DER OPERNFREUND - 50.Jahrgang
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Gian-Carlo Menotti

AMAHL UND DIE NÄCHTLICHEN BESUCHER

10. 12. 2017 (Premiere)

Effektvolle (?) Kinderoper

 

„Kurze Opern, genussreich an eindrucksvollen Grazer Orten von den Sängern und Musikern der Oper Graz und der Kunstuniversität Graz dargeboten – das ist das Konzept der Reihe „OpernKurzgenuss“. Das stilistische Spektrum reicht 2017/18 vom Barock bis zum 20. Jahrhundert, und lässt den Landhaushof, den Dom im Berg und die Needle im Kunsthaus zur Opernbühne werden.“ 

So kündigt die Oper Graz das zweite Jahr ihrer durchaus erfolgreichen Kooperation mit der Kunstuniversität Graz (KUG) an. In der letzten Saison endete die Reihe mit Menotti (Das Telephon) und nun wird wiederum mit Gian Carlo Menotti begonnen. Diesmal begab man sich mit der Produktion ins Innere des Grazer Schloßberges. Im 2. Weltkrieg wurde im Grazer Schloßberg ein über 6 Kilometer langes Stollensystem angelegt, das neben der militärischen Zentrale bis zu 40.000 Menschen als Luftschutzbunker diente. Zum Teil sind diese Stollen auch heute noch in Verwendung, in ihnen gibt es unter anderem  einen Lift, eine Märchenbahn und eben die Veranstaltungshalle „Dom im Berg“, die zu den Spielstätten der Bühnen-Graz gehört. Auf deren Homepage liest man:

Das jüngste Kind der Grazer Spielstätten ist der Dom im Berg. Er ist in seiner Art absolut einmalig und wohl der originellste geschlossene Veranstaltungsort in Graz. Die Idee, mitten in der steirischen Landeshauptstadt einen großen, multifunktionalen Raum aus dem Felsen zu schlagen, wurde 1999 realisiert und anlässlich der Landesausstellung im Jahr 2000 eröffnet. Eine Gesamtfläche von 733 Quadratmetern und eine Höhe von 11 Metern bieten Raum für die vielfältigsten Veranstaltungen: von Konzerten aller Stilrichtungen (durch die spezielle Wandverkleidung ergibt sich eine hervorragende Akustik), über Kongresse, Bälle, Theateraufführungen bis zu Clubbings, aufwändigen Firmenpräsentationen und Kundenempfängen.

Und nun wird der Dom im Berg wohl zum ersten Male für eine Opernaufführung genutzt - und die Oper Graz vertraute dabei offenbar nicht der Ankündigung einer hervorragenden Akustik!

Alle Solisten, ja selbst alle Choristen sind mit mikroports ausgestattet und auch über dem Orchester sind Mikrophone montiert - das Ganze wird dann mit moderner Tontechnik zu einem reichlich undifferenziertem Klangbrei- ja, ich kann‘s nicht anders sagen! - zusammengemischt. Jegliche klangliche Differenzierung - so sehr sich auch der Dirigent bemüht - wird eingeebnet, nivelliert. Das ist sehr schade - denn die Solisten hätten den wahrlich nicht allzu großen Raum sicherlich leicht auch ohne diese mikroports gefüllt. Es stimmt eben zu meinem größten Leidwesen nicht mehr das, was noch 2014 der Direktor der Deutschen Oper Berlin in einem Zeitungsartikel sagen konnte: Als Bollwerk gegen Mikroports erscheinen – noch – klassische Symphoniekonzerte und Opernhäuser. Wohl nirgendwo zählt die reine, unverfälschte Stimme noch so viel wie hier. „Mikroports sind in der Oper absolut tabu.“

Ich kann mich des Eindrucks nicht erwehren, dass man ganz einfach der Versuchung erlegen ist, die hochtechnisierte Ausstattung dieser Eventlocation auszunutzen. Man hätte darauf verzichten und dem natürlichen Klang von Stimmen und Instrumenten vertrauen sollen.

Schade - denn es gibt ansonsten so viel Erfreuliches zu berichten:

Das Sängerteam ist nämlich optimal und rollenadäquat zusammengestellt, alle sind erfreulich wortdeutlich - man spielte das Stück zu Recht in der deutschen Fassung von Kurt Honolka, sodass die vielen Kinder im Publikum sehr gut folgen konnten. Die Bühne ermöglicht mit ganz wenigen Versatzstücken sinnvolles Agieren, die Kostüme sind expressiv und heben das Stück aus der vorgegebenen historischen Epoche ins Zeitlose (Ausstattung: Theresa STEINER, Studierende der Bühnengestaltung).

Gian Carlo Menotti hat an sich für die zentrale Figur des lahmen Hirtenknaben Amahl ausdrücklich eine Knabenstimme vorgeschrieben. Hier hat man die Rolle mit der thailändischen Sopranistin Lalith WORATHEPNITINAN besetzt, die noch an der KUG studiert, aber auch schon im Opernstudio engagiert ist und gerade mit der Barbarina reüssiert hat. Sie macht ihre Sache sehr charmant und durchaus überzeugend jungenhaft.

Die drei königlichen nächtlichen Besucher sind mit Albert MEMETI, David McSHANE und Martin SIMONOVSKI samt ihrem Pagen Daniel COBOS ORTIZ  ausgezeichnet, wenn auch von der Regie und Dramaturgie (Annette WOLF, Franziska KLOOS) wohl gar zu karikierend gezeichnet. Amahls Mutter wird von der Mezzosopranistin Irina PEROS sicher gestaltet. Der Opernchor der KUG (präzis einstudiert von den jungen Chordirigentinnen Dovile SIUPENYTE und Anna PARK) agiert und singt frisch und das Kammerorchester der KUG spielt ambitioniert unter dem jungen hochbegabten Marcus Merkel, der mit großen, klaren Gesten das räumlich weit auseinandergezogene Vokal- und Instrumentalensemble sicher zusammenhält. Eine klangliche Differenzierung von Menottis Partitur verhindert die Tontechnik.

Die Szene beherrschen vor allem Jubel, Trubel und Heiterkeit - geheimnisvolle Vorweihnachts-Poesie (die sehr wohl im Stück angelegt ist) bleibt da aus. Alles ist laut und bunt. Aber vielleicht sind das Einwände, die gar nicht mehr erhoben werden dürfen, weil ja das heutige jugendliche Publikum ohnedies bereits durch die vielfältigen Medien-Eindrücke nicht mehr darin geübt ist, einer unverfälschten Stimme, einem unverfälschten Instrumentenklang konzentriert nachzuhören und weil man offenbar meint, man müsse das Publikum dort abholen, wo es eben ist. Schade!

Der Beifall am Ende war freundlich - sicherlich wird die Produktion in den weiteren sieben vorweihnachtlichen Terminen ihr (medienerprobtes und -verdorbenes) Publikum finden.

Hermann Becke, 11. 12. 2017

Fotos: KUG © Johannes Gellner

Hinweis:

Leider ist die ursprüngliche von Gian Carlo Menotti im Jahre 1951 dirigierte TV-Fassung nicht mehr verfügbar, aber es lohnt sich durchaus die amerikanische Produktion des Jahres 1978 anzuschauen - mit einem Knaben als Amahl, Teresa Stratas als Mutter und Giorgio Tozzi als Melchior. Opernfreunde finden sie hier

 

 

 

LE NOZZE DI FIGARO

26. 11.2 017

(4. Vorstellung nach der Premiere vom 2.11.17)

Der renommierte Mozart-Dirigent Josef Krips - wesentlicher Teil und Motor des berühmten Mozart-Ensembles der Wiener Staatsoper nach dem 2. Weltkrieg - soll einmal gesagt haben, dass erst ab der 3. Vorstellung nach der Premiere alles wie geprobt und wie gewünscht laufe. Da ich die Premiere der Grazer Neuproduktion nicht besucht hatte, galt es, dieses Krips-Wort zu überprüfen. Und tatsächlich: es ist sehr gut gelaufen. Die solide Einstudierungsarbeit war deutlich zu erkennen und das Haus war in dieser Nachmittagsaufführung - großteils mit Besuchern  aus der Region um Graz - ausgezeichnet besucht. Der Beifall war am Ende groß.

Die Oper Graz bietet ein erfrischend junges Vokal-Ensemble auf:

Graf und Gräfin, Figaro und Susanna sowie Cherubino sind alle kaum 30 Jahre alt - drei von ihnen sind aus dem hauseigenen Opernstudio hervorgegangen. Drei weitere (Marzellina, Curzio und Barbarina) sind derzeit Mitglieder  im Opernstudio. Der Oper Graz ist zu ihrer konsequenten Nachwuchspflege zu gratulieren  - denn was man da musikalisch erleben durfte, war überwiegend von respektablem Niveau!

Ein bisschen Premierenstimmung kam dennoch auf, sang doch erstmals der junge polnische Bariton Dariusz Perczak den Grafen, den in der Premiere der Routinier Markus Butter gesungen hatte. Perczak muss wohl noch in diese Rolle hinwachsen - ihm fehlt es derzeit an stimmlichem und darstellerischem Gewicht. Die Stimme ist an sich schön timbriert, aber vor allem in der tieferen Mittellage noch ohne ausreichendes Volumen - im ersten Terzett kam dann noch eine merkliche Nervosität dazu. Im Verlaufe des Abends steigerte sich Perczak gesanglich deutlich, aber er war insgesamt einfach noch zu unprofiliert.

Der eindeutige stimmliche und darstellerische Mittelpunkt des Abends war  der 28-jährige Slowake Peter Kellner als Figaro. Er dominierte von Beginn an mit natürlich-lebhaftem Spiel, mit seiner in allen Lagen kraftvollen und wohltimbrierten Stimme und mit ausgezeichneter Artikulation die Szene. Das war eine überzeugende  Leistung auf sehr hohem Niveau - und man kann Peter Kellner auch gleich zu einer  verdienten internationalen Anerkennung gratulieren: im Oktober hat er mit dem englischen Independent Opera Wigmore Hall/IO Voice Fellowship 2017 eine begehrte Auszeichnung und Würdigung errungen. Der junge Mann ist auf bestem Wege zu einer sehr erfreulichen Karriere!

Aber auch die drei weiblichen Hauptfiguren waren allesamt ausgezeichnet besetzt.

Für Oksana Sekerina war es ein Rollen- und Graz-Debut. Schon mit dem ersten Einsatz Porgi amor  ließ die Russin aufhorchen. Mit warm-vollem Sopran und ruhigem Atem verstand sie, vor allem im Mezzoforte und Piano wunderbare große Bögen zu spannen. Das war zweifellos ein Glücksgriff der Intendanz, die junge Russin zu engagieren - er wurde bestätigt durch den Birgit-Nilsson-Preis  bei Placido Domingos Operalia Wettbewerb, den Oksana Sekerina nach ihrem Graz-Engagement im August 2017 gewonnen hatte (hier ist sie als Elsa zu hören und zu sehen). Die Ukrainerin Tetjana Miyus sang ihre erste Susanna. Sie krönte ihre gute Leistung mit einer berührend und wunderschön gesungenen Rosenarie. Wie immer freute man sich an ihrer klaren und gut sitzenden Stimme. Insbesondere an der Schärfung der Artikulation der Rezitative sollte sie noch weiter arbeiten. Die Spanierin Anna Brull war ein exzellenter Cherubino - da passte einfach alles zusammen: Spiel, schlanke Stimmführung und kluge Artikulation.

Auch die kleineren Rollen waren wirklich gut und rollenadäquat besetzt.

Die Routiniers Wilfried Zelinka als Bartolo, Manuel von Senden als Basilio und David McShane als Antonio sowie Yuan Zhang als Marcellina sind markant gezeichnete und stimmlich souveräne Figuren. Aus dem Opernstudio ergänzten die Thailänderin Lalit Worathepnitinan als Barbarina und der Pole Albert Memeti als Curzio das Ensemble mit vielversprechenden Leistungen.

Der Chor (Einstudierung: Bernhard Schneider) und die beiden solistischen Bauermädchen boten das gewohnt solide Niveau. Das Grazer Philharmonische Orchester spielte klangschön unter der Leitung des Venezianers Marco Comin, der bis zur vorigen Saison Chefdirigent des Münchner Gärtnerplatztheaters war und den man in Graz durch seine Einstudierung von La Rondine kennt. Man hörte eine sauber einstudierte Leistung. Speziell die breiten lyrischen Passagen wurden schön entwickelt - insgesamt hätte man sich vom Dirigenten vielleicht etwas mehr zupackende Spritzigkeit und stringentere Detailartikulation gewünscht.

Ein besonders Lob gilt dem Dirigenten und den Solisten für die heiklen Ensembles, die geradezu überraschend  präzis bewältigt wurden, obwohl die Sängerschar dabei durch den Regisseur Maximilian von Mayenburg durch die drei Geschosse des sich ständig drehenden Bilderbuchschlosses gejagt wurde, das der in Graz ausgebildete Bühnenbildner Stephan Prattes aufgebaut hatte.

Und wie so oft bei Konzepten der heutigen Regie-Teams war es auch diesmal so: man will einfach zu viele Ideen zugleich in eine Inszenierung hineinpacken. Das Stück beginnt schon vor der Ouvertüre mit einem Hahnenschrei - aha: das Schloss erwacht! Da sieht man das Schlosspersonal bei der Arbeit, den Grafen im Bett mit einer Zofe, man sieht auch schon den Gärtner Antonio und alle anderen Figuren samt vielen Statisten des Stücks durch das Schloss geistern - und dabei kommt man kaum dazu, Mozarts meisterlicher Ouvertüre - diesmal recht breit ausmusiziert -  zuzuhören. Die Botschaft des Regisseurs ist  offenbar: der tolle Tag beginnt.

Es sei gerne bestätigt, dass die Figuren - durch die grellen Kostüme von Gabriele Jaenecke gut und plausibel charakterisiert - mit großem Schwung geführt werden.

Das junge Solistenteam setzt das turbulente und temporeiche Spiel mit erfrischender Begeisterung um - aber insgesamt:

Es ist einfach zu viel, was da in da Ponte und Mozart zusätzlich in den rasanten Handlungsablauf hineingestopft wird: der tote blutige Soldat, dessen Uniform dem armen Cherubino übergestreift wird, die vernehmlich betätigte WC-Spülung, das alkoholreiche und degenerierte Hochzeitsfest (anstelle des Fandango-Tanzes),die Riesenuhr (die geradezu störend von der wunderschön gesungenen zweiten Gräfinnen-Arie ablenkt!), das revoltierende Personal, die eingebaute Marionetten-Idee Susanna/Figaro, und die Bauern die letztlich mit roten Jakobinermützen und der Guillotine auf das Grafenpaar warten…..

Schade - denn viele Details der Inszenierung sind sehr nett ausgedacht, sind durchaus musikalisch umgesetzt und erfreuen auch den Opernfreund, der das Stück seit Jahrzehnten kennt.

Aber die musikalischen Leistungen sind Gott sei Dank so erfreulich, dass man den Besuch der Aufführung  trotz der szenischen Überfrachtung mit Überzeugung empfehlen kann - es gibt noch acht weitere Vorstellungen bis März 2018.

Hermann Becke, 27. 11.  2017

Aufführungsfotos: Oper Graz, © Werner Kmetitsch

 

Hinweise:

 

-         Video : Interviews mit Susanna, Figaro und Graf

-         Eine historische Reminiszenz:

Der eingangs erwähnte Josef Krips hatte nach dem Ende des 2. Weltkriegs die allererste Aufführung der Wiener Staatsoper (im unzerstörten Haus der Wiener Volksoper) am 1. Mai 1945 dirigiert. Es war die Hochzeit des Figaro. Dem Besetzungszettel des Wiener Staatsopernarchivs kann man entnehmen, dass auch damals das Ensemble jung war:

Cherubino - Sena Jurinac (24 Jahre)

Susanna - Irmgard Seefried (26 Jahre)

Figaro - Alois Pernersdorfer (33 Jahre)

 

LA BOHÈME

Hocherfreuliches vom jungen Hausensemble!

1. 10. 2017, Wiederaufnahme einer Produktion aus dem Jahre 2008, in völlig neuer Besetzung

Ein wahres Kontrastprogramm:

Nach der aufwändig-opulenten Saison-Eröffnung mit Verdis Il Trovatore in zeitgeistiger Inszenierung mit Gästen in den vier Hauptpartien (der OF berichtete) gab es bereits am nächsten Tag eine weitere Neueinstudierung in Graz. Dafür holte man eine Inszenierung aus dem Fundus, die zuletzt im Jahre 2013 gespielt wurde - und man gab den jungen Mitgliedern des Hausensembles die Chance zu Rollendebüts. Die Jungen nutzten ihre Chance vollauf und hatten vor gut besuchtem Haus einen großen und verdienten Erfolg!

Die Inszenierung des verstorbenen Regisseurs Dietmar Pflegerl wurde 2007 ursprünglich für das Stadttheater Klagenfurt erarbeitet und dann von seinem persönlichen Assistenten Michael Eybl nicht nur nach Graz, sondern im Laufe der Jahre auch nach Dublin, Monte Carlo, Teneriffa und Wien übertragen. Michael Eybl hat nun gemeinsam mit einem ganz jungen Assistenzteam (Juana Inés Cano Restrepo, Maria Streicher und Hannah Brühwilder) die handfeste und praktikable Inszenierung mit dem jungen Solisten-Team neu erarbeitet.

Die sechs Hauptfiguren werden da von jungen Leuten verkörpert, die alle Ende zwanzig, Anfang dreißig sind - das allein sorgt für glaubwürdige und spielfreudige Aktionen. Fünf von ihnen kommen aus dem Hausensemble bzw. dem Opernstudio. Nur für die Mimi hatte man einen Gast geholt - die „hauseigene“ Mimi Sophia Brommer bereitet nämlich gerade eben diese Partie für St.Gallen vor, wo ihr übrigens Polina Pasztirczák nachfolgen wird, die wiederum die Wiederaufnahme in Graz übernommen hat.

Die Ungarin mit russischen Wurzeln - trotz ihrer Jugend seit dem Vorjahr schon Kammersängerin der Budapester Staatsoper - erwies sich als eine wunderbare Entdeckung für Graz. Sie war eine berührende Mimi und gestaltete die Partie auch stimmlich überzeugend mit wohltimbriertem, in allen Lagen ausgeglichenem Sopran. Ihr Partner war der allerjüngste im jungen Ensemble: der erst 26-jährige Weißrusse Pavel Petrov sang seinen ersten Rodolfo. In Graz hatte man ihn bereits in der Traviata und in La Rondine als Gewinn für das Grazer Ensemble erlebt. Nun ist er in seiner Entwicklung  konsequent einen weiteren erfreulichen Schritt gegangen. Er forciert seine schlanke, schön timbrierte Stimme nie und versteht die rechten Puccini-Gesangsbögen zu spannen. In den folgenden Vorstellungen wird er an weiterer Sicherheit und auch an Durchschlagskraft dazugewinnen. Man kann gespannt auf seinen Lenski sein, der im Dezember folgen wird.

Die anderen drei Bohemiens waren ebenfalls sehr gut besetzt. Dariusz Perczak war ein Marcello mit sicheren Höhen und warmem Timbre, Neven  Crnić ein Schaunard mit charaktervoll-kernigem Bassbariton und Peter Kellner ein wirklich exzellenter Colline mit einer wunderschön gesungenen „Mantel-Arie“. Der Grazer Operetten-Liebling Sieglinde Feldhofer überzeugte mit ihrer ersten Musetta. Mit warmer und gar nicht operettenhaft-schnippischer Stimme sang sie sehr schön und fast ein wenig melancholisch ihre große Szene im 2.Akt. Im dritten Akt wirbelte sie temperamentvoll über die Bühne, berührte aber auch mit ehrlicher Anteilnahme im Schlussbild.

Und nochmals sei es gesagt: Die jugendliche Spielfreudigkeit aller - ohne dass dadurch je die musikalische Präzision beeinträchtigt war - nahm das Publikum zu Recht spürbar für sich ein.

Die Qualität des Grazer Hauses zeigte sich aber nicht zuletzt auch darin, dass die kleinen und kleinsten Rollen mit profilierten, lange dem Haus verbundenen  Persönlichkeiten besetzt sind – David McShane als Benoit, Manuel von Senden als Parpignol und Konstantin Sfiris als Alcindoro, aber auch die Chorsolisten István Szécsi und Zoltán Galamb  – bravo! Der Chor (Einstudierung: Bernhard Schneider) sang und spielte routiniert, die Kinder der Singschul‘ (Einstudierung: Andrea Fournier) waren mit Einsatz und Freude bei der Sache.

Die musikalische Leitung hatte der 42-jährige Marius Burkert, unter dessen Leitung die Grazer Philharmoniker eine sehr erfreuliche und animierte Leistung boten. Marius Burkert begleitete die junge Debütantenschar sehr aufmerksam und rücksichtsvoll, ohne dabei das nötige Orchesterprofil und den großen Zusammenhang aus dem Auge zu verlieren. Das war jedenfalls überzeugendes Puccini-Musizieren!

Mein Resümee:

Die hauseigene jugendliche Besetzung hat in einer zwar konventionellen, aber stets lebensvollen und das Publikum berührenden Inszenierung jedenfalls mit Glanz neben der Premiere des Vortages bestanden.

Das Publikum nahm den Abend begeistert auf - der Oper Graz ist zu ihrem Ensemble zu gratulieren!

Hermann Becke, 2. 10.  2017

Aufführungsfotos: Oper Graz, © Werner Kmetitsch

 

Hinweise:

Noch fünf weitere Vorstellungen bis Dezember: unbedingt hörens- und sehenswert!

und ein spezieller  you-tube-Hinweis :

Placido Domingo und Polina Pasztircsák mit Kalman 2015 in Budapest          

 

 

IL TROVATORE

Bizarrer Todeskarneval zur Saisoneröffnung

30. 9. 2017, Premiere

Im Internet gibt es unter Opernbegeisterten das Spiel, anhand eines Fotos aktueller Inszenierungen zu erraten, um welche Szene welcher bekannten Oper es sich handle. In diesem Sinne sei dem heutigen Bericht dieses Foto vorangestellt und gleich die Lösung verraten - das Bild zeigt Ferrando, Hauptmann im Heer des Grafen Luna, in der Introduzione bei seiner Erzählung der Luna-Familiengeschichte.

Das Leading-Team der diesjährigen Saisoneröffnung - Inszenierung Ben Baur, Choreographie Lillian Stillwell, Bühnenbild Ben Baur, Kostüme Uta Meenen , Licht Mariella von Vequel-Westernach -  kennt man (mit Ausnahme der Choreographin) in Graz: Dieses Team hatte in der vorigen Saison Gounods „Roméo et Juliette“ auf die Bühne gebracht. Der Ansatz der szenischen Umsetzung blieb gleich: hatte man im Vorjahr  das Stück vom Verona des 15. Jahrhunderts in das viktorianische England des ausgehenden 19. Jahrhunderts verlegt, so wurde diesmal das im Libretto vorgegebene Spanien des 15.Jahrhunderts in die 1930-Jahre des 20.Jahrhunderts verlagert. Dazu der Regisseur in einem Rundfunk-Interview :  „Das spielt bei uns ja in den 1930er-Jahren in einer Art Tanz auf dem Vulkan-Atmosphäre, wo man das Gefühl hat, alles ist möglich - und die düstere Schatten werfen ihre Ahnung nur voraus.“

Und im Programmheft begründet Ben Baur wortreich, warum er „Il Trovatore“ - diese kammerspielartige Familienaufstellung - als varietéhaft-grelles Karnevalspektakel inszeniert. Die ersten beiden Teile spielen in einem üppigen Palast, der offenbar gerade für ein Karnevalfest adaptiert wird - da gibt es ausgelassene Festesstimmung.

Ab dem dritten und vierten Teil ist laut Regisseur unsere Bühnenwelt aus den Fugen geraten, ein düsteres Karussell, eine Spieluhr des Todes, auf der es am Ende nur Verlierer geben kann. Eine große Schar an Statisten ist eingesetzt - die skurrilen Party-Gestalten der ersten beiden Teile sind nun halbnackte, ausgemergelte und konvulsivisch-zuckende Körper, die sich letztlich selbst töten.

Wenn man wohlmeinend ist, kann man auf die Verdi-Biographie von Christoph Schwandt verweisen, in der es heißt: Verdi hatte den Stoff des spanischen Dramas „neuartig und bizarr“ gefunden. Ja - die Grazer Trovatore-Inszenierung ist neuartig und bizarr - aber mehr nicht. Vor allem ist sie keine bühnenwirksame Umsetzung menschlicher Schicksale und Beziehungen. Leonora, Manrico und Luna bleiben in stereotyp-konventioneller Operngestik stecken. Der Unmut des Publikums äußerte sich schon nach der Pause, als sich vor dem Soldatenchor der Vorhang öffnete, man vor Einsetzen der Musik endloses Amboss-Gehämmer hörte und brennende Stühle sah. Da erhob sich im Logenrund eine Stimme und rief: Ist das Verdi?? Und als am Ende das Leading-Team vor den Vorhang trat, da gab es lautstarken Publikumsprotest, der als Reaktion auch Bravo-Rufe hervorrief. Also einem Teil des Publikums hatte die aufwändig-üppige Bühnenshow offenbar doch gefallen.

Wesentlich Erfreulicheres ist über die musikalische Seite des Abends zu berichten. In den vier zentralen Rollen gab es Graz-Debuts von internationalen Gästen. Beginnen wir mit dem Erfahrensten in diesem Quartett: der 47-jährige Italiener Stefano Secco hat den Manrico im März 2017 zum ersten Male in Rom gesungen - einspringend für Marcelo Alvarez. Graz ist nun seine erste szenische Erarbeitung dieser Rolle. Stefano Secco ist gerade dabei, einen Fachwechsel zu vollziehen - so hatte er z. B. in der Vergangenheit an der Wiener Staatsoper den Neemorino, den Roberto Devereux, den Rigoletto-Duca gesungen. Er kommt also aus dem Fach des tenore di grazia und will sein Repertoire nun in das Fach des tenore di spinto erweitern. Seine Mittellage und Tiefe ist breit geworden, dadurch werden die Spitzentöne nur mit etwas Druck und leicht forciert erreicht. Aber immerhin: am Ende der Stretta (nur eine Strophe) singt er das vom Publikum erwartete (von Verdi nicht vorgesehene und von Ricardo Muti stets verurteilte) hohe C - das do di petto. Darstellerisch zeichnete er Manrico eher als einen Schwächling - nicht zuletzt auch wegen eines unvorteilhaften Kostüms. Seine stimmlichen Stärken spielte er primär in den lyrischen Passagen aus. Er steigerte sich im Laufe des Abends speziell im letzten Bild zu einer gültigen Leistung.

Seine Leonora war die kroatische Graz- und Rollendebütantin Lana Kos , die während der Endproben ihren 33.Geburtstag feierte. Trotz ihrer Jugend hat sie schon eine beachtliche internationale Erfahrung. Sie ist eine zart-elegante Bühnenerscheinung und forcierte in den ersten Szenen allzu sehr. Da war ihre Stimme dann etwas scharf und dadurch manchmal auch nicht ganz intonationssicher. In jenen Phrasen, wo sie ihre Stimme ohne Druck frei strömen ließ, entwickelte sie authentischen Verdi-Gesang mit so manchen sehr schönen Piano-Tönen. Auch ihr gelang das letzte Bild stimmlich am besten.

Der junge Russe Rodion Pogossov als Luna - auch er ein Rollendebütant - fiel durch einen robust-markanten Bariton mit sicheren Höhen auf. Auch ihm wünschte man, dass er seine Stimme speziell in den großen lyrischen Verdi-Kantilenen - etwa in der großen Szene Il balen del suo sorriso - ruhiger fließen ließe. Warmen Wohlklang hörte man an diesem Abend von ihm nicht - aber dafür dramatisch-effektvoll zugespitzten Stimmeinsatz.

Die zentrale Figur des Abends war stimmlich und darstellerisch die Franko-Kanadierin mit armenischen Wurzeln Nora Sourouzian als Azucena. Auch für sie war diese Rolle ein Debüt. Und das ist ihr vollauf gelungen. Da stimmte alles - es gelang ihr, eine überzeugende, in sich ruhende Persönlichkeit auf die Bühne zu stellen. Stimmlich bewältigte sie die schwierige Rolle geradezu problemlos - die technisch sicher geführte Mezzo-Stimme verfügt von den brustigen Tiefen bis zu den Spitzentönen über eine einheitliche Klangfarbe ohne jeglichen Registerbruch. Nora Sourouzian erhielt beim Schlussapplaus eindeutig und zu Recht den größten Applaus. Die Inszenierung machte die Partie des Ferrando zum zentralen Drahtzieher der Handlung und damit zur fünften Hauptfigur. Der Grazer Routinier und Publikumsliebling Wilfried Zelinka bewältigte diese Aufgabe (auch die kleine Partie des Alten Zigeuners wurde in die Rolle einbezogen) stimmlich und darstellerisch souverän. Die (stimmlich durchaus exponierte) Erzählung zu Beginn wurde plastisch gestaltet - und als schleimig-hinterhältiger Fädenzieher war er mit großem Körpereinsatz gleichsam omnipräsent. Sonja Šarić als Inez und Martin Fournier als Ruiz bzw. Bote ergänzten das Ensemble kompetent. Chor und Extrachor (Leitung: Bernhard Schneider) sangen sicher und präzise - und agierten mit gewohntem Engagement.

Als im letzten Bild die vielfältigen optischen Eindrücke und Aktionen wegfielen, konnte man sich ganz auf das Solistenquartett konzentrieren. In dieser Szene boten auch alle vier ihre überzeugendsten stimmlichen Leistungen. Das Grazer Philharmonische Orchester war an diesem Abend sehr gut disponiert, man hörte schöne solistische Sololeistungen - speziell in den Holzbläsern und bei den Hörnern. Am Pult stand als Gast der italienische Dirigent Andrea Sanguineti , GMD in Görlitz und Gast u.a. auch in Hannover, Mannheim, Braunschweig. Wenn man recht informiert ist, war er einer der Kandidaten für die Nachfolge von Dirk Kaftan - er hatte im vergangenen Herbst einmal in Graz in La Traviata gastiert. Sanguineti wählte straffe Tempi - gleichzeitig bremste er so manches Mal bei langsamer Passage allzu sehr, wodurch ein wenig der Gesamtzusammenhang verloren ging. Insgesamt war es jedenfalls eine solide Leistung - mache kleine Unstimmigkeiten zwischen Bühne und Orchestergraben mögen in der Premieren-Nervosität begründet sein. Am Ende gab es für den musikalischen Teil sehr freundlichen, aber für eine Premiere doch eher kurzen Beifall:

Hermann Becke, 1. 10. 2017

Fotos: Oper Graz, © Werner Kmetitsch

 

Weitere 13 Aufführungen

Für alle Spezialisten, die sich über die Solisten näher informieren wollen, hier einige (möglichst aktuelle) Tonbeispiele:

-         Lana Kos mit der Arie der Juliette , Arena di Verona 2014

-         Nora Sourouzian bei ihrem Rollendebut in Gars am Kamp als Eboli im Jahre 2015

-         Stefano Secco mit einer Arien-CD des Jahres 2016, darunter auch zwei Trovatore-Arien

-         Rodion Pogossov als Silvio im Jänner 2017 in Oslo

 

 

 

ERÖFFNUNGSKONZERT SAISON 2017/18

Uneingeschränkter Erfolg für die neue Chefdirigentin Oksana Lyniv!

am 23. September 2017

 

Schon seit vielen Jahren ist es in Graz üblich, dass die Opernsaison mit einem Orchesterkonzert eröffnet wird, bevor die erste szenische Opernaufführung stattfindet. Das ist eine gute und bewährte Tradition, ist doch das Grazer-Philharmonische-Orchester nicht nur das Orchester der Oper Graz, sondern auch ein bewährtes Konzertorchester.

In dieser Saison tritt mit der 39-jährigen Ukrainerin Oksana  Lyniv  erstmals eine Frau an die Spitze dieses Orchesters - und da war natürlich das Publikumsinteresse besonders groß, die neue Chefdirigentin kennenzulernen.

Um es gleich vorweg sagen: es war ein großer und umjubelter Abend - und das, obwohl Stücke gespielt wurden, die nicht zu den üblichen Konzert-Schlagern zählen und die in Graz allesamt schon lange nicht zu erleben waren. Es war ein konventionell aufgebautes Programm: vor der Pause Mazeppa von Franz Liszt und das 2. Violinkonzert von Béla Bartók und nach der Pause die Symphonie Nr. 2 von Robert Schumann.

Der Orchestergraben war überbaut, das groß besetzte Orchester saß auf offener Bühne, Holz- und Blechbläser samt Schlagwerk auf ansteigenden Stufen hinter den Streichern. Und das war der erste sehr erfreuliche Eindruck dieses Abends:

Man hatte diese Aufstellung in der Vergangenheit schon wiederholt erlebt - und sehr oft dominierte bei dieser Aufstellung das Blech allzu sehr, die Streicher klangen so manches Mal etwas stumpf und blass.

Das war diesmal überhaupt nicht der Fall. Oksana Lyniv gelang in allen drei Werken ein ungemein ausgewogenes Klangbild. Die Streicher blühten üppig auf, Harfe und Holzbläser kamen stets delikat zur Geltung und das Blech strahlte, wenn es die Partitur erforderte. Das Grazer Philharmonische Orchester bot an diesem Abend eine ausgezeichnete Leistung und spielte mit großer Konzentration und Aufmerksamkeit.

