Abend prägte. Insgesamt zeigte Dirigent Orozco-Estrada eine Interpretation, die vorzüglich die dynamische Balance wahrte. Dabei schenkte er sich und seinem Orchester keine Ruhe, trieb es permanent nach vorne zu Höchstleistungen an. Auf der Strecke blieben leider dabei die lyrischen Kontraste. So ließ er die Ruhepunkte viel zu wenig ausphrasieren, so z.B. im Agamemnon-Monolog der Elektra oder im Geschwister-Duett von Elektra und Orest. Auch in den Akzenten des Schlagzeuges war hier eher eine defensive Lesart zu erleben.

Am Ende große Begeisterung im Publikum.

 

Dirk Schauß 16-3-2019

 

 

 

Frankfurter Opern- und Museumsorchester &

Eiji Oue

featuring: Sabine Meyer

John Adams (*1947)
The Chairman Dances Foxtrott for Orchestra

Aaron Copland (1900-1990)
Konzert für Klarinette und Orchester

George Gershwin (1889-1937)
Three Preludes für Klarinette und Orchester

Erich Wolfgang Korngold (1897-1957)
Musik zum Film The Sea Hawk (Der Herr der sieben Meere)

Leonard Bernstein (1918-1990)
Divertimento for Orchestra

 

Besuchtes Konzert am 04. März 2019, Alte Oper Frankfurt

Unkonventionelles aus Übersee

Ein buntes Programm mit reichlich Musik fast ausschließlich aus amerikanischer Herkunft bot das Museumskonzert am 04. März in der Alten Opern Frankfurt.

Am Beginn spielte das Frankfurter Opern- und Museumsorchester unter Leitung von Eiji Oue, der den erkrankten Sebastian Weigle ersetzte, eine Tanzauswahl (aus dem Jahr 1985) aus der Oper „Nixon in China“ von John Adams. Pointiert arbeitete Oue die Rhythmik und Farbigkeit dieser zumeist ostinaten und doch eingängigen Musik mit dem animiert mitgehenden Orchester heraus.

Als Solistin des Abends präsentierte sich die großartige Klarinettistin Sabine Meyer. Zu hören war das eher selten anzutreffende Klarinettenkonzert von Aaron Copland. Diese Komposition wurde 1947 von dem berühmten Jazz Musiker Benny Goodman in Auftrag gegeben. Copland arrangierte seine Komposition für Streicher, Harfe und Klavier. Das aus zwei Sätzen bestehende Werk zeigt im ersten Satz immer wieder Kantilenen, die schmerzlich anmuten. Im beschließenden zweiten Satz gibt es zahlreiche Jazz-Anklänge, die in einer ausgiebigen C-Dur Coda münden. 

Das Konzert war in seiner Erstfassung derart mit Schwierigkeiten gespickt, so dass Goodman mit der Uraufführung zögerte. Erst als Copland einige Erleichterungen realisierte, war der Weg geebnet für die Ur-Aufführung am 06. November 1950.

Sabine Meyer zeigte einmal mehr ihr großes Können, ihre souveräne technische Meisterschaft, ihr untrügliches Rhythmusgefühl und dazu ihre außerordentliche Musikalität. Dazu immer wieder ein tiefes Eintauchen in die Emotionalität der kantablen Phrasierungen. Oue begleitete einfühlsam und als wacher Impulsgeber.

Von Copland ging es dann zurück zu George Gershwin. Seine „Three Preludes“ waren ursprünglich reine Klavierkompositionen. Ähnlich wie bei Adams dominiert hier der Tanz, zunächst ein Charleston, dann ein Blues und zuletzt ein Foxtrott. Jazz-Elemente auch hier, farbige Modulationen und erweiterte Harmonik bestimmen den Höreindruck. Sabine Meyer und Eiji Oue hatten hörbar viel Freude an diesen herrlichen Kompositionen, die das Publikum widerspiegelte. Sabine Meyer dankte mit einer kurzen virtuosen Zugabe.

Von Gershwin war der Weg nach Hollywood nicht weit. Erich Wolfgang Korngold, war in den 1930 Jahren d e r Filmmusiker Hollywoods, nachdem er vor seiner Emigration in Europa mit seinen Opern (Die Tote Stadt und Violanta) für Furore sorgte.

