Putzen gehören zur Oper wie der erste Sopran. Ohne Putze kein Theater, man vergisst das manchmal. Als Erstes tritt also die Putze auf, also Malgorzata Kusmierz. Malgorzata Wer? Genau – auch die Putze, die von einem Chorsopran gespielt und gesungen wird, darf einmal mit vollem Namen genannt werden, denn sie ist die erste, die man am Abend auf der Bühne sieht, bevor die Akteure, die Sänger, der Operndirektor, der Komponist und der Autor (zu Donizettis Zeiten gab es noch keinen Regisseur), wie man sich’s so vorstellen mag, als ein bunter, aufgeregter Haufen durch den Zuschauerraum auf die Bühne oder wieder ins Off strömt. Schließlich handelt es sich ja um ein Theater auf dem Theater, auf dem zudem noch Theater gespielt wird. Allzu viele Opernfreundinnen und -freunde kamen beim Wiedereinzug des Hofer Opernhauses in das Friedrichsforum leider nicht ins Haus, um sich die Putze und die anderen Soprane, Altistinnen, Tenöre, Bassisten und Baritöne (Baritöne?) anzuschauen, aber wer weiß? Hätte man Donizettis Le Convenienze ed inconvenienze teatrali unter seinem Originaltitel und nicht unter seinem inzwischen populären Pseudo-Titel Evviva Mamma! gespielt, wäre der Saal vielleicht noch leerer gewesen. Dabei handelt es sich bei Werk und Interpretation um eine herzhaft komische wie klamaukige Donizetti-Farsa von hohem musikalischem Rang. Und Björn Rodday, der Leiter des Friedrichsforums, hat schon Recht: Das Stück über das Theater auf dem Theater (auf dem Theater…) passt wunderbar für eine opernhafte Neueröffnung des Hauses am Hofgarten.

Auch in Hof hat man, natürlich, nicht den originalen Donizetti gespielt, sondern eine Bearbeitung vorgelegt, um die Witze von 1827 (der ersten, einaktigen Dialogfassung) und 1831 (der zweiaktigen Version) ins Heute zu bringen. Suggeriert wird also, wenigstens ein bisschen, eine Hofer Probensituation, doch in Wahrheit ist das „Hof“ dieser von Regisseur Lothar Krause und Orchesterleiter Michael Falk erstellten „Hofer Fassung“ genauso künstlich (und anachronistisch) wie das, was Donizetti sich selbst und einem großen Publikum zum Vergnügen in die Partitur und ins Textbuch geschrieben hat. Die legitimen und verständlichen Veränderungen, die das Wesentliche nicht antasten, beginnen schon bei der Ouvertüre. Statt dem Stück die Sinfonia zu Alahor in Granata vorzusetzen, wie man’s schon vor zwei Jahrhunderten tat, als man den Einakter 1827 im Teatro Nuove uraufführte, hört man nun die ungleich populärere Ouvertüre zu Rossinis Barbiere di Siviglia. Ist das in Ordnung? Für den „normalen“ Opernfreund sicher, weil er ein geniales und zündendes Stück hört, für den Spezialisten unter den Besuchern sicher weniger, weil er doch gern das originale Vorsatzstück hören würde, aber egal: Donizetti selbst hat ja schon Rossini ge- und missbraucht, als er ihn in den Sitten und Unsitten der Leute vom Theater parodierte. Einlagen und Nummernauswechslungen aus anderen Opern waren damals ja noch, im Betrieb, üblich. Die „Mamma“ singt da beispielsweise das seinerzeit berühmte „Lied an die Weide“ aus dem Otello, um es textlich zu parodieren. Die Hofer Fassung überrascht zu Beginn des zweiten Akts mit dem Galopp aus Wilhelm Tell, auch mit einer Einlage aus Mozarts Schauspieldirektor („Ich bin die erste Sängerin“ passt natürlich zum theatralischen Zickenkrieg) und mit weiteren Exzerpten aus Lucrezia Borgia und Fausta. Gezeigt wird der ganz normale Opernwahnsinn – merke: Das Theater ist ein Irrenhaus und die Oper ist die Abteilung für die unheilbar Kranken. Um eine latent konfuse Geschichte kurz zu machen: Die titelgebende Mamma rettet die Aufführung, indem sie – gespielt von einem Bassbariton – als Sopran einspringt, zudem noch am Ende das gesamte Unternehmen vor dem Bankrott bewahrt. „Donizetti überzeugt spontan“, schrieb Norbert Miller in seinem Werkartikel in Pipers Enzyklopädie des Musiktheaters, „durch die Meisterschaft, einen komischen Charakter aus der grotesken Überzeichnung des Klischees heraus lebendig zu machen.“ Die Rolle der Mamma Agata ist also das, was man als Bombenrolle zu bezeichnen pflegt.

Stefan Sevenich macht das, quasi als Mannweib, großartig. Anachronistisch, also unzeitgemäß, ist dies nun gar nicht. Wo eine unsichtbare Kulturreferentin auf „Diversität“ pocht, um den schwer gestressten Intendanten zu nerven, verwirklicht das Theater auf dem Theater das glänzend. Ein Hauch vom Cage aux folles schwebt über der Bühne, wenn Sevenich seinen Körper über die Bühne schwenkt und furchtlos zu wilden Soprantönen ansetzt.
Ausschnittweise gespielt wird das Drama von „Romulus und Ersilia“, eine Opera seria, die in jenem Moment authentisch wird, wo Inga Lisa Lehr als zweiter Sopran ihre lyrische Arie singt: im Barockkostüm und einer von Aylin Kaip entworfenen, auch in Bewegung gebrachten Barockausstattung, wie sie heute noch in Italien und in historischen Theatern üblich ist.

Der erste, notorisch hysterische Sopran heißt Annina Olivia Battaglia, der lächerliche Tenor Minseok Kim, der, durchaus unlächerlich, eine Parodie von Nemorinos Una furtiva lagrima zum Besten gibt, indem er den Wasserschaden im geschädigten Theater auf dem Theater leidenschaftlich-pathetisch kommentiert. Der „Einspringer“ ist Andrii Chakov, er singt, mit Fleiß, so schrecklich falsch, dass man fast Mitleid mit ihm hat. Das letzte Wort hat nicht der erste Sopran, sondern der Alt, also Stefanie Rhaue, die finalmente als Jupiter mit einer Kopfstrahlengloriole die barocke Szene betritt und sich, wie alle ihre Mitspielerinnen und -spieler, furchtlos in den Blödsinn stürzt – ein Blödsinn, der allerdings schon deshalb nicht so blöd ist, weil die musikalische Komik und Kraft immens sind.
Am Ende triumphiert das Bekenntnis zum Theater an sich die Interpretation. Was wären wir ohne die herrliche (Live-)Oper? Die Frage darf sich nicht allein das Ensemble, auch jeder Zuschauer beantworten, auch und weil neben ihn ein paar Plätze frei sind. Auch der Opernchor des Theaters Hof, der, wie die Hofer Symphoniker unter Michael Falk, unter Ruben Hawer sein Bestes gibt – nicht zuletzt auch die Putze: die echte und die gespielte.
Frank Piontek, 2. Oktober 2026
Evviva Mamma!
Gaetano Donizetti
Theater Hof
Besuchte Vorstellung: 1. Oktober 2026
Premiere: 19. September 2026
Regie: Lothar Krause
Musikalische Leitung: Michael Falk
Hofer Symphoniker