Fangen wir ausnahmsweise einmal mit den Sängern und nicht beim sog. Regiekonzept an – denn es sind, man kann das nicht oft genug betonen, die Sängerinnen und Sänger, die einen Opern- und Theaterabend tragen und machen.
In diesem Fall heißen sie beispielsweise Sonja Runje und Eva Zalenga. Sie treten auf, lachen erst einmal sehr komödienhaft – und werden, als die zwei Hauptrollensängerinnen (andere gibt es nicht), durch die Tragödie des Stücks gehen. Sie entzücken vom ersten Moment an: beide gesegnet mit höchst wendigen Sopranstimmen, beide sehr versiert im Ausspielen jeglicher Affekte. Beide reißen das Publikum zu Beifallsstürmen hin: im Dienste des Musikdramas.

Doch ist nicht auch Floridante, das Opernopus No. 14 in Händels Werkliste, nicht eine „typische“ Oper mit Arien und Rezitativen, Rezitativen und Arien, mit zur Konvention geronnenen Konflikten zwischen Liebe und Politik und einem ebenso konventionellen lieto fine? Es kommt auf die Betrachtung – und die Inszenierung – und die musikalische Interpretation an. Nach Flavio hat sich das Festival Bayreuth Baroque einer zweiten und ebenso selten aufgeführten Händel-Oper angenommen. Wieder erweist sich Händels Genie – der Mann wird ja nicht grundlos immer wieder als Gigant bezeichnet – darin, dass er die Grenzen der italienischen Oper sowohl musikalisch als, zusammen mit den jeweiligen Librettisten, in diesem Fall mit Paolo Antonio Rolli, auch dramaturgisch erweitert hat. David Treffinger weist im Programmbuch darauf hin, dass es auffallend viele Händel-Opern gibt, in denen das Verhältnis eines gewalttätigen und fordernden Mannes zu einer selbstbewussten Frau im Mittelpunkt steht, so auch beim 1721 uraufgeführten Floridante. Hat Peter Konwitschny, einer der wenigen Regisseure des Werks, 1984, anlässlich seiner Inszenierung des Floridante in Bad Lauchstädt noch behaupten können, dass „dieses Stück das Verhältnis von Individuum und Gesellschaft“ behandele, indem es die Frage stelle: „Was passiert mit einem Menschen, der die Macht hat? Wie kann er sich verwirklichen, wie kommt er zu Glück?“, richtet sich der Fokus beim Floridante des Bayreuth Baroque weniger auf die Glücksvorstellungen des Königs Oronte als auf die Leiden der von ihm buchstäblich vergewaltigten Elmira. Das Sujet besitzt alle Elemente, um aus der Oper einen Psychokrimi zu machen: Oronte hat anstelle seines eigenen gestorbenen Kindes die neugeborene Tochter eines politischen Gegners, (natürlich…) eines Königs, zu seiner eigenen Tochter ernannt; als diese volljährig und voll erblüht ist, wie man damals sagte, will er sie zur Frau nehmen, doch diese, zunächst schockiert über die Avancen des scheinbaren Vaters, beharrt auf ihrer Liebe zum Feldherren Floridante, nachdem ihr der in jedem Sinne falsche Vater die Wahrheit gesagt hat. Der Bösewicht wirft den Nebenbuhler ins Gefängnis, während ein zweites mit den politischen Kabalen verbandeltes Pärchen (sie die scheinbare Schwester der Elmira, er ein fremder Prinz) treu aneinander haftet, seinerseits den steinernen Weg zum Glück beschreitet. Am Ende wird der Tyrann durch einen Aufstand eines den Liebenden ergebenen Generals gestürzt und dem Unmenschen wird, zumindest war das im 18. Jahrhundert die Norm, verziehen. In Bayreuth wird er von sieben jungen Männern gekillt; zweifellos dürfte kein Mensch im Publikum die Tat missbilligen.