Zu hören war die Filmmusik aus „The Sea Hawk“ (Der Herr der sieben Meere). Korngolds Musik ist in seiner melodischen Vielfalt und der extremen Farbigkeit seiner Musik sofort als Korngold zu erkennen. Diese eingängige Musik bietet einem Orchester große Möglichkeiten, alle Facetten zu zeigen. Und das Frankfurter Opern- und Museumsorchester ließ keine Nuance ungenutzt, musizierte hörbar begeistert in seiner Spielfreude und blieb den enormen Ansprüchen der Partitur nichts schuldig. So klang Hollywood in den 1930iger Jahren! Süße, üppige Streicherkantilenen, viel Schlagzeug und immer wieder große Bläserentladungen. Hier und da waren sogar Reminiszenzen aus Korngolds Opern Welterfolg „Die Tote Stadt“ zu bestaunen.

Beschlossen wurde das Konzert mit dem Divertimento von Leonard Bernstein, der auch ein großer Verehrer von Aaron Copland war. Dessen Einflüsse sind in Bernsteins Komposition erlebbar.

Die 1980 in Auftrag gegebene Komposition ist ein üppiges Geburtstags-Ständchen zur 100 Jahr-Feier des Boston Symphonieorchesters. Gleichzeitig eine Hommage auch an Boston selbst, in welcher Bernstein aufwuchs.

Die Komposition besteht aus acht eher kurzen Sätzen, die eine große Bandbreite musikalischer Stile umfasst. Symphonisches und Populär-Musikalisches wechseln sich ab. Das Orchester ist auch hier wieder stark in seiner Flexibilität gefordert.

Insgesamt war es beeindruckend zu erleben, wie gut und authentisch sich das Frankfurter Opern- und Museumsorchester an diesem Konzertabend in das fremde Repertoire einhörte. Eiji Oue, von Leonard Bernstein sehr gefördert, zeigte sich sehr zu Hause bei dessen Werk. Er dirigierte mit viel Verve und Groove, mitunter etwas zu selbstverliebt sein fabelhaftes Orchester.

Ein Konzertabend also mit deutlichem Seltenheitswert, der hörbar Anklang beim zahlreichen Publikum fand.

 

Dirk Schauss 5.3.2019

 

 

 

Konzert mit dem Philharmonia Orchestra London

Dirigent: Esa-Pekka Salonen

Alte Oper, 03. März 2019

 

Richard Wagner

Tristan und Isolde – Vorspiel und Isoldes Liebestod

 

Arnold Schönberg

Verklärte Nacht op. 4

 

Anton Bruckner

Symphonie No. 7 WAB 107

Philharmonia Wonnen!

Ein sehr gutes Programm präsentierte das Philharmonia Orchestra London unter Leitung seines scheidenden Chefdirigenten Esa-Pekka Salonen.

Am Beginn präsentierte es eine sehr leidenschaftliche Interpretation des Vorspiels zum 1. Aufzug mit instrumentalem Liebestod aus Richard Wagners „Tristan und Isolde“. Salonen hat dieses Werk oft dirigiert. Seine tiefe Verbundenheit mit diesem Werk war jederzeit spürbar. Wie aus dem Nichts erhob sich der berühmte Tristan-Akkord und sorgte sogleich für größte Spannung. Salonen kostete die dynamische Bandbreite extrem aus. Dabei arbeitete er die chromatischen Verläufe in den Streichern transparent heraus. Untrügliches Timing, perfekt gesetzte Pausen, breites Ausmusizieren und deutliche Accelerandi gaben seiner Interpretation eine zwingende Aussage, die den Zuhörer packte und überwältigte. Das Orchester musizierte aus einem Guss, staunenswert homogen und überaus wohltönend in allen Gruppen. Im Liebestod toste ein Meer aus aufwallenden Klangwogen über den Zuhörer, in einer kaum erträglichen Intensität. Wunderbar, wie sensibel und doch zupackend das gut präparierte Orchester das umsetzte! Zwanzig Minuten höchste Seligkeit in einer unvergesslichen Darbietung!

