Hagen: „Salome“, Richard Strauss (2. Besprechung)

Was war das gestern im Theater Hagen? Mit ein wenig zeitlichem Abstand komme ich zum Schluss, dass dies wohl die eindringlichste und schonungsloseste Inszenierung von Richard Strauss‘ Oper SALOME war, die ich bisher erlebt habe. Regisseurin Noa Naamat nimmt uns mit in eine Welt voller Dekadenz, Abgründen, Begierden und sexuellem Missbrauch. Salome, die zusammen mit ihrer Mutter Herodias im Hause ihres Stiefvaters Herodes lebt und gleichzeitig das Objekt seiner sexuellen Begierde ist. Salome erkennt, dass sie Ihre vermeintliche erotische Anziehungskraft, die sie auf Männer ausübt, letztlich gegen ihren Peiniger einsetzen muss um sich ihm entledigen zu können. In Hagen wird der Tanz der sieben Schleier viel mehr zu einem Tanz der Symbole. Symbole für sexuellen Übergriff seitens des Stiefvaters an seiner Stieftochter. Sie fordert für den ersehnten Tanz den Kopf des Jochanaan. Den gefürchteten Feind des Herodes, den dieser in einem Verlies gefangen hält. Der Tod Jochanaans birgt für Herodes ein nicht zu kalkulierendes Risiko. Naamat verlegt die Handlung in ein abgestürztes Flugzeugwrack – einem vermutlichen Privatjet -, umgeben von einer dunklen, unwirtlichen Einöde, wo die Sonne nicht scheint und wo nichts blüht. Wo die handelnden Personen ziellos und verängstigt, teils schuldbeladen, herumirren und sich ihrer totalen Abhängigkeit von Herodes bewusst sind und werden. Herodes, der in seiner zügellosen Sexsucht alles und jeden unterordnet, muss am Ende erkennen, dass er von allen verlassen und von der Stieftochter zutiefst verspottet, alles verloren hat. Salome wird auch in der Hagener Inszenierung am Ende getötet, nimmt aber alle mit in den Tod, indem sie mit letzter Kraft Feuer legt. Eine Inszenierung, die lange nachklingt und die, ich gebe es gern zu, auch einen gewissen zeitlichen Abstand zum Erfassen all ihrer Aussagen benötigt. Dann aber sind diese gewaltig.

© Thilo Beu

Zugegeben: Es gibt Momente in dieser Inszenierung, die befremdlich, nahezu abstoßend wirken. Die vielleicht bei einigen Zuschauern das Gefühl von „ich will das nicht sehen“ hervorrufen. Aber taucht man tiefer in die Geschichte dieser Hagener SALOME ein, bekommen auch solche Szenen einen traurig-wahrhaften Sinn. Es geht um Missbrauch. Dafür gibt es keine beschönigenden Worte oder Erklärungen. Sexueller Missbrauch, wie in diesem Fall begangen von Herodes an seiner Stieftochter Salome, ist ein schreckliches Verbrechen. Ein Verbrechen an einer Kinderseele, unentschuldbar. Und offenbar auch mit Wissen der Mutter, der Herodias, geschehen. Salomes innerer Schrei nach wahrer Liebe bleibt auch in dieser Inszenierung ungehört.