Franz Liszts sinfonische Dichtung Mazeppa (Erstaufführung 1854) war lange Zeit Liszts beliebtestes Werk - heute ist es allerdings selten zu hören. Die letzte Grazer Aufführung liegt schon über 17 Jahre zurück - schon deshalb ist Oksana Lyniv zu danken, dass das Werk auf das Programm gesetzt wurde. Es ist ein effektvolles Stück über den ukrainischen Volkshelden des 17. Jahrhunderts. Die Dirigentin sagt dazu im Programmheft: Mazeppa ist eine der markantesten Figuren der ukrainischen Geschichte. Bis heute ruft sein Name Begeisterung und Hass hervor. Sogar in der Hauptstadt Kiew wird er in manchen Kirchen - in den ukrainisch-orthodoxen - zum Helden emporgehoben, und in den anderen - in den russisch-orthodoxen - immer noch mit dem Kirchenbann belegt.

Bereits in diesem ersten Werk des Abends erlebte man die großen Stärken von Oksana Lyniv: Sie dirigiert mit glasklarer Schlagtechnik und wahrt immer den großen Bogen und musikalischen Zusammenhang. Ein kleines Beispiel: das einleitende Allegro agitato steht im 6/4-Takt . Ganz präzis zeigt sie vor dem ersten Tuttischlag das Tempo der Viertel an, um dann nur mehr den Taktschwerpunkt anzugeben und die großen Phrasen herauszuarbeiten. Vieles in ihrem Dirigieren geschieht auch mit Blicken und Körperbewegungen - man merkt die große Aufmerksamkeit des Orchesters, erlebt eine große Präzision in allen Orchestergruppen und ein stets ausgewogenes Gesamtklangbild.

Und hier sei Einschub gestattet:

Als Opernfreund denkt man bei Mazeppa natürlich auch an die in unseren Breiten selten aufgeführte und rund 30 Jahre nach Liszts Orchesterwerk entstandene Tschaikowski-Oper. In der Grazer Oper konnte man im Kulturhauptstadt-Jahr 2003 dieses monumentale Werk in einer musikalischen Modellaufführung des Mariinsky-Theaters unter Valery Gergiev erleben. Diese Produktion ist auch als  DVD verfügbar:

Aber zurück zu unserem Grazer Eröffnungskonzert:

Als Solist für das 2. Violinkonzert von Béla Bartók (1939) konnte der renommierte ukrainische Geiger Valeriy Sokolov gewonnen werden, der schon in frühester Jugend Karriere gemacht hatte und über den es 2004 als Der Geiger der Seele eine französische  Filmdokumentation gab. Heute begegnete man einem reifen Künstler, der nicht nur durch seine Virtuosität beeindruckte, sondern vor allem auch durch sein eng mit den Orchestermusikern verbundenes Musizieren und absolut uneitle Attitüde für sich einnahm. Wenn ich es recht recherchiert habe, ist Bartóks 2. Violinkonzert zuletzt im Jahre 1973 in Graz erklungen - also war es höchste Zeit, dass man dieses großartige Werk wieder erleben konnte. Valeriy Sokolov verstand es großartig, mit gebührend-großem, zupackendem Ton das Stück zu eröffnen, aber bruchlos in die lyrischen Phrasen (speziell im 2. Satz) zu wechseln. Er verband die große Virtuosengeste ideal mit zartem kammermusikalischem Musizieren. Zu Recht gab es für Valeriy Sokolov großen Beifall.

Nach der Pause folgte dann die Symphonie Nr. 2 von Robert Schumann. In mehreren Interviews hat Oksana Lyniv ihrer leidenschaftlichen Begeisterung für dieses Werk Ausdruck verliehen. Und tatsächlich konnte man an diesem Abend erleben, wie die Dirigentin mit großem Ernst in der Interpretation geradezu aufging. Es ist ja ein durchaus zwiespältiges Werk, das Robert Schumann nach einer großen Schaffenskrise geschaffen hat. Die Symphonie wurde 1846 unter der Leitung von Mendelssohn-Bartholdy uraufgeführt, ist also rund zehn Jahre älter als die effektvolle Lisztsche Programmmusik, die wir zu Beginn des Abends gehört hatten. Und dennoch: um wieviel moderner und zeitgemäßer klingt für uns heute Schumann als Liszt.

Das Adagio des 3. Satzes der Symphonie wurde zum bewegendsten Teil des gesamten Konzertabends. Da legte Oksana Lyniv den Dirigentenstab weg und formte die J. S. Bach nachgebildeten Phrasen nur mit ihren Händen zu berührend-zartem Wohlklang, die Streicher und Holzbläser verströmten melancholische Klänge. Oksana Lyniv versenkte sich und das Publikum in eine andere Welt - ohne dass dies je pathetisch-künstlich wirkte. Das war großartiges Musizieren in idealer Verbindung zwischen Dirigentin, Orchester und Publikum.

Nach diesem musikalischen Höhepunkt fiel der Finalsatz geradezu ein wenig ab. Die strahlende, fast ein wenig hohle  Fröhlichkeit kann man Schumann nicht so recht glauben - aber natürlich war damit ein dramaturgisch effektvoller Schlusspunkt für den Konzertabend gesetzt.

Das Publikum im voll besetzten Hause spendete stürmischen Applaus - Oksana Lyniv hat das Grazer Publikum - und auch die ausgezeichnet disponierten Grazer Philharmoniker - für sich gewonnen. Wir erwarten gespannt ihre erste Opernproduktion - den Eugen Onegin im Dezember.

 

Hermann Becke, 24. 9. 2017

Aufführungsfotos: Oper Graz, © Werner Kmetitsch

 

Hinweis:

Hier gibt es ein ausführliches Interview mit der neuen Opernchefin, das zwei Tage vor dem Eröffnungskonzert geführt wurde.

 

 

WEST SIDE STORY

am 31. 5. 2017

Wiederaufnahme einer Erfolgsproduktion

Die Produktion in der Regie von Josef Ernst Köpplinger hatte am 13. 12. 2008 ihre Premiere an der Grazer Oper. Ich notierte damals zusammenfassend:

Eine in Choreographie, Drive und Action hervorragende Produktion, bei der allerdings die Musik zu sehr in den Hintergrund tritt.

Fast neun Jahre später wurde nun diese Produktion hervorgeholt und mit einer völlig neuen Besetzung erarbeitet - ich war gespannt, wie es diesmal sein wird.

Im mit sehr viel Jugend gefüllten Opernhaus wurde die Wiederaufnahme jedenfalls ein deutlicher und bejubelter Publikumserfolg - und dafür gibt es gute Gründe:

-        Man hatte als Maria und Tony junge Rollendebütanten mit sympathischer Ausstrahlung und guter Stimme

-        Um sie herum hatte man eine Schar von jungen Leuten, die alle eine fundierte Musical- bzw. Ballettausbildung haben

-        Inszenierung, Choreographie und Ausstattung sind praktikabel und werkgerecht

-        und vor allem: Bernsteins 60 Jahre altes Werk hat auch heute noch Kraft und den unwiderstehlichen Sog, der das Publikum fesselt

Leonhard Bernstein schrieb ein Jahr vor der Uraufführung:

Das Hauptproblem: die feine Scheidewand zwischen Oper und Broadway zu finden, zwischen Wirklichkeit und Dichtung, zwischen Ballett und bloßem Tanz, zwischen Abstraktion und Abbildung. Tunlichst ‚Botschaften‘ vermeiden. Die Scheidewand ist da, aber sie ist hauchdünn, und manchmal muss man seine Augen strapazieren, ehe man sie wahrnimmt

All das ist in dieser Produktion gut gelungen, wenn auch ein grundsätzlicher Einwand - wie derzeit wohl bei allen Musical-Produktionen - nicht verschwiegen werden darf:

Ich bekenne, dass ich wahrlich kein Freund der elektronischen Verstärkung von Stimmen und Instrumenten bin! Und da freu ich mich, wenn ich in einer Berliner Zeitung zu diesem Thema Folgendes lese:

Das Musical entstand fast zeitgleich mit dem Pop. Kein Zufall, dass Mikroports hier schon lange selbstverständlich sind. Ja, es mag eine Zeit gegeben haben – in den 50er Jahren, als Bernstein mit der „West Side Story“ das erste Musical schrieb – in der Darsteller tatsächlich ohne Verstärkung gesungen haben. Heute sind Musicals ohne Verkabelung nicht denkbar, auch in der aktuellen „West Side Story“ an der Komischen Oper nicht. Das Publikum hat sich an den Anblick der kleinen Spangen gewöhnt, die Frage nach Alternativen wird nicht gestellt. Obwohl die Darsteller ja nicht ständig singen. Schweigt die Musik, sprechen sie auch – und haben trotzdem Mikroports umgeschnallt. Das ist so, als würde man den ganzen Tag einen Schirm mitschleppen, obwohl es nur manchmal regnet.

Natürlich gibt es dieses Problem auch bei der Grazer Produktion - das Publikum hört nicht die einzelnen Stimme, sondern bekommt über die am Bühnenportal aufgestellten Boxen eine - überdies zu laute! - Klangmischung serviert, die wohl von jenen zusammengemixt wird, die an den Reglern des Mischpultes sitzen. Man kann außerdem akustisch nicht registrieren, ob eine Stimme von links, rechts oder hinten ertönt - und alles ist schlichtweg zu laut. (Wer für die Tontechnik verantwortlich ist, ist übrigens dem Programmheft nicht zu entnehmen!) Und auch bei den - deutsch gesprochenen - Textpassagen hilft das Mikrofon kaum. Jene, die - erprobt von Oper und Operette oder Schauspiel - gut artikulieren, versteht man sehr gut, jene, die ihre Wurzeln im Musical haben, versteht man schlecht bis gar nicht. Und weil der oben zitierte Zeitungsartikel ausdrücklich darauf hinweist:

Ja - bei der deutschsprachigen Erstaufführung der West Side Story an der Wiener Volksoper im Jahre 1968 brauchte man noch keine Mikroports - die glänzende Bühnenpräsenz der Protagonisten reichte durchaus, um den Text zu verstehen!

Aber nun zu den erfreulichen Seiten des Abends:

Für das Liebespaar Tony und Maria kann Graz eine optimale Besetzung aufbieten: Der junge aufstrebende und für Graz neue Tenor Franz Gürtelschmied aus Wien überzeugt uneingeschränkt. Er hat die nötige jungenhafte Bühnenausstrahlung und singt fein nuanciert. Er verleugnet nicht seine Herkunft aus dem Opern-und Operettenfach, trifft aber dennoch die für die Bernstein-Musik angemessene, belcanteske Musical-Klangfarbe. Maria ist ein in vielen Produktionen erprobter Grazer Publikumsliebling: Sieglinde Feldhofer - man kennt und schätzt ihre ungekünstelte  Ausstrahlung, die ihr auch in dieser Rolle zu Gute kommt, wenn man auch im 1.Akt vielleicht ein wenig die puertoricanisch-exotische Facette vermissen kann. Aber im 2. Akt überzeugt sie vollends in ihrer liebvollen Zuwendung und in ihrer tiefen Verzweiflung. Auch sie singt technisch absolut sauber, klangschön und mit sehr schönen Piano-Tönen - durch die elektronische Verstärkung ging zwar nicht ihr individuelles Timbre verloren, aber nach meinem Eindruck wurde ein Klangvolumen „vorgetäuscht“, das eigentlich nicht zu ihrer Persönlichkeit passt. Beide artikulieren ihre Textpassagen ausgezeichnet - da versteht man jedes Wort. Beiden ist zu bescheinigen: das waren sehr gelungene Rollendebuts!

Nazide Aylin ist eine ungewohnt damenhafte Anita - stimmlich und darstellerisch mit routinierter Musical-Präsenz. Andrea Wolfram ist als Bernardo ein glaubwürdiger Anführer der Sharks, Björn Klein fehlte als Riff ein wenig die gewaltbereite Ausstrahlung, um ein glaubwürdiger Anführer der Jets zu sein. Eine grundsätzliche Anmerkung zu den beiden Gruppen der Jets und der Sharks:

Bei der Besetzung dieser beiden Gruppen - laut Bernstein „die kämpferischen Puertoricaner und die selbsternannten Amerikaner“ - hatte man nach meiner Einschätzung viel zu wenig auf eine Differenzierung der Persönlichkeiten geachtet. Hätten nicht die Puertoricaner bunte und die Amerikaner graue Kostüme, man hätte sie nicht auseinanderhalten können. Aus der 34 Rollen umfassenden Besetzung seien noch zwei hervorgehoben:

Der erfahrene Schauspieler Gerhard Balluch verstand es, mit ganz einfachen, zurückgenommenen Mitteln einen berührenden Doc auf die Bühne zu stellen. Und Annakathrin Naderer fiel als Anybody’s mit einem sehr schön gestalteten Gesangssolo auf.

Marius Burkert leitete das Orchester mit viel Animo und Engagement - mehr kann nicht gesagt werden, weil die generelle elektronische Verstärkung ja die Möglichkeiten eines subtilen und abgestuften Klangbildes entscheidend einschränkt.

Wie schon eingangs gesagt:

Am Ende gab es lautstarken Beifall und Bravorufe. Eine neue Generation an Musical- und hoffentlich auch Opernbesuchern hatte ein Standardwerk in einer sehr ordentlichen Interpretation erleben können - dafür ist der Oper Graz jedenfalls zu danken.

Hermann Becke, 1. 6. 2017

Fotos: Oper Graz, © Werner Kmetitsch

Weitere 9 Aufführungen im Juni 2017

 

 

KURZGENUSS - Strauss, Mahler, Zemlinsky, Schönberg, Berg, Puccini im Hotel Elefant

15. 5. 2017 (Premiere)

 

Als dritte Produktion der Reihe OpernKurzgenuss von Oper Graz und Kunstuniversität Graz - nach Wolf-Ferraris „Susannens Geheimnis“ im vergangenen November und Monteverdi im März (beide Male berichtete der Opernfreund) - gab es neuerlich einen ungewohnten, klug und beziehungsreich gewählten Aufführungsort:

Unter dem Jugendstilmosaik Die Geburt der Venus von Leopold Forstner aus dem Jahre 1910 im Grazer Hotel Wiesler erlebte man eine anregende Collage - oder wie es im Programm heißt einen nicht ganz seriösen Dokumentar-Abend. Das Thema:

Im Mai 1906 fand in der Oper Graz die österreichische Erstaufführung der Salome unter der Leitung von Richard Strauss statt - und da reiste die musikalische Prominenz nach Graz. Im Hotel Elefant wohnten gleichzeitig: Richard Strauss, Gustav Mahler, Alexander Zemlinsky, Arnold Schönberg, Alban Berg und Giacomo Puccini. Das Hotel Elefant gibt es heute nicht mehr - kultur-und lokalgeschichtlich Interessierte können hier nachlesen, was es mit diesem Hotel, dem Elefanten und dem Zusammenhang mit dem italienischen Barockbildhauer Gian Lorenzo Bernini auf sich hat - und so wählte man eben das nahe gelegene Hotel Wiesler mit seinem Jugendstilmosaik.

Maris Skuja und Günter Fruhmann leiten das Opernstudio der Oper Graz und haben gemeinsam mit den Dramaturgen Marlene Hahn und Jörg Rieker sowie der Ausstatterin Silke Fischer ein charmantes Konzept entwickelt, um die Opernschickeria dieser emotional aufgeladenen Zeit vor dem 1.Weltkrieg aufleben zu lassen - und vor allem, um damit auch den jungen Künstlerinnen und Künstlern eine wirkungsvolle Auftrittsmöglichkeit zu schaffen. Es ist natürlich naheliegend und im Sinne der Nachwuchspflege sehr sinnvoll, dabei auch mit der Kunstuniversität Graz zusammenzuarbeiten. Da erlebte man also aus dem Opernstudio Sonja Šarić (Sopran), Yuan Zhang (Mezzosopran), Dariusz Perczak (Bariton) sowie    iesoMartin Simonovski (Bass) sowie von der Kunstuniversität Natalya Ryabova (Sopran) und Neven Crnić (Bariton, der in der nächsten Saison in das Opernstudio übernommen wird und schon den Schaunard singen wird). Dazu kam noch der Jungkabarettist Florian Kutej als Oscar Wilde. Diese Nachwuchsschar ergänzten vier Routiniers des Hausensembles: Tetiana Miyus, Martin Fournier, János Mischuretz und Wilfried Zelinka.

Ins Zentrum der szenischen Collage hatte man die femme fatale Alma Mahler gestellt, die im Jahre 1906 die Gattin des damaligen Direktors der Wiener Staatsoper Gustav Mahler und 26 Jahre alt war - also etwa gleich alt wie ihre vier Darstellerinnen. Sie war mit ihrem Mann nach Graz zur Salome-Erstaufführung gekommen. Auch die Komponisten traten personifiziert aus - reizvoll immer wieder zwischen den sechs Sängern wechselnd. Der musikalische Teil wurde am Klavier begleitet - exzellent Maris Skuja! - und brachte Lieder von Schönberg, Alma Mahler, Puccini, Gustav Mahler, Zemlinsky, Berg, aber auch Opernausschnitte aus Zemlinskys Zwerg, aus Ariadne auf Naxos, Rosenkavalier, Salome und La Bohème.

Es war ein etwa 80 Minuten dauerndes vergnügliches Salonkonzert für rund 60 Gäste in angenehmer Hotelsaalatmosphäre mit einem geistvoll und anregend zusammengestellten Programm. Das einleitende Video zum „Hotel Elefant“ empfand ich als überflüssig. Es fiel gegen die danach gebotenen Leistungen natürlich ab - der Live-Auftritt ist noch allemal anregender als jede Videoaufzeichnung. Der Abend war alles in allem eine Petitesse, die man nicht weiter analysieren und zerreden soll.

Das Nachwuchsteam konnte sich in Stücken präsentieren, die man ihnen auf der großen Bühne noch nicht zutrauen kann und hat dabei ansprechende gesangliche Leistungen geboten, die durchaus vielversprechend für die Zukunft sind - die (nur wenig älteren!) Routiniers steuerten ihre Erfahrung bei und zeigten, dass die Jugend noch einiges von ihnen an Präsenz und Intensität lernen kann. Es sei nur eine Einzelheit herausgegriffen: im Bohème-Ausschnitt war Wilfried Zelinka nicht etwa Colline, sondern spielte und sang als skurriler Hausherr Benoît die Bohèmiens geradezu an die Wand. Da man als Publikum ganz nahe an den Akteuren dran saß, konnte man dieses Kabinettstück - wie den gesamten Abend überhaupt - restlos genießen.

Am Ende schwenkte man dann ganz ins Heitere: zunächst präsentierte das Ensemble gemeinsam den köstlichen amerikanischen Song „Alma“ von Tom Lehrer mit dem Titel The loveliest girl in Vienna was Alma (hier als Solosong nachzuhören), bevor man - gleichsam als Reverenz an Graz und „seinen“ Robert Stolz - das Programm mit dem unsterblichen Hit Salome schwungvoll und tänzerisch bewegt abschloss.

Reicher Beifall - die weiteren Aufführungen werden ihr Publikum finden!

Hermann Becke, 16. 5.  2017

Fotos: Oper Graz, © Werner Kmetitsch

 

Hinweise:

-      Weitere Aufführungen am 16., 17. und 21. Mai 2017

-      Nächster OperKurzGenuss am 17. Juni mit Menottis Telephon auf der Grazer Murinsel

-       Wer sich intensiver mit dem theater- und sozialgeschichtlichen Kontext der österreichischen Erstaufführung von Salome auseinandersetzen will, dem sei unbedingt dieses Werk ans Herz gelegt - eine wahre Fundgrube!

 

 

NORMA

10. 5. 2017 (2. Vorstellung nach der Premiere vom 6. 5. 2017)

Stimmliche Glanzlichter in szenischer Peinlichkeit   

„Wir haben uns die Frage gestellt, wie man sich auf die Riten der Gallier bezieht und gleichzeitig in unserer modernen Gesellschaft bleibt und uns entschieden, einige Riten neu zu setzen. Wir haben Fetische kreiert, deren Vorlagen aus Naturriten und archaischen Bräuchen stammen, die man in ganz Europa findet. So sind aus Naturmaterialien (Stroh, Baum Fellen, Hörner) faszinierende Masken bzw. Wesen entstanden, wie wir sie im österreichischen und bayerischen Alpenraum als ‚Perchten‘ kennen.“ 

Das entnimmt man dem Programmheft aus einem Gespräch zwischen dem szenischen Leadingteam Florentine Klepper (Regie), Martina Segna (Bühne) und Adriane Westerbarkey (Kostüme). Es ist jenes Team, das Schrekers Der ferne Kang im Herbst 2015 so hervorragend auf die Grazer Bühne gebracht hatte - diesmal sind die Damen allerdings meiner Meinung nach dem heute allgegenwärtigen und allzu oft unnötigen Drang der Aktualisierung von Opernstoffen erlegen und damit gescheitert. Gescheitert deshalb,

-        weil in Bellinis Norma nicht platte Geschichtskritik im Vordergrund steht, sondern weil es um menschliche Konflikte geht,

-        weil gerade diese menschlichen Konflikte nicht inszeniert sind, sondern in stereotyper Operngestik stecken bleiben,

-        weil eine als alpenländische Volksmusikgruppe verkleidete Blechbläser-Banda auf der Bühne bei Bellini lächerlich ist,

-        weil die eingangs erwähnten (überdimensionalen) Perchtenfiguren, die während der großen Casta-diva-Szene Kanister schwenken, aus denen Dampf entströmt, nicht nur peinlich sind (ich registrierte in meinem Umfeld mehrfache befremdete Lacher), sondern vom musikalischen Kantilenenfluss störend ablenken. (Völlig zu Recht schrieb ein internationaler Kritiker :The mystique and magic of the glorious cavatina was reduced to a circus sideshow),

-        weil die Kostüme großteils unvorteilhaft und - ebenso wie der desolate Bühnenraum - hässlich sind,

-        weil die Video-Projektionen am Ende ebenso hässlich wie überflüssig sind

-        und weil Choristen, die Fantasiefahnen im Takt der Musik schwingen und am Ende mit Maschinenpistolen fuchteln, peinlich sind.

Gott sei Dank gab es in dieser szenischen Trostlosigkeit veritable stimmliche Glanzlichter:

Die aus Nowosibirsk stammende Irina Churilova sang in Graz ihre erste Norma. Sie singt erste Partien ihres Fachs (z.B. Tatjana, Jolanthe, Amelia, Elisabetta) nicht nur in ihrem Stammhaus in Nowosibirsk   - wer weiß von uns schon, dass dies das größte und technisch modernste russische Opernhaus ist! -, sie gastiert auch in Petersburg und Moskau und wird im Juli 2017 in Verona die Aida singen. An diesem Grazer Abend steigerte sie sich von Szene zu Szene. Von Beginn an nahm sie zwar sofort mit ihrem großen und warmtimbrierten Organ für sich ein, doch blieb sie darstellerisch - in unvorteilhaftem Politfunktionärinnen-Kostüm - blass und steif. Man registrierte zwar die wunderschöne „reiche“ Stimme, allerdings blieb die große Casta-diva-Szene noch etwas unausgewogen. In den Szenen mit Adalgisa und Pollione gewann sie dann zunehmend an Sicherheit und Ausgeglichenheit - mit sehr schönen Piano-Phrasen und bombensicheren Spitzentönen. Als Darstellerin war sie erst im letzten Bild berührend - nun in vorteilhafter wallender Kleidung, in der sie sich merklich wohler zu fühlen schien. Insgesamt bot Churilova ein große stimmliche Leistung, der noch ein wenig das individuelle Profil fehlte.

Diese individuelle Prägung erlebte man hingegen sofort ab dem ersten Auftritt der Adalgisa von Dshamilja Kaiser. Schon ihr erstes großes Rezitativ war plastisch und mit Anteilnahme gestaltet - da hörte man (erstmals an diesem Abend) wirklich gespannt zu. Im ersten Akt fiel diesmal bei Dshamilja Kaiser eine besonders schlanke Stimmführung und helle Stimmfärbung auf, mit der sie offenbar die unschuldige Novizin charakterisieren wollte. Und diese (fast übertrieben) schlanke Stimmführung führte wohl auch dazu, dass ihr im Duett mit Norma der abschließende (zu wenig gestützte) Spitzenton nicht gelang - wahrhaft ein seltener Fall bei dieser sonst absolut höhensicheren Sängerin. Nach der Pause überzeugte Dshamilja Kaiser dann vollends mit ihrer nun voller und breiter geführten Mezzostimme. Sie war darüber hinaus unter allen Protagonisten die einzige, die eine bewegende Figur auf die Bühne zu stellen vermochte. Selbst Regie-Peinlichkeiten wie das eigenhändige Abschneiden ihres langen Haars mit einem großen Beil konnten ihrer Bühnenpräsenz nichts anhaben. Man kann nur wiederholen: ihr Abgang mit Ende dieser Saison wird eine schmerzliche und schwer zu füllende Lücke im Grazer Ensemble reißen.

Als Pollione hatte man den kasachischen Tenor Medet Chotabaev engagiert, der mit seinem kräftigen, allerdings etwas gaumigen, nicht ganz in der Maske sitzenden Organ die Partie sicher, aber ohne spezielles Profil bewältigte. Auch er war durch die Kostümierung - in einem grell-blauen Anzug mit blonder Perücke - benachteiligt und konnte mangels jeglicher Personenführung keinerlei darstellerische Prägnanz vermitteln. Auch für die nicht allzu große, wenn auch wichtige Partie des Oroveso hatte man einen Gast engagiert, obwohl die Rolle wohl auch aus dem Grazer Stammensemble adäquat hätte besetzt werden können. Der armenische Bassist Tigran Martirossian gestaltete die Figur des unmenschlichen Militärbonzen mit sonorem Organ und souveräner Stimmführung sowie mit der von der Regie vorgegebenen Eindimensionalität. Solid waren die beiden Nebenrollen besetzt: Martin Fournier sang mit klarer und fokussierter Stimme den Flavio und Yuan Zhang war eine gut singende, konventionell-betuliche Norma-Freundin Clotilde.

Chor & Extrachor der Oper Graz (Leitung: Bernhard Schneider) sangen wie gewohnt sehr sicher und mit gebührendem Klangvolumen. Die Regie zwang die honorigen Damen und Herren einerseits zu martialischem Gehabe und anderseits in pittoresk-überspitzte Perchten-Kostüme und hässliche Uniformen - der Chor hat alles mit Geduld und Routine ausgeführt - allerdings ohne den von der szenischen Leitung erhofften szenischen Effekt. Das Grazer Philharmonische Orchester stand diesmal unter der Leitung des Ersten Kapellmeisters Robin Engelen. Er setzte offenbar auf Kontraste. Richard Wagner hatte geschrieben Norma: das ist, bei aller Pauvretät, wirkliche Passion und Gefühl. Und diese beiden Extreme - die Pauvretät und die Passion - arbeitete Engelen in seiner Interpretation heraus: da knallte einerseits das gut disponierte Blech - auch von der Bühne und sogar einmal von der Galerie, und andererseits breitete Engelen in manchmal gar zu breit verschleppenden Bögen die großen, von Verdi als lange, lange Melodien apostrophierten Phrasen aus. Man vermisste ein wenig den Zusammenhalt dieser Extreme und die große alles zusammenführende Spannung. Leider konnte man auch so manche Ungenauigkeit (z.B. in den Holzbläsern oder in der rhythmischen Präzision) nicht überhören.

Am Ende gab es im vollbesetzten Haus intensiven, wenn auch kurzen Beifall. Beim Verlassen des Hauses hörte ich doch so manche positive Stimme des Publikums -„schön“ sei es gewesen. Waren da die bengalischen Feuerspiele hinter den drohend erhobenen Maschinenpistolen im Schlussbild gemeint?? Ich würde mir jedenfalls eine andere optische Umsetzung Bellinischer Belcanto-Seligkeit wünschen!

Hermann Becke, 11. 5. 2017

Fotos: Oper Graz, © Werner Kmetitsch

 

Hinweise:

-        Weitere 9 Vorstellungen im Mai und Juni 2017

-        Eine Reminiszenz an meine allerersten Belcanto-Eindrücke kann und will ich nicht verschweigen: in den 60er-Jahren des vorigen Jahrhunderts gab es in Graz großartige Aufführungen von Lucia di Lammermoor und von Norma. Die Titelpartien sang damals die südafrikanische Sopranistin Mimi Coertse - alle Aufführungen waren vom Publikum gestürmt. Wer sich daran erinnert - oder darauf hingewiesen werden will - , kann hier nachhören, wie damals Casta diva klang...

 

 

 

OPER GRAZ SPIELPLAN 2017/18

Pressekonferenz am 28.4.2017

Intendantin Nora Schmid stellte in einer Pressekonferenz gemeinsam mit der neuen Chefdirigentin Oksana Lyniv und dem Ballettdirektor Jörg Weinöhl das Programm für die kommende Saison vor.

Opern-Neuinszenierungen:                           

Il Trovatore

Le Nozze di Figaro

Eugen Onegin

Ariane et Barbe-Bleue

Il viaggio a Reims

María de Buenos Aires 

Dazu kommen drei Ballettabende (einer mit Barockmusik, einer Fritz Wunderlich gewidmet und einer mit Mendelssohn-Bartholdys Sommernachtstraum-Musik), die Operette Eine Nacht in Venedig sowie als Musical die österreichische Erstaufführung von Ragtime und als konzertante Aufführung zum 100. Geburtstag von Leonard Bernstein Candide mit den Erzähltexten von Loriot. Außerdem gibt es als Wiederaufnahme La Bohème in der bewährten Diemar-Pflegerl-Inszenierung mit völlig neuer Besetzung. Zusätzlich wird ein reiches Konzert-und Jugendprogramm angeboten.

Und vor allem wird auch die erfolgreiche Kooperation mit der Kunstuniversität Graz fortgesetzt. Da wird es unter dem Titel „Im Feuer ihres Blutes“ als Uraufführungen an einem Abend vier Kurzopern von Kompositionsstudierenden namhafter Lehrer (Clemens Gadenstätter, Klaus Lang, Gerd Kühr und Beat Furrer, der auch die musikalische Gesamtleitung hat) geben. Zusätzlich  wird die Serie „OpernKurzgenuss“ an ungewohnten Aufführungsplätzen fortgesetzt mit Menottis Amahl und die nächtlichen Besucher, Poulencs Die menschliche Stimme und Händels Apollo e Dafne. Auch diese Produktionen werden in Kooperation mit der Kunstuniversität Graz erarbeitet.

Die Pressekonferenz war ausgezeichnet besucht. Das Programm verspricht interessant zu werden - schön, dass man erstmals in Graz Paul Dukas‘ Blaubart-Oper erleben wird - und natürlich ist man auch besonders gespannt auf die neue Chefdirigentin , die Eugen Onegin, Ariane et Barbe-Bleue sowie Viaggio a Reims leiten wird - drei Werke, die sie selbst zum ersten Male dirigieren wird. Oksana Lyniv wies speziell bei Rossini darauf hin, wie wichtig ihr die Ensemble-Arbeit ist - und das wird sich bei diesem Stück wahrhaft zu bewähren haben, wenn man an das große vierzehnstimmige (!) Ensemble denkt, aber auch an jenen Maßstab, den Claudio Abbado mit der legendären Produktion an der Wiener Staatsoper vor knapp 30 Jahren gesetzt hat - schauen Sie einmal in den Video-Ausschnitt von damals hinein (mit Gasdia, Valentin-Terrani, Caballé, Merrit, Furlanetto, Raimondi und, und und…)

Zwei Wermutstropfen seien nicht verschwiegen:

-         Die großartige und sehr beliebte Mezzosopranistin Dshamilja Kaiser verlässt Graz und geht mit dem scheidenden Chefdirigenten Dirk Kaftan nach Bonn - das ist ein großer Verlust für das Grazer Ensemble. Schön, dass man sie demnächst als Adalgisa in der Norma-Premiere noch einmal erleben kann.

-         Und auf dem Programm der nächsten Saison steht kein einziges Werk des deutschen Opernrepertoires. Wenn man Oksana Lyniv mit Wagner erleben will, dann muss man ans Liceu in Barcelona  fahren. Da dirigiert sie ab 2. Mai eine Serie des Fliegenden Holländer . Hoffen wir, dass wir sie zumindest ab 2018/19 in Graz als Dirigentin eines Werkes von Richard Strauss oder Richard Wagner erleben können.

Das umfangreiche und informative Programmheft der Saison 2017/18 - genannt Opernsaisonal - kann hier  im Detail nachgelesen werden.

Hermann Becke, 28. 4. 2017

Fotos: Oper Graz

TV-Bericht über die Pressekonferenz

 

 

DER ZWERG (Zemlinsky)

DER GEFANGENE (Dallapiccola)

2. 4. 2017 (3. Vorstellung nach der Premiere vom 25. 3. 2017)

Trailer

Zemlinsky und Dallapiccola eindrucksvoll verbunden

Zwei selten gespielte Einakter wurden vom Leading-Team Dirk Kaftan (Musikalische Leitung) - Paul Esterhazy (Inszenierung) - Mathis Neidhardt (Bühne & Kostüme) - Stefan Bolliger (Licht) - Marlene Hahn (Dramaturgie) eindrucksvoll und überzeugend miteinander verbunden. Beide Stücke spielen in einem dunklen Einheitsraum und in grauen Einheitskostümen - nur die zentrale Projektion ändert sich. Im ersten Teil deutet diese Projektion mit dem historischen Bild der Infantin Donna Clara auf das Spanien das 16. Jahrhunderts, in dem das Stück laut Libretto spielt, im zweiten Teil wandelt sich dieses Bild in den Großinquisitor aus eben dieser Zeit - das Abbild des Bösen ist also immer präsent.

