Es gibt große Geschichten, die über viele Jahre hinweg immer wieder faszinieren. Eine davon ist die Geschichte von Rob Cole, der sich im 11. Jahrhundert von London aus auf den Weg macht, um im fernen Persien Medizin zu studieren. Mit Der Medicus schuf Noah Gordon im Jahr 1986 ein Werk, das sich allein in Deutschland mehr als sechs Millionen Mal verkaufte. 1999 wurde das Buch auf der Madrider Buchmesse zu einem der zehn beliebtesten Bücher aller Zeiten gekürt. So verwundert es nicht, dass es neben einer Verfilmung auch zwei Musical-Adaptionen der Geschichte gibt. In Tecklenburg feierte an diesem Wochenende die Produktion von Iván Macías und Félix Amador Premiere – nicht zu verwechseln mit der Spotlight-Produktion, die vor zehn Jahren im Schlossparktheater in Fulda erstmals zu sehen war. Im Oktober 2018 fand im Nuevo-Apolo-Theater in Madrid die Premiere von El Médico statt, nachdem dieses neue Musical zuvor nur konzertant vor Publikum getestet wurde. Die Premiere verlief so erfolgreich, dass das Musical für zwei Spielzeiten in Madrid aufgeführt wurde; eine geplante Tournee durch Spanien musste seinerzeit aufgrund des Coronavirus abgesagt werden. Die deutschsprachige Erstaufführung von dieser Version des Medicus in der Übersetzung von Hartmut H. Forche und Jaime Roman Briones fand am 19. Oktober 2023 im Deutschen Theater München statt. Im vergangenen Sommer zeigte das Theater Plauen-Zwickau eine Open-Air-Produktion. Tecklenburg ist somit erst das dritte Theater in Deutschland, in dem dieses Musical zu sehen ist, und bietet dabei gleich die perfekte Bühne.

Um den Vorsitzenden der Freilichtspiele Tecklenburg, Markus Söllner, an dieser Stelle zu zitieren: „Dieser Stoff braucht Raum. Und Tecklenburg hat diesen Raum. Die Kulisse der Burgruine, der weite Himmel, die Naturakustik dieses außergewöhnlichen Ortes: All das gibt einer Geschichte wie dieser eine Dimension, die ein Theatersaal schlicht nicht leisten kann. Wenn Rob Cole aufbricht, soll man spüren, dass die Welt groß ist.“ All dies geht bei dieser Produktion voll und ganz auf, nicht zuletzt, weil Regisseur Werner Bauer und Bühnenbildner Jens Janke die Größe der Bühne immer wieder geschickt nutzen. Wenn die von der Pest befallenen Leichen über die Mauer ins Feuer geworfen werden, lodern große Feuerflammen auf. Eindrucksvoll ist auch die Einnahme der Stadt Isfahan, bei der die Armee unter der Führung von Quandrasseh auf der rechten Seite oberhalb des großen Tores steht. Der Schah versucht zunächst noch, das Tor zu verteidigen, öffnet es dann aber, um sich seinem Schicksal zu ergeben. Bauer weiß die Größe der Bühne allgemein gut zu nutzen. Zusammen mit den eindrucksvollen Choreografien von Bart de Clercq ergeben sich immer wieder neue großartige Bilder. Auch die großen Massenszenen in London und Isfahan sind stimmig choreografiert. Während Armut und Not das Leben der Menschen in London bestimmen, ist Isfahan zunächst ein großer Marktplatz mit fröhlichen und feiernden Menschen. Ein weiterer gelungener Regieansatz ist die bildliche Darstellung von Rob Coles besonderer Fähigkeit: Sobald er einen Menschen berührt, kann er spüren, ob dessen Tod nahe ist. Immer wenn dies der Fall ist, taucht der personifizierte Tod in der unmittelbaren Umgebung des Todgeweihten auf, was stellenweise für gruselige Momente sorgt.

Auch beim Schachspiel zwischen Rob Cole und dem Schah von Isfahan arbeiten Regie und Choreografie Hand in Hand. Während die beiden im Palast gegeneinander antreten und der Schah seine allumfassende Macht demonstriert, nutzt Bart de Clercq die Bühnenmitte, um das Spiel mit dem Ensemble eindrucksvoll für das Publikum zu choreografieren. Die vielen mittelalterlichen Kostüme von Fabienne Ank runden das optische Gesamtpaket stimmig ab. Auch hier kommt der Kontrast zwischen den verschiedenen Welten gut zur Geltung.

