Am Abend versagte nicht nur die Dose ihren Dienst, mit der man „Morte ai Montecchi – Vendetta“ auf die Wände sprühen wollte. Oder anders begonnen: Was zeichnet ein sogenanntes „Provinztheater“ aus? Dass es, obwohl das angesetzte Werk das Gegenteil von Repertoire ist, möglich ist, den Ausfall einer der beiden Haupt- und einer wichtigen Nebenrolle mit Hilfe eigener Kräfte und eines auf Hochtouren arbeitenden KBB zu kompensieren, auf Deutsch: die Vorstellung zu retten. Denn nur eine gespielte Vorstellung ist eine gute Vorstellung.
Also Giulietta e Romeo von Riccardo Zandonai oder, wie es in Hof publikumswirksamer heißt, Romeo und Julia. Freilich spielt man – aber das ist wirklich nur aus akademischer Perspektive von Bedeutung – keine Oper, die direkt nach „Shakespeare“ alias Edward de Vere komponiert worden ist. Es verhält sich mit Giulietta e Romeo, das vermutlich nicht grundlos so und nicht anders heißt, wie mit Bellinis I Capuleti e i Montecchi: Man orientierte sich nicht am englischen Drama des späten, sondern an den italienischen Novellen des frühen und mittleren 16. Jahrhunderts, ohne ihnen freilich sklavisch zu folgen, ja: Zandonais und seiner Librettisten Arturo Rossato, Nicola d’Atri und Giuseppe Adami collagiertes Büchlein setzt die Kenntnis des „Shakespeare“-Dramas voraus, weil die Dramaturgie auffällig fragmentarisch anmutet und die Begründung für Giuliettas Todesschlafsa priorigewusst werden muss. Dennoch wurde 1922 im römischen Teatro Costanzi keine „Shakespeare-Oper“, sondern ein dem Verismus gelegentliches nahes Liebesdrama uraufgeführt, das eher in der Tradition der italienischen „Liebesoper“, damit auch im Banne des Tristan steht (der ja seinerseits auf einem alten Stoff basiert, in dem das Thema der fatalen Liebe den Kern bildet).

Für die Besucher der historischen Vorstellung am 31. Mai 2026 dürften all diese im ausnehmend guten, von Alena Pardatscher erstellten Programmheftchen präsentierten Erkenntnisse weniger wichtig gewesen sein als die Frage: Wie machen es die Einspringer? Die kleinere Rolle der Isabella, im Original ihre „Vertraute“, in Hof ihre Schwester, normalerweise von Annina Olivia Battaglia gespielt und gesungen, war zwar noch vergleichsweise einfach zu besetzen, aber wenn mit einem Chor-Sopran, also Xinlei Yu, ein sehr guter Ersatz, den man nicht „Ersatz“ nennen sollte, neben der Bühne steht und Signora Battaglia selbst agiert, muss man nicht meckern. Wenn nun aber ein „Romeo“ ausfällt und der Sänger nicht einmal auf der Bühne agieren kann, wird der Fall „Giulietta e Romeo“ zum Problem, der als Erfolgsmeldung sogar den Weg in das bayerische Dampfradio gefunden hat. Nachdem nicht weniger als zwei Aufführungen abgesagt werden mussten, gelang es endlich, Zurab Zurabishvili nach Hof zu holen, während auf der Bühne der Regisseur höchstselbst, der zugleich Intendant des Theater Hof ist, die Partie mimte. Lothar Krause könnte sich ein wenig so gefühlt haben wie Patrice Chéreau, der einst in einer legendären Aufführung für den erkrankten Rene Kollo in seiner Bayreuther Siegfried-Inszenierung über die Bühne springen musste. Der feixende Kollo sprach ihn nach dem Schlussakkord auf den Einsatz an, ob der Einsatz nicht schön gewesen sei, worauf der Regisseur nur sagte: „Ja, aber sähr sähr schwär“. So schwer hat es sich Krause als begreiflicherweise und rollengemäß vorsichtiger Romeo nicht gemacht, aber man vermag einzuschätzen, welche Intensität, inkl. liebevoller Küsse, in einer noch so zurückhaltenden Rollengestaltung steckt, die das Kraftwerk der Gefühle namens Oper leisten muss.

