La Vestale (Tragédie lyrique in drei Akten mit einem Libretto von Victor-Joseph Étienne de Jouy) bescherte Gaspare Spontini 1807 im napoleonischen Paris den bis dahin größten Erfolg seines Lebens. Von 1820 bis 1841 leitete er als Preußischer Generalmusikdirektor die Königliche Oper in Berlin. Das Werk wurde eine der erfolgreichsten Opern des 19. Jahrhunderts. Seine Musik beeinflusste Komponisten wie Richard Wagner und Hector Berlioz. An der Berliner Staatsoper wird das Werk verdienstvollerweise ausgegraben, auch wenn es sich um eine Übernahme aus Paris handelt. Carlo Rizzi hat die musikalische Leitung, für die Inszenierung ist Lydia Steier verantwortlich.
Wagner kannte Spontini gut, wer kannte La Vestale zur Wagnerzeit nicht? Die Oper trat seit der Uraufführung 1807 in Paris einen legendären Siegeszug durch die europäischen Städte an. Wagner selbst hatte Spontini 1844 nach Dresden eingeladen, seine Oper La Vestale zu dirigieren. Spektakuläre Massenszenen, große Chortableaus, musikalische Raumwirkungen durch (Fern-)Orchester auf der Bühne, psychologische Ausgestaltung und dramatische Expressivität der ungeheuer schwierigen Hauptpartie der Julia, ganz zu schweigen von der fantasievollen Instrumentation und Satztechnik machten die Oper zu jener Zeit zu einem anspruchsvollen Ausnahmewerk.

Zur Handlung: Die Vestalin, Priesterin der Göttin Vesta, widersetzt sich dem „heiligen Gesetz“ und dem Hohepriester als dessen Hüter. Ihrem sterbenden Vater hatte sie versprochen, keusch zu bleiben und als Priesterin der Vesta ihr Dasein zu fristen. Die Vestalin Julia ist bereit, das ihr auferlegte Gesetz zu brechen und empfängt ihren geliebten Licinius an den Ort, wo sie nachts das heilige Feuer bewachen muss. Julia folgt ihrer Liebe und damit der Natur des Menschen. Für die Oberste Vestalin hingegen ist die Liebe „ein barbarisches Monster“ und Feindin der Göttin Vesta, deren unaufhörlich brennende Flamme die keusch lebenden Vestalinnen zu schützen haben.
Julia wird nach Entdeckung ihrer Liebe zu einem Mann zum Tode verurteilt, aber Trotz der Bitten des Licinius, mit Julia gemeinsam lebendig begraben zu werden, die er dadurch bekräftigt, dass er der Eindringling in den Tempel war, behauptet Julia ihn nicht zu erkennen. Ein Gewitter folgt, während der Blitz die zuvor erloschene heilige Flamme erneut entzündet. Dies wird als ein Zeichen der Götter gedeutet, so dass der Pontifex maximus und die Vestalinnen sich entschließen, ihre Zustimmung dazu zu geben, dass Julia Licinius heiraten kann.
Die Regisseurin Lydia Steier stellt gleich zu Beginn ihrer Inszenierung klar, dass sie kein antikes Stück, kein antikes Rom auf die Bühne bringen will, sondern ein modernes sadistisches bzw. faschistisches Drama als ein Stück über Gewalt gegen Frauen. Keine jungfräulichen Priesterinnen der Antike treten auf, sondern nonnenartige, schwarz verhüllte oder gar in schwarzen Hosenanzüge gewandete, verhärmte weibliche Wesen. Die Priesterinnen des Vesta-Feuer-Kultes sind lebendig begrabene, jungfräuliche, unterdrückte Frauen, geopfert Staat und Religion.

