Dresden: „Die lustige Witwe“, Franz Lehár

Nach längerer Pause bin ich mit meinen Freunden wieder einmal in die Staatsoperette Dresden gefahren und wir haben es zu keinem Moment bereut. Das letzte Mal haben wir die Witwe 2016 gesehen, damals als letzte Aufführung in der alten Staatsoperette in Leuben, die mittlerweile bei einem verheerenden Großbrand im Juni 2025 leider vollständig abgebrannt ist. Die Ruine wurde zwischenzeitlich abgerissen. Das neue moderne Haus im Dresdner Stadtteil Leuben wurde am 16. Dezember 2016 mit Orpheus in der Unterwelt aus der Taufe gehoben.

Kurz zu der Geschichte dieser Operette, sie handelt von der schwerreichen Hanna Glawari, die von Graf Danilo Danilowitsch, der sie liebt, nicht geheiratet werden kann, wegen des damaligen Standesdünkels und die durch eine kurze und reiche Heirat jetzt als Witwe ebenbürtig ist, ist doch zu schön. Baron Mirko Zeta fleht den Grafen an, die Witwe zu heiraten, um ihre Millionen für das Vaterland, welches an der Pleite entlangschrammt, zu retten, doch er ist viel zu stolz, um dies des Geldes wegen zu tun. Er will aber alle Verehrer, welche die Witwe und damit  die Millionen erringen könnten, beiseiteschaffen. Der größte Rivale ist dabei der heimliche Liebhaber von Valencienne, der Gattin von Baron Mirka, Camille de Rosillon. Der Baron deckt jedoch die geglaubte Untreue seiner Gattin auf, will sich scheiden lassen und die Witwe heiraten. Da erklärt sie, dass dann die Millionen futsch sind und dies ist der Moment, wo ihr Danilo endlich seine Liebe gesteht. Nun ja, das Vermögen erbt laut Testament die pontevedrinische Staatskasse und Baron Mirko liest auf dem Fächer seiner Frau, dass sie eine anständige Frau ist. Alles löst sich in Wohlgefallen auf und alle sind glücklich und zufrieden.

© Lutz Michen

Und wir bekommen heute eine sehr gute Aufführung zu hören und zu sehen. Stimmlich ist alles zum Besten, bei der Inszenierung habe ich ein bisschen meine Probleme. Diese Regie von Katja Wolff, ist aus meiner Sicht schon etwas gewöhnungsbedürftig. Ja, ich weiß, ich bin altmodisch und liebe die Operette in erster Linie so, wie sie einmal geschrieben, komponiert und dargebracht wurde. Ich weiß, man muss mit dem Zeitgeist gehen, aber das hat aus meiner Sicht auch seine Grenzen. Viel Gaudi, Klamauk, quietschbunte Kostüme und die Handlung praktisch auf einem Rummelplatz mit einem überbunten blinkenden und auffälligem Karussell, mit Holzpferden, Autoscootern und ähnlichem. Und wenn Hanna und Danilo im Walzertakt schwärmen, liegen sie sich nicht engumschlungen im Walzerrausch im Arm, sondern Danilo steuert lässig einen Autoscooter, in den sich Hanna dann fallen lässt. Dem Publikum gefällts, vor allem das junge Publikum ist begeistert, ich kann dem leider nicht viel abgewinnen, dies ist für mich kein Walzerrausch, sondern einfach nur nicht nachvollziehbar. Solche Einfälle gibt es mehrere und für mich ist das Positivste, dass man die herrliche Musik Lehárs, auch mit geschlossenen Augen genießen kann. Wie gesagt, wenn man sich auf die Sichtweise der Regisseurin einlässt, hat man sicher viel Spaß dabei, aber das ganze ist, gerade bei einer solch bekannten Operette doch etwas zwiespältig. Zu diesem Konzept passen natürlich die Kostüme von Saskia Wunsch ausgezeichnet. Schrill, bunt, immer um Aufmerksamkeit heischend, bieten sie einen kunterbunten Hingucker nach dem anderen. Es wirkt wie übergrelles buntes Bonbon oder Zuckerl.  Kostüme, die sicher Anlass zu diversen Kontroversen bieten, lassen die Augen der Zuschauer viel arbeiten und man hat teilweise Probleme, die geballte Ladung von Einfällen, mache geglückt, manche weniger, auch alle zu erfassen. Jan Freese hat sich am Bühnenbild, der Inszenierung entsprechend, abgearbeitet und viel dazu beigetragen, dass man sich an einen bunten Rummel erinnern wird, wenn man an diese Witwe zurückdenkt. Für die Choreografie ist Andrea Danae Kingston zuständig und sie fügt sich dem Regiekonzept genauso ein, wie die Dramaturgie von Valeska Stern. Sie haben alle eine gute, sehr bunte, grelle, aber für mich doch etwas gewöhnungsbedürftige Witwe auf die Bretter, die die Welt bedeuten, gestellt. Viel Arbeit hineingesteckt und dem Großteil des Publikums gefällt es wunderbar, was man am starken, teilweise sogar frenetischen Beifall, ableiten kann. Schön anzusehen und rasant ist der wilde Cancan Ritt im dritten Akt, er wird begeistert aufgenommen, auch wenn man praktisch nur übergroße geschwungene Röcke sehen kann. Es ist aber flott und zündend angelegt und durchgeführt. Die Chorleitung hat ohne Fehl und Tadel Thomas Runge in seinen Händen.