Vorsichtig? Der Romeo Zandonais und seiner Librettisten ist nicht der Heißsporn „Shakespeares“, sondern ein Ausgleicher, der dummerweise in den Parteienkonflikt zweier bis aufs Blut verfeindeter Gruppen gerät. Die Musik aber läuft selbst dann auf 180 Grad, wenn sich die beiden Liebenden begegnen; insgesamt dreimal, jeweils am Akt-Ende, haben sie ihre Szenen – übrigens einer der Gründe, warum der Oper gelegentlich eine schwache, gar undramatische Dramaturgie vorgeworfen wurde. Egon Voss verglich in Pipers Enzyklopädie des Musiktheaters Zandonais Romeo e Giulietta mit dessen bekannterer Francesca da Rimini und bemerkte, dass die jüngere Oper der älteren an „dramatischer Expressivität nicht ebenbürtig“ sei. Der Besucher der Hofer Aufführung muss dem strikt widersprechen, woran nicht allein die mörderischen Kämpfe auf der Bühne, auch das von Peter Kattermann souverän geleitete Orchesters der Hofer Symphoniker seinen Anteil hat, das die anspruchsvolle Partitur brillant realisiert. Zandonai schrieb eine funkelnd-farbige, dramatisch schlagkräftige, in die Nähe der kunstvoll rohen Exzesse der veristischen Oper gelangende Musik, der die heftigen Lyrismen der Liebesduette und der Frauenchöre durchaus die emotionalen Gegenwelten sind, auch wenn der Zusammenhang der zum (Liebes-)Tod tendierenden Zwiegesänge mit den tödlichen Fehden offensichtlich ist. Die lyrischen Töne kommen durchaus von Puccini, an jeweils drei Stellen der Duette taucht unversehens und charakteristisch kurz der Anklang eines Motivs aus dem Butterfly-Duett auf – doch verschwindet es ebenso schnell wie es erschien. Zandonai hat eine durchaus eigene Tonsprache entwickelt: zwar ohne herausragende melodische „Schlager“, dafür umso mehr auf einen durchgehenden Fluss achtend, der das Drama auf dem Siedepunkt hält. Komponiert in genau jener Zeit, in der Puccini an seiner letzten Oper saß, die die musikalische Moderne auf ihre Weise transformierte, steckte Zandonai einerseits tief drin in der Musik der Jahrhundertwende, um doch, in der bewussten Abkehr von allem Simplen, der Gegenwart der 20er Jahre ein leicht nostalgisches und doch vitales Modell entgegenzusetzen. Insgesamt ist sein Werk das, was man ein Meisterwerk nennt.

In Hof wird es äußerlich mit Hilfe einer so einfachen wie sinnfälligen Bühne gebracht. Aylin Kaip entwarf die Kostüme und die Bühne, den Kubus des Hauses auf der Drehbühne, in dem sich im offenen Inneren – ausgestattet mit an den Wänden hängenden, schließlich verkehrt herum platzierten Stühlen – Giuliettas blutrotes, von Henry Paul Rehberg atmosphärisch ausgeleuchtetes, von fern an ein riesiges, abstraktes Herz erinnerndes Zimmer befindet. Kaip aber machte auch die Videos. Bevor es zum finalen Liebestod kommt, der, darin Wagners Tristan-und-Isolde-Ektasen vergleichbar, die Liebenden aus Zeit und Raum katapultiert, sehen wir, während die spektakuläre wie aufpeitschende Cavalcata, Romeos wilder Ritt, ertönt, auf bewegte wie bewegende Schwarzweiß-Bilder. Zum gehetzten, primitiven Rhythmus schauen wir auf Giulietta. Man muss das ganze Bild beschreiben, um die emotionale Macht zu begreifen, die von der Ton-Wort-Kombination ausgeht: Über einer dunklen, nebel- oder rauchhaft sich bewegenden großen Fläche läuft die kleine Silhouette Giuliettas nach links, bevor sie selbst, im Großformat und in Zeitlupe, im Bild erscheint – die junge Frau in der (oberfränkischen) Landschaft, laufend, dann den Trank schluckend, dann liegend, in Großaufnahme, während ihr die Träne aus dem Auge rinnt. Die Musik gibt den Kommentar dazu ab, der weder in Worte gefasst werden kann noch muss. Ist das nun Kunst oder Kitsch? Ja, auch, sicher Kitsch – aber ein extrem gut gemachter, auf jeden Fall einer der emotionalen Höhepunkte der Aufführung. Davor ist Gewalt, Mord und Totschlag, auch Romeo und Julias Liebesschwüre; bemerkenswert an Zandonais Version ist die Tatsache, dass Giuliettas Vater Tebaldo sie persönlich über die Klinge springen lassen würde, würde er nicht schon vorher von Romeo getötet werden. Da drängen sich Erinnerungen an die Gegenwart auf, die erst jüngst durch die Schlagzeilen gingen, Stichwort: „Ehrenmord“. Man sieht: Die Geschichte ist nicht von Gestern, erlaubt auch szenisch jene Gewalt, die in der Hofer Inszenierung unverstellt zutage tritt.

