Lieber Opernfreund-Freund,
modernes Musiktheater präsentiert seit gestern die Opéra Royal de Wallonie-Liège: dem Kammerspiel La voix humaine von Francis Poulenc wird das Auftragswerk Bartleby des belgischen Komponisten Benoît Mernier vorangestellt. Wo die Frau in der vor fast 70 Jahren uraufgeführten französischen Mono-Oper ununterbrochen spricht, ist in Bartleby die Sprachlosigkeit der Titelfigur das Kernthema.

Der alternde Turkey (Damien Pass mit prägnantem Bass-Bariton) und sein überdrehter Kollege Nippers (Santiago Bürgi, der seinen Tenor in Hardrock-Manier einsetzen darf), Mitarbeiter in einer New Yorker Anwaltskanzlei, kommen mit dem Arbeitspensum nicht mehr zurecht. Der neue Kollege, Bartleby, erweist sich jedoch bald als Einzelgänger und beginnt bald, Anfragen von Chefin und Kollegen mit einem schlichten „I would prefer not to“ („Ich würde lieber nicht“) zu beantworten. Seine Umwelt reagiert darauf mit Befremden oder Faszination, doch als er schließlich komplett die Arbeit verweigert und auch nicht zuhause bleiben will, zieht die Anwaltskanzlei notgedrungen um und lässt ihn allein zurück. Da auch die Nachbarn mit seiner Verweigerungshaltung nicht zurechtkommen, landet der Titelheld im Gefängnis und stirbt dort in stiller Verzweiflung.

Auf Grundlage des gleichnamigen Romans von Moby-Dick-Schöpfer Herman Melville aus dem Jahr 1853 (!) hat Sylvain Fort in seinem Libretto zu Bartleby das Schicksal einer Person gezeichnet, die sich nicht anpassen will: nicht an die Gepflogenheiten im Arbeitsleben, nicht an die gesellschaftlichen Konventionen, nicht an seine Umwelt, nicht ans Leben. Der belgische Komponist Benoît Mernier, Jahrgang 1964, hat dazu eine gut 90minütige Komposition erdacht, die verschiedene Stile miteinander vereint: angefangen bei Anklängen an die französischen Impressionisten wie Ravel und Debussy über jazzartige Rhythmen bis hin zu nach Filmmusik klingenden Passagen breitet die tonal durchkomponierte, perkussionsdurchzogene Partitur einen Stimmungen schaffenden, sphärischen Klangteppich aus, auf dem die Handlung spielt. Die bis auf den ausufernden inneren Monolog in der Schlussszene fast stumme Titelfigur, die im Wesentlichen den einen Satz der Verweigerung zu wiederholen scheint, wird als innerlich zerrissene Figur gezeichnet. Seine Chefin, die Anwältin, tut wortgewandt alles, um ihn aus seiner Lethargie zu befreien, ihn gesellschaftsfähig zu machen, doch scheitert sie an seiner konsequenten und kompromisslosen Haltung.

Regisseur Vincent Boussard setzt das Werk im Wesentlichen im Einheitsbühnenbild von Vincent Lemaire mit seinen gekälkten, verschiebbaren Backsteinwänden in Szene, in dem das ausgeklügelte Licht von Silvia Vacca und die Videos von Nicolas Hurtevent zusätzlich für Stimmung sorgen. Die beiden letzten Szenen wirken in ihrer Bildsprache dabei wie Fremdkörper – eben so, wie sich Bartleby in der Welt fühlen mag. Die Skurrilität der Handlung unterstreicht Boussard durch ebensolche Aktionen der Protagonisten und schafft damit wie die hypnotischen Musik Merniers einen Abend, der zugleich befremdlich und faszinierend ist. Das ist sicher auch den beiden Hauptakteuren zu verdanken: Patrizia Ciofi gestalten die Anwältin mit vorzüglicher Bühnenwirkung, facettenreichem Gesang und expressiver Mittellage und formt dort, wo sie darf, glockenklare Höhen. Der Amerikaner Edward Nelson bringt für die Titelfigur einen sanften, seelenvoll klingenden Bariton mit, der durch ein kaum gehörtes Maß an Weichheit besticht und damit die Verletzlichkeit seiner Figur glaubhaft macht.

Nach der Pause wechselt die Stimmung vom zarten Klangteppich zur expressiven Poulenc-Komposition. Beide Werke sind bei Grammy-Gewinnerin Karen Kamensek in den besten Händen, die den Werken ihren eigenständigen Charakter lässt, die jeweiligen Stärken, ihre Zart- bzw. ihre Schroffheit zugesteht und diese sogar noch betont. Anna Caterina Antonacci war relativ kurzfristig für die erkrankte, ursprünglich vorgesehene Kristine Opolais in La voix humaine eingesprungen und glänzt in dieser Partie mit einer Bühnenpräsenz, der man sich nicht entziehen kann. Sie hatte die Frau schon verkörpert, als das Werk vor 10 Jahren zum letzten Mal in Lüttich auf dem Spielplan stand, und überzeugt nun mit einer gereiften interpretatorischen Tiefe. Der Regieansatz, dass das immer wieder unterbrochene Telefongespräch einer Frau mit ihren Expartner eigentlich die wirren Erinnerungen einer Gattenmörderin sind, findet im Text nicht immer eine logische Entsprechung – aber wo sind die Gedankengänge einer geistig Umnachteten schon nachvollziehbar. Antonacci macht derlei Kleinkrämerei direkt vergessen und krönt die gelungene Weltpremiere von Bartleby mit ihrer überwältigenden und fesselnden Interpretation.
Ihr
Jochen Rüth
14. Mai 2026
Bartleby
Oper von Benoît Mernier
La voix humaine
Oper von Francis Poulenc
Opéra Royal de Wallonie-Liège
Premiere: 13. Mai 2026
Regie: Vincent Boussard
Musikalische Leitung: Karen Kamensek
Orchestre d‘Opéra Royal de Wallonie-Liège
weitere Vorstellungen: 15., 17., 19. und 21. Mai 2026