Sowohl in Alexander Zemlinskys Der Zwerg (Uraufführung 1922) als auch in Luigi Dallapiccolas Il prigioniero (Uraufführung 1949) geht es um Außenseiter und um enttäuschte Hoffnungen. Die beiden Einakter gemeinsam an einem Abend zu zeigen, ist also durchaus schlüssig (wenn auch nicht neu - siehe den Hinweis am Ende des Berichts!) - und insgesamt gelang der Oper Graz ein spannungsvoller Abend - allerdings sind bei der szenischen Umsetzung doch gewichtige Einwände angebracht. Der Regisseur Paul Esterhazy ist - so wie schon zuletzt in seiner Luisa-Miller-Inszenierung vom Dezember 2015 - wiederum der Versuchung erlegen, eine schlüssige Grundidee (nämlich beide Stücke als Albtraum zu verbinden) mit allzu vielen Details zu überfrachten, die vom Kern des Dramas ablenken. Hätte er beispielsweise im ersten Teil die nervös zuckenden Chordamen, die dann im zweiten Teil bei Dallapiccola durch eine analog zuckende Kinderschar abgelöst wurden, einfach weggelassen und hätte er der Bühnenpräsenz seiner Hauptfiguren vertraut, dann wäre der Abend kompakter und noch beklemmender gewesen. Die Protagonisten waren nämlich wirklich vorzüglich und haben durch ihre Intensität den Abend getragen.

Aleš Briscein kennt man in Graz durch seinen ausgezeichneten Laca in der Jenufa-Inszenierung von Konwitschny im Jahre 2014. Er ließ sich diesmal wegen einer drohenden Pollenallergie vorsorglich entschuldigen, ohne dass man dann allerdings eine Beeinträchtigung bemerken konnte. Mit heller, klar artikulierender Stimme war er in der umfangreichen und hoch liegenden Partie des Zwergs das Zentrum des Zemlinsky-Stücks - und das gesanglich und darstellerisch. Tatjana Miyus war eine rollendeckende, verwöhnte Infantin. Sie gestaltete die Figur glaubwürdig als Kind-Weib und war stimmlich absolut sicher.

Wilfried Zelinka war als Don Esteban ein strenger Zeremonienmeister - auch er stimmlich sehr gut. Die estnische Sopranistin Aile Asszonyi ist für Graz neu - sie ließ schon bei Zemlinsky in der kleinen Partie der Ghita sofort mit ihrem jugendlich-dramatischen Sopran aufhorchen, um dann im zweiten Teil als Mutter in Dallapiccolas Gefangenem gesanglich und interpretatorisch voll zu überzeugen. Es wäre sehr schön, sie einmal in Graz in einer jener Partien erleben zu können, in denen sie sehr erfolgreich auf europäischen Bühnen auftritt: als Senta, als Aida, als Tannhäuser-Elisabeth. Die Zofen und Gespielinnen der Infantin waren adäquat besetzt. Der Frauenchor leistete stimmlich Schönes. Die übertriebene und störende szenische Aktion wurde von den Chordamen konsequent umgesetzt - sie wäre besser unterblieben.

Der Mittelpunkt des Dallapiccola-Stückes war zweifellos Markus Butter, der seine Rolle (in ausgezeichnetem Italienisch) sehr prägnant artikulierte und mit markantem Bariton ohne jegliche Larmoyanz den in seinen Hoffnungen getäuschten Gefangenen verkörperte. Manuel von Senden war ein schmierig-penetranter Kerkermeister, und Aile Asszonyi war eine dominante, bewegende Mutterfigur - auch sie war durch szenische Übertreibung belastet: die Schnapsflasche, die sie in ihrer Verzweiflung hervorzuziehen hatte, war ebenso überflüssig, wie die Mädchen, die jene Übertreibungen auszuführen hatten, die im ersten Teil die Chordamen vollzogen. Sobald nur die drei zentralen Figuren auf der Bühne standen - Gefangener, Kerkermeister und Mutter - wurde man wie durch einen Sog in Stück und Musik hineingezogen und war man gepackt. Auch die zitathafte Einführung eines Statistenzwerges war unnötig - das Publikum hätte auch ohne diese überflüssigen szenischen Zugaben erfasst, dass der Zwerg und der Gefangene hoffend-hoffnungslose Außenseiter sind. Das einprägsame Bühnenbild und der leere Spiegelrahmen sowie die starke stimmliche und darstellerische Präsenz der Protagonisten hätten die Parabel wirksam genug vermitteln können. In zwei kleinen Nebenrollen waren David McShane und Roman Pichler überzeugend.

Ausgezeichnetes leistete das Grazer Philharmonische Orchester unter seinem Chefdirigenten Dirk Kaftan. Es war seine letzte Premiere an diesem Hause, in dem er ab 2006/07 ein breites Repertoire dirigierte und das er seit 2013 als Chefdirigent musikalisch leitete und prägte. Bei diesen beiden selten gespielten Einaktern konnte man Kaftans Stärken nochmals erleben: intensiver persönlicher Einsatz auch in einer Repertoirevorstellung ist selbstverständlich und garantiert spannungsvolles Musizieren und Mitgehen des Orchesters - da klingt auch Dallapiccolas Zwölftonmusik gar nicht akademisch und der spätromantisch-üppige Orchestersatz Zemlinskys blüht auf.

Das Haus war sehr gut besucht und spendete reichen Beifall - das beweist, dass auch weithin unbekannte Werke bei qualitätsvoller Umsetzung ihr Publikum finden. Es gibt bis zum Saisonende noch sechs weitere Aufführungen - das Kennenlernen der beiden Werke lohnt unbedingt!

Hermann Becke, 3. 4. 2017

Fotos: Oper Graz, © Werner Kmetitsch

 

Hinweise:

Einen Vorteil gibt es, wenn man nicht über die Premiere berichtet:

Die Oper Graz hat zum Unterschied zu vielen anderen Häusern die Gewohnheit, dass es ein Video über Proben und Aufführung immer erst einige Tage nach der Premiere gibt - daher kann ich nun gerne darauf hinweisen: das Video vermittelt einen guten Eindruck der Produktion.

 

Und zu Luigi Dallapiccola seien einige Graz-spezifische Hinweise gegeben:

-        Dallapiccola ist mit Graz biographisch verbunden, wie das informative Programmheft belegt. Hier verbrachte der 1904 in Istrien geborene Komponist ab 1917 zwanzig Monate, weil seine Eltern als „politisch unzuverlässig“ galten und in Graz interniert wurden. Das Positive an dieser schwierigen Situation war für Dallapiccola, dass er in dieser Zeit mehr als 80 Aufführungen in der Grazer Oper besuchte und nach eigenen Angaben in einer Vorstellung von Wagners „Der fliegende Holländer“ den Beschluss fasste, Komponist zu werden.

-        Zu seinem 60.Geburtstag im Jahre 1964 gab es in der Grazer Oper die Erstaufführung von „Der Gefangene“ (damals in deutscher Sprache und gemeinsam mit Bartoks „König Blaubart“). Ich erinnere mich sehr gut an die packende Aufführung mit dem später lange Jahre an der Wiener Staatsoper wirkenden Bariton Hans Helm

-        1969 wurde Luigi Dallapiccola Ehrenmitglied der damaligen Akademie und nunmehrigen Universität für Musik und darstellende Kunst in Graz

-         Und zuletzt sei noch auf eine Aufführung der Semperoper Dresden im Jahre 1993 verwiesen. Damals hatte das in Graz unvergessene Team Christian Pöppelreiter (Regie)/ Jörg Kossdorf (Bühne) Zemlinskys Zwerg gemeinsam mit Dallapiccolas Gefangenem auf die Dresdner Bühne gebracht!

 

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IL COMBATTIMENTO DI TANCREDI E CLORINDA

11. 3. 2017 (Premiere)

Exquisiter Opernkurzgenuss          

Als zweite Produktion der Reihe OpernKurzgenuss von Oper Graz und Kunstuniversität Graz - nach „Susannens Geheimnis“ im vergangenen November (der Opernfreund berichtete) - ist Alte Musik in der Orangerie des Burggartens zu erleben. Der Ort ist klug und beziehungsreich gewählt:

1564 wurde Graz durch Erbteilung der Habsburger zur Hauptstadt der innerösterreichischen Länder und blieb bis 1619 Sitz der Erzherzöge von Innerösterreich. Das ist also ziemlich genau jener Zeitraum, in dem Claudio Monteverdi lebte und in dem jene Werke entstanden, die an diesem Abend zu erleben waren. Wenn man als historisch interessierter Gast den Weg zum Aufführungsort sucht, geht man an dem im Geburtsjahr Monteverdis errichteten Palastgebäude der Grazer Burg entlang, das von Erzherzog Karl II errichtet wurde. Eben dieser Erzherzog legte großen Wert auf den Ausbau der Gartenanlage auf der Burgbastei. Der ursprüngliche Barockgarten wurde im 19.Jahrhundert nach englischem Vorbild neu konzipiert, es wurde ein Glashaus aufgestellt, das 1841 durch die Orangerie ersetzt wurde.

Dieses klassizistische Gebäude war bereits im 19. Jahrhundert beliebte Kulisse für Veranstaltungen - heute ist es vor allem eine beliebte „Hochzeitslocation“. Zunehmend wird aber erfreulicherweise das schmale und langgestreckte klassizistische Gebäude auch als Kulturveranstaltungsort genutzt.

Wohl ebenso wie 1624 bei der Uraufführung des Monteverdischen Combattimento im venezianischen Palazzo der Familie Mocenigo war es auch diesmal nur eine kleine, aber durchaus illustre Schar der Grazer Musikliebhaber, die eine ausgezeichnete Aufführung erleben konnte - der Saal hat nur etwa 70 Sitzplätze, die an den Längsseiten aufgestellt sind. Das musikalische und szenische Geschehen spielt sich wie auf einem Laufsteg zwischen dem Publikum ab.

Das Madrigal „Il combattimento di Tancredi e Clorinda“ - basierend auf einer Episode aus Torquato Tassos „Gerusalemme liberata“ -  dauert kaum 20 Minuten. Das ist sogar für einen Opern-Kurzgenuss einfach zu kurz und so wurden dem Werk zwei Madrigale aus Monteverdis frühem Schaffen vorangestellt. Als Einleitung und Verbindung erklangen Instrumentalstücke des jüdischen Monteverdi-Zeitgenossen und Kapellmeister am Hofe von Mantua Salomone Rossi, der sich selbst Il Hebreo nannte.

Der Testo aus Il combattimento ist von Beginn an präsent - gleichsam als blasiert-distanzierter Haushofmeister. Er lässt das Publikum in den Saal und gibt dann das Zeichen für den Beginn des Spektakels. Die Geigerin und musikalische Leiterin des Abends Susanne Scholz führt ihr Studierenden-Ensemble auf alten Instrumenten (Alto - Manako Ito und Aliona Piatrouskaya; Basso - Gabriele Toscani) gemessenen Schrittes in den Saal - sie spielen auswendig ein Passegio d’un balletto von Salomone Rossi und begleiten die pantomimisch-tänzerischen Aktionen mit weiteren Stücken von Rossi. In der Inszenierung und Choreographie von Challyce Brogdon wird nämlich dem Combattimento eine erfundene Vorgeschichte der beiden Protagonisten vorangestellt: „Der erste Teil der Produktion beschreibt die Liebe in der Renaissance und wie sich die beiden treffen. Der zweite Teil ist im Barock angesiedelt, beschreibt den Krieg und verwendet Monteverdis Musik.“ Die beiden Protagonisten werden durch das Tanzpaar Challyce Brogdon und Xianghui Zeng gleichsam verdoppelt - ein nicht neuer, aber sehr wirkungsvoller Kunstgriff. Ähnliches hat z. B. vor wenigen Jahren Pier Luigi Pizzi bei seiner Festa Monteverdiana gemacht (hier ein Video) , aber auch das Conservatorio ‚Benedetto Marcello‘ di Venezia hat im Vorjahr am Uraufführungsort diese Lösung gewählt. Wie auch immer: die Grazer Version war exzellent einstudiert und die beiden Gesangsstudierenden Birgit Stöckler und Mario Lerchenberger haben in der Bewegung Außerordentliches geleistet.

Tancredi und Clorinda haben in Il combattimento nur kleine Einwürfe zu singen. Daher war es auch aus diesem Grunde sinnvoll, die beiden im 1.Teil solistisch einzusetzen. Dafür hatte man zwei fünfstimmige Monteverdi-Madrigale so eingerichtet, dass die Gesangsstimme von vier Streicherstimmen begleitet wurde.

Dem Tenor Mario Lerchenberger gelang eine stimmlich und stilistisch ausgezeichnete Wiedergabe von Donna nel mio ritorno. Die Sopranistin Birgit Stöckler bewältigte mit Anstand Ecco mormorar l’onde. Beim Hauptstück des Abends - Il combattimento di Tancredi e Clorinda - traten noch Ala Yakusheuskaya mit dem Contrabasso da gamba und Julian Gaudiano am Clavicembalo zu den Instrumentalisten des ersten Teils. Unter der unaufdringlichen, aber stets präsent-führenden Hand von Susanne Scholz gelang es überzeugend, die kontrast- und farbenreiche Monteverdi-Musik zum Leben zu erwecken. Und hier war nun auch der bisher stumme „Haushofmeister“ als berichtender Testo wirklich am rechten Platz. Martin Fournier, den man seit Jahren im Grazer Ensemble in vielen kleinen und mittleren Charakterrollen erleben kann, ist hier in diesem Rahmen und in dieser Musik ideal eingesetzt. Mit plastischer Gestaltung des Textes bei gleichzeitiger Neutralität des Erzählers und schöner stimmlicher Phrasierung überzeugte er vollends.

Der choreographischen Inszenierung gelang bei diesem großartigen Monteverdi-Werk, das vielleicht mehr Dramatik birgt als seine Opern, eine wunderbare Balance zwischen Stilisierung und bewegender Anteilnahme - sehr poetisch und bezwingend auch der unmittelbare Schluss: Clorinda liegt sterbend in den Armen von Tancredi, während die Tänzerin gleichsam als ihr Alter Ego dem Licht entgegen aus dem Saal entschwebt.

Am Ende gab es lebhaften, ja stürmischen und langanhaltenden Beifall, in den auch Elke Steffen-Kühnl einbezogen wurde, die stimmungsvolle Kostüme beisteuerte. Es war eine höchst begrüßenswerte Kooperation zwischen Oper und Kunstuniversität - es war ein einhelliger und großer Erfolg. Wer nicht dabei war, der sollte unbedingt versuchen, für eine der weiteren Aufführungen eine Karte zu bekommen!

Hermann Becke, 12. 3. 2017

Fotos: Oper Graz, © Werner Kmetitsch

 

Hinweise:

-      Weitere Aufführungen am 12., 14., 15. und 16. März 2017

-      Interview mit der musikalischen Leiterin Susanne Scholz

 

 

 

Oksana Lyniv - Chefdirigentin in Graz ab 2017/17

Die Grazer Opernintendantin Nora Schmid lud heute ganz kurzfristig zu einem Pressetermin: Die aus der Ukraine stammende Dirigentin Oksana Lyniv wird ab der Spielzeit 2017/18 Chefdirigentin des Grazer Philharmonischen Orchesters und der Oper Graz. Sie hat heute den Vertrag unterschrieben und  folgt Dirk Kaftan nach, der zur kommenden Saison als Generalmusikdirektor des Beethoven-Orchesters nach Bonn wechselt. Ihr Vertrag läuft bis einschließlich der Saison 2019/20 (analog zum Vertrag der geschäftsführenden Intendantin Nora Schmid).

Oksana Lyniv - so wie Intendantin Nora Schmid Jahrgang 1978 - war die einzige Frau unter den sechs in die engere Wahl gekommenen Persönlichkeiten. Sie hatte sich im Oktober 2016 erstmals in Graz in der Konwitschny-Produktion von La Traviata eindrucksvoll vorgestellt und war zuletzt noch zu einer Mahler-Probenphase mit dem Grazer Philharmonischen Orchester eingeladen - danach hatte sich das Orchester einhellig für Oksana Lyniv als Chefdirigentin ausgesprochenen. Damit wird erstmals eine Frau musikalische Chefin in Graz.

 

Das freut den Opernfreund-Berichterstatter, der nach dem Traviata-Debut geschrieben hatte: „Die Aufführung wurde von der Intendantin, dem musikalischen Studienleiter, dem Dramaturgen, dem Ballett-Direktor, dem Aufsichtsratsvorsitzenden der Grazer Theater-Holding aufmerksam verfolgt - sie haben gemeinsam mit dem Publikum zweifellos eine ernsthafte Kandidatin für die Nachfolge von Dirk Kaftan erlebt!“ Und auch in der lokalen Presse gab es schon vor rund zwei Wochen einen Hinweis, dass Oksana Lyniv große Chancen auf die Kaftan-Nachfolge habe. Im Pressegespräch vermittelte die neue Chefin überzeugende Begeisterungsfähigkeit - Graz kann sich auf eine spannende Dirigentenpersönlichkeit freuen!

Hermann Becke, 2. 2. 2017

 

Links:

-         Ein ausführliches Portrait in der Süddeutschen Zeitung

-         Am 1. Juli 2017 ist Oksana Lyniv bei der styriarte zu erleben

-         Probenvideo Carmina Burana  

 

LA RONDINE

12. 1. 2017 (Premiere)

Freundlicher Premierenerfolg für Rarität

Es ist die vierte Regiearbeit von Rolando Villazón - nach Werther in Lyon, L’Elisir d’Amore in Baden-Baden und Viva la Mamma an der Volksoper Wien inszenierte er im Frühjahr 2015 an der Deutschen Oper Berlin Puccinis selten aufgeführtes Werk La Rondine. Diese Produktion wurde nun in Graz in einer völlig neuen Besetzung neu herausgebracht - Rolando Villazón hat die Wiederaufnahme nicht ausschließlich der Spielleiterin Teresa Reiber aus Berlin überlassen, er kam für die Endproben selbst nach  Graz und hat mit der ihm eigenen Intensität mit dem Ensemble gearbeitet. Und so erlebte man 100 Jahre nach der Uraufführung (1917 in Monte Carlo) eine animierte und animierende Grazer Erstaufführung - das Grazer Publikum nahm die Premiere mit herzlichem Beifall für das gesamte Team auf und freute sich merklich, diese zwischen Operette und Oper angesiedelte „commedia lirica“ - so hatte sie Puccini selbst bezeichnet - kennenzulernen. Rolando Villazón und sein Team (Bühne: Johannes Leiacker, Kostüme: Brigitte Reiffenstuel, Licht: Davy Cunningham) haben das Werk in die Zeit Puccinis verlegt und die simple Handlung so erzählt, wie es das Libretto vorgibt - ergänzt mit durchaus überzeugenden Zitaten des Surrealismus des frühen 20. Jahrhunderts. Da wird von Beginn an Madga von drei stummen, gesichtslosen Figuren nach dem Muster der manichini von Giorgio de Chirico begleitet - wohl Abbilder ihrer früheren Geliebten, in deren Reihe sich am Ende Ruggero einzufügen hat.

In der Ballszene im 2.Akt wandelt sich die quirlige Lisette in das Abbild der berühmten Violinenfrau von Man Ray, über deren nackten Rücken der verliebte Dichter Prunier mit dem Bogen streicht. Und die überdimensionale Tizian-Venus im Salon des reichen Bankiers Rambaldo wird im Ballsaal des 2. Akts zu einem Spiegelkabinett, bevor sie sich im 3. Akt an der Riviera zu einer Metamorphose des Magritte-Bildes Le Retour entwickelt. Das sind bildhafte Ergänzungen, die nie den musikalischen Ablauf beeinträchtigen, sondern die (wahrhaft simple) Operettenhandlung erweitern und distanziert stilisieren, sodass das Geschehen nicht mehr allzu platt bleibt. Dadurch entsteht ein geschmackvoller und bildhafter Rahmen für die Aktionen eines nicht gerade sehr bühnenwirksamen Stücks.

Weniger überzeugend ist die von Villazón wortreich im Programmheft und temperamentvoll im TV-Interview vorgetragene Interpretation, La rondine  sei heute deshalb besonders aktuell, weil es ein Stück über die „Freiheit der Frau“ sei - ein Kampf gegen die romantische Liebe, gegen Kitsch…und gleichzeitig ein Kampf für die Betonung der Freiheit“. Damit sind allerdings Stück und Musik wohl überbewertet, ja überfrachtet. Mir scheint jenes Resümee überzeugender, das der italienische Puccini-Spezialist Michele Girardi trocken formuliert: „Viele Melodien, wenige Themen (...), ganze zwei Arien und ein Duett, viel Walzer und andere Tanzmusiken. Auf ein solch einfaches Gerüst stützt sich die Rondine.“  

In dieser Produktion konnte man erleben, dass man auch ein eher blutleeres Libretto, das kaum profilierte Figuren vorgibt, mit geschmackvollem szenischem Aufwand beleben kann - und insofern ist der eindeutige Publikumserfolg in Berlin und nun auch in Graz berechtigt und verständlich. Alle Sängerinnen und Sänger, Chor und Extrachor (Leitung: Bernhard Schneider), Tänzerinnen und Tänzer und die Statisterie und natürlich die Grazer Philharmoniker unter dem Dirigenten Marco Comin haben sich ambitioniert und mit spürbarem Engagement um das so selten gespielte Werk bemüht - die Oper Graz hat damit Anerkennenswertes - allerdings nicht Außergewöhnliches - geleistet. Die vier Hauptpartien waren rollendeckend besetzt.

Grundsätzlich war bei allen zu registrieren, wie schwer es fällt, die Stimmen in den vielen parlando-Phrasen dieses Stücks in italienischem Belcanto-Klang frei strömen zu lassen. Sophia Brommer glaubt man eher die melancholische, fast resignative Seite der zentralen Frauengestalt Magda. Und so gewann sie vor allem im dritten Akt überzeugendes Profil - dieser Akt lag ihr auch stimmlich am besten. Ganz allgemein fehlt ihr die breite warme Mittellage eines Puccini-Soprans und es fehlt ihr - darstellerisch und stimmlich - die Aura der umschwärmten Diva. Die große und berühmte Arie Chi il bel sogno di Doretta im 1.Akt sang sie konzentriert - wenn auch mit einer kleinen Trübung beim entscheidenden Piano-Einsatz folle amore. Das Publikum spürte wohl die Anspannung und verzichtete auf Beifall. Umso größer war die Publikumszustimmung für Sophia Brommer nach dem 3.Akt und beim Schlussbeifall. Ein vollends überzeugendes Rollenportrait der Lisette gelang Tatjana Miyus. Sie ist der Natürlich-lebhafte Mittelpunkt des Geschehens, und sie bewährt sich auch stimmlich ausgezeichnet, ja sie führte das Schlussensemble des 2. Aktes geradezu stimmlich souverän an. Auch für sie war der Publikumsbeifall samt Bravorufen groß. Schwieriger hatten es da die beiden Tenöre. Pavel Petrov sang den Prunier technisch sauber und bemühte sich auch um lebhaftes Spiel. Aber das Stimmvolumen ist einfach (noch) nicht ausreichend, um die Rolle ganz zu erfüllen und es fehlte auch an Prägnanz in der Artikulation. Der belgisch-italienische und für Graz neue Tenor Mickael Spadaccini kann trotz seiner Jugend schon eine reiche internationale Erfahrung vorweisen - zuletzt z. B. als Hoffmann in Saarbrücken oder als Canio in Dresden. An diesem Abend erlebte man ihn als eine Bühnenfigur mit sympathisch-ehrlicher Ausstrahlung. Stimmlich fiel er primär durch forciert-metallische Spitzentöne auf, die aus der Gesanglinie herausfallen. Elegante Belcanto-Phrasen vermisste man. Neben diesen beiden Paaren gibt es eine Fülle von kleinen (und undankbaren!) Rollen, die bewährte Mitglieder des Hauses mit Anstand und Niveau gestalteten. Der Venezianer Marco Comin - derzeit noch Chefdirigent des Staatstheaters am Gärtnerplatz in München - bemühte sich merklich um Orchester-Transparenz und begleitete mit ruhigen Gesten sehr aufmerksam die Gesangssolisten. Ein bisschen mehr Stringenz und Farbenvielfalt hätte man sich gewünscht - aber vielleicht steckt ganz einfach nicht mehr in dieser Partitur…

Alles in allem: Man hatte ein blasses Werk des Meisters Puccini erlebt und versteht dass es selten aufgeführt wird - das allerdings in einer wohlgelungenen szenischen Umsetzung mit ordentlicher, aber nicht außerordentlicher musikalischer Leistung. Das Premierenpublikum war rundum zufrieden und feierte alle - mit deutlichem Schwerpunkt des Beifalls bei Sophia Brommer und Tatjana Miyus.

Hermann Becke, 13. 1. 2017

Fotos: Oper Graz, © Werner Kmetitsch

 

Hinweise:

-         Es gibt noch 10 weitere Aufführungen bis März 2017

-         Video der Berliner Produktion mit ausführlichem Villazon-Interview

-         Eine vollständige Aufzeichnung der  Berliner Produktion gibt es als DVD  (samt 6-Minuten-Ausschnitt auf youtube )

-         Eine interessante musikwissenschaftliche Diplomarbeit an der Universität Wien zum Thema „Puccini in Wien“ aus dem Jahre 2012, mit vielen Informationen zu Entstehung und Rezeption des Stücks

 

 

 

 

Studiobühne

SUSANNENS GEHEIMNIS

Premiere am 28. 11. 2016

Erfreuliche Kooperation       

In einer Presseaussendung der Kunstuniversität Graz (KUG) hieß es vor wenigen Tagen: Gemeinsam mit der Oper Graz ruft die Kunstuniversität Graz das neue Format „OpernKurzgenuss“ ins Leben, das den besonderen Charme klein besetzter Werke erlebbar macht. Gezeigt werden ausgesuchte Kurzopern an besonderen Orten in der Stadt. Den Start macht  „Susannens Geheimnis“ von Ermanno Wolf-Ferrari auf der Studiobühne der Oper Graz, es folgen Termine im Burggarten (mit Claudio Monteverdi), vor dem Jugendstilmosaik des Hotel Wiesler oder auf der Murinsel (Gian-Carlo Menottis „ Das Telephon“). Die Oper Graz verband die Ankündigung der Premiere mit den Glückwünschen zum 200-Jahr-Jubiläum, das die älteste österreichische Musikausbildungsstätte vor kurzem gefeiert hatte.

 

Nun: die nüchterne  Studiobühne der Oper Graz zählt wahrlich nicht zu den angekündigten besonderen Orten der Stadt, aber immerhin ist hier jene Infrastruktur vorhanden, die für eine Opernaufführung notwendig ist. Die Kooperation zwischen der Oper und der KUG sieht so aus: den Dirigenten, die Regisseurin, die beiden Solisten, die Tänzerin und die Infrastruktur stellt die Oper, für die Konzeption von Bühne und Kostüm ist eine Studentin der Bühnenbildklasse verantwortlich und das Orchester besteht aus Studierenden der KUG. Übrigens ist Wolf-Ferraris etwa einstündiges Intermezzo - so nannte er seine 1909 in München unter Felix Mottl uraufgeführte Buffa - gar nicht so klein besetzt. Die originale Orchesterbesetzung sieht nämlich so aus: Piccolo, 2 Flöten, 2 Oboen (2. auch Englisch Horn), 2 Klarinetten, 2 Fagotte, 4 Hörner, 3 Trompeten, 3 Posaunen, Baßtuba, Schlagzeug, Harfe, Celesta, Streicher; Bühnenmusik - Klavier. Das passte einfach weder in den engen Rahmen der Studiobühne noch zum Inszenierungskonzept. Daher hatte der Kompositionsstudent Shiqi Geng , Schüler von Beat Furrer und Gerd Kühr, eine Kammerorchesterfassung für 15 Instrumentalisten erstellt. Da ging natürlich so manches der farbigen Orchestrationskunst Wolf-Ferraris verloren, aber es entstand eine praktikable Fassung für den verfügbaren Raum, die auch zur Inszenierungsidee passte. Im Programmheft liest man:

Wir befinden uns in einer Bar mit typischem Gästebereich, wo die Zuschauer an den Tischen und Stühlen ihren Platz finden….Die Bar ist das zentrale Element: an ihr, um sie und in ihr wird im Laufe des. Stückes immer wieder agiert. Wir sind also nicht in der gräflichen Welt eines piemontesischen Palazzos, wie dies im Original der Fall ist, sondern erleben ein durchaus heiteres, das Publikum in das Geschehen einbeziehendes Kaffeehaustheater.

 

Es wird deutsch gesungen wie bei der Uraufführung - mit kleinen geschickten Anpassungen: Die „Gräfin“ fällt weg - und „smoothies“ gab es natürlich damals auch noch nicht….. Die Handlung des Stücks in der Grazer Version ist schnell erzählt:

Schon kurz nach der Heirat scheint die Serviererin Susanna ihren Mann Gil - den Besitzer eines Nichtraucherlokals - zu betrügen, denn das Lokal, in dem die beiden offenbar auch wohnen, riecht abends nach Zigaretten. Da Gil den vermeintlichen Nebenbuhler nicht entdecken kann, gesteht ihm Susanna letztlich ihr Geheimnis: Sie hat aus lauter Langeweile mit dem Rauchen begonnen. Gil entschuldigt sich für seine grundlose Eifersucht und greift gemeinsam mit Susanna selbst zur Zigarette - und auch der Diener schließt sich letztlich der Raucheridylle an.

Wolf-Ferraris Musik knüpft an die alten italienischen Intermezzi, etwa Pergolesis La serva padrona, an, auch die Besetzung mit einem Sopran, einem Bariton und einer stummen Dienerfigur weist auf dieses Vorbild. Wolf-Ferrari entwickelte in seinen Werken - abseits der im Epigonalen erstarrten Wagner-Nachfolge seiner Zeit - eine durchaus eigenständige Tonsprache - leicht dahingleitend, mit einem sich aus der Sprachmelodie entwickelnden Parlando, das sich zu ariosen Phrasen verdichten kann - etwa in der kleinen Hymne auf die Seligkeit des Rauchens, in der die Singstimme von der zarten Orchesterbegleitung umschwebt wird. Und Wolf-Ferrari beherrscht auch das kompositorische Handwerk - die kaum drei Minuten dauernde Mini-Ouvertüre führt z. B. vier Themen reizvoll-durchsichtig kontrapunktisch zusammen.

Dirigent des Abends ist der 25-jährige Marcus Merkel, Solokorrepetitor mit Dirigierverpflichtung an der Oper Graz. Er hält das musikalische Geschehen - auswendig dirigierend! - souverän zusammen und bietet mit den animiert spielenden Instrumentalisten des KUG-Kammerorchesters dem Bühnengeschehen eine schwungvolle, in dieser Fassung notgedrungen etwas eindimensionale musikalische Grundlage.

Die beiden Hauptfiguren sind mit erfahrenen Mitgliedern des Grazer Opernensembles besetzt: Tatjana Miyus ist seit 2011 am Haus, Ivan Oreščanin gar schon seit 2006. Beide sind wie immer prägnante Bühnengestalten und überzeugen in ihren Rollen. Ivan Oreščanin spielt den exaltiert-übertrieben eifersüchtigen Ehemann mit Charme und großer Wortdeutlichkeit. Allerdings fehlt seiner Stimme leider so ganz die italienische Belcantoeleganz, die Wolf-Ferrari in die Rolle hineingelegt hat. Diese Belcantolinien hat wiederum Tatjana Miyus mit ihrer absolut sicher sitzenden hellen Sopranstimme wunderbar herausgearbeitet. Und sie spielt auch sehr nett und mit gebührender Koketterie die heimliche Raucherin. Miyus kommt musikalisch ganz vom Melos und nicht von der Sprache - die Wortdeutlichkeit ist noch verbesserungsfähig, aber insgesamt war sie der verdiente Mittelpunkt des Abends.

 

Die aus Graz stammende Jung-Regisseurin Juana Inés Cano Restrepo hat gemeinsam mit der Ausstatterin

Christina Steinböck eine geschickte Konzeption mit vielen liebevollen Details geschaffen. Das ist schon vergnüglich, wenn Susanna vor dem Rauchen auf der Toilette aus einem versteckten Fach in der Bar einen Ganzkörperüberzug, Handschuhe, eine Duschhaube und etliche weitere Utensilien mehr hervorkramt, um den Zigarettengeruch vor ihrem Mann zu verbergen. Und es ist auch geschickt gelöst, wenn der Bühnenraum durch Jalousien umgeben ist, die einerseits vor Blicken schützen, durch die man aber andererseits auch bühnenwirksam hindurchschauen kann.

