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Teatro Coccia

 www.comune.novara.it/

 

 

MADAMA BUTTERFLY     

Premiere am 24.2.17

Gott, war das schön!

Das war eine der erschütterndsten Produktionen, die ich in meinem an Vorstellungen des Meisterwerks von Giacomo Puccini reichen Opernleben gesehen und gehört habe. Doch bevor über die stimmige Inszenierung berichtet werden soll, möchte ich die Interpretin der Titelrolle vorstellen, die Slowenin Rebeka Lokar.

Die aus Marburg stammende Künstlerin wurde zunächst als Mezzo ausgebildet und sattelte Ende 2010 auf Sopran um. In diesem Fach singt sie so dramatische Rollen wie Abigaille, Turandot oder Manon Lescaut. Für mich war sie in diesem ihrem Rollendebüt eine richtige Entdeckung, denn es handelt sich um eine wirklich große Stimme mit apartem Timbre, die auf fundierter Technik aufbaut. Dazu ist die groß gewachsene Sängerin eine intensive Gestalterin, die auch mimisch viel zu bieten hat. Es gab nicht nur nach „Un bel dì vedremo“ Szenenapplaus, sondern es wurde zweimal im 2. Akt spontan geklatscht, weil sich das Publikum ihrer Leistung nicht entziehen konnte. Ich muss gestehen, dass ich alle meinen bei der trotz des großartigen Dirigats von Riccardo Chailly kalt lassenden Produktion der Scala-Eröffnung 2016/17 nicht vergossenen Tränen hier freien Lauf lassen konnte...

Sehr berührend im Spiel und mit pastosem Mezzo war die Suzuki der Georgierin Sofia Janelidze und besonders scharf charakterisiert der verschlagen-komödiantische Goro des Spaniers Jorge Juan Morata. Der Pinkerton von Ivan Defabiani ließ mehr sein hochinteressantes, strahlendes Material sprechen, als die Figur zu verkörpern, aber das passt eigentlich ganz gut zu dem oberflächlich fühlenden Mann. Sehr elegant, zunächst distanziert, dann mitfühlend gestaltete Sergio Bologna den Sharpless. Der Italokanadier Enrico Rinaldo gab einen bedrohlichen Zio Bonzo, Vittoria Vimercati eine verschüchtert wirkende Kate Pinkerton. Nur der Yamadori von Lorenzo Malagola Barbieri klang recht brüchig. Intensiv und beteiligt spielte die kleine Susanna Gallese Butterflys Kind Dolore.

Damit wären wir bei der Regie von Renato Bonajuto, die im traditionellen Rahmen der wunderbar pastellfarbenen Ausstattung von Laura Marocchino auf allzu aufdringliches Trippeln der weiblichen Figuren verzichtete und die Tragödie der „kleinen Japanerin“ intensiv herausarbeitete bis hin zum selten so eindringlich gesehenen Selbstmord. Es war auch bewundernswert, wie es dem Regisseur gelang, die eher klein gewachsenen Interpreten von Pinkerton und Sharpless (aber vor allem natürlich den ersteren im 1. Akt) immer so zu gruppieren, dass das Gardemaß der Sopranistin nicht störte und es zu einem eindrucksvollen Liebesduett kam, obwohl sich die Partner nie im Stehen umarmten. Das nenne ich Handwerk im positivsten Sinn!

Auch der von Mauro Rolfi einstudierte Coro San Gregorio Magno hat sich in den Jahren, seit er in Novara zum Einsatz kommt, stark verbessert und gefiel speziell mit dem fein austarierten Summchor. Am Pult des Orchestra del Teatro Coccia (Dozenten und Meisterschüler des Konservatoriums der Stadt im Piemont) stand mit Matteo Beltrami der Musikdirektor des Hauses und ließ Puccinis so zu Unrecht wiederholt (z.B. von Gérard Mortier, dem ich diese Behauptung über das Grab hinaus nicht verzeihen kann) als kitschig bezeichnete Musik in all ihrer Modernität und bestürzenden Dramatik wiedergeben.

Ein mit größter Begeisterung aufgenommener Abend.                         

Eva Pleus 26.2.17

Bilder: Finotti / Mainino / Moro-Dessì

 

 

LA RIVALE

Premiere am 1.12.16 .

Callas forever

 

Im Jahr 2007 erschien die Erzählung „La rivale“ des franko-belgischen Autors Eric-Emanuelle Schmitt, die die Kunst der Maria Callas verherrlicht. Der Autor verwendet dafür den Trick, einen früheren Opernstar nach dreißig Jahren Abwesenheit aus Argentinien nach Mailand zurückkehren zu lassen, wo die Sängerin sich einer Scala-Führung anschließt. Sie, die zuvor an dem Haus bejubelt wurde, hatte sich zurückgezogen, als der Stern der Callas aufging, der sie die Schuld an ihrem Absturz gab. Nun wird sie wieder von der Vergangenheit eingeholt, denn auch bei der Führung ist ständig von der Callas die Rede, im Plattengeschäft findet sie keine eigenen Aufnahmen. Als sich ein Opernfan, den sie für einen Verehrer hielt, auch als Callasfan outet und sie in die Jury eines Wettbewerbs einladen will, der den Namen der Divina trägt, erleidet sie einen Infarkt und stirbt.