In seiner tonalen Frühphase komponierte Arnold Schönberg das 1899 uraufgeführte Streichsextett „Verklärte Nacht“, welches er 1917 für Streichorchester revidierte. Erkennbar von der Klangsprache Richard Wagners beeinflusst schuf Schönberg seinen Beitrag zur Programmmusik. Inspiriert wurde er von dem gleichnamigen Gedicht von Richard Dehmel. Im Mittelpunkt des Gedichtes steht ein Liebespaar. Im Mondenschein gesteht die Frau ihrem Liebhaber, dass sie das Kind eines anderen Mannes erwartet. Dieser Fremdgang zerstört nicht das Liebesbündnis. Der Liebhaber beschließt das Kind als eigenes anzunehmen.

In dieser vielschichtigen Komposition werden immer wieder Themenmotive verarbeitet und durch neue musikalische Impulse ersetzt. Faszinierend die unendlichen Farben, die Schönberg hier aus dem gesamten Streicherapparat hervorzaubert. Der dirigierende Komponist Esa-Pekka Salonen hat eine besondere Affinität zu der Musik Arnold Schönbergs. Auch hier war wieder seine Fähigkeit, musikalische Strukturen freizulegen, bestechend zu erleben. Die samtig und satt agierenden Streicher des traditionsreichen Orchesters fühlten sich tief in die Klangwelt Schönbergs ein. Berückende Soli in der Violine, dann wieder berstende Intensität in der gesamten Gruppe und immer wieder faszinierend gestaltete Trugschlüsse. Begeisternd, wie das Orchester aufeinander hörte und reagierte. So konnte es sich Salonen sogar leisten, eine finale Akkordverschiebung, nicht zu dirigieren, sondern es dem Orchester zu überantworten. Insgesamt war bereits diese erste Konzerthälfte ein außergewöhnlich starker Eindruck.

In der zweiten Hälfte dann Anton Bruckners beliebte siebte Symphonie, die 1884 in Leipzig uraufgeführt wurde. Immer wieder ein Streitpunkt der Musikgeschichte ist der einzelne Beckenschlag im Adagio des zweiten Satzes. Hier wird vermutet, dass dieser nachträglich hinzugefügt wurde. Überwiegend wird die Fassung mit Beckenschlag gespielt. Und auch das Philharmonia Orchestra ließ sich diesen besonderen Effekt nicht nehmen und krönte mit einem unvergesslich aufgebauten Höhepunkt gerade den zweiten Satz. Salonens Bruckner Interpretation ist in ihrem Vorwärtsdrang eher ungewöhnlich. Unverkennbar kommt seine Interpretation aus der Moderne. Unerbittlich arbeitete er die harmonischen Kontraste scharf heraus. Seine Tempi wirkten dabei niemals überhetzt, sondern waren stets im harmonischen Fluss. Immer wieder bremste Salonen deutlich, manchmal drastisch das Tempo herunter, um breit ausmusizieren zu lassen, um dann wieder stark das Tempo anziehen. Auch hier profitierten Orchester und Zuhörer von Salonens Fähigkeit, Klänge höchst transparent aufzufächern und zudem perfekt abzuphrasieren. Dabei geriet seine Interpretation zu keinem Zeitpunkt unterkühlt. Im Gegenteil: die sauber intonierenden Tuben im zweiten Satz interagierten aufs Beste mit den aufblühenden Streicherklängen. Aufhorchen ließen zu Beginn des zweiten Satzes die außerordentlich wuchtig klingenden Kontrabässe, die mit starkem Bogenstrich dem Beginn eine ruppige, unbequeme Farbe gab. Und es war dann auch der Schlussteil dieses Satzes, der Richard Wagner ein musikalisches Denkmal setzte, der besonders anrührend geriet. Ein deutlicher Kontrast dann die beiden Finalsätze, in welchen Salonen sein wunderbar mitgehendes Orchester zu betont rhythmischen Spiel animierte. Infernalisch, grotesk das ruppig gestaltete Scherzo mit sehr pointiert agierender Solo-Pauke. Großartig schließlich sein Aufbau des symphonischen Finales, in welchem die majestätisch klingenden Blechbläser begeisterten.