 

Ein besonders netter und effektvoller Einfall ist es auch, „La cigarette“ letztlich tatsächlich sichtbar werden zu lassen. Während sich Susanna gegen Ende des Stücks in ihrer weitausschwingenden E-Dur-Kantilene „Von kosenden Lüften umsäuselt, ach, wie süß, den Duft einzusaugen mit halb nur geöffneten Augen“ dem Genuss des Rauchens hingibt - sehr schön von Tatjana Miyus gesungen! -, erscheint die personifizierte Zigarette in Gestalt einer Tänzerin, gleichsam als Vision der dahinträumenden und rauchenden Susanna. Die aus dem Grazer Ballett hervorgegangene Tanzpädagogin Challyce Brogdon hat dies choreographiert und selbst wirkungsvoll gestaltet. Am Ende umgarnt dann „La cigarette“ auch noch den Diener Sante, dieser rollendeckend durch Alexander Gössl verkörpert. Alle vier Bühnengestalten verschwinden in bestem Einvernehmen in einer großen Rauchwolke.

Das animierte Publikum auf der bis auf den letzten Platz gefüllten Studiobühne spendete reichen und herzlichen Beifall - es war ein vergnüglicher Abend auf erfreulichem Niveau - man kann sich auf die weitere Abende der Kooperation zwischen der Oper Graz und der Kunstuniversität Graz freuen! Als nächstes folgt im März 2017 Monteverdis Il combattimento di Tancredi e Clorinda in der Orangerie des Grazer Burggartens.

Hermann Becke, 30. 11. 2016

Aufführungsfotos: Oper Graz, © Werner Kmetitsch

 

Hinweise:

-        Vier weitere Termine - sehr zu empfehlen!

-         Eine historische Grazer Reminiszenz:  Der einzige Sohn des Komponisten - Federico Wolf-Ferrari (1898 - 1971) - war Schauspieler und Regisseur. Er war von 1958 bis 1962 Oberspielleiter an der Oper Graz. Unter seiner Regie waren in Graz die Werke seines Vaters Die Schalkhafte Witwe und Il Campiello im Opernrepertoire. Später konnte man in Graz auch noch Die Vier Grobiane erleben.

-        Über Ermanno Wolf-Ferrari gibt es eine eigene informative Website, die vor allem vom Dirigenten Friedrich Haider betreut wird. Man liest: Seit 2003 gilt der Dirigent Friedrich Haider als Wiederentdecker und unermüdlicher Propagandist der Werke Ermanno Wolf-Ferraris. In einem Londoner Antiquariat fällt Haider 2002 eine Partitur von Wolf-Ferraris opera buffa “Il segreto di Susanna” (“Susannens Geheimnis”) in die Hände, und er fühlt sich von dieser Musik “wie vom Blitz getroffen”. Sofort unterzieht er die Partitur einer Revision und setzt das Werk auf das Programm eines seiner Konzerte (Judith Howarth, Renato Bruson, Münchner Rundfunkorchester, München 2003). Damit ist sein bis heute unvermindertes Engagement für die Musik Wolf-Ferraris auch öffentlich eingeläutet.

 

         

PEER GYNT

Umjubeltes konzertantes Musiktheater

19. 11. 2016 (Premiere)

In den letzten Jahren konnte man sie in vielen europäischen Städten erleben - die vollständige Bühnenmusik von Edward Grieg mit der Textmontage, die der Schweizer Alain Perroux  anhand des Dramas von Henrik Ibsen erarbeitet hatte. Da gab es Aufführungen u.a. in Köln, in London, in Dortmund, in Düsseldorf und im Februar dieses Jahres auch in Wien mit den Wiener Symphonikern unter Marc Minkowski. Die Fassung von Alain Perroux gibt es mit dem Orchestre de la Suisse Romande seit 2009 auf CD. Alain Perroux studierte Musikwissenschaft und Deutsche Literatur an der Universität von Genf, Chorleitung (bei Michel Corboz) und Gesang am Konservatorium von Genf. Nach einigen Jahren als Musikjournalist war er von 2001 bis 2009 Dramaturg am Grand Théâtre de Genève. Heute arbeitet er als künstlerischer Berater und Dramaturg des Festival d’Aix-en-Provence. Alain Perroux ist es gelungen, eine praktikable Fassung zu schaffen, in der die 26 Originalnummern von Griegs Schauspielmusik in der richtigen Reihenfolge und innerhalb des dramatischen Kontextes aufgeführt werden können, für den sie ursprünglich konzipiert waren. Ibsens Schauspiel samt Griegs Musik dauert fünf Stunden - Perroux hat den Text auf zwei Schauspieler so reduziert, dass nun eine reine Aufführungsdauer von zwei Stunden ausreicht. Diese zwei Stunden verbinden Text und Musik zu einem überaus spannungsvollen Ganzen. Wie erfreulich, dass man diese Version nun auch in Graz in einer exemplarischen Produktion erleben kann.

Exemplarisch ist die Produktion zunächst vor allem deshalb, weil es gelungen ist, die große Bühnenkünstlerin Sunnyi Melles für die Rolle der Frau nach Graz zu holen. Melles ist geradezu eine Spezialistin für diese Rolle - sie hat sie schon vor Jahren u.a. in Düsseldorf und Köln und zuletzt auch im Wiener Konzerthaus verkörpert. Melles verfügt über eine geradezu unglaubliche Vielfalt an stimmlicher und mimischer Ausdruckskraft. Sie spricht ja nicht nur alle Frauenrollen, sondern auch jene von Perroux in den Ibsen-Text eingefügten Erklärungen, insbesondere um zu klären, »wer« spricht, »wo« und »wann«, wo dies notwendig erscheint. Und sie spricht mit exzellenter Wortdeutlichkeit auch die Texte vieler anderer Figuren, etwa des Bergkönigs der Trolle oder des Knopfgießers. Sunnyi Melles ist eine verzweifelte Mutter Ase, eine sanfte, mädchenhafte Solveig, kreischt als grünes Mädchen, schnaubt als Krumme, ist beklemmend tonlos in der Todesfigur des Knopfgießers, berührt zutiefst mit gebrochener Stimme in der Sterbeszene von Mutter Ase und macht den Trollkönig in diskreter Karikatur zu einem Schweizer Bergfürsten (damit setzte sie übrigens das um, was Edward Grieg selbst sagte: Die Musik muss absolut eine Parodie sein, und das Publikum muss das merken. Nur dann wird es komisch sein.) Sie dominiert den ganzen Abend. Selbst dann, wenn sie nicht spricht, ist stets anteilnehmender Bestandteil der Handlung und hält das Publikum in Bann - eine ganz große Leistung!

Peer Gynt wurde von Cornelius Obonya verkörpert. Man glaubt ihm zu Beginn den „kräftig gebauten Menschen von zwanzig Jahren“ ebenso wie später den „hübschen Herrn von mittlerem Alter“ und am Ende den „kräftigen alten Mann mit eisgrauem Haar und Bart“ - einfach ein Mensch, der nichts Ganzes und nichts Halbes war, ein Mann, der niemals er selbst gewesen. Sprachlich vermittelte Obonya die gebührende knorrige Derbheit - manchmal war durch den expressiven Ton ein wenig die Wortdeutlichkeit beeinträchtigt. Stolz und zu Recht hatte die Oper Graz Melles und Obonya als zwei der bedeutendsten Schauspieler des deutschen Sprachraums angekündigt - und wirklich: die beiden hatten die Aufführung zu einem Ereignis gemacht! Ebenso stolz kann die Oper Graz aber auch darauf sein, dass das musikalische Niveau ebenbürtig war.

Das Grazer Philharmonische Orchester fühlte sich bei dieser durch und durch romantischen Musik hörbar wohl und spielte unter der souveränen Leitung von Dirk Kaftan engagiert und klangschön - über den vielen sehr schön gelungenen Instrumentalsoli (Violine, Viola, Oboe) vergaß man rasch die kleinen Unebenheiten bei den Trompeten im Vorspiel. Dirk Kaftan verstand es wunderbar, den großen Bogen zu wahren und dennoch immer wieder feine Details der Partitur (etwa die kurze Bratschen-Phrase in der berühmten „Morgenstimmung“) herauszuarbeiten. Die Übergänge zwischen gesprochenem Text und Musik waren großartig disponiert und sorgten für nie nachlassende Spannung. Auch der Grazer Opernchor (Leitung: Bernhard Schneider) war nicht nur sehr konzentriert-präzis, sondern vor allem in den Frauenstimmen auch bemerkenswert homogen. Die solistischen Partien sind zwar klein, trugen aber Entscheidendes zum großen Erfolg des Abends bei. Das begann mit dem von Sieglinde Feldhofers warmem Sopran charmant angeführten Damentrio der drei Sennerinnen (in der Christian-Morgenstern-Übersetzung heißen diese unwirklichen, fast Rheintöchter-ähnlichen Figuren noch wesentlich poetischer Säterdirnen) und fand in Dshamilja Kaisers mit der in prachtvollen Mezzofarben erklingenden Anitra-Szene einen ersten stimmlichen Höhepunkt.

Tatjana Miyus war eine sich wundervoll verströmende Solveig mit sehr schönen Piano-Aufschwüngen. Dariusz Perczak sang die einzige Peer-Gynt-Gesangsnummer mit schönem Material, das sich wohl noch weiter festigen wird. Positiv fielen die beiden Gesangsstudenten Neven Crinic und vor allem Martin Simonovski in der sehr kurzen, aber markanten Szene von „Dieb und Hehler“ auf.

Alle Gesangsnummern wurden in norwegischer Sprache gesungen - wie authentisch dies gelang, kann ich nicht beurteilen. Zu bedauern ist in diesem Zusammenhang allerdings, dass es diesmal keine deutschen Übertitel gab. Man hätte - wenn man sich für nur zwei Aufführungen das aufwändige Programmieren der Übertitel ersparen will -  zumindest im Programmheft die deutschen Texte wiedergeben können, wie dies vorbildlich z. B. bei einer Aufführung in Köln (übrigens auch mit der großen Sunniy Melles!) der Fall war.

Am Ende gab es im sehr gut besuchten Haus lebhaften und einhelligen Beifall - auch wenn es keine szenische Aktion gab, so war es doch ein großer Musiktheater-Abend! 

Hermann Becke, 20. 11. 2016

Bilder (c) Oper Graz / Werner Kmetitsch

 

Hinweise:

-        Leider nur eine weitere Aufführung am 26. 11. 2016 - die sollte man sich nicht entgehen lassen, wenn man die Premiere versäumt hat!

-        Nächster „Musiktheater-Kurzgenuss“ in Graz: Ermanno Wolf-Ferraris „Susannas Geheimnis“ am 29. 11. 2016

 

 

 

 

ROMÉO ET JULIETTE

Premiere am 5. 11. 2016

Drei lange Stunden!       

Heute tritt der wahrhaft seltene Fall ein, dass der Berichterstatter - ein jahrzehntelanger Opernfreund, insbesondere auch der Oper Graz! - offensichtlich ganz anderer, ja geradezu diametraler Meinung ist als das Premierenpublikum. Am Ende der Premiere des seit 1906 nicht mehr in Graz aufgeführten Werkes von Charles Gounod gab es einhelligen Beifall und Jubel für alle Ausführenden!

Und so sitze ich nun vor dem Bildschirm und überlege, wie ich meinen Bericht formuliere. Ich werde es wohl so machen, wie ein erfahrener und regelmäßiger Opernbesucher bei der Garderobe zu mir sagte, nachdem er an meinem Gesichtsausdruck ablesen konnte, dass ich alles andere als zufrieden war: „Schreiben’s freundlich!“ Also will ich gerne versuchen, meine Kritikpunkte in freundliche Worte zu fassen…..

Positiv war es jedenfalls, dass ein Werk, das so lange nicht in Graz zu erleben war, dem Grazer Opernpublikum wieder zugänglich gemacht wurde - umso mehr, als die Opernfreunde das Stück ja aus den Medien kennen und gerade jetzt stehen wir ja auch vor den nächsten Aufführungen in der Wiener Staatsoper

Positiv war auch, dass einige der ganz jungen Ensemblemitglieder ein erfreuliches Zeichen ihrer Begabung liefern konnten, positiv waren die „Spiegelung“ des Paares durch ein Tanzpaar und die gesamte choreographische Gestaltung, die mit sparsamen Mittel auch die Wiedergabe von Teilen der Ballettmusikermöglichte (Beate Vollack) - und positiv waren natürlich das volle Haus und das offenbar zufriedene Publikum.

Doch nun zu den Details und meinen kritischen Anmerkungen:

Der koreanische Tenor Kyungho Kim wurde relativ kurzfristig für die Rolle des Roméo engagiert. Er verfügt über einen robusten Tenor, der meiner Meinung nach in der Mittellage unnatürlich - weil nicht seinem ursprünglich lyrischen Stimmcharakter entsprechend - auf großes Volumen getrimmt wurde. Auf diese breite Mittellage setzt er mit Kraft metallische Spitzentöne. Das macht vordergründig Eindruck, verhindert aber die für diese Rolle unabdingbare schlanke Eleganz, wie man sie sich für diese Rolle wünscht und wie sie etwa ein Alfredo Kraus so unnachahmlich geboten hat. Kim fehlen so auch die nötigen variablen Klangfarben im Piano und im mezzoforte - und auch als Darsteller bleibt er blass und ohne Ausstrahlung.

Die in Graz beliebte Sophia Brommer hatte es als Juliette - nicht zuletzt wegen ihres recht eindimensionalen Bühnenpartners - nicht ganz leicht, beruht doch die Oper vor allem auf einer Reihe von Duetten, die die Entwicklung zweier Menschen darstellt - von der leichtsinnigen Begegnung bis zum tödlichen Ende. Sophia Brommer war spürbar um Intensität der Gestaltung bemüht, aber für die Süße der französischen Gesangslinie ist ihre sicher geführte Stimme einfach ein wenig zu spröde.

In den kleineren Rollen fiel vor allem der erst 26-jährige Bass Peter Kellner als Bruder Laurent sehr positiv auf. Sein reiches Material kam in dieser Rolle sehr schön zur Geltung und er verstand es als einer der wenigen auch sehr gut, die Phrasen so zu gestalten, dass sie mit Inhalt und Leben erfüllt wurden. Eine grundsätzliche Anmerkung zur Gesangsartikulation an diesem französisch gesungenen Abend ist unbedingt notwendig: es geht nicht nur darum, die französischen Wörter richtig auszusprechen, sondern sie auch in eine französische Gesangslinie einzubinden.

Das gelang in dieser Produktion nur einigen wenigen - Peter Kellner zählte zu ihnen. Ein zweites positives Beispiel aus der jungen Generation war die 29-jährige Spanierin Anna Brull. Sie gestaltete mit ihrem hell-timbrierten Mezzo das charmante Chanson des Knappen Stéphano im 3. Akt sehr ansprechend - obwohl die Regie in völlig unverständlicher und unnötiger Weise die Hosenrolle in eine weibliche Dienstbotenfigur verwandelt hatte.

Aufhorchen ließ auch die Stimme des noch in Ausbildung befindlichen Martin Simonovski als Diener Gregorio, und selbstverständlich war Dshamilja Kaiser in der kleinen Rolle der Amme Gertrude stimmlich optimal - wenn auch durch die Regie in eine Domina-artige Hausdame verwandelt. Und weil ich nun schon zweimal die Regie angesprochen habe:

Der Regisseur und Bühnenbildner Ben Baur hat gemeinsam mit seiner Kostümbildnerin Uta Meenen das Stück vom Verona des 15. Jahrhunderts in das viktorianische England des ausgehenden 19. Jahrhunderts verlegt und sich primär darauf beschränkt, illustrative Stehbilder auf die Bühne zu bringen.

Mir erschloss es sich nicht, ob und welche Bereicherung oder Weiterentwicklung des Romeo/Julia-Dramas diese zeitliche Verlegung mit sich bringt. Es gab stereotype Auf- und Abmärsche des in einheitliches Schwarz-Weiß gekleideten Hauspersonals (ein ausdrückliches Lob dem diszipliniert agierenden und singenden Chor und Extrachor!), es gibt viele Tische, die ständig verschoben werden, und es gibt viele Kerzen. Auf und unter diesen Tischen begegnen einander Roméo und Juliette, wenn sie sich nicht gerade an eine Säule klammern oder dahinter verbergen.

Ästhetisch reizvolle Bilder dominieren - gezielte Personenführung, die die Spannungen zwischen den handelnden Personen vermittelt, gibt es nicht - gefälliges Arrangement ist offenbar wichtiger. Durchaus optisch spektakulär gelingt der 4.Akt. Die von Graf Capulet vorangetriebene Vermählung von Juliette mit Graf Paris wird zum irreal-albtraumartigen Geschehen. Graf Paris erscheint auf einem weißen Pferd und wandelt sich dann zu einer Todesgestalt - eine Anspielung auf die apokalyptischen Reiter in der Offenbarung des Johannes?? Wie auch immer: das war bühnenwirksame Aktion.

Kurz und gut: die szenische Umsetzung trägt kaum etwas dazu bei, um den dramatischen Knoten zu schürzen und damit spannungsvolles Theater zu vermitteln - für mich waren es bloß langatmige Schaubilder.

Und auch aus dem Orchester kamen leider wenige, das Stück vorantreibende Impulse. Robin Engelen dirigierte das Grazer Philharmonische Orchester mit großem Einsatz und bemühte sich um tänzerische Bewegung - aber ehrlich gesagt, alles klang zwar sauber, aber recht einförmig und ohne esprit gaulois. Und ohne diesen französischen Esprit ist Gounods Werk schlichtweg zu langweilig - und ungewollt wird man an Richard Wagners natürlich völlig überspitztes Urteil über Gounods Musik erinnert. Er hatte Gounods „Faust“ als gewöhnlich und abgeschmackt bis zum Erbrechen bezeichnet.

Vielleicht hat zu meinem wenig anregenden Eindruck beigetragen, dass ich auch am Vortag in der Grazer Oper war. Da stand „Tristan und Isolde“ auf dem Programm - ein Werk, das nur zwei Jahre vor Gounods „Roméo et Juliette“ uraufgeführt wurde. Zwischen den beiden Werken liegen wahrhaft Welten!

Mein Resümee:

Tristan und Isolde ist ein Meisterwerk, das bei entsprechender musikalischer Qualität der Wiedergabe (fast) jede szenische Umsetzung erträgt und überleben wird.

Roméo und Juliette sollte man nur auf den Spielplan setzen, wenn Sänger und Szene meisterhaft sind, sonst bleibt Gounods Werk in der musikalisch-szenischen Belanglosigkeit stecken……..

Die hunderte Ausführenden (Orchester, Chor, Bühnentechnik, Solisten und Leading-Team), die mehrere Wochen intensiv an der Vorbereitung dieser Premiere gearbeitet hatten, mögen meine kritischen Worte als Ergänzung des freundlichen Publikumsbeifall akzeptieren und so auffassen, wie sie gemeint sind: als eine Anregung, nicht in der Beliebigkeit des musealen Operntheaters stecken zu bleiben!

Hermann Becke, 6. 11. 2016

Fotos: Oper Graz, © Werner Kmetitsch

Hinweis:

Es gibt noch 10 weitere Aufführungen - am besten, Sie machen sich selbst ein Bild!

 

 

 

TRISTAN UND ISOLDE

4. 11. 2016

(7. Aufführung nach der Premiere vom 24. 9. 2016)

Szenische Reizüberflutung bei hohem musikalischem Niveau!

Nach der ersten Aufführungsserie im September und Oktober musste eine Pause eintreten - Gun-Brit Barkmin sang im Rahmen des Japan-Gastspiels der Wiener Staatsoper die Ariadne und kam nun für die letzten drei Aufführungen der diesjährigen Eröffnungsproduktion wieder nach Graz zurück.

Gegenüber der Premiere gab es diesmal zwei Umbesetzungen: Erstmals stand anstelle von Opernchef Dirk Kaftan dessen Stellvertreter Robin Engelen am Pult und als Kurwenal gastierte Jochen Kupfer.

Die szenische Umsetzung wurde in den zahlreichen Kritiken ausführlich besprochen, also sei dieser Bericht über die Repertoireaufführung zunächst vor allem der musikalischen Seite gewidmet. Und da ist viel Erfreuliches zu berichten!

Die deutsche Sopranistin Gun-Brit Barkmin ist nun ganz in die Isolde hineingewachsen. Sie singt mit klarer und exzellent artikulierender Stimme - und sie lässt sich auch von den Orchesterfluten nie zum Forcieren verleiten. Vor allem ist sie die einzige des sehr guten Solisten-Teams, die mit ruhigem Spiel Würde und Größe vermittelt - geradezu unberührt davon, was rund um sie geschieht. Man kann davon ausgehen, dass die 45-Jährige demnächst auch als Isolde international gefragt sein wird. Stimmlich ganz großartig ist die Brangäne von Dshamilja Kaiser - da erlebte breit strömenden, originären Wagnergesang, der in eine Reihe mit berühmten Vorbildern zu stellen ist. Ihre in warmen Kupferfarben glühende Stimme hob sich ideal von der hell-timbrierten Isolde ab. Diese beiden Damen hoben den Abend wahrhaft auf hohes internationales Stimmniveau! Einzige Einschränkung bei der Brangänen-Figur ist die betulich-geschäftige Personenführung, die sie szenisch auf eine profillose Dienerinnengestalt reduziert. Gott sei Dank durfte Dshamilja Kaiser wenigstens im 2.Akt ihren Wächterruf, vielleicht die schönste Musik, die Wagner je komponiert hat, in völliger Ruhe verströmen. Aber auch die Herrenrollen waren sehr respektabel besetzt.

 

Zoltán Nyári , den man in Graz schon sehr eindrucksvoll als Paul in Korngolds Die Tote Stadt  erlebt hatte, singt nun seinen ersten Tristan. Er bewältigt diese Riesenpartie äußerst respektabel. Die Stimme hat kernigen und metallischen Glanz und das nötige Durchhaltevermögen. Großartig, in welch stimmlicher Intensität ihm die Fiebervisionen des 3.Aktes gelingen. In den lyrischen Phrasen speziell des 2.Aktes wünscht man sich manchmal eine ruhigere Stimmführung. Darstellerisch setzt er getreulich das Regiekonzept um - dazu aber später. Guido Jentjens ist ein stimmlich solider König Marke. Seine große Klageszene im 2. Akt ist durch die Regie ernsthaft beeinträchtigt. Er muss in einer unsäglichen Verkleidung im Zottelfell und mit Runenzeichen(?) auf der Stirne auftreten - zunächst noch mit einem überdimensionalen Hirschkadaver beladen. Kurwenal war in Graz erstmals Jochen Kupfer , der erst unlängst an der Wiener Volksoper als Dapertutto/Mirakel in Hoffmanns Erzählungen zu erleben war. Mit seiner höhensicheren und markant-durchschlagskräftigen Stimme bewährte er sich und ergänzte das Ensemble ausgezeichnet. In den Nebenrollen fiel Martin Fournier als Stimme des jungen Seemanns und als Hirte mit klar intonierendem und artikulierendem Tenor positiv auf.

Manuel von Senden war (wie schon in der 19 Jahre zurückliegenden letzten Grazer Tristan-Inszenierung) ein markanter Melot.

 

Robin Engelen dirigierte erstmals den Tristan - er hatte das Grazer Philharmonische Orchester sicher in der Hand. Alles war klangschön (wenn auch im tiefen Blech manchmal ein wenig derb) und im rechten Tempo dahinfließend wiedergegeben. So manches hätte man sich allerdings ein wenig schärfer und konturierter gewünscht - etwa das molto crescendo samt den ff-Akzenten zu Beginn der 5. Szene des 1. Aktes nach Isoldes „Herr Tristan trete nah“. Sehr schön gelang - zumindest von meinem Platz im Parkett aus - die dynamische Balance zwischen Orchester und Bühne. Die Sänger wurde getragen und nicht zugedeckt. War das Vorspiel zum 1. Aufzug noch ein wenig konturenarm, so steigerten sich Orchester und Dirigent im 3.Aufzug zu intensiv-spannungsvollem Musizieren.

Der Regisseurin Verena Stoiber und ihrer Ausstatterin Sophia Schneider (diesmal beim Bühnenbild unterstützt von Susanne Gschwender) hat der Grazer Internationale Wettbewerb für Regie & Bühnengestaltung die Türe zu bedeutenden Bühnen geöffnet. Stoiber und Schneider haben 2014 in Graz den RINGAWARD gewonnen - mit diesem Preis waren Inszenierungsangebote für den Grazer Tristan, aber auch für die Deutsche Oper Berlin und die Staatstheater von Karlsruhe und Nürnberg verbunden.

Die Oper Graz hat eine Eigenheit: die heute überall üblichen Videos über die jeweilige Produktion erscheinen zum Unterschied von praktisch allen anderen Opernhäusern immer erst einige Tage nach der Premiere. Also kann sich der Interessierte immer erst bei den Folgeaufführungen über die Inszenierung informieren. Dieses 5-Minuten-Video gibt der Regisseurin Verena Stoiber ausführlich Raum, ihr Konzept zu erklären - und da wird schonungslos klar, dass das wohl stimmt, was in einer Premierenkritik zu lesen war: In zwanzig Jahren wird die Jungregisseurin wohl wirklich "Tristan"-tauglich sein. Jetzt ist sie verheizt worden an einer für sie noch deutlich überdimensionierten Herausforderung.

Die Jung-Regisseurin hat in einem Interview eingestanden: Ich brauche eine gewisse Reizüberflutung, damit ich mich nicht langweile.

Und sie hat die szenische Realisierung tatsächlich heillos überfrachtet. In den drei Aufzügen kommen alle heute zeitgemäßen Ingredienzien und überschütten das Publikum mit der von der Regisseurin für sich in Anspruch genommenen Reizüberflutung. Zur Musik sagt die Regisseurin in naiver Unbedarftheit:

Man spürt ganz arg in der Musik, dass es da etwas gibt zwischen den beiden in der Vorgeschichte…..

Wie klug wird doch Egon Voss im Programmheft zitiert:

Die Zurücknahme der äußeren Handlung ermöglicht eine Entfaltung und Selbstständigkeit der Musik, wie sie kein zweites Werk Wagners aufweist.

Schade, dass diese Einsicht in dieser Inszenierung absolut fehlt!

Ein besonders eklatantes Beispiel ist die große Szene zwischen Tristan und Isolde im 2. Aufzug. Statt im Sinne des Voss-Zitates die Entfaltung und Selbstständigkeit der Musik  zu ermöglichen, müssen Tristan und Isolde im Liebesduett einen Hasen häuten und ihn genau an der musikalisch unendlich ergreifenden Stelle So starben wir, um ungetrennt, ewig einig, ohne End‘  über dem Feuer zu braten beginnen. Der große Bruno Walter schrieb übrigens gerade über diese Stelle im Tristan: In solchen gefühlsbewegten oder poesieerfüllten Szenen bemächtigt sich die Musik der Führung im Drama bis zu solchem Grade, dass die Oper an ihren Höhepunkten eher einem mächtigen Strom von Musik gleicht, die dramatische Elemente mit sich schwemmt, als einem Drama, dem die Musik ihre Ausdruckskräfte leiht. (Das vor 60 Jahren geschriebene Buch ist auch heute noch um einen Spottpreis erhältlich. Das Kapitel „Musik und Bühne“ ist allen Opernfreunden - und speziell jungen Opernregisseuren! - nachdrücklich zu empfehlen!).

Am Ende des 2.Aufzugs brechen dann zombie-artig König Marke und Melot in die Szene herein - Melot verspeist während der Marke-Klage den gebratenen Hasen…… Nein, das ist einfach unerträglich! Was hat sich das Regieteam samt Dramaturgen dabei gedacht?? Sollte das etwa eine Anspielung auf den Hasen-Kadaver in Schlingensiefs Bayreuther Karfreitagszauber im Parsifal sein???

Nein - ich habe keine Lust, die zahllosen weiteren Ungereimtheiten und unnötigen Einfälle der Regie aufzuzählen - sie können ohnedies in den zahlreichen Premierenkritiken der verschiedensten Medien nachgelesen werden!

Es spricht für die ungeheure Kraft des Werkes, aber auch für die Qualität der Wiedergabe, dass trotz dieser gescheiterten Inszenierung, das Grazer Opernhaus voll war und dass die Ausführenden am Ende herzlich und verdient gefeiert wurden.

Hermann Becke, 5. 11. 2016

Fotos: Oper Graz, © Werner Kmetitsch

Hinweise:

-        Es gibt noch zwei weitere Aufführungstermine am 20. und 25. November 2016 - da können sich Interessierte selbst ein Bild machen. Aus musikalischen Gründen ist die Produktion unbedingt zu empfehlen

-        Ausführliches Merker-Interview mit Gun-Brit Barkmin

 

 

 

La Traviata

Konwitschnys Inszenierung lebt!

29. 10. 2016

Wiederaufnahme der Premiere des Jahres 2011

Die Planung für die Saison 2016/17 sah die Wiederaufnahme der inzwischen schon legendären und europaweit gezeigten Konwitschny-Traviata vor, die in Graz im Jahre 2011 ihre Premiere mit der großartigen Marlis Petersen hatte. Die Produktion wurde im Fernsehen gezeigt, auf DVD veröffentlicht und in Nürnberg, London und Wien gefeiert. Demnächst wandert die Produktion weiter nach Seattle. Wer sich an die ursprüngliche Version mit Marlis Petersen erinnern will, dem sei hier ein kleiner Einblick gewährt.

Dieses Erfolgsstück also wiederaufzunehmen, war klug, sollte zweifellos die Auslastungszahlen des Hauses steigern und sollte vor allem Sophia Brommer, die im Vorjahr so erfolgreich als Luisa Miller war, in einer neuen Rolle in Graz vorstellen. Dann kam aber alles ein wenig anders als geplant:

Sophia Brommer legte die Rolle relativ kurzfristig zurück - laut einer Zeitungsmeldung wegen Krankheit (allerdings konnte man lesen, dass Brommer um die Zeit der Wiederaufnahme in Augsburg sehr erfolgreich auftrat).

Gleichzeitig wollte die Intendanz diese Wiederaufnahme wohl auch dazu nutzen, um Gastdirigenten einzuladen, die für die Nachfolge von Opernchef Dirk Kaftan in Frage kommen. Dirk Kaftan hat ja inzwischen nach langen Verhandlungen seinen Vertrag als Generalmusikdirektor in Bonn unterzeichnet und steht in Graz nur mehr bis zum Ende dieser Saison zur Verfügung. Zur Frage seiner Nachfolge sagte die Intendantin Nora Schmid in einem Zeitungsinterview : Es gibt eine große Zahl an Interessierten an dieser Position, mit einigen führe ich inzwischen schon intensive Gespräche. Wir sind gerade dabei, die Termine für Vordirigate in den kommenden Monaten abzustimmen. Und ich bin zuversichtlich, dass ich das Team der Oper Graz ab der Saison 17/18 wieder mit dem idealen Partner oder der idealen Partnerin komplettieren werde.

Und so ist es durchaus wichtig und sinnvoll, über eine Repertoireaufführung zu berichten, gab es doch in den drei Hauptrollen für Graz neue Besetzungen, und es gab am Pult eine sehr interessante junge ukrainische Dirigentin. Das Grazer Opernhaus mit seinen knapp 1400 Plätzen war ausgezeichnet besucht - dann gab es allerdings noch eine Überraschung!

Das Publikum hatte bereits Platz genommen - da trat der Dramaturg vor den Vorhang und musste verkünden, dass ein Sänger nicht rechtzeitig erschienen sei. Das Publikum möge wieder den Zuschauerraum verlassen, es werde auf Kosten des Hauses auf ein Getränk eingeladen und es werde durch die Klingelzeichen verständigt werden, sobald man beginnen könne. Nach rund einer halben Stunde wurde man wieder auf seine Plätze gebeten - und nun lüftete der Dramaturg das Geheimnis: der Sänger des Gastone sei nicht erschienen. Um die Aufführung zu ermöglichen, habe es Ivan Oreščanin, der Darsteller des Baron Douphol, „mit fotographischem Notengedächtnis“ übernommen, auch den Gastone zu singen. Dies gelang ihm auch tatsächlich bewundernswert (und nur im 1.Akt mit einer als Banknoten getarnten Gedächtnisstütze). Zu Recht erhielt er am Ende vom Publikum einen besonderen Beifall für sein Husarenstück.

 

Die Unruhe im Publikum legte sich langsam und die Gastdirigentin Oksana Lyniv konnte endlich das Pult betreten. Die zierliche 38-jährige Ukrainerin sorgte mit klarer Zeichengebung sofort für spannungsvolle Ruhe und gestaltete das Adagio des Preludio mit den geteilten hohen Streichern wunderbar ruhig, bevor dann effektvoll-präzis das

Allegro brillantissimo e molto vivace der Ballszene losbrach. Oksana Lyniv ist seit der Spielzeit 2013/14 an der Bayerischen Staatsoper als Assistentin des Generalmusikdirektors Kirill Petrenko engagiert und hat dort schon eine ganze Reihe von Dirigaten vorzuweisen, darunter zuletzt die Wiederaufnahme von Lucia di Lammermoor und im Jahre 2015 eine Reihe von Traviata-Aufführungen. Oksana Lyniv erwies sich an ihrem ersten Abend in Graz als eine präzise Orchesterleiterin, die immer mit den Solisten mitatmete und dabei dennoch nie den großen Bogen der Verdi-Kantilenen vernachlässigte. Gab es ganz am Anfang noch einige wenige Unebenheiten zwischen Orchester und Bühne, so entwickelte sich im Verlauf des Abends immer mehr ein geradezu perfekter gemeinsamer Atem bei den vielen Rubati. Sie verstand es - ganz im ursprünglichen Wortsinne des rubato - großartig, das, was durch Verzögerung dem Tempo „geraubt“ wurde, sofort wieder aufzugreifen und einen durchgehenden Bogen zu spannen. Das Grazer Philharmonische Orchester ging animiert mit und so gelang musikalisch ein überaus spannender Abend. Am 1. November dirigiert Oksana Lyniv nochmals die Grazer Traviata - noch eine Chance für das Grazer Opernpublikum, eine profilierte Dirigentenpersönlichkeit kennenzulernen. Der Vertrag von Kyrill Petrenko in München endet 2018 - seine derzeitige Assistentin wird sicherlich ihren internationalen Weg machen!

