Lieber Opernfreund-Freund,
die Opéra Royal de Wallonie-Liège in Lüttich startet mit Verdis Macbeth in die neue Spielzeit. Regisseur Stefano Poda setzt auf sein bewährtes Farbkonzept; dabei gelingen, ihm starke Bilder. Die wenigen szenischen Unzulänglichkeiten macht eine ausgezeichnete Sängerriege mehr als wett.

Wie fast immer bei Stefano Poda ist die Bühne von Weiß und Schwarz dominiert. Zusammen mit seinem Assistenten Paolo Giani Cei, der ihn seit 2008 bei seinen Arbeiten unterstützt, hat er dieses Mal einen mit Leichen im wahrsten Sinne des Wortes gepflasterten Raum auf die Lütticher Bretter gestellt, der von Treppen durchzogen ist, die ins Nichts führen. So wie die Morde des von Poda lüstern-lustvoll gezeichneten Paares Macbeth und seine Lady am Ende zu keinem Ziel führen, scheinen auch die Treppen mehr oder weniger ohne Sinn zu sein. Ein ausgetüfteltes Beleuchtungskonzept samt geometrischer Lichtsymbole schafft sinnvoll Stimmungen, die von den martialisch anmutenden, aus schwarzem Leder gefertigten Kostüme noch unterstreichen. Zudem gibt es viel Ballett, für dessen Choreografien ebenfalls Podaverantwortlich zeichnet. Der glücklicherweise nicht gestrichenen Ballo im dem dritten Akt allerdings hat auch einen Nachteil: die dramatischen Schwächen dieses eher handlungsarmen Bildes treten dadurch noch deutlicher zu Tage und ziehen die Szene wie Kaugummi.

Überhaupt hat Stefano Poda in der zweiten Hälfte des Abends weniger Ideen, kann nicht an seiner hervorragende Personenregie der ersten Hälfte anschließen. So gerät die große Arie von Macduff im vierten Akt zu einer Klage inmitten undifferenzierten Gewusels, das die Szene ihrer eigentlichen Kraft beraubt. Wenig klar erzählt Poda auch den Schluss der Oper: hier wäre eine klare Personenführung sicher sinnvoller gewesen, anstatt auf Chaos und Wimmelbild zu setzen.

Gesanglich gibt es wenig zu meckern: Ewa Płonka brilliert in der Rolle der machtgeilen Lady. Schon in ihrer Auftrittsart schleudert zieht dem Publikum trompetenartig kraftvolle Töne entgegen. Die Polin spielt ihre überragende Bühnenpräsenz voll aus und doch gelingt es ihr, in ihrem letzten Auftritt berührende Piani zu formulieren. In der Titelrolle überzeugt Luca Michieletti auf ganzer Linie. Sein imposanter Bariton vermag auch enorme Emotionen zu transportieren, so dass ihm ein vielschichtiges Rollenporträt gelingt. In der kurzen Rolle des Banco gefällt mir Gianluca Buratto. Dem nahe Mailand geborenen Bass bei seinem charismatischen Auftritt zuzuschauen und zuzuhören, ist eine wahre Ohren- und Augenweide. Matteo Desole gelingt sein Rollendebüt als Macduff trotz der suboptimalen Szenerie hervorragend. Lorenzo Martelli als sangesfreudiger Malcolm komplettiert mit seinem feinen Tenor die exquisit besetzte Sängerriege.

Die Damen und Herren des von Denis Segond betreuten Chores lassen auch am gestrigen Abend keine Wünsche offen und bewältigen die umfangreiche Partie exzellent. Im Graben präsentiert Giampaolo Bisanti einen klangvoll-wuchtigen Verdi, auch wenn ich mir da und dort ein wenig mehr Esprit gewünscht hätte. Das Publikum im wie immer ausverkauften Opernhaus ist am Ende des Abends begeistert und goutiert die Leistung alle Künstlerinnen und Künstler mit langem, einhelligen Applaus.
Ihr
Jochen Rüth
20. September 2026
Macbeth
Oper von Giuseppe Verdi
Opéra Royal de Wallonie-Liège
Premiere: 18. September 2026
Regie: Stefano Poda
Musikalische Leitung: Giampaolo Bisanti
Orchestre de l’Opéra Royal de Wallonie-Liège
weitere Vorstellungen: am 20., 22., 24. und 26. September 2026