Auch in diesem Jahr haben wir unsere Kritiker wieder gebeten, eine persönliche Bilanz zur zurückliegenden Saison zu ziehen. Wieder gilt: Ein „Opernhaus des Jahres“ können wir nicht küren. Unsere Kritiker kommen zwar viel herum. Aber den Anspruch, einen repräsentativen Überblick über die Musiktheater im deutschsprachigen Raum zu haben, wird keine Einzelperson erheben können. Die meisten unserer Kritiker haben regionale Schwerpunkte, innerhalb derer sie sich oft sämtliche Produktionen eines Opernhauses ansehen. Daher sind sie in der Lage, eine seriöse, aber natürlich höchst subjektive Saisonbilanz für eine Region oder ein bestimmtes Haus zu ziehen.
Nach der Oper Wuppertal blicken wir heute auf das Stadttheater Gießen.

Beste Produktion (Gesamtleistung):
La traviata. Handwerklich souveräne Regie, starke Bilder und eine beeindruckende Verkörperung der Titelfigur: Das Haus ist in jeder Hinsicht über sich hinausgewachsen. Diese Produktion wirkte geschlossener, lebendiger und ergreifender als manche Repertoire-Aufführung von Verdis Erfolgsstück an weit größeren Häusern
Größte Enttäuschung:
Fehlanzeige.
Entdeckung des Jahres:
Mozarts La finta giardiniera überzeugt in der vom Komponisten autorisierten deutschen Singspielfassung als Die Gärtnerin aus Liebe.
Beste Gesangsleistungen (Hauptpartien, Ensemble):
So klein das Gießener Ensemble ist (gerade einmal sechs Sänger), sorgte eine kluge Programmgestaltung doch dafür, dessen Mitglieder in großen Partien glänzen zu lassen:
Annika Gerhards begeisterte als Violetta Valery in La traviata mit einer unter die Haut gehenden darstellerischen Intensität und beglaubigte ihr Rollenporträt mit einer staunenswerten musikalischen Leistung.
Clarke Ruth überzeugte mit kernig-schlankem Bassbariton in der Buffo-Partie des Dulcamara in L’elisir d’amore ebenso wie als zwielichtiger Nick Shadow in The Rake’s Progress.
Beste Gesangsleistung (Hauptpartien, Gast):
Jakob Kleinschrot präsentierte als Belfiore in Die Gärtnerin aus Liebe eine geradezu ideale lyrische Mozart-Stimme mit jugendlich-dramatischen Anlagen, die auch fabelhaft zu einem Tamino passen würde.
Beste Gesangsleistungen (Nebenrolle):
Rhydian Jenkins machte als Sellem in The Rake’s Progress mit frischem Tenor auf sich aufmerksam.
Bester Singschauspieler:
Diese Kategorie haben wir hier ergänzt, um einem neuen Ensemblemitglied gerecht zu werden: Ferdinand Keller. Sein Tenor besitzt eine charakteristische, eher herbe Farbe, die man keinem Stimmfach zuordnen kann. Kein Belcanto-Sänger und doch ein hinreißender Nemorino in L’elisir d’amore, auch kein Spiel-Tenor und doch ein urkomischer Podestà in Die Gärtnerin aus Liebe, kein jugendlich-heldischer Tenor und doch ein der Figur Tiefe verleihender Tom Rakewell. Bei ihm beeindruckt die enorme Bühnenpräsenz und eine große darstellerische Bandbreite vom komischen Fach bis zur Charakterstudie.
Bestes Dirigat:
Vladimir Yaskorski, Erster Kapellmeister des Hauses, hat dem Orchester in Die Gärtnerin aus Liebe einen frischen, farben- und kontrastreicher Klang entlockt, der Bewunderung für das Genie des jungen Mozart geweckt hat.
Beste Regie:
Ute M. Engelhardt, die neue Leiterin der Musiktheatersparte, hat La traviata tatsächlich eine neue Inszenierungsidee abgewonnen; daneben ist ihr mit Die Gärtnerin aus Liebe eine detailverliebte und erfrischende Belebung eines nicht besonders starken Librettos gelungen.
Handwerklich nicht minder souverän hat aber auch Tamara Heimbrock L’elisir d’amore locker und gewitzt zu einem kurzweiligen Vergnügen gemacht.
Bestes Bühnenbild:
Lukas Noll für Die Gärtnerin aus Liebe: Mit den phantasievollen Kostümen von Katharina Tasch und der geschickten Beleuchtung von Kevin Weidlich hat er die perfekte Illusion von lebenden, altmeisterlichen Ölgemälden erzeugt und als besonderen Coup in einer Kombination von Kulissen und Videoprojektionen ein weiteres „Ölgemälde“ dreidimensional und begehbar gemacht. Auch im Übrigen waren Bühnenbild und Kostüme mit ihren variantenreichen floralen Motiven eine wahre Augenweide.
Nathalie Himpel hat in L’elisir d’amore mit ihrem Bühnenbild und den Kostümen leichthändig, kreativ und abwechslungsreich mit historischen Reverenzen gespielt und so den Boden bereitet für eine hinreißende Komödie.
Beste Chorleistung:
The Rake’s Progress: musikalisch präsent und klangstark, darstellerisch köstlich als Ansammlung synchron agierender Automatenpuppen in der Auktionsszene.
Größtes Ärgernis:
Fehlanzeige.
Die Bilanz zog Michael Demel.