 

Oksana Lyniv hatte aber auch das Glück, hier in Graz nicht nur auf eine auch nach wiederholtem Besuch noch immer berührende Inszenierung zu treffen, sondern auch auf eine sehr gute Sängerbesetzung. Im Zentrum der Aufführung steht die Figur der „vom Weg Abgekommenen“, wie Peter Konwitschny in seiner effektvoll verknappten Version (ohne Pause!) die Violetta zeichnet. Die Russin Anna Princeva ist eine wirklich gute Gestalterin mit merklich starkem persönlichen Einsatz. Ihr dunkel gefärbter Sopran überzeugt vor allem ab dem 2.Bild bis zum berührenden Schluss restlos. Man glaubt ihr die Verzweiflung, die Zerrissenheit und ihre emotionellen Ausbrüche. Das war an diesem Abend eine gültige und große Leistung, die vom Publikum begeistert akklamiert wurde.

Der Alfredo dieser Wiederaufnahme-Serie ist der erst 25-jährige weißrussische Tenor Pavel Petrov , der aus dem Opernstudio Zürich kommt und seit dieser Saison neues Ensemblemitglied der Oper Graz ist. Man lernte in ihm eine technisch sauber geführte, noch etwas schmale Stimme kennen, die zweifellos schönes Entwicklungspotenzial hat. Die Spitzentöne gelingen alle absolut sicher, auch die Phrasierung ist schön, wenn auch noch ein wenig eindimensional. Man freut sich, seine weitere Entwicklung verfolgen zu können - im Jänner 2017 wird man ihn in Graz in der Premiere von Puccinis La Rondine erleben. Zu den beiden Rollendebütanten kam der italienische Routinier Giovanni Meoni als Giorgio Germont. Er hat diese Rolle schon an vielen großen Häusern gesungen und ist eine souverän-kalte Figur mit markant-erzener Stimme. Er vermittelt glaubhaft die Einsamkeit des Vaters - großartig ist das Bild am Ende des zweiten Akts, als er wie ein Turm in mitten der zusammengebrochenen Ball- und Glücksspielgesellschaft übrig bleibt.

Der Chor (Leitung: Bernhard Schneider) und die Solisten der kleinen Partien gestalteten mit Präzision, großem Einsatz und gebührender Skurrilität die „apokalyptischen Kräfte“ der „Pariser Event-Gesellschaft“ - so formuliert es Peter Konwitschny im Programmheft. Das Publikum war am Ende spürbar betroffen und spendete reichen Beifall. Die Aufführung wurde von der Intendantin, dem musikalischen Studienleiter, dem Dramaturgen, dem Ballett-Direktor, dem Aufsichtsratsvorsitzenden der Grazer Theater-Holding aufmerksam verfolgt - sie haben gemeinsam mit dem Publikum zweifellos eine ernsthafte Kandidatin für die Nachfolge von Dirk Kaftan erlebt!

 

Hermann Becke, 30. 10. 2016

Fotos: Oper Graz, © Werner Kmetitsch

 

Hinweise:

-        Wenige Tage vor ihrem Grazer Auftritt hat die Dirigentin Oksana Lyniv Bayern 2 ein informatives 45-Minuten Interview gegeben.

-        Nächste Grazer Opernpremiere : am 5. November Gounods „Roméo et Juliette“

 

 

CHESS - Das Musical

Premiere: 15. 10. 2016

Optischer Glanz für Bieder-Lautes

Musical ist immer ein wesentlicher Bestandteil des Jahresspielplans der Oper Graz. Auf dem Spielplan der Saison 2016/17 finden sich die Wiederaufnahmen von My Fair Lady und West Side Story - als Premiere hat man diesmal die Produktion von Chess „eingekauft“, die im Oktober 2015 in Chemnitz Premiere hatte. Das Leading Team ist gleich wie in Chemnitz, die Besetzung allerdings eine völlig andere.

Ausgangspunkt des Stücks ist die Schachweltmeisterschaft in der Zeit des Kalten Kriegs, als der Russe Boris Spasski und der Amerikaner Bobby Fisher aufeinander trafen. Die Oper Graz schreibt über das im Jahre 1986 in London uraufgeführte und für Graz neue Musical:

Das Spiel wird zu einer Metapher der Rivalität zwischen den USA und der Sowjetunion…Tim Rice, weltberühmt durch seine Arbeiten mit Andrew Lloyd Webber, fing dieses atemlose Zeitgefühl ein, verwandelte es gemeinsam mit den Songschreibern Benny Andersson und Björn Ulvaeus (ABBA) in ein Stück Musicalgeschichte. Ein Politthriller entstand, in dem Liebe, Eifersucht und Neid das Spiel genauso beeinflussen wie der Kalte Krieg.

Der heute 71-jährige Björn Ulvaeus gab übrigens anlässlich der Grazer Premiere ein informatives Interview , und sagte auf die Frage, warum das Stück heute so selten gespielt werde: „Ein ernstes Thema ohne Happy End über unmögliche Beziehungen. So gesehen ist ,Chess‘ das ,Casablanca‘ der Musicalbühne. Ein dunkles Stück. Und der Kalte Krieg sagt heute einem jungen Publikum ja nichts mehr“

Nun - ich meine, diese Produktion wird auch nicht dazu beitragen, dass das Stück ein Publikumshit wird - und damit gleich eine Kurzzusammenfassung meiner Einschätzung:

- Das Stück ist einfach zu langatmig; die beiden Akte dauern jeweils mehr als eine Stunde und müssten zweifellos gestrafft werden

- Der Regie ist es nicht gelungen, menschlich berührende Figuren auf die Bühne zu stellen und einen durchgehenden Spannungsbogen aufzubauen; alles war brav exekutiert und es fehlten ganz einfach insgesamt der mitreißende Schwung, aber auch jene Präzision in der Umsetzung, die für ein Musical unabdingbar ist

- die nordisch-schwermütige Musik, die an Filmmusik für Breitwand-Historienspektakel gemahnt, kannte in dieser Interpretation nur wenige lyrische Ruhepunkte; überwiegend strömte alles in einem Einheitsforte bis -fortissimo auf das Publikum ein. Und auch im Musikalischen fehlte wiederholt die nötige Präzision

Bei diesen drei gewichtigen Einwänden konnte auch die exzellente Bühnengestaltung den Abend nicht mehr retten. Der Bühnenbildner,
Filmkünstler und Texter Ulv Jakobsen hat mit Hubpodien, Drehbühne und filmischen Effekten eine optisch reizvolle, überaus flexibel zu nutzende Szenerie geschaffen und diese mit einer prägnanten Kostümierung belebt - nur die Ballettgruppe hätte ich mir sachlich-einfacher kostümiert gewünscht.

Die sechs Hauptfiguren waren an sich gut besetzt. Marc Lamberty war ein extrovertiert agierender Trumper - optisch ein wenig an Donald Trump (zweifellos eine nicht geplante Namensassoziation!) oder Geert Wilders erinnernd. Sein russischer Gegenspieler war in gebührender ruhiger Sachlichkeit Nikolaj A. Brucker. Die Dame zwischen den beiden Rivalen spielte Annemieke van Dam mit etwas spröder Eleganz. Die russische Ehefrau verkörperte prägnant Katja Berg.

Souverän und bühnenbeherrschend war der Schiedsrichter von Sven Fliege. Sie alle sind erfahrene und erprobte Musical-Darsteller - aber der Funken sprang in dieser Inszenierung nicht so recht über. Alles wirkte korrekt einstudiert, aber ohne den nötigen zündenden Schwung. So wie bei der Premiere in Chemnitz war auch in Graz die Rolle des fiesen KGB-Funktionärs Molokov mit einem erfahrenen Opernsänger besetzt. Wilfried Zelinka bewährte sich in dem für ihn neuen Musicalfach als markanter Finsterling, aber auch ihm gelang es nicht, über Schablonenhaftes hinauszukommen. Die bemühten Solisten wurden wohl alle Opfer des blassen Regiekonzepts von Thomas Winter, das keine individuell-prägende  Personenführung schaffte.

Übrigens: der Opernsänger und Musical-Neuling Wilfried Zelinka zählte zu den wortdeutlichsten Interpreten. Er konnte sich gegen die Klangfluten besser durchsetzen, als so mancher Musical-Spezialist. Das Stück wurde nicht im englischen Originaltext, sondern in deutscher Übersetzung gegeben - dennoch hätten Übertitel wesentlich zur Verständlichkeit beigetragen.

Ein Schwachpunkt der Produktion war wohl auch die akustische Abstimmung zwischen Bühne und Orchester. Das Orchester war - abgesehen von den wenigen lyrischen Passagen - schlichtweg zu laut, zu grell, zu dominant. Es dirigierte der junge Tom Bitterlich, der auch schon die Premiere in Chemnitz dirigiert hatte. Er leitete die Aufführung mit merklichem Elan - ich kann allerdings nicht beurteilen, ob diese mangelnde Balance zwischen Bühne und Orchester von ihm oder von dem technischen Sound-Management (das Programm nennt dafür keine Namen) zu verantworten ist. Der Dirigent ist aber wohl dafür verantwortlich, dass es immer wieder rhythmische Differenzen zwischen Bühne und Orchestergraben gab. Diese fehlende Präzision war leider auch bei den Bühnenaktionen immer wieder zu registrieren - etwa wenn der russische und der amerikanische Begleittross offenbar genau auf einen Orchesterschlag die Faust erheben bzw. die Hand ans Herz führen sollten - und das dann nur recht verwackelt gelang.

Aber es gibt auch noch Positives zu vermelden:

Das Pop-Ensemble (Nazide Aylin, Veronique Spiteri, Peter Neustifter, Andreas Wanasek) machte in ABBA-Manier seine Sache sehr gut. Für Insider war es sicher auch ein reizvoller Gag, wenn im 2. Akt auf dem überdimensionalen Fernsehschirm plötzlich ein kurzer Ausschnitt aus dem ABBA-Video "Money money money" auftaucht. Die Lacher im Publikum zeigten, dass der Gag verstanden wurde.

Der Grazer Opernchor (Einstudierung Bernhard Schneider) machte sein Sache darstellerisch und stimmlich sehr gut. Und auch die acht (im Programm nicht namentlich genannten) Mitglieder des Grazer Balletts (Choreographie: Danny Costello) lieferten ein wichtigen Beitrag zum Schwarz-Weiß-Bild der Schachszenerie.

Gegen Ende gab es dann noch optische Reminiszenzen zu zeitgeschichtlichen Ereignissen - das war allerdings so kleinflächig, dass man die Bilder nur mit Mühe identifizieren konnte und wie schon der Autor Ulvaeus gesagt hatte: der Kalte Krieg sagt heute einem jungen Publikum ja nichts mehr...

Im nicht ausverkauften Haus gab es am Ende freundlichen Applaus für alle und vereinzeltes jugendliches Bravorufen. Allerdings:

Die Gesichter, die ich beim Verlassen des Zuschauerraums und an den Garderoben beobachtete, machten mir eher einen ermüdeten und nicht sehr animierten Eindruck….

Hermann Becke, 16. 10. 2016

Fotos: Oper Graz, © Werner Kmetitsch

Hinweis: Die 13 weiteren Aufführungstermine und viele Fotos finden sich hier

 

Redaktionelles PS zum Thema "Kalter Krieg"

 

 

 

 

 

Open Air:

Spanische Nacht

26. Juni 2016

Temperamentvoller Saisonausklang

Die Theaterholding Graz/Steiermark ist die Konzernleitung der Bühnen Graz. Zu ihr gehört neben dem Schauspielhaus und dem Opernhaus noch eine Reihe von weiteren Spielstätten - darunter auch die Freiluftbühne der Kasematten auf dem Schlossberg. Das „Theater der Schlossbergkasematten“ (so die offizielle Bezeichnung bei der Eröffnung vor fast 80 Jahren) - hineingebaut in die über 500 Jahre alten Kellergewölbe der früheren Schlosshauptmannschaft - ist eine Spielstätte mit großer Tradition. Es gab hier denkwürdige Aufführungen - vor allem von „Salome“ und immer wieder von „Fidelio“. Die große Martha Mödl sang hier gemeinsam mit Anton Dermota und lobte den Aufführungsort als besonders geeignet und stimmungsvoll. Natürlich ist eine Freiluftbühne wetterabhängig – also baute man vor über 25 Jahren ein Schiebedach darüber. Dann hat man vor einigen Jahren neuerlich umgebaut, dabei die Bühne verkleinert und von Westen nach Osten verlegt - kein Wunder also, dass große Musiktheaterproduktionen immer seltener wurden. Heute sind die Kasematten mehr eine „Eventlocation“ mit bis zu 1000 Sitzplätzen. Die letzte ernsthafte Musiktheater-Produktion fand meiner Erinnerung nach vor vier Jahren mit dem „Mann von La Mancha“ statt. Es ist erfreulich, dass die Oper Graz diese stimmungsvolle Kulisse als Saisonabschluss für ein Konzert mit szenischen Elementen nutzt.

Opernchef Dirk Kaftan hatte ein äußerst anregendes Programm für Orchester, Chor, Gesangs- und Tanzsolisten zusammengestellt - und er war nicht nur der energiegeladene Dirigent, sondern auch ein eloquenter Moderator. Man sah viele Besucher, die sonst wohl eher selten in die Oper kommen. Das Publikum war animiert, ließ sich von Dirk Kaftan zum Mitmachen mit akzentuierten Olé-Rufen verführen und spendete schon nach den einzelnen Nummern und speziell am Ende lebhaften Beifall mit Bravorufen. Und dieser Beifall war hoch verdient - man erlebte selten in Graz zu hörende Werke in temperamentvoller Interpretation mit einem gut disponierten Opernchor (Leitung: Bernhard Schneider), einem ebenso gut disponierten Orchester und jungen Solisten mit effektvollen Stücken - und das Wetter spielte auch mit. Schon beim Anstieg auf den Schlossberg freute man sich über die vielen Menschen, die an diesem Sommerabend auf den Schlossberg pilgerten - vorbei am lärmenden Public-Viewing der Fussball-Europameisterschaft - und die Kasematten-Bühne füllten

Mit Emmanuel Chabriers populärstem Stück, der Orchesterrhapsodie España, wurde der Abend gebührend knallig eröffnet. Das Werk ist ein Beispiel für jenen Exotismus, der im 19.Jahrhundert so beliebt war.

Aber dann folgte das wirkliche Spanien: Ausschnitte aus dem 2. Akt von Manuel de Fallas La vide breve.

Der junge polnische Bariton Dariusz Perczak aus dem Opernstudio sang begleitet vom Opernchor, der seitlich in den Logen postiert war, zwar schönstimmig, aber etwas lethargisch und wenig profiliert.

 

Danach kam aber schon der erste Höhepunkt des Abends:

Die junge katalanische Mezzosopranistin Anna Brull  - sie ist aus dem Grazer Opernstudio hervorgegangen und ist nun in ihrem ersten Fixengagement an der Grazer Oper - interpretierte drei Teile aus den Cinco canciones negras des katalanischen Komponisten Xavier Montsalvatge, der als eine der Schlüsselfiguren der spanischen Musik der zweiten Hälfte des 20. Jahrhunderts gilt, und der mit diesem an den Rhythmen und Themen aus der Musik der Antillen orientierten Zyklus aus dem Jahre 1945 internationales Ansehen gewann. Der Zyklus ist eigentlich für Sopran geschrieben - man denke an die Aufnahme mit Montserrat Caballé. Aber die drei gewählten Ausschnitte bereiteten dem hell timbrierten Mezzo von Anna Brull mit sicherer Höhe keinerlei Probleme. Sie überzeugte mit natürlicher Ausstrahlung, ausgeglichener Stimmführung und prägnanter - natürlich völlig authentischer -  Artikulation. Das war einen wunderschöne Chance für Anna Brull - wann hat man schon die Chance, diese interessanten Lieder mit Orchester zu präsentieren - sie hat diese Chance sehr effektvoll genutzt!

Den Abschluss des 1.Teils des Abends bildete Maurice Ravel - sozusagen ein halber Spanier, war doch seine Mutter eine spanische Baskin. Alborada del Gracioso  ist ein von Ravel selbst orchestrierter Teil seines Klavierzyklus Miroirs. Das groß besetzte Grazer Philharmonische Orchester spielte unter seinem Chef sehr engagiert und mit der notwendigen französischen clarté - speziell der subtile Wechselgesang zwischen Fagott und Streicher gelang sehr schön.

Nach der Pause eröffnete das Orchester mit Ausschnitten aus Manuel de Fallas Ballett Der Dreispitz. Und dabei traten beim Tanz des Müllers erstmals die Schwestern Tanja und Selina Stekl als Las Hermanas auf das kleine, vor dem Orchester aufgebaute Podium. Die beiden sind professionelle Flamenco-Tänzerinnen - und auch sie begeisterten das Publikum sofort.

Den Schwerpunkt des 2.Teils des Abends bildeten dann sieben Ausschnitte aus Zarzuelas, die man in Graz wohl kaum je live erlebt hat. Aber es sind natürlich echte „Schlager“ darunter, die man von den großen Interpreten der Gegenwart aus den Medien kennt. Dariusz Perczak schien sich nun wesentlich freier zu fühlen als zu Beginn - das berühmte No puede ser, das wohl viele von Placido Domingo oder José Carreras im Ohr haben, gelang ihm sehr gut. Seine Stimme strömt frei und hat in der Höhe Glanz - draufgängerisch-selbstbewusste Intensität und entsprechende Bühnenausstrahlung fehlen (noch). Der Abend war aber sicher eine wichtige Gelegenheit, erstmals einem jungen Sänger des Opernstudios die Möglichkeit einer großen solistischen Aufgabe (und nicht nur kleiner Nebenrollen) zu geben.

Diesen Schritt hat Anna Brull schon hinter sich, war sie doch in dieser abgelaufenen Spielzeit eine stimmlich wirklich sehr gute Rosina im Barbier von Sevilla. Dort war sie allerdings in ein straff-krampfhaftes Regiekonzept gezwängt, das ihr kaum Individualität ermöglichte. Und so freute man sich, sie diesmal als eine strahlend-charmante und natürliche  Gestalterin zu erleben. Von der Stimmfarbe her ist man ein wenig an die große Teresa Berganza erinnert, die stets mit schlanker Stimmführung bezauberte. Anna Brull sang die Schlager La canción de Paloma - sehr gut assistiert vom Chor - und vor allem die köstlich servierte La tarántula (hatte man zuletzt in Graz von Patricia Petitbon erlebt) ganz ausgezeichnet - umjubelt vom Publikum. Zusätzlich erwies sie sich in der Doppelconférence mit Dirk Kaftan als schlagfertig-charmante Gesprächspartnerin. Der Abend war zweifellos ein ganz großer und verdienter Erfolg der 28-jährigen Mezzosopranistin.

Dazwischen beeindruckten nochmals Las Hermanas - ich bin beileibe kein Fachmann für spanischen Tanz, aber das, was hier geboten wurde, vermittelte für mich perfekt das, was auf ihrer Website zu lesen ist: Flamenco ist Feuer, ist Rhythmus, ist Körperbewusstheit, ist Leidenschaft. Auch bei ihnen jubelte das Publikum.

Dirk Kaftan band in seiner Moderation auch sehr charmant sein Orchester ein - er dankte nicht nur für die engagierte Zusammenarbeit während der ganzen Saison bis zu diesem letzten Abend, er verabschiedete auch den stellvertretenden Konzertmeister und einen Tutti-Geiger mit sehr persönlichen Worten (und einem Geschenkkorb) in die Pension. Und er ermunterte die Flötistin, die den Kontakt zu Las Hermanas hergestellt hatte, mit den beiden gemeinsam eine wohlgelungene tänzerische Zugabe zu gestalten. Das gab dem Ganzen eine sehr persönlich-familiäre Note und deutet auf ein sehr gutes Verhältnis des Opernchefs mit seinem Orchester.

Nach dem abschließenden Feuertanz aus El Amor brujo von Manuel de Falla gab es noch reiche Zugaben - zunächst von den beiden Flamenco-Tänzerinnen und dann - zweimal! - das unverwüstliche Granada mit Chor, Orchester und den beiden strahlenden Solisten.

Das Publikum ging begeistert mit, spendete reichen Beifall und wanderte merklich zufrieden und animiert durch den nächtlichen Park des Schlossbergs nach Hause - das war wunderbare Sommerunterhaltung auf hohem Niveau - und man freut sich schon, wenn am 3. September die nächste Saison mit der Bühnenshow Hereinspaziert! eröffnet werden wird.

Hermann Becke, 27. 6. 2016

Fotos: Oper Graz © Werner Kmetitsch

 

 

 

CARMEN

Vorstellung vom 18. Juni 2016

Herheims Bilderwelt: Erfreulicher Repertoirealltag als Nachwuchspflege!

 

Heute gibt es einen doppelten Grund über eine Repertoire-Aufführung zu berichten:

Erstens ist es immer interessant, zu beobachten, wie so eine ausgeklügelte Herheim-Inszenierung abseits des althergebrachten Carmen-Klischees vom Alltagspublikum angenommen wird, und zweitens sind einige Rollenumbesetzungen Anlass, einmal ausdrücklich die langjährige und konsequente Nachwuchspflege der Oper Graz zu thematisieren. Der OPERNFREUND formuliert auf seiner Einstiegsseite ausdrücklich: „Neben den großen Opernhäusern richten wir unsere Aufmerksamkeit besonders auf die vielen mittleren bis kleinen Theater, die großartig qualitative Arbeit leisten.“ Dazu gehört es auch, den Zweitbesetzungen und dem Opernnachwuchs den gebührenden Platz in der Berichterstattung einzuräumen. Und so beginne ich mit dem Opernnachwuchs:

Die Oper Graz hat - wie viele andere Opernhäuser auch - seit vielen Jahren eine sehr wertvolle Einrichtung zur Nachwuchspflege: ein eigenes Opernstudio, dem auch auf der Homepage ein eigener Platz eingeräumt ist. Diese Einrichtung wird seit vielen Jahren - und unter wechselnden Intendanzen -  durch Günter Fruhmann und Maris Skuja mit ruhiger Kontinuität, großer Erfahrung und Kompetenz geführt. Fruhmann ist seit 30 Jahren und Skuja seit 20 Jahren am Grazer Haus. Die beiden treten selten an die Öffentlichkeit, leisten aber ungeheuer wichtige und verdienstvolle Arbeit, daher sollen sie diesmal ausdrücklich gewürdigt und bedankt werden. Und die Carmen-Aufführung ist ein guter Anlass auf diese wertvolle Aufbauarbeit hinzuweisen: von den zehn Gesangsrollen sind sechs mit derzeitigen bzw. ehemaligen Opernstudio-Mitgliedern besetzt!

Zuvor noch ein Einschub:

Der OPERNFREUND ist ein Medium, das seinem Leserkreis möglichst viele Fotos bieten möchte. Das ist bei Repertoire-Aufführungen mit Zweitbesetzungen immer schwierig. Dank der Hilfe des Pressebüros der Oper kann ich zumindest ein Probenfoto mit der neuen Micaela bieten.

 

Die Ukrainerin

Tatjana Miyus ist ein sehr gutes Beispiel für die erfolgreiche Aufbauarbeit des Grazer Opernstudios. Der eingangs erwähnte Studienleiter der Grazer Oper Maris Skuja hörte sie im Jahre 2011 bei ihrem Abschlussdiplom an der Musikuniversität in Kiew und lud die 22-Jährige nach Graz zum Vorsingen ein. Die damalige Intendantin Sobotka hielt sie für ein Fixengagement für noch zu jung, bot ihr aber für die darauf folgende Saison kleine Gastrollen an, dann wurde sie für 2 Jahre ins Opernstudio aufgenommen und hat sich schon damals eine Reihe von kleineren, aber auch größeren Rollen (Nanetta, Musette, Papagena, Pamina) erarbeitet. Inzwischen ist sie ein beim Publikum beliebtes Ensemblemitglied, das in der Carmen-Wiederaufnahme zunächst die Frasquita sang, nun aber als Zweitbesetzung auch zweimal die Micaela übernehmen durfte. Tatjana Miyus hat hervorragend bestanden! Ihre absolut sicher und zentriert sitzende, klare Stimme vermittelt die kindlich-frische Naivität der Micaela und verfügt auch über die nötige französische Douceur. Sie forciert nie und behauptet sich dennoch problemlos gegenüber dem heldisch gefärbten Don José. Bereits das Duett im 1.Akt gelang sehr gut und mit der sehr schön gestalteten großen Szene im 3.Akt überzeugte sie endgültig. Graz hat mit ihr eine zweite ausgezeichnete Micaela-Besetzung. Noch etwas fiel auf: Miyus ist in ihren bisherigen Rollen immer durch quirlig-lebhaftes Spiel aufgefallen. Diesmal blieb sie darstellerisch ganz ruhig-verhalten und still - eine neue Facette an ihr, die der Rolle völlig adäquat ist.

 

 

Das Schmugglerpaar Dancairo/Remendado verkörpern zwei Stützen des Grazer Ensembles, die beide schon vor Jahren aus dem Opernstudio hervorgegangen sind: der Bariton Ivan Oreščanin und der Tenor Taylan Reinhard. Beide sind überaus spielfreudige und köstliche Transvestitenfiguren mit solider stimmlicher Prägnanz.(Taylan Reinhard - das sei hier eingefügt - hatte übrigens erst am Vorabend dieser Carmen-Aufführung als Quint in Benjamin Brittens „Turn oft he Screw“ in einer Aufführung der Kunstuniversität Graz eine stimmlich und darstellerisch glänzende Leistung geboten!). Die beiden Zigeunerinnen Frasquita und Mercédès sind neu besetzt - beide sind derzeit Mitglieder des Opernstudios. Die aus Uruguay stammende Sofia Mara und die Chinesin

Yuan Zhang sind gebührend rassig-exotische Erscheinungen. Sie boten ordentliche Leistungen, aber da ist noch weitere Arbeit zu leisten. Maras Sopran klingt noch recht hart und der schön-timbrierte Mezzo von Zhang wird noch an prägnantem Profil dazugewinnen.

 

Und noch ein weiteres Opernstudio-Mitglied ist aufgeboten: der 26-jährige polnische Bariton Dariusz Perczak als Moralès, der gerade erst den 2.Preis im Ferruccio-Tagliavini-Wettbeweb erringen konnte. Er verfügt über ein reiches und dunkel timbriertes Stimmmaterial. Er hat gegenüber der ersten Vorstellung deutlich an Sicherheit gewonnen - da gab es keine rhythmischen Unebenheiten mehr - eine sehr schöne Leistung. Bei entsprechend positiver Weiterentwicklung kann man sich vorstellen, dass da eine Escamillo-Stimme heranwächst….

Dshamilja Kaiser, Martin Muehle und Markus Butter sind so wie in der ersten Aufführung der Wiederaufnahme-Serie Carmen, Don José und Escamillo - ihre Leistungen wurden bereits damals gewürdigt - siehe unten. Nun in der bereits vierten Vorstellung der Wiederaufnahme-Serie überzeugte mich Dshamilja Kaiser vollends - sie war diesmal schon von Beginn an stimmlich und darstellerisch souverän und hat sich die Carmen ganz zu eigen gemacht. Sie wirkt gelöst und schöpfte stimmlich aus dem Vollen. Martin Muehle ist stimmlich ein absolut überzeugender Don José - die kleinen darstellerischen Einwände bleiben aufrecht. Er ist einfach ein zu elegant-herrischer Tenor, der die in dieser Inszenierung speziell herausgearbeitete Gebrochenheit und Hilflosigkeit der Rolle zwar spielt, sie aber nicht wirklich vermitteln kann. Für Markus Butter ist der Escamillo wohl eine Grenzpartie, die er mit Anstand bewältigt.

Der Grazer Opernchef Dirk Kaftan wirkte an diesem Abend wesentlich weniger angespannt als bei der ersten Vorstellung. Von Beginn an gibt es keinerlei „Wackelkontakte“ zwischen Orchester und Bühne - es wird diesmal geradezu frei schwingend musiziert. Die Sänger haben genügend Freiraum zur Entfaltung, ohne dass je der natürliche musikalische Fluss gehemmt wird. Gemeinsam mit den sehr gut disponierten Grazer Philharmonikern und dem diesmal absolut sicheren Opern-, Extra- und Kinderchor war das eine höchst erfreuliche und wirklich gute Repertoire-vorstellung, die vom Publikum mit sehr großem Beifall - wohl mehr als bei der ersten Aufführung! - aufgenommen wurde.

Das Publikum, darunter viel Jugend, füllte (trotz des gleichzeitigen Österreich-Spiels bei der Europameisterschaft!) das Haus fast bis zum letzten Platz - es war ein ganz anderes Publikum als man bei den Premieren sieht - und es nahm die unkonventionelle Herheim-Sichtweise sehr positiv und aufgeschlossen auf. Schon während der Aufführung gab es viele Lacher, wiederholten Szenenapplaus, aber auch betroffenes Schweigen wie etwa am Ende des 3.Bildes - und wie gesagt am Ende wirklich herzlichen und lauten Beifall. Man sieht: gute „moderne“ Inszenierungen finden ihr Publikum.

Zum Schluss sei nochmals die konsequente Nachwuchspflege der Oper Graz gewürdigt. Wie schon eingangs gesagt: ohne die im Hintergrund sehr verdienstvoll wirkenden Günter Fruhmann und Maris Skuja wäre diese erfolgreiche Nachwuchspflege nicht möglich. Maris Skuja war an diesem Abend bei allen Micaela-Szenen in der Theater-Loge. Ihm kann man zur Entwicklung der von ihm entdeckten Tatjana Miyus unbedingt gratulieren. Daher soll er diesmal auch optisch sichtbar werden - gemeinsam mit der neuen Micaela der Oper Graz:

Die Grazer Oper hat an diesem Repertoireabend eine eindrucksvolle Probe ihrer Leistungsfähigkeit geliefert - so wünscht man sich Musiktheater heute: geistvolle, aber gleichzeitig unterhaltsame szenische Interpretationen mit ausgezeichneten musikalischen Leistungen!

 

Hermann Becke, 19. 6. 2016

Hinweis:

In der Spielzeit 2016/17 werden renommierte Gäste mit dem Grazer Opernstudio arbeiten: Brigitte Fassbaender, Cheryl Studer, Marjana Lipovšek und der italienische Gesangspädagoge Savastano und es wird natürlich auch öffentliche Auftritte geben. Alle Details finden sich im sehr informativen OpernSaisonal-2016/17 .Dieses Heft enthält auch den detaillierten Spielplan der nächsten Saison - auch die Karten für alle Vorstellungen können bereits jetzt bestellt werden.

 

 

CARMEN

Wiederaufnahme und Neueinstudierung  am 8. Juni 2016

Premiere: 1. 10. 2006

Herheims Museumsmusen und Bilderwelten

 

Die Grazer Intendantin Nora Schmid greift etwas auf, was bereits ihre Vorgängerin Elisabeth Sobotka mit Erfolg gemacht hatte: sie holt Stefan Herheims Carmen-Inszenierung wieder hervor, mit der vor bald 10 Jahren die Saison 2006/07 eröffnet wurde und die damals ein einhelliger Erfolg bei Publikum und Presse war. Mit 20.034 Besuchern und 92,37 Prozent Auslastung war sie der Hit der Spielzeit 2006/07 und stand deshalb auch in der folgenden Saison nochmals auf dem Spielplan. Sobotka hat dann die Inszenierung am Ende der Saison 2011/12 wieder auf den Spielplan gesetzt. Nora Schmid macht dies nun am Ende ihrer ersten Grazer Spielzeit ebenso. Das wird das Publikum freuen - und es ist für die Auslastungszahlen der Grazer Oper sicher zuträglich.

Dazu passt, was die Frankfurter Rundschau vor wenigen Tagen schrieb: „Wer im Juni George Bizets Oper „Carmen“ ansehen möchte, kann das tun in Avignon, Bratislava, Ekaterinburg, Graz, Karlsruhe, Kazan, Ljubljana, Minsk, Sydney...“  Zusätzlich gab es am 4. Juni in Darmstadt und wenige Tage vor Graz am 5.Juni in Frankfurt/Main eine Carmen-Premiere. Über die Frankfurter Regie von Barrie Kosky konnte man hier lesen: Kosky ist kein Stückezertrümmerer, sondern ein Unterhaltungskünstler mit untrüglichem Instinkt für Bühnenwirksamkeit, wenn auch mit unkonventionellem Geschmack.

