L‘Italiana in Messico oder Knock out für Rossini
Noch in der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts mussten Giuseppe Verdi und seine Textdichter um fast jede Zeile in ihren Libretti gegen die österreichische Zensur kämpfen. In den zwanziger Jahren unseres Jahrhunderts erlegen sich Opernhäuser selbst eine solche auf, durchkämmen Libretti nach negativen Aussagen über bestimmte Religionen, Volksgruppen, Geschlechter, ja sogar sexuelle Vorlieben. Verdi musste, weil Königsmord und Königsunmoral nicht vorstellbar waren, Un Ballo in Maschera von Schweden nach Amerika, Luisa Miller aus einem deutschen Kleinstaat in die Tiroler Bergwelt, Rigoletto aus Paris nach Mantua verlegen. Einen Ortswechsel von Algerien nach Mexiko und nicht nur das gibt es gerade in der Deutschen Oper Berlin, die allerdings in Hinsicht auf politische Korrektheit ein gebranntes Kind ist, nicht wegen eines anstößigen Librettos, sondern wegen der unseligen Idee des Regisseurs Hans Neuenfels, in Mozarts Idomeneo neben den anderen Religionsgründern auch Mohamed köpfen zu lassen. Die Berliner Politik geriet in Panik und die Oper setzte das Stück ab. Vor einigen Jahren ging es Mozart ganz anders an den ideologischen Kragen, zunächst mit der Eliminierung einer Textstelle über den Mohren Monostatos, aber auch nicht nur Mann und Weib reichen in einer Version von Rolando Villazón an die Gottheit ran, sondern Mann und Mann und Weib und Weib. Der mexikanische Tenor, Regisseur und Autor hat nun auch Rossinis L’Italiana in Algeri an der Deutschen Oper Berlin einer Antidiskriminierungskur unterzogen, das Stück aus dem titelgebenden Algerien in das Wrestling, besser gesagt Lucha Libre betreibende Mexiko verlegt und dementsprechend das Libretto teilweise geändert.

Worüber kann man nun eigentlich beim Lesen des Textbuchs schlotternde Knie wegen möglicher Folgen bei einer Beibehaltung des Textes bekommen? Wo stellt er nicht eine historische, ja in manchen Regionen noch heute gültige Aussage dar? Da singt der Chor: „Qua le femmine son nate solamente per servir“, d.h. im Algerien der Rossini-Zeit sind die Frauen geboren, um zu dienen. Als sich Mustafa seiner Gattin entledigen will, warnt ihn Haly: „Ma di Maometto la legge non permette un tal pasticcio.“ Also Mohamed selbst verbietet eine schlechte Behandlung der Frauen. Wenn eine Gruppe diskriminiert wird, dann die törichten Männer mit Isabellas: „Gli umini son tutti simili“, alle Männer sind gleich und „Meglio un turco che un brissone“, besser ein Türke als ein Dummkopf. Sollte jedoch das mehrmalige Vorkommen der Vokabel „mori“ den Rotstift animiert haben, wohl möglich, wo doch Jahre, nachdem eine Kneipe am Berliner Moritzplatz in weiser Vorausschau sich vom Kleinen Mohren in den Kleinen Moritz umgetauft hatte, nun endlich aus der Mohrenstraße eine mit schwer merkbarem Namen wurde. Aber das betrifft keineswegs die „mori“ in der Oper, denn damit sind die Mauren gemeint. Nicht zuletzt gibt es auch unter Rossinis Italienern Feiglinge (Taddeo) und unter den „Türken“ in Algerien positive Gestalten mit Haly, Elvira und Zulma, ist in seinem Il Turco in Italia der Protagonist sympathisch. Die Italiana in Algeri also als Beispiel für Xenophobie zu klassifizieren, wie in nicht nur einem Interview geschehen, ist einfach töricht.

