Auch in diesem Jahr haben wir unsere Kritiker wieder gebeten, eine persönliche Bilanz zur zurückliegenden Saison zu ziehen. Wieder gilt: Ein „Opernhaus des Jahres“ können wir nicht küren. Unsere Kritiker kommen zwar viel herum. Aber den Anspruch, einen repräsentativen Überblick über die Musiktheater im deutschsprachigen Raum zu haben, wird keine Einzelperson erheben können. Die meisten unserer Kritiker haben regionale Schwerpunkte, innerhalb derer sie sich oft sämtliche Produktionen eines Opernhauses ansehen. Daher sind sie in der Lage, eine seriöse, aber natürlich höchst subjektive Saisonbilanz für eine Region oder ein bestimmtes Haus zu ziehen.
Nach der Staatsoper Berlin blicken wir heute auf das Theater Bonn.

Beim traditionellen Kehrauskonzert am 4. Juli 2026 zum Ende der Spielzeit meldete Generalintendant Dr. Bernhard Helmich eine Auslastung der Oper von rund 92%, ein Ergebnis, mit dem er sehr zufrieden war. Die Spielzeit 2025/26 an der Bonner Oper wurde von der Frage beherrscht, wie es weitergeht mit der Oper und mit ihrem Standort am Rheinufer. Die derzeit von der Stadtverwaltung favorisierte Vorlage sieht vor, Oper und Schauspiel auf dem Gelände der Werkstätten im rechtsrheinischen Stadtteil Beuel zu konzentrieren, das der Stadt Bonn gehört. Ein Opernhaus und Theater der Zukunft in Modulbauweise könnte dort vergleichsweise schnell und kostengünstig gebaut werden. Das bestehende Gebäude der Oper am Boeselagerhof kann nach aktuellen Gutachten nicht mehr, wie man das erhofft hatte, saniert werden und müsste spätestens in fünf Jahren aufgegeben werden. Hintergrund ist, dass die denkmalgerechte Sanierung der Beethovenhalle, die am 16. Dezember 2025 wiedereröffnet wurde, unerwartet langwierig und teuer geworden ist: Die ursprüngliche Planung von 2015/16 ging von 61 Millionen Euro Kosten und einer Sanierungszeit von drei Jahren aus, die jetzt ausgewiesenen Baukosten betragen 230,3 Millionen Euro bei einer Bauzeit von neun Jahren. Die Planung ist in der Stadtgesellschaft umstritten. Viele Bürger lehnen ein Musiktheater auf der rechten Rheinseite grundsätzlich ab und bemängeln, dass dort noch keine Infrastruktur für ein Theater und eine Oper besteht. Sie wünschen sich das Musiktheater am alten Standort sowie das Schauspielhaus in Bad Godesberg. Einige verweisen auf den Charakter des Hauses am Boeselagerhof als historisches Dokument der Bonner Republik und würden das 1965 eröffnete Haus am liebsten denkmalgerecht sanieren. Die Kosten für eine Sanierung sind allerdings sehr schwer einschätzbar, zumal man in der Bauzeit eine Ersatzspielstätte haben müsste.
Beste Produktion, vor allem in der Publikumsnachfrage, war Der Barbier von Sevilla in der Regie von Matthew Wild, bei der vier Hip-Hop-Tänzer zu den Arien tanzten und auch kleine Nebenrollen übernahmen. Das beste Bühnenbild einschließlich Video-Animationen bewirkte eine Identifikation der Zuschauer mit der Story, denn in dieser Produktion wurde man in einer Videosequenz zur Ouvertüre mitgenommen in eine Straße der Bonner Altstadt, wo Figaro seinen Laden direkt neben Dottore Bartolos Praxis hatte. Auf der altersschwachen Drehbühne wie ein Puppenhaus aufgebaut ermöglichte das Bühnenbild schnelle Szenenwechsel. Alle Vorstellungen waren ausverkauft, auch die Schulvorstellung an einem Dienstagvormittag. Der Anteil junger Besucher unter 27 Jahren liegt mit 15% in Bonn sehr hoch, was auch daran liegt, dass die Familienoper Reise zu Planet 9 von Pierangelo Valtinoni an mehreren Vormittagen um 11:00 Uhr gezeigt wurde, so dass sie von ganzen Schulklassen gesehen werden konnte – eine Steilvorlage für guten Musikunterricht.