Und genau das kann man mit Fug und Recht auch über Stefan Herheim sagen! Gemeinsam mit seinem Dramaturgen Alexander Meier-Dörzenbach setzt er sich über das Original hinweg, verfasst neue Dialoge, lässt das Stück in einem Museum beginnen (Bühne und Kostüme: Heike Scheele), die üppigen Gemälde von Historienmalern werden transparent, aus ihnen tritt der Chor, eine der Putzfrauen des Museums wandelt sich zu Carmen und der Museumsaufseher zu Don José. Virtuos wechselt das Geschehen zwischen Sein und Sein, die Bilderrahmen schaffen überraschende Freiräume. Carmen - ein Palimpsest - das Wiederbeschreiben von Manuskriptseiten - die erste Wahrnehmung, der erste Gedanke, das erste Bild verschwinden nicht , sondern sie überlagern sich… bleiben transparent - so beschreibt das Programmheft die Grundidee der szenischen Umsetzung. Stefan Herheim hat wahrhaft einen untrüglichen Instinkt für Bühnenwirksamkeit - und so erlebt der Opernbesucher in dieser Inszenierung die Elemente der herkömmlichen Carmen-Bilder überlagert mit fantasievollen und überbordenden assoziativen Bildern und Kultgestalten, die aus dem Keller des Museums im 2.Akt hervorquellen.

Auch wenn man die Inszenierung nun schon zum wiederholten Male im Laufe der Jahre gesehen hat, entdeckt man immer wieder Neues und freut sich über Assoziationen. Um nur einige Namen zu nennen: da tritt ein Mann als Mona Lisa auf, dann kommen ein riesiger Don Quichotte, das Gretchen aus dem Faust, die barbusige französische Nationalfigur Marianne, Marie Antoinette, aber auch Marilyn Monroe in ihrem berühmten weißen Kleid und Andy Warhol, ein von Pfeilen durchbohrter Heiliger Sebastian, und, und, und….. Das Ganze verträgt sich durchaus mit der unsterblichen Musik von Georges Bizet, die Nietzsche in einer seiner an den Rand seines eigenen Carmen-Auszugs geschriebenen Glossen unter anderem als prachtvollen Zirkuslärm  apostrophierte. (Wen diesen Glossen interessieren, der sei auf den auch heute nach 100 Jahren noch lesenswerten Artikel des deutschen Musikwissenschaftlers und Komponisten Edgar Istel verwiesen!). Stefan Herheim und sein Team haben jedenfalls eine eigenständige Sicht auf diese wohl populärste Oper aller Zeiten geschaffen.

Von der Premierenbesetzung des Jahres 2006 ist nur mehr der nach wie vor bassgewaltige Konstantin Sfiris als Zuniga im Einsatz. Die gesamte übrige Besetzung hat nie mit Stefan Herheim an seinem Carmen-Konzept gearbeitet. Schon die Wiederaufnahme im Jahre 2012 leitete nämlich Christiane Lutz . Die heute 35-jährige deutsche Regisseurin war damals  im Jahre 2006 in Graz Assistentin Stefan Herheims und kennt daher die Inszenierung sehr gut. Wie man weiß, ist Herheims Probenarbeit immer von großer Detailgenauigkeit geprägt - und ich meine auch, dass seine Konzepte immer entscheidend von den Persönlichkeiten mit beeinflusst sind, die ihm in den Hauptpartien zur Verfügung stehen. Bei der Wiederaufnahme im Jahre 2012 waren Carmen und Don José dieselben wie bei der Premiere. Diesmal sind allerdings alle vier Protagonisten neu besetzt. In einem Interview hat sich Christiane Lutz zu dieser Problematik geäußert. Sie erklärt ihre Arbeitsweise sehr klug, aber ich meine doch, dass gerade bei Carmen und bei Don José ein gewisser Bruch zu registrieren ist. Musikalisch sind Dshamilja Kaiser und Martin Muehle eine ausgezeichnete Besetzung.

 

Dshamilja Kaiser wirkt im 1.Akt etwas steif und künstlich - Habanera und Seguidilla gelingen zwar sehr ordentlich, aber ohne besondere Ausstrahlung. Das simple, leicht gewöhnlich-ordinäre Putzfrauen-Image, das Herheim Carmen verpasst, und die laszive Erotik sind nicht ihre Stärke. Ab dem 2. Akt erweist sich sie dann aber stimmlich und darstellerisch als großartige und überzeugende Frauengestalterin. Das war eine große und ganz individuell geprägte Leistung internationalen Rangs einer beim Grazer Publikum hochgeschätzten Künstlerin. Sie war ab dem 2. Akt bis zum Ende die zentrale Figur des Abends und berührte auch altgediente Opernfreunde. Was ihre stimmliche Leistung anlangt, kann man sich nur dem anschließen, was über ihre Carmen an der Wiener Volksoper im Jahre 2014 geschrieben wurde: „Mit edler,  weicher, dunkel gefärbter Stimme, die weder in der Höhe noch  in der Tiefe Grenzen zu kennen scheint und  über beachtliches Volumen und Kraft verfügt, die ihr  eindrucksvolle dramatische Ausbrüche erlauben, musizierte die Sängerin doch immer maßvoll und kultiviert.“

 

Es ist übrigens eine Stärke der Herheim-Inszenierung, dass sie trotz der überbordenden Bilder- und Aktionenflut immer geradezu als Kontrapunkt die nötigen Freiräume und Ruhepunkte zulässt, in der man sich ganz auf Carmen und Don José konzentrieren, ja einlassen kann.

Martin Muehle hat bei seinem Graz-Debüt als Don José eine makellose stimmliche Leistung geboten. Gerade im 1. Akt, wo die Aufführung szenisch, aber auch musikalisch (davon später) nicht so recht in Schwung kam, sorgte er mit großer stimmlicher Routine, sicherer Phrasierung für Konsolidierung. Auch die heiklen Pianissimo-Phrasen (bis zum a) am Ende des Duetts mit Micaela gelangen sicher und mit Geschmack. Stimmlich gab es auch in der Folge nur Positives zu erleben - sichere Höhen, schöne lyrische Bögen und fast heldentenorale Kraft in den dramatischen Ausbrüchen. Man merkt seine große Erfahrung in dieser Partie. Martin Muehle ist auch ein durchaus engagierter Darsteller, einzige Einschränkung: er  s p i e l t seinen Part ausgezeichnet, aber so ganz ist er - zumindest in dieser ersten Aufführung - nicht in die Gebrochenheit hineingewachsen, die Herheim konzipiert hat und die in der Premierenbesetzung vor 10 Jahren und bei der Wiederaufnahme vor 4 Jahren so überzeugend umgesetzt worden war.

Sophia Brommer hat gleich in ihrem ersten Grazer Jahr das Publikum für sich gewonnen. Ihre Luisa Miller und ihre Konstanze waren zu Recht umjubelte Leistungen. Für die Micaela scheinen mir allerdings ihr technisch einwandfrei geführter Sopran und ihre kühle Ausstrahlung nicht optimal geeignet. Das Duett im 1.Akt klang noch recht spröde - ausgezeichnet gelang ihr allerdings ihre große Szene im 3.Akt. So wie die anderen drei Protagonisten hat auch Markus Butter mit seiner Partie bereits internationale Erfahrung, auch wenn man ihn nun in Graz zum ersten Male als Escamillo erlebt. Er verfügt über einen kernigen Bariton, dem es bei seiner Auftrittsarie doch etwas an dem nötigen Volumen und Gewicht fehlt. Aber in der Folge überzeugt er mit einer ausgezeichneten französischen Phrasierung, sicherer Höhe und eleganter Ausstrahlung.

 Sehr gut sind Frasquita und Mercédès mit Tatjana Miyus und Anna Brull besetzt - und ein Kabinettstück liefern Ivan Oreščanin und Taylan Reinhard in den als Transvestiten (und Karikaturen von Carmen und Micaela) gezeichneten beiden Schmugglerfiguren. Da stimmte darstellerisch und stimmlich alles. Der Schauspieler Tino Sekay war ein skurriler Lillas Pastia mit exzellenter französischer Diktion. Dariusz Perczak sang den Morales mit vielversprechendem Bariton, allerdings rhythmisch ein wenig schleppend. Der 1. Akt gelang dem Grazer Opernchef Dirk Kaftan nicht so recht. Wie immer dirigierte er mit großer Energie und feurigem Animo - aber im 1. Akt gab es doch eine Reihe von „Wacklern“ zwischen Orchester und Bühne. Man hatte auch das Gefühl, dass szenisch so manches nur nach Regieanweisung abgespult wurde und damit „aufgesetzt“ wirkte. Vielleicht war es auch bei allen - bei Solisten, Chor und Orchester - die Premierenanspannung, die keine rechte Stimmung entstehen ließ. Schlagartig verbesserte sich die Situation allerdings ab dem 2. Akt - da erlebte man auf der Bühne blutvolles Theater und im Orchestergraben  spannungsvolles Musizieren mit vielen schönen Soli der Grazer Philharmoniker (Flöte, Klarinette). Wunderschön ruhig gelang Kaftan das bukolische Es-Dur-Zwischenspiel vor dem 3.Akt, das Gott sei Dank durch keinerlei Bühnenaktion gestört wurde. Wenige Tage vor der Carmen-Wiederaufnahme wurde bestätigt, was sich schon lange ankündigte: Dirk Kaftan wird mit Ende der nächste Spielzeit Graz verlassen, obwohl die Vertragsverhandlungen mit Bonn noch nicht endgültig abgeschlossen sind. Dirk Kaftan wird der Oper Graz fehlen!

Chor und Extrachor (Leitung: Bernhard Schneider) und die Singschul‘ unter Andrea Fournier haben - abgesehen von den schon erwähnten rhythmischen Unebenheiten im 1. Akt Schönes geleistet - und das gilt gemeinsam mit der Statisterie auch für das darstellerische Engagement. Im Schlussbild sind sie alle in einem eindrucksvollen Tableau dicht gedrängt vereint - diese szenische Lösung sorgte auch für ein kompaktes und prägnantes Klangbild.

Am Ende gab es im gut besuchten Hause für alle Beteiligten kräftigen, aber bemerkenswert kurzen Applaus. Résumé: eine spannende Aufführung - gleich interessant für jene, die das Werk zum 1.Male auf der Bühnen erleben wollen und für Carmen-Habitués!

Hermann Becke, 9. 6. 2016

Fotos: Oper Graz, © Werner Kmetitsch

Hinweise:

-        Weitere 5 Termine im Juni

-        Kaftans Abgang von Graz kommentierte am 5.6.2016 Bonns General-Anzeiger

-        Und da Tratsch untrennbar mit Oper verbunden ist und just am Tage der Grazer Wiederaufnahme in der Welt ein Artikel über die private Verbindung der Regisseurin des Abends mit Jonas Kaufmann erschienen ist, sei auch dieser Hinweis erlaubt. Übrigens hatte der österreichische Kurier schon vor einem Jahr mit netten Bildern darüber berichtet...

 

 

DIE ENTFÜHRUNG AUS DEM SERAIL

22. 5. 2016

(3. Vorstellung nach der Premiere vom 21. 4. 2016)

Krauses in Belmontes Kopf!

„Ach, ja! Hast recht: 's ist im Kopf mir kraus. Hab' heut' manch' Sorg' und Wirr' erlebt: da mag's dann sein, dass was d'rin klebt.“ An dieses Wort von Hans Sachs muss man denken, wenn man die Grazer Inszenierung nun ein zweites Mal nach der Premiere besucht! Denn es ist schon wirklich kraus, was sich da die Regisseurin Eva-Maria Höckmayr hat einfallen lassen. In dem gut gemachten Video der Oper Graz wird es klar ausgesprochen: es wird der Fokus auf Konstanze und Belmonte als Paar gelegt und die Zuschauer erhalten die Möglichkeit, drei Stunden in Belmontes Kopf einzusteigen. Schade übrigens, dass die Videos der Grazer Neuinszenierungen immer erst nach der Premiere veröffentlicht werden, sodass man sie weder bei der Einstimmung auf die Vorstellung noch bei der Premieren-Berichterstattung berücksichtigen kann. Wenn ich heute also ein zweites Mal über diese Produktion berichte, dann hat das nicht zuletzt den Vorteil, dass die geneigte Leserschaft auf dieses Fünf-Minuten-Video ausdrücklich aufmerksam gemacht werden und auch aktuelles Fotomaterial eingebaut werden kann, das im unten nachzulesenden Premierenbericht noch nicht zu sehen war. Das Medienecho auf die Premiere war durchaus kontroversiell - das Grazer Lokalblatt schrieb überwiegend positiv, die Wiener Presse hingegen sprach von bleiernen drei Stunden und einer gescheiterten Regie - und auch ich selbst habe über die szenische Umsetzung nicht allzu positiv geschrieben - siehe unten. Gerade in einer solchen Situation lohnt es sich, die Aufführung ein weiteres Mal zu besuchen, um zu sehen, wie sich die Inszenierung im Repertoire-Betrieb bewährt. Und schließlich ist ja auch über die Alternativbesetzung des Pedrillo zu berichten. Beginnen wir also gleich mit dem Pedrillo von Manuel von Senden.

 

Er bezeichnet sich auf seiner eigenen Homepage als Charaktertenor und debütierte in Graz im Jahre 1993 als Pedrillo. Hier ist er nun seit über 20 Jahren ein bewährtes Ensemblemitglied im Charakterfach etwa als Mime, Ägist oder Hauptmann in Wozzeck. Er macht auch aus seinem Alter kein Geheimnis - laut Homepage steht er im 63. Lebensjahr und ist damit rund doppelt so alt wie seine (teils sehr) jungen Kollegen in den Partien von Konstanze, Blonde, Belmonte und Osmin. Aber das stört in dieser Inszenierung gar nicht - ist doch Pedrillo hier nicht als jungenhafter Buffotenor, sondern als eine schmierig-zwielichtige Partyfigur gezeichnet, die albtraumartig im Hintergrund durch die Szene geistert. Manuel von Senden hat in diesem Sinne seinen Part hervorragend erfüllt und ist auch gegenüber der Premiere deutlich ein stimmlicher Gewinn. Er singt vor allem die heikle Arie Frisch zum Kampfe mit heller, sicher sitzender und klarer Stimme - gegen Ende der Arie gelingt selbst das heikle h auf frisch sicher und routiniert. Seine Routine hilft ihm, dass er auch dann mit klarer Artikulation präsent ist, wenn er speziell im ersten Teil zu weit hinten positioniert ist. Pedrillo darf zwar nach wie vor nur die Strophen 2 und 3 seines Ständchens singen - die erste Strophe wird in völlig unpassender Weise Belmonte anvertraut. Gott sei Dank verzichtet Manuel von Senden auf die kuriosen Modulationen, die bei der Premiere zu hören waren. Die Homepage der Oper Graz lässt einem übrigens im Unklaren, wer in den sechs Juni-Vorstellungen den Pedrillo singen wird. Sowohl bei der Premierenbesetzung Taylan Reinhard als auch bei Manuel von Senden ist angegeben, dass sie diese Vorstellungen singen werden. Manuel von Senden ist jedenfalls sehr solide und gute Besetzung. Bei der übrigen Besetzung dieser Produktion steht fest, dass sie alle weiteren Aufführungen singen wird - hier die vollständige Terminvorschau. Diese  vier Gesangssolisten haben sich gegenüber der Premiere allesamt markant gesteigert.

Sophia Brommer leistet als Konstanze wirklich Erstaunliches. Da wird ihr zunächst zugemutet, sich die ersten 35 Minuten der Vorstellung träumend im Bett zu wälzen, dann hat sie weitere 5 Minuten Text zu sprechen - erst dann darf sie die heikle Adagio-Arie Ach, ich liebte, war so glücklich anstimmen. Sie schafft das mit erstaunlichem Erfolg, wenn auch doch mit deutlicher stimmlicher Anspannung. Eine erfahrene Opernregisseurin sollte eigentlich wissen, wie schwer es für eine Sängerin ist, wenn sie 35 Minuten stumm liegen muss und dann sofort eine exponierte Arie zu singen hat! Wie differenziert und klangschön Sophia Brommer die ruhigen Mozart-Phrasen gestalten kann, bewies sie dann endgültig in der zweiten Arie Traurigkeit wird mir zum Lose. Das war wesentlich ausgewogener als bei der Premiere und ohne jegliche Intonationstrübung. Und vollends Großes gelang ihr in der großen Martern-Arie. Auch hier verlangt ihr der Regie eigentlich Unzumutbares ab - teils muss sie im Bett auf dem Rücken liegend singen, teils wird sie von Bassa Selim aufgehoben und während des Singens herumgedreht. Das alles meistert sie stimmlich und ausdrucksmäßig souverän. Sie verbindet technische sichere Bewältigung und intensiven Ausdruck - man kann ihr (und dem Grazer Opernpublikum) zu dieser Leistung nur aufrichtig gratulieren!

An dieser Stelle muss allerdings ein gewichtiger musikalischer Einwand erhoben werden: Das Programmheft enthält einen klugen Beitrag über die musikalische Bedeutung des langen Orchestervorspiels der Martern-Arie. Dieses musikalische Kleinod durch Textpassagen von Belmonte und durch Einspielungen von Konstanzes Sprechstimme zu stören, hätte der Dirigent Dirk Kaftan nicht zulassen dürfen, ebenso wenig wie den durch Konstanzes Lachen verursachten Abbruch des Schlusses von Belmontes Baumeister-Arie. Da drängt sich das Regietheater völlig unberechtigt vor die Musik! Abgesehen von diesen unverzeihlichen Eingriffen hat allerdings Dirk Kaftan mit dem konzentriert spielenden Grazer Philharmonischen Orchester für eine stets spannende und profilierte Interpretation gesorgt. Jede Nebenstimme war transparent herausgearbeitet, ohne sich unnötig in den Vordergrund zu drängen.

 

Der Orchestergraben war deutlich gehoben - das sorgte für plastisches und gut durchzuhörendes Musizieren, hatte aber im 1.Teil den gravierenden Nachteil, dass die im Hintergrund postierten Sänger stimmlich  noch mehr ins Hintertreffen gerieten. Da hat sich leider seit der Premiere gar nichts verbessert. Der Belmonte von

Mirko Roschkowski hat seit der Premiere deutlich an stimmlichem Profil und an Sicherheit gewonnen. Diesmal war es eine absolut überzeugende und stimmige Mozart-Interpretation. Belmonte und Konstanze kann man auch bescheinigen, dass sie sich mit bewundernswertem Engagement in das Regiekonzept eingelassen haben. Beide waren überzeugende Bühnenpersönlichkeiten.

 

Eine der gravierenden Schwächen dieser Inszenierung ist es, dass sich die Figuren von Osmin, Blonde und Pedrillo zu keinen eigenständigen Persönlichkeiten formen. Alle drei sind eher karikierende Gestalten ohne persönliches Profil. Cathrin Lange ist wie in der Premiere eine stimmlich sichere, ja ausgezeichnete Blonde. Der nicht einmal noch 26 Jahre alte slowakische Bassist Peter Kellner ist zweifellos eine herausragende stimmliche Begabung, aber der Osmin kommt für ihn auf einer Bühne der Größenordnung von Graz doch wohl noch zu früh. Er hat sich zwar gegenüber der Premiere gesteigert, aber es fehlt ihm ganz einfach sowohl stimmlich als auch darstellerisch noch das nötige Gewicht für diese zentrale Rolle, so schön gesungen ihm auch manche Phrasen gelingen. Noch dazu ist er im ersten Teil durch die szenische Lösung ernsthaft benachteiligt, weil er zu weit hinten zu agieren hat. Dennoch: Peter Kellner ist zweifellos ein Versprechen für die Zukunft!

Meine Einwände gegen das Regiekonzept habe ich schon im Premierenbericht vom 22.4. 2016 artikuliert - dem ist eigentlich nichts hinzuzufügen - siehe unten. Es ist eine ausgeklügelte Inszenierung, die den musikalischen Ablauf hemmt und sich ungebührlich in den Vordergrund drängt. Aber wegen der musikalischen Leistungen hat es sich gelohnt, die Aufführung nochmals zu besuchen. Die Nachmittagsvorstellung war mit Busreisenden sehr gut gefüllt - einige verließen allerdings schon im ersten Teil das Haus - der Schlussbeifall war freundlich. Und um zum Eingangszitat zurückzukommen:

Im Kopf des Leading-Teams war‘s wohl allzu kraus - da klebt allzu viel Sorg‘ und Wirr‘ drin, die nichts mit Mozart zu tun haben.

Hermann Becke, 23. 5. 2016

Fotos: Oper Graz, © Werner Kmetitsch

 

 

 

 

B9 - Beethoven für alle!

Oper, Kunstuniversität, 6 Schulen und Rundfunk kooperieren

26.4.2016

Präsentation und Konzert auf der Bühne des Grazer Opernhauses

 

Es war der Abend des Grazer Opernchefs Dirk Kaftan - auf seine Initiative wurde dieses überaus erfreuliche Projekt entwickelt, er war durch Monate der unermüdliche Motor, er verstand es offenbar sehr gut, den Kontakt zu den Jugendlichen herzustellen und er war auch der eloquente Moderator des Abends. Worum ging es:

Seit Jänner 2016 setzten sich 165 Grazer Schülerinnen und Schüler (zwischen 13 und 18 Jahren) aus sechs verschiedenen Schulen in Zusammenarbeit mit dem Grazer Philharmonischen Orchester und 20 Lehramt-Studierenden der Kunstuniversität Graz (KUG ) mit Beethovens 9.Symphonie auseinander. Man liest dazu: „Eines der größten symphonischen Werke aller Zeiten, eines der größten Hörereignisse überhaupt: Junge Menschen für Beethovens Neunte Symphonie zu begeistern, ist das Anliegen von Dirk Kaftan. In musikalischen Workshops finden Schülerinnen und Schuler eigene Zugänge zu einem Stück, das weit mehr ist als „Freude, schöner Götterfunken! “, das vom ersten Ton an die Frage stellt: Wie wollen wir leben?“

Was man an diesem Abend nicht erleben konnte, war bereits im Vorfeld an den Schulen geschehen:

Das Grazer Philharmonische Orchester kam in Schulen (z.B. in der Turnsaal) und spielte für die beteiligten Schülerinnen und Schüler Beethoven, Dirk Kaftan moderierte und animierte zum Gespräch. Der direkte Kontakt zwischen Dirigent, Orchester und Schülern ist zweifellos das Wertvollste, was man tun kann, um die Jugend an die klassische Musik heranzuführen und ihnen ein zeitgemäßes Verständnis von Beethoven zu vermitteln.

Ein Zitat aus einer Schul-Website: Besonders interessant waren auch die Fragen, die Dirk Kaftan zur Musik stellte und die Anregungen, die er den Schülerinnen und Schülern gab, um sich in Beethovens Gefühlswelt hineinversetzen zu können. Sehr spannend war es, als Dirk Kaftan sein Dirigentenpult kurz verließ, um SchülerInnen in diese Rolle schlüpfen zu lassen - sie haben ihre Aufgabe mit Bravour gemeistert!

Abgesehen von diesen Orchesterterminen gab es allein im April 25 Termine an den unterschiedlichen Schulen, in denen für „B9“ geprobt wurde - hauptsächlich im regulären Unterricht, aber auch in Extra-Terminen. Das Abschlusskonzert konnte nun einen kleinen Ausschnitt der geleisteten Arbeit vorstellen, wobei die Einbeziehung des Publikums schon im Foyer begann. Eine Schule schrieb dazu: In ihrer Performance mischen sich die 14 SchülerInnen mit kurzen Interventionen im Eingangsfoyer der Oper Graz unter die Besucher.

Was da an friedvollen Vorstellungen aufgebaut wurde, zerstörte dann  der 4.Satz mit einem geradezu infernalischen Auftakt aller Bläser. Dazu gab es eine Collage des Suchens. Wie Beethoven erlebten wir in den ersten drei Minuten des 4.Satzes einen Prozess voller Höhen und Tiefen, Unsicherheiten und Fragen…bis uns plötzlich ein Licht aufging. Danach brachte der Bassbariton Wilfried Zelinka (auch er ein begabter Moderator!) das Publikum tatsächlich zum Anstimmen von Freude, schöner Götterfunken, bis dann eine geradezu professionelle Pop-Gesangseinlage samt Tanzperformance und Wordrap den Abschluss bildete. Alles lief perfekt organisiert ab und Dirk Kaftan holte zum Schlussbeifall zu Recht nicht nur alle mitwirkenden Schülerinnen und Schüler, sondern auch die sie betreuenden Musikpädagogik-Studierenden und die Lehrer/innen mit dem KUG-Professor Bernhard Gritsch auf die Bühne. Ihnen allen gemeinsam ist eine ernsthafte, beeindruckende und auch bühnenwirksame Auseinandersetzung mit Beethoven zu danken - man kann sich nur wünschen, dass dieses „exzellente Referenzprojekt“ (wie es KUG-Rektorin Elisabeth Freismuth nannte) in den folgenden Jahren eine geeignete Fortsetzung findet.

Nach einer Pause erklang dann Beethovens Neunte in ihrem vollen Umfange. Das Grazer Orchester zeigte sich bestens disponiert und auch der Chor (Einstudierung: Bernhard Schneider) war den enormen Anforderung gewachsen. Beethoven hat speziell die Soprane in genialer Unbekümmertheit in eine extreme Höhenlage geführt - auch das wurde mit Anstand bewältigt. Dirk Kaftan dirigierte mit der ihm eigenen, energisch-aufgeladenen Zeichengebung. Er riss nicht nur das Orchester mit seiner Begeisterung mit, sondern auch das jugendliche Publikum, das nicht nur nach jedem Satz in Beifall ausbrach, sondern auch nach der großartigen Steigerung und der Cherub steht vor Gott losklatschte. Das störte diesmal gar nicht, sondern bekräftigte wohl das, was Beethoven mit seinen eigenen Worten dem Schillertext vorangestellt hatte: O Freunde, nicht diese Töne! Sondern lasst u n s angenehmere anstimmen und freudenvollere!  Damit sind die Schranken zwischen Podium und Publikum gefallen - das Wort uns gilt nicht nur dem Orchester, dem Chor und den Solisten, sondern uns allen. Die Jugend hat dies an diesem Abend wohl instinktiv gespürt und auch dort applaudiert, wo es nicht Publikumskonvention ist.

Bei der Auswahl der Solisten erlebte man nochmals sehr schön das fruchtbare Zusammenwirken von Oper und Kunstuniversität Graz, sind doch der Tenor Johannes Chum und der Bassist Wilfried Zelinka aus der Grazer Ausbildungsstätte hervorgegangen. Mit Autorität, Intensität und klarer Artikulation gebietet Wilfried Zelinka den Gewalten der Finsternis Einhalt, Johannes Chum ist der glaubhafte himmelstürmende - und höhensichere - Held. Sophia Brommer führt die Solistenensembles mit strahlendem Sopran an und die junge Chinesin Yuan Zhang (aus dem Opernstudio) erfüllt die nicht sehr dankbare Altpartie sehr solide.

Am Ende sehr viel Beifall und Jubel für alle Ausführenden mit dem strahlenden Opernchef Dirk Kaftan an der Spitze!

 

Hermann Becke, 27. 4. 2016

Hinweise:

-am Freitag, 29.4. gibt es einen weitere Aufführung - nach dieser sollte es auch Fotos auf der Website der Oper-Graz geben 

- es wurde auch eine Verfilmung des Projekts angekündigt

 

 

 

DIE ENTFÜHRUNG AUS DEM SERAIL

Premiere am 21. 4. 2016

Beziehungsdrama in Traumwelt

 „Um die Geschichte von Belmonte und Konstanze dem Zuschauer ein bisschen näher zu rücken, sozusagen die Identifikationsfläche so groß wie möglich zu machen, ist dieses Paar bei uns ein ganz lebensnahes Paar, hat sogar ein Kind und verhandelt innerhalb weniger Stunden, sozusagen einer Nacht, eine Ehekrise aufgrund einer vorgestellten Untreue Konstanzes“, so die Regisseurin Eva-Maria Höckmayr im TV-Interview.

Die Szenerie des Singspiels (Bühne: Julia Rösler/Esther Dandani, Kostüme: Julia Rösler) ist ein modern-kühles Schlafzimmer, dessen flexible Wände immer wieder zurückweichen und den Blick in eine Traumwelt mit dem Opernchor (sehr gut gesungen!) als Party-Gäste eröffnen. Die Regisseurin und ihr Produktions-Dramaturg Mark Schachtsiek schufen für diese Premiere eine „Neue Dialogfassung unter Verwendung von Motiven aus Schnitzlers ‚Traumnovelle‘, Originaldialogen von Bretzner und Stephanie d.J., sowie Hugo von Hofmannsthals ‚Der goldene Apfel‘ und anderen ‚Erzählungen aus den Tausendundein Nächten‘“ und verwandelten damit das vom Geist der Aufklärung geprägte und für den Reformkaiser Joseph II geschriebene österreichische Singspiel in ein völlig anderes Stück. Das ist alles klug ausgedacht und in ästhetisch ansprechenden Bildern arrangiert - und auch die Textanleihen bei Schnitzler und Hofmannsthal wirkten durchaus schlüssig, wären sie nicht durch vergröbernde und völlig unnötige „moderne“ Einschübe einer völlig anderen Sprachebene (wiederholt ist vom „Ficken“ die Rede) ihrer Wirkung beraubt worden. Außerdem waren die neuen Texte einfach viel zu langatmig, unterbrachen den Fluss der Mozartschen Musik und wurden vom - sprachlich durchaus bemühten- Sängerteam nicht adäquat artikuliert.

Und noch ein weiterer gravierender Einwand gegen das szenische Konzept:

Die Traumwelt spielt sich immer auf der Mittel-bzw. Hinterbühne ab - auf der Vorderbühne sind nur Belmonte und Konstanze, sowie teilweise der Bassa. Das ist optisch zwar sehr schön gestaltet, bringt aber die hinten postierten Solisten in eine akustisch äußerst ungünstige Position. Im 1. Akt gerät da der junge begabte Peter Kellner als Osmin schon bei seinem Duett mit Belmonte im wahrsten Sinne des Wortes ins Hintertreffen und auch der großen Arie Solche hergelauf‘ne Laffen fehlte ganz einfach die nötige stimmliche Präsenz. Wenn man sich erinnert, welch großartigen Eindruck der blutjunge und vielversprechende tschechische Bassist als Osmin bei der Eröffnungsshow im September 2015 gemacht hatte (da sang er aus dem Mittelgang des Parterres! - siehe dazu den OF-Bericht vom 5. 9. 2015), dann bedauert man sehr diese wahrlich nicht sängerfreundliche Bühnenlösung - und natürlich den mit einem wunderschönen Bassmaterial bedachten jungen Mann.

 

Besonders auffällig war die mangelnde akustische Balance bei dem den 1.Akt abschließenden Terzett Belmonte, Pedrillo, Osmin - da hörte man primär das Orchester und Belmonte, Osmin klang nur gedämpft aus der Ferne (statt die Szene dominierend) und der Pedrillo von

Taylan Reinhard, der wohl an diesem Abend nicht zum Besten disponiert war, blieb überhaupt unhörbar.

 

Im Mittelpunkt der Produktion steht Konstanze als Frau zwischen Belmonte und Bassa. Diese drei Figuren sind auch von der Regie her am überzeugendsten durchgestaltet - hier gibt es eine stets schlüssige Personenführung. Alle drei sind fast den ganzen Abend hindurch auf der Bühne - Belmonte und Konstanze werden zusätzlich durch Statisten in ihrer Traumwelt verdoppelt. Selim Bassa ist mit dem Tänzer Martin Dvorak besetzt. Die Regisseurin schreibt: Das passt dazu, dass er als Figur aus Belmontes Nachdenken über Konstanzes Geständnis entsteht und Belmontes Vorstellung seines Rivalen verkörpert. Er bleibt ihm fremd, unerreichbar, eine sinnliche und ästhetische Projektionsfigur, die in scharfem Kontrast zu Belmonte selbst steht, der spricht und singt. Für mich ist das eine vertretbare Lösung, wenn man sich auf das neugeschaffene Libretto einlässt und vergisst, dass der ursprüngliche Librettist Johann Gottlieb Stephanie mit dem Bassa das Bild eines aufgeklärten Fürsten entworfen hatte, der zum Wohle seiner Untertanen Verzicht übt.

Für Mirko Roschkowski ist es als Belmonte bereits die zehnte Produktionder „Entführung“ in  seiner noch jungen Karriere. Man findet ihn daher im Internet mit einigen Tonbeispielen - und ist dem Grazer Leading-Team besonders dankbar, dass uns eine krampfhaft-aktuelle Interpretation des Werks als „Clash of Civilisation“ erspart wurde (wie dies offenbar mit Roschkowski zuletzt in Köln bzw. in Wiesbaden der Fall war). Roschkowski ist ein stilsicherer, klartimbrierter Tenor, der auch über heldische Töne verfügt. Die innere Unsicherheit und eine gewisse Unbeholfenheit, die in dieser Version zu vermitteln sind, werden überzeugend dargestellt - ein wenig ahnt man schon den Hoffmann voraus, den er im Herbst an der Wiener Volksoper verkörpern wird. Kleine Unsicherheiten waren in der Arie Ich baue ganz auf deine Stärke zu registrieren. Völlig unpassend war übrigens, dass diese Arie durch hysterisches Lachen Konstanzes gestört und letztlich mitten in den Koloraturen abgebrochen wird. Zweifellos den größten Erfolg beim Publikum erzielte die Konstanze von Sophia Brommer . Sie war eine darstellerisch restlos überzeugende Figur und bewältigte bei ihrem Rollendebut die schwierige Rolle auch stimmlich auf hohem Niveau. Ich denke, da wird sich in den folgenden Vorstellungen noch manches endgültig festigen - etwa die heiklen Einsätze auf dem hohen B in der Arie Traurigkeit ward mir zum Lose. Neu für Graz war die Blonde von Cathrin Lange . Schade, dass die Regie diese Figur auf ein oberflächlich-eindimensionales Model-Gehabe reduzierte. Wäre Blonde bloß eines jener typischen Kammerkätzchen der damaligen opera buffa, dann hätte Mozart für sie nicht zwei Arien geschrieben, deren melodisches Format und deren Virtuosität weit über das hinausgehen, was damals für diese Rollen üblich war. Lange sang ihre beiden Arien mit sicherer Bravour und zählte damit zweifellos zu den stimmlichen Pluspunkten des Abends. Der schon eingangs erwähnte Pedrillo von Taylan Reinhard lieferte zwar schauspielerisch ein scharf gezeichnetes Charakterbild, war aber denkbar schlecht disponiert. Fast erleichtert registrierte man, dass statt ihm Belmonte (musikalisch und dramaturgisch allerdings unverständlich!) die erste Strophe der Romanze zu singen hatte. Die 2. Und 3.Strophe „durfte“ dann Reinhard singen -  dann mit offensichtlich karikierend gemeinten unschönen Modulationen. Das war ein musikalischer Eingriff, den der Dirigent nicht hätte akzeptieren dürfen.