Doch Noa Naamat, die israelische Regisseurin dieser Hagener Neuinszenierung, wählt Bilder (Ausstattung: Bettina John), die bewusst schonungslos zeigen, was sich in dieser Familie und in der sie umgebenden Gesellschaft, für Abgründe auftun. Salome ist bei Naamat ein junges Mädchen, dass einer Tik-Tok-Fantasie entsprungen sein könnte. Modern, flippig, frech und irgendwie sehr selbstbewusst. Ihr gegenüber ihre Mutter Herodias. Eine aufgetakelte Frau mittleren Alters, die sich bewusst ist, dass die Zeit, in der sie für Herodes auf jede Weise attraktiv wirkte, ein für alle Mal vorbei ist. Schneller und gefühlloser Sex ist das einzige, was ihr Mann noch von ihr will. Deutlich wird dies in einer Szene, in der Herodias wippend auf ihrem Mann sitzt, der dafür kurz die Hosen heruntergezogen hat. Als er aber dann Salome sieht, schubst er seine Frau von sich herunter. Eine drastische Szene, die aber in ihrer Gesamtheit sehr viel über die zwischenmenschliche Wirklichkeit in der Clique um Herodes aussagt. Alles um Herodes herum hat nur seiner Befriedigung zu dienen. Naamat zeigt ihn als einen zügellosen und gewissensbefreiten Chef, der sich nimmt, wovon er denkt, dass es ihm zusteht. Er ist der Herrscher, selbst noch im Wrack seines Flugzeugs, und alle, die mit ihm gereist sind, wissen und akzeptieren das. Sein Geld, sein Reichtum, seine Macht sind zum einen anziehend und verlockend, dienen aber letztendlich nur dazu, die Menschen um ihn herum gefügig zu machen. Er nimmt sich, was er will. Und dazu gehört dann auch seine Stieftochter Salome.

An Bord des Flugzeuges findet sich auch eine Person, die als das Gewissen an sich, bezeichnet werden könnte. Jochanaan, ein Mann des Glaubens und voller innerer Reinheit. Ein solcher Mensch ist der natürliche Feind eines Herodes. Die Worte, die er ausspricht, sind Verletzung und größte Bedrohung zugleich für Herodes. Ihn zu töten, wäre eine nicht zu kalkulierende Gefahr für den skrupellosen Herrscher. Ihn stattdessen gefangen zu halten das probatere Mittel. Salome erkennt, welche Bedeutung dieser Gefangene für ihren Stiefvater und demzufolge auch zur Erhaltung seiner scheinbaren Macht hat. Als Herodes lüstern von ihr verlangt, vor ihm zu tanzen, handelt sie mit ihm. Wenn sie tanzt hat sie einen Wunsch frei. Herodes verspricht ihr alles, was sie haben will. Geld, Macht, Einfluss. Aber Salome will nur eines: Den Tod des gefangenen Jochanaan. Herodes windet sich, bietet ihr stattdessen noch mehr Reichtümer an, aber Salome bleibt hart. Sie will den Kopf des Gefangenen auf einem Silbertablett.

© Leszek Januszewski

Die Szene des sogenannten Tanzes der sieben Schleier gerät zu einer psychologisch-dramatischen Abrechnung von Salome mit ihrem Stiefvater. Zu Beginn zieht sie ihm die Hosen runter, wirft ihn in einen Flugzeugsitz und konfrontiert ihn mit symbolischen Gegenständen, die ihm und den Anwesenden bedeuten, dass es in dieser Stiefvater-Stieftochter-Beziehung zu Übergriffen gekommen ist. Dass dabei ihre Mutter Herodias ihr diese Gegenstände aus einem Koffer überreicht, lässt ahnen, dass sie vom Missbrauch an ihrer Tochter zumindest gewusst haben muss. Ein Tanz der Abgründe und der endgültigen Demaskierung des Täters, der aber das alles nicht versteht. Vielmehr scheint es seine Gier auf die junge Frau noch zu steigern. Ein Schlüsselmoment dieser packenden Inszenierung.

In Noa Namaats Inszenierung wird Jochanaan erschossen. Der Leichnam wird Salome vor die Füße gelegt. Er, der sie abgelehnt und verflucht hat, der auf ihre Annäherungsversuche mit keiner Geste einging, lag nun vor ihr. Nur einmal seinen Mund küssen … das war ihr Wunsch. Und den erfüllt sie sich. Und mit einem Mal spürt sie „den bitteren Geschmack“ des Kusses. Und er sah sie dabei nicht an.  Ein bitterer Triumph und gleichzeitig das Erkennen davon, dass Liebe ein Gefühl ist, welches nie erzwungen werden kann. Und wenn es doch versucht wird, endet es dramatisch.

