
Zugegeben, es fällt mir oftmals schwer, mich in Inszenierungen reinzufinden, in welcher Erwachsenen auf der Bühne Kinder oder Jugendliche darstellen sollen. Ich finde das hat immer etwas Bemühendes, gar Befremdliches an sich. So erging es mir vor 28 Jahren zu Beginn in Konwitschnys LOHENGRIN in Hamburg (er siedelte die Handlung in einem wilhelminischen Klassenzimmer an), so erging es mir zu Beginn auch gestern Abend im Opernhaus Zürich, wo der Regisseur Claus Guth Leclairs Oper SCYLLA ET GLAUCUS in einem Internat namens „Lycée Jean Marie Leclair“ spielen ließ. Doch wie damals in Hamburg (wo der Konwitschny – LOHENGRIN inzwischen Kult-Status erreicht hat, noch immer im Repertoire der Staatsoper ist und dieser Tage wieder aufgenommen wird) erging es mir auch in Zürich: Je länger der Abend dauerte, desto intensiver konnte ich mich auf die unterhaltsame und überaus versiert inszenierte Sichtweise Claus Guths und seines Teams einlassen. Claus Guth ist ja in Zürich kein Unbekannter: Zur Zeit der Intendanz Alexander Pereiras inszenierte er hier u.a. ARIADNE AUF NAXOS (diese „Kronenhalle“-Inszenierung erreichte auch Kult-Status), TRISTAN UND ISOLDE und PARSIFAL. Für Leclairs selten gespielte Oper SCYLLA ET GLAUCUS, diese unglückliche Liebesstory aus der Antike, ließ er sich von Etienne Pluss (man erinnert sich u.a. gerne an die von ihm ausgestattete LA RONDINE in Zürich, oder MARTHA und DER ROSENKAVALIER in Frankfurt) ein unglaublich detailreiches, faszinierend flexibel und raffiniert gestaltetes Bühnenbild auf die Bühne bauen. Bibliothek, Klassenzimmer, Turnhalle, Umkleidegarderobe all diese Räume werden durch die beinahe magische Verschiebung einer einzigen Bücherwand geöffnet und ermöglichen Szenenwechsel und passende Spielflächen für dieses zeitweise recht munter, gar mit überbordender jugendlicher Lust daherkommende College-Coming-of-Age-Theaters, das dann am Ende brutal ins Tragische kippt. Die Schuluniformen (Faltenröcke, Kniehosen und -strümpfe) und die Röcke und streng hochgeschlossenen Blusen des weiblichen Lehrpersonals lassen auf das frühe letzte oder gar vorletzte Jahrhundert schließen (Kostüme: Ursula Kudrna), der Wasserspender (wird wichtig werden, da Circé im letzten Akt ihr Gift darein gießt), die Yogamatten und die Ausrüstung der Turnhalle mit Korb und Basketbällen und beleuchteten Notausgängen wirken zeitgemäßer, die elektrischen Installationen und das Telefon hingegen wieder weitaus antiquierter, wie auch der genau zur Musik getaktete Drill der Zöglinge zur Ouvertüre. Die Personenführung ist von einer umwerfenden Frische, unterhaltsam, explizit, genau beobachtet und in der Zusammenführung der vielen Tänze mit dem Drama ausgesprochen ausgeklügelt und stimmig (Choreografie und Regiemitarbeit: Sommer Ulrickson).