Größte Enttäuschung für Kenner der Werke von Richard Strauss war Die Frau ohne Schatten in der Regie von Peter Konwitschny, denn der Regisseur hatte nicht nur mehr als ein Drittel gestrichen, sondern auch die Abfolge geändert, was zu wütenden Protesten einiger Besucher führte. Wer allerdings das Stück und seinen feinsinnigen symbolistischen Gehalt nicht kannte, für den war es ein saftiger Thriller im Mafia-Milieu mit großartigen Protagonisten und einem prachtvoll agierenden Beethoven Orchester unter der Leitung des GMD Dirk Kaftan. Im Hinblick darauf, dass Die Frau ohne Schatten eher als schwer vermittelbar gilt, verwundert es nicht, dass die Produktion die schwächste Auslastung hatte.
Größtes Ärgernis, aber lebendiges Theater mit massiven Protesten der Zuschauer gegen die Inszenierung, bot Der Freischütz in der Regie von Volker Lösch, der den gesamten gesprochenen und zum Teil auch den gesungenen Text umgeschrieben hatte, und in der Rolle des Samiel die Schauspielerin Birte Schrein als Chefin einer deutschnationalen Partei agieren ließ. Der Probeschuss wurde zum Attentatsversuch auf den Bundeskanzler, und aus dem Eremiten wurde ein Politikwissenschaftler. Diese derbe Politiksatire ging vielen Besuchenden, die bisher gewöhnt waren, in Bonn Opern so zusehen, dass man das Original noch erkennen kann, zu weit. Sie protestierten zahlreich und lautstark, so dass Birte Schrein konterte: „Wenn wir an der Macht sind, bekommt ihr wieder einen richtigen Freischütz.“ In der besten Nebenrolle war Nicole Wacker als Ännchen zu sehen, Prototyp eines Tradwifes, das einen passenden Mann sucht. Nachwuchssänger des Jahres war Christopher Jähnig mit echtem basso profondo als Eremit.
Entdeckung des Jahres war Die Ameise von Peter Ronnefeld, der von 1935 bis 1965 lebte und bereits mit 30 Jahren an Krebs starb. Regie führte Kateryna Sokolova. Es ist ein surrealistischer Gerichtskrimi um einen Musikprofessor, der im Gefängnis versucht, einer Ameise, die er für seine Schülerin hält, das Singen beizubringen. In der Hauptrolle der Schülerin brillierte Nicole Wacker, die man aus dem Opernstudio der Mailländer Scala bereits in der Spielzeit 2024/25 engagiert hatte, und bester Gastsänger war der Bariton Dietrich Henschel, der dem kafkaesken Professor Kontur verlieh.
Bestes Dirigat lieferte Will Humburg mit Verdis Nabucco in der Regie von Roland Schwab. Humburg ist als erfahrener Verdi-Dirigent Stammgast in Bonn. Erwähnt werden muss auch der sehr gut aufgestellte Chor und Extrachor unter der Leitung von André Kellinghaus, der die Produktion dieser großen Choroper prägte. Auch in Verdis Otello konnte der großartige Bonner Opernchor glänzen.
Mutigste Produktion war die abendfüllende Oper Awakening des indischen Komponisten Param Vir in der Regie von Vasily Barkhatov, deren Uraufführung am 1. März 2026 in Bonn stattfand. Mit Cody Quattlebaum als Gast ansonsten aus dem Ensemble besetzt wurde die Handlung als Theater im Theater als düstere Dystopie mit beklemmendem Realitätsbezug präsentiert.
Die Bilanz zog Ursula Hartlapp-Lindemeyer.