Ich kenne die Erzählung nicht und habe auch nicht herausgefunden, ob sie je auf Deutsch erschienen ist. Sie scheint trotz der tragischen Handlung durchaus auch ironische Glanzlichter zu haben, die nun von Alberto Mattioli, der das Libretto für ein neues Musikwerk schrieb, genutzt wurden. Es handelt sich um ein Auftragswerk des Teatro Coccia, das schon das dritte Jahr seinen Spielplan um eine zeitgenössische Komposition bereichert. Gewünscht wurde ein Einakter, der auch unterhaltsame Seiten zeigen sollte. Das ist Mattioli ganz ausgezeichnet gelungen, denn er nimmt die Welt der Oper liebevoll auf die Schaufel, zeigt die kleinen Schwächen der Gesangsstars, umgekehrt aber auch die auch in sogenannten Fachgeschäften immer mehr um sich greifende Ignoranz. Besonders köstlich ist denn auch die Szene, in welcher Carmela Astolfi, die frühere Diva, bei zwei von der Oper völlig unbeleckten Verkäuferinnen (die aber in der Klassikabteilung arbeiten!) nach ihren Plattenaufnahmen sucht. Hier hat auch der Komponist Marco Taralli einen Höhepunkt gesetzt, indem er die jüngere Verkäuferin, die mit ihren Kopfhörern Rap hört, dazu in Koloraturen à la Königin der Nacht singen lässt. Seine Musik ist nicht besonders originell, aber gut geschrieben, und ermöglicht auch ein gutes Textverständnis seitens des Hörers, was bei den vielen Seitenhieben auf die Welt der Oper besonders wichtig ist.

Als gealterte Sopranistin Astolfi war Tiziana Fabbricini ganz in ihrem Element, musste diese schauspielerisch so begabte Sängerin in ihrer Roll doch immer wieder in Erinnerungen schwelgen und sich blitzschnell von einer alten in die junge Künstlerin und zurück verwandeln. Die vom Komponisten verlangte Art des Sprechgesangs beherrschte sie zudem perfekt. Ihre junge Begleiterin, von Mattioli mit einem Augenzwinkern Annina genannt, wurde eindringlich von dem Mezzo Simona Di Capua verkörpert. Der Tenor Giulio Pelligra hatte zwei Rollen inne, nämlich den Gigolo Salvatore, der sich von der Astolfi aushalten lässt, und den Priester Don Bartolo (!), der das Begräbnis der Sopranistin zelebriert, bei dem als allerletzter Coup die Stimme der Callas mit „Vissi d'arte“ erklingt. Eindrücklich der Bariton Daniele Piscopo als die Führung leitender Billetteur, in einer Doppelrolle die blutjunge Sopranistin Eleonora Buratto als Touristin und ältere Verkäuferin. Eine brillante stimmliche Leistung erbrachte der Koloratursopran Giulia Perusi als deren junge Kollegin, und auch Daniele Cusari als Opern- und Callasfan Antonio fiel durch einen angenehmen Bass auf.

Vorbildlich aneinander angepasst waren die musikalische Leitung und die Regie. Letztere lag in Händen von Manu Lalli, die im angedeuteten Bühnenbild (nach einer Idee von Daniele Leone) die Sänger zu befreit spontanem Spiel anhielt, erstere war dem Musikdirektor des Hauses Matteo Beltrami anvertraut, der die in ihrem Wechsel zwischen E und U nicht immer einfach zu spielende Musik mit dem Orchestra Talenti Musicali vorbildlich einstudiert hatte. Dieser Klangkörper besteht aus den besten Absolventen der Konservatorien von Piemont und Aosta-Tal, denen mit Hilfe von Stipendien die Möglichkeit gegeben wird, sich an angesehenen in- und ausländischen Akademien zu perfektionieren und die seit 2012 schon unter so bekannten Namen wie Riccardo Muti, Luciano Chailly, Gianandrea Noseda oder Pavel Berman gespielt haben.

Das gut verkaufte Haus, in dem viele Jugendliche vertreten waren, spendete eifrig überaus herzlichen Beifall.                                                                                 

Eva Pleus 10.12.16

Bilder: Mario Finotti / Teatro Coccia

 

 

 

AIDA

Premiere am 7.10.16

Beachtlich!