Durch die langatmigen Textpassagen war der musikalische Zusammenhang oft ernsthaft bedroht, ja speziell im 1.Akt geradezu störend unterbrochen. Dem Dirigenten Dirk Kaftan war es zu danken, dass er mit viel Liebe zum Detail und großem Animo dennoch versuchte, jede einzelne Nummer spannend zu erhalten. Man freute sich auch, Janitscharenmusik und einen Marsch zu hören, von dem lange umstritten war, ob er von Mozart stammt, der aber nun in der neuen Mozart-Ausgabe aufscheint und wohl noch nie in Graz erklungen ist. Dirk Kaftan arbeitete mit dem gut disponierten Grazer Philharmonischen Orchester viele Nebenstimmen plastisch heraus - man hörte stets mit gespanntem Interesse zu. Und so sei zum Ende erlaubt, ein Goethe-Wort aus seiner Italienischen Reise (November 1787) zum damaligen deutschen Opernwesen und speziell zum Singspiel ein wenig abzuwandeln und damit versöhnlich zu schließen: „Alles Bemühen (ein Libretto neu zu gestalten) ging verloren, als Mozart auftrat. Die ‚Entführung aus dem Serail‘ schlug alles nieder.“  Mozart siegte jedenfalls über - noch so ausgeklügelte Aktualisierungsbemühungen!-

Am Ende viel Beifall - vor allem für Sophia Brommer, Mirko Roschkowski und Dirk Kaftan - durchsetzt mit einigen deutlichen Buhs für das Regieteam.  

Hermann Becke, 22. 4. 2016

Fotos: Oper Graz, © Werner Kmetitsch

 

Hinweise:

-          TV-Vorbericht mit Szenenausschnitten und Interviews

-         Es wird 11 weitere Aufführungen  (April, Mai, Juni) geben - teilweise mit einer Alternativbesetzung des Pedrillo

-         Das Programm für die Saison 2016/17 wurde zwei Tage vor der Entführung-Premiere in einer Pressekonferenz vorgestellt. Die Saison wird mit Tristan und Isolde eröffnet werden. Alle Details des Programms finden Sie hier .

Die Frage, ob Dirk Kaftan in Graz bleibt oder als Generalmusikdirektor nach Bonn geht, blieb bei der Pressekonferenz offen:  „Die Frage nach dem Verbleib oder Abgang von Dirk Kaftan als Orchesterchef blieb auch diesmal unbeantwortet. Kaftan verließ nach der Aufzählung aller Produktionen fluchtartig den Raum, um zu einer Probe zu eilen, und Nora Schmid zeigte sich auf Nachfrage eher zugeknöpft. Das Pressebüro der Stadt Bonn hatte auf APA-Anfrage am Montag erklärt, dass Kaftan am 25. Februar ‚zum Generalmusikdirektor in Bonn bestellt‘ wurde und derzeit Vertragsverhandlungen geführt werden.“ Das berichtete der Standard vor 2 Tagen. Die Unklarheit wird wohl auch darin begründet liegen, dass in Bonn Budgetfragen offen sind: „Denn immerhin geht es um bis zu 350.000 Euro, um die das derzeitige künstlerische Budget in Höhe von 800.000 Euro in den kommenden Jahren nach und nach gekürzt werden sollte.“  - das las man vor zwei Monaten  im Bonner General-Anzeiger unter dem Titel Misstöne um Dirk Kaftans Künstlerbudg

 

 

 

Tell Me on a Sunday

Großartiges Solo für eine junge Frau - ein szenischer Liederabend

Musical von Andrew Lloyd Webber

in einem Akt, Gesangstexte von Don Black, deutsch von Michael Kunze

Grazer Erstaufführung auf der Studiobühne der Oper Graz am 8. 4. 2016

 

Der Verlag MUSIK+BÜHNE , der die Aufführungsrechte für den deutschen Sprachraum vergibt, schreibt über die Besetzung:

Aufführungen sind alternativ mit kleinem Orchester (Woodwind I - Flöte, Altflöte, Alt- und Tenorsaxophon -, Klavier, Bassgitarre, Drums, Violoncello) oder nur mit Klavierbegleitung möglich.

Für die Grazer Erstaufführung dieses 1979 uraufgeführten szenischen Liederzyklus wählte man eine kluge Lösung, die ideal zur Persönlichkeit und zur Singweise der Protagonistin Sieglinde Feldhofer passte. Man verzichtete auf elektronisch verstärkten Musical-Sound - nur von Klavier und Violoncello  begleitet singt Sieglinde Feldhofer die Songs von Andrew Lloyd Webber mit klarer, nie manierierter Artikulation und natürlicher Stimmgebung. Die beiden Instrumentalisten sind exzellent: der junge Dirigent Marcus Merkel am Klavier und der Solocellist der Grazer Philharmoniker Gergely Mohl. Sie schaffen einen poetischen, aber auch immer wieder rhythmisch akzentuierten Klangteppich für die junge Sängerin, die im Mittelpunkt dieses 70 Minuten dauernden Abends steht und damit einen großen und verdienten Erfolg feiert.

 

Worum geht es im Stück?

Eine junge Frau verlässt ihre Heimat, um in New York City beruflich erfolgreich zu sein und die Liebe fürs Leben zu finden. Sie lernt einen Filmproduzenten kennen, dem sie nach Beverly Hills folgt. Als sie erkennt, dass sie nur eine Affäre für ihn ist, kehrt sie der Glitzerwelt den Rücken und geht zurück nach New York. In einem jungen Mann aus Greenwich Village scheint sie endlich den Richtigen gefunden zu haben. Als jedoch die Trennung auch von ihm unvermeidlich ist, besteht sie darauf, an einem Sonntag auseinanderzugehen. Es folgt ein Verhältnis mit einem verheirateten Mann, bis sie sich entschließt, fortan selbstbestimmt zu leben: „Doch ich tanz nicht nach deiner Melodie. Ich geh selbst meinen Weg. Jetzt oder nie.“

 

Die szenische Umsetzung (Inszenierung: Rainer Vierlinger, Bühne & Kostüme: Vibeke Andersen, Licht: Severin Mader, Video: Alexander Scherpink ) gelingt mit ganz sparsamen Mitteln - rechts eine schräge Ebene, die ebenso wie das weiße Tuch des Hintergrunds auch als Projektionsfläche für die sich nie in den Vordergrund drängenden Videoprojektionen dient, links eine Couch und ein Schaukelbrett und die beiden Instrumentalisten. Die Szenen des Briefschreibens sind geschickt mit Laptop und eingeblendeten Zitaten des englischen Originaltextes gelöst.

Die rund 20 Szenen folgen unmittelbar aufeinander - (bewundernswert) rasche Kostümwechsel und einige wenige Requisiten sorgen dafür, dass immer die Spannung gehalten, die jeweilige Szene (sei es am Swimmingpool oder in der Großstadt) plausibel wird und gleichzeitig der große Bogen des Gesamtzusammenhanges  gewahrt bleibt. Das Regiekonzept ist klug, und stellt die Protagonistin in den Mittelpunkt. Sieglinde Feldhofer versteht es in bewundernswerter Konzentration, diesen glaubhaften Mittelpunkt zu verkörpern. Ihr ist es gelungen, die oft abrupten Brüche und Gefühlswandlungen glaubhaft zu vermitteln. Sie hat es verstanden, eine ideale Balance zwischen ihrer natürlich-sympathischen Ausstrahlung und gespielten Affekten zu wahren. Feldhofer kam als ganz junge Anfängerin vor über 7 Jahren an die Grazer Oper - nun als 31-Jährige hat sie schon einen reichen Erfahrungsschatz vor allem in Operetten und Musicals gesammelt und verbindet ihr professionelles Können in Gesang, Textartikulation und in Bewegung glaubhaft mit ihrer eigenen Persönlichkeit. Auf der Studiobühne sitzt das Publikum ganz nah an der Protagonistin dran - jede aufgesetzte Künstlichkeit würde sofort registriert werden. Künstlichkeit oder Manieriertheit gab es aber an diesem Abend nie - das Publikum war durchgehend von der jungen Frau gebannt und feierte sie am Ende mit intensivem Beifall.

Wesentlich zum Erfolg trug natürlich auch bei, dass die Songs in der (nie peinlichen) deutschen Übersetzung von Michael Kunze  gesungen wurden. Der Musical-Boom in Deutschland und Österreich – ohne Michael Kunze hätte er nicht stattgefunden! Auf diesen einfachen Nenner lässt sich das Wirken des sich selbst als Storyarchitekten bezeichnenden Autors und Übersetzers bringen.

 

Graz hat mit Feldhofer eine überzeugende, individuell geprägte Protagonistin für dieses One-Woman-Musical aufbieten können - Inszenierung und musikalische Begleitung waren überzeugend auf diese Künstlerindividualität ausgerichtet. Damit kann man in Graz eine ganz andere Facette dieses Werks erleben als etwa in der derzeit in England mit großem Erfolg laufenden Tourneeprodu

ktion. Es lohnt sich, zum Vergleich auf die

Webankündigung der englischen Produktion zu schauen: dort „A great Show“ - hier kammermusikalisch Intimes!

 

Schade, dass die Produktion  nur im April gezeigt wird - aber ab Mai steht ja Sieglinde Feldhofer wieder im Mittelpunkt eines Musicals: nämlich als Eliza Doolittle in der Wiederaufnahme von My Fair Lady.

Hermann Becke, 9. 4. 2016

Fotos: Oper Graz, © Werner Kmetitsch

 

Hinweise:

-         Es wird 6 weitere Aufführungen geben - man sollte sich dieses kammermusikalische Musical nicht entgehen lassen!

-         Der  TV-Vorbericht kann noch 5 Tage lang aufgerufen werden

-         Ab 16. Mai gibt es die Wiederaufnahme von My Fair Lady mit Sieglinde Feldhofer

 

 

 

 

 

 

 

 

 

Und der Himmel so weit

Ein Ballettabend für Franz Schubert

Uraufführung am 1. 4. 2016

„Franz Schuberts (1797–1828) letzte längere Reise führt ihn im Jahr 1827 nach Graz. Nach dem Besuch schreibt er seiner Gastgeberin Frau Marie Pachler: „… in Grätz erkannte ich bald die ungekünstelte und offene Weise, mit und neben einander zu seyn. … Besonders werde ich nie die freundliche Herberge … vergessen, wo ich seit langer Zeit die vergnügtesten Tage verlebt habe.“ Sein desolater Gesundheitszustand erlaubt es ihm nicht, Wien ein weiteres Mal zu verlassen. Auch Pläne, eine Oper für das Landestheater in Graz zu verwirklichen, können nie umgesetzt werden … Mit einer tiefen Verneigung bietet das Ballett der Oper Graz im zweiten Ballettabend Franz Schubert Raum und Rahmen, musikalisch erneut Gast zu sein: Im Zentrum steht dabei das symphonische Schaffen, begleitet von einer kleinen Auswahl an Liedern. Worte werden zu Tanz und Leitmelodien neu erfahrbar – von der Komponistin Isabel Mundry (*1963) einfühlsam und mit hoher analytischer Kompetenz transformiert. Franz Schuberts drängendes Oszillieren zwischen Vergangenheit und visionärer Innovation wird den musikalischen Teppich weben, auf dem die Compagnie Nähe und Distanz perspektivisch auslotet – choreographiert von Ballettdirektor Jörg Weinöhl.“

Das ist der Text, mit dem die Oper Graz diese Premiere ankündigte.

Wie nimmt nun ein Musiktheaterfreund, der Schuberts Klangwelten seit Jahrzehnten kennt und liebt, der aber beileibe kein Ballettfachmann ist, diese Annäherung an Schubert auf?

Der rund eineinhalbstündige Abend ist klar in drei Teile gegliedert. Teil eins: Im Raum, Teil zwei: Das Kornfeld, Teil drei: Die Kunsthalle. Der Vorhang öffnet sich, wir sehen einen großen Raum mit Biedermeiertapete, durch große Fenster-Ausschnitte ahnt man im Hintergrund das Kornfeld des zweiten Teils, über das Kornfeld spannt sich weit der blaue Himmel. Der Titel des Abends ist wohl der Schlusszeile der „Schönen Müllerin“ entnommen, wo es in Des Baches Wiegenlied heißt „und der Himmel da oben, wie ist er so weit“, wenn auch im Konzept dann kein Bezug zu diesem Liede zu finden ist.

Laut Programm beginnt der Abend mit: „Franz Schubert/Isabel Mundry: An die Musik“. Die renommierte deutsche Komponistin Isabel Mundry hat in einem Kompositionsauftrag der Oper Graz - finanziert durch die Ernst von Siemens Musikstiftung - die drei Schubert-Lieder dieses Abends bearbeitet und sagt zum ersten Lied: „So beginnt das Stück zwar mit einer rhythmischen Struktur, welche die später einsetzende Liedbegleitung antizipiert, doch dann brechen Menschenstimmen ein oder auch Knistergeräusche, wie man sie im Foyer oder Konzertsaal vor einer Aufführung hört. Das passiert natürlich mit einem Augenzwinkern. Gleichzeitig ist dieses Wechselspiel streng auskomponiert, erweitert sich und verwickelt sich dabei zunehmend in das Lied von Schubert.“ Das ist ein durchaus wirkungsvoller Einstieg in den Abend, der auch in der Choreographie von Ballettdirektor Jörg Weinöhl   spannungsvoll gestaltet ist. (Nicht verschwiegen sei allerdings, dass man diesen Einstieg deshalb interessiert und positiv gestimmt aufnehmen konnte, weil bei der der Premiere unmittelbar vorausgehenden Stück-Einführung der Grazer Bassist Wilfried Zelinka - am Flügel begleitet vom Dirigenten des Abends Leonhard Garms - dieses Lied in der Originalfassung wunderbar klar, unpathetisch und berührend gesungen hatte). An diese Liedbearbeitung schließt sich musikalisch der 1.Satz von Schuberts Unvollendeter - vom Grazer Philharmonischen Orchester unter dem jungen Leonhard Garms mit prägnanten Akzenten durchaus überzeugend und kraftvoll gestaltet. Dazu tanzt die disziplinierte Ballett-Compagnie in Biedermeierkostümen. Nach diesem schwermütigen ersten Satz weichen die Biedermeierwände und wir sehen ein weites Kornfeld - überwölbt von strahlend blauem Himmel.

Hier entwickelt sich zum 2.Satz aus Schuberts Unvollendeter ein munteres Treiben - vor, im und hinter dem Kornfeld mischen und necken sich die jungen Leute. Es breitet sich heiter-jugendliche Stimmung aus - man ist an die Satzbezeichnungen in Beethovens Pastorale erinnert: „Erwachen heiterer Gefühle bei der Ankunft auf dem Lande“ und „Lustiges Zusammensein der Landleute“. Alles ist tänzerisch effektvoll und nutzt die naiv-sommerliche Szenerie (Bühne und Kostüme: Saskia Rettig) geschickt. Aber es erklang eben nicht Beethovens Pastorale, sondern Schuberts in eine andere Welt weisende Unvollendete...

Der Choreograph hat es im Programmheft offen ausgesprochen: „Es ist extrem schwer, choreographisch mit Schubert umzugehen. Ich finde, dass die Möglichkeit des Scheiterns eine wesentliche Komponente dieser Arbeit ist.“ 

Und ich zumindest meine, in dieser Szene ist die szenische Umsetzung tatsächlich gescheitert. Sie ist für mich deshalb gescheitert, weil der tiefe Zauber dieses unvergleichlichen Sinfoniesatzes in einer verklärten und reinen Stimmung liegt. Schubert hat im Entstehungsjahr (1822) der Unvollendeten seine Erzählung „Mein Traum“ geschrieben - der Text kann hier nachgelesen werden. Darin hätte die szenische Umsetzung einen wunderbaren Bezug zum poetischen Titel des Abends „und der Himmel so weit“ finden können, schreibt doch Schubert „Himmlische Gedanken schienen immerwährend wie leichte Funken zu sprühen.“  Walter Panofsky schrieb einmal über den 2.Satz der Unvollendeten: „Wer dieses Andante con moto in sich aufnimmt, begreift, warum Franz Peter Schubert, geboren im Wiener Himmelspfortengrund, den Beinamen „Seraphicus“ erhielt…“ Hier erlebte ich allerdings weder „leicht sprühende Funken“ noch Seraphisches, sondern nur buntes Naiv-Irdisches - und das passt für mich nicht zu Schuberts Unvollendeter. Ich begab mich also recht unbefriedigt in die Pause.

Der dritte Teil der Choreographie ist mit „Die Kunsthalle“ betitelt. Tatsächlich sind wir nun im Museum (siehe das Foto zu Beginn des Berichts): eine Kuratorin führt Museumsbesucher durch die Ausstellung, man sieht gebündelte Korngarben, das Biedermeierzimmer der ersten Szene ist gleichsam zum Puppenzimmer und Museumsobjekt geschrumpft, junges Volk wirbelt durch den sterilen Museumsraum.

Angeregt durch den dänischen illusionistischen Künstler Ólafur Elíasson (siehe dazu seine jüngste  Wiener Ausstellung) geht es dem szenischen Team nun um „Intellektualisierung der Historie und der Natur im zeitgenössischen musealen Konzept“. Das mag recht überspitzt, ja überkandidelt klingen, aber plötzlich passte alles überzeugend zusammen: die zum aufmerksamen Zuhören anregenden Bearbeitungen von Isabel Mundry der umrahmenden Schubert-Lieder „Die Götter Griechenlands“ und „An den Mond“ und die beiden schwungvollen und mitreißenden Teile aus Schuberts 2.Sinfonie (1.Satz) und seiner 3.Sinfonie (4.Satz Presto vivace) - wiederum überzeugend und kräftig zupackend durch Dirigent und Orchester realisiert. Die multikulturell-sympathische und bestens disponierte Ballettgruppe der Grazer Oper (ihre Namen sind wenigstens zum Teil auf den Fotos vermerkt) stürmte effektvoll über die Bühne, die Statisterie war geschickt eingebunden. Am Ende strömte alle durch ein sich öffnendes Tor in strahlendes Licht.

Am Ende gab es einhelligen Applaus für alle Ausführenden - dem konnte ich mich nun auch versöhnt anschließen, selbst wenn der grundsätzliche Einwand zur szenischen Umsetzung des unwirklich-erhabenen 2.Satzes der Unvollendeten aufrecht bleiben muss. Der Oper Graz und ihrer Ballett-Gruppe gelang zweifellos eine sehens- und hörenswerte Uraufführung - der Besuch ist unbedingt empfehlenswert!

Hermann Becke, 2. 4. 2016

Fotos: Oper Graz, © Werner Kmetitsch

Es wird acht weitere  Aufführungen geben

 

 

 

DIE GRIECHISCHE PASSION

Premiere am 5. 3. 2016

Einhelliger Publikumserfolg

 

Es war ein einhelliger und großer Publikumserfolg für die grell-bunte und üppige Grazer Erstaufführung von Bohuslav Martinus letztem Bühnenwerk, das er nach dem Roman „Der wieder gekreuzigte Christus“ von Nikos Kazantzakis geschaffen hatte. Graz hat sich für jene Fassung entschieden, die Martinu 1954 bis 1957 geschrieben und dem Royal Opera House Covent Garden in London vergeblich (trotz ausdrücklicher Fürsprache von Rafael Kubelik) zur Uraufführung angeboten hatte. Martinu hat nach der Londoner Ablehnung sein Werk überarbeitet - in dieser überarbeiteten Fassung gab es dann die Uraufführung in Zürich im Jahre 1961 unter Paul Sacher. Die ursprüngliche Londoner Fassung wurde erst 1999 für die Bregenzer Festspiele von Aleš Březina  rekonstruiert und in der hochgelobten Inszenierung von David Pountney unter Ulf Schirmer uraufgeführt  - hier der link zur Bregenzer CD-Aufnahme samt Kritik. Der Grazer Chefdirigent Dirk Kaftan - ab 2017 zum Generalmusikdirektor in Bonn bestellt - hat sich (zum Unterschied zu der in dieser Saison im Aalto-Musiktheater in Essen sehr erfolgreichen Aufführung - siehe dazu die Berichte im OF ) für die Urfassung entschieden und sagt dazu: „Die Brüche prallen direkter aufeinander, das Ganze ist noch verstörender, nicht ganz so glänzend, elegant, dafür intensiver, direkter, geraffter.“

Und das sei gleich vorweg gesagt: Der entscheidende Anteil am Erfolg dieses Abends gebührt der ausgezeichneten musikalischen Umsetzung. Die szenische Umsetzung durch das Team Lorenzo Fioroni (Regie) - Paul Zoller (Bühne) - Annette Braun (Kostüme) - Franck Evin (Licht) will allzu viel zugleich und hat speziell in den ersten Akten für mich durch optische Überfrachtung, Karikierung und Übertreibung beträchtliche Schwachpunkte.

Die Dorfbewohner werden vordergründig-platt als stockkonservative, zum Teil steirische Tracht tragende Menschen gezeigt, der Priester Grigoris muss natürlich eine Aktentasche tragen, damit wir ihn sofort als steifen Bürokraten erkennen, der Captain als einer der Dorfältesten flucht - in einer Aufführung mit dem englischen Originaltext - plötzlich in breitem österreichischen Dialekt. Die Flüchtlinge scheinen „einem Charlton-Heston-Bibel-Film entsprungen“ (Zitat: Regisseur Fioroni) und werden von ihrem Priester Fotis - eine übersteigerte Moses-Figur - angeführt. Dazu drängt sich auch noch ein Film-Team auf die Bühne und verdoppelt durch Großprojektionen die agierenden Personen. Im letzten Akt stürmen dann Polizeifiguren nicht nur auf die Bühne, sondern auch in den Zuschauerraum und der miese Priester Grigorius blickt mit einigen anderen Dorfältesten aus einer dem Grazer Opernhaus nachempfundenen Loge genüsslich auf das Kreuzigung-Geschehen. Ja - das ist meiner Meinung nach leider zeitgeistiges Theater mit all zu viel Zeigefinger-Gehabe. Ich denke, das mündige Publikum hätte auch ohne diese Übertreibungen selbst erkannt, dass Martinu uns alle meint. Die „eternal tragedy“ der Menschheit, die Martinu uns durch sein Stück vor Augen führen wollte (siehe dazu im Programmheft den klugen Artikel der Schweizer Martinu-Spezialistin Ivana Rentsch ), wurde in dieser Inszenierung durch üppigen Holywood- und Medien-Glamour allzu sehr überlagert. Weniger wäre mehr gewesen! Und das ist schade, denn die durchaus effektvolle, spannungsvolle Inszenierung mit eindrucksvoller Lichtregie eines eher oratorienhaft-statischen Librettos hat auch ihre Meriten - die Personenführung im 3. und 4. Akt überzeugt und natürlich macht der große szenische Aufwand Eindruck. Dirk Kaftan schreibt zu Recht, dass Martinus Musik „immer wieder an die Grenzen des Kitsch, des Banalen und des Leeren“ gelangt - „diese Musik ist eine echte Gratwanderung zwischen einer Art von kritischer Ironie und echtem Pathos, dazwischen liegt das hohle Pathos“ . Da wäre es meiner Überzeugung nach klug gewesen, diese Schwächen des Stücks nicht noch durch die szenische Umsetzung zu verstärken. Die Aufführung wurde nicht nur musikalisch, sondern auch szenisch von überzeugenden Solistenleistungen getragen.

Der Schweizer Tenor Rolf Romei als Manolios wird im Laufe des Abends immer mehr zur bühnenbeherrschenden Figur. Er gestaltet nicht nur den Wandel vom einfachen idealistischen Burschen zum Eiferer darstellerisch überzeugend, er ist auch stimmlich ideal besetzt. Er verfügt über eine klar artikulierende helle Tenorstimme, die aber auch die nötige dramatische Durchschlagskraft aufbringt. Die zweite Zentralfigur ist Dshamilja Kaiser als Katerina/Maria Madgalena. Sie hat mit dieser Rolle, die bei der Uraufführung Nina Stemme gesungen hatte, den ersten Schritt ins dramatische Sopranfach gewagt - und das mit einer überragenden Leistung. Die Stimme hat die warme Mezzo-Farbe bewahrt, gleichzeitig aber ohne Probleme ebenso die dramatischen Spitzentöne wie auch die zartesten Pianotöne gemeistert  - und sie überzeugte durch bewegendes Spiel (trotz eines höchst unvorteilhaften Kostüms im 4.Akt) - wahrlich eine ganz große Leistung! Aber auch die anderen Hauptrollen waren sehr gut besetzt.

Markus Butter ist ein gebührend herrischer Priester Fotis mit markanter, ja fast heldenbaritonaler Qualitätsstimme und die Grazer Bühnenveteranen Konstantin Sfiris und Manuel van Senden präsentierten sich stimmlich und darstellerisch auf hohem Niveau. Die zweite wichtige Frauenfigur in diesem Männerstück war mit der jungen ukrainischen Sopranistin Tatjana Miyus ausgezeichnet besetzt. Sie wusste mit perfekt sitzender Stimme und menschlicher Ausstrahlung zu bewegen - und das trotz übertrieben-karikierendem Kostüm und greller Hollywood-Maske. Der Dorfpriester Grigoris und Gegenpart des Flüchtlingspriesters war bei Wilfried Zelinka in allerbesten Händen. Die Partie liegt zwischen Bass und Heldenbariton - ein Feld, auf dem sich Zelinka schon so oft stimmlich bewährt hat. Und es gelingt ihm auch hier - trotz überzeichnendem Regiekonzept - eine gültige Figur mit starker Bühnenpräsenz zu formen. In den kleineren Rollen fallen der Panait/Judas von Taylan Reinhard, der Bräutigam Christian Scherler sowie Ivan Orescanin durch profilierte Rollengestaltungen und Dariusz Perszak mit Prachtmaterial auf.

Der Riesenchor - verstärkt durch Extra-Chor und Chor der Kunstuniversität Graz - bewältigte die anspruchsvolle Aufgabe darstellerisch und stimmlich sehr gut (Gesamtleitung: Bernhard Schneider) und Chefdirigent Dirk Kaftan führte das 23-köpfige Solistenensemble, die Chöre und das Grazer Philharmonische Orchester zu einer sehr geschlossenen und überaus respektablen Leistung. Die durchaus heterogenen Teile des bombastischen Werkes wurden zu einem spannungsvollen Ganzen zusammengefügt. In seiner ein wenig statischen Brüchigkeit erinnerte mich die griechische Passion durchaus an ein zweites kaum je im deutschen Sprachraum aufgeführtes Werk von Martinu: nämlich an seine Tetralogie der Marienspiele, die ich vor einiger Zeit in einer eindrucksvollen Produktion in Prag erlebt hatte und die derzeit in Brünn/Brno auf dem Spielplan steht.

In Graz gab es viel Beifall und Bravorufe für das gesamte Ensemble. Das Regieteam war in diesen Beifall ohne jegliche Einschränkung eingeschlossen - großer Aufwand macht halt Effekt…..

Hermann Becke, 6. 3. 2016

Fotos: Oper Graz, © Werner Kmetitsch

 

Hinweise:

-         TV-Vorbericht (nur bis 10.3.2016 abrufbar)

-         Acht weitere  Aufführungen wird es in Graz geben

-         Aktueller Rundfunkbericht zum Wechsel von Dirk Kaftan von Graz nach Bonn

 

 

 

LUISA MILLER

Schwarze Thriller-Romantik

Premiere am 12.12.2015

Verdis „Luisa Miller“ hatte es bisher in Österreich nicht leicht:

Die erste Aufführung gab es zwar relativ bald nach der Uraufführung (1849 in Neapel), nämlich im Jahre 1852 im Kärntnertortheater in Wien. Dann dauerte es aber über 120 Jahre, bis die Wiener Staatsoper 1974 das Werk erstmals auf den Spielplan setzte - mit nur 18 Wiederholungen. Diese Produktion ist seit kurzem als Live-Aufnahme erhältlich ( Alberto Erede mit Lilian Sukis, Franco Bonisolli, Christa Ludwig und Giuseppe Taddei). Die Wiener Staatsoper zeigte dann im Jahre 1983 nochmals eine Neuinszenierung mit wiederum nur 18 Wiederholungen.

In Graz gab es bisher überhaupt noch keine Aufführung - und das war der Grund für Neo-Intendantin Nora Schmid,  das Stück 166 Jahre nach der Uraufführung erstmals an der Grazer Oper zu präsentieren. Es war für alle Solisten ein Rollendebüt - und es war auch für das Leading-Team die erste Auseinandersetzung mit diesem Werk, das so manche als einen stilistischen Rückschritt gegenüber dem zwei Jahre davor entstandenen „Macbeth“ betrachten - ein Werk, in dem sich Verdi eher Bellini und dem eben erst verstorbenen Donizetti musikalisch annähert. Auch das Libretto von Salvadore Cammarano trägt dazu bei, dass der „Luisa Miller“ nicht jener Erfolg beschieden war und ist, den kurz danach dann der Rigoletto, der Troubadour und die Traviata hatten. Mit Rücksicht auf das höfische Neapel wie auf die Opernkonvention hat Cammarano Schillers Bürgerliches Trauerspiel Kabale und Liebe von einer kleinen deutschen Residenzstadt in ein Tiroler Dorf verlegt. Aus Schillers jungem „gnädigen Herren“ Ferdinand wurde wegen der Namensgleichheit mit dem neapolitanischen Landesherrn ein Rodolfo, die Favoritin des Fürsten - bei Schiller Lady Milford - wurde zur Nichte Federica (benannt nach der von Schiller nur beiläufig erwähnten Friederike von Ostheim) und das Kammerspiel musste aus Gründen der Opernkonvention um Genreszenen mit Chor erweitert werden. “Schillers Drama büßte seinen wutbürgerlichen Kern ein“ - so der Regisseur Paul Esterhazy , der Intendant in Aachen war und heute Ordinarius am Operninstitut der Wiener Musikuniversität ist - unbestritten ein erfahrener Opernfachmann. Er arbeitet seit langem regelmäßig mit Mathis Neidhart zusammen, der das bürgerliche und adelige Enge vermittelnde Doppelbühnenbild - „zu ebener Erd und im ersten Stock“, um mit dem Verdi-Zeitgenossen Johann Nestroy zu sprechen - sowie die dazu passenden Kostüme für die Grazer Produktion entwarf. Gemeinsam mit dem Dramaturgen Bernd Krispin und dem Lichtgestalter Stefan Bolliger gelang eine spannungsvolle und an Effekten (über)reiche Interpretation. Die Handlung ist in dieser Inszenierung in ein nördliches protestantisches Land Europas des 19.Jahrhunderts verlegt mit Gestalten, die an Figuren des Verdi-Zeitgenossen Charles Dickens erinnern. „In Vorwegnahme der Lehre vom Unterbewussten“  - so der Regisseur - nimmt das Böse tatsächlich Gestalt an, ist omnipräsent und kriecht in der Figur des Wurm auf dem Boden, durch bürgerliche und aristokratische Wände, erscheint aus der Versenkung, aber auch kopfüber von der Decke herab und tritt aus Spiegeln.

Die Grundidee der Inszenierung ist plausibel: über dem engen kleinbürgerlichen Zimmer des alten Miller und seiner Tochter lastet der Salon des Grafen Walter und seines Sohnes Rodolfo - unten dominieren Betschemel und Kreuz, oben der Goldtresor. Das ist ein praktikables Bühnenmodell, das rasche Szenenwechsel ermöglicht und bildhaft vermittelt, dass unabhängig vom gesellschaftlichen Stand unten wie oben die menschlichen Probleme die gleichen sind. Wurm ist animalisches Alter Ego der beiden Väter, die beide problematische Vater-Kind-Beziehungen voll verdrängter Schuld und unterdrückter Begierden haben, scheint fast Stevensons „Dr.Jekyll und Mr.Hyde“ entsprungen - so sieht es der Regisseur. Schade, dass diese einfache und bühnenwirksame Grundidee mit allzu vielen Details überlagert wird - die Einführung der grotesk-stummen Figuren einer Haushälterin bei Millers und eines Kammerdieners bei Walters zieht nicht nur die Aufmerksamkeit von den Hauptfiguren ab, sondern stört auch den musikalischen Duktus - etwa wenn die Haushälterin durch die von Verdi großartig gestalteten Szenen zwischen Vater und Tochter geistert oder der Kammerdiener das ungewöhnliche A-capella-Quartett der zwei Frauenstimmen mit den beiden düsteren Bässen durch seine Aktivitäten stört. Es ist ein fundamentales Missverständnis des Regisseurs, musikalische Ruhepunkte mit Bühnenaktionen zu „bereichern“ - eine der großen und unvergleichlichen Verdi-Einfälle ist der Andante-Teil der Rodolfo-Szene „Quando le sere al placido“. Da passt es einfach absolut nicht dazu, dass sich da Wurm geradezu um Rodolfo „schlingt“. Der Regisseur sagt  laut Programmheft „Der Verdi-Regisseur muss vielleicht nicht dem Text, immer aber der Musik wörtlich folgen.“  Schade, dass er es nur sagt, aber an vielen Stellen durch szenische Hyperaktivität nicht umsetzt!

