Gießen: „Maria de Rudenz“, Gaetano Donizetti

Lieber Opernfreund-Freund,

die deutsche Erstaufführung einer Donizetti-Oper fast 190 Jahre nach deren Entstehung beschert das Stadttheater Gießen den Besuchern am vergangenen Wochenende. Die blutrünstige Geschichte der von Rachegedanken getriebenen Maria de Rudenz begeistert das Publikum im ausverkauften Haus und stellt dabei die Leistungsfähigkeit auch kleinerer Bühnen unter Beweis.

© Nils Heck

Maria de Rudenz entstand in einer der schwierigsten Lebensphasen des aus Bergamo stammenden Gaetano Donizetti. Im Juli 1837 starb seine erst 28jährige Frau Virginia, nachdem die beiden im Monat zuvor ein Kind kurz nach dessen Geburt verloren hatten – und das bereits zum dritten Mal. Die Verträge, das Werk zur Wiedereröffnung des Teatro La Fenice in Venedig fertig zu stellen, waren da bereits unterzeichnet und zwangen den Komponisten, sich in dieser für ihn dunklen Zeit mit einem der düstersten Opernstoffe zu beschäftigen, den er je vertont hat. Erzählt wird im Libretto von Salvadore Cammarano, der schon für Lucia di Lammermoor die Vorlage erstellt hatte und Jahre später den Trovatore für Giuseppe Verdi verfassen sollte, die Geschichte der adeligen Maria di Rudenz, die von ihrem Verlobten Corrado in den römischen Katakomben zurückgelassen worden war, da er sie für untreu gehalten und auf ihren dortigen Tod gehofft hatte. Fünf Jahre später plant er die Hochzeit mit Marias Cousine Matilde, als die Totgeglaubte auftaucht und ihm droht, seine unadelige Herkunft zu enthüllen, sollte er nicht zu ihr zurückkehren. In seiner Wut rammt er Maria einen Dolch zwischen die Rippen – erneut halten sie alle für tot. Corrado und Matilde werden vermählt und nachdem Corrado seinen Bruder Enrico im Duell getötet hat (dieser war ebenfalls in Matilde verliebt), eilt er ins Brautgemach – um dort seine frisch angetraute Ehefrau ermordet vorzufinden. Maria hat den Anschlag überlebt und Rache genommen, ehe sie an den Verletzungen des erlittenen Dolchstichs stirbt.

© Nils Heck

Dass die Geschichte nicht gut enden wird, ist schon an den ersten Takten der düsteren Ouvertüre zu hören, die wie das gesamte Werk vor musikalischen Ideen nur so sprüht, gleichzeitig aber einen wirklich stringenten Stil vermissen lässt. Weite Teile der Rezitative und sogar Arien sind kaum orchestriert, wirken wie hingeworfene Skizzen und nicht wie ein in irgendeiner Form konzipiertes, musikalisch durchdachtes Werk. Und doch schleicht sich das Grauenvolle mehr und mehr in die Partitur, um in einer unheilvollen Schlussarie zu münden. Genauso legt Hinrich Horstkotte seine Regiearbeit zur deutschen Erstaufführung an. Die düstere Stimmung entfaltet sich schon im ersten Bild und steigert sich über das Grauen in den Gesichtsausdrücken der Protagonisten und die zunehmenden Mengen an Theaterblut bis zum grausamen Höhepunkt. Die von Horstkotte entworfenen Kostüme orientieren sich an historischen Vorbildern, zeichnen sich aber durch eingearbeitete Ecken und Kanten aus. Er zeigt die Titelfigur als rachegetriebene, trotzige Frauenfigur, die sich gegen Konventionen auflehnt – in der Geschichte ebenso wie in der musikalischen Umsetzung: Eine Titelheldin in einer Belcanto-Oper, die einfach nicht stirbt, und auch gar nicht auf die abschließende Wahnsinnsarie warten muss, weil sie eine solche schon beim ersten Auftritt abgeliefert hat.

© Nils Heck

Gemäß dieser Lesart erweist sich Julia Araújo als Idealbesetzung für die Titelfigur. Das aus Uruguay stammende Ensemblemitglied ist keine trällernde, belcantistisch vortragende Koloratursopranistin im klassischen Sinne, sondern eine ausdrucksstarke Künstlerin mit Mut zu extremen Gefühlsausbrüchen, die ihre Figur facettenreich zwischen Wahnsinn, Liebe und Rachegedanken schwanken lässt. Ihr Gegenpart in der Handlung und im Hinblick auf die gestalterischen Aspekte ist Annika Gerhards als bedauernswerte Matilde di Wolff. Die junge Sängerin formt in der ersten Hälfte des Abends mit ihrem samtenen Sopran balsamische Töne, um sich im Finalakt als wahre Koloraturkönigin zu entpuppen. Eleazar Rodríguez bringt alles für den liebeskranken Enrico mit: Höhen voller Glanz und emotionsgeladenen Gesang. Dmitry Lavrov gelingt mit farbenreichem, ausdrucksstarkem Bariton ein überzeugendes Rollenportrait des Corrado, während der Kanadier Clarke Ruth als Rambaldo seinen imposanten Bass zeigen darf.

© Nils Heck

Die Damen und Herren des glänzend disponierten Chores überzeugen unter der Leitung von Moritz Laurer, während das Philharmonische Orchester Gießen mit Andreas Schüller am Pult beherzt aufspielt und das Werk in Deutschland erstmals erklingen lässt. So gelingt allen Beteiligten ein Abend voller schauriger Ästhetik, der die Zuschauer am Ende von den Sitzen reißt und eine vergessenen Belcantoperle in bestem Licht erscheinen lässt.

Ihr
Jochen Rüth

28. September 2026


Maria de Rudenz
Oper von Gaetano Donizetti

Stadttheater Gießen

Premiere: 26. September 2026
Deutsche Erstaufführung

Regie: Hinrich Horstkotte
Musikalische Leitung: Andreas Schüller

Philharmonisches Orchester Gießen

weitere Vorstellungen: 2. und 25. Oktober, 7. November und 19. Dezember 2026 sowie 4. Februar 2027