Die Inszenierung der Rossini-Oper ist nach einer gelungenen Rondine und misslungenen Fledermaus die dritte Regiearbeit von Villazon an der Deutschen Oper Berlin. Das Thema ist nun nicht mehr die Befreiung von Italienern aus der Sklaverei durch die mutige und intelligente Isabella, ein Thema das gut zum Internationalen Frauentag passen würde, sondern der Kampf der kleinen mexikanischen Wrestler-Agentur Isabellas namens La Patria gegen das fast übermächtige Konkurrenzunternehmen Mustafas namens Seraglio. Dort gehen, es ist ja Frauentag, neben Elvira und Zulma, die einander sehr zugetan sind, auch andere Damen ein und aus, wird oft, da hat man wohl etwas übersehen, vom Pfählen gesungen, kommt man aus dem Wundern nicht heraus, wieso ein so tüchtiger wie skrupelloser Geschäftsmann wie Mustafa auf das blödsinnige Pappataci-Getue hereinfällt. „Echte“ Wrestler, EL Comandante Rambo und Pascal Spalter liefern sich „echte“ Kämpfe, und nicht selten übertönt raues Geschrei die Musik.
Dabei hatte alles so gut angefangen mit einer nichtinszenierten Sinfonia, in der Alessandro De Marchi feinsten Rossini erklingen ließ, voll musikalischer Präzision, rhythmischer Elastizität, viel Sinn für Farben bei feinster Transparenz und Staccati, die dem Hörer den Atem rauben konnten – bis auf dem Zwischenvorhang die Vorgeschichte zur Villazón-Version erschien und Rossini nichts mehr zu lachen hatte, im Unterschied zu weiten Teilen des Publikums, die sich zunehmend auf die krude Geschichte einließen. Irgendwie schallte es dann aus dem Publikum zurück, wie es zwar nicht von der Bühne geklungen, aber die Optik nahegelegt hatte.

Die Bühne von Harald Thor besteht aus Kampf-Arena, Büro und Restaurant des „Seraglio“, ist übernaturalistisch reich mit Details ausgestattet, die Kostüme von Brigitte Reiffenstuel sind zeitlos modern einschließlich der Wrestler-Monturen, für die Wrestling-Einstudierung ist Ahmed Chaer verantwortlich. Für ein Verismo-Werk hätte da einiges gepasst, für Rossini: mai.
In der Titelpartie eingesprungen war Nadezhda Karyazina mit farbigem, substanzreichem Alt, geschmeidiger Stimmführung und nur in den Koloraturen um Virtuosität verlegen. Darstellerisch fügte sie sich perfekt ins Geschehen ein. Virtuos, höhensicher und insofern als ein echter Rossinitenor stellte sich Jonah Hoskins als Lindoro vor, leider mit recht undankbarem, sprödem Timbre, ohne die auch wünschenswerte dolcezza, die Eleganz, die die Partie verlangt. Ungewöhnlich attraktiv für einen Mustafa war Tommaso Barea, allerdings eher die Optik betreffend, denn obwohl man von ihm die tiefste, tragfähigste der drei tiefen Stimmen erwarten kann, wirkte er relativ hell und spröde, während der Haly von Artur Garbas sonor und elegant klang, der Taddeo von Misha Kiria ebenfalls nicht nur durch seine opulente Optik imponierte. Mit feinem Ziergesang beklagte Hye-Young Moon ihr Schicksal als verstoßene Gattin, Arianna Manganello tröstete als Zulma ohrenschmeichelnd.

Die Deutsche Oper kann einen Riesenpublikumserfolg verbuchen, Rossini allerdings blieb auf der Strecke.
In der Pause zwischen den beiden Akten wurde dem ehemaligen Generalintendanten Dietmar Schwarz die Ehrenmitgliedschaft der Deutschen Oper Berlin verliehen.
Ingrid Wanja, 8. März 2026
L’Italiana in Algeri
Gioachino Rossini
Deutsche Oper Berlin
Premiere am 8. März 2026
Regie: Rolando Villazón
Musikalische Leitung: Alessandro De Marchi
Orchester der Deutschen Oper Berlin