Vor fünf Jahren wurde die Leitung des ziemlich herabgewirtschaftete Hauses (ein „Teatro di tradizione“, was ungefähr dem dreispartigen Stadttheater nördlich der Alpen entspricht) von Renata Rapetti, die aus dem Sprechtheaterbereich kommt, übernommen. Bei der Wahl des segretario artistico, der für die Besetzung der Opernproduktionen verantwortlich ist, hatte sie eine glückliche Hand, denn der aus Novara stammende Regisseur Renato Bonajuto ist in Sängerkreisen bestens eingeführt, und es gelingt ihm immer wieder, auch bekannte Namen zu für das Haus besonders günstigen Konditionen zu verpflichten. Daneben wird auch dem Nachwuchs eine Chance gegeben, was in der vorigen Saison eine triumphale Wiedergabe von Rossinis „Viaggio a Reims“ hervorbrachte (siehe „Merker“ Nr. 307 vom November 2015). Dieser Erfolg führte dazu, dass Matteo Beltrami, der in Novara bereits andere erfolgreiche Produktionen, wie etwa „Norma“ und „Turandot“, geleitet hatte, zum Musikdirektor des Hauses ernannt wurde. In der Tat hatten die Erfolge der vergangenen Jahre zu einem stark gesteigerten Interesse an den Opernproduktionen geführt.

Und so hat man sich in Novara einen Brocken wie „Aida“ vorgenommen. Der Tradition folgend, nicht immer gestandene Opernregisseure zu berufen, verpflichtete Rapetti zwei Herren – den künstlerischen Leiter der Arena di Verona Paolo Gavazzeni und den Direktor des zum TV-Konzern von Sky gehörenden Unternehmens Classica HD Piero Maranghi. Die beiden gingen mit großem Respekt vor Verdis Oper ans Werk, und es ist ihnen gelungen, eine traditionelle, aber sehr stimmige Inszenierung zu schaffen. Großen Anteil daran hatten die geschmackvollen Kostüme, aber speziell das Bühnenbild von Leila Fteita. Verschiebbare Wände gaben die Möglichkeit, alle Schauplätze überzeugend darzustellen, unterstützt auch durch eine raffinierte Lichtregie von Angelo Linzalata, die Wüstenatmosphäre unter brennender Sonne ebenso suggerierte wie (besonders schön) den Zauber der nächtlichen Nilszene. Nicht vergessen werden darf die phantasievolle Choreographie von Simona Bucci, die aus den tanzenden Mohren kleine ägyptische Buben machte, die sich bereits im Kriegshandwerk üben. Es zeigte sich wieder einmal, wie eindrucksvoll mit beschränkten Mitteln Theater gemacht werden kann. (Sehr suggestiv z.B. der Triumphmarsch durch die Mittelreihe des Parketts).

War der visuelle Eindruck schon überzeugend, so war die musikalische Wiedergabe nichts weniger als mitreißend. Beltrami muss mit dem Orchester des Konservatoriums „Guido Cantelli“ Novara mit unheimlicher Intensität gearbeitet haben, denn die opernunerfahrenen jungen Leute (die ihre Professoren als Pultführer hatten) brachten einen Klang zustande, der einem Profiorchester der Mittelklasse wohl angestanden wäre. Und dass Beltrami ein exzeptioneller Sängerbegleiter ist, hat sich schon herumgesprochen. Der Coro San Gregorio Magno, der in den vergangenen Jahren noch etwas zu wünschen übrig ließ, wurde um den Coro del Ticino bereichert und brachte es unter der Leitung von Mauro Rolfi (und mit tatkräftiger Unterstützung Beltramis) zu einer sehr guten Leistung.

Für die Titelrolle war die Kolumbianerin Alexandra Zabala, im Vorjahr bei Rossini eine gefeierte Corinna, verpflichtet worden. Sie gehört zu den Sängerinnen, die nie forcieren und setzte ihren voll lyrischen Sopran mit größter Raffinesse ein, erfreute mit wunderbaren filati und einer herrlichen Nilarie. So gingen die paar tiefen Töne, über die sie nicht verfügt, dem Hörer nicht ab. Ihr Radamès Walter Fraccaro war stimmlich das Gegenteil der Geliebten, denn er verfügt über ein wahrlich raumsprengendes Organ und zelebriert die heldischen Spitzentöne mit Lust, nahm aber im 3. und 4. Akt durchaus Rücksicht auf seine Partnerin. Eine leidenschaftliche Amneris war die Arena-erprobte Bulgarin Sanja Anastasia, die der Pharaonentochter glaubwürdiges Profil verlieh und in der Priesterszene groß aufdrehte. Ein paar stimmliche Schärfen nimmt man da gerne in Kauf. Elia Fabbian war ein recht derber Amonasro (und außerdem angesichts der farbigen Komparsen für die besiegten Äthiopier zu hell geschminkt). Der noch junge Antonio Di Matteo ließ als Ramphis einen interessanten Bass hören, an dessen Höhe noch zu arbeiten sein wird. Interessant auch das Material von Gianluca Lentini (König), angenehm der Sopran von Marta Calcaterra als Priesterin. Etwas befangen (Lampenfieber?) klang der Bote des jungen Türken Murat Can Guvem.

Der Premierenerfolg war so durchschlagend, dass wegen der großen Kartennachfrage statt der vorgesehenen einzigen Reprise eine weitere Vorstellung angesetzt werden musste. (Außerdem wird die Aufzeichnung im Dezember im neuen 360º-Verfahren im Fernsehen gezeigt). Weiter so, Novara!                                                                                                     

Eva Pleus 15.10.16

Bilder (c) Mario Finotti / Teatro Coccia

 

 

IL VIAGGIO A REIMS

Aufführungen am 9. und 11.10.15 (Premiere am 9.10.)

