Bielefeld: „The Birds of Alfred Hitchcock“, William Ward Murta

Bei dem Gedanken an das Genre Musical fallen einem meist zuerst bekannte Titel wie beispielsweise My Fair Lady, West Side Story, Grease, Das Phantom der Oper, Starlight Express oder die großen Disney-Musicals ein. Doch auch die Musicalsparte bedient eine enorme Bandbreite, wie viele Theater auch hierzulande inzwischen immer wieder in ihren Spielplänen zeigen. Oftmals gibt es dort sogar echte Raritäten zu entdecken. So hat das Theater Bielefeld am vergangenen Wochenende die neue Spielzeit mit dem Musical The Birds von Alfred Hitchcock eröffnet. Zwar wurde dieses Musical bereits 2010 in Bielefeld uraufgeführt, seitdem war es aber nicht mehr zu sehen. Für die Neuinszenierung durch den ehemaligen Bielefelder Schauspieldirektor und Intendanten Michael Heicks hat William Ward Murta sein Musical nochmals überarbeitet und mit einer neuen Ouvertüre versehen. Zudem wurden einige Stellen leicht geändert und neue Nummern sorgsam eingefügt.

© Joseph Ruben Heicks

Doch worum geht es in dem Musical eigentlich? Anstatt den berühmten Hitchcock-Film Die Vögel auf die Bühne zu bringen, widmet sich William Ward Murta in seinem Stück lieber der Entstehung dieses Meisterwerks. Erzählt wird die Geschichte der Schauspielerin Tippi Hedren, die durch diesen Film große Berühmtheit erlangte, hierfür aber auch einen hohen Preis zahlen musste. Hitchcock, der in Hedren seine neue „Lieblingsblondine“ für die weibliche Hauptrolle gefunden hatte, stattete sie mit einem langfristigen Vertrag aus, mit dem er allerdings gleichzeitig mehr oder weniger direkt über das ehemalige Fotomodell verfügen konnte – sexuelle Annäherungen und eine völlige Vereinnahmung der Person inklusive. Das Musical beginnt damit, dass Hedren nach ihrem Zusammenbruch bei den Dreharbeiten zur Dachbodenszene für Die Vögel in einem Sanatorium erwacht. Geplagt von wirren Albträumen, die das Publikum durch die Inszenierung von Michael Heicks in Verbindung mit den Videoarbeiten von Sascha Vredenburg gleich zu Beginn des Abends fast schwindelig werden lassen, erzählt sie dem Krankenpfleger Robin ihre Geschichte. Diese beginnt wie ein Märchen, entwickelt sich aber Stück für Stück zu eben jenem Albtraum. In einer beeindruckenden Hommage an Hollywood im Allgemeinen und den großen Hitchcock-Filmen wie Psycho und eben Die Vögel im Besonderen zeigt Murta gleichzeitig, dass das Thema „Machtgefälle im Kunstbetrieb” schon lange vor der #MeToo-Debatte existierte.

© Joseph Ruben Heicks

Musikalisch setzt der Komponist hierbei auf einen großen Orchestersound, der einerseits an historische Broadway-Stücke des letzten Jahrhunderts erinnert, andererseits aber auch stark an den großen Hollywood-Sound vieler Filme angelehnt ist. Anstelle eines Ohrwurms bietet die Komposition handlungstragende Lieder und passende Untermalungen, die zu einem runden Gesamtwerk verschmelzen. Die Bielefelder Philharmoniker unter der Leitung des Komponisten spielen diese wunderbar. Ebenso beeindruckend ist die Inszenierung, die auch optisch viel zu bieten hat. Es ist imposant, wenn der große Bühnenraum samt Hinterbühne komplett als großes Filmstudio dient. Neben weiteren realen Bühnensets, wie dem Sanatorium, werden immer wieder Szenen eingestreut, in denen die Darsteller zu Alfred Hitchcock sprechen. Dieser kommt im Stück allerdings nur als Stimme (Thomas Wehling) und an einigen wenigen Stellen als Videoanimation vor. In diesen Szenen sprechen die Darsteller meist direkt in eine Kamera, die ihr Gesicht auf die Bühne überträgt. Rechts und links davon sind liebevoll Filmrollen-Ränder arrangiert. Dies sorgt nicht nur für Abwechslung und unterstützt die Handlung, sondern stellt auch gleich zu Beginn die weiteren wichtigen Personen im Stück vor: Hitchcocks Assistentin Peggy Robertson, Drehbuchautor Evan Hunter, Schauspielerin Jessica Tandy und den etwas unheimlich wirkende Vogeltrainer Ray Berwick mit einem ausgestochenen und vernarbten Auge.

