Das Wichtigste zuerst, eine Frage: Gibt es ein in den letzten – na, sagen wir: 20 Jahren uraufgeführtes Musical, das es an Melodienreichtum und musikalischer Wertigkeit mit dem Klassiker My Fair Lady aufnehmen kann? Gibt es überhaupt ein modernes Musical, das so reich an Schlagern ist wie My Fair Lady, in dem dem ausnahmslos jede Nummer – also jede Nummer – zum unsterblichen Ohrwurm wurde? Um die Antwort mit einer statistischen Angabe zu erleichtern: Die Aufnahme der BerlinerErstaufführungsproduktion aus dem Jahre 1961 ist, wie man der bekannten Internet-Enzyklopädie entnehmen kann, in Deutschland das bis heute erfolgreichste Album der Chartgeschichte, da es mit 208 Wochen in den Top 10 und 88 auf Platz 1 stand. Karin Hübner, Paul Hubschmid, Alfred Schieske und Friedrich Schoenfelder: Sie waren einfach die ideale Besetzung für den cast des Meister-Musicals Frederick Loewes und Alan Jay Lerners. Vielleicht liegt’s daran, dass Loewe ein geborener Charlottenburger, also aus altem europäischem Geblüt war und der Musik etwas eminent Europäisches verlieh. Charlottenburger wissen, selbst wenn sie im Klausener-Kietz aufgewachsen sind, was gemeint ist: ein kultiviertes Element, das nicht ganz Broadway ist.
Die Antwort fällt also leicht – weniger leicht die Beantwortung der Frage, wie man es mit dem Schluss hält, den Feministinnen, nicht ganz zu Unrecht, aber doch auch nicht ganz zu Recht, für abgeschmackt halten könnten, weil im Musical – ganz anders als in der literarischen Vorlage, George Bernard Shaws Pygmalion – das vom menschenverachtenden Professor zur „Lady“ umgestaltete Blumenmädchen am Ende zu ihrem „Schöpfer“ zurückkehrt.

Die Coburger Inszenierung, eine Serie ausverkaufter Vorstellungen, wählt nun einen gelind neuen Weg, indem es das im Jahre 1938 entworfene Filmende (mit Leslie Howard, dem Ashley Wilkes im genial-reaktionären Kultfilm Gone with the wind) mit einer neuen Ausrichtung auf die Bühne bringt. Eliza kehrt da zwar in Higgins’ Haus zurück – aber sie begibt sich nicht unter den buchstäblichen Pantoffel, den sie nach dem Willen der Musicalschöpfer für den Hausherren holen soll. Im Gegenteil: Nun fordert sie ihn auf, die Pantoffeln für sie zu holen – und er sagt, völlig überrascht, das letzte Wort des Abends: „Fuck!“ Aber einem so genannten happy end scheint grundsätzlich nichts mehr im Weg zu stehen.
Vorher war schon mal purer Strindberg. Der harte wie zentrale Dialog zwischen Eliza und Higgins, wie er in Shaws Original und im Film zu hören ist, wird im Stil des deutschen Gegenwartstheaters ernst, ja sehr ernst gesprochen. Man spürt: Da geht’s ums Eingemachte. Wird Eliza aus dem Mann einen Menschen machen und aus seiner emotionalen Verhärtung lösen, die er, die Inszenierung macht das sehr klar, zusehends selbst spürt? Das ist am Ende die wirkliche Pygmalion-Frage. Gut möglich, dass er schon schnell in die eingefahrenen Wege zurückkehren wird, die er im Dramendialog eingeschlagen hat: ein Mann, der seine Gefühle so stark in Zaum hält, dass sie kaum die Chance haben, gegen die „Vernunft“ anzugehen, die ihm die Lebenserfahrung gewiesen hat. Mutter scheint das wahre Problem des einzigen Sohns zu sein: Der rote Farbklecks auf ihrem überdimensionalen Porträt über dem typischen Kamin – eine hübsche, bedeutende Pointe – und die zahlreichen wie lustigen Einlieferungen („Klingeling“) von immer größeren und unausgepackten Mutterporträts zeigen, dass auch er unter einem Pantoffel steht: der der Über-Mutter.