Bombenstimmung

Das Teatro Coccia in der 50 km von Mailand gelegenen, aber nicht mehr zur Lombardei, sondern schon zum Piemont gehörenden 100.000 Einwohner-Stadt Novara wird als Dreispartenhaus geführt, das viel mit Gastspielen arbeitet, eröffnet wird die Saison aber immer mit einer im eigenen Haus erarbeiteten Opernproduktion. Die Wahl war diesmal auf Rossinis von Claudio Abbado für Pesaro wiederentdecktes und in der Folge populär gewordenes Werk gefallen, das für ein Theater dieser Größenordnung mit seinem schmalen Budget eine rechte Herausforderung darstellt.

Zu berichten ist aber von einer überaus gelungenen Arbeit, die riesigen Erfolg hatte. Entgegen der Befürchtungen hatte der vom Fernsehen kommende Regisseur Giampiero Solari die richtige Zugangsweise zu dieser als Kantate entstandenen „Oper“ gefunden, indem er einerseits den zahlreichen Personen einer praktisch inexistenten Handlung starkes Profil verlieh, und andererseits mit Hilfe des Bühnenbilds von Angelo Linzalata viel Bewegung schuf: Die drehbare Platte in der Bühnenmitte setzte sich wiederholt in Bewegung, während ein schräg über der Bühnenmitte platzierter Spiegel die Figuren in ihren wunderschönen Kostümen von Ester Marcovecchio zeigten, was sehr hübsche farbliche Effekte ergab. Der Spiegel zeigte aber auch das Spiel der Harfenistin bei der Dichterin Corinna erster Arie (die vom Rang herab erklang) oder ein Porträt Karl X., zu dessen Ehre die Komposition ja geschrieben worden war. Bewegung kam auch von vier Profirollschuhläufern, die elegant als Kellner durch die Gegend flitzten.

Um angesichts der langen Besetzungsliste auf anderer Seite zu sparen, war das Orchester des Konservatoriums „Guido Cantelli“ (der mit 36 Jahren einem Flugzeugunglück zum Opfer gefallene brillante Dirigent stammte aus Novara) engagiert worden. Diese Entscheidung mochte man im Vorfeld mit Skepsis betrachten, denn den Studenten waren nur einige Profis als Pultführer zur Seite gestellt worden. Der Dirigent Matteo Beltrami zeigte aber, was man mit positiv eingestellten jungen Leuten erzielen kann und präsentierte eine Arbeit, die man in Novara nicht so schnell vergessen wird. Die perfekte Maschinerie von Rossinis Einfällen lief auf Hochtouren, es gab keinen Moment des Spannungsabfalls, die Stunde und 40 Minuten des ersten Teils vergingen wie im Flug und wurden von einem so rasanten wie präzisen Finale I gekrönt, das dem Publikum den Beifall förmlich aus den Händen riss. Unter all den ausgezeichneten jungen Leuten ist zusätzlich der brillante zwanzigjährige Flötist hervorzuheben. Die Continuobegleitung war diesmal dem Cello anvertraut (eine von der Musikwissenschaft erst in jüngerer Zeit wiederentdeckte Form der Begleitung, die in Italien bis zu Beginn des 20. Jahrhunderts noch geübt wurde ). Fernando Caida Greco kam dieser Aufgabe mit viel Phantasie und Esprit nach. Auch der Coro San Gregorio Magno unter Mauro Rolfi war vokal und szenisch zufriedenstellend vertreten.

Alexandra Zabala aus Kolumbien sang mit samtweichem Sopran eine wunderbar lyrische Corinna ; ihr würde man gerne sehr bald wieder begegnen. Die zweite außerordentliche Stimme war der Mezzo der erst 26-jährigen Teresa Iervolino, die eine temperamentvolle Melibea sang, die sich in ihrem großen Duett mit Libenskof nicht vor ihrer berühmten Vorgängerin Valentini-Terrani zu verstecken brauchte. Der russische General war dem dreißigjährigen Argentinier Francisco Brito anvertraut, der einen nicht sehr umfangreichen, aber schöntimbrierten Tenor hören ließ, der ideal für Rossini war (und mich ein wenig an den unvergessenen Luigi Alva gemahnte). Die andere, nicht minder schwierige Tenorrolle des Belfiore sang Giulio Pellligra mit schon über Rossini hinausreichender romantischer Stimmgebung. Mit unglaublichen, spielend bis zum hohen „g“ reichenden Spitzentönen prunkte die Kubanerin Maria Aleida in der Rolle der Contessa Folleville. Francesca Sassu war eine pikante, in Abwesenheit ihres Gatten dem Flirten nicht abgeneigte Madama Cortese. Elegant trat Paolo Pecchioli als Lord Sidney auf, der seine schwierige Arie, die eigentlich nur Samuel Ramey wirklich perfekt beherrschte, achtbar vortrug. Ein szenisch sehr präsenter Don Profondo war der junge Pietro Di Bianco, der an seinem Stimmumfang noch arbeiten muss. Als Trombonok warf Bruno Praticò seine ganze Buffoerfahrung in die Waagschale. Angenehm in Stimme und Erscheinung war der Don Alvaro von Gianluca Margheri, und das Gleiche gilt für die Vertreter der kleineren Rollen wie Rocco Cavalluzzi (Don Prudenzio), Murat Can Güvem (Don Luigino), Carlotta Vichi (Maddalena), Sofio Janelidze (Modestina), Nicola Pisaniello (Zefirino/Gelsomino) und Stefano Marchisio (Antonio).