Das Philharmonia Orchestra zeigte an allen Pulten seine Welt-Klasse. Üppige, hoch kultivierte Streicher, tadellose Holzbläser und eine überragende Blech-Fraktion, die von choraler Weichheit bis zur meißelnden Härte alle dynamischen Finessen perfekt umsetzte.

Eine sehr subjektive Bruckner Interpretation des charismatischen Dirigenten. Kein Bruckner für Kulinariker, sondern eine Interpretation als maximales Ausrufezeichen für überragende Interpretationsfähigkeit. Aufregender, mitreißender und unvergesslicher kann dieses Werk kaum interpretiert werden als es hier mit dem begeisternden Philharmonia Orchestra und Esa-Pekka Salonen zu erleben war! Was für ein Erlebnis!

Am Ende viele strahlende Gesichter und große Begeisterung in der gut besuchten Alten Oper.

 

Dirk Schauss 5.3.2019

 

 

HR Sinfonieorchester & Carlos Miguel Prieto

featuring Martin Fröst Klarinette

Dmitrij Schostakowitsch Suite aus der Oper »Lady Macbeth von Mzensk«

Claude Debussy Rhapsodie Nr. 1 für Klarinette und Orchester

Anders Hillborg Klarinettenkonzert »Peacock Tales«

Piotr Iljitsch Tschaikowsky Sinfonie Nr. 4 f-Moll op. 36

 

Besuchtes Konzert in der Alten Oper Frankfurt 28. Februar 2019

Kontraste!

Welch Fülle an Kontrasten! So mag es vielleicht dem ein oder anderen Konzertbesucher ergangen sein, als er beim jüngsten Konzert des HR-Sinfonieorchesters zu Gast war. In einem ungewöhnlichen Konzertabend begann der Abend mit einer Orchestersuite aus der Originalfassung der Oper „Lady Macbeth von Mzensk“ von Dmitrij Schostakowitsch, die der Dirigent James Conlon 1989 zusammenstellte. Die 1934 uraufgeführte Oper war zunächst ein gewaltiger Erfolg. Bis zum dem Tage als Stalin 1936 einer Aufführung im Moskauer Bolschoi Theater beiwohnte. Wenige Tage nach dieser Aufführung verfasste er den in die Musikgeschichte eingegangen Verriss „Chaos statt Musik“. Beinahe hätte diese drastische Reaktion des Despoten das Schicksal des Komponisten besiegelt. Er musste Abbitte leisten und u.a. unter dem Titel „Katerina Ismailowa“ eine entschärfte Version komponieren. Die Ur-Fassung blieb für viele Jahrzehnte verboten. Es war das entschiedene Engagement von Mstislav Rostropovitsch, der sich in den 1970ziger Jahre für die Wiederaufführung der Ur-Fassung einsetzte. Seither zählt Schostakowitschs Oper zu den Meilensteinen der Opern des 20. Jahrhunderts.

Im Mittelpunkt der Handlung steht die sexuell frustrierte Kaufmannsgattin Katerina Ismailowa, die an der Seite ihres impotenten Gatten Sinowi und dessen brutalen Vaters Boris ein entbehrungsreiches Leben fristet. Ihr Leben ändert sich drastisch, als sie sich auf eine Liaison mit dem Arbeiter Sergej einlässt. Der verhasste Schwiegervater wird vergiftet, der Ehemann erschlagen und die Liebenden wandern in ein sibirisches Arbeitslager. Dort gibt sich Sergej einer Lagerhure hin. Katerina wird sie und sich selbst ermorden.

Viel Raum also für musikalische Drastik, die in der Musik Schostakowitschs zu umwerfender Wirkung kommt. Die dynamischen Extreme sind deutlichst ausgereizt: vom melodiösen Pianissimo bis zum ohrenbetäubenden Fortissimo! Dazu eine ungemein deskriptive Musik, die z.B. jede körperliche Aktivität des vollzogenen Ehebruchs en detail musikalisch beschreibt.