Die musikalische Umsetzung dieses Werkes war beachtlich!

Zunächst sei hier das Philharmonische Orchester Hagen erwähnt, das unter der Leitung ihres GMD Sebastian Lang-Lessing dieser Partitur Klangfülle, Dramatik und sehr viel Ausdruck verliehen. Lang-Lessing dirigierte diese SALOME kraftvoll, aber auch in den entscheidenden Stellen, wie der großen Schlussszene der Salome, zurückgenommen und dabei sehr farbenreich.  Eine großartige Leistung des Dirigenten und seines Orchesters!

In der Titelpartie war Serenad Uyar zu erleben, die, regiebedingt, oft bis an die Grenzen ihrer Darstellungskraft gehen musste. Dabei der Partie aber viel gesangliches Profil verlieh und auch die geforderten exponierten Spitzentöne im Finale der Oper setzte. Darstellerisch war sie ungemein überzeugend!

Als ihr „Objekt der Begierde“ Jochanaan war mit Insu Hwang ein Bariton von großer Klangfülle und Klangpracht in Hagen zu erleben. Seine anklagenden Worte gingen unter die Haut. Sein Jochanaan war würdevoll bis in den Tod.

Einen Herodes wie Ks. Richard van Gemert wünscht sich bestimmt so manches Theater. Sein darstellerischer Einsatz war schlichtweg großartig und sängerisch hatte er diese Partie ohnehin im Griff. Wie er diesen Unsympath, diesen Tyrann und sexbesessenen Herrscher darstellte, war große Kunst und hat mich nachdrücklich beeindruckt.

Eine Glanzleistung auch von Angela Davis, die als Herodias ein schreckliches Zerrbild einer liebenden Mutter spielte. Auch Frau Davis wurde von der Regie stark beansprucht und somit zu einer der tragenden Personen dieser Inszenierung. Die Kraft ihrer Darstellung, – auch und gerade in stummen Momenten – und die Intensivität, wie sie die Rolle gesanglich meisterte, war begeisternd. Eine wahre Sänger-Darstellerin erster Güte!

Anton Kuzenok spielte und sang einen verzweifelten Narraboth mit vollem Körpereinsatz und mit sehr angenehmen Klang seiner Tenorstimme. Auch für ihn, wie für alle Solisten des Abends, viel zustimmenden Applaus des Premierenpublikums.

Die kleineren Partien waren durchweg gut besetzt und werden natürlich hier auch namentlich erwähnt: Hyejun Melania Kwon als Page, Elisabeth Pilon als Sklave, Matthew OvermeyerJohannes RichterNathan FischerJorge Luis Martinez Zazueta und Sebastian Joest als die fünf Juden. Dong-Won Seo als 1. Nazarener, Andres James Neill als 2. Nazarener und Hagen-Goar Bornmann und Tom Mehnert als Soldaten.

1 Stunde und 50 Minuten Oper SALOME als packendes, erschütterndes und aufwühlendes Seelendrama und Psychogramm in einer besonderen Lesart der Regisseurin Noa Naamat mit einer wahrhaft langen Nachhallzeit. Knapp zwei Stunden die es lohnen dem Theater Hagen und seiner SALOME einen Besuch abzustatten. Ein Erfolg des gesamten Ensembles des Theaters Hagen und seines Intendanten Søren Schuhmacher, auf die sie alle zu Recht stolz sein können!

Detlef Obens 26. Mai 2026


Salome
Richard Strauss
Theater Hagen

Besuchte Premiere: 23. Mai 2026

Inszenierung: Noa Naamat
Dirigent: Sebastian Lang-Lessing
Philharmonisches Orchester Hagen

Erste Besprechung