Eigentlich hatte ich vorgehabt, nur zur Premiere zu fahren, aber die Vorstellung war ein solcher Genuss, dass ich zur ersten (und einzigen) Reprise wiederkehrte. Auch diesmal war das Publikum ganz aus dem Häuschen, was Beltrami veranlasste, nach einigen Verbeugungstouren der Künstler seine Assistentin Manuela Ranno in den Graben zu schicken, wo sie (auch für die Sänger eine Überraschung) nochmals das den ersten Teil des Werks beendende „Gran pezzo concertato a 14 voci“ anstimmen ließ. Die Sänger, der Dirigent, aber auch der Cellist sangen dieses Glanzstück mit Enthusiasmus noch einmal, woraufhin das Publikums überhaupt nicht mehr zu halten war.

Diese Aufführung und ihr Erfolg werden in die Annalen des Hauses eingehen. Da sie aber auch für das Fernsehen aufgezeichnet wurde, besteht die Hoffnung, sich auf Sky Classic in nicht allzu langer Zeit wieder an dieser Produktion zu erfreuen.

Eva Pleus 14.10.15

Bilder: Mario Finotti

 

 

 

LA TRAVIATA

Premiere am 10.10.14

Die Saisoneröffnung des Dreispartenhauses der zwischen Mailand und Turin gelegenen Stadt fand genau am Geburtstag von Giuseppe Verdi statt. Mit Daniele Abbado (Regie), Andrea Battistoni am Pult und dem Orchestra Sinfonica Nazionale della RAI waren Namen aufgeboten, von denen man sich rechtens einiges erwarten durfte.

Leider waren es genau diese, die solch berechtigte Erwartungen enttäuschten. Da war zunächst die Regie: Unsere Wiener Leser kennen ja Abbados missglückten „Don Carlo“ an der Staatsoper. Nun, bei dieser „Traviata“ liefen die Dinge nicht viel besser, denn offenbar kann der Regisseur nicht mit dem Chor umgehen (wobei der Coro Schola Cantorum San Gregorio Magno unter Mauro Rolfi recht anständig sang). Die Choristen wurden samt den Comprimari in einem Kreis herumgejagt, wobei man sich des Eindrucks nicht erwehren konnte, die berühmte Salzburger Willy Decker-Regie wäre dazu Pate gestanden, nur dass hier alles holprig wirkte. Ebenso von jener Regie abgekupfert war der Einfall, Violetta von vier der Gäste im 1. Akt ausgestreckt auf Händen tragen zu lassen, wobei die vier sichtlich bemüht waren, niemandem auf die Füße zu steigen – unfreiwillig komisch!

Für Bühnenbild, Kostüme und Licht war Angelo Linzalata verantwortlich: Es dominierte der Minimalismus, da es in den grauen Wänden gerade einmal ein Sofa und einen Stuhl gab. Auch hier Widersprüche der Regie, wenn Anina auftritt, ohne dass Violetta nach ihr geläutet hat und ihr im letzten Bild auch nicht das verlangte Glas Wasser reicht und keine Vorhänge öffnet. Dafür ist die Titelrollenträgerin auch während Alfredos „Dei miei bollenti spiriti“ anwesend, ebenso wie Dr. Grenvil das ganze letzte Bild hindurch. Recht gut gelöst hingegen die Szene, wenn Alfredo Violetta das gewonnene Geld hinschleudert und sich geradezu auf sie wirft. Schlimm dafür die Ballettszene im 3. Bild (Choreographie: Simona Bucci), in der die Tänzer so gar nicht zur minimalistischen Atmosphäre und auch zum Text der Matadores und Zigeunerinnen passten, ganz zu schweigen von den in Violettas Zimmer eindringenden Karnevalsgestalten im 3. Akt (an sich eine gute Idee, um die Distanz zwischen der leidenden Protagonistin und dem Treiben draußen zu versinnbildlichen, aber leider in höchst lächerlicher Durchführung).

Andrea Battistoni, 1987 in Verona geboren, ist eine Art Wunderkind am Dirigentenpult, das ich auch schon Gelegenheit hatte, zu loben. Allerdings stieg auch er die Karriereleiter etwas zu rasch hinauf, und wieder einmal stellte sich heraus, dass großes Talent nicht gleich Genialität bedeutet und Erfahrung durch nichts zu ersetzen ist (auch ein Carlos Kleiber hat in der deutschen Provinz einst „I due Foscari“ dirigiert…). Battistoni hatte immer wieder gute Einfälle, ließ die Bläser zum Beispiel wiederholt einen klagenden Ton unterstreichen, aber nicht nur mit dem Chor geriet er in den Ensembles bisweilen ganz schön auseinander. Dazu kam, dass das Orchester der RAI wenig Gelegenheit hat, Oper zu spielen, was seine Begleitfunktion wesentlich erschwerte.

