Große Tragik
Es ist immer wieder ein Vergnügen, ja gar ein Erlebnis, in das wunderschöne Gran Teatre del Liceu an den Ramblas in Barcelona zurückzukehren. Das Haus wurde nach einem furchtbaren Großbrand 1999 in einer kaum für möglich gehaltenen Eleganz und traditionsorientierter restaurativer Schönheit wiederaufgebaut. Es ist heute eines der beeindruckendsten Opernhäuser Europas, wenn nicht weltweit! Dabei sieht die Fassade – zwar in einem ansprechenden klassizistischen Stil in Altrosa gehalten – gar nicht so außergewöhnlich aus, handelt es sich doch um ein „Reihenhaus“ in der Prachtstraße Las Ramblas im Herzen der Hauptstadt Kataloniens.

Diesmal war im hier üblichen Stagione-Betrieb Jules Massenets Werther angesetzt, in einer Inszenierung von Christof Loy, in Koproduktion mit der Scala di Milano und dem Théâtre des Champs-Élysées in Paris. Man kennt Loy. Er inszeniert immer etwas unterkühlt, und so war es diesmal auch wieder. Man blickte den ganzen Abend auf eine nur etwa drei Meter (!) tiefe Bühne mir einer klassizistischen, hellen Saal-Wand mit einer ebensolchen Tür in der Mitte. Sie gab einen begrenzten Blick auf einen Speisesaal und in den Garten frei. Die Tür bekam durch das ständige Öffnen und Schließen im Laufe des Abends auch eine – allerdings von der Wirkung her eher begrenzte – dramaturgische Bedeutung. Bühnenbildner Johannes Leiacker hätte sicher viel mehr machen können, (wenn Loy ihn wohl gelassen hätte). Aber im Grunde findet eben alles auf diesem beengten Raum vor der Wand statt, was im ersten Teil des Abends für das, was sich da abspielte, zu spartanisch wirkte – und damit bisweilen etwas langweilig. Die Kostüme von Robby Duiveman waren etwa in Stile der 1950-60er Jahre, also zeitgenössisch, gehalten und durchwegs ansprechend. Roland Edrich hatte mit seiner Lichtregie wegen der allzu überschaubaren Bühne nicht viel zu tun. Es war einfach fast immer gleichmäßig hell.
Aber dann setzte Christof Loy einen Kontrapunkt zur Optik mit einer sehr intensiven Personenführung. Es war wohl auch seine Idee, die ganze Tragik von Werther und Charlotte intensiv auf die Protagonisten zu konzentrieren, also, de facto, fast im Stile eines Kammerspiels, und langsam, aber sicher auf die finale Katastrophe zuzusteuern. Und das ist in der Tat auch gut gelungen, nicht nur wegen der hohen darstellerischen Kompetenz und Intensität der Sängerdarsteller, sondern auch mit der Unterstützung von Maestro Henrik Nánási am Put des Orquestra Simfònica del Gran Teatre del Liceu.

Schon mit den ersten Takten zu Beginn wäre die düstere Tragik in den Streichern zu hören, die den ganzen Abend über für eine facettenreiche musikalische Kommentierung des Geschehens auf der Bühne sorgen. In den dramatischen Momenten ging Henrik Nánási mit dem Orchester intensiv mit, und die Musiker, auch in allen anderen Gruppen, nahmen die Freiheit beherzt auf, ohne dass es jemals zu laut geworden wäre. Es gab also eine unglaubliche Harmonie zwischen Gesang und der Bühne, was die Dramatik des Stücks trotz der kargen Bebilderung sehr förderte. Das wurde auch entsprechend vom Publikum gewürdigt. Der Kinderchor, der Cor Vivaldi – Petits Cantors de Catalunya Escola IPSI war unter der Leitung von Pilar Paredes in sehr guter Form und auch bestens choreografiert.
Albert stellte Loy als ungewöhnlich negative Figur in den Raum. Seine Verzweiflung angesichts des Nebenbuhlers wurde stark herausgekehrt und schlug schließlich sogar in Hass gegen Charlotte um. Der Gipfel war erreicht, als sie ihm im Finale alle gesammelten Briefe Werthers wütend vor die Füße warf. Albert las sie in aller Ruhe nacheinander, während Werther nach dem Pistolenschuss gegen sich selbst in den Armen Charlottes vor dem stoischen Sadisten verblutete. Damit erreichte die Interpretation Loys am Ende doch noch eine Fallhöhe, die dem Werk sowie seiner großen Tragik entspricht und einiges Staunen abverlangte. So wurde vieles vom ersten Akt, in dem es bisweilen allzu flach herging, dramaturgisch wieder gut gemacht.
In der Zweitbesetzung an diesem Abend gab der junge Xabier Anduaga die Titelrolle. Der junge Spanier ist sicher noch entwicklungsfähig und der Werther auch für sein Alter noch eine große Herausforderung. Man denke nur daran zurück, wie Rolando Villazón mit der Werther-Premiere in Nizza einst seine Stimme kompromittierte. Anduaga singt sehr schöne Höhen und legt auch im Piano große vokale Ausstrahlung an den Tag. In der etwas dramatischeren Mittellage klingt die Stimme aber nicht wirklich gut, bricht manchmal wie unkontrolliert aus. Da fehlt der tenorale Glanz, von Italianità ganz zu schweigen. Vielleicht ist das mit einer besseren Technik noch zu verbessern, wenn es keine Sache des Timbres ist. Unvergessen ist der große Alfredo Kraus aus Gran Canaria mit seinem Werther in Wien – und nicht nur da… Was hatte er für eine Wärme und Eleganz in der Stimme!
Ganz hervorragend war Kristina Stanek als Charlotte, mit einer attraktiven Erscheinung und einem leuchtenden Mezzo in jedem Moment ihrer Aktion mit großer Klangfülle präsent. Neben ihr glänzte Sofía Esparza als Sophie, die gerade auf Teneriffa die Juliette in Gounods Roméo et Juliette eindrucksvoll und ebenso hoch engagiert wie hier die Sophie gesungen hatte. Sie hat einen leichteren, aber dennoch fülligen Sopran mit guter Linienführung, der durchaus zur Attacke fähig ist. Damit waren die beiden Damen die Stars des Abends.

David Oller sang den Albert mit einem prägnanten und gut artikulierten Bariton und wusste das ihm von der Regie auferlegte Böse der Rolle nachvollziehbar über die Rampe zu bringen. Stefano Palatchi war ein charaktervoller Amtmann, Josep Fadó ein ebensolcher Johann wie Cristòfol Romaguera der Brühlmann. Die kleinen Nebenrollen waren ebenfalls gut besetzt.
Es war ein insgesamt guter, aber wegen der spartanischen Optik letztlich doch kein ganz großer Abend am Liceu, von denen man hier schon einige erleben konnte und durchaus auch gewohnt ist.
Klaus Billand, 17. Mai 2026
Werther
Jules Massenet
Gran Teatre del Liceu, Barcelona
Besuchte Aufführung am 4. Mai 2026
Inszenierung: Christof Loy
Musikalische Leitung: Henrik Nánási
Orquestra Simfònica del Gran Teatre del Liceu