Die Kammerbesetzung sitzt nicht nur auf der Bühne und im Orchestergraben. Sie sitzt auch im Publikum; das Haus ist vielleicht zu einem Drittel gefüllt. Der Opernbesucher muss sich nicht wundern: Zwar steht mit Marilyn forever ein Titel auf dem Programm, das im 100. Geburtsjahr der Norma Jean alias Marilyn Monroe größere Zuschauermengen in den Saal locken könnte, doch da mit Gavin Bryars und Mark-Anthony Turnage, der das zweite Werk des Doppelprogramms komponierte, „nur“ zwei „neue“ Komponisten genannt werden, muss man sich schon über die relativ wenigen Opernfreunde freuen, die den Weg nach Hof gefunden haben.

Wäre es nur nach der reinen Mundpropaganda und dem ersten Stück, also Marilyn forever, gegangen, wären die leeren Stuhlreihen meiner zutiefst persönlichen Meinung nach völlig verständlich gewesen. Nicht, dass Bryars’ 2013 in Victoria, Kanada, uraufgeführte Oper über Marilyn Monroe bzw. den Mythos Marilyn im klassischen Sinn schlecht wäre; was gut und schlecht ist, entscheidet ja eh der Geschmack, keine übergeordnete Instanz. Nur schien mir der Blick in Norma Jeans Leben, ausgehend von ihrem Sterbetag, über 75 lange, lange Minuten zu elegisch-einschichtig zu sein, um nach, sagen wir, 40 Minuten noch zu interessieren. Bis dahin fand zumindest ich das Spiel um die Erinnerungen der Frau, die von einem Millionenpublikum vergöttert, von der Industrie gebraucht und in ihrem eigenen Selbst ignoriert wurde, als Parabel auf ein eher trauriges Leben im Scheinwerferlicht und den einsamen Nächten der Seele durchaus treffend, wenn auch in den erwartbaren Kontrasten vorhersehbar. Spätestens nach einer knappen Dreiviertelstunde aber erschöpfte sich die jazzig angehauchte, durch ein Trio (Bass, Klavier und ein der Titelfigur zugeordnetes Saxophon) angereicherte Partitur, der die weibliche Singstimme in ihrer Gleichförmigkeit völlig entsprach. Kam hinzu ein Männertrio, die „Tritons“, denen allerdings nichts Wasserwesenförmiges anhaftete, das, mikroverstärkt wie alle Protagonisten, vokal seltsam zurückhaltend agierte. Hinzu kam, aber leider dazu harmonierend, die ruhige, allzu ruhige Regie von Florian Hackspiel, bei dem die Figuren dieses undramatischen Dramoletts innerhalb eines von Annett Lausbergs entworfenen abstrahierten Settings von Schlafzimmer und Allerweltsraum manchmal wie Fische in einem Aquarium herumzuschwimmen scheinen: auch die drei Männer, die wechselweise wechselnde Rollen verkörpern, die keine sind, auch Andrii Chakov als primus inter pares, der in die Rolle eines Regisseurs, auch kurz in die Arthur Millers schlüpft, dessen Ehe mit Marilyn Monroe trotz seines Drehbuchs für Misfits so zerbrach wie ihre Blütenträume der Frau, die nicht nur eine wunderbare Komödiantin und Sängerin war, sondern mittelfristig gern zur großen Tragödin geworden wäre. Allein die Zerrissenheit der Titelfigur, die keine „Marilyn“ sein will, äußert sich in Kantilenen, deren Verzweiflungstiefe unter dem wenige Varianten zulassenden Kammerorchestersound schon sehr gut versteckt worden sind. Vielleicht, dass eine konterkarierende Regie, die weniger dem Fluss der Musik als den Widerständen der Hauptfigur gefolgt wäre, dem Stück mehr Leben hätte verleihen können.
Kommt schließlich hinzu ein Libretto von Marilyn Bowering, von dem ich nicht weiß, ob es prätentiös oder literarisch, gestelzt oder anspielungsreich ist; vermutlich alles zusammen, aber wer Richard Strauss’ Anweisungen an seinen Rosenkavalier-Dichter kennt, dem er ins Stammbuch schrieb, auf alle blumige Poesie zu verzichten und stattdessen einfach nur einen praktikablen Operntext zu schreiben, weiß, was ich meine. Tatsache ist, dass die allzu fahle Elegie vom oft manieristischen Text („Haare blond wie Sibirien“: die Metapher ist keine Ausnahme, sondern die Regel) nicht spannender gemacht wurde. Schöne szenische Details wie ein gelegtes und gespiegeltes großes Blumenkreuz bleiben die ästhetische Ausnahme; wenn sich die Gentlemen blonde Marilyn-Perücken aufsetzen, um Marilyn sozusagen zu spiegeln, wird die Szene zum surrealen Theater, ohne dass man den realistischen Hintergrund der Verwandlung beglaubigen könnte.