Zum Glück war die Trägerin der Titelrolle in der Lage, sozusagen freihändig eine große Gestaltung abzuliefern: Aurelia Florian, ab kommender Saison in München im Ensemble engagiert, sang einen sehr guten, aber noch nicht mitreißenden ersten Akt, um sich dann unerhört zu steigern und das letzte Bild, ganz ohne regieliche Unterstützung, mit größter Intensität zu gestalten. Ihr reiner Sopran besitzt eindringlich lyrisches Timbre und blüht in der Höhe sehr schön auf. Von der jungen Rumänin ist mit Sicherheit noch einiges zu erwarten. Fast so intensiv umjubelt wie sie wurde Simone Piazzola, der mit seinen 29 Jahren eine tatsächlich ausgereifte Stimme hören lässt und die „segni d’espressione“ Verdis umsetzt wie schon lange kein Bariton mehr. Bei ihm machte sich das Fehlen jeglicher Anleitung durch den Regisseur leider stark bemerkbar, denn sein einziges szenisches Ausdrucksmittel war, mit dem linken Arm zu rudern – im so knapp beschickten Rahmen der Verdibariton ist er natürlich willkommen (wenn er sich noch etwas Zeit lässt und nicht gleich die ganz großen Partien angeht, wie mit der „Macht des Schicksals“ in Valencia geschehen und leider in den kommenden Monaten für die Titelrolle in „Simon Boccanegra“ in Venedig vorgesehen). Vincenzo Costanzo bringt für den Alfredo mit, dass er jung (23-jährig) und fesch ist, also eindeutig zu wenig. Im 1. Akt saß die Stimme ganz hinten in der Kehle, und nachdem er sie von dort herausgeholt hatte, forcierte er, dass sich die Bühnenbretter bogen. Man fragt sich manchmal wirklich, welche Lehrer bzw. Berater diese jungen Leute haben! Bei den Comprimari seien Marta Calcaterra als anrührende Annina und Giampiero Cicino als beweglicher Marchese hervorgehoben.

Vor allem für Sopran und Bariton große Begeisterung beim Publikum.  

Eva Pleus 18.10.14

Bilder: Mario Finotti / Teatro Coccia

 

 

TOSCA

Premiere 17.1.2014

Sparefroh

Auch diese Produktion in dem schönen Teatro Coccia der in der Nähe von Mailand (Lombardei) gelegenen, aber zum Piemont gehörigen Stadt stand ganz im Zeichen größter Sparsamkeit. So verwendete der (auch für die passenden historischen Kostüme verantwortliche) Bühnenbildner Justin Arienti Teile der Verschalung des Orchestergrabens, um die Illusion der Kirche Sant’Andrea della Valle herzustellen. Dazu kamen verschieden hohe Stufenarrangements auf beiden Bühnenseiten, die sich auch im 2. Akt wiederfanden und eine bewegungsreiche Regie ermöglichten. Der 3. Akt zeigte nur eine Rampe rechts, von der sich Tosca (mit dem toten Cavaradossi in den Armen) in die Tiefe stürzte.

Die Regie von Fabio Ceresa präsentierte neben dem neuartigen Todessprung Toscas noch andere interessante Einfälle. So erfrischte der erschöpfte Angelotti zum Beispiel sein Gesicht im Weihwasserbecken, und besonders gelungen war der Einfall, Scarpia n seinen Räumlichkeiten à la Marat in eine Badewanne zu setzen, sodass er nachher nur im Schlafrock seiner Begierde nach Tosca Ausdruck verlieh. Als störend empfand ich hingegen die zur Präsenz gewordene Marchesa Attavanti, die in der Kirche umherirrte und während der Einleitung zum 3. Akt von ihrem toten Bruder Abschied nahm. Seltsamerweise sang sie auch die Melodie des Hirtenknaben. Im Ganzen handelte es sich aber um eine zwar traditionelle, aber um großteils gute Ideen angereicherte Produktion.

Die Titelrolle wurde von der Rumänin Cellia Costea mit interessant dunkel gefärbtem Sopran und überzeugendem Auftreten verkörpert. Die gut aussehende Sängerin gab eine temperamentvolle Frau und Künstlerin und sang ein sehr inniges „Vissi d’arte“. Dass das hohe C der „lama“ im 3. Akt über das Ziel hinausschoss, sei nur der Ordnung halber erwähnt. Einen großartigen Scarpia spielte Ivan Inverardi, der die Auffassung von einem widerlichen, brutalen Kerl ohne Hemmungen überzeugend umsetzte. Sein kraftvoller Bariton beherrschte die Szene mühelos. Erfreulich auch die Beiträge von Daniele Cusari und Davide Pelissero, ersterer ein auffallend sauber singender Angelotti, letzterer ein Mesner ohne Blödeleien, einfach ein erschreckter Mensch. Saverio Pugliese (Spoletta), Massimiliano Galli (Sciarrone), Radu Pintilie (Kerkermeister) und Alessandra Ferrari (Attavanti/Hirte) ergänzten zufriedenstellend. Schwachpunkt der Aufführung war der Cavaradossi von Lorenzo Decaro, dessen Tenor irgendwo hinten im Hals verschwunden war und bei den diversen Stemmversuchen seines Besitzers regelmäßig zerbröselte. Zurück zum Gesangslehrer!