Gleich zu Anfang des Konzertes wurde das HR-Sinfonieorchester mit allen Kräften bis zum Anschlag gefordert. Unter Leitung des mexikanischen Gast-Dirigenten Carlos Miguel Prieto reizte das sehr gut einstudierte Orchester alle Farben dieser vielschichtigen Partitur überzeugend aus. Virtuose Blech- und Schlagzeugattacken auf der einen Seite und bewegende, sehrende Streicherklänge auf der anderen Seite. Dazu sarkastisch agierende Holzbläser. Prieto reizte die dynamische Palette niemals endlos aus, sondern war erkennbar um Struktur und Druchhörbarkeit bemüht. Das heftig geforderte HR-Sinfonieorchester zeigte eine große Leistung.

Vom musikalischen Expressionismus kann es kaum einen größeren Kontrast geben, als zum feingliedrigen Impressionismus von Claude Debussy zu wechseln! Dessen Rhapsodie Nr. 1 für Klarinette und Orchester brachte mit dem Solisten Martin Fröst einen versierten Interpreten, der sensibel die Klangwelt Debussys beschwor. Sanft und weich, wie aus dem Nichts kamen die Klangeinwürfe des Solisten. Überzeugend aber genauso die überragende Virtuosität, die Frösts Vortrag ebenso kennzeichnete. Das ursprünglich für Klavier und Klarinette komponierte Werk wurde von Debussy in einer Bearbeitung für Orchester 1911 veröffentlicht. Fröst und das HR-Sinfonieorchester agierten in einem sensiblen Dialog miteinander und sorgten so für einen sehr besonderen Farbwechsel in der ersten Konzerthälfte.

Danach erklang dann das Klarinettenkonzert „Peacock Tales“ des schwedischen Komponisten Anders Hillborg. Uraufgeführt 1998 widmete er dieses Konzert dem Solisten des Abends, der es sich nicht nehmen ließ, daraus eine besondere Performance zu machen. Fröst, der auch ausgebildeter Ballettänzer ist, stellte sich ganzheitlich, d.h. tanzend, pantomimisch, z.T. maskiert und musizierend in den Dienst des Konzertes, agierte die zwischen Diatonik und A-Tonalität umher tänzelnde Musik komplett aus. Unfassbar groß die dynamischen Effekte, die er mit seiner Klarinette erzielte. Das hellwache HR-Sinfonieorchester war sehr aufmerksam und überraschte am Ende als sauber intonierendes Gesangskollektiv! Dazu wurde das Orchesterpodium immer wieder in wechselnde Farbstimmungen beleuchtet. Ein ungewöhnliches Experiment im Rahmen eines klassischen Konzertes, das beim Publikum besonderen Anklang fand! Bejubelt dann die Zugabe, die Martin Fröst mit dem Orchester gemeinsam gab. Eine Improvisation mit vielen Klezmer-Musikanteilen. Große Begeisterung!

Ganz anders der finale Schlusspunkt mit einer der beliebtesten Sinfonien der russischen Konzertliteratur: Tschaikowsky‘s Sinfonie Nr. 4 in f-moll. Diese Sinfonie widmete er 1877 seiner amikalen Gönnerin Nadeshda von Meck. Sie gilt als eine seiner autobiographischsten Sinfonien und wurde 1878 in Moskau unter dem Dirigat von Nikolai Rubinstein uraufgeführt.

Gleich zu Beginn des ersten Satzes markierten die makellos intonierenden Hörner mit dem unbarmherzigen Schicksalsmotiv ein musikalisches Ausrufezeichen. Dirigent Prieto zielte in seiner Interpretation vor allem auf die musikalische Struktur, betonte den Gesamtklang immer zugunsten der Streicher. Markante Akzente oder starke dynamische Effekte blieben ausgespart. Es war eine zuweilen etwas nüchterne Lesart, die seine Interpretation kennzeichnete. Pathos und Bombast wurden vermieden, so dass es hier einen eher schlank musizierten Tschaikowsky zu erleben gab, der im Tempo immer im Vorwärtsdrang zu hören war.

Überzeugend das Zusammenspiel der gesamten Streichergruppe, ein Genuss. Sensibel empfunden die Dialoge der Holzbläser, vor allem Klarinette und Fagott. Ausgezeichnet und ungemein ausdauernd in der makellosen Intonation die viel geforderten Blechbläser. Im vierten Satz hatten dann auch die präzisen Schlagzeuger ihren besonderen Augenblick.

