Pionteks Bayreuth: „Der Ring in einem Aufwasch“

Den meisten Spaß haben die, die den Ring musikalisch sehr genau kennen – den allermeisten Spaß
aber haben jene, die den Ring kennen und zugleich Bayern-Fans sind, womit ausnahmsweise mal
nicht die Fans des bekannten Fußballclubs gemeint sind.

(c) Musica Bayreuth

Also Wagner auf bayerisch, geht das? Es geht sehr gut. Paul Schallweg war nicht der einzige Autor,
der Wagners „hehre“ Stoffe, wie man früher gesagt hätte, in die köstlich-„niederen“ Regionen
gezogen hat, um sie zur Kenntlichkeit zu entstellen. Aus jüngerer Zeit fällt mir Rolf Stemmle ein,
der vor einigen Jahren Tristan und sein Oide, spielend am Starnberger See, in einen Münchner
Komödienstadel brachte. Erinnert sei auch an S‘Nibelungenringerl, Untertitel: „Respektlose
Schnadahüpfeln zu einem grandiosen Thema“, ein Klassiker von Miris alias Franz Bonn, der drei
Jahre nach den ersten Bayreuther Festspielen herauskam und noch im späten 20. Jahrhundert
gedruckt wurde. Paul Schallweg, der Autor der Opern auf Bayrisch, hat sich indes nicht allein dem
Ring zugewandt, als er seine Reimverse zum Druck beförderte. Aus der Feder des 1914 geborenen
und 1990 hochgeehrt gestorbenen Bayern, der nach dem 2. Weltkrieg als Vorsitzender der „Freunde
des Nationaltheater München e.V.“ maßgeblich dafür verantwortlich war, dass das zerstörte Haus
rekonstruiert wurde, während andere Pläne einen typischen Nachkriegsbau vorsahen – aus der
Feder des Dichters Schallweg kamen nicht weniger als 25 Opern-Parodien, von denen nicht weniger
als 23 ihren Weg auf die Bühne fanden: mit Lesern und einem musikalischen Ensemble, dem Rolf
Wilhelm – auch er kein Unbekannter in bayerischen Landen – und Friedrich Meyer vorstanden. Seit
den frühen 80er Jahren tourt nun schon, weit über den Gärtnerplatz und das Prinzregententheater
hinaus, ein erzbayerisches Terzett durch die Lande, um die eingebayerten Opern einem amüsierten
Publikum zu kredenzen. Heute sind es immer noch und neuerlich Gerd Anthoff, Monika Gruber
(die an die Stelle von Conny Glogger trat) und Michael Lerchenberg. Im Markgräflichen
Opernhaus, also dort, wo Wagner nicht nur zur Grundsteinlegung des Festspielhauses die 9.
dirigierte, sondern auch 1876 die Proben mit den Bayreuther Turnern stattfanden, die als
Nibelungen zu agieren hatten, bringen sie den Ring in einem Aufwasch zu Gehör. Der Abend, ein
Gastspiel bei der Musica Bayreuth, ist extrem bajuwarisch – und extrem komisch, weil er
bajuwarisch ist, was sich auch auf die Musik bezieht. Das hochkarätige elfköpfige Ensemble – zehn
Männer und eine einsame Frau an der Geige –, die das Musikensemble Opern auf Bayrisch bilden,
spielt unter der Leitung von Andreas Kowalewitz nicht „nur“ den Wagner, sondern mixt ihn
feuchtfröhlich mit Zwiefachen, Ländlern, Walzern und nichtbayerischen Standards. Die bisweilen
nur zwei Takte kurzen Anspielungen sind nicht subtil, aber effektvoll: Erscheinen die Rheintöchter,
blendet sich Warum ist es am Rhein so schön? in das Wellenmotiv ein, in Siegfrieds Wald begleitet
der Vogelgesang aus der Pastorale Wagners Waldvogelgezwitscher, zur denkbar lyrischen Melodie
Ewig war ich, ewig bin ich stehen die Herren auf und rufen ein Cha Cha Cha! in den Saal,
Strawinsky-Rhythmen und Freut Euch des Lebens begleiten sehr ironisch Fafners Tod, und zur
Götterdämmerung (charakteristisches, absteigendes Motiv) wird Offenbachs Cancan angespielt,
was den sog. Kenner daran erinnern mag, dass Dieter Borchmeyer einmal eines seiner Wagner-