Gut hielt sich der Coro Schola Cantorum San Gregorio Magno, während Valerio Galli am Pult einige Mühe hatte, das Orchestra Filarmonica del Piemonte zu sauberem Spiel zu animieren – die Orchestermusiker vermochten nicht immer in der verlangten Qualität den Anweisungen des Maestros zu folgen.                                                                                           

Eva Pleus 25.1.                                     Bilder Credit: Mario Mainin

 

 

 

NORMA

Aufführung 6.12.2013 (Premiere)

Sensationeller Bellini am Teatro Coccia

Diese Produktion hatte mich schon im Mai 2012 in Turin beeindruckt, und da sie vom Teatro Regio an den kleinen Bruder in seiner Region Piemont verliehen wurde, lag es nahe, die wenigen Kilometer, die Novara von Mailand trennen, zurückzulegen, um sich neuerlich an der im positiven Sinn konservativen Inszenierung des verstorbenen Alberto Fassini, die auch hier von Vittorio Borrelli betreut wurde, zu erfreuen, denn mit Ausnahme der für den Herrenchor nicht unbedingt kleidsamen Kostüme war die Ausstattung von William Orlandi für das Auge erfreulich, besonders was die abstrakten Felswände anbelangt, die einen immer neuen szenischen Hintergrund ergaben.

Auch sollten die beiden Protagonistinnen dieselben wie in Turin sein, nämlich Maria Billeri in der Titelrolle und Veronica Simeoni als Adalgisa. Leider fiel Billeri einer schweren Verkühlung zum Opfer und musste drei Tage vor der Premiere absagen. Norma gehört bekanntlich zu den schwierigsten Rollen des gesamten italienischen Repertoires überhaupt, und es gibt nicht sehr viele erstklassige Vertreterinnen der Partie. Zum Glück stellte sich Alessandra Rezza zur Verfügung und gestaltete eine Norma, an die man noch lange denken wird, so sicher präsentierte sie die rasche Koloratur, so gemeißelt klangen die Rezitative. Mit seiner dunklen Fülle ist der Sopran der Künstlerin ideal für die Figur der Druidenpriesterin, die sie bis zum Schluß mit scheinbarer Mühelosigkeit singt. Ihr einziges Problem liegt in der Anbindung der extremen Spitzentöne, die klirrend klingen. Das dürfte auch der Grund dafür sein, dass nach imposantem Beginn die Karriere der Sopranistin zu stagnieren scheint. Veronica Simeoni war wieder das Idealbild einer Adalgisa, deren mädchenhafte Grazie im Auftreten in ihrem hellen, warm timbrierten Mezzo (der außerdem ideal zu Rezzas dunklem Sopran passte) die perfekte Entsprechung fand. Die Duette der beiden Frauen waren wie von einem Zauber durchtränkt, den der Pollione von Roberto Aronica mit dem für die unsympathische Rolle richtigen Machogehabe störte. Aronicas Tenor ist enorm gewachsen, und er hatte mit der Spintorolle (ja, Spintorolle! Hier gab es keine „philologischen“ Versuche mit Piepsstimmen!) nicht das geringste Problem. Mit Ausnahme einer gepressten Höhe klang der Bass des jungen Luca Tittoto als Oroveso mehr als vielsprechend. Als Clotilde fiel Alessandra Masini mit klangvollem Mezzo und teilnahmsvollem Spiel auf. Giacomo Patti bewährte sich als Flavio.

Es war aber Matteo Beltrami, der dem Abend den endgültigen Stempel des Triumphes aufdrückte. Ganz anders als sein gleichfalls vorzüglicher Kollege Mariotti in Turin wählte er entschiedenere Tempi, die auch in den berühmten elegischen Bögen Bellinis aufdeckten, dass die Nerven der verkörperten Figuren blank lagen. Schon während des Schlussterzetts des 1. Aktes wusste man, dass man einem bedeutenden Abend beiwohnte – am Ende der Oper war das Publikum ganz aus dem Häuschen. Angesichts der Leistung, die Beltrami aus dem Orchestra Filarmonica del Piemonte und dem Coro Schola Cantorum San Gregorio Magno, zwei nicht gerade erstklassigen Institutionen, herausholte, wollte man kaum glauben, dass er das Werk zum ersten Mal dirigierte.