Prieto, völlig uneitel in seiner Körpersprache, oft auch, wie ein menschliches Metronom taktierend, überzeugte mit seiner auf Klarheit abzielenden Darbietung das groß aufspielende Orchester. Ein gediegene Interpretation, völlig unspektakulär, auf hohem spielerischem Niveau realisiert. Das Publikum in der gut besuchten Alten Oper reagierte freundlich angetan, wenn auch der große Enthusiasmus ausblieb.

 

Dirk Schauss 28.2.2019

 

 

Royal Philharmonic Orchestra & Lionel Bringuier

featuring: Sol Gabetta 

Alte Oper Frankfurt am 03. Februar 2019

 

Otto Nicolai Ouvertüre zu „Die lustigen Weiber von Windsor"

Sir Edward Elgar Cellokonzert e-Moll op. 85

Sergej Rachmaninow Sinfonie Nr. 2 e-Moll op. 27

 

Auf seinem letzten Abstecher seiner Deutschland Tournée gab das Royal Philharmonic Orchestra ein begeistert aufgenommenes Konzert in der Alten Oper Frankfurt. Das traditionsreiche Orchester, 1946 von dem berühmten Dirigenten Sir Thomas Beecham gegründet, zählt nach wie vor zu den besten Orchestern Englands.

Unter Leitung seines Gastdirigenten Lionel Bringuier begann es den Abend mit der Ouvertüre zu Otto Nicolais 1849 uraufgeführter komisch fantastischer Oper „Die lustigen Weiber von Windsor“. Die Vorlage dieser Oper stammt von William Shakespeare, eine sinnige Brücke also zum gastierenden englischen Klangkörper. Ein gut gewählter Beginn, der bereits in allen Orchestergruppen die hohe Spielkunst dieses traditionsreichen Klangkörpers bewies. Bereits hier zeigte sich das exquisite Zusammenspiel dieses Parade-Orchesters. Perfektion an allen Pulten!

Im Mittelpunkt des Interesses stand die Solistin des Abends: die argentinische Cellistin Sol Gabetta. Die vielfach ausgezeichnete Musikerin hat auf der ganzen Welt mit den berühmtesten Orchestern musiziert und dazu viele CDs eingespielt.

Mit dem Cellokonzert von Sir Edward Elgar, uraufgeführt 1919, erlebte das Publikum Elgars Schwanengesang, das Ende einer Epoche, der Finalpunkt seines musikalischen Schaffens. Die berühmte Cellistin hat Elgars Meisterwerk bereits unzählige Male interpretiert und ist hörbar zutiefst mit ihm verbunden. Berückend die Balance zwischen Melancholie und warmer Kantabilität, die Gabetta fand, vor allem im Adagio des dritten Satzes. Ein tiefer sensibler Dialog mit dem hellwach agierenden Orchester. Dabei fehlte es ihr zu keinem Zeitpunkt an Intensität oder glutvoller Phrasierung. Dirigent Lionel Bringuier war ihr dabei stets ein einfühlsamer Partner, der sich nicht in den Vordergrund stellte. Elgars sanfte Melancholie in der feinen Lesart Gabettas verzückte hörbar das begeisterte Publikum. Am Ende wurde es mit einer zeitgenössischen Zugabe beschenkt, in welcher Gabetta zu den warmen Klängen ihres Cellos elfenartige Vokalisen beisteuerte. Beglückend!

Nach der Pause stand Dirigent Lionel Bringuier im Blickpunkt des Interesses. Mit der 2. Symphonie von Sergej Rachmaninow gab es eine ausgedehnte Symphonie zu erleben, die ein unendliches Farbspektrum vor dem Zuhörer auffächert.

Ursprünglich entstand die Symphonie in den Jahren 1906/07, als Rachmaninow länger in Dresden weilte. 1908 dirigierte er selbst seine Uraufführung in St. Petersburg. Seine 2. Symphonie ist seine beliebteste Symphonie. Die schwärmerischen, endlos anmutenden Streicherpassagen sind ein besonderes Erlebnis und erstaunen stets aufs Neue, wie gekonnt Rachmaninow seine musikalischen Ideen realisierte. Dazu immer wieder berückende Soli, wie z.B. in der Solo-Klarinette des dritten Satzes. Und schlussendlich knackige Schlagzeugeffekte im vierten Satz gestalten dieses Werk sehr publikumswirksam.