Beispiele: Wenn Glaucus seine Hymne an die Nymphe Scylla singt, liest er diese aus einem Buch aus der umfangreichen Schulbibliothek vor, wenn Scylla und Glaucus endlich zueinander finden, veranstalten die Schüler eine theatralische Hochzeit für die beiden und Amor (eine reifere Frau, dargestellt von Piroska Nyffenegger) schießt ihren Pfeil in die elektrische Verteilerbuchse und löst zur Pause einen Kurzschluss aus. Auch nach der Pause flackern die Lichter und Lampen (dirgiert-inszeniert von Amor) immer noch unheimlich (das atmosphärisch dichte Lichtdesign stammt von Martin Gebhardt), die Schüler liegen in verrenkten Positionen in den Lesenischen, Circé, die äußerlich so streng gekleidete Lehrerin, becirct (!) Glaucus aus der Dusche heraus in die Garderobe eindringend. Total übergriffig! Leclair, der selbst Tänzer und Ballettmeister war, fügt seiner einzigen Oper immer wieder Tanzintermezzi bei. Diese werden teils zur Verdoppelung des Liebesdreiecks (Circé, Glaucus, Scylla) eingesetzt, teils stellen sie Kommilitonen dar. Pietro Cono Genova, Emma Bas González, Sara Peña und Maren Kathrin Sauer agieren und tanzen manchmal zombiehaft, dann wieder virtuos und rasant. Auch die Mitglieder der wunderbar präsenten und agil singenden Zürcher Sing-Akademie (einstudiert von Alice Lapasin Zorzit und Richard Wilberforce) sind nicht nur sängerisch, sondern auch als unbeschwert und frisch agierende „Schüler“ eine Wucht. Einige Mitglieder der Zürcher Sing-Akademie übernehmen auch kleinere solistische Partien – und dies mit begeisternder Gesangskunst: Daniel Brant als „Hirte“ Sylvan, Peter Strömberg als Waldgeist und Ekkehard Abele als matronenhafte Erscheinung der von Circé angerufenen Hexe Hécate.
Chiara Skerath singt eine rundum begeisternde Circé, macht die Gefühle dieser äusserlich frigide wirkenden Frau, bei der das sexuelle Begehren aber unter dieser kalten Oberfläche feurig lodert, mit stimmlicher Wucht und Dynamik eindringlich erleb- und nachvollziehbar. Elsa Benoit ist ihre jugendliche Gegenspielerin und Konkurrentin um Scylla, welche ihr den Glaucus abspenstig macht. Elsa Benoit verleiht der zögerlichen Entdeckung der Liebe, der Sexualität der Pubertierenden bewegenden Ausdruck. Ihr heller Sopran harmoniert wunderbar mit der jugendlich-frischen Tenorstimme von Anthony Gregory als Glaucus, der sich ebenfalls als herausragender Darsteller des jugendlichen Übermutes – aber auch seines Zwiespalts der Gefühle – bewährt. Denn die Reize der Circé prallen ganz und gar nicht an ihm ab. Nur einmal in der knallbunten Party im fünften Akt muss er seiner Stimme etwas zu viel Druck abverlangen. Musikalisch aufs Schönste bereichernde Momente steuern Gwendoline Blondeel als Scyllas Freundin Témire und Jehanne Amzal als Circés vertraute Dorine bei.

Emotionale Aufwühlung steigt aus dem Orchestergraben auf (er ist allerdings in dieser Aufführung kaum noch ein Graben, denn das Orchester ist deutlich angehoben). Emmanuelle Haïm leitet das von ihr selbst gegründete Ensemble Le Concert d’Astrée und erweckt so die lange Zeit in Archiven schlummernde Musik Leclairs mit begeisterndem Temperament zum Leben. Innige Momente (wunderschön umspielt von der Violine, Leclairs Lieblingsinstrument) wechseln mit temporeichen Tänzen, virtuos begleiteten Arien und Duetten. Emmanuelle Haïm und ihre Musiker sind so beredte und mitreißende Anwälte dieses Werks von Jean Marie Leclair. Man darf gespannt sein, ob die Produktion, welche diese Saison nur siebenmal gespielt wird, je wiederaufgenommen werden wird. Das Premierenpublikum jedenfalls zeigte sich begeistert von Werk und Inszenierung. Dass das Haus nicht restlos ausverkauft war, ist eventuell dem reichhaltigen Programm des Festivals ZÜRICH BAROCK geschuldet: Man könnte in dieser Zeit wohl jeden Tag ins Opernhaus oder eine der anderen Spielstätten pilgern, was nicht nur eine zeitliche oder emotional-akustische, sondern für viele auch eine finanzielle Überforderung bedeuten könnte.
Kaspar Sannemann, 23. April 2026
Scylla et Glaucus
Jean-Marie Leclair
Festival ZÜRICH BAROCK
Zürich, Opernhaus
27. März 2026
Regisseur: Claus Guth
Dirigat: Emmanuelle Haïm
Le Concert d’Astrée