„Fuck!“ – das ist nun nicht gerade das Wort, das einem einfällt, wenn man über die Coburger Inszenierung von Sonja Trebes nachdenkt, auch wenn im typischen Coburger Programmheftla dramaturgisch motivierte Dicta über sprachliche Distinktionsmerkmale, Austins und Searles Sprechakttheorie, Bourdieus feine Unterschiede, über lokutionäre, illokutionäre und perlokutionäre Äußerungen, über Performativität (prekäre?) etc. etc. … Wesentlich wichtiger als das Neusprech ist die Beobachtung, dass man in Coburg den Wechsel zwischen einer klassischen und einer modernen Inszenierung souverän beherrscht, durchaus mit poetischen Mitteln. Higgins’ Wohnzimmer, das bezeichnenderweise zugleich ein Arbeitsraum ist, wurde, mit den Möglichkeiten schneller Verwandlungen, von Dirk Becker entworfen: als Andeutung und genügender Spielraum, nicht als vollrealistisches Interieur. Die Rennbahn von Ascot wird mit einigen wenigen Elementen und, beifallprovozierend, mit menschlicherweise gezogenen und zweidimensionalen Miniaturreitern gezeichnet. Auch die dandyhaft dreinschauende Bahnsäuberin kommt mit ihren gezierten Schritten beim Publikum gut an. Jeweils drei weiß gekleidete Männer und Frauen, erinnernd an abstrakte Ballette der 70er Jahre, tanzen, von Lorenzo Soragni dekorativ choreographiert, durch manch Szene. Wenn Eliza die ganze, nun ja: die halbe Nacht tanzt, machen sie ebenso mit wie auf Alfred P. Doolittles Abschiedsparty, die das Coburger Publikum für einen leicht arhythmischen Klatschmarsch nutzt. Der Chor, einstudiert von Ben Köster, darf mit dem Hochzeitsmann auch kurz durch den Saal laufen – und der Rezensent gibt zu, dass er bei Elizas schönem, nein: wunderschönem, elegant und meisterhaft begleitetem, instrumentiertem und harmonisiertem Lied zur Kitschkuh wurde. Humor und Härte, Sentiment und Schärfe schließen sich nicht aus.

Eliza Doolittle ist Emily Lorini, born in Pittsburgh; sie beginnt die Sprechpartie mit starkem US-amerikanischem Akzent, wie man ihn sich idealerweise vorstellt, und beendet ihre Rolle mit leichter, angeborener amerikanischer Färbung. Sie macht, wie der Higgins des Tobias Bode, aus dem Musical ein Schauspiel mit Musik. Zusammen sind sie ein dream team der Aggressivität und geschliffenen Sprache – selbst dort, wo sie („Fuck!“) im untersten Bereich des Graziösen angesiedelt ist. Gesanglich changiert sie auch mal zum leicht Opernhaften, was kein Nachteil ist. Alfred P. Doolittle heißt Damon Nestor Ploumis (New York, seit langem in Weimar lebend), der mit seinem Mario-Adorf-Kopf die Rolle rollendeckend macht. Leicht fränkische Mundart ertönt übrigens nicht aus den Mündern der Hauptrollenspieler, sondern der Nebenrollenakteure. Steinweg und Festungsstraße, das sind so die lokalen Örtlichkeiten, die im Text ihre laut belächelte Erwähnung finden. Oberst Pickering ist der souveräne und sympathisch agierende Niklaus Scheibli, Mrs. Pearce Stefanie Ernst und Luise Hecht die Mutter. Man hört sie schon, bevor das Stück „eigentlich“ beginnt: ein endlos scheinender Dauerton, der da auf den wie erstarrt dasitzenden Sohnemann in seinem Phonetikstudio herabschallt, bevor sie selbst, mit durchaus schicken, von Melchior Silbersack entworfenen Kostümen und Hüten, als Übermutti in Erscheinung tritt.

Freddy Eynsford-Hill ist ausnahmsweise kein junger Hüpfer, sondern ein gestandener Mann: Dirk Mestmacher spielt ihn mit leicht komischer Emphase, auf jeden Fall als leicht lächerliche Figur – sodass er keine Alternative zum autoritären wie charakterlich gebrochenen Konkurrenten zu sein scheint, der eine Frau als streitfähige und beruflich selbständige Partnerin akzeptiert, die, wie er, in dieser Beziehung die Hosen buchstäblich anhat. Aus der Frau, die in einem Milieu, dessen Gewalttätigkeit deutlich und mit leichter Hand gezeichnet wird, Papierblumen anbot, wurde eine Lady, die echte Blumen feilbietet. Wir lernen: Der Unterschied zwischen einer Blumenfrau und einer Lady besteht nicht in ihrem sozialen Status, sondern darin, wie man sie behandelt. Die Coburger Aufführung zeigt, wie man auf Eliza Doolittle und Professor Henry Higgins schauen kann: im besten und eigentlichen Sinn des Wortes kritisch. My Fair Lady ist schon ein sehr kluges Stück.
Dass dann auch noch die Musik, gespielt vom Philharmonischen Orchester des Landestheaters Coburg unter dem Nachdirigat von Yona Bong, in die Beine fährt und aufs Gemüt wirkt, ist zwar nicht Nebensache, aber zusätzlich gut. My Fair Lady bleibt eben, die Coburger Aufführung kann es beweisen, eines der besten, interpretierbarsten und schönsten Musicals der letzten 75 Jahre.
Frank Piontek, 15. Mai 2026
My Fair Lady
Frederick Loewe
Landestheater Coburg im Globe
Vorstellung am 15. Mai 2026
Premiere am 24. Januar 2016
Regie: Sonja Trebes
Musikalische Leitung: Yona Bong
Philharmonischen Orchester des Landestheaters Coburg