Lydia Steier ließ sich bei ihrer Konzeption inspirieren von den Innenarchitekturen der Mormonen und von dem Roman „The Handmaid’s Tale“ von Margaret Atwood. Das Thema Religion und Militarismus lasse sie laut Begleitheft allerdings auch über theokratische Regierungen islamischer Staaten nachdenken. Zu sehen ist jedoch keinerlei szenische Islamkritik. Die theokratische Regierung in dem Roman der Atwood spielt an der Harvard University in Boston. Als Reverenz an den Ort der Erstaufführung dieser Kooperations-Produktion (in Paris 2024) hat Steier ihren Bühnenbildner Etienne Pluss allerdings das Amphitheater der Universität Sorbonne als Bühnenraum nachbauen lassen, davor schiebt sich immer wieder eine schwarze Betonwand, an der Hingerichtete aufgehängt werden. Auf Wänden und Vorhängen bzw. Schleiern prangt frei nach Cicero die totalitäre Devise, das Motto „Talis est ordo deorum“ (So ist die Ordnung /der Wille der Götter.). Gewalt, Blut und Tod beherrschen die Szene, man sieht eine schwarzgewandete Soldateska mit Maschinengewehren, man wohnt einer martialischen Bücherverbrennung bei und sieht leere Bücherregale. Auch werden nackte, blutverschmierte Opfer der religiösen Machthaber am Pranger auf Wagen hereingezogen. Begleitende schwarze Todes-Schergen mit verschleierten Gesichtern und spitzen Hüten lassen an den Geheimbund Ku-Klux-Klan denken. Es ist eine Gesellschaft, in der es nur Schwarz und Weiß gibt, was es der Kostümbildnerin Katharina Schlipf leicht macht. „Alle Beziehungen zwischen Menschen, die wir untersuchen, sind in Grautönen gehalten, wie im wirklichen Leben“, betont die Regisseurin im Programmheft. Sie wolle das Publikum der Gegenwart ansprechen und der Gegenwart einen Spiegel vorhalten. „Für mich gibt es keinen Grund, eine Oper aufzuführen, wenn sie uns nicht dazu anregt, über unser eigene Welt im Hier und Jetzt nachzudenken.“ Schön und gut, aber: Steier macht aus dem in Rom spielenden Stück über Pflicht und Liebe ein politisches Lehrdrama über Gewalt und krude theokratische Machtausübung. Die Mechanismen der Macht sind immer dieselben, suggeriert die Regisseurin, die das lieto fine der Oper Lügen straft, indem sie den Freund des Licinius, Cinna, zu einem neuen Machthaber mutieren lässt, der am Ende Licinius, Julia sowie deren Anhänger erschießen lässt. Er selbst krönt sich indessen. Die Musik, die „Ende gut, alles gut“ meint, wirkt da nur noch unglaubwürdig, ja ironisch.
Die Inszenierung enthält dem Publikum damit das eigentliche Stück vor und zeigt stattdessen einen plakativen Kommentar mit überflüssigen Videos von Etienne Guiol über Kriege, Faschismus und Massen, die das Stück keineswegs erhellen, sondern eher verrätseln, außerdem hyperaktive Chorszenen, quasi religiöse Rituale und Prozessionen. Am eklatantesten ist das finale Hereintragen einer übergroßen, vergoldeten Marienstatue, bevor das böse Ende kommt, das so nicht in Libretto und Partitur steht.

Dem gewiss verdienten Dirigenten Carlo Rizzi ist die schwierige Aufgabe anvertraut worden, das Stück musikalisch zu realisieren. Er ist daran, mit Verlaub gesagt, gescheitert, denn er hat es nicht verstanden, den Patchwork-Charakter der Musik Spontinis als überzeugenden Stil hörbar zu machen. Stattdessen viel Lärm, martialisch aufgedonnerte Klangballungen und konventionelle Herangehensweise an diese Musik des Nichtmehr und Nochnicht. Man vergesse nicht: La Vestale ist ein Werk des Übergangs. Vielleicht darf man von einer Mixtur aus italienischer Opera Seria à la Gluck, französischer Tragédie lyrique, einem „Schuss“ Rossini’scher Rhythmik und Dynamik sowie Elementen der viel späteren „Grand Opéra“ sprechen. Das machte das Werk so inkommensurabel. Rizzi gelingt es nicht, diese – damals als neuartig empfundene – Musik als originell und überzeugend zu beglaubigen. Seine Lesart ist lärmend, pompös, schwerfällig, ohne Esprit und tieferes Verständnis für Spontini.
Auch die sängerische Besetzung ist nicht wirklich beglückend. Die Frauen sind noch am beeindruckendsten. Die Bulgarin Sonya Yoncheva singt eine hochexpressive Julia, die russische Mezzosopranistin Marina Prudenskaya eine respektgebietende Grande Vestale. Doch beide Frauen verstehen die Interpretationen ihrer Rollen vor allem als zu lautes Singen mit hochdramatischer Tendenz zum Schreien. Die beiden Tenöre der Besetzung sind sehr unterschiedlich. Der britische Tenor David Butt Philip in der Rolle des Licinius ist, mit Verlaub gesagt, eine Nummer zu klein für den römischen Helden, auch hat er ein unschönes Timbre und kann mit dem südafrikanischen (bemerkenswerten) Tenor Siyabonga Maqungo als Cinna nicht mithalten. Ordentlich ist der rumänische Bassist Adrian Sâmpetrean als Pontifex. Der Staatsopernchor (Leitung: Danis Juris) und die Staatskapelle Berlin waren schon besser im Form. Unter dem Strich eine Enttäuschung.
Dieter David Scholz, 29. September 2026
La Vestale
Gaspare Spontini
Staatsoper Unter den Linden, Berlin
Premiere am 26. September 2026
Inszenierung: Lydia Steier
Musikalische Leitung: Carlo Rizzi
Staatskapelle Berlin