Lionel Bringuier, Cellist, Pianist und Dirigent, blickt bereits auf eine eindrucksreiche musikalische Laufbahn zurück, die ihn bereits durch die ganze Welt an die Pulte vieler Orchester führte. Zuletzt war er Chef des Tonhalle Orchesters Zürich, was für beide Seiten jedoch vorzeitig unfroh endete.

In Frankfurt stimmte erkennbar die Chemie zwischen ihm und dem Royal Philharmonic Orchestra! Herrlich opulent agierte der groß besetzte Streicherapparat, dabei immer wieder sensibel aufeinander reagierend. Selbst in den viele Fugato-Passagen war Transparenz und Durchhörbarkeit überzeugend realisiert. Der immer warme körperreiche Klang der viel geforderten Streicher war ein außergewöhnliches Hörerlebnis, dazu perfekt dynamisch abgestuft, so z.B. im Verklingen eines endlosen Pianissimos am Ende des dritten Satzes.

Dazu begeisterte besonders der Solo-Klarinettist mit endlosem Atem und feinem Legatogefühl. Weich und sauber in der Intonation musizierte das viel geforderte Blech: Hörner, Trompeten, Posaunen und Tuba intonierten präzise und sauber. Und ein Erlebnis für sich, war das viel geforderte Schlagzeug, welches vor allem den vierten Satz nachhaltig prägte. Bringuier traf dabei gut den kantablen Ton der Komposition, agierte in großen Spannungsbögen und wahrte souverän die Übersicht. So ließ er immer wieder berauschend ausmusizieren und sorgte dabei immer für die notwendige Durchhörbarkeit. Das geforderte Orchester begeisterte mit einer Perfektion der Königsklasse, wobei es zu keinem Zeitpunkt kalt klang, sondern immer wieder samtig, warm agierte.

In einer sympathischen Ansprache bedankte sich Lionel Bringuier beim Publikum. Mit einem fulminant dargebotenen Slawischen Tanz Nr. 8 von Antonin Dvorak verabschiedeten sich die großartigen Musiker von ihren Zuhörern.

Am Ende sehr viel Begeisterung für ein besonderes Konzerterlebnis in der nahezu ausverkauften Alten Oper.

 

Dirk Schauss 5.2.2019

c_Pro Arte_Paul Sklorz

 

 

 

 

 

HR Sinfonieorchester & Michał Nesterowicz

featuring: Vadim Gluzman | Violine

Konzert am 24-01-2019 im Sendesaal des Hessischen Rundfunks

 

·      Felix Mendelssohn Bartholdy | Ruy Blas

·      Felix Mendelssohn Bartholdy | Violinkonzert

·      Jean Sibelius | Finlandia

·      Modest Mussorgskij/Maurice Ravel | Bilder einer Ausstellung

 

Ein schönert musikalischer Bilderbogen

Ein herrliches Konzertprogramm war der gelungene Auftakt der gleichnamigen Konzertreihe für das Jahr 2019. Somit verwöhnte der Hessische Rundfunk im großen Sendesaal seine Zuhörer mit großartigen Werken, in dessen erster Konzerthälfte zwei Kompositionen von Felix Mendelssohn Bartholdy standen.

Am Beginn stand seine 1839 uraufgeführte Ouvertüre Ruy Blas, basierend auf dem gleichnamigen Theaterstück von Victor Hugo. Bereits in den Bläserakkorden zeigte das HR-Sinfonieorchester seine große Klasse: warm im Ton und homogen im Gesamtklang. Dazu filigran, sauber artikulierende Streicher. Gast-Dirigent Michal Nesterowicz, Preisträger verschiedener Wettbewerbe und Künstlerischer Leiter des Orquesta Sinfónica de Tenerife, hörte sich gut in die Klangwelt Mendelssohns hinein. Davon profitierte dann auch erheblich das sehr beliebte Violinkonzert mit dem Solisten Vadim Gluzman.