© Joseph Ruben Heicks

Die Videosequenzen von Sascha Vredenburg sind handwerklich und technisch perfekt und suchen in dieser Forn ihresgleichen, da sie auf unterschiedlichste Weise eingesetzt werden. Mal dienen sie als Hintergrund beim Blick durch die Fenster des Sanatoriums, mal werden sie, wie bereits erwähnt, bei den Gesprächen mit Alfred Hitchcock genutzt. Besonders beeindrucken kann die spektakuläre Schlussszene des ersten Aktes, in der die Vögel wie wild auf das Publikum loszugehen scheinen. Auch nach der Pause wird der Ausflug von Tippi Hedren und Evan Hunter nach San Francisco wie ein historischer Film inszeniert, mit verlangsamten Bewegungen und dem typischen Synchronisationsklang alter Filme. Es ist wunderbar zu sehen, wie viele cineastische Anspielungen in dieses Musical eingeflossen sind. Neben dem Videodesign ist auch das Lichtdesign von Johann Kaiser-Kranefoed erwähnenswert, das immer wieder geschickt mit Licht und Schatten spielt. Wenn Tippi vor einer Leinwand steht und durch Überschneidungen von Schatten in einen Vogelkäfig eingesperrt wird, während sie davon berichtet, wie eingeengt sie sich durch Alfred Hitchcocks Forderungen fühlt, ist das großes Kino. Nach so vielen Schauwerten im Verlauf des Abends wirkt es geradezu besonders, wenn Tippi zum Ende hin in einer hoffnungsvollen Schlussnummer die große Bühne durch das Tor in der Rückwand der Hinterbühne in relativer Schlichtheit verlässt und das Licht erlischt. Ihr Weg von der hektischen Scheinwelt des Filmstudios in ein Leben, in dem sie ihre Ruhe finden kann.

© Joseph Ruben Heicks

Lara Hofmann ist eine vortreffliche Besetzung als Tippi Hedren, die diese Rolle sowohl gesanglich als auch schauspielerisch stark ausfüllt. Carlos Horacio Rivas ist der einzige aus der Besetzung der Uraufführung, der noch in gleicher Rolle dabei ist. Er spielt den Krankenpfleger Robin. Interessant ist hier auch, dass Robin das Geschehen oftmals vom Rand der Bühne aus beobachtet und immer wieder daran erinnert, dass wir uns in Tippis Erzählungen an ihn befinden. Großen Zuspruch vom Publikum erhält auch Christina Huckle, die die exzentrische Schauspielerin Jessica Tandy mit viel Humor verkörpert. Diese Rolle ist es auch, die durch ihre Lebenserfahrung einige wichtige Ratschläge für ihre junge Kollegin bereithält. In den weiteren Hauptrollen wissen Frederike Haas als Peggy Robertson, Nikolaj Alexander Bruckner als Evan Hunter und Arsalan Naimi als Ray Berwick zu überzeugen. Das Ensemble wird abgerundet durch Leonie Dietrich, den Bielefelder Opernchor sowie sieben sehr talentierte Studierende bzw. Absolventen des Fachbereichs Musical an der Hochschule Osnabrück, die in vielen verschiedenen Rollen zu sehen sind.

© Joseph Ruben Heicks

Das Theater Bielefeld empfiehlt The Birds of Alfred Hitchcock ab 15 Jahren. Besonders empfehlenswert ist dieses Musical vor allem für Theaterliebhaber, die sich abseits des gängigen Kanons mal etwas anderes anschauen möchten, das sowohl musikalisch als auch inhaltlich als stimmiges Gesamtwerk überzeugen kann. Auch wenn sich nach rund drei Stunden Aufführungsdauer kein Ohrwurm im Ohr festsetzt, hinterlässt das Musical dennoch einen bleibenden Eindruck. Auf dem Heimweg überlegt man, ob man sich Die Vögel nicht doch mal wieder anschauen sollte – dann vielleicht mit einem etwas anderen Blick auf die eine oder andere Szene als bisher.

Markus Lamers, 21. September 2026


The Birds of Alfred Hitchcock
Musical von William Ward Murta unter Mitarbeit von Nila Aalia und Katharine Mehrling, Deutsche Textfassung von Constanze Grohmann und William Ward Murta

Theater Bielefeld

Premiere der Neuinszenierung: 20. September 2026

Inszenierung: Michael Heicks
Musikalische Leitung: William Ward Murta

Weitere Aufführungen am 26 und 27. September, 2., 4., 7. und 9. Oktober, 8. November, 2. Dezember 2026, 14. und 26. Januar, 25. Februar 2027 (weitere Termine in Planung)