Bücher Die Götter tanzen Cancan benannte. Siegfrieds Hornruf geht in Glenn Millers Chatanoogaa
Choo Choo über, Strauß‘ Glücklich ist, wer vergisst akzentuiert, sehr sinnreich, den
Vergessenheitstrank, ein fröhliches wie dazugehöriges Thema aus der Fledermaus lädt zum
Hochzeits-Soupée der götterdämmerigen Hochzeitspaare und schließlich werden Siegfrieds und
Chopins Trauermarsch mit Ich hatt‘ einen Kameraden collagiert. Die Kapelle spielt ein prachtvolles
Kaleidoskop, gewürzt mit Anspielungen, ausgestattet mit dem Orchesterapparat einer klassischen
Blaskapelle und gekrönt vom Percussionisten Philipp Jungk, der – wir sitzen in einem bayerischen
Stück – auf einer Bierflasche, auch auf einer (fränkischen?) Weinflasche, mit einem Maßkrug
(gefüllt mit einem Löffel und Münzen), mit Kuhglocken, auf Pfannen und Töpfen schlagzeugt,
hineinpfeift, -schnarcht und -schuhplattelt. Wo Wagner Wagner bleibt, klingt er alpenländisch zart
ins Ohr: Mimes „Starenlied“ vom zullenden Kind wird zum traurigen Walzer, die Solozither ist wie
kein zweites Instrument für das Lied von den Winterstürme, die dem Wonnemond wichen, und
Gutrunes Verführungsmotiv geeignet. Schöner kann man Wagner, den echten, kaum spielen – wenn man‘s bajuwarisch mag. Man merkt, dass Wagner so gut ist, dass er die Transformation auf die
Zither sehr gut aushält, ja: dass die Nähe von Kunst- und Volksmusik, ein wenig der Mozartschen
Adaption der alpenländischen Populärmusik vergleichbar, auch bei Wagner spürbar ist. Unter den
Abertausenden von Wagner-Bearbeitungen, die seit seinen Lebzeiten hergestellt wurden, finden sich
auch solche für Hackbrett. Das Lied an den Abendstern ist, kein Witz,für die Zither besonders gut
geeignet.
Der Rest ist Sprache und ein bisschen Aktion, schöne Aparts und scheinbares Ausderrolletreten der
drei Menschen, die da am Wirtshaustisch sitzen. Die Akteure, Urbayern im besten, raunzigsten wie
deutlichsten Sinn, bringen Schallwegs Tetralogie mit schauspielerischer Energie und Humor in den
Raum und machen aus den wenigen, aber lustigen Versprechern das Beste. „Günther“ statt
„Gunther“, „Dieter“ statt „Siegfried“, es passt ja irgendwie. Schon die Untertitel sagen einem, wie
Schallweg auf den stark verkürzten und auf die reinen Handlungselemente eingedampften Ring sah:
Das Rheingold oder: De Gschicht von de goidana Äpfe – Die Walküre oder: Das Heldendrama am
Watzmann – Siegfried oder: Der Kampf mit dem Drachenviech – Götterdämmerung oder: Wia zum
Schluss ois hi war. Die Nordlichter im Publikum dürften am Abend nicht allein bei Alberichs
epischem wie erzbayerischem Fluch, für den Michael Lerchenberg eine geschlagene Minute
braucht, über den Sinn der Worte gegrübelt oder sich gefragt haben, wieso Philipp Jungk plötzlich
eine Pickelhaube aufsetzt. Klarer Fall: Wenn im Rheingold das Tarnhelm-Motiv erklingt und das
„Zwetschgenmanderl“ Alberich zur Kröte mutiert, liegt das Saupreissentum schon nahe… Gerd
Anthoff macht den Wotan – man fühlt sich an den gschfatelhuberischen Baulöwen Toni Rambold in
Der Bulle von Tölz erinnert -, auch den leicht vertrottelten Gunther, Lerchenberg ist Siegmund und
„reißt“ auch die Rolle des Siegfried an sich, und Monika Gruber gibt Sieglinde, Brünnhilde und
Gutrune sprachliche Konturen, die sich gwosch‘n hob‘n – so wie der ganze, höchst vergnügliche
Abend für Ring-Kenner und Ring-Novizen.
Frank Piontek, 10. Mai 2026


Pionteks Bayreuth
Oper auf bayrisch
Der Ring in einem Aufwasch
Musica Bayreuth
Markgräfliches Opernhaus

8. Mai 2026