Der von Isaac Stern geförderte israelische Geiger bestach durch einen herrlich warmen Geigenton auf seiner Stradivari. In seinem Spiel konzentrierte er sich vor allem auf Virtuosität und starken Vorwärtsdrang in der Wahl seiner Tempi. Dadurch blieben jedoch innige Momente, vor allem im Andante des zweiten Satzes deutlich auf der Strecke. Hier, wie auch im ersten Satz kam das kantable Ausphrasieren der Melodiebögen viel zu kurz. Das HR-Sinfonieorchester erwies sich als einfühlsamer Partner und setzte vor allem im dritten Satz klare Impulse. Hier präsentierte Gluzman seine virtuose Fertigkeit. Da perlten die Läufe in z.T. zugespitzten Tempi. Anerkennender Applaus dankte dem Solisten. Gluzman revanchierte sich mit einer Zugabe.

Der zweite Teil des Konzertabends stand dann ganz im Zeichen zwei der beliebtesten Orchesterwerke der Spätromantik. Zunächst erklang von Jean Sibelius dessen erfolgreichste Komposition Finlandia. Die 1900 uraufgeführte Komposition gilt den Finnen auch heute noch als „geheime Nationalhymne“. Die natürliche Feierlichkeit verfehlt selten seine Wirkung. So bot auch das mitreißende, musikantische Dirigat von Michal Nesterowicz viel Anlass zur Freude. Klar und zupackend war seine Interpretation, dabei immer wieder den Orchesterklang gut aufgefächert. Herrlich intonierten auch hier wieder die Blechbläser, perfekt im Zusammenspiel der wuchtigen Eröffnungsakkorde, sekundiert von sehr vollstimmigen Streichern, die im kantablen Mittelteil sehr für sich einnahmen. Die Holzbläser erfreuten durch lyrische Geschmeidigkeit und die Pauke durch rhythmische Prägnanz. Allein die Beckeneinsätze gerieten etwas zu passiv.

Am Ende dann die „Bilder einer Ausstellung“ in der Instrumentierung von Maurice Ravel, in Töne gesetzt von Modest Mussorgskij. 1874 komponierte Mussorgsky diese Programmmusik für Klavier. Angeregt wurde er durch eine Ausstellung seines 1873 gestorbenen Freundes, dem Maler Viktor Hartmann. Komponisten wie Dirigenten (z.B. Kurt Masur, Leif Segerstam) waren von der Qualität derart beeindruckt, dass sie die Komposition instrumentierten. Es waren schließlich die überragenden Instrumentationskünste von Maurice Ravel, die die „Bilder einer Ausstellung“ zum viel gespielten Welterfolg machten.

Kaum ein Orchesterstück bietet einem Orchester derart reiche Möglichkeit, das gesamte Instrumentarium solistisch und im Tutti zu bestaunen. Das HR-Sinfonieorchester war hier auf der Höhe seiner musikalischen Kunst und zog damit seine Zuhörer in den Bann. Dirigent Nesterowicz verstand sich hier als zentraler Impulsgeber, der hörbar auf Kontraste und Kontur setzte, wie z.B. im grotesken „Gnomus“ oder im „Bydlo“, der durch ruppigen Streicherklang und markige Akzente bildhaft vor dem Zuhörer vorbei wackelte.

Ebenso überzeugend wurden auch die Ruhepunkte gesetzt, wie z. B. im „Alten Schloss“. Hier erklang das sonor intonierende Solo-Saxophon weit in den Raum hinein, endlos verklingend in einem langen Diminuendo. Beeindruckend!

Sarkastisch und schmerzlich zugleich die Solo-Trompete in „Samuel Goldenberg und Schmuyle“. Ein wahrer Hexentanz mit knalliger Pauke dann in der „Hütte der Baba Yaga“. Bombastisch dann das Finale: hier mobilisierte Nesterowicz beim HR-Sinfonieorchester alle Kräfte, um mit einem hinreißend geöffneten „großem Tor von Kiew“ diesen schönen Konzertabend glorios abzuschließen.

Zurecht große Begeisterung im Publikum.

Dirk Schauss 25.1.2019

(c) Hessischer Rundfunk

 

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