© Lutz Michen

Das Orchester der Staatsoperette Dresden ist an diesem Abend richtig gut aufgelegt. Der in Lippstadt geborene Peter Christian Feigel leitet seine Musiker souverän, mit lockerer, aber auch zupackender Hand, wenn es erforderlich ist. Er nimmt es auch behutsam. zurück, wenn die Orchesterwogen drohen, die Sänger zu übertönen. Teilweise meint man eine gewisse leichte Blechlastigkeit zu verspüren, aber das kann auch leicht täuschen. Eine überdurchschnittliche und beeindruckende Leistung, wie insgesamt für mich der musikalische Teil, alles andere an diesem heutigen Abend weit überragt.

Doch nun zu dem, was für mich zu dem wichtigsten an einer gelungenen Operettenaufführung zählt, nämlich die Sängerinnen und Sänger. Und da kann man in Dresden wirklich aus dem Vollen schöpfen. Es gibt an diesem Abend keinen einzigen Ausfall. Alles, bis auf die kleinste Nebenrolle, ist in blendender Verfassung und ebensolcher sängerischer Laune. Gut für das Publikum, das vor allem auch die Gesangsleistungen entsprechend mit überreichem Applaus belohnt.

Die aus Kärnten in Österreich stammende Sopranistin Christina Marie Fercher gibt in unverwechselbarer Bravour Hanna Glawari, die lustige Witwe. Im kurzem Jäckchen, Glitzerschuhen und einem schwarzen Lederhöschen erobert sie die Bühne mit einem Autoscooter. Was ich davon halte, habe ich eingangs ja bereits kurz erwähnt. Trotzdem verkörpert sie die lebenslustige Witwe auf charmante Art und Weise und spielt ihre Mittelpunktsrolle genüsslich aus. Dazu kommt, dass sie einen wunderschönen klaren, durchschlagenden und warmen Sopran ihr Eigen nennen darf. Diesen setzt sie gekonnt ein und hat nicht nur die zahlreichen Verehrer, sondern auch das Publikum auf ihrer Seite. Mit leichten perlenden Koloraturen, die nur so über die Bühne purzeln, weiß sie zu begeistern und auch darstellerisch gibt sie ihren Emotionen großen Spielraum. Mucksmäuschenstill wird es im Theater, wenn sie das Vilja-Lied geradezu zelebriert, die Zuhörer mitnimmt und es zu einem besonderen Schmankerl der Aufführung macht.