Dagegen gibt es die allerdings hilflosen Inseln der Zärtlichkeit. Wenn ein Cantastorie (ein „Geschichtensänger“) vom vermeintlichen Tod Giuliettas berichtet, klingt die Passage gleichzeitig so traurig wie der Auftritt der Messagiera in Monteverdis Orfeo und so versöhnlich wie ein ferner Liebesgesang. Zandonai hat dem Botschafter eine archaisierende Melodie zur Laute in den Mund gelegt, die nicht zufällig an die alten Renaissance-Gesänge erinnert. In Hof hat man aus dem Bass eine Mezzosopranistin gemacht; Stefanie Rhaue hat als antikisierend gewandete Todesbotin einen eindrücklichen Auftritt als „Erinnerung“: eine aufgrund der Veränderung der Handlungszeit nur schwer nachvollziehbare Lizenz, die sich die Dramaturgie erlauben darf, weil die Erscheinung der Erinnerung und die Szene an sich, samt blutweinender Madonna, sehr stark sind.

Die Hauptsache aber sind, gerade an diesem Abend, natürlich die Sängerinnen und Sänger. Inga Lisa Lehr ist mit ihrem dramatisch flackernden wie klar fokussierten Sopran eine Idealbesetzung der jungen schmerzerfüllten Frau, die am 31. Mai 2026 mit einem stummen Geliebten kommunizieren muss, während Zurab Zurabishvili seine Einwürfe von der linken Seitenbühne aus mit machtvoller, aber auch im Mezzoforte-Bereich nuancierender Stimme in den Orchesterstrom, die Ensembles und Passagen hineinpflanzt. Sein georgischer Tenor ist ein deutlich italienischer, passt also absolut zu Zandonais Oper. Der Opernretter wird, neben der szenisch und vokal hinreißenden Inga Lisa Lehr und Lothar Krause, zum Helden des Abends. Krause selbst spielt, wie gesagt, eher zurückhaltend, doch deutlich genug. Der Dritte im singenden Bunde des Trio infernal ist Tebaldo Capuleto, also Andrii Chakov, der der Kompromißlosigkeit des unbarmherzigen, auf „Ehre“ pochenden Vaters baritonal und latent knorzig Ausdruck gibt. Markus Gruber und Michal Rudziński stehen auf der Seite der Capuletos, Thilo Andersson auf der der Montecchios, zusammen mit dem sehr präsenten, von Ruben Hawer ausgezeichnet einstudierten Opernchor des Theaters Hof bringen sie eine Oper auf die Bühne, die es verdient hat, wesentlich häufiger gespielt zu werden als nur alle Jubeljahre. Nein, sie gehört nicht zu den Ausgrabungen, bei denen man weiß, dass sie ausgegraben wurden, weil sie es verdient haben, auf ewig in den Opernkavernen versteckt zu werden. Riccardo Zandonais Giulietta e Romeo gehört, völlig unabhängig von „Shakespeare“, zweifellos zu jenen Meisterwerken der italienischen Oper, die auch in großen Häusern öfter gespielt werden müssten.
Dass es indes einem so genannten „Provinztheater“ gelang, trotz widriger Umstände „nur“ zwei Vorstellungen ausfallen zu lassen und schließlich mit fremden und eigenen Kräften das bedeutende wie selbst an den brutalistischen Stellen schöne und packende Werk zu stemmen: Es war durchaus eine Meldung im Bayerischen Rundfunk wert.
Frank Piontek, 1. Juni 2026
Giulietta e Romeo
Riccardo Zandonai
Theater Hof
Vorstellung am 31. Mai 2026
Premiere am 2. Mai 2016
Regie: Lothar Krause
Musikalische Leitung: Peter Kattermann
Hofer Symphoniker