Mit diesem Abend hat das Teatro Coccia auf dem steinigen Weg zu einem eigenen Profil einen bedeutenden Schritt vorwärts getan.                                                     

Eva Pleus 29.12.13                           Produktionsbilder: Theatro Coccia

 

 

MACBETH

4.10.13

In der zwischen Mailand und Turin mit ihren großen Häusern gelegenen Stadt hat es das Operntheater nicht leicht, sich zwischen Sprechtheatergastspielen, Jazz, Lesungen und Ballett einen entsprechenden Rang zu erwerben. Es trägt den Namen von Carlo Coccia (Neapel, 1782 - Novara, 1873), der ab 1840 als Domkapellmeister die Nachfolge von Saverio Mercadante angetreten und bis zu seinem Tod innegehabt hatte. Nach Jahren, in denen nur irgendwie durchgewurstelt wurde, hatte man im Vorjahr die Dinge auf eine neue Basis gestellt und die Saison erfolgreich mit Cimarosas „Matrimonio segreto“ eröffnet.

Heuer galt die Eröffnungspremiere dem Jahresregenten Verdi und dessen „Macbeth“. Neuerlich war ein mit den Theatergegebenheiten wenig vertrauter, aber (auch international) bekannter Regisseur berufen worden: Dario Argento ist heute 73 Jahre alt und für seine eine Mischung aus Horror und Krimi darstellenden Filme der Siebziger- und Achtzigerjahre des vorigen Jahrhunderts bekannt. Im Vorfeld hatte er mitgeteilt, dass er die Handlung in den ersten Weltkrieg verlegen und nicht mit der Darstellung der damit verbundenen Greuel sparen würde. Hatte man ihm das ausgeredet oder waren die Mittel für eine aufwendige Inszenierung nicht vorhanden, Tatsache ist jedenfalls, dass man sich einer absolut minimalistischen Interpretation gegenübersah. Gab es im 1. Bild zumindest noch zwei am Galgen baumelnde Figuren und ein paar malerisch hingestreckte Tote, so reduzierte sich das Bild mit Bancos Ermordung auf die Darstellung zweier Baumstämme, die zweite Hexenbefragung auf ein kleines Feuer, und in der Nachtwandelszene und Arie des Protagonisten im 4. Akt gab es überhaupt nur mehr einen Fauteuil zu sehen. Da der für das Bühnenbild verantwortliche Angelo Linzalata eine sehr gute Lichtregie führte, wäre das Ambiente durchaus brauchbar gewesen, wenn – ja wenn Argento darin wirklich Regie geführt hätte. Der erste Weltkrieg war nur durch die Uniformen der Häscher mit ihren Bajonetten zu erahnen (Kostüme: Elena Bianchini, übrigens ausgesprochen unvorteilhaft für die Lady). Zwischen den Personen gab es überhaupt keine Spannungsfelder, die Choristen traten sich beim Verlassen der Bühne gegenseitig auf die Füße. Duncans Ermordung wurde auf einer Art Fernsehschirm gezeigt, und das war es auch schon.

Unter solchen Voraussetzungen war ein qualitatives Aufholen für die musikalische Seite extrem schwierig. Und der ins Dirigentenfach gewechselte Tenor Giuseppe Sabbatini tat es dem Großteil seiner dirigierenden Sängerkollegen (für mich bildet eigentlich nur José Cura eine Ausnahme) gleich und achtete darauf, seinen früheren Sangeskollegen nicht weh zu tun. Das bedeutete aber leider nicht einmal eine erfreulich gute Begleitung, sondern schlug sich in zögerlichen Tempi und lähmenden Generalpausen nieder. Das neu engagierte Orchestra Filarmonica del Piemonte hatte dem nichts entgegenzusetzen. Der von Mauro Rolfi einstudierte Coro Schola Cantorum San Gregorio Magno schnitt bei den Herren besser ab als bei den Damen, wo vor allem die Farben der Mezzosoprane fehlten.

Die Titelrolle wurde von Giuseppe Altomare verkörpert, einem Sänger, der stilistisch wüsste, wie es geht, dem aber die stimmlichen Mittel für eine überzeugende Umsetzung fehlen, und dessen brüchiger Bariton manchmal das Schlimmste befürchten ließ. Als Lady versuchte Dimitra Theodossiou eine Interpretation mit den von Verdi gewünschten fahlen Farben, aber ihr Sopran reagierte auf diese Bemühungen nicht, sodass „La luce langue“ fast wie gesprochen klang. Etwas besser die Nachtwandelszene, aber auch hier ergab sich kein stimmlicher Bogen. Passabel der Banco des Giorgio Giuseppini, während Dario Di Vietri (Macduff) trotz interessanten Materials noch zu sehr nach einem Gesangsschüler klang. Vielversprechender ertönte der klare Tenor von Ernesto Petti als Malcolm. Eine auffallend gute Dama war Valeria Sepe, deren Auftritt durch den kompetenten Arzt von Radu Pintillie ergänzt wurde.

Fazit: Da ab der nächsten Produktion („Norma“ im Dezember) die neue künstlerische Leitung endlich alleinverantwortlich ist, steht zu hoffen, dass die Ambitionen des Hauses eine überzeugendere Erfüllung finden werden.                                                      

Eva Pleus / 6.10.13

 

 

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