Auch in den Duetten mit ihrem Danilo, der von dem in Ehst in Nordfriesland gebürtigen Bariton Hinrich Horn verkörpert wird, weiß sie jederzeit zu punkten und mit ihm gemeinsam im Mittelpunkt des Geschehens zu stehen. Hinrich Horn hat einen durchschlagenden, kräftigen, raumfüllenden und gleichzeitig schmelzenden und schönen Bariton, den er geschickt und ausdrucksvoll entsprechend einsetzt. Die langen wallenden Haare erinnern ein bisschen an Jung-Siegfried, seine schauspielerische Präsenz liegt ebenfalls im vordersten Bereich. Ein wahrlich sich aufs positivste ergänzende Paar.

Baron Mirko Zenta, der pontevedrinische Gesandte in Paris wird durch den in Altlandsoberberg bei Berlin gebürtigen Baß-Bariton Elmar Andree verkörpert und ihm merkt man den alten Bühnenhasen in jeder Sekunde an. Gekonnt und immer am richtigen Platz, bringt er in der relativ kleinen Rolle, eine mehr als solide einwandfreie Leistung, mit kräftigem profundem Stimmmaterial. Seine reizende Frau Valencienne, an deren unverbrüchlicher Treue zu ihm er glaubt, wird von der Sopranistin Charlotte Watzlawik mehr als rollendeckend dargeboten. Sie ist ein richtiges Temperamentbündel, charmant und voll sprühender Spiellust und Spielwitz. Die ganze Bühne einnehmend, erobert sie sich quirlig jeden Zentimeter und stimmlich mit einem zarten, klaren, glockenreinen, jedoch ebenso  durchschlagenden, silbrigen und mehr als stimmschönen Sopran gesegnet, weiß sie das Publikum gekonnt um den Finger zu wickeln, so wie ihren nichts merkenden Ehemann und ihren innerlich verglühenden Verehrer, der so gerne möchte, dass sie ganz ihm gehört. Ihr schmachtender Tenorino, Vicomte Cascada, wird von dem südkoreanischen Tenor Jongwoo Hong verkörpert – und wie! Mit hohem, klarem, durchschlagendem hellem und metallischem  Tenor, der keine Höhenprobleme zu kennen scheint, weiß er nicht nur seine Angebetete, sondern auch das Publikum mehr als zu überzeugen. Der junge Tenor hat aus meiner Sicht ein große Karriere vor sich. Wie gerne würde man wie Valencienne mit ihm in den kleinen Pavillon verschwinden, so herrlich schmelzend lädt er dazu ein.

© Lutz Michen

Ich habe ja bereits eingangs erwähnt, dass es stimmlich keinerlei Ausfälle gegeben hat und alle ausgezeichnet in das insgesamt homogene Ensemble hineingepasst haben. Deshalb die Protagonisten der kleineren Rollen, wenigstens kurz aufgeführt und für ihren tollen Einsatz gedankt. Da ist einmal der unverwüstliche Andreas Sauerzapf, ein Dresdner Urgestein, der seit 2010 dem Ensemble angehört, als Cascada. Dann der herrliche Dietrich Seydlitz, der voller Humor den Njegus auf die Bühne stellt. Als Bogdanowitsch Andreas Pester und als seine Frau Sylviane Jeannette Oswald. Als Kromow Gerd Wiemer und als Olga, seine Frau Silke Richter. Als Pritschitsch Markus Liske und als seine Frau Praskowia Bettina Weichert. Alle haben ihren großen Anteil am Gelingen dieser Operette und beim Publikum ist sie mehr als gut angekommen.

Trotz meiner – ganz persönlichen – leichten Probleme mit der Regie, war es für mich und meine Freunde ein schöner, erfüllter und musikalisch hochwertiger Abend gewesen und ich werde sicher nicht das letzte Mal in Dresden gewesen sein.

Manfred Drescher 17. Mai 2026


Die lustige Witwe
Operette von Franz Lehár
Staatsoperette Dresden

Premiere: 7. März 2026

Besuchte Vorstellung: 9. Mai 2026

Regie: Katja Wolff
Musikalische Leitung: Peter Christian Feigel
Ballett, Chor und Orchester der Staatsoperette Dresden