Streicher und Bassklarinette sorgen unter der Leitung von Michael Falk, der die Hofer Symphoniker mit vielleicht allzu ruhiger Hand durch die fahle Elegie geleitet, für einen oft dunklen Sound. Wäre nicht Annina Olivia Battaglia gewesen, deren sopranistischen Dauereinsatz, mit einer Stimme, die man nur bewundern kann, und die im Rahmen der Elegie im sehr gemäßigten Stil einer sog. traditionellen US-Moderne über etliche immer wohltönende Farben verfügt, wäre die Hofer Marilyn forever für Opernliebhaber schon nach wenigen Minuten eine langweilende Angelegenheit gewesen. Nach der Pause aber geschieht ein kleines Wunder: Denn eine Frau beweist auf der Bühne, noch dazu in einem sehr schlichten Einheitsraum, dass ein zeitlich kurzes Musiktheater mit einer Solistin manchmal besser zu funktionieren vermag als ein längeres Ensembletheater.

Also Twice through the Heart des bekannteren (und spannenderen) Komponisten Mark-Anthony Turnage. Zwei Frauen, die rückblickend auf ihr Leben schauen, gesehen werden wollen, sprechen und angesprochen werden wollen: Das ist das verbindende Motiv. In knapp 30 Minuten erzählt Turnage zusammen mit seiner Librettistin Jackie Kay die reale Geschichte der Amelia Rossitter, die nach jahrelangen Quälereien ihren Mann getötet hatte und vor Gericht jede Auskunft verweigerte. Der Fall ist psychologisch vertrackt, indem er das Thema Femizid vom Inneren der Frau zu erkunden sucht, die sich noch in der befreienden Tat und lange danach vor ihrem Peiniger schämte. Turnages Genie schafft es, mit allen dramatischen Rückungen zwischen Panik, Traurigkeit, Verzweiflung und Melancholie den Innenraum der Frau zu zeichnen, die im Verhörzimmer sitzt, steht und kriecht: links und rechts verdoppelt von den klaustrophobischen Schwarzweiß-Aufnahmen einer Zellenkamera, die jede Bewegung live einfängt. Stefanie Rhaue: So heißt der wahre Star des Abends. Mit der „Frau“ hat sie endlich einmal wieder eine mit kaum 30 Minuten kurze, doch komplett erfüllte Hauptrolle erhalten – es ist spannend, wie sie ihren Mezzosopran gewinnbringend und dramatisch stets mit maximalem Einsatz ins Spiel bringt, indem sie den „Ton“ (so nannte das Mark-Anthony Turnages Kollege Alban Berg) immer genau artikuliert und gestaltet. Die Hofer Symphoniker spielen Turnages expressive Partitur, die dem Text millimetergenau folgt, ohne in bloßes Micky-Mousing zu verfallen, unter Peter Kattermann mit größter Einsatzfreude und Sinn für die verschiedensten Valeurs einer schönen Musik über ein hässliches Thema. Was bleibt, ist das Geräusch eines im Schloss gedrehten Schlüssels: auch eine Erinnerung an ein schreckliches Leben.
Dass Stefanie Rhaue und das Orchester am Ende deutlich heftigeren Beifall erhielten als die Produzenten des ersten Teils, mag nicht allein an der denkbar unterschiedlichen Machart der Werke, sondern auch am Thema liegen, das uns, trotz „Marilyns“ Nachruhm, (leider) wesentlich mehr am Herzen liegt als das der ersten Oper dieses Abends. Twice through the Heart, in Sachen Drama ein sediertes Gegenbild zu Marilyn forever und nicht grundlos Dramatische Szene genannt, hätte mit dieser exzellenten Interpretin zweifellos ein volles Haus, keine Kammerbesetzung im Zuschauerraum verdient.
Frank Piontek, 22. Juni 2026
Marilyn forever
Oper von Gavin Bryars
Twice through the Heart
Dramatische Szene von Mark-Anthony Turnage
Theater Hof
Besuchte Vorstellung: 21. Juni 2026
Premiere: 13. Juni 2026
Regie: Florian Hackspiel
Musikalische Leitung: Michael Falk / Peter Kattermann
Hofer Symphoniker