Bielefeld: „Spielzeit 2026/27“

„Wagemut“ lautet das Motto der kommenden Spielzeit des Theaters Bielefeld. Und Wagemut bedeutet mehr als Mut. Mut bedeutet die Bereitschaft, etwas Herausforderndes auszuführen, dessen Konsequenzen aber absehbar sind. Mit Wagemut beginnt man etwas völlig Neues. Mit Wagemut nun möge sich das Publikum den neuen Produktionen stellen und sich auf Unbekanntes einlassen, hofft die Bielefelder Intendanz. Und wie wagemutig ist das Programm des Musiktheaters, das größtenteils auf bewährte Regisseure zurückgreift, und wie thematisieren die angesetzten Stücke das Motto?

The Birds of Alfred Hitchcock ist ein Musical des Bielefelder Musical-Spezialisten William Ward Murta, das er bereits 2010 uraufführte und nun in durch die #metoo-Debatte angeregter überarbeiteter Fassung erneut auf die Bühne kommt. Es geht darin um die Schauspielerin Tippi Hedren, die die Hauptrolle im Film „Die Vögel“ erhält und während der Produktion die Machtmaschienerie Hollywoods kennenlernen muss. Ob sie den Wagemut besitzt, sich dagegen aufzulehnen? Ab dem 20. September wird man sehen. Michael Heicks inszeniert, Murta selbst steht am Pult.

Ist es wirklich Wagemut , den Pamina, Tamino und Papageno benötigen, um ihre in der Zauberflöte gestellten Aufgaben zu lösen? Hier gilt vielleicht eher „Wage Mut“. Die Antwort darauf gibt es ab dem 10. Oktober, wenn Kai Anne Schumacher dieses beliebte Stück von Mozart inszeniert, dirigiert vom GMD Robin Davis.

Wagemutig für das Theater Bielefeld könnte es sein, ab dem 5. Dezember kein typisches Weihnachtsstück zu zeigen, sondern  als Chefsache Brittens Ein Sommernachtstraum nach William Shakespeare. Natürlich dirigiert auch hier Robin Davis; die Intendantin Nadja Loschky inszeniert.

Wagemutig ist auf jeden Fall Der rote Wal, 2024 in der Stuttgarter Staatsoper erfolgreich uraufgeführt. Textautor Markus Winter, bekannt als Rapper Maeckes, und die Komponisten-Brüder Vivan und Ketan Bhatti gehen darin der Frage nach Möglichkeiten und Grenzen politischer Haltung nach. Anne Hinrichsen hat die musikalische Leitung des vielstimmigen Musiktheaters in der Regie von Wolfgang Nägele.

Wagemutig sind auch der mit dem Widerstand sympathisierende Maler Cavaradossi und seine Geliebte Tosca, die sich am Polizeichef rächt. Puccinis Tosca läuft ab dem 1. Mai 2027.  Robin Davis dirigiert die Inszenierung von Daniela Kerck.

Mit Krabat wird ein mythisch-magisches Bühnenspektakel versprochen, das sich auf die sorbische Sagengestalt bezieht, welche durch Otfried Preußler populär wurde. Wie zuletzt Kassandra, wird dies eine spartenübergreifende Produktion sein. Ab 21. Mai 2027.

Wagemutig dürfte der Versuch sein, Fußball und Oper miteinander zu verknüpfen. Moritz Eggert nahm sich 2005 der Aufgabe an in Die Tiefe des Raumes. Ein Fußballoratorium. Als Lichtspieloper rollt der Ball ab dem 22. Mai 2027 in der  Rudolf-Oetker-Halle. Wolfgang Nägele obliegt die künstlerische Gesamtleitung; Gregor Rot bringt genügend musikalischen Sportsgeist mit.

Schließlich verlässt Der kleine Prinz mit viel Wagemut seinen kleinen Heimatplaneten. Pierangelo Valtinonis eingängige Familienoper berührt junge und junggebliebene Herzen ab dem 11. Juni 2027. Auch hier dirigiert Gregor Rot.

Aus den laufenden und vorherigen Spielzeiten werden übernommen  die mobile Kindertheaterproduktion Vom kleinen Maulwurf, der wissen wollte, wer ihm auf den Kopf gemacht hat von Elisabeth Naske ab Herbst 2027 im Foyer der Rudolf-Oetker-Halle oder in Kitas auf Bestellung. Es ist die einzige Musiktheaterproduktion – hier für eine Sängerin, einen Schauspieler und eine Viola – die nicht auf einer der großen Bühnen läuft, außerdem  der von Lorenzo Fioroni inszenierte Troubadour von Verdi ab 31. Oktober und Die Fledermaus von Johann Strauss ab 17. Januar 2027 (Regie: Nick Westbrock, ML: Gregor Rot).

Somit bietet das Theater Bielefeld einen traditionellen Mix aus populären Klassikern, gemäßigter Moderne und Zeitgenössischem, der das Saisonmotto inhaltlich trifft und dem theateraffinem Publikum gefallen dürfte. Der Wagemut,  auch weniger theateraffine Menschen anzulocken,  ist weniger ausgeprägt. Von ihnen wird der Wagemut gefordert, sich auf das durchaus ansprechende Angebot einzulassen.

Bernhard Stoelzel, 2. Juni 2026