Auch musikalisch ist Der Medicus eine großartige Entdeckung – vor allem, wenn man bereits viele Musicals gesehen hat. Iván Macías schuf eine große symphonische Komposition, die immer wieder perfekt auf das Geschehen abgestimmt ist. So finden sich beim Fest der jüdischen Bevölkerung beispielsweise Einflüsse jüdischer Volkslieder wieder. In Isfahan klingen immer wieder orientalische Klänge durch. Darüber hinaus beinhaltet Der Medicus viele große Musicalnummern, in denen die Darsteller und Darstellerinnen glänzen können. Die Rolle des Schah ist hierbei sehr klassisch, beinahe opernhaft angelegt. Allgemein erinnert die Komposition hin und wieder etwas an das Musical Titanic, das mit großem Orchester aufgeführt ebenfalls eine besondere Wirkung entfalten kann. Unter der musikalischen Leitung von Juheon Han spielt das Orchester der Freilichtspiele Tecklenburg einmal mehr hervorragend, und auch die Abmischung zwischen Orchester und Gesang ist bereits bei der Premiere stimmig.

Neben einem großen, stimmig besetzten Ensemble kann Der Medicus auch bei der Besetzung der Hauptrollen punkten. Als Rob Cole ist Thomas Hohler nach längerer Pause wieder in Tecklenburg zu sehen. Dass er über ein besonderes schauspielerisches Talent verfügt, hat er zuletzt u. a. in der Titelrolle des Musicals Mrs. Doubtfire in Düsseldorf unter Beweis gestellt. Und auch als Rob Cole gelingt es ihm, den Weg vom wissenshungrigen Bader-Lehrling zum reifen Medicus glaubhaft auf die Bühne zu bringen. Gesanglich ist er ebenfalls gewohnt stark , so dass es immer wieder eine große Freude ist, ihn auf der Bühne erleben zu dürfen. Zu Beginn des Stücks trumpft jedoch zunächst Benjamin Eberling als Bader auf. Mit seiner markanten Stimme gehört er inzwischen fast schon zur „Stammbesetzung“ in Tecklenburg. Die Rolle des Baders legt er als oberflächlichen, etwas ruppigen, aber im tiefsten Herzen sehr liebenswerten Menschen an. Wunderbar! Auch Navina Heyne als Mary Cullen, Gerben Grimmius als Schah und Wolfgang Höltzel als Avicenna lassen ihre Rollen mit viel Liebe zum Detail lebendig werden und meistern selbst die schwierigsten Gesangsparts. Zugutekommt allen Darstellern zudem die gelungene Personenführung durch die Regie. Neben dem bereits erwähnten Ensemble, das in die verschiedensten Rollen schlüpft, sorgen auch die Kinderrollen und der Chor der Freilichtspiele Tecklenburg einmal mehr für Freude beim Premierenpublikum.

Am Ende des Abends zeigte sich dieses regelrecht euphorisch und spendete allen Beteiligten lautstarken Beifall. Mit Der Medicus ist der Bühne Tecklenburg nach der etwas schwächeren Rocky-Produktion einmal mehr ein ganz großer Wurf gelungen, den man jedem Theaterfreund wärmstens ans Herz legen kann. Dass man auch auf Seiten des Theaters an die Stärke des Stückes glaubt, zeigt sich auch daran, dass man sich bereits frühzeitig die Rechte zur deutschsprachigen Erstaufführung des Musicals Die Säulen der Erde nach dem Roman von Ken Follett gesichert hat, einem weiteren Werk von Iván Macías und Félix Amador. Dieses Musical wird im kommenden Jahr zusammen mit Kinky Boots in Tecklenburg zu sehen sein. Bis zum 13. September 2026 kann man nun aber erst einmal Rob Cole auf seiner großartigen Reise begleiten, die ganz nebenbei eine wunderbare Botschaft für Toleranz und ein friedvolles Miteinander vermittelt.
Markus Lamers, 25. Juli 2026
Der Medicus
Musical von Iván Macías (Musik und Buch) und Félix Amador (Liedtexte und Buch) nach dem gleichnamigen Bestseller von Noah Gordon in deutscher Übersetzung von Hartmut H. Forche und Jaime Roman Briones
Freilichtspiele Tecklenburg
Premiere: 24. Juli 2026
Inszenierung: Werner Bauer
Musikalische Leitung: Juheon Han
Orchester und Chor der Freilichtspiele Tecklenburg
Weitere Aufführungen bis zum 13. September 2026