Drei Tage stand Witten im Zeichen zeitgenössischer Musik. Dabei ging es in der 58. Ausgabe der „Wittener Tage für neue Kammermusik“ nicht immer so locker und pfiffig zu wie bei den Auftritten der Blechbläser-Band „Travel Musica“, die am Freitag und Samstag in bunten Kostümen durch die Innenstadt zog. Zeitweise mit lautstarker Unterstützung durch Wittener Laienmusiker.

Mit solchen Events wollte Patrick Hahn, der ehemalige künstlerische Leiter des Festivals, die zeitgenössische Musik aus ihrem Elfenbeinturm holen und den Bürgern näherbringen. Eine schöne und notwendige Idee. Allerdings blieb der Beitrag der „Travel Musica“ im Reigen von zehn Konzerten mit 14 Ur- und etlichen Deutschen Erstaufführungen nur eine Randerscheinung. Dem Problem, mit avantgardistischen, nicht immer bequemen, mitunter provozierenden Klängen neue Hörerschichten gewinnen zu wollen, muss sich jeder künstlerische Leiter des Festivals stellen. Neueste Musik auf höchstem Niveau ohne elitäre Dünkel, aber auch ohne populistischen Schnickschnack zu vermitteln, wird auch Aufgabe von Anselm Cybinski bleiben, der sich in diesem Jahr auf das noch von Hahn vorbereitete Programm stützen konnte und musste.
Allerdings bekamen viele Werke durch die sich überstürzenden und alles andere als erfreulichen weltpolitischen Ereignisse einen anderen Zungenschlag. Dass in Witten Werke von Komponistinnen und Komponisten aus dem Iran, Israel, Russland und der Ukraine aus der Taufe gehoben wurden, signalisiert die völkerverbindende Kraft der Musik, brennt aber auch jedem Musiker ins Bewusstsein, dass Musik mehr zu leisten hat als „tönend bewegte Formen“ erklingen zu lassen.

In besonderem Maße brachte das die diesjährige Portraitkünstlerin Chaya Czernowin zum Ausdruck. Die gebürtige, der Regierung ihres Heimatlandes überaus kritisch eingestellte Israelin war mit fünf großen Werken vertreten, die teilweise unmittelbar auf Gewaltexzesse der letzten Jahre Bezug nahmen. So auch in ihrem Stück „No! A Lament for the Innocent“ (Nein! Eine Klage für die Unschuldigen), in dem die Komponistin gegen die brutale Praxis der Trump-Administration protestiert, geflüchteten mexikanischen Müttern die Kinder zu entreißen. Ein Werk für Sopran, Ensemble und Bandzuspielung im Abschlusskonzert mit dem WDR Sinfonieorchester, in dem die verzweifelten „No!“-Rufe der Sopranistin haften bleiben.
Weniger überzeugend fiel die Uraufführung von Czernowins viertem Stück für Musiktheater aus: „The Redheaded Man“ auf Texte des 1942 in einer psychiatrischen Gefängnis-Klinik in Leningrad verhungerten russischen Dichters Daniil Charms für sechs Instrumentalisten. Die aus dem off eingeflüsterten absurd-surrealen, akustisch kaum hörbaren Texte wirkten dabei ebenso unverbindlich wie die szenischen Aktionen der der exzellenten Musiker des „Ensembles Hand-Werk“.
Tief und persönlich betroffen von den Ereignissen sind auch der russische Pazifist Dmitri Kourliandski, der 2022 nach Paris emigrierte und der Iraner Amen Feizabadi, der zwar in Berlin wohnt, sich aber in der aktuellen Situation innerlich gezwungen fühlt, in Teheran komponieren zu müssen. Ein Zeichen, wie die äußeren Umstände das Denken und Fühlen der Komponisten beeinflussen.

© WDR/Claus Langer
An stilistischer Vielfalt mangelte es dem Festival nicht im Geringsten. Wobei bereits das Eingangskonzert mit neuen Werken von sechs noch in der Ausbildung stehenden Komponistinnen und Komponisten auf großes und verdientes Interesse stieß. Die Auswahl traf die Folkwang Universität zusammen mit der „Internationalen Ensemble-Modern-Akademie“. Dass kein deutscher Beitrag vertreten war, ist kein Zufall, übt gerade die Folkwang Universität eine große internationale Anziehungskraft aus. Dessen Professor für Neue Musik Günter Steinke war später noch mit „Voltage“ für Trio und Elektronik vertreten.
Mit dem Besuch der teilweise ausverkauften Konzerte und dem künstlerischen Niveau können der WDR und die Stadt Witten auch in diesem Jahr zufrieden sein. Man darf gespannt sein, welche Weichen Anselm Cybinski für sein erstes eigenständig vorbereitetes Festival im nächsten Jahr stellen wird.
Alle Konzerte können übrigens noch beim WDR abgerufen werden.
Pedro Obiera 28. April 2026
Wittener Tage für neue Kammermusik
24. bis 26. April 2026