Bielefeld: „Il Trovatore“, Giuseppe Verdi

Der Troubadour des 39jährigen Verdi gehört zu seinen beliebtesten Opern, was an der Musik liegt: Dermaßen komprimiert zeigt sich Verdis Genie, sich steigernde Leidenschaften, schwungvolle Chöre, ausdrucksvolle Melodien und großes Drama zu einer geschlossenen Komposition zu vereinen, kaum noch einmal. Das Libretto von Salvadore Cammarano hingegen erscheint recht wirr, wenn man als Maßstab eine sich logisch aufbauende Handlung anlegt. Geht man jedoch von einer Verkettung unglücklicher, gar tragischer Umstände aus, die teils vorausgesetzt werden, teils in der Oper ablaufen, kann man eher einen Sinn in dem Drama erkennen. Aber Verdi geht es vorrangig um die psychische Verfasstheit seiner Charaktere, wo sie herkommen, was die jeweilige Situation mit ihnen macht und wie sie darauf reagieren. Das ist auch der Ausgangspunkt der Regie von Lorenzo Fioroni. Seine Männer sind von egoistischem Besitzdenken geprägt; sowohl Manrico als auch Graf Luna betrachten Leonora als ihr Eigentum und kämpfen bis zuletzt um sie.

© Sarah Jonek

Diese Rivalität, die beide in einem differenzierten Licht erscheinen lässt, wird sehr überzeugend umgesetzt. Beide sind nur mit sich selbst beschäftigt, hören nicht zu, sind schnell gekränkt und glauben der erfundenen Wirklichkeit von Geschichten. Konkret wird dies in Graf Lunas Romanze im ersten Akt, bei der er in den Handspiegel schaut, sowie gleich zu Beginn mit Ferrandos Erzählung – er hat eine lange Nase, die an Pinocchio denken lässt und die ganze Erzählung unglaubwürdig werden lässt – und wiederholt in ihr die Verunglimpfung von Azucenas Mutter als Hexe, die konsequenterweise verbrannt wurde. Graf Luna wird von Todd Boyce mit edler Stimme gesungen – berührend die mit schönstem Belcanto vorgetragene erwähnte Romanze – , die er auch in Kraft fordernden Szenen gut kontrolliert. Nenad Čiča ist sein Bruder, der Troubadour Manrico. Mit klar fokussiertem, virilen Tenor ist er ein übe– rzeugender, kämpferischer Liebhaber, der aber die ganz große gesangliche Linie erst in seiner großen Arie im vierten Akt erreicht und dort für das Erreichen der Spitzentöne in der Stretta Druck und Anstrengung benötigt. Das ist aber Meckern auf hohem Niveau verbunden mit der Einschätzung, dass diese marginalen Einschränkungen dem Premierenfieber geschuldet sind.

Beide Männer sind auch recht gockelhaft kostümiert, so wird schnell klar, dass sie Brüder sind. Leonora ist das Opfer dieser Rivalität. Sie hat sich zwar für einen der beiden, nämlich Manrico, entschieden und tut alles, auch sich von Luna vergewaltigen zu lassen (was Manrico ihr nicht verzeihen kann und auch – Triggerwarnung! – recht drastisch gezeigt wird), um ihn zu retten, und trinkt Gift (das sie in ein Glas mit Weihwasser träufelt), um ihm nach beider Tod nahe zu sein – Luna hält sich derweil an einem Cocktail fest; eins der vielen feinsinnigen Regieeinfälle. Glück ist ihr in der Welt der Machos nicht gegönnt. Dušica Bijelić besitzt die Gabe, ihren Rollen Persönlichkeit zu verleihen. Mit ihrem lyrischen Sopran macht sie das Kämpfen und Leiden der Leonora glaubhaft auch im Belcanto und hebt sich ihre vokalen Reserven für die dramatischen Passagen zum Ende hin auf.

Der zweite Handlungsstrang dreht sich um Azucena, ein Mitglied einer heute noch rassistisch unterdrückten Minderheit. Sie wird als Reinigungskraft eingeführt, was an die jüngste fatale Verpflichtung eben jener Minderheit durch rechtsradikale Kräfte zur Säuberung einer Straße in Gelsenkirchen gemahnt.

