Köln: „Ernani“, Giuseppe Verdi (konzertant)

Lieber Opernfreund-Freund,

im Haus am Offenbachplatz gab es jährlich ein „Festival der schönen Stimmen“, bei dem Opern in konzertanter Form und mitunter mit Weltstars besetzt präsentiert wurden. In der Ausweichspielstätte, dem Kölner Staatenhaus, heißt die Veranstaltung zwar nicht mehr so, Verdis Frühwerk Ernani gerät aber bei der Premiere am gestrigen Abend dennoch zum Sängerfest – und zum gelungenen Rollendebüt für alle sieben Solistinnen und Solisten.

© Matthias Jung

Dass sich in der Oper zwei Herren um das Herz der gleichen Dame bemühen, ist nichts Ungewöhnliches. In Verdis fünfter Oper Ernani sind es derer allerdings gleich drei und der seinerzeit gerade 30jährige Verdi lässt in seinem Frühwerk die bildhübsche Elvira von Männern umwerben, die unterschiedlicher nicht sein könnten: Titelheld Ernani ist ein Haudegen, wie er im Buche steht, ein verstoßener Adeliger, der nach Rache für die Tötung seines Vaters lechzt und der sich als Räuberhauptmann verdingt. Das aus Korea stammende Ensemblemitglied Young Woo Kim trotz den Herausforderungen dieser anspruchsvollen Partie mit bombensicherer Höhe von kraftvollem Ausdruck, überzeugt allerdings im Forte mehr und hätte die eine oder anderen Kantilene, die Verdi für Elviras Favoriten erdacht hat, eine Spur mehr Piano gönnen können. Sein Ensemblekollege und Landsmann Insik Choi geht da als Don Carlo differenzierter ans Werk, mischt seinem samtweichen Bariton dann und wann die Durchschlagkraft eines Herrschers bei, um kurz darauf emotionsgeladen seine Angebetete anzuschmachten. Die Szene im dritten Akt im Aachener Dom, in der er am Grab seines Großvaters Karl dem Großen darauf wartet, selbst zu Kaiser Karl V. zu werden, gehört so auch zum klanglich Ausgewogensten am gestrigen Abend.  

© Matthias Jung

Als dritter im Bund der Verehrer gesellt sich zu Räuber und Kaiser dann noch Elviras ältlicher Onkel Don Ruy Gómez de Silva, ein Ehrenmann alter Schule, der seinem Rivalen Ernani erst das Leben rettet, um ihn im Finale an dessen Schwur zu erinnern, sich auf Geheiß das Leben zu nehmen. Adrian Sâmpetrean, bis 2019 im Ensemble der Düsseldorfer Rheinoper, bringt für Galan Nummer 3 einen an sich profunden, ausdrucksstarken Bass mit, bleibt jedoch neben seinen vorzüglich singenden Kontrahenten vergleichsweise blass. Marta Torbidoni hatte das Kölner Publikum schon im Vorjahr als Abigaille begeistert und legt ihre Elvira als energisch-streitbare Frau an. Mit voluminöser Mittellage, sicherer Höhe und stimmlicher Geläufigkeit paart sie drei oft unvereinbar scheinende Fähigkeiten und überzeugt obendrein erneut mit immensem Ausdruck. Das singfreudige Quartett wird von Alina König Rannenberg, John Heuzenroeder und Ferhat Baday vortrefflich unterstützt.

© Matthias Jung

Ein wenig enttäuscht hingegen bin ich vor allem von den Herren des von Rustam Samedov betreuten Chores. Ihnen mag es einfach nicht gelingen, Verdi‘sche Wucht zu entfalten. Das mag zum Teil an mangelnder Präzision, aber auch am mitunter laut auftrumpfenden Orchester liegen, hinter dem sie postiert sind. Am Pult hält Giuliano Carella die Zügel fest in der Hand, spornt die Damen und Herren des Gürzenich-Orchesters zu einem leidenschaftlich-flammenden Verdi an und rundet so den positiven Gesamteindruck der gestrigen Premiere ab. Die ist sicher auch deshalb so erfolgreich gelungen, weil Cora Hannen dem ansonsten konzertanten Aufführung gern eigenen Hinterm-Pult-Gestehe entgegengearbeitet und die Handlung mit wenigen floralen Requisiten veranschaulicht hat.

Ihr
Jochen Rüth

23. April 2026


Ernani
Oper von Giuseppe Verdi

Konzertante Aufführung
Oper Köln im Staatenhaus

Premiere: 22. April 2026

Musikalische Leitung: Giuliano Carella
Gürzenich-Orchester Köln

weitere Vorstellungen: 24. und 26. April sowie 2. Mai 2026