Max Emanuel Cencic singt nun nicht allein den Floridante, also den „Blumenhaften“, mit einer extrem blumenhaften, also empfindsam-weichen Stimme. Er hat sein Ensemble wieder mit sicherer Hand durch die Handlung geleitet, indem er sie in das Setting eines Jane Austen-Romans setzte. Den glanzvollen Farben des letztjährigen Pompeo Magno setzt er nun die düstere, kalte Eleganz eines finsteren Klassizismus entgegen; schwarz ist hier fast alles: so wie die Seele des Despoten. Die Asymmetrie der von Helmut Stürmer ersonnen Bühnenarchitektur wird immer wieder gestört; schon während der Sinfonia gibt es Blitz und Donner: so wie nach der Vergewaltigung der Elmira. Und so, wie die Dramaturgie die tiefen Verstörungen in den Figuren beleuchtet – Tränen und Umarmungen: das ist so das empfindsame Repertoire der Jane Austen-Zeit -, hat Händel die Grenzen zwischen Rezitativ und Arioso (Elmiras Notte cara) gelegentlich aufgelöst. Die Inszenierung reagiert darauf, indem sie, äußerst flüssig, eine Handlung, keine Abfolge von Nummern und unterbrechenden Rezitativen, beschreibt. Musikdrama? Musikdrama! Es ermöglicht auch eine kurze lustige Balletteinlage der servants, die das tänzerische Element integriert, es macht, nach dem bei Händel und Rolli so nicht vorgesehenen Tyrannenmord, eine durch und durch christliche Hochzeit und ein Austen‘sches Happy End möglich.

Vieles wäre, basierend auf den farblich und artikulatorisch exzellent aufspielendem Wroclaw Baroque Orchestra unter der Leitung von Markellos Chryssicos, musikalisch herauszuheben: das ergreifende Abschiedsduett – es ist wirklich ein Duett – von Floridante und Elmira am Ende des ersten Akts, das Tauben-Duett des zweiten Paars, das, begleitet vom Solohorn, in zauberhafte leise Unisono-Koloraturen mündet, einige wenige Gurgel-Ausstellungen, dafür umso mehr sinnlich-traurige und schlichte wie schlicht und ergreifend melodische Arien, die eher ins Zeitalter der Empfindsamkeit als in das prunkvolle Spätbarock hineinragen. Neben Runje, Zalenga und Cencic begeistert Bruno de Sá in der latent komischen Rolle des Timante, des Amanten der Rossane, während sich Gerrit Illenberger als bassgestützter bad guy ganz nach dem Motto „You love to hate him“, in die Herzen der Zuschauer spielt. Die vier Stunden Händel-Oper, nein: Musikdrama, vergehen wie im Flug, die lupenreine Ästhetik sorgt immer wieder Entzücken, das stilgerecht durch jene Schocks gebrochen wird, die auch manch Austen-Roman innewohnen. Dass Händel, in Sicht auf Entwicklungen, die erst im späten 18. Jahrhundert offenbar wurden, ein musikalischer Avantgardist war, wusste man schon. Dass Floridante auch dramaturgisch ein Empfindungsdrama avant la lettre ist, musste erst bewiesen werden. Das Publikum begreift es: der Beifall gilt zuerst den Sängern, aber auch den Emotionen, die sie transportieren.

So gesehen, ist das Festival Bayreuth Baroque, das mit der sechsten Aufführung des Floridante glanzvoll schloss, wesentlich mehr als ein Musik- und Opernfestival. Es ist eine Schule des Hörens, Sehens – und Begreifens. Zumindest sollte, wieder einmal, verstanden werden, dass selbst eine ganz, ganz seltene Händel-Oper zu seinen guten gehört: vorausgesetzt, es sind Könnerinnen und Könner am Werk wie im Festspielherbst 2026.
Frank Piontek, 14. September 2026
Floridante
Georg Friedrich Händel
Bayreuth Baroque
Markgräfliches Opernhaus
Besuchte Vorstellung: 13. September 2026
Premiere: 4. September 2026
Regie: Max Emanuel Cencic
Musikalische Leitung: Markellos Chryssicos
Wroclaw Baroque Orchestra