Herumirren im Nirgendwo
Die Wiener Staatsoper hatte zuletzt (2012 bis 2023) eine eher diffuse, eher uninteressante Inszenierung von Mozarts „La Clemenza di Tito“ durch Jürgen Flimm, von der man nicht recht wusste, was sie wollte und sollte. Nun bekommt man als Neuproduktion eine eher diffuse, eher uninteressante Inszenierung dieses Werks durch Jan Lauwers, von der man nicht recht weiß, was sie will und soll. So viel zu den Fortschritten bei der Erneuerung des Staatsopern-Repertoires. (Wenigstens hat man hier nicht sehr Gutes durch sehr Schlechtes ersetzt wie neulich bei „Fidelio“).

Sicher, „La Clemenza di Tito“ ist kein leichter Brocken. Da hatte Mozart 1790 durch den Tod von Joseph II. einen Kaiser verloren, der etwas von Musik verstand und ihn zumindest wahrnahm. Der arme Kerl (Mozart nämlich) konnte ja nicht ahnen (sonst hätte er sich vermutlich die Arbeit erspart), dass er im Jahr darauf sterben würde, also keine kaiserliche Gunst mehr brauchte. Aber als Josephs Bruder als Leopold II. der nächste Kaiser wurde, galt es, sich bei diesem – na, gewissermaßen vorzustellen und wohl auch einzuschmeicheln. Mit einer Oper zu dessen Krönung als König von Böhmen. Nichts Fortschrittliches wie die Da Ponte-Opern, zurück zur Opera seria. Und die Geschichte eines unendlich noblen, edlen, milden römischen Kaisers – mit Verbeugung zur Kaiserloge. So kam „La Clemenza di Tito“ zustande – und dass der historische Titus aus dem Haus der Flavier alles andere als milde war (wie die Juden wussten, denen er Jerusalem und ihren Tempel zerstörte), das spielte weiter keine Rolle.
Da verzichtet nach dem Libretto von Pietro Metastasio der gute Kaiser Titus auf die Frau, die er ursprünglich heiraten will (Servilia) und lässt sie ihrem Liebsten (Annio). Als Sesto einen Mordanschlag an ihm verübt (der mißlingt), verzeiht er ihm ebenso wie Vitellia, der Frau, die dieses Attentat veranlasst hat. Es gibt noch einen Aufstand, ein brennendes Kapitol (nebenbei bemerkt: davon passiert in dieser Inszenierung natürlich gar nichts) – alles verziehen.
Und das zu zwar schöner, edler Mozart-Musik, die nur den Formen, aber nicht den Exzessen der Opera seria huldigt, aber weit von dem entfernt, was er mit Da Ponte schon erreicht hatte. Der Hofmann verbeugte sich – und wie man weiß, vergeblich. Kaiserin Maria Ludovica hat es nicht gefallen, angeblich nannte sie das Werk „una porcheria tedescha“. Si non e vero, e ben trovato, so hat sich die fruchtbare Kaiserin, die weit mehr für die Nachkommenschaft des Hauses Habsburg tat als ihre Schwiegermutter Maria Theresia, wenigstens in die Musikgeschichte hineingeschrieben.
Es ist eine schematische und dann doch wieder wirre Geschichte, zu dem einem etwas einfallen müsste, und das war bei Regisseur Jan Lauwers eindeutig nicht der Fall. Er verweigert in einem eigenen Bühnenbild, das nichts ist als ein schmales Podest vor Wänden, die gelegentlich kurzfristig „bemustert“ werden, jegliche Aussage, wo man sich befindet, und was erzählt wird. Auch eine Videosequenz hilft da nicht weiter. Die Darsteller irren ziellos in diesem Nirgendwo herum.
Nur der Chor und ein paar Tänzer in mehr oder minder schäbigen Alltagsgewändern dürfen ununterbrochen stören, indem sie im Hintergrund der Bühne herumtollen, herumturnen, herumtänzeln, herumpurzeln, ganz ohne Sinn und Zweck. Dafür wird Jan Lauwers noch als Choreograph des Abends angeführt. Gibt’s dafür Extra-Gage, oder ist das All inclusive?
Damit das alles nicht ganz so langweilig aussieht, durften sich die Kostüme von Lot Lemm austoben, allerdings (wie auch anders?) nicht ganz einsichtig: Sollten diese großteils wie laminiert wirkenden Kleidungsstücke eine Barock-Parodie sein? Für die Damen gab es allerdings schlichte Abendkleider, der Rest war so verwirrend wie die Tatsache, dass Titus nach der Pause im Rollstuhl erscheint, obwohl wir doch wissen, dass ihm beim Attentat rein gar nichts passiert ist. Also – ? Viel mehr war an diesem Abend punkto „Regie“ nicht zu vermerken. Muss man dafür „heut zumal“ dankbar sein?
Am Pult stand Pablo Heras-Casado, der Mozart so streng nahm, als sei er bei Harnoncourt in die Schule gegangen, aber für Verve und Dramatik sorgte.
Der aus Südafrika stammende Katleho Mokhoabane ist vom Wiener Opernstudio direkt in eine Hauptrolle gerutscht und lässt als Titus einen starken, schönen Mozart-Tenor auf der Höhe der technischen Anforderungen hören.
Zentrum jeder „Tito“-Aufführung wird aber der zwischen Liebe und Treue hin und hergerissene Sesto sein, der angesichts des Mordes, den er glaubt, begangen zu haben, zusammenbricht. Emily D’Angelo, die einem im Vorjahr in der Met in der Oper „Grounded“ als Soldatin nachdrücklich aufgefallen ist, hat das Temperament und die Kraft für die Rolle, nicht aber die Belcanto-Qualitäten, Dazu ist die Stimme zu scharf und von dauerndem Tremolo geplagt, man ahnt bei ihr gar nicht, wie schön das klingen kann. Aber kräftige Töne sorgen bekanntlich für kräftigen Applaus, und am Ende erwies sie sich, den Akklamationen nachzuschließen, als der große Liebling des Publikums.

Die Stimme von Cecilia Molinari in der zweiten Hosenrolle erwies sich jener von d’Angelo nicht unähnlich, glücklicherweise mit weniger Tremolo. Im Übrigen war sie als Annio mit dem wohl dümmsten Kostüm des Abends geplagt und durfte auch noch einen Frauenzopf tragen. Die Servilia ist immer die „Wurzen“, Florina Ilie gab, was möglich war, desgleichen Matheus França als dunkelstimmiger Publio.
Nicht die Königin des Abends, wie es zu erwarten gewesen wäre, war hingegen Hanna-Elisabeth Müller als Vitellia. Diese Frau ist bis kurz vor dem Ende geradezu eine Hexe, gebeutelt von Haß, Wut und Rachegelüsten. Die Interpretin stand nahezu ungerührt und unberührt herum, ließ ein paar eindrucksvolle Spitzentöne und Löcher in den tieferen Lagen hören und blieb die wichtigste Frauenrolle des Abends gänzlich schuldig.
Am Ende gab es viel Applaus, als hätte man etwas Vernünftiges gesehen. Aber nach „Don Carlos“ und „Luisa Miller“ ist man ja schon dankbar, wenn der Regisseur „nur“ das „Volk“ ziellos herumhopsen lässt und den Titelhelden in einen Rollstuhl setzt. Es ist schließlich alles relativ.
Renate Wagner, 11. März 2026
La Clemenza di Tito
Wolfgang Amadeus Mozart
Wien, Staatsoper
Premiere: 9. März 2026
Regie: Jan Lauwers
Dirigat: Pablo Heras-Casado
Wiener Staatsopernorchester