© Sarah Jonek

Schon vor Beginn der Aufführung werden auf einen Zwischenvorhang Orte, Daten und Opferzahlen von antiziganistischen Pogromen in Europa und Nordamerika in früheren Jahrhunderten projiziert, und das gleiche nach der Pause mit Hexenverbrennungen. Azucena leidet doppelt, einmal eben als Opfer, aber auch als das Gewissen belastende Täterin, da sie ein Kind in den Scheiterhaufen ihrer Mutter geworfen hat. Als ob dieser Mord nicht Rache genug wäre für den Mord an ihrer Mutter, fordert sie auch Manrico, ihren vorgeblichen Sohn, zur Rache auf. Trotz dieser Zerrissenheit ist Azucena ein ruhender Pol in der Inszenierung dank der warm strömenden Altstimme von Alexandra Ionis, welche aber plötzlich bei den Worten „Il rogo! Parola orrenda“ („Der Scheiterhaufen! Grässliches Wort“) ganz hässlich klingen kann. Feuer ist ihr Trauma, verkörpert von einem realen Feuerwehrmann (Christian Reddeker) in Schutzkleidung, der imposante Feuerstöße aus einem handlichen Flammenwerfer wirft.

Kompetent ergänzt wird das Quartett mit Moon Soo Park als Ferrando, der nicht nur die lange Nase besitzt, sondern später auch ein quer durch den Schädel gerammtes Kreuz, um seine ideologische Verbohrtheit in einem falsch verstandenen Christentum zu demonstrieren, sowie mit Cornelie Isenbürger als engagierte Inez, während Andrei Skliarenko als Ruiz und Bote mit starkem Vibrato auffiel. Die Bielefelder Philharmoniker suchten anfangs noch nach einem guten Verdi-Klang, der sich nach der Pause in Gestalt von aufblühenden Kantilenen und schwungvollem, dynamisch fein abgestuftem und gut ausbalanciertem Klang offenbarte. Der Bielefelder Opernchor und die Herren vom Extrachor (Einstudierung: Hagen Enke) waren dagegen von vornherein präsent und dürfen nicht nur singen, sondern auch lachen, jubeln und grölen. Robin Davis am Pult hatte die Partitur nicht ganz im Kopf, aber den Kopf nicht immer in der Partitur, weshalb er sich einmal zum Glück unhörbar verlor und hilfsbereite Violinen ihm die richtige Seite aufschlugen.

© Sarah Jonek

Das Geschehen spielt sich in einem imposanten Einheitsbühnenbild von Paul Zoller ab. Auf verbrannter Erde liegen zunächst Schädel und Knochen, ein unmissverständlicher Hinweis auf die brutale Umgebung. Eine Tribüne kann, von ausgewählten Akteuren mit übertrieben gespielter Anstrengung verschoben, die Spielfläche vergrößern oder verkleinern, ermöglicht somit einen permanenten Wechsel zwischen Machtdemonstration und intimem Seelendrama. Auch die Rückwand ist verschiebbar. In ihr befindet sich oben links eine Öffnung, die für Auftritte über eine Treppe geeignet ist, aber auch abwechslungsreiche Lichteffekte (Martin Quade) ermöglicht. Die Kostüme von Katharina Gault bewegen sich zwischen Vergangenheit und Gegenwart und wirken bewusst improvisiert wie aus der „Arte povera“. Unterstütz wird die Szene von Windgeräuschen, Vogelstimmen und Trommelschlägen aus einem großen Lautsprecher.

Insgesamt ist Lorenzo Fioroni eine werkdienliche Inszenierung des Trovatore gelungen, die die Protagonisten gut charakterisiert, sie nachvollziehbar in ihr herausforderndes gesellschaftliches Umfeld einbettet, mit zahlreichen unterstützenden Regiedetails punktet und den Humor nicht zu kurz kommen lässt – anders lässt sich die brutale Geschichte kaum ertragen. Das Premierenpublikum bedankte sich bei allen Beteiligten, auch dem Regieteam, mit intensivem und lang anhaltendem Beifall. Zu wünschen ist nur, dass die Bühne des CSD demnächst weiter entfernt vom Theater aufgebaut wird, denn wummernde Bässe drangen bis zur Pause in sein großes Haus.

Bernhard Stoelzel, 14. Juni 2026


Giuseppe Verdi
Il Trovatore

Theater Bielefeld

Besuchte Premiere am 13. Juni 2026

Regie: Lorenzo Fioroni
Dirigent: Robin Davis
Bielefelder Philharmoniker