 

Mit der Titelpartie konnte sich das neue Ensemblemitglied -  die 34-jährige deutsche Sopranistin  Sophia Brommer - erstmals in einer großen Partie dem Grazer Publikum vorstellen. Man hatte über ihr Auftreten beim ARD-Wettbewerb 2012 in München und ihr erstes Festengagement in Augsburg viel Positives gelesen und war gespannt. Sie erwies sich mit ihrer technisch sauber geführten Stimme als eine sehr gute Besetzung für diese dankbare Partie - Brommer hat szenische Ausstrahlung, singt schöne Piano-Phrasen, versteht die Ensembles zu führen und hat auch die nötige Schärfe für die Attacke. Natürlich darf man sie (noch) nicht mit den vielen großen Vorbildern vergleichen, die man auf dem reichen CD-Angebot nachhören kann. Aber es war ein gelungener Start, der vom Publikum am Ende einhellig gefeiert wurde. Ihr Rodolfo war der spanische Tenor José Manuel  - gerade erst in Brigitte Fassbaenders La Boheme als (ein anderer) Rodolfo in Coburg recht erfolgreich, wie man im Opernfreund  hier nachlesen konnte. Nun ist Graz natürlich eine andere Dimension als Coburg - dort hat das Theater 550 Plätze, das Grazer Haus mit seinen knapp 1400 Plätzen ist fast dreimal so groß. Und in diesem Haus merkt man halt die Grenzen dieser schlanken Stimme. Als Figur überzeugte der zarte, gut aussehende Spanier. Er passte zum Regiekonzept - Rodolfo als „unreifer, unüberlegter Pubertierender

. Ich meine, José Manuel wäre gut beraten, im Stimmfach eines Tenore leggiero

 

zu bleiben - er sollte sich nicht durch seine blendende Bühnenerscheinung und durch Angebote verlocken lassen, ins Fach eines Tenore spinto vorzustoßen. Der große Diego Florez singt ja schließlich auch keinen Rodolfo - weder den in der Bohème noch den in der Luisa Miller.

Für die prachtvolle Bariton-Partie des alten Miller - mir ist auch nach vierzig Jahren die maßstabsetzende Interpretation des unvergleichlichen Giuseppe Taddei in der Wiener Staatsoper noch ganz gegenwärtig! - hatte man den Italiener Elia Fabbian als Gast engagiert - er hat alle großen Rollen seines Faches im Repertoire, die er auch an großen Häusern sang und singt - nur der Miller fehlte bisher. Dieser Miller ist in dieser Inszenierung kein alter Soldat, sondern ein gottesfürchtiger, ja bigotter evangelischer Pastor, der von sexuellen Träumen geplagt wird (daher musste schon im Vorspiel das Double der Tochter - nackt, nur mit einem Brautschleier bedeckt - über die Bühne eilen…).

Fabbian verfügt über ein großes, das Haus mühelos füllendes Organ mit metallischen Spitzentönen - das ist schon eindrucksvoll. Aber an die großen Vorbilder in dieser Rolle darf man auch bei ihm nicht denken - da fehlt es einfach speziell in den lyrischen Phrasen an Modulationsfähigkeit und väterlicher Wärme, das Piano ist eher klangarm und flach. Insgesamt eine sehr ordentliche, aber wohl nicht außerordentliche Leistung. Gemeinsam mit Sophia Brommer gestaltete er allerdings ein bewegendes Finale. Hier nähert sich Verdi am stärksten den kommenden späteren Werken - da gemahnt manches an die Traviata, natürlich erinnert die bewegende Szene zwischen Vater und Tochter Andrem, raminghi e poveri an Rigoletto und Gilda - und das terzetto finale lässt schon an den Schluss der Macht des Schicksals denken. Das war alles von Solisten und Orchester wirklich überzeugend gestaltet. Wie zuletzt beim „Barbier von Sevilla“ gab es leider auch diesmal wieder relativ kurzfristig eine Änderung gegenüber der ursprünglich angekündigten Besetzung: hatte man zunächst als Walter den international erfolgreichen finnischen Bass Mika Kares angekündigt (am Tag der Premiere scheinen auf dessen Homepage die Grazer Termine noch immer auf und auch bei der Oper Graz ist er noch als Mitglied geführt), sang nun statt ihm der Bulgare Petar Naydenov , den man von seinen Auftritten an der Wiener Volksoper kennt. Warum es zu dieser Umbesetzung kam, wurde nicht kommuniziert. An diesem Premierenabend erlebte man Naydenov als einen wenig profilierten Bass, der einfach nicht die nötige Durchschlagskraft und auch nicht die väterliche Autorität hatte, die für diese Rolle notwendig sind.

Den beliebten und langjährigen Grazer Ensemblemitgliedern Dshamilja Kaiser und Wilfried Zelinka blieben zwei Rollen, die in der Besetzungstradition der Entstehungszeit nicht mit erstrangigen Sängern zu besetzen waren, weil sie im Beziehungsgefüge der Personen von Kabale und Liebe dem Protagonistenpaar und Vater Miller deutlich nachgeordnet und keine Hauptrollen mehr sind. In der Grazer Produktion konnte man eindrucksvoll erleben, wie gerade diese beiden Künstler einen entscheidenden und höchst qualitätsvollen Beitrag zum Erfolg des Abends leisteten. Dshamilja Kaiser war als Federica das ideale Bild der adeligen Dame und verströmte mit ihrer warmen Stimme den gebührenden Wohlklang. Wilfried Zelinka wurde mit seinem darstellerisch und stimmlich höchst prägnanten Wurm geradezu zu einer Zentralfigur des ganzen Abends. Es ist immer wieder erstaunlich, mit welcher Präzision und körperlicher Gewandtheit Zelinka auch extreme szenische Vorgaben umzusetzen weiß, ohne dabei an individuellem Profil zu verlieren. Seiner Persönlichkeit ist es zu danken, dass die übertrieben und ausufernd gezeichnete Figur des allgewärtigen Bösen nicht in Peinlichkeit ausartete.

Wie schon eingangs gesagt: die Grundidee der Inszenierung ist schlüssig und theatralisch wirkungsvoll, aber weniger wäre mehr gewesen. Die Inszenierung hatte das dreiaktige Stück in zwei Teile geteilt - das Publikum wurde nach der großen Szene im 2.Akt zwischen Luisa und Wurm in die Pause geschickt. Und diese Szene provozierte heftige Buhrufe - vom Balkon erschallte erbost: „A Schmiere ist das“. Was war geschehen? Der liebestolle Wurm riss Luisa die Kleider vom Leibe und versuchte sie zu vergewaltigen. Das war übrigens szenisch so geschickt gelöst, dass man kaum wahrnahm, wie Sophia Brommer mit ihrem nackten Double die Rolle tauschte und den Schluss der Szene aus dem Off sang.

Diese Szene war schon vor der Premiere in einem Zeitungsvideo zu sehen (siehe den link unten bei den Hinweisen) - und als Premierenbesucher hatte man den Eindruck, dass diese lautstarken Buhrufe geplant und nicht spontan waren. Wie auch immer: die große Mehrheit des Publikums nahm die Aufregung eher überrascht und gelassen zur Kenntnis. Graz hatte seinen (Mini)-Skandal - die Oper ist im Gerede. Aber kehren wir zu den wesentlichen Dingen zurück:

Ein eindeutiges Positivum des Abends war das, was man von den Grazer Philharmonikern unter Robin Engelen zu hören bekam. Die einleitende Sinfonia zählt vielleicht nicht zu den populärsten Ouvertüren Verdis, dafür aber wohl zu einer seiner besten. Sie erinnert auffallend an Webers (über 25 Jahre jüngere) Freischütz-Ouvertüre - nicht nur in der Wahl der Tonart (c-moll/C-Dur), sondern teilweise sogar im Themenmaterial oder im großen Klarinettensolo - ist das Verdis Assoziation an einen „deutschen“ Dramenstoff? Soweit man nicht durch die (überflüssige) Bebilderung dieses Vorspiels abgelenkt war, konnte man sofort einen spannungsvollen und sehr schön und sauber musizierten Auftakt des Werkes erleben. Engelen hatte auch den nötigen langen und feurigen Atem, um das Drama musikalisch spannungsvoll - und ohne orchestrale Durchhänger und mit vielen schönen Bläser-Soli - zu entwickeln. Der Chor (Leitung: Bernhard Schneider) - für Verdi ganz ungewohnt im Hintergrund - hat nur kurze Auftritte, die adäquat bewältigt werden. Es war eine kluge Lösung, den Chor - ebenso wie die beiden Nebenfiguren (gut und prägnant: Mezzo Yuan Zhang und Tenor Sungwook Choi) - gar nicht auftreten, sondern das Geschehen nur schemenhaft umrahmen zu lassen.

Am Ende gab es viel Beifall - vor allem für Sophia Brommer und Elia Fabbian - und es gab neuerlich die Buh-Rufer-Gruppe vom Balkon für das Inszenierungsteam. Graz hatte eine Verdi-Erstaufführung samt kleinbürgerlichem Miniskandal. Um zum Ausgangspunkt dieses Berichts zurückzukommen:

Auch nach dieser Grazer Erstaufführung hat es Verdis „Luisa Miller“ in Österreich nicht leicht!

Hermann Becke, 13. 12. 2015

Fotos: Oper Graz, © Werner Kmetitsch

 

Hinweise:

-         Ein Zeitungs- Video mit Szenenausschnitten; Dramaturg Bernd Krispin und Sänger Wilfried Zelinka sprechen über die Oper und die Inszenierung

-          TV-Vorbericht 

-         Acht weitere Aufführungen wird es in Graz geben

-         Die über 50 Jahre alte RCA-Victor - Studioproduktion unter Fausto Cleva mit Anna Moffo, Carlo Bergonzi und Cornell McNeil ist wohl auch noch heute eine echte Referenzaufnahme:

                                                              

 

 

 

 

 

DER OPERNBALL

Premiere am 14.11.2015

Szenischer Krampf - musikalischer Erfolg

 

Der Ball in der Pariser Oper des 19.Jahrhunderts wird zu einem müden Abklatsch des heutigen Wiener Lifeballs mit grellen Lackkostümen, die die Grenzen zwischen den Geschlechtern aufheben - „Kein Geschlecht ist heute sicher vor dem anderen - ich wage zu prophezeien: auch nicht vor dem eigenen“ wird dem Oberkellner Philippe von der neuen Textfassung, die Peter Lund für die Grazer Neuinszenierung gemacht hat, in den Mund gelegt. Dem Regisseur Bernd Mottl  und seinem Team (Bühne: Friedrich Egger, Kostüme: Alfred Mayerhofer, Choreographie: Andrea Heil) sind laut einem TV-Vorbericht in seinem Konzept mehrere Punkte wichtig: „Dass wir die Leute abholen, dass wir sie mit einer Operettensüffigkeit empfangen und dann mitnehmen auf eine Reise, eine Reise, die sich an den Figuren festmacht, die nicht ahnen, was ihnen widerfährt im Laufe des Stücks, und so wollen wir es auch zeigen. Wir arbeiten zunächst mit großem Plüsch und riesigen Kostümen, sehr historisierend, und der Abend entwickelt sich dann in eine bestimmte Richtung, die ich aber nicht verraten möchte.“ Nun - jetzt haben wir die „Überraschung“ in der Premiere erlebt:

Der 1.Akt ist eine museale Operetteninszenierung mit krampfhaft-unnatürlicher Bewegungsregie, der 2.Akt ist eine Lifeball-Imitation mit scheußlich-steifen Einheitslack-Kostümen in Schwarz und Rosa für Chor und Solisten in einer rot-gekachelten Bordell-Atmosphäre und der 3.Akt spielt gleichsam hinter der Operettenfassade bei Karten spielenden Bühnenarbeitern in Kostümen der Gegenwart und will uns offenbar im Stile von Tennessee Williams oder Edward Albee Eheproblematik vermitteln.

Dazu wird auch noch Karl Marx und Kirchenpolemisches in die Dialoge eingebaut, offenbar damit das Publikum erfasst: aha - eine gesellschaftskritische Interpretation!  All diese Ingredienzien einer Inszenierung sind wahrlich nicht neu, längst abgenützt, langatmig und ermüdend - und vor allem: sie passen in ihrer Verbissenheit nicht zum österreichischen Charme der Heuberger-Musik, ihnen fehlt jegliche Eleganz und Leichtfüßigkeit. Da ist mir noch der Operetten-Zertrümmerer Konwitschny lieber mit seiner Csardasfürstin-Version, die in Dresden einen Skandal provozierte und die vor fünf Jahren auch in Graz zu sehen war. Über Konwitschny kann man wenigsten streiten! Die neue szenische Opernball-Version hingegen ist bloß krampfhaft und schlichtweg langweilig.

Dabei hat Graz eine ausgezeichnete musikalische Besetzung anzubieten. An der Spitze des Ensembles stehen unbestreitbar die drei Damen: Die in Sachen Ehetreue skeptische Marguérite überredet die gutgläubige Angèle, ihre beiden Ehemänner einmal auf die Probe zu stellen. Im  Auftrag der Damen schreibt das Kammermädchen Hortense zwei gleichlautende Briefe, die Paul und Georges zu einem Stelldichein mit einer adeligen Dame beim abendlichen Opernball einladen - sozusagen ein «Così fan tutte»-Experiment unter umgekehrten Vorzeichen mit deutlichen „Fledermaus“- Parallelen.

Das Grazer Premierenpublikum hat seinen Beifall für das Solistenteam fein nuanciert. Den größten Applaus erhielt die Marguérite von Margareta Klobucar, die es verstand, die mühsamen Regie-Vorgaben mit ihrer natürlichen Bühnenpräsenz in der Balance zu halten. Natürlich war sie auch stimmlich ausgezeichnet - das Grazer Publikum hat durch den großen Beifall wohl auch deutlich demonstriert, dass es die Klobucar im Opern-Ensemble der neuen Intendanz sehr vermisst. Ein besonderer Grazer Publikumsliebling ist auch Sieglinde Feldhofer, die am Ende ebenfalls deutlich akklamiert wurde. Sie sang ihre Partie mit klarer und technisch sauber geführter Stimme. Die Regie hätte durchaus mehr auf Feldhofers jugendlich-frische Ausstrahlung vertrauen und sie nicht zu unsäglichen Pantomimen und Grimassen (vor allem im letzten Bild - aber auch in den Kopulationsandeutungen im 2.Akt) anhalten dürfen. Als Angèle lernte man in Graz erstmals die junge Nadja Mchantaf kennen: eine einnehmende warm-lyrische Sopranstimme, die schon ins große Opernfach weist. Man versteht, dass sie ab 2016/17 an der Komischen Oper Berlin große Rollen wie Pamina, Tatjana, Liu, Micaela, Donna Anna singen soll - alles Gute!

Aber auch die Herren waren durchaus sehr gut besetzt. Martin Fournier als Georges war ganz der Weltmann und auch stimmlich mit seinem hellen Tenor am rechten Platz. Der erfahrene Alexander Kaimbacher sang den Henri sicher und klangschön und überspielte geschickt, dass er eigentlich nicht mehr der gerade der Pubertät entwachsene Jüngling ist. Ivan Orescanin war ein überzeugender Provinz-Macho. Und dazu kamen noch der profilierte Theofil von Gerhard Ernst, die stets elegante Grande Dame Lotte Marquardt als Palmira und der immer profilierte János Mischuretz als schmieriger Oberkellner, der in dieser Fassung auch im 3.Aufzug auftritt. Mit ihnen allen hätte man eine sehr gute Operettenaufführung zustande bringen können - schade, dass sie sich diesmal in ein allzu krampfhaft-zeitaktuelles Konzept einfügen mussten - aber sie alle haben auch das mit Können und Routine geschafft. Zu der guten solistischen Ensembleleistung kam auch eine sehr saubere Leistung des Grazer Philharmonischen Orchesters unter Marius Burkert.

Fehlte der Ouvertüre noch ein wenig die federnde Spannung, so gab es dann in weiterer Folge sehr schöne Details zu hören - etwa im Vorspiel zum 3.Akt. Schade, dass allzu lange und ermüdende Dialoge von dem feinen Geflecht der subtilen Konversationsoperette ablenkten. Heubergers Musik hätte es verdient, mehr im Vordergrund zu stehen. Offenbar wollte man dieses Manko dadurch ein wenig ausgleichen, dass in der Pause auf der Feststiege des Foyers der Opernchor in festlicher Abendrobe unter der Leitung von Georgi Mladenov gemeinsam mit den Mitgliedern des Opernstudios Yuan Zhang und Dariusz Percak Lieder von Richard Heuberger sangen - zum Großteil Jugendwerke, die noch in seiner Grazer Zeit entstanden. Auch das missriet allerdings zur untheatralischen, leicht verkrampften Pflichtübung - einerseits wollte man offenbar dem Publikum vor Augen führen, dass man eben diese Feststiege auf der Bühne nachgebaut hatte und andererseits hatte man den gesamten Chor mit überdimensionalen Brillen „verkleidet“. Dieser „Gag“ erschloss sich mir nicht - sollte das ein versteckter Hinweis auf die ausgezeichnete Heuberger-Biographie von Peter Grunsky sein, die den Untertitel „der Operettenprofessor“ trägt?? (Aber das kann wohl nur meine eigene Assoziation sein, weil ja leider diese 2002 erschienene Biographie im Programmheft nicht berücksichtigt ist und stattdessen ein Artikel aus dem Jahre 1985 abgedruckt wird, der durch die Erkenntnisse der später erschienenen Biographie zum Teil überholt ist).

Aber wie auch immer, der Chor und die beiden Solisten sangen klangschön und man freute sich, auch diesen Aspekt Heubergers kennen zu lernen. In der erwähnten Biographie heißt es: „Richard Heuberger passt nicht in das Klischeebild des Operettenkomponisten. Schon allein die enorme Reichweite seines Betätigungsfeldes lässt das nicht zu. Der Bogen seiner Werke spannt sich von Kunstliedern und Chören bis hin zur Oper, zum Ballett und schließlich zur Operette. Seine "Nebenbeschäftigungen" sind Musikfeuilletons, Kritiken und musikwissenschaftliche Arbeiten der feinsten Sorte - er muss sich immerhin neben Eduard Hanslick behaupten! Dazu kommt noch sein enormer Einsatz als Chor- und Orchesterdirigent, als Lehrer am Konservatorium der Gesellschaft der Musikfreunde in Wien und seine freundschaftliche und fördernde Beziehung zu vielen bekannten Künstlern seiner Zeit. Das alles zeugt von einer Leistungsfähigkeit und Vielseitigkeit, die unser Interesse verdienen sollte.“ 

Und so ist zumindest in dieser Hinsicht der neuen Intendantin Nora Schmid, die den Graz-Bezug ihres Spielplans immer betont, zu danken, dass sie als ihre erste Operettenpremiere Richard Heubergers „Der Opernball“ angesetzt hat, der in Graz zuletzt vor fast 40 Jahren zu sehen war. Leider ist allerdings diese Operetten-Premiere nur musikalisch gelungen - schade!

 

Hermann Becke, 15. 11.  2015

Fotos: Oper Graz, © Werner Kmetitsch

 

Hinweise:

-         Ein Kurzvideo bringt Szeneneindrücke samt Gesprächen mit der Dramaturgin und dem Theofil-Darsteller Gerhard

-         Die erwähnte Heuberger-Biographie ist im Böhlau-Verlag erhältlich. Sie ist unbedingt lesenswert, weil sie ein gutes Bild der Musikszene des ausgehenden 19.Jahrhunderts in Wien gibt. Heubergers Korrespondenz mit Hanslick, mit Brahms, mit Mahler, mit Kienzl, aber auch mit Peter Rosegger oder Zemlinski vermittelt einen sehr interessanten Einblick.

-         Ein für Nostalgiker unverzichtbarer Hinweis: die Verfilmung des Jahres 1956 (mit Theo Lingen, Josef Meinrad, Johannes Heesters, Hans Moser……) kann man sich in voller Länge hier anschauen

 

DER FERNE KLANG

1.11.2015

Derniere

Der österreichische Komponist Franz Schreker, 1878 als Sohn eines jüdischen Photographen aus Böhmen und einer Mutter aus einer altsteirischen Adelsfamilie in Monaco geboren, war einer der

meistgespielten deutschsprachigen Komponisten seiner Zeit. Seine Opern erreichten zeitweise höhere Aufführungszahlen als diejenigen von Richard Strauss. Wie dieser ist Schreker ein Spätromantiker, zugleich weist seine musikalische Sprache aber auch expressionistische Elemente auf. Von der Psychoanalyse Sigmund Freuds beeinflusst, zeichnet Schreker als sein eigener Librettist schonungslose seelische Portraits seiner Opernprotagonisten, die teilweise sogar autobiographische Züge aufweisen. Bereits in den späten Zwanzigerjahren des vorigen Jahrhunderts war Schreker Angriffsobjekt der Kulturpolitik der Nationalsozialisten. 1932 hat er auf Grund des NS-Terrors die in Freiburg geplante Uraufführung seiner Oper „Christophorus“ selbst zurückgezogen. (Die Uraufführung fand dann zwar tatsächlich in Freiburg statt, aber erst 1978!) Er wurde auch zum Rücktritt von seinem Amt als Direktor der Berliner Musikhochschule gezwungen, die er seit 1920 geleitet hatte. Ein Jahr nach seiner zwangsweisen Versetzung in den Ruhestand einer Meisterklasse für Komposition an der Preußischen Akademie der Künste und dem Verhängen des Aufführungsverbots über seine Werke starb er 1934 in Berlin an einem Herzinfarkt, dem ein Schlaganfall vorangegangen war. Damit blieb dem nach der Nazidoktrin als Halbjuden einzustufenden Komponisten wenigstens ein möglicherweise noch viel schlimmeres Schicksal erspart. Bis heute aber hat er in der Musikwelt nicht mehr den Stellenwert zurückerhalten, der ihm eigentlich gebühren würde. Auch nach dem 2. Weltkrieg hat es lange gedauert, bis zaghafte Versuche unternommen wurden seine Opern wieder in die Spielpläne der Opernhäuser zu integrieren. Umso mehr muss man die neue Opernintendanz in Graz für ihren Mut bewundern, dass sie ihre erste Spielzeit im September 2015 mit Schrekers „Der ferne Klang“ eröffnet hat.

In dieser Oper ist der Komponist Fritz auf der Suche nach dem „idealen Klang“ für seine Oper. Er ist so besessen von der Idee, dass er zuerst als Komponist erfolgreich sein muss, bevor er seine geliebte Grete heiraten kann, dass er sie verlässt und diese, in der Zwischenzeit vom versoffenen Vater beim Kegeln verspielt, zur Prostituierten absteigt. Noch einmal kreuzen sich ihre Wege in einem Bordell in Venedig, doch auch hier können die beiden nicht zusammenfinden. Am Schluss wird die Oper des Komponisten Fritz bei ihrer Uraufführung ein Misserfolg. Fritz stirbt in Gretes Armen, erfolglos als Komponist und auch gescheitert im privaten Leben.

Schrekers Musik besticht durch ihre expressive Schwüle und ihren erotischen Rausch. Der Komponist hat in diesem Werk auch selbst mit dem Klang experimentiert, indem er Musik nicht nur aus dem Orchestergraben und auf bzw. hinter der Bühne, sondern auch aus dem Zuschauerraum forderte, quasi Dolby-Surround-Effekte Jahrzehnte vor deren tatsächlicher Erfindung. Dazu werden Fernorchester auf der Galerie sowie Choristen in den Logen des Opernhauses postiert. Es bedarf schon einer besonderen Erfahrung alle Musiker so zu koordinieren, dass das Ganze nicht auseinanderfällt.

Der Chefdirigent der Grazer Oper, Dirk Kaftan (Bild oben) war der richtige Mann am Pult, um all das souverän zusammenzuhalten und so Schrekers irisierende Klänge mit den gesplitteten Geigen und den zarten Harfenglissandi schwelgerisch aufblühen zu lassen.

Dazu hat Florentine Klepper eine so intelligente wie intensive Inszenierung auf die Bühne gebracht, in der sie auch die psychologischen Strömungen der damaligen Zeit eingearbeitet hat. Sie hatte die geniale Idee das geheimnisvolle alte Weib (das in der Oper keinen Namen hat) als Alter Ego Gretes, als dunkle Seite des eigenen Ichs, darzustellen. Der Dialog Gretes mit dem alten Weib am See, wo Grete eigentlich Selbstmord begehen will (und in dieser Inszenierung versucht ihr Alter Ego zu ertränken), wird somit zur Selbstreflektion. Das alte Weib erscheint daher auch (stumm) öfters als eigentlich im Libretto vorgesehen. In der Bordellszene erweist sich diese Idee geradezu als genial, denn es ist schwer zu verstehen, dass Fritz in einem langen Duett nicht begreift, dass die hier angetroffene Grete eine Prostituierte ist. Aber da er hier die ganze Zeit nicht zu Grete in ihrem weißen Tanzkleidchen mit roten Stiefeln, sondern zu Gretes Alter Ego singt, erscheint die ganze Situation wesentlich glaubhafter. Fritz ist eben ein Künstler, der die Augen vor der Realität verschließt. Und das Ganze korreliert auch mit dem Text. Wenn nämlich der Graf in seinem Lied vom bleichen König singt: „… aufsteigt da eine blasse Frau, mit irrem Blick und mit nassem Haar …“ und man gleichzeitig Gretes Alter Ego mit nassem Haar (wie zu Ende des 1. Aktes) und irrem Blick die Treppen hinaufgehen sieht, passen Wort und Ton zusammen. Ebenfalls eine geniale Idee der Regisseurin war es mit Spiegelungen zu arbeiten. Auch Fritz hat ein Alter Ego, nämlich seinen Freund Rudolf. Das Duett der beiden wird somit zum Selbstdialog des Komponisten Fritz und findet, entsprechend der Spiegelung, ebenfalls am See statt. Schließlich stirbt Fritz in Gretes Armen auf der Dachterrasse von Gretes Elternhaus, wo die Oper begann.

Zu Beginn liegen Grete und Fritz am Boden, nur eine weiße Zeltplane setzt sich vom schwarzen Bühnenhintergrund ab (Bühne: Martina Segna, Licht: Bernd Purkrabek). Erst später, als das Elternhaus Gretes aus dem Bühnenboden hochfährt, erkennt man, dass die beiden auf der Dachterrasse des Hauses liegen. In den ersten beiden Akten, in denen vor allem Gretes Schicksal geschildert wird, dreht sich das Bühnenbild im Uhrzeigersinn. Im dritten Akt, in dem es vor allem um den gescheiterten Komponisten Fritz geht, dreht sich das Bühnenbild wieder gegen den Uhrzeigersinn zurück. So befindet sich die Theaterkantine zu Beginn des 3. Aktes quasi auf der Rückseite des Bordells aus dem 2. Akt, so findet die Begegnung zwischen Fritz und seinem Freund Rudolf als Selbstgespräch an demselben See statt, an dem im ersten Akt Grete mit ihren Selbstmordgedanken kämpft. Und auch hier sieht man, wie der vom Misserfolg enttäuschte Rudolf beinahe Selbstmord begeht, eine innere Stimme (Rudolf) ihn aber dazu überredet die Oper umzuarbeiten und somit doch noch zum Erfolg zu führen. Und nahtlos befindet sich Fritz dann wieder auf dem Dach von Gretes Elternhaus. Hier geht alles rückwärts. Auch der Videofilm, der zu Beginn des 2. Aktes von der Kanalisation durch die unheimlichen Straßen zum Opernhaus geführt hat, wird im 3. Akt nun rückwärts abgespult (Video: Heta Multanen). All diese Spiegelungen machen großen Effekt.

Auch in dieser letzten Vorstellung am Allerheiligentag, zu der auch viele Besucher aus Wien extra angereist sind, war auf der Bühne ein erlesenes Ensemble versammelt. Allen voran die Südafrikanerin Johanni van Oostrum mit ihrem strahlend-jubelndem Sopran und unglaublicher Bühnenpräsenz als Grete, die sogar beim Pole Dance das Publikum zu Begeisterungsstürmen hinriss.Daniel Kirch als Fritz war viel besser als in der Premiere, in der er anfangs nervös war und einige Zeit brauchte, bis sein Tenor so richtig strahlend erklang. In dieser letzten Vorstellung war er bereits von Anfang an „voll da“ und bewältigte mühelos diese anstrengende Partie.  Aber auchKonstantin Sfiris als polternder und versoffener Vater, Stefanie Hierlmeier als sein keifendes Weib, Wilfried Zelinka in den Rollen des Wirtes im 1. Akt und des Polizisten im 3. Akt, IvanOreščanin mit seinem köstlichen Porträt eines Schmierenschauspielers, der steirische BaritonMarkus Butter in der Doppelrolle Dr. Vigelius/Graf, Dshamilja Kaiser mit ihrem satten Mezzosopran als altes Weib, Dariusz Perczak als Baron, Taylan Reinhard mit seinem witzig vorgetragenen Couplet über die „Blumenmädchen von Sorrent“, David McShane als Rudolf undManuel von Senden in einem köstlichen Kurzauftritt als  zweifelhaftes Individuum waren typengerecht und stimmlich ausgezeichnet besetzt.

Diese sensationelle Produktion, die für mich eine der besten Opernaufführungen des Jahres 2015 war, wäre es wert auch an anderen Orten gezeigt zu werden. Das wäre endlich mal eine würdige Aufführung für die Wiener Festwochen! Und wo bleibt die Wiener Staatsoper? 1910 nahm der damalige Direktor der Wiener Hofoper, Felix von Weingartner, auf Empfehlung von Bruno Walter den „Fernen Klang“ zur Uraufführung an. Daraufhin beeilte sich die Universal Edition die Oper zu drucken; den Klavierauszug verfertigte kein Geringerer als Alban Berg. Kaum war das geschehen, demissionierte Weingartner und der neue Direktor, Hans Gregor, hatte nichts Eiligeres zu tun als den Plan, diese Oper zur Uraufführung zu bringen, in der Lade verschwinden zu lassen. Solche Spielereien sind in Wien ja nie ganz aus der Mode gekommen. So hatte sich die Frankfurter Oper, die ja diesbezüglich immer schon eine gute Nase für neue Werke hatte, die Rechte an der Uraufführung gesichert. Und nach der triumphalen Premiere dort am 18. August 1912 trat die Oper ihren Siegeszug durch ganz Europa an. 1924 folgte, wie bereits erwähnt, die Österreichische Erstaufführung am Opernhaus Graz, 1976 konnte man diese Oper, wieder in Graz, in einer konzertanten Aufführung anlässlich eines Franz-Schreker-Symposiums hören, und schließlich fand am 20. April 1991 (!) als letzte Premiere der Ära Claus Helmut Drese die Erstaufführung an der Wiener Staatsoper statt, also an dem Haus, an dem die Oper eigentlich uraufgeführt hätte werden sollen. Ob dieser Premierentermin absichtlich gewählt wurde (als späte Rache an dem Herrn, der die Erfolgssträhne des Franz Schreker mit dem  Aufführungsbann jäh unterbrochen hat) oder reiner Zufall war, lässt sich wohl heute nicht mehr klären.

Tatsache ist jedoch, dass die erfolgreiche Produktion von Jürgen Flimm (mit Catherine Malfitano und Thomas Moser unter der musikalischen Leitung von Gerd Albrecht) nur acht Mal gespielt wurde und von der nachfolgenden Operndirektion Waechter/Holender nach Amtsantritt sofort abgesetzt wurde. Seit nunmehr 24 Jahren wurde an der Wiener Staatsoper keine Oper von Franz Schreker  mehr aufgeführt. Wenn man sein Meisterwerk „Die Gezeichneten“ sehen wollte, musste man in den vergangenen Jahren z.B. nach Lyon, Köln, Los Angeles, Palermo, Amsterdam oder Stuttgart fahren. „Der ferne Klang“ wurde u.a. in Mannheim, Straßburg, Bonn, Nürnberg, Zürich und Berlin gespielt. In Amsterdam konnte man sogar Schrekers „Der Schatzgräber“ sehen. Und da zu befürchten ist, dass die Direktion der Wiener Staatsoper auch für die nächsten Jahre nicht an die Aufführung einer Schreker-Oper denkt, bleibt nur zu hoffen, dass die Oper Graz vielleicht, vom großen Erfolg dieser Produktion animiert, die Aufführung eines weiteren Werkes dieses großen österreichischen Komponisten ins Auge fassen wird. Wie wäre es mit den „Gezeichneten“ oder dem „Schatzgräber“?

Walter Nowotny 4.11.15

Besonderer Dank an MERKER-online

Produktions-Bilder siehe Premierenbesprechung


Redaktions-PS

Die oben eingesetzten Cover der CD-Aufnahmen kann DER OPERNFREUND allen Schreker Freunden nur ans Herz legen.      PB

 

 

 

 

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